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Kathrin Klohs, Causey, Andrew: Drawn to See. Drawing as an Ethnographic Method. Toronto: University of Toronto Press, 2017. 171 pp. ISBN 978-​1-​4426-​3665-​1. Price: $ 29.95 in:

Anthropos, page 204 - 205

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-204

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um den Schülern an den Jesuitenschulen geistliche Vor‐ bilder zu präsentieren. René Smolarski beleuchtet im vierten Beitrag des Heftes die Verbindungen des Ver‐ lagshauses Justus Perthes in Gotha zu evangelischen Missionen (25–40). Der Verlag spielte im Deutschland des 19. und frühen 20. Jh.s eine zentrale Rolle für die Kartographie und die außereuropäische Geographie; so publizierte er die Zeitschrift Mittheilungen [sic] aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt (später Peter‐ manns Mitteilungen). Diese Zeitschrift stellte für deut‐ sche Forschungsreisende eine zentrale Publikations‐ plattform dar. Gleichzeitig war der Verlag eng mit den kolonialen Ambitionen und Aktivitäten Deutschlands verbunden. Der Beitrag beleuchtet, wie der Verlag aus Gotha mit evangelischen Missionaren zusammenarbei‐ tete – deren kartographisches Wissen dann auch in die allgemeinen Kartenwerke und die Zeitschriften des Ver‐ lages einfloss – und wie sich in diesem Beziehungsge‐ flecht die Erstellung von Missionsatlanten gestaltete. Exemplarisch, als Missionskartograph im eigentlichen Sinne, wird im Beitrag Carl Hugo Hahn (1818–1895) vorgestellt, der Mitglied der Rheinischen Missionsge‐ sellschaft war, in Afrika auf hohem Niveau kartogra‐ phisch tätig war und mit dem genannten Verlag koope‐ rierte (34–38). Die letzten beiden Aufsätze, die von Peter H. Meurer verfasst wurden, wenden sich wieder der katholischen Missionskartographie zu. Der erste Beitrag befasst sich anhand des Werkes des Schweizer Jesuiten Alexander Baumgartner (1841–1910) und des zeitweiligen Jesuiten Oscar Werner mit der Nutzung von Karten in der Zeit‐ schrift Katholische Missionen und mit den katholischen Missionsatlanten des 19. Jh.s (41–52). Der Autor geht auch auf französische Übersetzungen der entsprechen‐ den Werke ein und richtet seinen Blick damit auf einen Wissenstransfer, der sich über Sprachgrenzen und politi‐ sche Systeme hinweg vollzieht (47). Der zweite Aufsatz Meurers thematisiert das hundertjährige (missions-)kar‐ tographische Engagement der Steyler Missionare (53– 67), das rückblickend in der Wahrnehmung oftmals von den linguistischen und ethnologischen Aktivitäten die‐ ser Missionsgesellschaft überdeckt wird. Hierbei rückt er als Akteure Karl Streit SVD (1874–1935) und für die zweite Generation Heinrich Emmerich SVD (1901– 1984) in den Mittepunkt seiner Darstellungen. Meurer weist nachdrücklich auf die editorischen Probleme und Kooperationen hin, die bei Erstellung der voluminösen Missions- und Kirchenatlanten zu bewältigen und ein‐ zugehen waren. Auch in diesem Beitrag verliert der Au‐ tor nicht die als Übersetzungen vorliegenden Auflagen aus dem Blick, die von den besprochenen Kartenwerken angefertigt wurden. Die bereits angesprochene abschlie‐ ßende Bibliographie zu Missionsatlanten von Meurer soll noch kurz in Erinnerung gerufen werden, damit die‐ ser hier versteckte Schatz nicht in Vergessenheit gerät. Die Beiträge des Themenheftes fügen sich gut in ge‐ genwärtige Diskurse um Wissenstransfer und Wissens‐ produktion im Kontext von Missionsgesellschaften ein, wie sie innerhalb der Geschichtswissenschaften und Missionswissenschaft geführt werden. Dabei sind sie sachorientiert und verzichten weitgehend auf eine theo‐ riebasierende Rückbindung an diese Diskurse. Hier hät‐ te sich der Rezensent stellenweise einen ideologiekriti‐ scheren Zugang gewünscht, wie etwa eine stärkere Re‐ flexion der Einbettung der angesprochenen Kartogra‐ phen und Karten in koloniale und protokoloniale Denk‐ weisen, Praktiken und ökonomische Systeme. Leider sind die abgebildeten Karten, obwohl die Auflösung und formale Druckqualität hoch ist, teilweise so klein reproduziert, dass sie letztlich nur noch Impressionen vom Original vermitteln können. Den Autoren des Heftes ist zu danken, dass sie sich des Themas Missionskartographie angenommen haben und mit dichten und informativen Beiträgen ein wenig beachtetes Feld der Missions- und Wissenschaftsge‐ schichte beleuchten. Abschließend ist zu wünschen, dass das Heft mit seinen Beiträgen auch jenseits des Feldes der Kartographie- und Geographiegeschichte wahrgenommen wird und weitere Forschungen zu dem Thema anregt. Der Rezensent würde sich freuen, wenn eine erweiterte und hinsichtlich der Bildpräsentation überarbeitete Fassung des Heftes als Einführung in die Geschichte der Missionskartographie in Buchformat in einer missionshistorischen Publikationsreihe erscheinen würde. Harald Grauer (library@anthropos.eu) Causey, Andrew: Drawn to See. Drawing as an Ethnographic Method. Toronto: University of Toronto Press, 2017. 171 pp. ISBN 978-1-4426-3665-1. Price: $ 29.95 Ethnografie, so Andrew Causey, versteht üblicher‐ weise durch das Wort. Dazu nutzt sie Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Fragen und Antworten, transformiert diese durch vielfältige Prozesse des Be-, Auf- und Um‐ schreibens und lässt sie in ein scheinbar abgeschlosse‐ nes und endgültiges Dokument einmünden. Doch alle wissen: Ein ethnografierter Ausschnitt der Welt ist nie vollständig verstanden, geschweige denn abgebildet. Vielmehr bleibt er zwangsläufig selektiv, situativ und subjektiv. Dieser grundsätzlichen Inkommensurabilität begegnet Causeys Monografie auf dem Gebiet der Me‐ thodologie der Anthropologie. Hier erörtert sie die Rolle des Zeichnens und des Sehens mit dem Ziel, das als de‐ fizient verstandene menschliche Sehvermögen zu ver‐ feinern. “This book is an invitation for you to explore visuality … to give you another set of options for col‐ lecting, recording, and presenting ethnographic infor‐ mation” (3). Als Kulturanthropologe und Außerordentlicher Pro‐ fessor am Columbia College Chicago befasst sich And‐ rew Causey mit Objekten der materiellen Kultur, mit der Kunst und mit dem Tourismus. Anlässlich früherer Forschungen auf Sumatra entwickelte er seine in “Dra‐ wn to See” vorgestellten Ideen: Angesichts der Interak‐ tion zwischen westlichen Backpackern und Einheimi‐ schen – Feilschen um die Souvenirpreise – wurde Cau‐ 204 Book Reviews Anthropos 115.2020 sey schnell klar, dass sein ethnografisches Instrumenta‐ rium auch visuelle bzw. Bildtechniken würde umfassen müssen. Methodisch positioniert sich Causey in der Mitte zwi‐ schen Beobachtung und Teilnahme; auch einen künst‐ lich aufgebauten Gegensatz von Kunst und Anthropolo‐ gie lehnt er ab: “Participation – being active, alive, vital – is as essential as observation – using your reserve, fo‐ cus, and concentration. The two of them will, I hope, come together in what I am calling ‘seeing-drawing’” (11). Weder eine Anleitung zur Ethnografie noch eine Anleitung zum Zeichnen ist beabsichtigt, sondern das Zeichnen wird im Sinne einer “Graphic Anthropology” (Tim Ingold) zur unterstützenden ethnografischen Me‐ thode. Zwar bietet das Buch Hand, wie zu zeichnen sei: etwa in ruhiger Umgebung und Stimmung, ohne Leis‐ tungsdruck und Erwartungen, dafür mit umso mehr In‐ teresse am Motiv. Vor allem die wiederkehrenden, mit “Ethnographic Application” beginnenden Abschnit‐ te haben Anleitungscharakter. Doch Fluchtpunkt der Unternehmung ist weder dieses Zeichnen als Fertigkeit noch die Zeichnung als Objekt, sondern stets das dahinterliegende Sehen. Das Sehen selbst soll sich auf dem Weg über das Zeichnen schär‐ fen, entwickeln und verbessern – und vom looking zum seeing fortschreiten: Während Ersteres nur passiv und oberflächlich das bereits Bekannte streift, interpretiert Letzteres durchaus aktiv und intensiv eine sich neu er‐ öffnende Präsenz des Wahrgenommenen. Aktualität ge‐ winne das Vorhaben gerade durch die allgegenwärtige Reizüberflutung, die uns das meiste ausblenden und un‐ seren Blick nur noch oberflächlich schweifen lasse. Die Aktivität der Hand aber und die gestellte Aufgabe, eine bleibende Form auf Papier zu rechtfertigen, – so Cau‐ seys Prämisse – erzwinge eine Entscheidung und somit ein genaueres Sehen. Nach einer einleitenden Übersicht weist das zweite Kapitel das Zeichnen als legitime ethnografische Me‐ thode aus, besonders in Abgrenzung zur Fotografie. Ka‐ pitel 3 befasst sich, auch philosophisch und wissensge‐ schichtlich, mit dem Subjektiven und Selektiven der Wahrnehmung und mit den Implikationen des Konzepts der Repräsentation. Die folgenden Kapitel schreiten fort zu den Dingen selbst: Kapitel 4 problematisiert ihre Grenzen, ihre Abgrenzung voneinander und ihre äußere Form; Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Sichtbarkeit ihres Inneren, etwa ihres Gewichts oder ihrer Struktur; Kapitel 6 mit ihrer Bewegung. Kapitel 7 fragt nach der Zeichenbarkeit des Abwesenden. Eine Besonderheit des Bandes bilden die zwischengeschalteten insgesamt 39 “Übungen” (etudes): Als Zeichenübungen sind sie über die Kapitel des Bandes verteilt und teils auch eth‐ nografischen Methoden zugeordnet. Die Paperback-Ausgabe ist ferner mit 72 Abbildun‐ gen in Schwarz-Weiß ausgestattet und bietet neben der Bibliografie auch ein Sach- und Namensregister. Cau‐ seys Buch richtet sich nicht nur an Forschende der Sozi‐ alwissenschaften, sondern an alle, die für ihre Arbeit das Sehen benötigen und es zu verbessern suchen: “This book is for readers who are willing to accept the chal‐ lenge to practice doing one thing: to draw in order to see” (15). Kathrin Klohs (kathrin.klohs@fhnw.ch) Di Giminiani, Piergiorgio: Sentient Lands. Indige‐ neity, Property, and Political Imagination in Neoliberal Chile. Tucson: University of Arizona Press, 2018. 246 pp. ISBN 978-0-8165-3552-1. Price: $ 55.00 Este libro presenta el caso de la comunidad Contreras (región de la Araucanía, Chile), a la que el estado chi‐ leno cedió 365 hectáreas como compensación por la “pérdida histórica” de tierra. Tomando distancia del des‐ mantelamiento del territorio ancestral como una mera tradición inventada por medio de la acción política (7) – propia de las críticas tanto progresistas como conserva‐ doras a los reclamos de tierras –, Di Giminiani intenta tomar en serio la “geo-filosofía” y el apego a la tierra entre los mapuches (8). Así, el libro enfatiza, no la significación de la tierra, sino la mutualidad de las relaciones entre esta y los hombres: “two subjects, land and people, which, rather than acting as preconstituted terms of a relation, are ma‐ de through such a relation” (12). Propone una constitu‐ ción mutua de ambos en tanto que sujetos políticos (6), cuya relación – descrita por medio del concepto de land connection – es tanto afectiva (affective) (14) como pro‐ ductora de significados: “a meaning-making relation between two subjects” (83). Las relaciones con la tierra y la formación de la persona son, pues, procesos mutua‐ mente imbricados: “the involvement of land in the pro‐ cess of self-making both preexists and is produced with the very act of navigating the environment” (58). En su‐ ma: “In Mapuche society, places make people as much as people make places” (11). Esta constitución mutua entre hombres y tierra intenta ser captada por medio del concepto de sentient landscape, definido por la presen‐ cia continua, en la tierra, de fuerzas que actúan en res‐ puesta a las acciones humanas (84): “the continuing pre‐ sence of forces embodied in the land that are responsive to human action” (11). Esta tierra indígena como sujeto dotado de sentidos aparece, a lo largo del libro, contrastado con la teoría estatal de la propiedad legal de la tierra donde ésta es, en cambio, un mero objeto de posesión estandarizable (7). Así, al final de cuentas, los reclamos por tierras pre‐ sentados por los mapuche al estado chileno tendrían co‐ mo efecto una masiva transformación de territorios an‐ cestrales que pasan de ser un sujeto cualitativo, topoló‐ gico y consciente, a volverse un objeto de intercambio estandarizado (143) con valor de mercado (5). Ahora bien, a pesar de su inconmensurabilidad y an‐ tagonismo conceptual, el autor reconoce el entrelaza‐ miento (entanglement) o coexistencia de ambas ontolo‐ gías en contradicción y mutua definición (7–14). Las prácticas e ideas en torno a la propiedad de la tierra emergen, pues, de un encuentro asimétrico entre ontolo‐ gías indígenas y legales: si la primera establece una re‐ Book Reviews 205 Anthropos 115.2020

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Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.