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Corinna Howland, Angé, Olivia: Barter and Social Regeneration in the Argentinean Andes. New York: Berghahn Books, 2018. 224 pp. ISBN 978-​1-​78533-​682-​9. Price: $ 120.00 in:

Anthropos, page 194 - 195

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-194

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ber interpretieren und rechtfertigen. Dabei entsteht kei‐ neswegs ein eindeutiges Bild: während sie zwar einer‐ seits auf der Fortsetzung ihres “Geschäftsmodells” be‐ harren, weil es lukrativ ist und ihnen ermöglicht, ein re‐ lativ gutes Leben zu führen, wäre es ihnen jedoch auch lieber, auf legale Weise ihr Geld zu verdienen. Ihre he‐ donistischen Neigungen, d. h. ihre Lust am Feiern, an der Selbstdarstellung und -überhöhung in cooler Mar‐ kenkleidung, das Nacheifern eines westlichen gehobe‐ nen Lebensstils, ohne große Leistungen erbringen zu müssen, benennen sie selber als kleine Schwächen. Sie sehen sich als die Folgegeneration von Douk Saga, dem Begründer der coupé décalé-Musikbewegung zu Beginn der 2000-er Jahre, der den luxuriösen Lebensstil und die Zelebration von Konsum – nicht als Ergebnis von Ar‐ beit, sondern als eine Form von Arbeit – in die Côte d’Ivoire einführte und damit zum Idol der orientierungs‐ los gewordenen Jugend aufstieg. Der Sog des schönen Scheins angesichts der wenig aussichtsreichen Zukunft ist einfach so stark, dass sich ihm die jungen Leute, vor allem Männer, nicht entziehen können. Bestätigt wird die globale Gültigkeit dieses Wertes oder dieses Traums durch den Lebensstil, den sie im Kontakt mit ihren Kli‐ entinnen erfahren: sie verfügen über die entsprechenden Mittel, um jederzeit zum Arzt zu gehen, sich nach Wunsch immer neu einzukleiden, sich ein Auto zu kau‐ fen etc. Des Weiteren sehen sie sich als von der Gesell‐ schaft Abgehängte. Sie klagen die politische Elite an, die sich den Reichtum des Landes zu ihrem eigenen Vorteil auf skrupellose Weise aneignet und die Jugend vernachlässigt, die trotz Schulbildung und anerkannter Abschlüsse keine entsprechende Arbeit findet. Wie sol‐ len sie ihr Auskommen finanzieren, wenn ihnen alle Wege versperrt sind? Ihren Betrug rechtfertigen sie au‐ ßerdem durch die Kolonialschuld: auch als Nachgebore‐ ne haben sie das Recht, etwas von dem zurückzuholen, was ihnen die Kolonialmächte geraubt haben. Mit diesen Reden finden sie sich im Einklang mit den zirkulierenden Diskursen im Milieu der urbanen Ju‐ gend, bzw. sie reproduzieren sie. Im Gegensatz zu die‐ ser rebellischen Haltung gegenüber der politisch verur‐ sachten Ungleichheit und dem historischen Erbe der Kolonisierung geben sie sich in ihrer familiären Umge‐ bung als Konformisten. Bourgeois macht sich auf den Weg zu seinen älteren Schwestern, um sich von ihnen die Segnungen für seinen Lebensweg zu holen, obwohl sie als gläubige Christinnen ihm dringend raten, diesen kriminellen Weg zu verlassen und rechtschaffende Ar‐ beit auszuüben. Auch Rolex geht einen Weg voller Wi‐ dersprüche. Er vernachlässigt seine Freundin und Mut‐ ter seines Sohnes sowie sein Kind und kommt auch sei‐ nen sozialen und finanziellen Pflichten gegenüber sei‐ nen Eltern nicht nach, weil er seiner quasikriminellen Internetaktivität nachgehen will, die er geheim halten muss. Gleichzeitig bereut er seine Abkehr von den Fa‐ milienbindungen und kehrt schließlich zu seinen Eltern zurück, um um Vergebung zu bitten. Er benötigt den Se‐ gen des Vaters, der ihm seinen seelischen Frieden zu‐ rückbringt. Der Film macht durch die Bestandsaufnahme der Le‐ bensumstände und die Selbstbeschreibungen der Prota‐ gonisten nachfühlbar, in welcher nahezu ausweglosen Situationen sie sich befinden. Sie sind zwar schuldig, aber die Rahmenbedingungen ihres Lebens wie Arbeits‐ losigkeit, äußerst fragile Familienbindungen, weit ver‐ breiteter Konsumkult, ambivalentes Bild des Westens als Idol und Ausbeuter verleiten sie zu einem Zickzack‐ kurs. Festzuhalten ist auch, dass viele Jugendliche zu denselben Praktiken greifen und sich darin ein generel‐ les Übel der gesellschaftlichen Zustände offenbart. Der Regisseur bringt seine Nähe zu den Internetbe‐ trügern durch die Art, sie in sehr intimen Situationen zu filmen, zum Ausdruck. Gleichzeitig wahrt er Distanz, denn er enthält sich einer expliziten Wertung. – Der Do‐ kumentarcharakter wird unterstrichen durch die Abwe‐ senheit einer Erzählstimme und einer musikalischen Untermalung. Und dem Kameramann gelingt es, die Kamera voll in das Geschehen zu integrieren und eine Komplizenschaft zwischen Akteuren und Technik her‐ zustellen. Als Ivoirer betrachtet der Regisseur den offenen Um‐ gang mit diesem nicht sehr schmeichelhaften Thema als eine Therapie. Man muss ehrlich mit sich selbst sein, er‐ läutert er die Motivation zu diesem Film in einem Inter‐ view. Auch wenn er den Rechtfertigungsgedanken der Rückforderung der kolonialen Schuld eine gewisse Be‐ rechtigung erteilt, so gibt er aber zu bedenken, dass sich durch Raub und Nachahmung des Westens keine Unab‐ hängigkeit erreichen lässt, denn sie sind Zeichen fortge‐ setzter Abhängigkeit. Ilsemargret Luttmann (Ilsemargret.Luttmann@leuphana.de) Angé, Olivia: Barter and Social Regeneration in the Argentinean Andes. New York: Berghahn Books, 2018. 224 pp. ISBN 978-1-78533-682-9. Price: $ 120.00 Written in accessible and engaging prose, Olivia Angé’s recent book “Barter and Social Regeneration in the Argentinean Andes” is an excellent introduction to a hitherto understudied exchange practice. The book is a fine-grained ethnographic study of cambio, the barter of meat, maize, and potatoes between indigenous Kolla highland herders and lowland cultivators at saints’ days and other fairs. Angé is keen to unsettle classic distinc‐ tions in economic anthropology which position barter as a form of asocial, non-monetary commodity exchange, building on Caroline Humphrey and Steven Hugh- Jones’ earlier interventions in their 1992 volume “Barter, Exchange and Value.” Accordingly, “Barter and Social Regeneration” positions cambio as a type of ritual exchange central to religious celebrations, which generates an expansive sociality encompassing friend‐ ship, spiritual kinship, shared identity, and relations with nonhuman others. In doing so, Angé’s book echoes other recent work on Andean exchange emphasizing the moral and cosmological import of material practices. 194 Book Reviews Anthropos 115.2020 Her key contribution to the field of exchange studies is to argue for barter as a plural and situated practice premised on use value and internal balance, meaning “Barter and Social Regeneration” will prove stimulating for regional specialists and exchange theorists alike. The book gradually narrows in focus over the course of the chapters. Chapter 1 comprises a vivid account of herder’s lifeways and household economies in the vil‐ lage of Chalguamayoc, the backdrop against which cambio exchanges take place. Here, Angé explains the importance of kin (especially relations of spiritual kin‐ ship), household, and community, showing how herding and agricultural labour are simultaneously economic and moral practices due to the links between human vi‐ tality or fuerza, good care for animals, and relations with Pachamama. Chapter 2 is a swift overview of the changing nature of Andean fairs from the precolonial period to the present day. Angé draws on the archaeo‐ logical and historical work of several key scholars to show how fairs’ fortunes rose and fell under Spanish rule and following independence. The chapter’s main contribution is to demonstrate the enduring nature of barter networks, first through llama caravans and then at fairs, against accounts such as David Graeber’s 2011 monograph “Debt” which suggest that barter was unim‐ portant in the ancient world. Chapters 3 to 5 comprise the book’s substantive argu‐ ment. Angé provides a detailed overview of the presentday fairs at which cambio exchanges take place in chap. 3, taking the Yavi Easter Fair as a case study. The ethnography is again rich here, as Angé details how cambio exchanges construct peasant subjectivities and social identities, producing distinctions between Puneños (highland) herders and Quebradeños (lowland/ valley) cultivators, Bolivian and Argentinean exchange partners, and generating a sense of shared ethnic com‐ munity based on the consumption of the meat and maize exchanged. Angé also draws on Nancy Munn’s “The Fame of Gawa” (Cambridge 1986) to argue that the di‐ mensionality or size of agricultural products is an im‐ portant qualisign in cambio exchanges. This could have been extended to consider other characteristics of the produce (something she herself notes). However, the chapter’s most significant contribution is to document the metonymic association of the product’s value with the person’s virtue as a producer: “Stunning agricultural produce is seen as the objectification of the producer’s quality as a hard-working peasant, master in the arts of criar – as opposed to lazy people unable to grow covet‐ ed items” (115). Chapter 4 is arguably the crescendo of Angé’s argu‐ ment, comprising a typological comparison between three transactional modalities which take place at fairs: cambio (equivalence-seeking), negocio (profit-seeking), and invitación (gift). Taking issue with the oversimplifi‐ cation of barter as a nonmonetary form of monetary ex‐ change, Angé demonstrates that cambio is predicated on both use value and the production of equivalences. This is arrived at through a complex negotiation of the el‐ der’s measures, a subjective assessment of value which takes into account “[t]he quality of the goods, the abun‐ dance of the harvest, the ecological zone in which the fair takes place and the nature of the social relationship between the partners” (126). Where negocio emphasizes personal profit, cambio combines material interest and altruism, being conceptualized as a favor to an ex‐ change partner who cannot produce particular goods in his own ecological zones. The chapter makes an impor‐ tant contribution to studies of exchange, as Angé’s ac‐ count is more attentive than most to the dynamic classi‐ fication of exchanges by their participants. Cambio practioners may understand an exchange as either cam‐ bio or negocio depending on whether a satisfactory equivalence is achieved, and whether the goods ex‐ changed are later on sold to make a profit. Angé also briefly discusses practices of barter among commodity retailers at fairs, which are classified as negocio because the retailers intend to make a monetary profit from the exchanges. Her ethnography cleaves the category of barter in two, marking a clear distinction between direct exchange practiced along monetary and nonmonetary scales of value. While Angé’s argument about the dis‐ tinctiveness of cambio in this context is convincing, some further consideration of the ethnography’s impli‐ cations for the study of barter would complement her analysis, particularly at this point in the book. There is perhaps also a meta-theoretical discussion to be had here about the limits and affordances of general cat‐ egories of exchange, for both interlocutors and their an‐ thropologists. In chapter 5, Angé provides a close interactional analysis of cambio exchanges to illustrate how barter creates social forms such as friendship, compadrazgo (godparentship), relations with nonhuman others, and with the nation-state. Her attention to the affective di‐ mensions of the sociality of exchange is both engaging and novel, in particular her discussion of joy as a form of ritual effervescence which generates cosmological values by appeasing ambivalent saints and ancestral tel‐ luric beings. Angé ends the chapter with an exploration of institutional fairs, those organized by development organizations to provide commercial opportunities for highland farmers and preserve barter as part of indige‐ nous heritage. These incorporate Kolla people into the nation-state and civil society, but through a form of stra‐ tegic essentialism which does not match participants’ own dynamic understandings of cambio (detailed in chap. 4). Angé deploys a lighter touch with the ethnog‐ raphy in this final section, and it would have been inter‐ esting to gain more of a sense of the interactions be‐ tween development officials and fairs’ participants. While economic anthropologists should no longer be surprised by the claim that barter is social, Angé is per‐ suasive in arguing for a more nuanced appreciation of this “blanket category” (11). Her work breathes new life and complexity into old tropes, making a strong case for barter’s continued study. Corinna Howland (cfh39@cam.ac.uk) Book Reviews 195 Anthropos 115.2020

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References

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.