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Ilsemargret Luttmann, Akafou, Joёl: Vivre riche. (Film-documentaire) Saintes: VraiVrai Films, 2017. 53 min. Prix: € 20,00 in:

Anthropos, page 193 - 194

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-193

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Book Reviews Akafou, Joёl: Vivre riche. (Film-documentaire) Saintes: VraiVrai Films, 2017. 53 min. Prix: € 20,00 “Vivre riche” ist ein Dokumentarfilm im Stil eines cinema of the real, wo Film und Realität eine Fusion einzugehen scheinen und ein starker Eindruck von All‐ tagswirklichkeit produziert. 2017 erhielt er auf dem in‐ ternationalen Filmfestival in Brüssel die Auszeichnung des besten Dokumentarfilms. Thema ist das Leben bzw. Überleben einer Gruppe junger Männer im Alter zwi‐ schen 15 und 25 Jahre in Abidjan auf der Grundlage des Abzockens vertrauensseliger, liebeshungriger Europäe‐ rinnen, die sie in Internet-Kontaktbörden ausfindig ma‐ chen und denen sie die von ihnen erhoffte romantische Beziehung vorgaukeln. Unter dem Vorwand dringender finanzieller Bedürfnisse – wie z. B. für die medizinische Behandlung eines kranken Familienmitglieds – erbitten sie eine schnelle Geldüberweisung, was oft genug zum Erfolg führt. Die Durchführung solch einer Kontaktan‐ bahnung und der Aufbau einer Beziehung bis zur Ein‐ willigung, eine bestimmte Geldsumme an den Geliebten zu übermitteln, erfordern einige technische, psychische und intellektuelle Fähigkeiten, wie die Protagonisten Rolex le Portugais und Bourgeois zu bedenken geben und dem Zuschauer überzeugend demonstrieren. Sie müssen ihren afrikanischen Akzent verbergen, denn sie geben sich den Frauen als Franzosen aus; sie müssen überzeugende Ausreden finden, warum sie sich nicht persönlich zeigen können und warum sie immer nur kurze Gespräche führen können; sie beherrschen den diskursiven Code, um die Werbung um die Frau glaub‐ haft rüberzubringen. Für jede neue “Geschäftsbezie‐ hung” – sie bezeichnen die Frauen als ihre Kundinnen – erfinden sie neue Identitäten und sorgen dafür, dass nach Beendigung des Deals keine Spuren zurückblei‐ ben, über die sie als Straftäter hätten identifiziert wer‐ den können. Um ihrer persönlichen Wirksamkeit noch mehr Nachdruck zu verleihen, nehmen sie zusätzlich die Dienste eines Magiers in Anspruch, der aber auch auf das Wirken Gottes als übergeordnete Macht verweist. Das Phänomen der Internetkriminalität, wie es sich unter den je länderspezifischen Bezeichnungen von sakawa, 419 und feymania in Ghana, Nigeria und Ka‐ merun schon in den 90-er Jahren zu formieren begann, erlangte international große Bekanntheit und wurde im Westen, der zur Zielscheibe dieser kriminellen Energie wurde, zu einem erheblichen Sicherheitsrisiko erklärt. Es ging dabei um Kreditkartenbetrug und Investitionen in vorgetäuschte lukrative Geschäftsideen, wobei Kon‐ takte zu Vertretern aus Wirtschaftskreisen oder risiko‐ freudigen Möchtegern-Unternehmern gesucht wurden. Basile Ndjio (Cameroonian feymen and Nigerian “419” Scammers. Two Examples of Africa’s “Reinvention” of the Global Capitalism. ASC Working Paper 81.2008) in‐ terpretiert diese Wirtschaftspolitik der feymen in Kame‐ run als eine sehr konsequente Anwendung der Logik des Kapitalismus, dessen Ziel in der Akkumulation von Kapital liegt und der sich sowohl die Täter als auch die Opfer verschrieben haben. Beide Seiten erweisen sich in gleicher Weise als geldgierig, aber nur einer kann ge‐ winnen – auf Kosten des anderen. Das Ausbeuten der emotionalen Beziehungen zu Bereicherungszwecken setzte erst später ein, als sich die Onlinekontaktbörsen etablierten, die weltweit für transkontinentale Kontakte genutzt wurden. Im deutschen Fernsehen laufen immer wieder Doku‐ mentationen, die die Schicksale von betrogenen Frauen zeigen, die dem Drängen nach finanziellen Transaktio‐ nen zu unterschiedlichen Zwecken nachgegeben haben und in den Ruin getrieben wurden. Auch wenn detekti‐ vische Arbeit sie zu den Verursachern bzw. dem Netz der Verantwortlichen führt, so verfügen sie aber nicht über juristische Mittel, die den Weg zu einer Verhaftung öffnen würden. Sie bleiben gekränkt und gedemütigt zu‐ rück. Der Regisseur Joёl Akafou widmet seinen Dokumen‐ tarfilm diesem sozialen Konfliktstoff, wie er sich aus der Perspektive der Drahtzieher auf der afrikanischen Seite darstellt. Er verweist auf eine vertrackte Situation, die zwischen Kriminalität, sozialer Marginalisierung und politischer Revolte liegt. Der Zuschauer erhält einen Einblick in den Alltag dieser jungen Betrüger. Durch die gelungene Kameraführung von Dieudo Ha‐ madi (der sich seinen guten Ruf schon über weitere in‐ ternational anerkannte und preisgekrönte Filme wie z. B. “Maman colonelle” von 2017 erworben hat) erlebt man hautnah den Prozess des Internetbetrugs mit. Dabei geht es dem Regisseur aber weniger um eine journalisti‐ sche Aufdeckung als um eine quasi ethnologische Stu‐ die, die die lokalen und globalen Verflechtungen zeigt, in die die Männer eingebunden sind und die sie auf ihre Weise interpretieren. Auch wenn ihr Handeln Gegenstand einer Strafver‐ folgung sein kann, erleben wir die Männer nicht als wirkliche Kriminelle. Vermittelt über ihre spontanen Gespräche bei der “Arbeit” und während ihrer Vergnü‐ gungszeit können wir erleben, wie sie diesen Betrug sel‐ Anthropos 115.2020 ber interpretieren und rechtfertigen. Dabei entsteht kei‐ neswegs ein eindeutiges Bild: während sie zwar einer‐ seits auf der Fortsetzung ihres “Geschäftsmodells” be‐ harren, weil es lukrativ ist und ihnen ermöglicht, ein re‐ lativ gutes Leben zu führen, wäre es ihnen jedoch auch lieber, auf legale Weise ihr Geld zu verdienen. Ihre he‐ donistischen Neigungen, d. h. ihre Lust am Feiern, an der Selbstdarstellung und -überhöhung in cooler Mar‐ kenkleidung, das Nacheifern eines westlichen gehobe‐ nen Lebensstils, ohne große Leistungen erbringen zu müssen, benennen sie selber als kleine Schwächen. Sie sehen sich als die Folgegeneration von Douk Saga, dem Begründer der coupé décalé-Musikbewegung zu Beginn der 2000-er Jahre, der den luxuriösen Lebensstil und die Zelebration von Konsum – nicht als Ergebnis von Ar‐ beit, sondern als eine Form von Arbeit – in die Côte d’Ivoire einführte und damit zum Idol der orientierungs‐ los gewordenen Jugend aufstieg. Der Sog des schönen Scheins angesichts der wenig aussichtsreichen Zukunft ist einfach so stark, dass sich ihm die jungen Leute, vor allem Männer, nicht entziehen können. Bestätigt wird die globale Gültigkeit dieses Wertes oder dieses Traums durch den Lebensstil, den sie im Kontakt mit ihren Kli‐ entinnen erfahren: sie verfügen über die entsprechenden Mittel, um jederzeit zum Arzt zu gehen, sich nach Wunsch immer neu einzukleiden, sich ein Auto zu kau‐ fen etc. Des Weiteren sehen sie sich als von der Gesell‐ schaft Abgehängte. Sie klagen die politische Elite an, die sich den Reichtum des Landes zu ihrem eigenen Vorteil auf skrupellose Weise aneignet und die Jugend vernachlässigt, die trotz Schulbildung und anerkannter Abschlüsse keine entsprechende Arbeit findet. Wie sol‐ len sie ihr Auskommen finanzieren, wenn ihnen alle Wege versperrt sind? Ihren Betrug rechtfertigen sie au‐ ßerdem durch die Kolonialschuld: auch als Nachgebore‐ ne haben sie das Recht, etwas von dem zurückzuholen, was ihnen die Kolonialmächte geraubt haben. Mit diesen Reden finden sie sich im Einklang mit den zirkulierenden Diskursen im Milieu der urbanen Ju‐ gend, bzw. sie reproduzieren sie. Im Gegensatz zu die‐ ser rebellischen Haltung gegenüber der politisch verur‐ sachten Ungleichheit und dem historischen Erbe der Kolonisierung geben sie sich in ihrer familiären Umge‐ bung als Konformisten. Bourgeois macht sich auf den Weg zu seinen älteren Schwestern, um sich von ihnen die Segnungen für seinen Lebensweg zu holen, obwohl sie als gläubige Christinnen ihm dringend raten, diesen kriminellen Weg zu verlassen und rechtschaffende Ar‐ beit auszuüben. Auch Rolex geht einen Weg voller Wi‐ dersprüche. Er vernachlässigt seine Freundin und Mut‐ ter seines Sohnes sowie sein Kind und kommt auch sei‐ nen sozialen und finanziellen Pflichten gegenüber sei‐ nen Eltern nicht nach, weil er seiner quasikriminellen Internetaktivität nachgehen will, die er geheim halten muss. Gleichzeitig bereut er seine Abkehr von den Fa‐ milienbindungen und kehrt schließlich zu seinen Eltern zurück, um um Vergebung zu bitten. Er benötigt den Se‐ gen des Vaters, der ihm seinen seelischen Frieden zu‐ rückbringt. Der Film macht durch die Bestandsaufnahme der Le‐ bensumstände und die Selbstbeschreibungen der Prota‐ gonisten nachfühlbar, in welcher nahezu ausweglosen Situationen sie sich befinden. Sie sind zwar schuldig, aber die Rahmenbedingungen ihres Lebens wie Arbeits‐ losigkeit, äußerst fragile Familienbindungen, weit ver‐ breiteter Konsumkult, ambivalentes Bild des Westens als Idol und Ausbeuter verleiten sie zu einem Zickzack‐ kurs. Festzuhalten ist auch, dass viele Jugendliche zu denselben Praktiken greifen und sich darin ein generel‐ les Übel der gesellschaftlichen Zustände offenbart. Der Regisseur bringt seine Nähe zu den Internetbe‐ trügern durch die Art, sie in sehr intimen Situationen zu filmen, zum Ausdruck. Gleichzeitig wahrt er Distanz, denn er enthält sich einer expliziten Wertung. – Der Do‐ kumentarcharakter wird unterstrichen durch die Abwe‐ senheit einer Erzählstimme und einer musikalischen Untermalung. Und dem Kameramann gelingt es, die Kamera voll in das Geschehen zu integrieren und eine Komplizenschaft zwischen Akteuren und Technik her‐ zustellen. Als Ivoirer betrachtet der Regisseur den offenen Um‐ gang mit diesem nicht sehr schmeichelhaften Thema als eine Therapie. Man muss ehrlich mit sich selbst sein, er‐ läutert er die Motivation zu diesem Film in einem Inter‐ view. Auch wenn er den Rechtfertigungsgedanken der Rückforderung der kolonialen Schuld eine gewisse Be‐ rechtigung erteilt, so gibt er aber zu bedenken, dass sich durch Raub und Nachahmung des Westens keine Unab‐ hängigkeit erreichen lässt, denn sie sind Zeichen fortge‐ setzter Abhängigkeit. Ilsemargret Luttmann (Ilsemargret.Luttmann@leuphana.de) Angé, Olivia: Barter and Social Regeneration in the Argentinean Andes. New York: Berghahn Books, 2018. 224 pp. ISBN 978-1-78533-682-9. Price: $ 120.00 Written in accessible and engaging prose, Olivia Angé’s recent book “Barter and Social Regeneration in the Argentinean Andes” is an excellent introduction to a hitherto understudied exchange practice. The book is a fine-grained ethnographic study of cambio, the barter of meat, maize, and potatoes between indigenous Kolla highland herders and lowland cultivators at saints’ days and other fairs. Angé is keen to unsettle classic distinc‐ tions in economic anthropology which position barter as a form of asocial, non-monetary commodity exchange, building on Caroline Humphrey and Steven Hugh- Jones’ earlier interventions in their 1992 volume “Barter, Exchange and Value.” Accordingly, “Barter and Social Regeneration” positions cambio as a type of ritual exchange central to religious celebrations, which generates an expansive sociality encompassing friend‐ ship, spiritual kinship, shared identity, and relations with nonhuman others. In doing so, Angé’s book echoes other recent work on Andean exchange emphasizing the moral and cosmological import of material practices. 194 Book Reviews Anthropos 115.2020

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Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.