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Thomas Bargatzky, Chichicastenango in:

Anthropos, page 184 - 188

Anthropos, Volume 115 (2020), Issue 1, ISSN: 0257-9774, ISSN online: 0257-9774, https://doi.org/10.5771/0257-9774-2020-1-184

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wagen. Spurensuche in Gesellschaft, Kultur, Kirche; pp. 206-211. Freiburg i.Br.: Herder. Das Ende der portugiesischen Herrschaft. Macau und der Übergang in die Volksrepublik China. KM Forum Weltkirche 6: 9-13. Herausgeforderte Orthodoxie. Der chinesische Staat und die neue Religiosität. Ein altes Problem im neuen Gewand? Religion – Staat – Gesellschaft. Zeitschrift für Glaubensformen und Weltanschauungen 2/2: 243-269. Christentum. In: Brunhild Staiger et al. (eds.), Das große China-Lexikon; pp. 140-144. Darmstadt: Primus Verlag. Konfuzianismus. In: Johann Figl (ed.), Handbuch Reli‐ gionswissenschaft. Religionen und ihre zentralen The‐ men; pp. 298-306. Insbruck: Tyrolia. Interpretation als Dialog. Der christliche Hanlin- Gelehrte Wu Leichuan (1869–1944) und einige Ele‐ mente der Hermeneutik der chinesisch-christlichen Begegnung. In: Karl-Heinz Pohl und Dorothea Wipper‐ mann (eds.), Brücke zwischen Kulturen. Festschrift für Chiao Wei zum 75. Geburtstag; pp. 77-105. Münster: LIT. Das Christentum und seine Erscheinungsformen in der Volksrepublik China. In: Konrad Brandt und Thomas Schirrmacher (eds.), Herausforderung China. Ansicht‐ en, Einsichten, Aussichten. Studien zur Religionsfrei‐ heit, Bd. 6; pp. 129-153. Wetzlar: Verlag für Kultur und Wissenschaft. Chinesische Religiosität. In: H. Baer et al. (eds.), Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltan‐ schauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus; pp. 195-203. Freiburg i.Br.: Herder. Das Ethos des Konfuzianismus und Daoismus. In: A. Th. Khoury (ed.), Die Weltreligionen und die Ethik; pp. 75-117. Freiburg i.Br.: Herder. China. Ein Land auf der Suche nach Harmonie und Sta‐ bilität. In: Heinrich Geiger (ed.), An der Schwelle. Gesellschaft und Religion im Transformationsprozess Chinas; pp. 65-74. Bonn: KAAD. Chinese Religious Policy. Perspectives on Its Invariable Constants and Striking Continuity. In: Rachel Lu Yan et al. (eds.), The Catholic Church in China. Today and To‐ morrow; pp. 99-126. 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Judentum als „Fallbeispiel“ einer marginalen Fremdreligion im traditionellen China. Minima Sinica 2: 16-52. 2001 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 Chinesische Religiosität. In: Harald Baer et al. (eds.), Lexikon nichtchristlicher Religionsgemeinschaften; pp. 73-77. Freiburg i.Br.: Herder. Das Christentum und seine Manifestationen in China. Versuch einer Typologie. In: I. Amelung und T. Schrei‐ jäck (eds.), Religionen und gesellschaftlicher Wandel in China; pp. 90-128. München: Iudicium. Religiöse Tradition(en) und Modernisierung. Zu eini‐ gen Aspekten des Problems. Verbum SVD 56/4: 382-400. Bible at the Local Level. Notes on Biblical Material Published by the Divine Word Missionaries (S.V.D.) in Shandong (1882–1950). Monumenta Serica 64/1: 137-172. Chichicastenango Über Ethnografie und spirituelle Erfahrungen, und warum wir sie nicht abtun sollten Ein Rezensionsartikel Thomas Bargatzky Das Buch von Gabriela Jurosz-Landa1 ist das Ergebnis einer Verbindung der Autorin, einer un‐ abhängigen Ethnologin, mit den Quiché-Maya Guatemalas, die sich über ein Vierteljahrhundert entwickelt hat und schließlich im April 2015 zu ihrer Initiation als “day keeper” (ajq‘ij) führte, ein Amt, das sie für das westliche Verständnis als “shaman-priestess” übersetzt. Jurosz-Landas Buch gibt Anlass, sich kritisch mit bestimmten methodologischen Vorstellungen mancher Vertreter einer Zunft auseinanderzuset‐ zen, die sich zwar qua Profession mit den Religi‐ onen nichtwestlicher indigener Völker befassen, selber aber eher agnostisch, atheistisch, jedenfalls säkular eingestimmt sind – also wohl der Mehr‐ zahl. Sie dürften ein Buch wie “Transcendent Wis‐ dom” eher ratlos beiseitelegen. Das ist jedoch einer merkwürdigen Befangenheit im Umgang mit der Religion geschuldet, die sich in Teilen der Fachkultur, auch in der Religionswissenschaft, herausgebildet hat. Es geht um folgendes: Einem Menschen, der Romanistik studiert hat, würde man wohl fraglos zugestehen, sich zu Frankreich, Italien oder Spa‐ 2012 2015 2016 1 Jurosz-Landa, Gabriela: Transcendent Wisdom of the Maya. The Ceremonies and Symbolism of a Living Tradition. Rochester: Bear & Company, 2019. 188 pp. ISBN 978-1-59143-334-7. Price: $ 18.00. 184 Reports and Commentaries Anthropos 115.2020 nien hingezogen zu fühlen; ein Turkologe hat sich wohl deshalb seinem Metier zugewandt, weil er ein Faible für Sprache und Kultur der Türkei hat. Allein die Religion scheint hier eine Ausnahme zu machen, jedenfalls nach der Meinung mancher Ethnologen und Religionswissenschaftler, denen ich im Verlauf meiner professionellen Laufbahn begegnet bin: Man dürfe selber nicht religiös sein oder sich gar zu einer bestimmten Religion beken‐ nen, weil man sonst keine “objektive” Religions‐ forschung betreiben könne. Dieser bizarren Logik zufolge darf wohl auch ein Musikwissenschaftler nicht musikalisch sein – wie der Musikkritiker in Georg Kreislers Couplet, der zwar Musikkritiken schreibt, aber selber unmusikalisch ist – weil er sonst z. B. die Unterschiede zwischen Beethoven und Brahms nicht “objektiv” beschreiben könne. Gabriela Jurosz-Landa macht kein Hehl aus ihrer religiösen Grundhaltung. Sie ist zwar der Mystik zugewandt, aber auch offen für christliche Formen der Volksfrömmigkeit, sonst könnte sie in einem so katholisch geprägten Land wie Guatema‐ la auch kaum sinnvolle ethnologische Forschung betreiben. Mit ihrer Haltung steht sie zwar nicht alleine da – Namen wie Frank Hamilton Cushing, Michael Harner, Åke Hultkrantz oder Alfonso Or‐ tiz wären hier zu nennen. Auch die Patres der Steyler Mission dürfen an dieser Stelle einmal ge‐ nannt werden, die so viele wertvolle ethnologische Werke verfasst haben. Aber viele gleichgesinnte Forscher wagen es aus Karrieregründen verständ‐ licherweise während ihrer aktiven Jahre nicht, über bestimmte nichtobjektivierbare Erfahrungen zu berichten. Erst nach der Pensionierung, wenn überhaupt, “outen” sie sich. Hultkrantz (1985) hat zu dieser Thematik einen sehr lesenswerten Auf‐ satz geschrieben. Auch wenn man unterstellt, dass ein gläubiger Forscher sein Handwerk genauso beherrscht wie ein atheistisch gesinnter, so dürfen wir jedoch auch mit gutem Grund vermuten, dass ein religiös gestimmter Wissenschaftler eine größere Sensibi‐ lität für religiöse Dinge mit sich bringt und ihm – oder ihr, wie Gabriela Jurosz-Landa – Dinge nicht entgehen, für die dem Atheisten oder gar Religi‐ onsverächter das Gespür fehlt. Durch das 1967 erstmals veröffentlichte, bahnbrechende Werk von Georges Devereux (1973), das jüngere Ethnolo‐ gen-Generationen wohl schon nicht mehr kennen, haben wir gelernt, dass die Feldforschung eine in‐ tensive und problematische Form der interkultu‐ rellen Kommunikation ist, die durch die Neigun‐ gen und Abneigungen, die Befindlichkeiten und sonstigen Idiosynkrasien des Forschers mitbe‐ stimmt wird, und dass diese persönliche Dimensi‐ on Teil der Ethnografie sein muss, die am Ende vorgelegt wird. Dieser Linie folgt auch die Auto‐ rin des vorliegenden Buches. Jurosz-Landa besuchte erstmals 1993 Guatemala und lebte dort größtenteils während der Jahre 1995 und 2001. Im Jahre 2012 kam es in New York zu der für ihre weiteren Forschungen entscheidenden Be‐ gegnung mit Don Tomás Calvo Mateo (1947– 2017), der nicht nur als höchste kultische Autorität der Quiché-Maya galt, er war auch Führer der Ge‐ meindeverwaltung der Stadt Santo Tomás Chichi‐ castenango (head of municipality) im zentralen Hochland Guatemalas. Sie hielt danach stets Kon‐ takt zu den Quiché-Maya Chichicastenangos und Don Tomás wurde der Förderer ihrer Feldforschun‐ gen. In Chichicastenango nahm sie auch an den Ze‐ remonien um die Zeitenwende am 21. Dezember 2012 teil, die das Ende des vierten Zeitzyklus und den Beginn einer neuen Epoche (Job Ahau) von 5.125 Jahren nach dem “Long Count” (Nim Haab), dem zeremoniellen Maya-Kalender markieren, der zugleich den Beginn einer neuen Periode von 26.000 Jahren bedeutet. Dieses Ereignis wurde sei‐ nerzeit von Medien und esoterischen Bewegungen weltweit als “Ende der Welt” apostrophiert und sorgte für einen Medien- und Touristenrummel, an den sich viele noch erinnern werden. Zu die‐ sen “New Age”-Bewegungen geht die Autorin nicht nur auf kritische Distanz, sondern setzt ihnen im ersten Teil ihres Buches auch den ethnografi‐ schen Ertrag der Erforschung des Kalendersystems der Maya entgegen. Für die Maya stand eben nicht das “Ende der Welt” bevor, sondern der Beginn ei‐ nes neuen Zeitalters. Diese Distanzierung macht es der Autorin mög‐ lich, gleichsam nebenbei, die ethnografische Skiz‐ ze einer Maya-Gemeinde zu entwerfen, die in der Tradition wurzelt und in der Moderne überleben möchte, die sich gegen koloniale und postkolonia‐ le Unterdrückung seitens der Regierung und nach Jahren des Bürgerkrieg-Terrors zu behaupten sucht und ihre Kraft dazu auch in der katholisch-indigen geprägten Religion findet. Dies macht ihr Buch auch für religiöse Skeptiker interessant. Jurosz-Landas Darstellung bewegt sich auf zwei Ebenen: der ersten, persönlichen Ebene ihrer spiri‐ tuellen Begegnungen mit den Quiché Chichicas‐ tenangos, und der zweiten, “objektiven” Ebene der konkreten ethnografischen Realität, die diese Be‐ gegnungen und die daraus resultierenden For‐ schungen erst möglich machte. Beide Ebenen wer‐ den in ihrer Darstellung zwar miteinander verwo‐ ben, dennoch tritt diese ethnografische Realität aus ihrem Text so deutlich hervor, dass “Transcen‐ dent Wisdom” auch Lesern ein Angebot macht, Reports and Commentaries 185 Anthropos 115.2020 die der Spiritualität der Autorin eher neutral, oder vielleicht auch ablehnend begegnen. Die Autorin ist nämlich zu sehr Wissenschaftlerin, um trotz al‐ ler Verbundenheit “ihre” Mayas zu idealisieren. Sie nimmt sie, auch die Kultführer, als Menschen mit ihren Fehlern und persönlichen Ambitionen wahr, für die Ideal und gelebte Realität mitunter auseinanderklaffen: “idealized reality and ordinary reality among some Maya spiritual people do not harmonize at all” (166). Diese objektivierende Sicht der Autorin legt den Blick auf eine indigene Kultur frei, die in vie‐ lem an den größeren Traditionen Mesoamerikas und des nordamerikanischen Südwestens partizi‐ piert, etwa in der Identifizierung der Himmelsrich‐ tungen mit bestimmten Farben (116). Die Kirchen‐ stufen repräsentieren den Aufstieg zur präkolum‐ bischen Pyramide; auch die Santo Tomás geweihte Hauptkirche von Chichicastenango wurde auf einer Pyramide errichtet, einer sakralen Stätte der Maya, sodass die katholische Liturgie immer auch das Gedenken an die Vorfahren belebt und die vor‐ christliche Vergangenheit im Gewande des Katho‐ lizismus in die Gegenwart führt. Diese Liturgie mitsamt ihren Prozessionen und der durch das Brauchtum geprägten Volksfrömmigkeit ist jedoch andererseits auch eine Arena, in der soziale Kon‐ flikte zum Ausdruck kommen. Auch in Chichicas‐ tenango treten Konflikte zwischen diversen Frak‐ tionen zutage, die sich in unterschiedlichen An‐ sichten zur Gestaltung religiöser Zeremonien aus‐ drücken. Im Zentrum dieser Konflikte stand Don Tomás Calvo Mateo. Don Tomás blickte weit über den “Tellerrand” Chichicastenangos hinaus, reiste nach New York (wo die Autorin ihm zum ersten Mal begegnete) und Chicago, um sich erfolglos – für die Rückfüh‐ rung des “Popol Vuh”, des heiligen Buches der Maya, aus dem Newberry-Museum in seine Hei‐ mat einzusetzen. Don Tomás wurde ferner in einem Zeitungsartikel aus Anlass seines Todes als “promotor de la cultura y del turismo” (Gonza‐ lez 2017) bezeichnet. Gerade deshalb war er wohl in seiner Gemeinde nicht unumstritten und die Au‐ torin deutet an, dass er gegen Ende seines Lebens an Popularität verlor. Dazu mag auch beigetragen haben, dass er eine auswärtige Architektin, eine “Weiße”, mit wichtigen Aufgaben bei der Neukonstruktion des Zeremonialplatzes der Stadt beauftragte und der umstrittenen Firma “Cementos Progreso” Aufträge verschaffte. Ein politisch klu‐ ger Zug, meint die Autorin, da somit dringend be‐ nötigtes auswärtiges Kapital in den Distrikt El Quiché floss. Andererseits machte er sich dadurch auch zahlreiche Feinde (24 f.). Zwischen Don Tomás und dem neuen katholi‐ schen Priester, der zwar aus Chichicastenango stammte, aber in Mexiko ausgebildet und in seine Heimatstadt zurückgesendet wurde, gab es ferner Meinungsverschiedenheiten bezüglich synkretisti‐ scher Elemente in der Liturgie. Dieser Priester, wie jeder neue Priester, wollte die Gottesdienste von allen synkretistischen Elementen befreien, was ohne Zweifel nicht den Intentionen Don Tomás’ entsprach. Es ging aber um mehr als nur um eine persönliche Meinungsverschiedenheit, sondern um einen grundsätzlichen gesellschaftli‐ chen Konflikt, der diesem Dissens zugrunde liegt. Um dies zu verstehen, müssen wir ein wenig aus‐ holen. Edward P. Dozier hat vor etlichen Jahren sechs verschiedene Formen der Reaktion auf das Chris‐ tentum in indigenen amerikanischen Gesellschaf‐ ten identifiziert, die nach wie vor Gültigkeit besit‐ zen und auch außerhalb des amerikanischen Dop‐ pelkontinents auftreten. Zwei der wichtigsten, weil sie als unterschiedliche Strategien der Selbstbe‐ hauptung gegenüber einem fremden, sich macht‐ voll äußernden kulturellen und politischen System gedeutet werden können, sind Verschmelzung (Synkretismus) und Kompartmentalisierung (Do‐ zier 1962). Bei der Verschmelzung werden von der Gemeinde eigenständig in freier Form christli‐ che und indigene Elemente zu neuen Kultformen verbunden; Kompartmentalisten trennen beide Traditionen strikt voneinander. Sie verstehen sich zwar durchaus als Christen, wollen aber eigene und christliche Kultformen getrennt voneinander praktizieren. Beide Reaktionsformen sind der ad‐ äquate Ausdruck einer grundständig polytheisti‐ schen Grundverfassung. Die Kompartmentalisierung kann als Ausdruck des Beharrens auf eigene kulturelle Identität ge‐ deutet werden: Man will Herr über das Eigene bleiben und es nicht der Gestaltungshoheit anderer Sinnsysteme unterwerfen. Wer Verschmelzung re‐ ligiöser Symbole und Traditionen betreibt, bean‐ sprucht dagegen jedoch implizit auch eine Deu‐ tungshoheit, zumindest aber eine Deutungsfreiheit über das exogene Symbolsystem. Kompartmenta‐ lisierung und Verschmelzung sind daher auch aus‐ sagekräftige Indikatoren gesellschaftlicher Kon‐ flikte. Don Tomás förderte und praktizierte ent‐ schieden die Verschmelzung, was aber innerhalb der Stadtgemeinde auf Widerstand stieß. Zum Teil gingen die Konfliktlinien quer durch die Familien. Auch etliche der Kultführer (ajq’ijab) waren ge‐ gen die Verschmelzung, wie beispielsweise Doña Tomasa Pol Suy, eine einflussreiche Kultführerin, die Jurosz-Landas Initiation durchführte: “They 186 Reports and Commentaries Anthropos 115.2020 considered the syncretistic processions and the customs to be similar to theatrical performances that had nothing to do with Maya beliefs at all” (115). Es ist bemerkenswert, dass nicht nur Maya-Tra‐ ditionalisten eine kompartmentalistische Haltung einnahmen, sondern anfangs auch der neue katho‐ lische Priester. Man kann darin eine Ablehnung des kultischen Deutungsanspruches der Einheimi‐ schen sehen. Unabhängig davon, ob auch dieser Priester, wie wohl die meisten seiner Amtsbrüder, früher oder später nachgibt und die indigenen costumbres zumindest duldet, stellt sich hier die Frage, inwieweit seine Intentionen seinen eigenen Ansichten entsprachen oder die Linie der höheren Instanzen der guatemaltekischen Amtskirche zum Ausdruck brachten. Nördlich des Rio Grande, in den Diözesen Gallup und Santa Fé im amerikani‐ schen Südwesten, verfolgt die Kirche jedenfalls offiziell einen ganz anderen Ansatz. Synkretisti‐ sche Rituale und kompartmentalistische Praktiken werden nicht nur geduldet, sondern mit aktivem Wohlwollen begleitet. Katholische Geistliche sind Ehrengäste bei religiösen Zeremonien in den Rio Grande-Pueblos, in Acoma und Zuñi. Entspre‐ chendes gilt auch für die Navajos. Es wäre ein in‐ teressantes Projekt, der Frage nachzugehen, war‐ um es sich in El Quiché/Chichicastenango anders verhält und inwieweit der Streit um den Synkretis‐ mus Ausdruck tieferliegender sozialer Konflikte ist, die bis in die Hierarchie der guatemaltekischen Amtskirche reichen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Befürchtung der Autorin, Don Tomás könnte ihre Initiation nicht gebilligt haben, weil sie keine Ma‐ ya ist und zum Zeitpunkt ihrer Initiation noch nicht 52 Jahre alt war. Sie war also nach den Re‐ geln der Vorfahren und des Kalenders noch nicht erwachsen. Folgt man der Darstellung der Auto‐ rin, so wird auch nicht ganz klar, warum sie von einer prominenten Heilerin dazu aufgefordert wur‐ de, sie zu schulen und zur Initiation zu führen. Könnte es sein, dass die Autorin von einem Teil der Gemeinde in die Auseinandersetzungen mit Don Tomás und den “Fortschrittlichen” hineinge‐ zogen wurde? Auch eine andere Ortsfremde, eine US-Amerikanerin, wurde zur gleichen Zeit wie die Autorin Jurosz-Landa initiiert. Hier wäre ein An‐ satzpunkt für weitere Forschungen. Andererseits kommt es durchaus vor, dass einem Nichteinheimischen ein vergleichbares An‐ gebot gemacht wird. In Samoa können z. B. Weiße zum matai gewählt werden, d.h. ihnen wird feier‐ lich ein Namenstitel im Besitz einer Verwandt‐ schaftsgruppe verliehen. So wird beispielsweise mit bestimmten Freunden der Familie verfahren, die man ehren möchte. Es handelt sich dabei oft, aber nicht ausschließlich, um Personen, die als wohlhabend oder einflussreich wahrgenommen werden, von denen man sich einen Vorteil ver‐ spricht und die man daher an sich binden möchte. Solche fremden Personen können nach einheimi‐ scher Ansicht auch als “Botschafter” in ihren Her‐ kunftsgesellschaften dienen. Geld kann im Fall der Autorin nicht den Ausschlag dafür gegeben haben, sie zur Schulung einzuladen. Jedenfalls könnten die Gründe und Hintergründe ihrer Initiation wei‐ tere Dimensionen der Konfliktlage in Chichicas‐ tenango enthüllen, die es hinsichtlich der ethnolo‐ gischen Konfliktforschung wert wären, gezielt zum Untersuchungsgegenstand gemacht zu wer‐ den. Die den Text begleitenden 25 Farbtafeln vermit‐ teln einen visuellen Eindruck von der Stadt, den Menschen und den Kulthandlungen, die das Text‐ verständnis in hohem Maße unterstützen. Bedau‐ erlicherweise sehen sich heute ja viele Verlage aus Kostengründen dazu gezwungen, auf diese, einen Feldforschungsbericht veranschaulichende Ergän‐ zung vollständig zu verzichten oder die Bilder nur in ungenügender schwarzweiß-Qualität wiederzu‐ geben. Leider hat der Verlag andererseits auf ein Glossar und eine Namensliste der zahlreichen in “Transcendent Wisdom” erwähnten Personen verzichtet. Solch eine Liste würde es dem Leser leichter machen, die komplexen Beziehungen der handelnden Personen zueinander zu verstehen. “Transcendent Wisdom” ist ein außergewöhnli‐ ches und herausforderndes Buch, das im Spiegel der “Spiritual Journey” (so der Titel von Teil III, 89ff.), der Initiation der Verfasserin, den Blick für das Lebensgefühl, das Weltwissen und die Kon‐ flikte einer Maya-Gemeinde zwischen Tradition und Moderne, zwischen Selbstbehauptung und postkolonialer Unterdrückung schärft. Es sollte nicht das letzte Wort der Autorin über Chichicas‐ tenango sein. Zitierte Literatur Devereux, Georges Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. München: Carl Hanser Verlag. Dozier, Edward P. Differing Reactions to Religious Contacts among North American Indian Societies. In: Akten des 34. Internatio‐ nalen Amerikanistenkongresses; Wien, 18. – 25. Juli 1960; pp. 161–171. Horn: Verlag Ferdinand Berger. 1973 1962 Reports and Commentaries 187 Anthropos 115.2020 Gonzalez, Luis Chichicastenango llora la partida de don Tomás Calvo Mateo. Republica (06.10.2017): [13.11.2019] Hultkrantz, Åke Ritual und Geheimnis. Über die Kunst der Medizin‐ männer, oder: Was der Professor verschwieg. In: H. P. Duerr (Hrsg.): Der Wissenschaftler und das Irrationale. Erster Band: Beiträge aus Ethnologie und Anthropolo‐ gie; pp. 71–95. Frankfurt: Syndikat/EVA. Jurosz-Landa, Gabriela Transcendent Wisdom of the Maya. The Ceremonies and Symbolism of a Living Tradition. Rochester: Bear & Company. Anthropology and Ethnology in Europe Today Review Essay Han F. Vermeulen* The book under review is an important collec‐ tion of essays on anthropological traditions in Eu‐ rope.1 The subject of "European Anthropologies" has been on the agenda at least since the special issue of Ethnos on “The Shaping of National An‐ thropologies” (1982) and Ulf Hannerz and Tomas Gerholm’s introductory article. It but gained new urgency since the Fall of the Berlin Wall in 1989 and the rise of neoliberalism and global capital‐ ism. Long in the making, but well worth the wait, the book is based on conferences held in Paris (2007) and Madrid (2008), aimed at reviewing “Anthropology in Europe” – defined as both “so‐ ciocultural anthropology and ethnology.” Under the broad rubric of “facing the challenges of Euro‐ pean convergence in higher education and re‐ search,” the book brings together eleven chapters on anthropology and ethnology in Portugal, Ger‐ many, Russia, Italy, France, Finland, Lithuania, Poland, Slovakia, Croatia, and Greece. In their introduction, the editors, based at Madrid, Paris and Gdańsk, respectively, explain that the idea was to present an “intellectual and in‐ stitutional portrait” of the “‘smaller’ European tra‐ 2017 1985 2019 * vermeulen@eth.mpg.de 1 Barrera-González, Andrés, Monica Heintz, and Anna Horo‐ lets (eds.): European Anthropologies. New York: Berghahn Books, 2017. 296 pp. ISBN 978-1-78533-607-2. (Anthropo‐ logy of Europe, 2). Price: $ 130.00. ditions … [in the] fields of sociocultural anthro‐ pology and ethnology” (1) vis-à-vis the “hege‐ monic” Anglo-American traditions. They relate these two fields to a distinction in German be‐ tween Völkerkunde, which they define as “the study of ‘other peoples,’” and Volkskunde, “the study of ‘the people’, of one’s own national tradi‐ tions” (3). These definitions are slightly mislead‐ ing as Völkerkunde (ethnology) is the study of peoples (plural), whereas Volkskunde is the study of a people (singular). The editors connect these scholarly traditions to George Stocking’s 1984 dis‐ tinction between “empire-building” and “nationbuilding” anthropologies. The editors’s view is that, despite the homogenising effects of the Bologna Process, which since 1999 aims at har‐ monising degree programs across Europe, these fields should remain distinct and heterogeneous. Most essays begin their analysis in the second half of the nineteenth century. The chapter on Fin‐ land dates the beginnings of Finnish folklore col‐ lection back to the seventeenth century. The eigh‐ teenth century, which saw the genesis of ethnogra‐ phy and ethnology in Russia and the Germanspeaking world (Vermeulen 2015), is merely men‐ tioned in the introduction (3–5), the chapters on Portugal (Brazilian collections in Coimbra, 36), Germany (50), and Russia (etnografia, 88). This historical restriction limits our perspective on the development of the anthropological and ethnologi‐ cal sciences and their transformations. The first chapter, written by Susana de Matos Viegas and João de Pina-Cabral, sets the tone. Fo‐ cusing on “contemporary anthropology” in Portu‐ gal and devoting only a few pages to its (compli‐ cated) history, the authors argue that the two fields mentioned are connected to overseas colonies and empire-building and to “ruralist ethnology” and nation-building, respectively. Whether or not they merge, or what the proportion of research in these fields is, remains open. Clear is that after the Salazar dictatorship (1928–1974) and since the “intense internal questioning” of the 1980 s (34), sociocultural anthropology since the 1990 s has become more and more internationally oriented and “quite successful” among the social sciences (41) – despite the “recessive austerity regime” im‐ posed by the European Union (42). Chapter 2, titled “When a Great Scholarly Tra‐ dition Modernizes: German-Language Ethnology in the Long Twentieth Century,” written by John R. Eidson, reviews developments in the Germanspeaking countries (Germany, Austria, parts of Switzerland). Eidson relates this subject to Ger‐ man Völkerkunde (ethnology), although he briefly 188 Reports and Commentaries Anthropos 115.2020

Abstract

Das Buch von Gabriela Jurosz-Landa ist das Ergebnis einer Verbindung der Autorin, einer unabhängigen Ethnologin, mit den Quiché-Maya Guatemalas, die sich über ein Vierteljahrhundert entwickelt hat und schließlich im April 2015 zu ihrer Initiation als “day keeper” (ajq‘ij) führte, ein Amt, das sie für das westliche Verständnis als “shaman-priestess” übersetzt.

References
Devereux, Georges
1973 Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften. München: Carl Hanser Ver-lag.
Dozier, Edward P.
1962 Differing Reactions to Religious Contacts among North American Indian Societies. In: Akten des 34. Internationalen Amerikanistenkongresses; Wien, 18. – 25. Juli 1960; pp. 161–171. Horn: Verlag Ferdinand Berger.
Gonzalez, Luis
2017 Chichicastenango llora la partida de don Tomás Calvo Mateo. Republica (06.10.2017): <https://republica.gt/2017/10/06/chichicastenango-tomas-calvo-mateo/> [13.11.2019]
Hultkrantz, Åke
1985 Ritual und Geheimnis. Über die Kunst der Medizinmänner, oder: Was der Profes-sor verschwieg. In: H. P. Duerr (Hrsg.): Der Wissenschaftler und das Irrationale. Erster Band: Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie; pp. 71–95. Frankfurt: Syndikat/EVA.
Jurosz-Landa, Gabriela
2019 Transcendent Wisdom of the Maya. The Ceremonies and Symbolism of a Living Tradition. Rochester: Bear & Company.

Abstract

Anthropos is the international journal of anthropology and linguistics, founded in 1906 by Wilhelm Schmidt, missonary and member of the Society of the Divine Word (SVD). Its main purpose is the study of human societies in their cultural dimension. In honor of Wilhelm Schmidt‘s legacy, the cultivation of anthropology, ethnology, linguistics, and religious studies remain an essential component oft he Anthropos Institute – the organizational carrier of the journal.

Zusammenfassung

Anthropos - internationale Zeitschrift für Völkerkunde wird vom Anthropos Institut St. Augustin seit 1906 zweimal jährlich herausgegeben. Ursprünglich als Sprachrohr für katholische Missionarsarbeit geplant, gilt sie heute als wichtige Fachzeitschrift der allgemeinen Ethnologie. Sie behandelt sowohl kulturelle als auch sprachliche Themen in mehreren Sprachen, mit Schwerpunkt auf den Völkern des gesamtamerikanischen und afrikanischen Kontinents.