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S&F Sicherheit und Frieden, page 56 - 63

S+F, Volume 38 (2020), Issue 1, ISSN: 0175-274X, ISSN online: 0175-274x, https://doi.org/10.5771/0175-274X-2020-1-56

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56 | S+F (38� Jg�) 1/2020 B E S P R E C H U N G E N Wertungen mehr die jeweilige Diskussions und Wahrnehmungsebene erhellen als auf wasserdicht geprüftes Archivmaterial zu rückzugreifen. Werner Sonne erhebt diesen Anspruch aber auch nicht. So oder so ist seine Form der Beobachtung überaus nütz lich: Sie kann zum Einstieg in eine gründ lichere Recherche Anregung bieten, sie kann aber auch den Hintergrund erhellen, vor dem sich anhand von nachprüfbaren Dokumenten strategische Weichenstel lungen für die Geschichte der Atomwaffen auf deutschem Boden ermitteln lassen. Die Tatsache, dass Werner Sonne eine kla re Haltung zur fortdauernden nuklearen Teilhabe hat, fließt in Summe in seine Wertungen ein und lässt ihn aus der Sicht von Gegnern fortdauernder Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik gewiss als voreingenommen erscheinen. Tatsächlich ist das Buch als informierte Stellungnahme zu verstehen, nicht als Untersuchung eines neutralen Beobach ters. Die Schlüsselfragen der Kontroverse werden kenntnisreich herausgearbeitet, ebenso die mit ihr verbundenen politi schen Dilemmata. Vor allem die mitregie renden oder die nach den kommenden Bundestagswahlen nach Regierungsbe teiligung strebenden kleineren Parteien werden sich spätestens zur nuklearen Teilhabe positionieren müssen, wollen sie mit der CDU und CSU koalieren. Die Diskussion über Für und Wider der nukle aren Teilhabe bleibt jedenfalls spannend, auch unabhängig von den Koalitions optionen künftiger Bundesregierungen. Doch zurück zur Substanz der Abhand lung. Dass Atomwaffen einen Beitrag zur Zügelung der Großmächte im Ringen mit einander während des Kalten Krieges ge leistet haben, ist kaum zu bestreiten. Sie konnten es, gestützt auf ein System der Rüstungskontrolle und sicherheitsbilden der Absprachen zwischen Ost und West. Die Zukunft der Rüstungskontrolle ist nunmehr jedoch fraglich, und vor allem für Europa stehen die Zeichen auf neues nukleares Rüsten. Werner Sonne fragt eingangs, ob nach 30 Jahren deutscher Einheit und europäischer Einigung die Lagerung von Atomwaffen auf deutschem Boden noch zeitgemäß sei. Sein Hauptar gument für die nukleare Teilhabe – neben der transatlantischen Verklammerung auch das Argument der meisten ihrer Be fürworter – ist, auf einen Nenner gebracht, die Möglichkeit zur Informationsteilhabe veranlassten, dem Wunsch nach einer aktualisierten Neuauflage seines Buches „Leben mit der Bombe“ zu entsprechen. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung hätte kaum besser gewählt werden können. Nachdem in der sogenannten Corona Krise die brennenden sicherheitspoli tischen Fragen, darunter eben auch die Zukunft der nuklearen Rüstungskontrol le, in den Hintergrund gedrängt worden waren, bricht aktuell die Debatte mit neuer Macht hervor, nicht zuletzt, weil Entscheidungen über die Zukunft der nu klearen Teilhabe wegen der auslaufenden Lebensdauer der Bundeswehr Tornados jetzt und nicht erst nach den nächsten Wahlen in den USA oder gar in Deutsch land getroffen werden müssen. Werner Sonne hat in erster Linie kein wis senschaftliches, aber ein quellenreiches Buch geschrieben. Viele der aufgeführten Primärquellen, vor allem aus dem poli tischen Raum, werden einer breiteren Leserschaft erstmals zugänglich gemacht. Der Autor macht dabei keinen Hehl aus seiner Befürwortung der weiteren nukle aren Teilhabe. Die Argumente sind jene eines scharfsinnigen journalistischen Be obachters, des profunden Kenners der politischen Diskussionskulturen der USA und Deutschlands sowie des sachkun digen Analysten der transatlantischen wie auch der deutschen und russischen sicherheitspolitischen Debatten. Von den einst auf deutschem Boden lagernden tausenden Atomwaffen der Sowjetunion/Russlands, der USA, Frank reichs und Großbritanniens sind nur noch wenige übriggeblieben. Vermutet werden sie seit Jahren in Büchel, in der Eifel, ca. 20 amerikanische Atombomben, vorge sehen als Traglast für flugzeuggestützte Systeme. Genauere Angaben werden bis heute von den US Streitkräften nicht ge macht, jedoch ist deren Modernisierung als Kostenpunkt im Verteidigungs etat des Pentagon seit Jahren vermerkt, die Mo dernisierung und Umrüstung zu intelli genten Lenkwaffen im Gange. Werner Sonne lässt die Geschichte der Atomwaffen auf deutschem Boden Re vue passieren, als Geschichten und Ge schichtchen eines Zeitzeugen, gut erzählt und zudem für ein breites Publikum gut lesbar geschrieben. Mit zahlreich zu Wort kommenden Zeitzeugen wird Geschich te buchstäblich lebendig, wenngleich natürlich die in das Buch einfließenden Werner Sonne: Leben mit der Bombe. Atomwaffen in Deutschland. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020 (2. Aufl.), 358 S. Spätestens die jüngste Kontroverse um die Zukunft der Stationierung von US Kern waffen auf deutschem Boden, ausgelöst Anfang Mai 2020 durch den Fraktionsvor sitzenden der SPD im Deutschen Bundes tag, Rolf Mützenich, hat deutlich werden lassen: Die nukleare Teilhabe Deutsch lands ist auch nach mehr als 60 Jahren politisch noch immer hoch umstritten, seitdem im Jahre 1957 die Bundeswehr erstmals Trägersysteme für Atomwaffen innerhalb der NATO bereitgestellt hatte. Die aktuelle Kontroverse entzündete sich einerseits am Zusammenbruch von wesentlichen Teilen der nuklearen Rü stungskontrolle im vergangenen Jahr, insbesondere der letztlich beiderseitigen Aufkündigung des Vertrags über die Be seitigung von landgestützten Raketen mit einer Reichweite zwischen 500 und 5.500 km seitens der USA und Russland, sowie in der nachfolgenden Diskussion um die künftige Nuklearstrategie der USA und der NATO sowie die Kernwaffendoktrin Mos kaus. Die Stationierung von mutmaßlich vertragsverletzenden Raketen durch Rus sland sowie die unmittelbar nach Auslau fen des Vertrags erfolgte Indienststellung ebensolcher Raketen der USA, hatten dem Vertragswerk den Todesstoß verpasst und damit den Grundpfeiler nuklearer Rü stungskontrolle in Europa zum Einsturz gebracht. Die im April 2020 offensichtlich mit dem Koalitionspartner SPD nicht ab gestimmte Ankündigung der deutschen Verteidigungsministerin Annegret Kramp Karrenbauer, bei der Nachfolge für die ver alteten Tornado Flugzeuge nicht nur auf Euro Fighter, sondern zum Zweck einer reibungslosen Zertifizierung neuer Atom waffenträger auch auf den Ankauf ameri kanischer F 18 Flugzeuge zu setzen, hat die Kontroverse deutlich zugespitzt – zwischen jenen, die nukleare Abschreckung und Teil habe weiter für unverzichtbar halten, und jenen, die sich im Abzug aller Atomwaffen einen Sicherheitsgewinn für die Bundes republik ausrechnen. Das Dickicht der Argumente für und wi der die nukleare Teilhabe zu erhellen, ist eines der Motive, welche Werner Sonne, den renommierten Journalisten und si cherheitspolitisch geschulten Beobachter SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 56 24.06.20 14:14 S+F (38� Jg�) 1/2020 | 57 | B E S P R E C H U N G E N die Entwicklung der panzerbrechenden Hohlladung verwendet. Bei der Entwick lung der Atombombe vom Implosionstyp (mit Plutonium als Spaltstoff, in Nagasaki eingesetzt) spielten Röntgenblitzaufnah men eine zentrale Rolle. In „Alltagsphysik statt Atombomben. Ein erneuter Blick auf den deutschen Atomver ein“ untersucht Christian Forstner (Uni versität Frankfurt/M.) die Wiener Gruppe im Uranverein. Nach der Eingliederung Österreichs in das Nazi Reich 1938 wur den Leitungspositionen in Wien mit NS Anhängern oder Mitläufern besetzt. In drei zentralen Experimentierbereichen – Identifikation des bei Neutronenbeschuss aus Uran entstehenden neuen Elements (Plutonium), Spaltung von Urankernen mit schnellen Neutronen und Charakte risierung der Kernbruchstücke nach der Spaltung – zeigt der Autor, dass es sich bei den Aktivitäten des deutschen Uran vereins und speziell der Wiener Gruppe nicht um Großforschung wie beim US Manhattan Projekt handelte, sondern um „relativ unspektakuläre Messungen im physikalischen oder chemischen Labor“. In einem längeren Beitrag beschreibt Manfred Heinemann (Universität Han nover) die „Alliierte Erschließung und Aneignung des deutschen Industrie und Wissenschaftspotentials 1944 47 durch die ,Field Intelligence Agency, Technical (FIAT) (US)/(UK)‘“. Bekannt ist die Missi on zum Abholen der deutschen Kernphy siker, der Umfang des Abschöpfens war aber weitaus größer. Ab 1944 gab es Richt linien und Personal für Sammlung, Erfas sung und Abtransport erbeuteter militä rischer Dokumente. Wissenschafts und Industrievertreter wurden systematisch befragt, Listen mit Tausenden von Per sonen angelegt. Hunderttausende von Re ports, Mikrofilme von Dokumenten und Plänen wurden erstellt, deutsche Wissen schaftler schrieben Übersichtstexte über die Arbeiten in den jeweiligen Gebieten während der NS Zeit. Die Ausbeutung deutschen Wissens beschränkte sich nicht auf militärische Fragen, sondern bezog alle Bereiche von Industrie und Wissen schaft ein. Der Autor wirft eine Reihe von Fragen in diesem Zusammenhang auf, die weiterer Forschung bedürfen. Martin Fechner (Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) behandelt in „Laser als Waffen? Framing im Wis senstransfer“, wie der Erfinder des Lasers, Christian Forstner/ Götz Neuneck (Hrsg.), Physik, Militär und Frieden. Physiker zwischen Rüstungsforschung und Friedensbewegung. Wiesbaden: Springer Spektrum, 2018, 271 S. Dass Physik und Militär miteinander zu tun haben, ist nicht erst seit der Atom bombe Allgemeinwissen. Das Engage ment von Physiker*innen für den Frieden ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt, aber Friedensforschungskreise kennen z.B. die Aktivitäten der Pugwash Konfe renzen. Auf der Ebene der hohen Politik und Wissenschaftsorganisation sind bei de Zusammenhänge in der Literatur gut erfasst. Das vorliegende Buch behandelt sie mit einer Reihe von Beispielen, die bisher nicht oder kaum untersucht und beschrieben wurden, mit Schwerpunkt auf Europa und Deutschland. Es geht zu rück auf gemeinsame Sitzungen des Fach verbands Geschichte der Physik und der Arbeitsgruppe Physik und Abrüstung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft aus dem Jahr 2015. Die zwölf Autor*innen kommen aus der Wissenschaftsgeschichte oder sind als Physiker in Wissenschafts Abrüstungsbewegungen aktiv. In seinem Beitrag „Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf die deut schen Physiker“ arbeitet Stefan Wolff (Deutsches Museum München) heraus, dass die Mehrheit der bedeutenden Physi ker – wie auch Gelehrte anderer Diszipli nen und Kulturschaffende – sich hinter die deutschen Kriegsziele stellte, etwa mit dem „Aufruf an die Kulturwelt“, der den deutschen Militarismus als Bedingung der deutschen Kultur verteidigte. Einige betrieben aktiv Forschung für die Streit kräfte, aber Umfang und Wirkungen wa ren erheblich geringer als in der Chemie, die mit dem Gaskrieg eine neue Form der Kriegführung eingeführt hatte. Bernd Helmbold (Universität Jena) zeigt in „Der Röntgenblitz – Universalwerkzeug für Industrie, Militär und Medizin“, wie in den 1930er Jahren bei Siemens an Röh rengleichrichtern extrem kurze Pulse von Röntgenstrahlung entdeckt wurden (eben so wie gleichzeitig bei General Electric in den USA). Der Physiker Max Steenbeck entwickelte verbesserte Entladungsrohre und machte Aufnahmen schnell bewegter Objekte, etwa Gewehrkugeln. Spätere Ent wicklungen wurden und werden für die Untersuchung von Detonationen sowie und zur Mitentscheidung im Rahmen der Nuklearen Planungsgruppe der NATO. Ohne Teilhabe keine Mitsprache, so das Credo. Solange die NATO Atomwaffen für ihre kollektive Verteidigung vorhält – bzw. solange sich die NATO einer äußeren Bedrohung durch Atomwaffen ausgesetzt sieht – sei die Integration der Bundesre publik in die Entscheidungsstruktur des Bündnisses in dieser Frage unverzichtbar. Ob die kernwaffenbesitzenden Partner der Bundesrepublik letztlich Mitsprache oder gar ein Veto zur Entscheidung einräumen, bleibt freilich als Frage unbeantwortet. Die Gegner verneinen dies unter Hinweis auf die wiederholten Alleingänge der Trump Administration. Dass diese allerdings nicht mit dem langjährigen Bündnispartner USA verwechselt werden darf, steht außer Fra ge. Dennoch: Neue Herausforderungen für die strategische Stabilität und die eu ropäische Sicherheit stehen im Raum. Sie bedürfen einer sorgsamen Prüfung und vorausschauendes Handeln. Das Schei tern des Iran Deals, die weitergehende Proliferation von Kernwaffen, die Unbe rechenbarkeit und Sprunghaftigkeit der US Regierung, die problematische Zukunft des Nichtverbreitungsvertrags, schließ lich die Miniaturisierung von Kernwaffen bei gleichzeitig erhöhter Treffergenauig keit und mutmaßlich geringerem Scha densausmaß durch Russland und die USA mit dem damit verbundenen Verlust an strategischer Qualität atomarer Waffen als ausschließlich „politisches Mittel“ sowie nicht zuletzt eine drohende neue Finanzkrise im Nachgang von Corona und ihre Folgen für die zur Verteidigung bereitgestellten Haushalte, all dies wird die Diskussion zur Relevanz von Atomwaffen für die Zukunft sicherheitspolitischer Sta bilität in den kommenden Monaten stark beeinflussen. Der Streit um die nukleare Teilhabe ist bereits eröffnet. Insofern ist das lesenswerte Buch von Werner Sonne hochaktuell, und eine gewichtige Quelle für Sachkunde und Erfahrungswissen sowie für den eben so dringlichen wie geboten verantwor tungsvollen Diskurs über die Sicherheit Deutschlands und Europas im 21. Jahr hundert. Abschließend sei noch ange merkt: Neben der Printausgabe liegt die Publikation erfreulicherweise auch als kostengünstiges E Book vor. Prof� Dr� Dr� Hans-Joachim Gießmann SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 57 24.06.20 14:14 58 | S+F (38� Jg�) 1/2020 B E S P R E C H U N G E N | trat dagegen für weitgehende Transparenz ein, gerade bezüglich Nuklearwaffen; Re geln sollten im UN Zusammenhang be schlossen werden. Eckhard Wallis (Deutsches Museum Mün chen) beschreibt in „’Suivre son propre rhythme’ – Alfred Kastler zwischen Phy sik und Politik 1950 1960“ ein weiteres Beispiel eines Spitzenphysikers, der für Frieden eintrat. Ab 1951 nahm er am „Mouvement des 150“ für Kernwaffenab rüstung teil und sprach sich gegen die auf kommende französische Nuklearrüstung aus, auch gegen totalitäre Tendenzen. Seine Mitarbeit am Internationalen Geo physikalischen Jahr 1957 58 mit Raketen experimenten in der oberen Atmosphäre und Kontakten zu Militärbehörden zeigt, dass er diese nicht prinzipiell ablehnte. Der letzte Beitrag, „Die Amaldi Konfe renzen“, ist ein Zeitzeugenbericht von Klaus Gottstein (Akademien Union), der von Anfang an beteiligt war. Die nach dem italienischen Physiker benannten Konferenzen nationaler Akademien und wissenschaftlicher Gesellschaften gehen auf eine Initiative der US Akademie zu rück, die auch europäische Vertreter in die Track II Diplomatie einbeziehen wollte. Die Konferenzen fanden ab 1988, zunächst meist in Italien, statt. Schwer punkte sind internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle, aber auch Nach haltigkeit und Gerechtigkeit sind wich tige Themen. Das Ziel, ähnlich wie die US Akademie ein europäisches Komitee für Sicherheit und Rüstungskontrolle zu gründen, ist noch nicht erreicht. Der Band versammelt Beiträge verschie dener Art, leider mit einer Vielzahl von Druckfehlern. Die Auto*innen schildern wichtige Personen und deren Herange hensweisen an Fragen im Spannungsfeld von Physik und Militär sowie Physik und Frieden bzw. nationaler und internationa ler Politik. Zum Teil werden neue Fakten erschlossen. Bei den Konferenzen sind interessante Details zu den jeweiligen Vorgeschichten, Motivationen und Ent wicklungen angegeben. Wer mehr wissen will, kann auf die meist detaillierten Litera turlisten zurückgreifen. Ein ausführliches Personenverzeichnis erschließt das Buch. Insgesamt bietet es einen guten Einstieg in die verschiedenen Facetten des Verhält nisses von Physik, Militär und Frieden. PD Dr� Jürgen Altmann und wurde dann aktiver Teilnehmer der Pugwash Konferenzen. Sein Thirring Plan zur vollständigen Abrüstung des neutralen Österreich fand keine Akzeptanz. Ulrike Wunderle (Vereinigung Deutscher Wissenschaftler) widmet sich dem Thema „Die Genfer Atomkonferenz von 1955 und die Anfänge der Pugwash Confe rences on Science and World Affairs: Zwei diplomatische Handlungsebenen US amerikanischer Kernphysiker im Kalten Krieg“. Die UN Atomkonferenz entstand aus der US Initiative „Atoms for Peace“ und sollte in der Systemaus einandersetzung ein positives Bild der USA und der zivilen Atomenergie fördern. Die US Physiker erhofften sich wissen schaftlichen Austausch mit den sowje tischen Kollegen und ein höheres An sehen der eigenen Wissenschaft. Für die systematische Befassung mit der Gefahr eines Nuklearkriegs wurde 1957 die erste Conference on Science and World Affairs im kanadischen Pugwash durchgeführt. Die Pugwash Konferenzen versammel ten Spitzenforscher aus Ost und West; in vertraulicher Atmosphäre wurden Kon zepte für Abrüstung entwickelt, die dann den Regierungen nahegebracht wurden. Beiden Arten von Konferenzen war ge meinsam, dass ein Zusammenhang von wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung gesehen wurde und dass die „Einheit der Wissenschaft“ Ansätze bietet, ideologische Gegensätze zu überbrücken. Stefano Salvia (Universität Pisa) behandelt in „Bewehrte Kooperation(en) – friedliche Atome, pazifistische Physiker und Friedens partisanen zu Beginn des Kalten Krieges (1947 1957)“ verschiedene Bewegungen, beginnend mit dem kommunistisch be einflussten Weltfriedensrat. Solchen Bemü hungen setzten die USA das „Atoms for Peace“ Programm entgegen, mit der Genfer Konferenz von 1955 und dem Export von Forschungsreaktoren – mit hoch angerei chertem Uran – in viele Länder. Das Russell Einstein Manifest von 1955 sollte pro wie antikommunistische Kräfte ansprechen. In Deutschland verabschiedeten 1955 18 in ternationale Nobelpreisträger die Mainauer Deklaration gegen die Nuklearbewaffnung. Politisch wichtiger wurde die Erklärung der Göttinger Achtzehn von 1957 gegen die Nuklearbewaffnung der neuen Bundes wehr. Ab 1957 fanden die internationalen Pugwash Konferenzen statt, die sich um Track II Diplomatie bemühten. Niels Bohr Theodore Maiman (Hughes Aircraft Com pany, USA), 1960 in einer Pressekonferenz das neue Gerät als „atomares Radio Licht“ beschrieb ”, als “Quelle sehr hoher ,ef fektiver’ oder äquivalenter Temperatur, höher als im Zentrum der Sonne oder von Sternen“. Damit sei eine militärische Kon notation gegeben. Die gewählten Analo gien sollten bei Laien Assoziationen eines kleinen, aber sehr potenten Strahlgeräts hervorrufen und Aufmerksamkeit für die eigene Wissenschaft herstellen. Dieter Hoffmann (Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) be handelt „Albert Einstein – relativ poli tisch“. Während führende Physiker sich im ersten Weltkrieg dem nationalistischen „Aufruf an die Kulturwelt“ anschlossen, war Einstein einer der wenigen, die für ein rasches Kriegsende und Völkerver ständigung eintraten. Eine gewisse In konsequenz lag darin, dass er auch an Forschung und Entwicklung militärre levanter Themen teilnahm, nämlich für ein neues Tragflächenprofil und den Krei selkompass. In den 1920er und frühen 1930er Jahren erhöhte der wachsende Antisemitismus in der deutschen Gesell schaft seine politische Sensibilität. Mit der Bestätigung seiner Relativitätstheorie bei einer Sonnenfinsternis wurde er zu einer öffentlichen Person. Nach der Emigration geißelte er die Nazi Diktatur. Im Zweiten Weltkrieg sah er im militärischen Kampf das einzige Mittel gegen die Weltherr schaft Hitlerdeutschlands, was dann auch zur Unterzeichnung des bekannten Briefes für ein US Atombombenprogramm an Präsident Roosevelt führte. Wolfgang L. Reiter (Österreichisches Bun desministerium für Wissenschaft und Ver kehr) betrachtet mit „Hans Thirring – ein Leben im Spannungsfeld von Physik und Politik“ ein weiteres Beispiel eines hervor ragenden Physikers, der sich für Abrüstung einsetzte. Durch die Erfahrungen des Er sten Weltkriegs zum Kriegsgegner und An timilitaristen geworden, war der Professor der Universität Wien einer der wenigen Hochschullehrer, die sich dem Naziterror widersetzten. In den 1930er Jahren nahm er an der österreichischen und internatio nalen Friedensbewegung teil. Nach 1945 setzte er sich gegen Nuklearaufrüstung ein. Den von der kommunistischen Par tei unterstützten Österreichischen Frie densrat verließ er nach der Invasion Süd koreas durch nordkoreanische Truppen SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 58 24.06.20 14:14 S+F (38� Jg�) 1/2020 | 59 | B E S P R E C H U N G E N digma einer Welt stabiler Allianzen oder Gemeinschaften nicht mehr vorhanden, und die globalen Kräfteverschiebungen zwischen den Zentren seien längst und weiter andauernde Realität. Als bittere Er kenntnis in diesem Zusammenhang sei in der Welt der Verlust von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als nachahmenswerte Rollenmodelle zu beklagen. Vielmehr rückten Interessen und Einflusspotenzi ale in den Vordergrund, ohne dass dieser Kurs den Nachweis erbringen könnte, bessere Antworten auf die globalen Zu kunftsfragen zu besitzen. Europa kann, so Heumann, nur bestehen, wenn es seine Interessen und Werte als Einheit versteht und eine Allianz für den Multilateralismus schmiedet, in der eine regelbasierte mul tilaterale Weltordnung gut aufgehoben ist. Es sei ein Irrtum anzunehmen, dass deren Attraktivität für viele Akteure in der Welt allein dadurch schwindet, dass die Rivalität der großen Mächte deren Eini gungswillen zum Vorteil aller schmälert. Hier überlagern sich die Erkenntnisse bei der Autoren, denn auch Zidar kommt zu dem Schluss, dass kollektive Regelwerke zur Zügelung von Anarchie und zur Ver regelung von Verfahren für den Umgang mit globalen Herausforderungen – von der Klimakrise bis zur Bekämpfung von Pandemien – unverzichtbar seien, denn ohne die Hilfestellung global geteilter Normen, Mechanismen und Verfahren könnten diese und andere Krisen nicht bearbeitet oder gar überwunden werden. Während Zidar dabei auf die Gestaltungs kraft einer Weltgemeinschaft setzt, welche Hegemonie und Recht in Balance zu hal ten imstande ist, geht Heumann davon aus, dass es vor allem darum gehen müsse, die multipolare Welt in eine regelbasierte Ordnung einzubetten, die allen nutzt, aber den Rechtsbruch nicht hinnimmt und stark genug, ist ihre Werte und ge meinsamen Interessen zu schützen. So verstanden interpretieren beide Bücher mit zwar unterschiedlicher Methodik gleichermaßen einen althergebrachten Aphorismus und bekräftigen ihn zugleich auf neue Weise: „Recht ohne Macht ist machtlos – Macht ohne Recht ist rechtlos. Also muss man dafür sorgen, dass das, was Recht ist, mächtig und das, was mächtig ist, gerecht sei“ (Blaise Pascal, 1669, freie Übersetzung). Prof� Dr� Dr� Hans-Joachim Giessmann konzeptionell im Vergleich zur Innen politik „einen eigenen Raum verschafft“ (H. Münkler). Seine Ausführungen fokus sieren vor allem auf strategische Dyna miken und Wendepunkte globaler und europäischer Politik, und sein Blick auf die Gestaltungsräume der Diplomatie sieht Handlungsstärke insbesondere im Agieren starker Führungspersönlichkeiten und der großen Mächte. Zidar hingegen sieht eine stärkere Bindewirkung der globalen und regionalen Institutionen auch unter ver änderten Vorzeichen als gegeben, wobei sich die Autoren in der Grundannahme offenkundig einig sind, dass Europa und die Welt sich in einer Phase des Übergangs befinden. Die gewohnten Paradigmen sind verblichen, neue Paradigmen noch nicht final etabliert. Heumann sieht allerdings als dominie renden Trend eine Verschiebung von ge meinschaftlicher Zusammenarbeit hin zu machtpolitischer Verantwortung und Riva lität großer Staaten gegeben, während Zidar ausführt, dass Macht und gemeinschaftliche Regelwerke nicht allein als Antinomien zu verstehen seien, die einander ausschließen, sondern sich Hegemonie und Recht einan der in gewisser Weise sogar bedingen. Sei ne These zu einer „klaren Tendenz“ in der internationalen Gemeinschaft, supranati onale Strukturen zu schaffen, die norma tives und institutionelles Recht zur Rege lung globaler Fragen entfalten können, mag angesichts gegenläufiger Entwicklungen in Bezug auf den Rückhalt von Regimen, etwa der Rüstungskontrolle, oder von In stitutionen, wie zum Beispiel der UNESCO oder WHO, zu bestreiten sein. Allerdings räumt der Autor selbst ein, dass sich die von ihm ausgemachte Tendenz dauerhaft nur zu behaupten vermag, wenn sie von den Staaten, vor allem den mächtigsten unter ihnen, weiterhin unterstützt wird. Das neue supranationale Paradigma, wie der Autor es nennt, ist jedenfalls noch nicht gegeben. Heumann sieht eine solche Wirklichkeit aber aktuell auch nicht im Entstehen. Im Gegenteil. Seiner Einschät zung nach bildet sich tendenziell vielmehr eine multipolare, eine „oligarchische Welt“ regionaler Machtzentren heraus – namentlich einerseits geführt durch die USA, China, Russland, andererseits geprägt durch Entwicklungen im Nahen Osten und in Europa. Für Heumann ist ein neues strategisches Paradigma bereits deutlicher umrissen. Jedenfalls sei das tradierte Para Hans-Dieter Heumann: Strategische Diplomatie. Europas Chance in der multipolaren Welt, Paderborn 2020: Verlag Ferdinand Schöningh (249 S.) Andraž Zidar: The World Community between Hegemony and Constitutionalism, The Hague 2019: Eleven International Publishing (356 S.) Interessant ist zunächst eine Parallele der beiden hier zur Diskussion stehenden Bü cher. Ihre Verfasser teilen vergleichbare be rufliche Erfahrungen in Wissenschaft und Praxis, einerseits der ehemalige Diplomat und Biograph des langjährigen deutschen Außenministers Hans Dietrich Genscher, Akademiepräsident und Hochschullehrer Dr. Hans Dieter Heumann sowie anderer seits Dr. Andraž Zidar, früher Universitäts dozent und Akademischer Direktor des Europäischen Masterprogramms ‚Men schenrechte und Demokratisierung‘ in Ve nedig, bevor der erfahrene Diplomat zum Direktor der Akademie des slowenischen Außenministeriums berufen wurde. Beide Autoren widmen sich einer ähn lichen Thematik, dem Zusammenspiel von Macht, Politik und Diplomatie – der eine allerdings eher gestützt auf die Analyse der großen politischen Machtzentren sowie der strategischen Entwicklungen in den letzten Jahren, der andere eher aus dem Blickwin kel einer fundierten wissenschaftlichen Durchdringung strategischer Grundmuster von Politik und Diplomatie seit dem Ende des Ost West Konflikts. Im letzteren Falle ist der Ursprung des Projekts als Disserta tion am Genfer Institut für Höhere Studi en zu berücksichtigen, jedoch reichen die Überlegungen von Andraž Zidar weit in die aktuellen politischen Diskursräume hinein. Beide Veröffentlichungen sind umfänglich quellengestützt, sehr gut recherchiert und ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung auch als wissenschaftliche Veröffentli chungen von gro ßem Wert. Neben den genannten Parallelen gibt es Unterschiede in den jeweiligen Generationen und der Herkunft der Autoren, welche die beiden Sichtweisen aus europäischer Perspektive nicht nur im Vergleich, sondern auch in Summe lohnen lassen. Das Leitthema Hans Dieter Heumanns ist ‚Strategische Diplomatie‘. Es ist die Politik ‚langer Linien‘, der engen Verknüpfung von Theorie und Praxis, einer kohärenten Sicht, die aber zugleich der Außenpolitik SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 59 24.06.20 14:14 60 | S+F (38� Jg�) 1/2020 B E S P R E C H U N G E N | (S. 135), zur „nukleare[n] Abschreckung“ (S. 136), zur „Beschränkung der Zahl der Atommächte“ (S. 136) ohne Erwähnung der im Nichtverbreitungsvertrag festge schriebenen Abrüstungsverpflichtungen (S. 158 160), zum „Schutz internationa ler, vor allem maritimer Transportwege“ (S. 35) ebenso wie zum „gesicherten Zu gang zu begrenzten und endlichen Res sourcen (Rohstoffe, Energie, Wasser)“ (S. 35f.) einschließlich eines „‘kleine[n] Selbstverteidigungsrecht[s] im Sinne ei ner verhältnismäßigen Abwehrreaktion“ (S. 191) beispielsweise bei Übergriffen auf einzelne Handelsschiffe. Vor allem aber bekennt sich Herdegen zur „Selbsterhaltung der Staaten [als] [e]lementarer Zweck einer internationa len Ordnung“ (S. 107). Damit stellt er nicht nur eine weitere (diskussionswür dige) Sachbehauptung auf, sondern diese fungiert als Axiom für die Entfaltung seiner Völkerrechtskonzeption. Daher nimmt es kaum wunder, dass Herdegen „Sicherheit [als] das wichtigste aller inter nationalen Güter“ (S. 24) begreift, die sich unmittelbar aus dem Zweck der Selbster haltung ableitet. Auf diese Weise entsteht eine sicherheitslogische Version des Völ kerrechts, die innerhalb des ordnungspo litischen wie normativen Gefüges strikt vom einzelnen Staat her denkt, der in seinem Selbsterhaltungstrieb möglichst wenig eingeschränkt werden dürfe. Insofern ist es durchaus konsequent, dass Herdegen sich das Gewaltverbot beson ders intensiv vorknöpft. Zwar spricht er sich letzten Endes doch dafür aus, „im Sinne der globalen Nachkriegsordnung am Gewaltverbot als systembildenden Element der internationalen Sicherheits ordnung festzuhalten“ (S. 148). Andern falls drohe der „Rückfall in eine Zeit der absoluten Selbsthilfe“ (S. 148), der Herde gen offenbar dann doch nicht das Wort reden will. Allerdings kratzt er offensiv am Absolutheitsanspruch der Norm. Zumindest rhetorisch stellt er sie sogar zur Disposition, wenn er aus empirischer Sicht die Frage für berechtigt hält, „ob das Gewaltverbot zu den unverzichtbaren Grundlagen einer Weltordnung gehört“ (S. 148). Dessen Bedeutung relativiert er in der Folge gleich zweifach. Zum einen gilt ihm ein „‘grosso modo‘ funktionie rendes Konfliktmanagement durch die großen Mächte [als] eine weitaus wich tigere Bedingung für die Stabilität der ganisationen bleiben […] dem Kräftespiel ganz im Sinne des klassischen Realismus ausgesetzt.“ (S. 94). Wenngleich diese Aus sagen eher als starke Behauptung denn als gut begründeter Beweis daherkommen, könnte ihnen auf den ersten Blick noch der Status einer schonungslosen Reali tätsbeschreibung attestiert werden, deren ‚Wahrheitsgehalt‘ sich im akademischen Diskurs zu erproben hätte. Diesen führt Herdegen jedoch ganz im Foucault’schen Sinne als Machtdiskurs unter Einsatz ten denzieller Ausschließungsmechanismen. So stuft er ihm unliebsame Positionen als dermaßen weltfremd ein, dass sie einem vernünftigen Zeitgenossen als alternative Denkoption nicht mehr zur Verfügung stünden. Beispielsweise verortet Her degen „manche idealistische Deutung auf einer Insel der Seligen“ (S. 19), auf der „Biotope überstaatlicher Werte und transnationaler Kommunikationsräume“ (S. 20) eigentlich nur deshalb gedeihen können, weil sie unter dem „transatlan tischen Schutzschirm“ (S. 20) stehen, den die „militärische[...] Hegemonie der USA“ (S. 20) aufspannt. Herdegen zielt aber nicht auf die politik wissenschaftliche Theoriebildung, son dern auf die Völkerrechtslehre ab. Die Auseinandersetzung mit einigen Denk schulen aus der Teildisziplin der Inter nationalen Beziehungen leistet hierzu aber eine wichtige Vorarbeit, denn deren Ordnungsvorstellungen „spiegeln sich auch im Völkerrecht wider“ (S. 53). Das Verdikt, das Herdegen über idealistisch inspirierte kooperative und kosmopoli tische Ansätze fällt, träfe mithin auch ihr völkerrechtliches Pendant. Damit meint er die Position einer Konstitutio nalisierung des Völkerrechts. Deren An hänger fügten sich seines Erachtens zu einer „kleinen Bekenntnisgemeinschaft in Kontinentaleuropa und Nordamerika“ (S. 246). Diese Fremdbeschreibung dient Herdegen gleichsam als Negativfolie, die seine eigene Position positiv ins Bild setzt: Demnach bestätigt die dem Konstitutio nalismus attestierte Irrelevanz und Rea litätsuntauglichkeit jene Relevanz und Realitätstauglichkeit, die der Autor für sei ne strategische Neuausrichtung des Völ kerrechts reklamiert. Dabei könnte fast übersehen werden, dass der Vorwurf der Bekenntnisfreudigkeit auf seinen Urheber zurückfällt. Denn auch Herdegen bekennt sich: zur „Privilegierung großer Mächte“ (S. 133), zum „Gleichgewicht der Macht“ Matthias Herdegen: Der Kampf um die Weltordnung. Eine strategische Betrachtung. München: C.H. Beck, 2019. „Kampf um die Weltordnung“ lautet der Titel des Werkes von Matthias Herdegen. Dementsprechend beginnt es mit einem sorgenvollen Blick auf die Verschie bungen im internationalen Machtgefüge. Seine Diagnose einer „Weltunordnung“ (S. 15) kommt keineswegs überraschend, gehört sie doch zum gängigen Repertoire westlicher Regierungen und ihnen nahe stehender Think Tanks. Verantwortlich macht Herdegen die üblichen Verdäch tigen, genauer den „imperiale[n] Drang Chinas und Russlands nach Ausdehnung ihrer Einflusssphären“ (S. 11), aber auch die am „amerikanischen Eigeninteresse“ (S. 12) ausgerichtete Politik der Trump Administration. Allerdings dient dieser Einstieg lediglich als Sprungbrett ins eigentliche Thema des Buches, näm lich den Kampf um die Deutung des Völkerrechts. Denn die skizzierten Ent wicklungen konnten nach Herdegen nur deshalb zur Weltunordnung führen, weil sie auf das „Versagen eines naiven We stens und die Illusion einer Verrechtli chung der internationalen Beziehungen“ (S. 15) trafen. Das globale Kräftespiel kann Herdegen als Professor für Völkerrecht natürlich nicht in seinem Sinne beeinflussen, die wissenschaftliche wie politische Debatte aber sehr wohl. So möchte er dem völ kerrechtlichen Diskurs der westlichen Staatenwelt eine „bewusst strategische Ausrichtung“ (S. 13) verpassen, die sich „stärker als bisher auf die realen Macht und Interessenbeziehungen“ (S. 12f.) ein lässt und sich dem „Ziel von Sicherheit und Stabilität“ (S. 12) verschreibt. Das be deutet für ihn auch, sich von „Illusionen einer harmonischen Weltgesellschaft“ zu verabschieden und „sich einem Realis mus [zu] stellen“ (S. 12), der schon vor Trumps Wahl Einzug in die Weltpolitik gehalten habe. Damit steht das Urteil über die im An schluss durchaus kenntnisreich vor getragenen politikwissenschaftlichen Großtheorien fest: „Die Vorstellung einer wahrhaft überstaatlichen, kosmo politischen oder auch solidarisch aus gerichteten ‚global governance‘ hat den Realitäten nicht standgehalten. […] Die wirkungsmächtigen internationalen Or SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 60 24.06.20 14:14 S+F (38� Jg�) 1/2020 | 61 | B E S P R E C H U N G E N Ohne Zweifel schafft allein das lautstarke Bekenntnis keinen Weltfrieden. Das wuss ten auch die Architekten der Vereinten Nationen, andernfalls hätten sie das Selbstverteidigungsrecht nicht in deren Charta zu verankern brauchen. Immerhin haben sie es dort strikt konditioniert. So gilt das Selbstverteidigungsrecht gemäß Artikel 51 ausschließlich für den Fall eines bewaffneten Angriffs, wie auch Herde gen explizit hervorhebt (S. 189). Darüber hinaus darf es nur solange beansprucht werden, „bis der Sicherheitsrat […] die erforderlichen Maßnahmen getroffen hat“. Diese Einschränkung versteckt der Autor jedoch im ausführlichen Zitat des einschlägigen Artikels, ohne sie nochmals eigenständig herauszustellen (S. 189). Im Falle einer Explikation wäre die subsidiäre Position des Selbstverteidigungsrechts gegenüber dem Kollektivsystem der Vereinten Nationen sichtbar geworden. Die Folge läge auf der Hand: Die Argu mentation hätte viel stärker vom Ziel des Friedens einschließlich der Gewaltver meidung her entwickelt werden müssen. Und damit eng verbunden wäre das Völ kerrecht deutlicher in seiner normativen Eigenwertigkeit erkennbar gewesen, die sich auch gegenüber jenen Großmächten als widerborstiger erweist, die Herdegen strukturell privilegiert. Gewiss dürfte heu te der Anspruch vermessen wirken, das Völkerrecht möge der politischen Macht die Fackel vorantragen, wie es Immanuel Kant einst noch im Verhältnis der Phi losophie gegenüber der Theologie für möglich gehalten hatte. Dass aber das Völkerrecht sich weigert, der politischen Macht einfach nur die Schleppe nach zutragen, müsste ihm schon abverlangt werden können. Dr� habil� Sabine Jaberg Wolfgang Peischel (Hrsg.), Wiener Strategie-Konferenz 2018. Strategie neu denken. Berlin: MILES-Verlag 2019. Seit über 75 Jahren unterhalten die US Amerikaner mit Erfolg wissenschaftliche Denkfabriken, um Strategien zur Bewälti gung der politischen und militärischen He rausforderungen zu entwickeln. Nach dem Desaster des II. Weltkrieges war eine eigene deutsche Militärstrategie nicht gefragt  – dafür waren nun die NATO Hauptquartiere zuständig. Wie aber Offiziere der Bundes wehr künftig strategisches Können für „das Stigma der offensichtlichen Völ kerrechtswidrigkeit“ (S. 46) an. Darüber hinaus hätten die regional verheerenden Folgen den gewaltsamen Regimewechsel zugunsten demokratischer Verhältnisse „völlig diskreditiert“ (S. 220). Bei aller völkerrechtlichen Expertise han delt es sich eher um eine Kampfschrift als um eine akademische Abhandlung. Daran ändern auch allseits zustimmungs fähige Passagen wie etwa das Bekenntnis zum Ziel der „normative[n] Einhegung von Konflikten schon im Vorfeld ei ner gewaltsamen Auseinandersetzung“ (S. 20) nichts, wirken sie doch wie die unverzichtbare Kulisse für das eigent liche Schauspiel. Frappierend ist vor allem die Chuzpe, mit der der Autor ei nen ganzen Strang der Völkerrechtslehre entsorgt und deren Anhänger abserviert. So unbestreitbar es ist, dass Völkerrecht im Wesentlichen zwischenstaatliches Recht ist, dass Staaten in ihrer territori alen Integrität geschützt sind und ihnen im Falle eines bewaffneten Angriffs ein Recht zur individuellen wie kollektiven Selbstverteidigung zusteht, so proble matisch ist es, Völkerrecht radikal aus dieser sicherheitslogischen Perspektive zu entwickeln. Bereits in der Präambel der Charta der Vereinten Nationen erklä ren sich die „Völker der Vereinten Nati onen“ eben nicht fest entschlossen, den Staaten zu ihrer Selbstbehauptung mög lichst freie Hand zu verschaffen, sondern „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat“. Ziel ist nicht die partikulare Sicherheit der jeweils einzelnen Staaten, sondern „den Weltfrieden und die internationale Si cherheit zu wahren“. Das bedeutet nun aber gerade nicht, den einzelnen Staat auf dem „Altar einer idealistischen Welt sicht“ (S. 17) zu opfern, wie Herdegen konstatiert. Im Gegenteil: Das Ringen um den Weltfrieden schließt die Sicherheit der Staaten im Sinne einer verlässlichen Abwesenheit personaler Großgewalt mit ein, während das auch militärisch in strumentierte Streben der Staaten nach partikularer Sicherheit den Weltfrieden eben nicht ermöglicht, sondern untermi niert. Das zumindest lehrt das altbekann te Problem des Sicherheitsdilemmas, das John H. Herz als Grenzgänger zwischen Realismus und Idealismus so prägnant beschrieben hat. territorialen Ordnung“ (S. 148). Zum anderen stellt Herdegen anhand eines konkreten Symptoms, nämlich der Ab lehnung eines Rechts der Staaten auf gewaltsame Rettung eigener Bürger im Ausland, die allgemeine Diagnose einer „obsessive[n] Verklärung des Gewaltver botes“ (S. 192). Der lockere Umgang mit dem Gewalt verbot setzt sich in der Auseinanderset zung über die Reichweite des Selbstver teidigungsrechts fort. Hier wiederholt Herdegen auch die bereits erprobte Argumentationstechnik. So orientiert er sich am Ende zwar an einem weitge hend akzeptierten Recht auf „‘preemp tive self defense‘“ (S. 193), das auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff be schränkt ist. Bei nuklearen, chemischen oder biologischen Bedrohungen greife es ausdrücklich „nur dann, wenn objek tiv erkennbar (erstens) Waffenvernich tungspotentiale bereits verfügbar sind, (zweitens) mit einem Angriff mit Massen vernichtungswaffen jederzeit zu rechnen ist und (drittens) zu einem späteren Zeit punkt ein Angriff nicht mehr verlässlich abgewehrt werden kann“ (S. 196 – Herv. im Original). Allerdings hadert Herde gen ersichtlich mit dem Umstand, dass ein noch weiter „vorverlagertes Recht auf Selbstverteidigung“ (S.  194) sich bislang ebenso wenig hat durchsetzen können wie ein „mindere[r] Status der Staatlichkeit“ (S. 220) für sogenannte Schurkenstaaten, der auch zum „Einsatz von Zwangsmitteln mit dem Ziel eines Regimewechsels“ (S. 220) berechtigen würde. Unverkennbar liebäugelt Her degen mit der Nationalen Sicherheits strategie der USA von 2002, die beides enthält: ein Konzept antizipatorischer Selbstverteidigung bei bestehenden Un klarheiten über Ort und Zeitpunkt eines militärischen Angriffs sowie die Selbster mächtigung zu Präventivschlägen gegen ‚Schurkenstaaten‘. Mit Blick auf Iran und Nordkorea attestiert Herdegen der Bush Doktrin „weit mehr Substanz als ihre pauschale Verurteilung erkennen lässt“ (S. 195). Über die Antwort auf die Frage, ob das Urteil genauso ausgefallen wäre, stünde der Passus in der russischen oder chinesischen Militärdoktrin, ließe sich an dieser Stelle nur spekulieren. Immer hin räumt Herdegen Umsetzungspro bleme im Kontext des Irakkriegs 2003 ein. Dem Waffengang hafte unter den gegebenen Bedingungen nolens volens SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 61 24.06.20 14:14 62 | S+F (38� Jg�) 1/2020 B E S P R E C H U N G E N | Die Befassung mit der begrifflichen Quadri ga trägt im Laufe der Dokumentation zum eigentlichen Gewinn der Konferenz bei: Cyber wird als ein Handlungsfeld für Stra tegie gesehen, sei es als Ziel oder Zweck, sei es als Mittel zur strategischen Behandlung in Form einer Offsetstrategie des Nieder oder Kaputtrüstens bzw. als der zu beein flussende Teil des strategischen Prozesses. Hybridität bezeichnet aus politischer wie militärischer Sicht ein Zusammen von militärisch kriegerischen Wegen, Mitteln und Methoden vom konventi onellen über subversiven bis atomaren Krieg mit anderen vergleichbaren aber nicht originär militärischen Formen. Da bei wird vor einer „Marginalisierung“ der militärischen Kompetenz gewarnt, „dass die breite Palette an nicht militärischen Instrumenten Sicherheit auch ohne wirkungsvolle Streitkräfte garantieren könnte“ (Peischel,. S. 106). Das hybride Risikopotenzial sei bisher nicht ausrei chend untersucht, um daraus strategie entsprechende Ableitungen entwickeln zu können (s. Gegner S. 230ff). Staatlich politische Resilienz wird meist statisch als Resilienz Sicherung gedacht. Resilienz ist aber in ihrer ganzen (begriff lichen) Bandbreite zu verstehen. Deshalb müssen Funktionsprinzipien gesamtheit lich strategischen Denkens entwickelt werden, um damit zum Aufbau und zur Aufrechterhaltung einer dynamischen Resilienz beitragen zu können. Die Bei spiele zu diesem Thema aus israelischer Sicht verdeutlichen, dass Resilienz sowohl als persönlich individuelle, wie als „nati onale Resilienz“ Bedeutung hat und zwar mit „realistischen Auswahlmöglichkeit“ zwischen Schadensbegrenzung und de finitiver Lösung. Die Bedeutung von Narrativen als poli tische Denkfigur, die handlungsanleiten de, gesellschaftliche und soziale Maximen zur Verfügung stellt, ist am weitesten durchdacht. Sie sind „Grautöne“, die zur „Komplexität“ und der Unmöglich keit des exakten Abwägens bei Strategie schlechthin zu zählen sind. Sie bieten „weiche Zugänge zu harten Fakten“ (Birk, S. 237 ff.). Dabei geht es um „kulturelle Selbstbespiegelungen“, „wie die für den jeweiligen Teilbereich zuständigen Ak teure und Eliten die Rolle des eigenen Bereiches sehen und daraus abgeleitet eine Ressourcenverteilung für die Errei die Lehre in den Streitkräften mit ent sprechender Didaktik und Methodik und eine Grundlage für den weitergehenden dialektischen wissenschaftlichen Dis kurs im Konferenzformat auch über teilstrategische Grenzen hinaus. Die Arbeitsergebnisse werden veröffent licht. Der voluminöse dritte Bericht von 2018 setzt nun den Diskurs der beiden Vorläuferkonferenzen fort. Daraus ent steht schrittweise ein Lehrwerk zu „Stra tegiedenken“. Die Dokumentation der Texte gliedert sich nach den Vorträgen, den Einführungen und Ergebnissen der Panels sowie weiterführenden Aufsätzen. Über allem steht als leitende Fragestellung die nach vier modernen Begriffen: „Narra tive, Hybridität/Hybride Kriege, Resilienz und Cyber“. Diese Begriffsquadriga wird in allen Panels und Vorträgen aus un terschiedlichen Sichtweisen geprüft und definiert. Dabei stellt sich die Frage, ob dies nicht nur alter Wein in neuen Schläu chen sei oder umgekehrt und ob die vier Begriffe Theoriefragmente oder konkrete Aspekte für das Verstehen, Denken und Arbeiten in Strategie sind. Deutlich ist, dass diese Ausdrücke für Komplexität und Ungewissheit als „Kernprobleme jeder Strategiebildung“ stehen, als Ausdruck des „unknown unknown“. Es wurde auch auf manipulative Gefährdungen und Fehldeutungen hingewiesen, die den Begrifflichkeiten Narrativ, Cyber, Hybridi tät und Resilienz innewohnen. Sie seien nämlich im Strategiefeld nicht nur In strumente, Mittel oder Medien, sondern immer auch und zugleich Gegenstand, Gefahrenpunkt und eigen wirkmächtiges Element im Rahmen von Strategiedenken (Jeschonnek S. 366 – 370). Generell wird kritisch die „permanente Produktion“ neuer Termini gesehen, sie wirke sich eher negativ auf die wissenschaftliche Produk tion aus, da sie „die Aufmerksamkeit auf die taktische Ebene lenken und breitere strategische und politische Fragen aus blenden (S. 341). Deutlich wird auch, dass es keinen einheitlichen Gebrauch und Nutzen so eines Terminus‘ auf den verschiedenen Ebenen des Strategieden kens geben kann, denn die Bedeutung und Prognosekapazität derartiger Begriffe liegt in der Vielheit von Bezügen und Ebenen bis zum individuellen Bild und Verständnis dessen, was der einzelne, ob Politiker, Verwalter oder Soldat für sich in der Weltunordnung oder Welt im Auf bruch braucht (Birk S. 188). die Tätigkeiten in NATO Stäben erwerben könnten, blieb außer Betracht. Soweit stra tegische Fähigkeiten nicht als „angeboren“ gelten, gab es nur den Weg des learning by doing – on the job. Denn bis vor drei Jahren gab keine entsprechende Lernstätte im Deutschen Militär. Daher darf man ge spannt sein, wie sich der Vorstoß der ehe maligen Verteidigungsministerin von der Leyen zur Gründung eines Think Tanks für strategische Fragen, das GIDS (German Institute for Defence and Strategic Studies) an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw), entwickeln wird. Das nicht wegzudiskutierende „gegen wärtigen Strategiedefizit“ im deutsch sprachigen Raum in Politik, Diplomatie, Sicherheitsexekutive, öffentlicher Verwal tung, privatwirtschaftlicher Unterneh mensführung, dem Non Profit Bereich wie auch NGO’s erklärt Matlary (S. 405) damit, dass „politische Eliten die Welt kriege und den Kalten Krieg vergessen hät ten. Sie zeigten daher wenig Interesse an Sicherheits und Verteidigungserfordernis sen und setzten militärische Macht nur in humanitären Interventionen zum ‚guten Zweck‘ ein. Damit würde Europa aber un fähig, glaubhaft Abschreckung auszuüben, und zum Spielball der Akteure, die sehr wohl strategiefähig sind. Zum anderen fällt eine zunehmend inflationäre Nut zung und Unklarheit des Begriffs Strategie für Tätigkeiten aller Art auf. Dies bedarf der Klärung, nicht nur für die Lehre und Forschung der militärischen Strategie, son dern auch wie diese zivilisiert und damit interdisziplinär akademisiert werden kann. Dieser Aufgabe stellt sich Brigadier Wolf gang Peischel seit 2016 mit der Initiative der Österreichischen Militärschen Zeit schrift (ÖMZ) in Verbindung mit der EMPA (European Military Press Association) und in Zusammenarbeit mit der Gene ralstabsausbildung des Österreichischen Bundesheeres mit der jährlichen „Wiener Strategie Konferenz“. Es geht dabei um die Suche nach dem inhaltlichem Fundament für eine wissenschaftliche Strategielehre, nicht nur für den mili tärischen Bereich, die Erfassung und Analyse des gegen wärtigen Strategiedefizits, die akademische Anerkennung eines Lehrstuhls für einen universitären Lehr und Forschungsgegenstand „Strategiedenken“, SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 62 24.06.20 14:14 S+F (38� Jg�) 1/2020 | 63 | B E S P R E C H U N G E N Eher zwischen den Vorträgen stellte sich die Frage nach der (Aus )Bildung zum Strategiedenken. Dabei sind drei Ansätze zu unterscheiden: 1. Die wissenschaftlich akademische Ausbildung auf der Ebene der Theorieentwicklung zum Strategie denken; 2. die Ausbildung auf der Ebene der praktischen Gestaltung und Anwen dung von Strategien im Alltag und 3. die Gestaltung im gesellschaftspolitischen Raum. Auf jeder dieser drei Ebenen geht es um Bildung als „strategische Ressour ce“. Dabei unterscheiden sich die Mög lichkeiten der Vermittlung grundsätzlich. Die vorliegenden drei Dokumentations Bände von 2016, 2017 und nun auch 2018 markieren einen Aufbruch in dem bisher weitgehend vernachlässigten Feld der Strategie. Es hat sich gezeigt, dass eine vorgegebene Ordnung mit Vorträgen und Panels allein nicht sinnvoll wäre. Viel mehr hat sich ein unter einer Vielfalt von Aspekten gleichzeitiger und multidimen sionaler Ansatz auf drei Behandlungsebe nen entwickelt und bewährt: Die Vorgabe der Begriffsquadriga als Leitfaden und die interdisziplinären Fachgebietsschwer punkte in den Panels und der Praxisbezug aus Sicht konkreter strategischer Hand lungsfelder. Ein derart multipolarer An satz entspricht dem Strategiedenken an sich. Die Wiener Strategiekonferenz hat mit diesem internationalen und multidis ziplinären Format des Strategiedenkens im deutschsprachigen Raum eine Vorrei terrolle übernommen. Wünschenswert ist die weitere Öffnung der Konferenz zu anderen Handlungsfeldern im nationalen wie internationalen Bereich sowie zu wei teren wissenschaftlichen Disziplinen. Prof� Dr� Claus Freiherr v� Rosen die vielfältigen Herausforderungen und Möglichkeiten eines Wirtschaftskrieges, wie wir ihn seit wenigen Jahren erleben, sind wissenschaftlich noch nicht erfasst. So regt Mantovani auch eine interdiszi plinäre Methodik und die Kombination verschiedener Analysedimensionen wie Geschichte, Politik, Militär, Ökonomie Kultur und Natur an. Im Panel Natur und Technikwissenschaf ten zeigt sich die rasante Entwicklung in den letzten 150 Jahren, besonders seit dem 2. Weltkrieg. Hier sei ein nach hinkend vorrausschauender Ansatz zu fordern, international, interdisziplinär wie fachübergreifend; an die Stelle einer Disziplinorientierung müsse eine Pro blemorientierung treten (Hinterstoisser S. 282 284). Das Panel Strategie und Medizin, Biolo gie, Biotechnologie, Biogenetik und syn thetische Genetik zeigt im Zusammen hang mit Biowaffen ein neues Einfalltor auf. Ob das Risiko in möglichen Fehlern von Entwicklungen im medizinischen Bereich liegt, im Missbrauch oder gar im gezielten Einsatz als Waffe z.B. bei Bioter rorismus, das alles ist nicht mehr Fiktion (Knoepffler S. 292 295). Beim Panel zu Geostrategie und mariti men Aspekten wurden die sicherheits politischen Risiken durch den Wegfall von räumlicher Distanz behandelt. Das Problem der „gefühlten Sicherheit“ stellt sich nicht mehr die Frage des „ob“ der Verwundbarkeit einer Gesellschaft durch Krieg, sondern (nur) die des „wie“ deren Ausmaßes. Das verdeutlichten Vorträge wie z.B. die Analyse der österreichischen Außenministerin Karin Kneissl zur poli tischen und besonders außenpolitischen Situation (S. 75 81) oder Matlarys Refle xionen zur strategischen Situation 2014 in Europa/in der NATO unter der Fra gestellung: Kann Europa angesichts des Russischen Revisionismus strategisch handeln? (S. 43 74), oder die militär strategischen Betrachtungen zur erwei terten Nordflanke der NATO im Ostsee raum (Neretnieks S. 83ff.), die derzeitige NATO Strategie in ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit gegenüber Russland seit der Krim Annexion 2014 (Peischel S. 107 ff.), Khandares Betrachtung zu Chinas „Vision“ und dessen Politikentwicklung (S. 152 158) und Gegners Vortrag über die hybriden Bedrohungen im maritimen Bereich (S. 230 236). chung oder Durchsetzung eigener Ziele priorisiert“ (S. 177). Jeder folgt unaus gesprochen „seinem selbst gebildeten, eigenen Leitbild“ (S. 173). Narrative kön nen entweder bewusst zur Lenkung oder zur Täuschung anderer genutzt werden oder eher unbewusst bleiben. Sie können aber auch leicht zum eigenen Nachteil vernachlässigt werden. Deshalb bedarf es einer Art Verstehen, das über das reine Faktenwissen hinausgeht (Kneissl, S. 78). Unabhängig von der Begriffsquadriga setzten die Panels jeweils eigene The menschwerpunkte. Im Mittelpunkt des geisteswissenschaft lich ausgerichteten Panels „Religion, Werte und Interkulturalität“ stand die Begrifflichkeit der Quadriga selber. Dies ist insofern für die weitere Betrachtung sinnvoll, da die Findung und Bedeutung der Begriffe von Strategie ein geisteswis senschaftliches Moment ist, auch wenn bei deren Anwendung, d.h. beim Stra tegiedenken, andere fachliche Orientie rungen vorherrschen können (Schuh, S. 319). Dabei ist auch der methodisch analytische Zugang aus dem Social political culture Ansatz zu sehen, denn unterschiedliche Akteure haben zu den anderen Akteuren eine bestimmte Grund einstellung, je nach Nation, Kultur oder Gesellschaft, wodurch ihr Verhalten in bestimmten Situationen beeinflusst wird (Pankratz S. 336 342). In den Panels Militärwissenschaft (S. 300 317), Strategieberatung (S. 343 360) und Strategische Kommunikation (S. 361 378) wurden die Politikfelder Militär, Sicher heitsexekutive, hoheitliche Verwaltung und privatwirtschaftliches Unterneh mertum zwischen „Beratungspraktikern“ verschiedener Nationalitäten diskutiert. Wo überall Gefahren für weitere Entwick lungen aufbrechen können, wird deutlich am Thema Hybridität. Diese ist nicht nur in Form von hybriden Kriegen zu beden ken. Hier wird aber auch deutlich, dass das Militärische eine Art Steuerinstanz für den Lehrgegenstand „Strategisches Denken“ noch für einige Zeit übernehmen kann, bis Strategiedenken allgemein in Lehre und Forschung etabliert sein wird (S. 300 317). Die Vergleichbarkeit der Organisation von Militär und Wirtschaft ist evident. Doch es gibt (s. Holler S. 267) eine spezielle Ausbildung für Führungsverfahren und Informationsgewinnung im Wirtschafts krieg bisher nur in Frankreich. D.h. auch, SuF_01_20_Inhalt_3.Umbruch.indd 63 24.06.20 14:14

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Abstract

S+F (Security and Peace) is the leading German journal for peace research and security policy. S+F aims to serve as a forum linking civil society and the armed forces in the areas of science and politics comprising of research analysis, insider reports and opinion pieces. Decisions on publication are made on the basis of the contribution made by a text to national and international discussions on peace and security issues; from scientific aspects of arms control, to questions of nation-building in post-war societies. Every issue of S+F is focussed on a particular theme. In addition to contributions devoted to the central theme, texts addressing general aspects of peace and security research are also published. Contributors can choose whether to have the text evaluated by the editorial team or by way of an external evaluation process (double-blind peer-review).

Articles of the journal S+F are entered in various national and international bibliographic databases. Among them are Online Contents OLC-SSG Politikwissenschaft und Friedensforschung (Political Science and Peace Research), PAIS (Public Affairs Information Service) International Database, Worldwide Political Science Abstracts and World Affairs Online (by the Fachinformationsverbund Internationale Beziehungen und Länderkunde FIV / The German Information Network International Relations and Area Studies) (see also www.ireon-portal.de).

Website: www.sicherheit-und-frieden.nomos.de

Zusammenfassung

Die Zeitschrift versteht sich als Diskussionsforum für neuere Forschungsergebnisse und politische Entwicklungen auf dem Gebiet der Friedens- und Sicherheitspolitik. Durch Analysen, Stellungnahmen, Dokumente und Informationen sollen kontroverse Auffassungen und brisante Themen einer sachlichen Diskussion zugeführt werden.

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