Alexander Brand, Arne Niemann, Die UEFA Champions League als politischer Mythos. Einigung Europas oder Entfremdung der Fans? in:

STADION, page 76 - 98

STADION, Volume 43 (2019), Issue 1, ISSN: 0172-4029, ISSN online: 0172-4029, https://doi.org/10.5771/0172-4029-2019-1-76

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Die UEFA Champions League als politischer Mythos. Einigung Europas oder Entfremdung der Fans? Alexander Brand* & Arne Niemann** Abstract. The article seeks to describe and discuss the UEFA Champions League as an eventually emerging political myth. This continent-wide competition in top-level European club football has been rendered both an „integration engine“ (contributing to a further amalgamation of societies of supporters and interested Europeans in a lifeworldy sphere) as well a „grave digger“ of football (due, for instance, to its detrimental effects on some national competitions across Europe). Following from that, we distinguish between two countervailing narrative strands, with several motives and sub-narratives in both, that have the potential to either cement or to undermine the mythological nature of the Champions League. Whereas the positive narrative hints at politically relevant forms of societal integration through the presence of a continent-wide, de facto league of top football clubs, the negative counterpart suggests that the Champions League is a driver for (over-)commercialisation and a threat for the integrity of „true“/traditional football. We argue that these two Champions League narratives do not seem to (completely) neutralise each other. While fans may be alienated by the commercialisation triggered through the Champions League, at the same time the Champions League may have a unifying effect by widening perspectives, fostering a common continental communicative space, or constituting an engine of lived integration. In the remainder we seek to outline possible avenues of future research into how football fans – not so much elite commentators such as politicians, club and association officers, scholars and journalists – indeed perceive of the Champions League and hence link up to the two broader narratives identified. Keywords. UEFA Champions League, political myth, football (soccer), fans, Europe, integration. Ohne Zweifel hat die UEFA Champions League über die Jahre hinweg erhebliche Aufmerksamkeit – Faszination, aber auch Kritik – seitens der Fußballfans und darüber hinaus auch durch Massenmedien und Gesellschaften in Europa erfahren. Während sie sich rasch zu einer kommerziellen Erfolgsgeschichte mit eigenem Markennamen entwickelte und scheinbar mühelos finanziell hochkarätige Sponsoren anzog, wurde sie im Lauf der Zeit, und gerade in den letzten Jahren, auch zunehmend zur Zielscheibe von teils fundamentaler Kritik: ob der Änderungen des Formats, der daraus resultierenden wachsenden Kluft zwischen Spitzen- und übrigen Vereinen nationaler Ligen oder ob einer wahrgenommenen Übersättigung von Zuschauern und Fans.1 Neben solchen Diskussionen über mögliche sportliche und kommerzielle Dynamiken hat die Champions League aber seit ihrer Gründung auch Anlass zu Überlegungen gegeben, ob sich in ihr nicht der Motor für ein stärkeres Zusam- * Hochschule Rhein-Waal Kleve / Rhine-Waal University of Applied Sciences – alexander.brand@hochschule-rhein-waal.de. ** Johannes Gutenberg-Universität Mainz – arne.niemann@uni-mainz.de. 1 Vgl. Holt, „Global Success;“ Giulianotti, „Sport Spectators;“ Smith, „Champions League Cash.“ Stadion, Bd. 43, 1/2019, S. 76 – 98, DOI: 10.5771/0172-4029-2019-1-76 menwachsen Europas, der europäischen Gesellschaften und deren Aufmerksamkeitshorizonte, mithin eines Impulsgebers für politisch-gesellschaftliche Integration in Europa herauskristallisiert habe. Allein der Gedanke, dass Millionen Europäer zur gleichen Zeit Champions League-Spiele verfolgten und dabei eben nicht nur jene ihrer favorisierten Vereine oder jeweiligen nationalen Mannschaften begleiteten, hat sowohl die politische als auch die wissenschaftliche Debatte beflügelt.2 Sollte es daher zutreffen, dass die Champions League-Finalspiele für die Menschen in Europa von größerer Bedeutung sind als ein abstrakter Verfassungspatriotismus gegenüber den Gemeinschaftsverträgen der Europäischen Union, so wäre die unbewusste Identitätsstiftung durch derartige Alltagsaktivitäten (das kollektive Verfolgen von Fußballspielen) von erheblicher politischer Relevanz.3 Werden derartige Verweise auf eine durchaus europäisierende Wirkung der Champions League immer wieder diskursiv erneuert und weitergetragen und sickern sie in das kollektive Gedächtnis ein, so können sie mit der Zeit einen politischen Mythos begründen. Demgemäß würde nicht mehr zuerst danach gefragt, ob und wenn ja, wie tief und auf welchen Wegen die Champions League einen Beitrag zur europäischen Integration leistete; es gliche eher einer geteilten Wahrnehmung, dass dem so ist, und zwar in nicht unerheblichem Maß. Einer solchen Wahrnehmung gegenüber stehen jedoch alternative narrative Konstruktionen, die deren positive Botschaft in Bezug auf die Wirkungen der Champions League potenziell unterminieren könnten. Diese finden ihren Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass die Champions League zweifellos den europäischen Klubfußball revolutioniert hat. Diese Revolution jedoch, so die Kritik, habe einen hohen Preis: Sie habe zu einer Fokussierung auf Präferenzen und Gewinnchancen der Elitevereine zulasten kleinerer Klubs geführt und damit einhergehend zu einer Vorhersehbarkeit der Ergebnisse, was den Ausgang des Wettbewerbs und auch der Chancen, sich erst einmal dafür zu qualifizieren, anbelangt. Zudem begünstigen die Umwälzungen im Fahrwasser fortschreitender Kommerzialisierung riskante Geschäftsgebaren und immer häufiger auch finanzielle Schieflagen bis hin zur Insolvenz ehemaliger Traditionsvereine. Je mehr Einfluss solche Narrative über die „Degenerierung“ des Fußballs gewinnen und je stärker es Abkehrbewegungen gegen den (auch und gerade durch die Champions League beförderten) „modernen“ Fußball gibt, desto wahrscheinlicher erscheint der Kollaps des oben skizzierten integrativen Mythos.4 Im Folgenden sollen diese beiden Narrative näher ausgeführt und analysiert werden. Unser Ziel dabei ist es zu beleuchten, welches Potenzial als politischer Mythos einem Wettbewerb (der Champions League) im Spitzenfußball, und damit in einem ursprünglich als nicht politisch ausgewiesenen Handlungsfeld, innewohnt. Dafür soll im nächsten Abschnitt zunächst der Begriff des „politischen Mythos“ kurz definiert werden, um vor diesem Hintergrund in den darauffolgenden Abschnitten die beiden konkurrierenden Narrative zur Champi- 2 Vgl. King, European Ritual; Hill, „European Language.“ 3 Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 8–9. 4 Vgl. etwa Koenig, „Champions League.“ Die UEFA Champions League als politischer Mythos 77 Stadion, Bd. 43, 1/2019 ons League zu skizzieren. Abschnitt vier widmet sich anschließend einer Auswahl empirischer Belege für die Resonanz beider Narrative in der primären Zielgruppe, den Fußballfans, bevor zum Abschluss einige Schlussfolgerungen präsentiert werden. Narrative und politische Mythen Ein „Mythos“ bezeichnet gemeinhin eine Reihe von Ideen oder Narrativen, welche ein Ereignis oder eine Abfolge von Ereignissen mit Bedeutung aufladen, wobei deren „wahrer Kern“ mit fiktionalen Elementen angereichert wurde. Ausgehend von diesem generellen Verständnis verstehen wir unter einem politischen Mythos vornehmlich die resultierenden politischen Implikationen solcher Interpretationen für eine bestimmte Zielgruppe von Zuhörern. Mit Flood definieren wir „politische Mythen“ als ideologisch geprägte Narrative einer „Abfolge von Ereignissen, in denen mehr oder weniger die gleichen Hauptakteure involviert sind, die mehr oder weniger eine immer gleiche Interpretation erfahren und die innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zirkulieren“.5 Ein solches formalistisches Verständnis politischer Mythen allein ist für die Begriffsbestimmung jedoch nicht ausreichend, drängen sich doch darüber hinaus auch Fragen nach den Funktionen ideologisch motivierter Mythenbildung auf. Geht man davon aus, dass solche Mythen nicht einfach mit der Zeit entstehen, sondern – zumindest teilweise – bewusst etabliert und genährt werden, so kommt man nicht umhin, ihre konstitutive Funktion für kollektive Sinnhorizonte anzuerkennen. Es sollte daher davon ausgegangen werden, dass politische Mythen eine integrative Wirkung entfalten, und wohl auch entfalten sollen. Als emotional aufgeladene Erzählungen bieten sie eine Plattform für Vergemeinschaftung und kollektive Sinnstiftung. Mit Bizeul lässt sich ausführen, dass politische Mythen Orientierung vermitteln, wobei ihre Wirkmächtigkeit auf „narrativen Sinngebilden“ aufruht, die das Kollektiv, innerhalb dessen eine Verständigung erzielt werden soll, in bedeutendem Maße zunächst erst einmal konstituieren.6 In diesem Sinn argumentiert auch ein jüngst entstandener Forschungsstrang in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, der hervorhebt, dass „kollektive Mythen“ idealisierte und selektive Darstellungen von Etwas sind, deren Kommunikation entweder bewusst auf die Konstituierung einer Gemeinschaft abzielt oder diese wenigstens effektiv befördert.7 In dieser argumentativen Stoßrichtung behauptet etwa Moulton, die Hauptfunktion „politischer Mythen“ bestehe in der Legitimierung bestimmter Handlungen, politischer Inhalte oder Strukturen, wobei der tatsächliche Wahrheitsgehalt des berichteten Mythos nur 1 5 Flood, Political Myth, 42 (unsere Übersetzung). 6 Bizeul, „Theorien,“ 12. 7 Vgl. etwa Becker, „Begriff und Bedeutung;“ Hein-Kircher, „Politische Mythen.“ 78 Alexander Brand & Arne Niemann von nachrangiger Bedeutung sei.8 Wichtig ist demzufolge vielmehr, inwiefern ein entstehender Mythos die vorherrschende Meinung innerhalb einer bestimmten Gruppe prägt; das Ausmaß seiner Akzeptanz entscheidet darüber, ob er als Motor der Gemeinschaftsbildung fungiert. Für den gesellschaftlichen, lebensweltlichen Bereich des Fußballs hat Herzog die Bedeutung von „Mythen“ (als Fußballmythen) herausgearbeitet.9 So argumentiert er ebenfalls, dass es sich bei Mythen im Fußball um „epische Narrative“ handele, die zwar in der Realität, in Phänomenen und Ereignissen, verankert sind, sich aber geradezu wesenskonstitutiv durch Aussparungen, Hinzufügungen, Umdeutungen und bisweilen auch propagandistisch intendierte Verfälschungen auszeichnen.10 Integraler Bestandteil sei zudem die Zuweisung von positiven und negativen Rollenbildern (Held, Opfer, Schurke) zu den Protagonisten eines Mythos – einer Mannschaft, eines Spiels, eines triumphalen Erfolgs oder einer erschütternden Katastrophe – die die Besonderheit nicht allein eines vergangenen Fußballereignisses, sondern dessen kulturell bzw. kollektiv integrierende Kraft in die Jetztzeit hinein, die Anschlussfähigkeit des Mythos an heutige Selbstverständnisse von Fußballinteressierten, Fans, Clubfunktionären usw. herstellten. Anknüpfend daran versuchen wir im Folgenden, den Mythos-Begriff in einem geringfügig adaptierten Verständnis fruchtbar zu machen. Unser Hauptinteresse liegt nicht auf der Rekonstruktion der Mythenbildung zu einem konkreten Ereignis, sondern bezieht sich in Gestalt der Champions League eher auf eine Abfolge von Ereignissen, einen andauernden Wettbewerb, der sich durch eine faktische Präsenz über die Zeit ebenso wie andauernden Wandel seines Formats auszeichnet. Zum zweiten fokussieren wir auf das Verhältnis von gegenläufigen Narrativen, also parallel zueinander existierenden, einander teils widersprechenden Erzählungen und Ausdeutungen, denen das Potenzial innewohnt, einen Mythos sowohl zu begründen als auch zu unterminieren. Die Unterscheidung zwischen (politischen) Mythen und Narrativen, die für unsere weitere Ausführung insoweit bedeutsam ist, als wir den politischen Mythos der Champions League auf Basis zentraler Narrative zum Wesen der Champions League zu beschreiben suchen, ist auch für die sozial- und kulturwissenschaftliche Debatte von großer Bedeutung. Wir folgen hier einem eher minimalistischen Verständnis wie bei Moulton, der Mythen als spezifische „Erweiterungen von Narrativen“ versteht.11 Unsere nachfolgenden Ausführungen bauen in zweierlei Hinsicht auf diesen Konzeptualisierungen auf. Zum einen stimmen wir damit überein, dass Mythen erst dann begründet werden, wenn bestimmte Narrative bis auf weiteres den Status größtenteils unbestrittener Interpretationen erlangt haben. Gelten sie nahezu als Tatsachen, so können sie stillschweigend dazu beitragen, Mythen zu etablieren. Zum anderen betonen wir den Umstand, dass verschiedene Narrative nebeneinander existieren kön- 8 Moulton, „Political Myths.“ 9 Herzog, „Myth Machine.“ 10 Ebd., 6–9. 11 Moulton, „Political Myths.“ Die UEFA Champions League als politischer Mythos 79 Stadion, Bd. 43, 1/2019 nen, auch solche, die alternative Interpretationen bereitstellen und somit die Möglichkeit besitzen, einen entsprechenden Mythos zu untergraben. Im Folgenden skizzieren wir daher zwei Stränge von Narrativen zur Champions League. In den positiv besetzten Narrativen wird die Champions League demgemäß als integrierende Kraft europäischer Einigung jenseits politischer Verträge und Verhandlungen beschrieben. Aus der Lesart dieser (Sub-)Narrative heraus ließe sich die Champions League als ein politischer Mythos begründen, der einen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration Europas leistete, etwa indem ein gemeinsamer Handlungs- und Erinnerungsrahmen durch sie bereitgestellt wird. Demgegenüber lassen sich allerdings auch Narrative ausmachen, die die Transformation des Fußballs durch die Champions League als letztlich ruinös und desintegrierend zeichnen. Solchen Narrativen, so sie sich verfestigten und für größere Gruppen von Fans und Fußballinteressierten die dominante Wahrnehmungsfolie bildeten, wohnte das Potenzial inne, am positiven Mythos der Champions League nicht nur zu kratzen, sondern diesen ins Negative umschlagen zu lassen. Die UEFA Champions League als (positiver) politischer Mythos Es mangelt sicherlich nicht an wissenschaftlichen Darstellungen der Champions League, in denen ihr implizit oder gar explizit ein herausragender (wenn nicht gar mythischer) Status attestiert wird. So wurde sie beispielsweise als „real focal point for the most competitive […] clubs“ 12 oder als „premium product category with an extraordinary well-defined and well-designed brand identity“ bezeichnet,13 die europaweit bekannt und als zentraler Wettbewerb fest im Bewusstsein europäischer Fußballfans verankert sei.14 Gleiches gilt auch für ihre mediale Darstellung. Exemplarisch sei hier auf die 2012 vom ZDF produzierte Dokumentation mit dem Titel „Mythos Champions League“ verwiesen, die vom Sender selbst dahingehend kommentiert wurde, es gebe nichts Größeres im Leben eines Fußballprofis, als einmal diesen Wettbewerb zu gewinnen, und dass dieser Mythos – ebenso wie die Magie des Sports in den Augen der Fans – augenscheinlich über allen Erwägungen zu finanziellen Interessen der Verbände und beteiligten Vereine stünde.15 Zahlreiche Kommentatoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und behaupten, die Champions League sei mehr als nur ein sportliches Ereignis. Vielmehr fungiere sie als Motor für die europaweite Integration unterschiedlicher Gesellschaften. Zwecks analytischer Klarheit ist es dabei sinnvoll, zwischen drei Narrativen zu unterscheiden, die allesamt Unterstützung durch Wissenschaft, Politik und Medien erfahren haben und erst zusammengenommen den politischen Mythos der Champions League etablieren und aufrechterhalten. So 2 12 Brand und Niemann, „Europeanisation,“ 193 (Hervorhebung hinzugefügt). 13 Sonntag, „European Hour.“ 14 Holt, „Global Success,“ 51 und 54. 15 Vgl. ZDF, „Mythos.“ 80 Alexander Brand & Arne Niemann wird zum einen behauptet, dass die Regelmäßigkeit des Wettbewerbs (vor allem des Aufeinandertreffens ähnlicher Wettbewerber in einem europäischen Kontext) sowie der kommerzielle Erfolg und die zugeschriebene sportliche Qualität des Wettbewerbs in der Champions League zu einer Erweiterung der Perspektiven von Fans und Zuschauern geführt hätten. Dementsprechend habe sich durch die Champions League die Aufmerksamkeit von Fans und Zuschauern zunehmend auf die europäische Ebene verlagert und mit der Zeit eine Normalisierung dieses Interesses an einem europäischen Wettbewerb (nicht als exotisches Beiwerk, sondern integraler Bestandteil des Spitzenfußballs) befördert. In diesem Fahrwasser hätten sich grenzüberschreitende Fangemeinden von europäischen Spitzenclubs herausgebildet, im Mindestens sei die Begleitung des eigenen Teams als Fan zu Auswärtsfahrten ins europäische Ausland normaler geworden. Zum zweiten diskutieren sowohl Wissenschaftler als auch Publizisten die mögliche Entstehung einer gesamteuropäischen (Fußball-)Öffentlichkeit, die durch geteilte, transnationale mediale Ereignisse und gemeinsame Erfahrungen begründet werde. Die Champions League als gesamteuropäisches Medienereignis würde demzufolge dazu beitragen, die oftmals national geprägten Medienöffentlichkeiten aufzubrechen und ausgerechnet im Feld des Fußballs stärker zu verschmelzen. Zuspitzung erfährt diese Logik im dritten Teil-Narrativ, in dem das aus solch wiederkehrenden gemeinsamen Erlebnissen entstehende Zusammengehörigkeitsgefühl hervorgehoben und als Form „gelebter Integration“ angesehen wird, die aufgrund größerer Alltagsnähe und damit einhergehender Authentizität möglicherweise einer homogenisierenden Regulation seitens europäischer Politik vorgezogen werde. In den folgenden Unterkapiteln sollen diese drei Teil- Narrative nun ausführlicher vorgestellt werden. Die Champions League und die Erweiterung der Perspektiven Anthony King war wohl der Erste, der systematisch der Idee nachging, die Champions League erweitere die Perspektiven von Fußballfans über ihre lokalen und nationalen Kontexte hinaus.16 So kam er in seiner ethnographischen Untersuchung lokaler Fans des Manchester United F.C. (ManU) in den späten 1990er Jahren zu dem Schluss, dass deren Identität zunehmend eine europäische Orientierung erfahre, und identifizierte insbesondere zwei Katalysatoren für diesen Prozess. So führe zum einen die steigende Zahl an Champions League-Spielen zu größeren Reisemöglichkeiten von Fans und begünstige damit die Herausbildung eines kulturell geprägten Eigenverständnisses als „Europäer“. Zum anderen fördere die zunehmende Ausstrahlung des Spitzenfußballs aus anderen europäischen Ligen, im Fahrwasser des durch die Champions League gestiegenen Interesses an europäischem Fußball generell, im britischen Fernsehen die Vertrautheit mit anderen Ländern und Städten, was wiederum zu einem gestiegenen europäischen Bewusstsein beitrage. Insbesondere Beobachtungen wie die folgende zeigten sich in diesem Kontext aufschlussreich: „[Jene Fans] wünschen sich, dass Manchester und Manchester United auf dieser entstehenden transnationalen Ebene antreten, damit sie als anderen großen europäischen 2.1 16 Vgl. King, „Football Fandom;“ King, European Ritual; King, „New Symbols.“ Die UEFA Champions League als politischer Mythos 81 Stadion, Bd. 43, 1/2019 Vereinen und Städten gleichwertig betrachtet werden können. Für diese Menschen beinhaltet post-nationale Identität nicht die Verlagerung ihrer Identitäten und Interessen auf die supranationale Ebene, sondern, im Gegenteil, eine zunehmende Verlagerung ihrer Interessen und Verbundenheit zurück auf die lokale Ebene, die anschließend wiederum mit jenem neuen transnationalen Kontext in Verbindung gesetzt wird“.17 In der Folge seien Manchester United-Fans weitaus stärker daran interessiert, wie sich Juventus in Italien oder Feyenoord in den Niederlanden entwickelten (vor 20 Jahren noch wettbewerbsfähige Mannschaften der Champions League), anstatt an den Schicksalen von Premier League-Vereinen wie etwa Coventry größeren Anteil zu nehmen, so King.18 Tatsächlich konstruieren nicht wenige andere wissenschaftliche Beiträge zum Thema ähnliche Analogien. So weist Holt beispielsweise darauf hin, dass „die Zunahme europäischen Wettbewerbs durch die Champions League die Ergebnisse von Arsenal für Fans von Valencia und jene von Barcelona für die von Chelsea relevant macht“.19 Angenommen wird also, dass sich Bezugsrahmen und Identitäten von Fans, auch in der eigenen Wahrnehmung, verändern, ohne dass dabei aber leichtgläubig davon ausgegangen wird, dass sich alle Fußballinteressierten allesamt in Kosmopoliten verwandelt haben.20 Nichtsdestotrotz muss sich etwa der Wunsch, „der Beste“ in der Champions League sein zu wollen, auch aus Sicht der involvierten Fans nicht notwendigerweise auf die entsprechend positive Repräsentation des eigenen Landes beziehen, sondern kann auch den Anspruch verkörpern, der Beste der Besten des gesamten Kontinents sein zu wollen. Dass dieses Ziel nicht mehr länger nur mit „national“ definierten Teams verfolgt wird, sondern mithilfe der besten Spieler, die ein Verein weltweit einkaufen konnte, hat sicherlich auch seinen Beitrag zu diesem Perspektivwandel geleistet.21 Ein solcher scheint zudem eng verwandt mit dem Phänomen der Zunahme des sogenanntem „foreign fandom“.22 Denn auch wenn die dazu 2012 durchgeführte Studie „Fans ohne Grenzen“ nur die Ausmaße dieses Trends in Europa erstmals aufzeigte, nicht aber seine Erklärung anstrebte,23 so lässt sich wohl kaum darüber streiten, dass qua Champions League und durch deren Vermarktung wie mediale Verbreitung gerade auch jenseits rein national definierter Märkte,24 Fanpotenziale und damit Aufmerksamkeit für den europäischen Spitzenwettbewerb und dessen Protagonisten weit über die traditionellen Einzugsgebiete der teilnehmenden Vereine hinaus geschaffen wurden. Wie ein Kommentar im österreichischen Fanmagazin ballesterer mit Blick auf die Champions League feststellte, habe diese entscheidend „zur Verbreitung der Identifikation mit einem weiteren Team [beigetragen], dessen Trikot vor Ort gekauft und bei Spielen in der Kneipe um die 17 King, „Football Fandom,“ 427 (unsere Übersetzung). 18 Ebd., 436–37. 19 Holt, „UEFA, Governance,“ 29 (unsere Übersetzung). 20 Vgl. Brand und Niemann, ECJ Rulings. 21 Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 10. 22 Vgl. Millward, Global Football League. 23 Vgl. MasterCard, Fans without Borders. 24 Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 9–12. 82 Alexander Brand & Arne Niemann Ecke getragen werden kann. Fan kann damit jeder sein, ohne jemals in Bernabéu oder Old Trafford gewesen sein zu müssen“.25 Die Champions League als Entstehungsmotor einer europaweiten (Fußball-)Öffentlichkeit Das zweite Teil-Narrativ sieht die Champions League als Impulsgeber für eine, wenn auch zunächst sportbezogene, so doch europaweite Öffentlichkeit, als grenzüberschreitendem Kommunikations- und Mobilitätsraum,26 ausgehend von der Feststellung, dass die Champions League im Gegensatz zum vormaligen Europapokal der Landesmeister öfter (und dadurch präsenter), und mit vergleichsweise stabilem Teilnehmerfeld (und so: routinisierter) als quasi-ligenartiger, pan-europäischer Wettbewerb anders auf die Aufmerksamkeit der interessierten Öffentlichkeit einwirkt. Sie stellt damit, zumal in Gestalt vollständig europäisierter oder gar internationalisierter Teams, einen fundamentalen Bruch zu dem bis Anfang der 1990er Jahre existierenden Wettkampfformat im Spitzenfußball dar. In der Folge wurde sie zum populärsten Sportwettbewerb weltweit: Ihr Finale gilt als das Sportereignis schlechthin und übersteigt in den Einschaltquoten dabei sogar den Super Bowl.27 Zentrale Bestandteile des resultierenden Narrativs lassen sich sowohl in wissenschaftlichen als auch in medialen Kommentaren erkennen. Bereits relativ früh wies der Economist darauf hin, dass „[Europäer] zwar immer noch darauf [bestehen], unterschiedliche Sprachen zu sprechen, unterschiedliche Zeitungen zu lesen, unterschiedliche Prominente zu verehren und unterschiedliche Fernsehprogramme zu verfolgen. Doch gibt es eine große Ausnahme: Jeden Dienstag und Mittwoch schalten maßgeblich männliche Europäer die Champions League ein“.28 Auch Albrecht Sonntag, Hauptverantwortlicher des von der Europäischen Kommission geförderten, mehrjährigen multinationalen Forschungsprojekts FREE (Football Research in an Enlarged Europe, 2012 bis 2015), nahm dieses Motiv auf und stellte 2013 fest, die Champions League sei dort erfolgreich gewesen, wo die Politik versagt habe: „Gerade aufgrund ansonsten höchst unterschiedlicher Zeitwahrnehmungen quer durch Europa, insbesondere bezüglich der Definition von ‚Abend‘ oder ‚Abendessenszeit‘, ist die Tatsache bemerkenswert, dass die Champions League 20:45 Uhr als absolute ‚Prime Time‘ des europäischen Fußballs etabliert hat. Man stelle sich einmal die Reaktionen vor, hätte ein MEP oder EU-Kommissar eine ‚Standarduhrzeit‘ z.B. für die abendlichen Nachrichten vorgeschlagen [...] Die Champions League hat eine eigene transnationale Zeitzone kreiert und jeder hat dieses Diktat akzeptiert“.29 2.2 25 Federmair und Selmer, „Zwanzig Jahre,“ 21. 26 Vgl. Neidhardt, „Öffentlichkeit,“ 7; de Beus, „The European Union.“ 27 Holt, Tomlinson und Young, „Introduction,“ 6. 28 Economist/Charlemagne, „How Football“ (unsere Übersetzung). 29 Sonntag, „European Hour“ (unsere Übersetzung und Hervorhebungen). Die jüngsten Veränderungen des Champions League-Zeitregimes unterminieren allerdings diesen Effekt. Die UEFA Champions League als politischer Mythos 83 Stadion, Bd. 43, 1/2019 In die gleiche Kerbe schlug schließlich auch Jonathan Hill (auch wenn er als früherer Chef des EU-Büros der UEFA selbstredend kein neutraler Beobachter sein kann), indem er darauf hinwies, dass „es […] zwar absurd [wäre], zu behaupten, die Champions League habe dort Erfolg gehabt, wo das Europäische Parlament häufig versagte, aber die Tatsache, dass heutzutage Millionen Europäer dasselbe Spiel zur selben Zeit verfolgen, muss doch irgendetwas bedeuten“.30 Erreicht aber die Champions League tatsächlich europaweit ein stabil großes, wenn nicht gar tendenziell wachsendes Publikum? Ein Blick auf öffentlich zugängliche TV-Reichweiten offenbart interessante Dynamiken und Muster.31 Dabei zeigt sich für den deutschen Fernsehmarkt, dass sich hier bis zur Saison 2018/19 (und der weitestgehenden Verlagerung in den Bezahlbereich) ein hohes, stabiles Zuschauerniveau für die Spitzenspiele herausgebildet hatte. Hin und wieder ließen sich zudem Topeinschaltquoten für Spiele ausmachen, in denen kein deutsches Team involviert war, beispielsweise für das Champions League-Finale 2008 zwischen Manchester United und Chelsea F.C., das in jenem Jahr eines der Sportereignisse des Jahres auf dem deutschen Fernsehmarkt war. Zudem erreichte das Finale 2015 zwischen Barcelona und Juventus höhere Einschaltquoten (9,72 Mio.) als das Viertelfinale zwischen Porto und Bayern (9,55 Mio.) und erheblich mehr als das Achtelfinale zwischen Leverkusen und Atletico (5,99 Mio.) im selben Jahr.32 Solcherart überraschende, weil nicht an nationale Präferenzen gebundene Einschaltquoten lassen sich nicht nur für Deutschland, sondern auch in anderen Länderkontexten identifizieren, beispielsweise für das Champions League-Finale 2009 zwischen Barcelona und Manchester United, bei dem die prozentualen Einschaltquoten in Kroatien und Portugal nahezu gleichauf mit denen in Spanien und damit vor denen in Großbritannien lagen.33 Das Spiel generierte somit erhebliches Interesse in unterschiedlichsten europäischen Ländern, nicht nur in den Heimatmärkten der spielenden Teams. Gleiches lässt sich auch für das Spiel zwischen Barça und Celtic Glasgow in der Gruppenphase 2012 sagen, das 7,1 Mio. Zuschauer in Spanien (37 Prozent), aber auch beeindruckende 1,5 Mio. Dänen vor den Fernseher lockte (23 Prozent im Vergleich zu einem Anstieg um „lediglich“ 10 Prozent auf eine Einschaltquote von 33 Prozent am nächsten Abend für Ajax).34 Auch wenn Vorsicht geboten ist, nicht unbotmäßig viel in solcherart Zahlenwerk zu interpretieren, scheint jedenfalls die Vermutung nicht übertrieben, die Reaktion der europäischen Fußballfans und Sportinteressierten auf die Champions League als Vorstufe einer im Entstehen begriffenen europäischen „Fußball- öffentlichkeit“ zu deuten. Noch einmal Jonathan Hill dazu, aus dem Jahr 2008, 30 Hill, „European Language“ (unsere Übersetzung und Hervorhebungen). 31 Vgl. Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 9–12. 32 Vgl. Schröder, „BR trumpft auf;“ Sanchez, „Quotenschmaus;“ Statista, „Champions League Spiele.“ 33 Wiedemann, „Champions League;“ vgl. auch Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 10. 34 Ebd. 84 Alexander Brand & Arne Niemann der das Motiv einer wachsenden grenzüberschreitenden Aufmerksamkeit für eine geteilte, gemeinsame europäische Angelegenheit in Gestalt der Champions League aufnimmt und ausführt: „[W]ir scheinen aktuell die schrittweise Herausbildung einer europäischen ‚Öffentlichkeit‘ zu erleben. Ein […] heiliger Gral für all diejenigen, die an eine post-nationale, politische Identität für unseren Kontinent glauben. Eine solche europäische Öffentlichkeit bringt die Idee mit sich, dass Bürger, die ein Anliegen teilen, direkt über nationale Grenzen hinweg miteinander kommunizieren können“.35 Indem also die Champions League nicht nur als Anlassgeber für nationale Aufmerksamkeit und Kommunikation, sondern de facto als sich entwickelnde grenzüberschreitende Interaktions- und Interessenssphäre charakterisiert wird, wird – im Sinn eines narrativ konstruierten Mythos – ihre politische Dimension sichtbar. Dabei erweisen sich Vorstellungen und Deutungen der Champions League als Motor der Entstehung „öffentlicher Räume“ als überaus anschlussfähig für die Idee politischer Integration. Die Champions League als gelebte Integration Der aus sozialwissenschaftlicher Perspektive interessanteste Aspekt der geschilderten Dynamiken ist der Umstand, dass es sich hierbei um Freizeitaktivitäten (Fernsehen, Medienkonsum, Fandasein oder Stadionbesuche) handelt, nicht um im engeren Sinne politische Aktivitäten oder gar „high politics“. Die Vorstellung, dass solche lebensweltlichen Handlungen, alltägliche Aktivitäten neben diplomatischen Bemühungen und der Interaktion politischer Repräsentanten wie wirtschaftlicher Eliten „in Brüssel“, unbewusst eigene integrative Dynamiken entwickeln, birgt eine erhebliche Faszination.36 Dies mag auch erklären, weshalb zahlreiche Wissenschaftler und Medienakteure dazu neigen, etwaige integrative Impulse, die durch die Champions League ausgehen mögen, tendenziell eher zu überhöhen. So behauptete beispielsweise King, dass „die zunehmenden Interaktionen zwischen den größten Fußballvereinen Europas, die von Millionen Menschen über den gesamten Kontinent hinweg am Fernseher verfolgt werden, einen wichtigen Faktor europäischer Integration“ darstellen.37 In ähnlicher Weise argumentierte auch der Economist, knapp anderthalb Jahrzehnte vor den Brexit-Debatten, dass sich (vor allem) durch die Champions League „europäische Fußballvereine in eine lebendige Verkörperung europäischer Integration verwandelt [hätten]. Vereine, die einst noch Fans und Spieler aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft rekrutierten, suchen nun in ganz Europa nach Talenten und werden in 2.3 35 Hill, „European Language“ (unsere Übersetzung und Hervorhebung). 36 Vgl. Mau, Social Transnationalism; Kuhn, European Experience. 37 King, „Football Fandom,“ 423 (unsere Übersetzung). Die UEFA Champions League als politischer Mythos 85 Stadion, Bd. 43, 1/2019 jedem Land beobachtet. [...] Der Fußball hat wahrscheinlich mehr als irgendetwas sonst dazu beigetragen, dass die Briten ihren Miteuropäern freundschaftlicher gesinnt sind“.38 Bei kritischer Betrachtung fällt jedoch ins Auge, mit welch apodiktischer Gewissheit und streckenweise auch: wenig differenzierender Einfachheit solche weitreichenden Schlüsse gezogen wurden (und bisweilen immer noch werden). Seien es Journalisten als normalerweise kritische Beobachter der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs und Sports im Allgemeinen, politische Entscheidungsträger, die wohl bewusst darauf setzen, einen Mythos zu etablieren (und sei es nur, um ein Vermächtnis zu hinterlassen), oder Wissenschaftler, zum Teil fasziniert, zum Teil, um ihren Forschungsansatz gegen Anwürfe zu verteidigen. Nicht wenige von ihnen haben entscheidend dazu beigetragen, den politischen Mythos um die UEFA Champions League zu etablieren und aufrechtzuerhalten. Dabei finden sich in vielen Fällen übertriebene Darstellungen der Champions League, die sie beispielsweise als eine der wenigen Quellen eines wahrhaftigen „europäische[n] Enthusiasmus“39 oder als „emotionalen Kitt für den Kontinent“ porträtieren, von dem Politiker in Brüssel oder Straßburg nur träumen könnten.40 Trotz solcher Übertreibungen ist ein hypothetischer Vergleich zwischen angeblich erfolgreicher Integration durch die Champions League auf der einen und vermeintlich zum Scheitern verurteiltem politischen Kompromiss oder aber wahrgenommenem Diktat auf der anderen Seite einigermaßen erhellend;41 in vorangegangenen Arbeiten haben wir diese Gegenüberstellung in Form einer rhetorischen Frage zugespitzt: „Was ist wohl eher in den Köpfen der Europäer präsent: der Verfassungspatriotismus gegenüber den Gemeinschaftsverträgen oder das Finale der Champions League?“42 Dies umso mehr, als die Idee eines zunehmend europäischen Bewusstseins insbesondere jener Fans, die die Champions League als regelmäßigen, normalisierten Fußballwettbewerb wahrnehmen (anstatt sie als exotischen Zusatz zu „normalen“ nationalen Spielen anzusehen), relativ plausibel erscheint, nicht zuletzt auch aufgrund der Marke „CL“ sowie der angelagerten Dynamiken auf Spielermärkten sowie im Fanverhalten. Noch einmal sei an dieser Stelle auf Kings Pionierarbeit verwiesen, der unter anderem herausgearbeitet hat, dass das gesamte Champions League-Paket (Logo, Hymne etc.) eng mit als „europäisch“ anerkannten Symbolen verknüpft ist.43 Auch unsere Vermutung, der wir derzeit im Rahmen eines DFG-For- 38 Economist/Charlemagne, „How Football“ (unsere Übersetzung und Hervorhebung). Einige Studien zeigen jedoch die Notwendigkeit, derartige Annahmen auch tatsächlich zu belegen, schlussfolgern doch z.B. Cox et al, dass die Champions League vielmehr dazu beigetragen habe, nationalistische Diskurse insbesondere in britischen Medien aufrechtzuerhalten, die wiederum entsprechende Einstellungen unter Fans eher bestärkten. Dazu u.a. Cox, Hills und Kennedy, “Myths of Nation.“ 39 Thiel, „FAZ-Gespräch.“ 40 Kopp, „Spiel.“ 41 Vgl. Hill, „European Language;“ Sonntag, „European Hour.“ 42 Niemann and Brand, „Europeanisation,“ 8–9. 43 King, „New Symbols,“ 324–25. 86 Alexander Brand & Arne Niemann schungsprojektes nachgehen, ruht auf dem anekdotisch bereits erhärteten Verdacht, dass der scheinbar „erhabene“ Status der Champions League, die zunehmenden Reisemöglichkeiten und die Europäisierung der Teams möglicherweise zu veränderten Bezugsrahmen und anders definierten Zugehörigkeitsgemeinschaften unter Fußballfans führen und deren Identitätswandel befördern mögen.44 Insgesamt tragen alle drei Teil-Narrative – die Erweiterung von Perspektiven, die Entstehung eines europäischen Kommunikationsraums und die gelebte Integration durch die Champions League – gemeinsam zur Etablierung eines positiven politischen Mythos der UEFA Champions League bei. Im nachfolgenden Abschnitt sollen nun konkurrierende negative Narrative vorgestellt werden, denen das Potenzial innewohnt, diesen Prozess der Mythenbildung zu unterminieren. Negative Narrative gegen die UEFA Champions League Praktisch von Beginn an hat die Champions League neben Begeisterung und Faszination auch erhebliche Kritik auf sich gezogen. Dabei haben sich im Lauf der Zeit zwei narrative Cluster herausgebildet und verfestigt, die die Champions League nicht im Sinn positiver Integrationsimpulse beschreiben, sondern als Triebkraft unliebsamer, ja schädlicher Veränderung des Sports ansehen, die die Integrität von Sportsystemen und deren Kern an Werten bedrohe. Betont wird dabei zum einen die zunehmende Kommerzialisierung des Sports und die von ihr ausgehende Gefahr gerade auch für den Profifußball in Europa und dessen Strukturen; zum anderen wird die Champions League als „Totengräberin des traditionellen Fußballs“ gezeichnet, die integrale spielbezogene Werte – insbesondere das Wettbewerbsgleichgewicht – zerstöre. Die beiden folgenden Unterkapitel sollen diese Teil-Narrative kurz in ihrem Kern skizzieren. Die Champions League als Ursache für Kommerzialisierung und Finanzkrisen Es lässt sich nicht leugnen, dass von Anfang an kommerzielle Interessen und Motivationen (seitens der beteiligten Vereine, Verbände, Spieler, Sponsoren, Medienunternehmen etc.) bei der Formierung der Champions League eine erhebliche Rolle spielten.45 Eine der wohl tiefgreifendsten Veränderungen im Fahrwasser der Etablierung des Champions League-Modells wird von Giulianotti und Robertson als die Anpassung der Wettbewerbsform an die Maximierung der Einnahmen (insbesondere durch Übertragungsrechte) kritisiert.46 Damit habe die Champions League einen Prozess der „Diffusion amerikanischer Sportkultur“ nach Europa hin angestoßen, der zur Ablösung des „traditionellen Sportmodells (mit Fokus auf Maximierung des Nutzens für die Vereine)“ durch 3 3.1 44 Niemann und Brand, „Europeanisation,“ 12–13; vgl. auch Brand und Niemann, ECJ Rulings. 45 Garcia, „Influence,“ 37–38. 46 Giulianotti und Robertson, Globalization, 80 und 130. Die UEFA Champions League als politischer Mythos 87 Stadion, Bd. 43, 1/2019 ein „US-amerikanisches Modell der Gewinnmaximierung“ als Selbstzweck geführt habe.47 Im Fahrwasser dieser Entwicklung habe es sich notwendigerweise auch eingebürgert, dass Fans zunehmend nur noch als Konsumenten betrachtet würden und sich die Spitzenvereine in den größeren europäischen Ligen zunehmend in multinational agierende Unternehmen transformiert hätten.48 Einen weiteren wichtigen Aspekt der Kommerzialisierung heben Haugen und Solberg hervor, die deutlich machen, dass die Champions League als eine treibende Kraft hinter der grassierenden „Finanzkrise des europäischen Fußballs“ gelten kann.49 So konnten die beiden Ökonomen in ihrer statistischen und spieltheoretischen Analyse zeigen, dass sich die zunehmende Verschuldung der Vereine und deren wachsende Abhängigkeit von externen Geldgebern, ebenso wie die steigende Zahl an Insolvenzen, auf einen „Kostendruckeffekt“ zurückführen lassen, dem, aus Sicht vieler Vereine, der Zwang zur Champions League- Qualifikation zugrunde liegt. Die Qualifikation für diesen Wettbewerb erweist sich im Umkehrschluss als zentral für die Finanzierung des Saisonetats bzw. allgemein für die Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit, zunächst im nationalen, später dann im europäischen Rahmen. Anschaulich verdeutlicht wird dieser Zusammenhang durch reale Episoden finanziell fast oder wenigstens zeitweise um die Existenz gebrachter Vereine. So war beispielsweise Malaga FC 2012 dringend darauf angewiesen, die Gruppenphase zu erreichen, um das finanzielle Überleben des Vereins zu sichern,50 ebenso OSC Lille, wo die projektierten Einnahmen für das Erreichen der Gruppenphase bereits ins laufende Budget miteinberechnet worden waren (eine mittlerweile eher geläufige Praxis, wie es scheint).51 Ähnliche Hoffnungen hegte 2001 auch der hoch verschuldete österreichische Verein FC Tirol; dies erwies sich jedoch als Luftnummer, weswegen der Verein kurze Zeit später Insolvenz anmelden musste.52 Solcherart Geschichten voller Drama, Rettung in letzter Sekunde (wenn es denn eine Rettung gibt), Geschichten also, in denen es um das Überleben ganzer Vereine geht, mögen kurzfristig durchaus eine fesselnde Wirkung auf die Zuschauer ausüben. Vielleicht verschaffen sie der Champions League – insbesondere der Qualifikationsphase zum Wettbewerb – sogar eine kurzfristig gestiegene Aufmerksamkeit (und Attraktivität?). Je häufiger sie jedoch auftreten und je mehr Vereine mit finanziellen Problemen aufgrund der Präsenz der Champions League und des von ihr ausgehenden ökonomischen Drucks zu kämpfen haben – je mehr also unternehmerische Aspekte und Existenzängste sportliche Faszination überlagern –, desto wahrscheinlicher sind wohl auch Vorbehalte oder zunehmende Ablehnung. Je stärker also der Einfluss 47 Ebd., 53 und 62 (unsere Übersetzung). 48 Ebd., 99. 49 Haugen und Solberg, „Financial Crisis,“ 533 (unsere Übersetzung). 50 SBD, „Malaga.“ 51 SBD, „Lille.“ 52 Adrian und Schächtele, Immer wieder,165–67. 88 Alexander Brand & Arne Niemann von Vorstellungen über die zerstörerische Kraft der Champions League, desto größer die Gefahr, dass daraus resultierende Narrative den Integrationsmythos unterminieren. Die Champions League als „Totengräberin“ des traditionellen Fußballs Aufbauend auf dem Narrativ der Gefahr zunehmender Kommerzialisierung sieht das zweite Gegen-Narrativ die Champions League als Hauptverantwortliche für alle möglichen negativen Begleiterscheinungen des sogenannten modernen Fußballs. Bereits die Metapher des „modernen Fußballs“, dem keine Modernisierungsverheißung innewohnt, sondern der abzulehnen sei mit Blick auf eine durchaus romantisierende Vorstellung einer „guten, alten Zeit“ im Fußball ist integraler Bestandteil dieses Narrativs.53 In puncto ausgemachter negativer Begleitumstände der Champions League lassen sich zwei Motive unterscheiden. Erstens dient die Champions League als Sündenbock, um Verfall und galoppierende Missstände in einzelnen nationalen Ligen zu begründen. So vertritt beispielsweise Smith nach einer vergleichenden Betrachtung der nationalen Wettbewerbe in Griechenland, Weißrussland, Kroatien und der Schweiz die Ansicht, die Champions League zerstöre europaweit ursprünglich gesunde, gut funktionierende und geschätzte Wettbewerbe im nationalen Kontext.54 Auf der Strecke blieben dabei nicht nur die nationalen Wettbewerbe, die durch eine unüberbrückbare Kluft zwischen Spitze und Rest charakterisiert seien, sondern auch nationale Champions, die de facto im europäischen Vergleich allenfalls drittklassige Vereine darstellten. Oder aber Vereine versuchten, allein ihre Präsenz in einigen Champions League-Spielen zu maximieren (ohne je ernsthaft als Konkurrenten um die Ausscheidungsspiele zu fungieren), um größtmögliche Aufmerksamkeit mit dem Ziel zu generieren, ihre talentierten Spieler an die Spitzenvereine zu vermarkten. Unter den Bedingungen der Champions League, so das erste Unter-Narrativ, stelle sich der Sport für die Mehrzahl der europäischen Vereine, wenn überhaupt, allenfalls nur noch als „business window“ dar. Bestätigt wird der destruktive Effekt der Champions League auf das nationale Wettbewerbsgleichgewicht von Peeters in seiner Acht-Jahres-Studie über 34 europäische Ligen; während sich saisonal eine erhebliche Distanz zwischen Tabellenführern und Tabellenletzten erkennen lasse, werde über die Jahre hinweg eine Dominanz bestimmter Teams innerhalb eines Wettbewerbs deutlich.55 Geht man davon aus, dass aufgrund dieser Entwicklungen nationaler Fußball als entsprechend weniger abwechslungsreich und aufregend empfunden wird, ist es plausibel, dass dies einen eher ambivalenten Effekt auf die Champions League hat. Während sie einerseits, maßgeblich aufgrund des dort gebotenen taktischen wie spielerischen Niveaus, als attraktiver im Vergleich zu den meisten nationalen Wettbewerben wahrgenommen wird (und somit mehr Zuschauer als diese 3.2 53 Dabei reichen die Vorwürfe von der Champions League als Totengräberin des Fußballs (vgl. Campbell, „Killing“) bis hin zu Anklagen, die „Gier der Reichen“ habe das Spiel für immer verdorben (vgl. Scherer, „Die Gier“). 54 Smith, „Champions League Cash.“ 55 Vgl. Peeters, Broadcasting Rights. Die UEFA Champions League als politischer Mythos 89 Stadion, Bd. 43, 1/2019 anzieht), gilt sie andererseits eben auch als Hauptverantwortliche für den langsamen Niedergang des so geliebten nationalen Fußballs und wird somit in ein entschieden negatives Narrativ eingebunden. Ähnlich wie das erste negative Narrativ konzentriert sich auch das zweite auf den negativen Einfluss der Champions League auf das Wettbewerbsgleichgewicht, fokussiert dabei jedoch die Bedingungen innerhalb der Liga selbst. So stellt Ilja Behnisch in einem Kommentar für 11 Freunde, das wohl meist gelesenen Fanmagazin in Deutschland, fest: „Der traurige Tatbestand [ist], dass die Champions League die Schere zwischen großen und kleinen, zwischen armen und reichen Klubs nicht mehr nur auseinandergerissen, sondern zerbrochen hat. Der traurige Tatbestand [ist], dass die Champions League eigentlich der langweiligste Wettbewerb von allen ist. Denn es sind die immer gleichen Teams, die den Henkelpott unter sich ausmachen. Spätestens ab dem Halbfinale haben Überraschungen keinen Zutritt mehr.“56 Folglich merkte auch König vor dem Finalspiel 2017 an, dass gehofft werden müsse, „dass Real Madrid nicht schon in diesem Sommer von sportlicher Seite am Mythos sägt“, indem es erneut die Trophäe erringt.57 Zudem wies Football Supporters Europe (FSE) 2016 im Kontext der erneut aufkommenden Idee einer europäischen Super Liga darauf hin, dass es „aus Sicht vieler Fußballfans […] nicht gesund sei, wenn die großen Vereine immer mehr Geld bekommen, während die kleineren zugrunde gehen“.58 Auch wenn also eine Reform der Champions League-Strukturen somit aus Sicht nicht weniger Beobachter und vor allem von Fans unumgänglich erscheint, ist umstritten, wie viel Spielraum die UEFA tatsächlich besitzt, diese durchzuführen, ohne zu riskieren, dass es zu einer erneuten Abspaltung einer Liga kommt, wie auch die qua „Football Leaks“ im Sommer 2018 offenbar gewordenen Diskussionen über eine European Super League zeigen. Vereine, Ligen und die UEFA selbst stecken also in einer Situation fest, die notgedrungen Benachteiligung und Frustration hervorrufe und im Endeffekt den anfänglichen Enthusiasmus – und alle noch vorhandene sportliche Begeisterung – über Zeit in Desinteresse und Ablehnung überführen werde, so das Narrativ. Die Champions League allein als „Totengräberin des traditionellen Fußballs“ auszuweisen, beschreibt dabei eine Maximalposition. In polemischen Glossen taucht sie auf, punktuell folgen auch Fans dem apokalyptischen Abgesang an einen Wettbewerb, der sein „Zerstörungswerk in noch größerem Tempo fortsetzen“ werde oder stellen mit dem geneigten Fußballintellektuellen fest, im Fahrwasser der Champions League sei „im Laufe der letzten 25 Jahre im Fußball ein komplett dysfunktionales System entstanden, in dem der Wettbewerb an vielen Stellen völlig zerstört ist.“59 Viel häufiger wird zwar als Tatsache anerkannt, dass die Champions League durchaus geschätzte Spielaspekte und dem Spiel unterliegende Werte bedrohe; die Hauptkritik richtet sich aber weniger gegen die 56 Behnisch, „Schizo.“ 57 Koenig, „Champions League.“ 58 SBS News, „Players“ (unsere Übersetzung). 59 Biermann, „Untergang,“ 32 und 33. 90 Alexander Brand & Arne Niemann Liga an sich, und auch nicht unbedingt grundsätzlich gegen kommerzielle Dynamiken, sondern arbeitet sich an spezifischen Aspekten der Durchführung und Organisation des Wettbewerbs ab.60 Namentlich ist es eben jene skizzierte Kritik einer als zunehmend unüberwindbar wahrgenommenen Kluft zwischen Kern (Spitzenvereine, in immer weniger variierender Zusammenstellung) und Peripherie (die übrigen nationalen Konkurrenten einschließlich einiger weniger Überraschungsteilnehmer), welche die meisten Debatten auf sich zieht. Öffentliche Äußerungen wie die seitens FifPro (Fédération Internationale des Associations de Footballeurs Professionnels, eine internationale Föderation von Berufsfußballspielern) im Jahr 2016, man wolle „so viele Spieler und Fans wie möglich für Wettbewerbe wie die UEFA Champions League begeistern“, weshalb „der Zugang nicht auf Fans einer kleinen Oligarchie von Vereinen beschränkt werden“ dürfe, sprechen jedoch weniger für die felsenfeste Überzeugung, dass eine solche Spaltung der europäischen Fußballlandschaft bereits stattgefunden habe, sondern artikulieren eher ein zunehmendes Unbehagen über entsprechende Tendenzen.61 Deutlich wurde die Ambivalenz kritischer Betrachtungen der Champions League auch in einer der bekanntesten Aktionen unter dem Motto „Gegen den modernen Fußball“, in dessen Rahmen Ajax-Fans beim Spiel gegen Manchester City 2013 mit Bannern gegen ausländische Investoren und exorbitante Ticketpreise protestierten. Sie nutzen damit ein Champions League-Spiel und die damit einhergehende europaweite Übertragung als Bühne ihrer Kritik (anstatt sich etwa in den unterklassigen Fußball, wo vermeintlich noch „gute, vormoderne“ Werte hochgehalten werden, zu flüchten.). Damit richtete sich ihr Protest nicht gegen die Champions League als solche, sondern lediglich gegen einige spezifische Aspekte einer Kommerzialisierung, die auch und gerade durch die Champions League und dortige Gewinnverteilungen überhandgenommen habe. Auch wurde die Champions League als angemessene Bühne der Kritik gesehen, was im Endeffekt der Vorstellung, Betroffene würden sich in Scharen vom Wettbewerb als solchem verabschieden, widerspricht. Diese ambivalente – nahezu „schizophrene“ – Haltung scheint unter europäischen Fußballfans sowie in Diskussionen in Fanmagazinen nicht ungewöhnlich zu sein. Archetypisch dafür steht der hier bereits eingeführte Kommentar in 11 Freunde, der zwar zunächst das Ungleichgewicht des Champions League- Wettbewerbs mit harschen Worten kritisiert, anschließend jedoch eine 180- Grad-Wende vollführt und feststellt, dass andererseits – ehrlicherweise – das Verfolgen der Spiele „mächtig viel Spaß“ bereite.62 Derartige, scheinbar wider- 60 Biermann selbst hat in einem früheren Beitrag die Ansicht geäußert, die Champions League habe eine entscheidende Rolle dabei gespielt, den Fußball von einem heruntergekommenen, gewaltaffinen Sport in ein „hippes“ und attraktives Ereignis zu transformieren, vgl. Biermann, „Das Jahr,“ 26. 61 SBS News, „Players“ (unsere Übersetzung). 62 Behnisch, „Schizo.“ Auch die Titelstory von 11 Freunde, Nr. 163, Juni 2015 („Das Spiel meines Lebens, 25 Spieler über ihr Champions League-Finale“) glorifiziert die Champions League eher, als in den apokalyptischen Chor einzustimmen, den Biermann ein Jahr später an gleicher Stelle anstimmt, vgl. Biermann, „Untergang.“ Die UEFA Champions League als politischer Mythos 91 Stadion, Bd. 43, 1/2019 sprüchliche Darstellungen und Kommentare erweisen sich für unsere Analyse als aufschlussreich und bedeutsam. Zum einen präzisieren sie den Unmut, der in manch kritischem Narrativ bezüglich der Champions League mitschwingt (das Fehlen tatsächlichen Wettbewerbs, auch die immer stärker qua Ticketpreis und Bezahlfernsehen erschwerte Zugänglichkeit für den durchschnittlichen Fan). Erkennbar wird bei distanzierter Betrachtung aber auch, dass diese Kritikpunkte gleichzeitig spezifische Erwartungen an die Champions League zu formulieren scheinen, die diese durchaus erfüllen könnte. Damit zeigt sich eine deutliche Zerrissenheit von Fans und Kommentatoren zwischen Ablehnung und Faszination aufgrund unbestreitbarer Anziehungskraft der Champions League. Dies ist auch der Grund dafür, dass das zweite Gegen-Narrativ weniger fundamental ausgeprägt ist als das erste, das auf einer generalisierten Kommerzialisierungskritik aufruht: Es beinhaltet neben aller Kritik im Kern auch die Wertschätzung des Wettbewerbs an sich und des dort gebotenen sportlichen Spektakels. Das Urteil der Fans: Einigung oder Entfremdung? Von erheblicher Bedeutung ist jedoch die Frage, inwieweit die hier aus verschiedenen Quellen rekonstruierten Narrative tatsächlich Widerhall in den entsprechenden primären Zielgruppen der oben skizzierten „CL-Mythologie“ (Fans und Fußballinteressierte) finden. Dabei wurden bisher außer einigen ethnographischen Untersuchungen, vor allem in Großbritannien und Schottland, jedoch nur wenige Versuche unternommen, die hypothetischen Effekte der Champions League auf Fußballfans empirisch zu überprüfen. Eine Ausnahme stellt die Studie von Königstorfer et al. dar, die die Auswirkungen des wahrgenommenen Gleichgewichts verschiedener Wettbewerbe auf die Attraktivität derselben (einschließlich der Champions League) untersucht.63 Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der unterstellte Einfluss insbesondere unter Fans von Spitzenclubs signifikant ist, wobei ein solcher Effekt auf der Basis einer vergleichenden Betrachtung verschiedener Ligen (und dortiger Fans) zu einem bestimmten Zeitpunkt herausgearbeitet und damit nicht als Trend über längere Zeiträume hinweg untersucht wurde. Auch die jüngst veröffentlichte, deutsche Studie „Situationsanalyse Profifußball 2017“ widmete sich in einem kurzen Abschnitt der Champions League, allerdings mit sehr geringer Reichweite (deutsche Fußballfans) und zum Teil nicht-repräsentativem Charakter der Analyse.64 Nichtsdestotrotz ist interessant, dass einige ihrer Ergebnisse die hypothetische zwiespältige Motivationsstruktur der Fans bestätigen: Trotz aller Kritik und größtenteils fehlender Wahrnehmung einer integrativen Wirkung der Champions League erkannten die befragten Fans durchaus die Anziehungskraft des Wettbewerbs aufgrund guten Fußballs und der Möglichkeit, die „beste[n] 4 63 Königstorfer, Gröppel-Klein und Kunkel, „Attractiveness“. 64 FC PlayFair, Situationsanalyse. Auch wenn die Umfrage insgesamt über 17.000 Teilnehmer aufwies, basieren die Ergebnisse der Fokusgruppen letztlich auf der intensiven Arbeit mit 25 Personen. 92 Alexander Brand & Arne Niemann Spieler in Europa“ zu sehen.65 Überschattet wird dieses Loblied jedoch von einer wahrgenommenen starken Verzerrung des Wettbewerbsgleichgewichts, das in Ungleichheit und einem Zweiklassensystem im europäischen Fußball resultiere.66 Insbesondere aufgrund der Effekte ihrer spezifischen Auszahlungsstruktur gilt die Champions League daher als einer der Faktoren (Platz sieben von zehn), die die Integrität des nationalen (hier: deutschen) Fußballs unterminieren, wobei die Intensität dieser Kritik bei Unterstützern von Spitzenvereinen insgesamt niedriger ist als bei anderen Fans.67 Unserer Kenntnis nach gibt es daneben derzeit mit der FREE-Studie Football in European Public Opinion nur eine einzige Untersuchung, die die Einschätzungen von fußballbezogenen Themen sowohl von Fans in ganz Europa als auch von Europäern generell analysiert.68 Zu den interessantesten Ergebnissen der Umfrage unter Europäern (Fans wie Nicht-Fußballbegeisterte) zählt dabei wohl, dass insgesamt 61,2 Prozent der Befragten angaben, dass „Fußball – bis zu einem gewissen Grad – Europa vereine“ (auch wenn kein gesonderter Champions League-Effekt kontrolliert wurde).69 Damit liegt die Bewertung des Fußballs nur knapp hinter dem von Kunst und Kultur, denen die stärkste integrative Wirkung zugesprochen wird, und weit vor den entsprechenden Wertschätzungen von Demokratie und EU-Institutionen. Überraschenderweise wurde Fußball dabei in acht von neun europäischen Ländern (mit Ausnahme von Polen) sogar mehrheitlich als „Unifier“ genannt, was angesichts der Tatsache umso erstaunlicher ist, dass nur 51,5 Prozent der Befragten angaben, sich überhaupt für Fußball zu interessieren.70 Damit können diese Ergebnisse durchaus als Beleg für das „integrative“ bzw. „einigende“ Potenzial des Fußballs an sich dienen. Auch die Zahl derjenigen, die tatsächlich die Spiele und Entwicklungen der Champions League verfolgen, ist beeindruckend, vor allem im Vergleich mit jenen, die sich für die jeweiligen nationalen Wettbewerbe interessieren.71 Setzt man diese Befunde in den Kontext der oben skizzierten Narrative, so scheint die Champions League – trotz aller Kritik und auch vorhandenen negativen Narrative – europaweit eine erhebliche Anziehungskraft auszuüben. Dabei ist das starke Interesse an ihr in Deutschland, Spanien und Großbritannien durchaus allgemeinverständlich. Das ebenfalls recht hohe Interesse in Österreich, Dänemark und der Türkei hingegen erforderte eine weitere analytische 65 Ebd., 10. 66 Ebd. 67 Ebd., 40. 68 FREE, Public Opinion; FREE, Fans Survey. An der repräsentativen, neun Länderkontexte in ganz Europa umfassenden CATI-Umfrage nahmen über 7.000 Fußballfans und Nicht-Fans teil. Die zweite, parallel angestrengte, aber nicht repräsentative Online-Umfrage zielte dagegen bewusst auf Fußballfans ab und erreichte 17.500 Teilnehmer, von denen 8.000 den gesamten Fragenkatalog beantworteten. Nach der Datenbereinigung wurden letztlich sechs Länder in die Studie miteinbezogen. 69 FREE, Public Opinion, 52. 70 Ebd., 56. 71 Ebd., 58. Die UEFA Champions League als politischer Mythos 93 Stadion, Bd. 43, 1/2019 wie theoretische Durchdringung, selbst wenn man sekundäre Effekte wie etwa die Vorliebe der dänischen Fußballinteressierten für britischen Fußball einmal außer Acht lässt. Eine solche leichte Präferenz für die Champions League gegen- über nationalen Wettbewerben wird zu unserer Überraschung auch durch die gezielt unter Fans durchgeführte Umfrage bestätigt: 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Verfolge ich Verfolge ich nicht CL nationaler Wettbewerb Anteil der Fans, der gemäß der FREE-Umfrage die jeweiligen Wettbewerbe verfolgt. 0 10 20 30 40 50 60 Verfolge ich Verfolge ich nicht CL nationaler Wettbewerb Anteil der breiten Öffentlichkeiten an den neun im Rahmen von FREE untersuchten europäischen Ländern, der die jeweiligen Wettbewerbe verfolgt. 94 Alexander Brand & Arne Niemann Zudem bewerten Fußballfans die Qualität des gezeigten Fußballs auf Champions League-Ebene mehrheitlich höher als den in nationalen Wettbewerben (56,7 Prozent), was der Vorstellung (und daraus erwachsenden narrativen Konstruktion) der Champions League als sportlich attraktivem Wettbewerb zuarbeitet, wobei sich diese Bewertungen jedoch teils erheblich zwischen den einzelnen Ländern bzw. Teams unterscheiden (43 Prozent der deutschen im Vergleich zu 63,8 Prozent der britischen Fans).72 Fazit und künftige Forschung In diesem Artikel konnten zwei Cluster von Narrativen bezüglich der UEFA Champions League identifiziert werden: einerseits das Narrativ der Champions League als integrativer Kraft in Europa, das zur Entstehung eines positiven politischen Mythos im Sinn gelingender politisch-gesellschaftlicher Einigung qua Spitzenfußball beiträgt. Demgegenüber lässt sich auch ein Set negativer Narrative aufzeigen, denen zufolge die Champions League qua Kommerzialisierung als „Totengräberin“ des traditionellen Fußballs fungiert. Beide Narrative scheinen sich jedoch nicht (vollständig) gegenseitig aufzuheben. Während also auf der einen Seite die durch die Champions League hervorgerufene zunehmende Kommerzialisierung des europäischen Fußballs zu einer Entfremdung der Fans führen kann, kann die Liga der europäischen Spitzenteams auf der anderen Seite durch die Erweiterung von Perspektiven der Fans und Fußballinteressierten, durch Förderung eines gemeinsamen Kommunikationsraums oder als gelebte Integration gleichzeitig eine integrative Wirkung entfalten. Für all diese Phänomene lassen sich empirische Belege, zumindest Ansatzpunkte, identifizieren. Darüber hinausgehend sind gerade die Narrative, die der Champions League positive integrierende Kraft bescheinigen, intendiert oder nicht, billigend oder eher unterbewusst überhöhend und selektiv ausdeutend im Sinne eines „politischen Mythos“ seit nunmehr nahezu drei Jahrzehnten weitergetragen worden. Interessanterweise scheint es aber so zu sein, dass die Gegen-Narrative zum positiven politischen Champions League-Mythos diesen nur bedingt unterminieren. Weiterführende Forschung erscheint jedoch unabdingbar. Insbesondere die Frage, ob sich die beiden Narrative tatsächlich nicht gegenseitig aufheben (oder wo sie sich möglicherweise sogar gegenseitig verstärken) bedarf weiterer Klärung. Daneben erscheint es aber auch von erheblicher Bedeutung zu beleuchten, welchen Resonanzboden die beiden Narrative unter Fußballfans finden. Unser eigenes Forschungsprojekt The Identity Effect of Europeanised Lifeworlds: Becoming European through Football? (2018 bis 2021, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft) soll dazu beitragen, eben diese Forschungslücke zu schließen.73 Dass die hier einführend beschriebene Mythologie der Champions League Fans und Fußballinteressierte dabei keinesfalls einer vollständigen „Gehirnwä- 5 72 Ebd., 60 und 143. 73 Niemann und Brand, Identity Effect. Die UEFA Champions League als politischer Mythos 95 Stadion, Bd. 43, 1/2019 sche“ unterzieht, sondern – wenn überhaupt – lediglich einen stabilisierenden und kanalisierenden Effekt auf entsprechende Erfahrungen ausübt, erscheint offensichtlich. Was daher unserer Ansicht nach stärkerer Untersuchung bedarf ist die Frage, wie sich eben solche Erfahrungen in Fangemeinden oder Stadien – unbeabsichtigt und deutlich subtiler als mit der Begrifflichkeit „politischer Integration“ semantisch einzufangen – auf die Sichtweisen von Fans auswirken. Zu diesem Zweck unterscheiden wir zwischen zwei Identitätsdimensionen: Zugehörigkeitsgemeinschaften (communities of belonging) sowie Bezugsrahmen (frames of reference). Beide analytische Konstrukte bieten dabei mannigfaltige Ansatzpunkte für die Erforschung narrativer Konstruktionen gerade der UEFA Champions League: Wie reagieren Fans etwa auf die zunehmende Europäisierung der Spielermärkte? Ist das Reisen im europäischen Kontext anlässlich von Champions League-Auswärtsspielen in der Tat mittlerweile etwas „Normales“? Warum wird die Teilnahme an der Champions League als attraktiv, wahlweise: als notwendig empfunden? Organisieren kritische Fans ihren Protest gegen die Kommerzialisierung im Fahrwasser der Champions League grenzüberschreitend? Ob und inwiefern die Champions League auch in den Lebens- und Gedankenwelten der Fans den Status eines „politischen Mythos“ zugewiesen bekommt, ließe sich somit auch mit unserem Ansatz besser erforschen und weiter empirisch grundieren. Dank Wir danken allen Kollegen, die sich auf der 12. Sporthistorischen Konferenz der Schwabenakademie Irsee in die Diskussion unseres Beitrages eingebracht haben. Des Weiteren danken wir den anonymen Gutachtern für ihre hilfreichen Kommentare zur Überarbeitung sowie Svenja Budde für ihre Unterstützung bei der Übersetzung ins Deutsche. Literatur Adrian, Stefan, und Kai Schächtele. 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Abstract

The article seeks to describe and discuss the UEFA Champions League as an eventually emerging political myth. This continent-wide competition in top-level European club football has been rendered both an „integration engine“ (contributing to a further amalgamation of societies of supporters and interested Europeans in a lifeworldy sphere) as well a „grave digger“ of football (due, for instance, to its detrimental effects on some national competitions across Europe). Following from that, we distinguish between two countervailing narrative strands, with several motives and sub-narratives in both, that have the potential to either cement or to undermine the mythological nature of the Champions League. Whereas the positive narrative hints at politically relevant forms of societal integration through the presence of a continent-wide, de facto league of top football clubs, the negative counterpart suggests that the Champions League is a driver for (over-)commercialisation and a threat for the integrity of „true“/traditional football. We argue that these two Champions League narratives do not seem to (completely) neutralise each other. While fans may be alienated by the commercialisation triggered through the Champions League, at the same time the Champions League may have a unifying effect by widening perspectives, fostering a common continental communicative space, or constituting an engine of lived integration. In the remainder we seek to outline possible avenues of future research into how football fans - not so much elite commentators such as politicians, club and association officers, scholars and journalists - indeed perceive of the Champions League and hence link up to the two broader narratives identified.

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Zusammenfassung

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