Kira Thiel, Stephan Dreyer, Nutzung von Stickern in Messenger-Diensten und ihre Jugendschutzrelevanz in:

JMS Jugend Medien Schutz-Report, page 8 - 10

JMS, Volume 43 (2020), Issue 5, ISSN: 0170-5067, ISSN online: 0170-5067, https://doi.org/10.5771/0170-5067-2020-5-8

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WhatsApp selbst stellt eine Reihe von Sticker-Paketen zum Download zur Verfügung. Nach Bedarf können weitere (themenspezifische) Pakete online heruntergeladen werden und die Sticker, die man von anderen Nutzer*innen erhalten hat, in der eigenen Stickersammlung gespeichert werden. Zudem besteht die Möglichkeit, Sticker ohne großen Aufwand oder Vorkenntnisse mit Hilfe spezieller Apps selbst zu erstellen, diese anschließend weiterzuverbreiten und anderen Nutzer*innen zur Verfügung zu stellen. Dabei haben die Produzent*innen einen großen Gestaltungsspielraum. Denn nicht nur aus Bildern und Fotos lassen sich Sticker kreieren. Die im Juli 2020 eingeführte Animations-Funktion ermöglicht es auch, kurze Videosequenzen zu verwenden, die im Chat – ähnlich einer GIF-Animation – in Endlosschleife abgespielt werden. Darüber hinaus können Sticker zusätzlich mit Text und dementsprechend mit einer expliziten Botschaft versehen werden, wodurch sie sich optisch an sogenannte Memes anlehnen oder diese nachbilden. Kleine Bilder – großes Problem? Die Tatsache, dass prinzipiell jede*r eigene Sticker erstellen und mit anderen teilen kann und einmal in Umlauf gebrachte Sticker-Darstellungen hürdenlos weiterverbreitet werden können, bringt unterschiedliche Risiken mit sich – denn längst nicht alle nutzergenerierten Sticker sind süß, lustig und für Kinder und Jugendliche geeignet. Kommen sie mit entsprechenden Inhalten in Berührung, kann das verschiedene negative Konsequenzen haben. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Heranwachsende im Rahmen von Online-Aktivitäten unterschiedliche Rollen (Rezipierende, Kommunikationsteilnehmer*innen, Akteur*innen, Marktteilnehmer*innen) übernehmen können, lassen sich vier Arten von Online-Risiken unterscheiden: Inhaltsrisiken, Kontakt- bzw. Interaktionsrisiken, verhaltensbezogene Risiken sowie Verbraucherschutzrisiken (Dreyer et al. 2013). Übertragen auf das konkrete Phänomen problematischer WhatsApp-Sticker ergeben sich folgende mögliche Risikoszenarien: • Als Rezipierende können Heranwachsende mit ungeeigneten Stickern (z. B. gewalthaltige, bedrohliche, hasserfüllte Inhalte, pornografische oder unerwünschte sexuelle Inhalte, Rassismus) konfrontiert werden, die sie belasten, verstören und deutlich größer als diese angezeigt werden. Sie dienen meist dem Zweck, den eigenen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen, ähneln in ihrer Funktion also den populären Emojis. Im Gegensatz zu den Emojis aber können Sticker nicht in eine Textnachricht integriert, d.h. hinter einem Satz platziert werden, sondern stehen im Chat immer für sich alleine. Durch ihre größere Darstellung und ggf. hinterlegte kurze Animationen und Bewegtbilder stechen sie zwischen den üblichen Textblöcken deutlich hervor. WhatsApp schreibt auf dem firmeneigenen Blog, dass täglich Milliarden von Stickern verschickt werden. Damit seien »sie zu einem der am schnellsten wachsenden Medien geworden, über die Menschen auf WhatsApp kommunizieren«.3 Dabei können die kleinen Darstellungen verschiedene Funktionen übernehmen. Neben ihrem Hauptverwendungszweck, Emotionen, Humor und persönliche Einstellungen zum Ausdruck zu bringen, werden sie häufig auch als Gesprächsstarter bzw. zur Verabschiedung eingesetzt oder um zu signalisieren, dass eine Nachricht zur Kenntnis genommen wurde. Außerdem können sie dazu dienen, den Inhalt einer Nachricht zu rahmen, hervorzuheben oder abzuschwächen. Nicht zuletzt werden viele Sticker zur Auflockerung des Gesprächs und wegen ihres niedlichen Aussehens verschickt (Konrad, Herring & Choi 2019). Trotz ihrer Popularität und der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten liegen bisher keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu vor, wie häufig und zu welchem Zweck Kinder und Jugendliche Sticker nutzen; im Rahmen gängiger Studien zur Mediennutzung Heranwachsender wird die Nutzung von Messenger-Diensten inhaltlich nicht so detailliert abgefragt, dass hier explizite Ergebnisse zu Stickern vorlägen. Allerdings legen Erfahrungsberichte aus der Praxis nahe, dass sich die kleinen Bildchen unter jungen Nutzer*innen großer Beliebtheit erfreuen und häufig als Ausdrucksmittel verwendet werden – möglicherweise auch deshalb, weil es für so gut wie jede Lebenslage einen passenden Sticker gibt. Fröhliche Teetassen, niedliche Hunde und tanzende Affen: Sticker erfreuen sich unter jungen WhatsApp-Nutzer*innen großer Beliebtheit und werden häufig in Gruppenchats herumgeschickt. Doch neben harmlosen Bildchen wie diesen sind auch Sticker mit rechtsextremen und pornografischen Motiven im Umlauf. Der Beitrag gibt einen Überblick über Hintergründe und Praktiken der Sticker-Nutzung durch Kinder und Jugendliche und ordnet den Umgang mit jugendschutzrelevanten Stickern rechtlich ein. Messenger-Dienste stehen bei Kindern und Jugendlichen hoch im Kurs, allen voran WhatsApp. Bereits im Grundschulalter zählt das Verschicken von WhatsApp-Nachrichten zu den am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten im Internet bzw. am Smartphone – und das, obwohl die Nutzung der App laut Nutzungsbedingungen erst ab 16 Jahren möglich ist. Den JIM- und KIM-Studien (mpfs 2020; mpfs 2019) zufolge tauschen sich 86 Prozent der Jugendlichen (12 bis 17 Jahre) täglich über WhatsApp mit anderen aus und auch knapp die Hälfte (47 %) der 6- bis 13-Jährigen verschickt jeden oder fast jeden Tag Nachrichten über den beliebten Dienst. Dabei beschränkt sich die Kommunikation nicht nur auf Zwiegespräche unter Freund*innen. Es ist auch gängige Praxis, sich in kleinen und größeren Gruppenchats zu organisieren. Gerade im Schulkontext spielen diese eine große Rolle: 69 Prozent der 12- bis 17-Jährigen haben mit ihrer Schulklasse einen eigenen WhatsApp- Chat, bei den Jüngeren sind es 44 Prozent. In solchen »Klassenchats«, die in den wenigsten Fällen durch eine Lehrkraft oder Eltern moderiert werden, geht es allerdings nicht nur um Hausaufgaben und die nächste Klassenarbeit. Neben Vorfällen mit Kettenbriefen1 und Mobbing wurden in der Vergangenheit auch immer wieder Fälle bekannt, in denen problematische Sticker die Runde machten.2 Rolle und Funktionen von Stickern in Messenger-Apps Sticker sind kleine Bilder, meist Illustrationen, Grafiken oder Fotos, die in ihrer Optik an analoge Aufkleber erinnern und in Messenger-Diensten und im Kommentarbereich sozialer Netzwerke verschickt bzw. gepostet werden können. Von herkömmlichen Bildanhängen unterscheiden sie sich dadurch, dass sie häufig ohne Rahmen (also mit transparentem Hintergrund) und JMS-Report – Oktober 5/20208 Aufsätze / Berichte Kira Thiel ist Junior Researcher für Mediensozialisation, Dr. Stephan Dreyer ist Senior Researcher für Medienrecht und Media Governance am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI). Nutzung von Stickern in Messenger-Diensten und ihre Jugendschutzrelevanz Kira Thiel / Stephan Dreyer Schutzlos ausgeliefert? Mögliche Maßnahmen im Fall der Fälle Wenn Kinder und Jugendliche entsprechende Inhalte empfangen oder im Rahmen von kleineren oder größeren Chat- Gruppen wahrnehmen, gibt es eine Reihe an möglichen Reaktionen: So ist es je nach genutztem Messenger möglich, den relevanten Inhalt und/oder die absendende Person zu melden. Ausgerechnet in Whats- App aber fehlt eine entsprechende Funktion, so dass die empfangenden Personen die*den Absender*in hier höchstens blockieren können. In Gruppen ist es daneben möglich (und oft erfolgversprechend), den Absender öffentlich anzusprechen, Dritte aus der Chat-Gruppe (Bystander) hinzuzuziehen und auf die rechtliche Relevanz oder Ungeeignetheit eines Stickers anzusprechen. Hier kann man durch das Hinzuziehen weiterer unbeteiligter Personen (sog. Bystander) die versendende Person bestenfalls in Kenntnis der Relevanz des Inhalts setzen oder davon überzeugen, dass entsprechende Sticker in einer Gruppe nichts zu suchen haben. Daneben bleiben die gängigen Empfehlungen für das Inkontaktkommen mit jugendschutzrelevanten Inhalten bestehen: Im Fall eines Falles einem Erwachsenen Bescheid geben und Anzeige bzw. Strafantrag bei der Polizei stellen. Die meisten der Messenger sind nicht anonym nutzbar sondern fest mit einer Handynummer verschränkt, so dass die Ermittlungsbehörden bei einem Anfangsverdacht über Mittel verfügen, einen Täter bzw. eine Täterin ausfindig zu machen. Bei kinder- oder jugendpornografischen Inhalten gilt daneben: Schnellstmöglich löschen, damit man selbst nicht in den Fokus strafrechtlicher Ermittlungen gerät. Im Falle unwissentlich installierter Schadsoftware oder dem unbewussten Abschlie- ßen eines kostenpflichtigen Vertrags besteht die Möglichkeit, sich an den Anbieter zu wenden und auf den Umstand der Minderjährigkeit des Vertragspartners hinzuweisen. Entsprechende Vertragsschlüsse sind in der Regel nichtig und müssen bei Nicht-Einwilligung der Eltern rückabgewickelt werden. Alternativ ist es möglich, den App-Store des Smartphones auf die böswillige App hinzuweisen und so jedenfalls anderen zu helfen. Fazit Zur Frage, ob und wie häufig Kinder und Jugendliche problematischen Stickern und den damit einhergehenden Risiken in ihrem Online-Alltag tatsächlich begegnen und welche Folgen das für sie hat, liegen bisher keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor. In Zeiten einer zunehmenden Mediatisierung des Alltags wäre es allerdings wenig zielführend, Heranwachsende aufgrund der rechts – Datenschutzvorschriften. Erkennbare Personen in Stickern, die ohne deren Einverständnis verbreitet werden, stellen insoweit regelmäßig Verstöße gegen Bildnisschutzvorschriften des KUG und datenschutzrechtliche Vorgaben der DSGVO dar, wobei Letztere in rein privaten Kontexten aber nicht anwendbar ist. Strafrecht: Bei besonders krassen Darstellungen in Sticker-Form können sogar strafrechtliche Normen berührt sein. So können etwa beleidigende oder verleumderische, volksverhetzende oder rassistische Inhalte gegen das Strafrecht verstoßen. Dazu gehören Darstellungen von verbotenen nationalsozialistischen Kennzeichen, aber auch Abzeichen, Uniformen, Parolen oder Grußformen. Auch bei pornografischen Darstellungen können Normen des StGB verletzt sein. Wie immer im Strafrecht gelten auch bei kindlicher Mediennutzung die Altersgrenzen der Strafmündigkeit: Kinder unter 14 Jahren werden bei Straftaten nicht bestraft, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 21 Jahren gilt das Jugendstrafrecht. Für die Strafbarkeit ist neben der Erfüllung der objektiven Straftatbestände regelmäßig auch Vorsatz nötig. Dass etwa in Klassenchats immer wieder Sticker verbreitet werden, die (auch strafrechtlich relevante) Grenzen überschreiten, hat dabei nicht zwangsläufig den Grund, dass diese die Einstellung der Heranwachsenden widerspiegeln oder sie sich mit den entsprechenden Inhalten identifizieren. Viel eher scheinen hier Aspekte wie Sensation Seeking aber auch die Verbesserung der eigenen Stellung innerhalb der Peergroup eine Rolle zu spielen. Dabei gilt: Je extremer der Inhalt, desto größer der Nervenkitzel und desto stärker die Reaktion der anderen. Derartige Formen des (bewussten) Inkaufnehmens der Verletzung von Straftatbeständen zur Erlangung eines besseren sozialen Status wird in der Regel für Gerichte ausreichen, um einen Eventualvorsatz hinsichtlich der Straftatsverwirklichung anzunehmen. Und wie immer gilt: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Mit Blick auf den Empfang von rechtlich relevanten Stickern ist vor allem bei kinder- oder jugendpornografischen Darstellungen Vorsicht geboten, da hier nicht nur die Versender eines entsprechenden Stickers, sondern regelmäßig auch die Empfänger gegen Strafrecht verstoßen. Hier ist bereits der »Besitz« entsprechender Darstellungen strafbar. Urheberrecht: Bei nutzergenerierten Inhalten spielt immer auch das Urheberrecht eine Rolle, wenn die Sticker-Produzent*innen fremde Inhalte für Sticker benutzen, an denen in der Regel Urheberrechte bestehen. Die Nutzung fremden Bild- oder Videomaterials ist ohne eine entsprechende Nutzungsoder Verwertungslizenz in der Regel nicht zulässig. schlimmstenfalls in ihrer Entwicklung beeinträchtigen können (Inhaltsrisiken). • Als Teilnehmende an Kommunikationsprozessen mit Bekannten und Unbekannten können sie durch Sticker, die ihnen von ihren Kommunikationspartner*innen gezielt zugeschickt werden oder durch die sich daraus ergebende Anschlusskommunikation belästigt, bedrängt oder verletzt werden (Interaktions- bzw. Kontaktrisiken). • Als Akteur*innen können sie selbst problematische Sticker erstellen und/oder verbreiten (verhaltensbezogene Risiken). • Als Konsument*innen von externen Sticker-Apps können sie dazu motiviert werden, externe Programme mit (angeblichen) Stickern zu installieren, die entweder Schadcode auf dem Smartphone ausführen oder die Nutzenden in nicht leicht erkennbare Zahlungsverpflichtungen (z.B. Abonnements) treiben. Während das Empfangen und Rezipieren problematischer Sticker vor allem individuelle Belastungsgefühle, negative Emotionen oder (langfristig) eine ideologische Prägung nach sich ziehen kann, kann das aktive Verbreiten bestimmter Inhalte im Ernstfall rechtliche Konsequenzen haben. Rechtliche Risiken beim Senden (und Empfangen) relevanter Sticker Wichtig ist, dass die bestehenden Rechtsvorgaben grundsätzlich auch für private und (halb-)öffentliche Mitteilungen in Messenger-Diensten gelten. Angesichts der gro- ßen Bandbreite in Form von Stickern versandter Inhalte können so eine ganze Reihe rechtlicher Regelungen berührt sein. Jugendschutzrecht: Die Verbreitung von jugendschutzrechtlich relevanten Inhalten wie Gewaltdarstellungen, sexuellen oder pornografischen Darstellungen auf Messenger-Diensten unterfällt dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, entsprechende Inhalte dürfen – ohne technische Schutzmaßnahmen – Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Wer entsprechende Inhalte an einzelne Minderjährige oder Gruppen sendet, in denen Kinder oder Jugendliche Empfänger sind, macht unzulässige Inhalte zugänglich und kann von der Medienaufsicht wie von der Staatsanwaltschaft dafür belangt werden. Der reine Empfang oder die Mitgliedschaft in Gruppen, in denen solche Inhalte geteilt werden, ist rechtlich aber nicht relevant. Persönlichkeitsrechte und DSGVO: Werden einzelne Personen in Stickern verwendet, sind in der Regel auch deren Persönlichkeitsrechte berührt. Jede Abbildung, jede Verbreitung der Darstellung einer Person ohne deren Einwilligung verletzt Persönlichkeitsrechte und – aufgrund der weiten Anwendungsbreite des EU-Datenschutz- Aufsätze / Berichte JMS-Report – Oktober 5/2020 9 JMS-Report – Oktober 5/2020 10 Aufsätze / Berichte Kurznachrichten KJM I Aufsichtskriterien für Rundfunk und Telemedien aktualisiert Bei ihren Entscheidungen in medienaufsichtlichen Fragen orientiert sich die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) an von ihr erarbeiteten »Kriterien für die Aufsicht im Rundfunk und in den Telemedien«. Darin dokumentiert sind laut KJM die »gegenwärtigen Problemlagen und Diskussionen über Medieninhalte« unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Medienwirkungsforschung sowie medienrechtliche Positionen. Wegen neuer Phänomene und Sachverhalte hat sie ihre Beurteilungsmaßstäbe jetzt aktualisiert und an neue Phänomene angepasst, teilte das Gremium im September 2020 mit. Damit habe man insbesondere auf die gestiegene Bedeutung von Online-Spielen und Influencer-Marketing reagiert. Der KJM zufolge berücksichtigen die aktualisierten Kriterien mit den neu aufgenommenen Aspekten »Exzessive Nutzung« und »Immersion«, dass Gaming Disorder oder Online-Spielsucht seit Juni 2019 in den Katalog der Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen wurde. Das Risiko, dass Influencerinnen und Influencer gezielt die Unerfahrenheit von Minderjährigen im Marketing ausnutzen, sei in das Kapitel »Werbung und Teleshopping« eingeflossen. »Im Interesse von Kindern und Jugendlichen ist es unser Anspruch, immer auf der Höhe der Zeit zu sein und alle bestehenden Risiken bestmöglich zu adressieren«, sagte der Vorsitzende der KJM Marc Jan Eumann. Der Aktualisierung der Kriterien komme für die Aufsichtstätigkeit des Gremiums eine zentrale Bedeutung zu. DN Das aktualisierte Dokument ist online abrufbar unter: https://www.kjm-online.de/publikationen/ pruefkriterien KJM II Vorgehen gegen Twitter wegen pornografischer Angebote Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat Ende September dieses Jahres bei sechs Profilen auf Twitter Verstö- ße gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV) festgestellt. In den entdeckten Fällen wurde die Plattform von den Profilinhabern auch dazu genutzt, pornografische Inhalte zugänglich zu machen, so die KJM. Da die Anbieter diese Inhalte verbreiteten, ohne rechtskonform sicherzustellen, dass Kinder und Jugendliche keinen Zugang dazu erhielten, habe die Kommission Beanstandungen ausgesprochen und entsprechende Maßnahmen beschlossen. Praxisprojekt »bildmachen« des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in Kooperation mit ufuq.de zur Prävention religiös-extremistischer Ansprachen in Sozialen Medien wäre denkbar, auch das Erstellen eigener Sticker in die medienpädagogische Arbeit einzubinden. ----------------------------- 1 https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ momo-horrorf igur-ket tenbr ief-whatsapp-1.4366117 2 https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/osnabrueck_emsland/Rechtsrad ika le -W hatsApp -Nachr ichten-an- Schulen,aktuellosnabrueck3020.html; https:// www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/ rechte-chats-an-dachauer-schule-mehr-alseine-jugendsuende-1.4822265; https://www. noz.de/deutschland-welt/xl/artikel/2107919/ mobbing-hetze-und-pornos-gefaehrlichewhatsapp-chats-fuer-schueler 3 https://blog.whatsapp.com/staying-connectedthrough-stickers 4 https://www.belltower.news/internet-hattiktok-ein-rechtsrockproblem-95179/ Literatur Dreyer, S. / Hasebrink, U. / Lampert, C. / Schröder, H.-D. (2013): Herausforderungen für den Jugendmedienschutz durch digitale Medienumgebungen. In: Soziale Sicherheit (CHSS), Heft 4/2013, S. 195-199. I-KiZ—Zentrum für Kinderschutz im Internet (2016): Jahresbericht 2015 des Zentrum für Internetschutz (I-Kiz). https://kinderrechte.digital/ hintergrund/index.cfm/topic.277/key.1496 Jugendschutz.net (2017): Moderner Lifestyle und Szene-Rekrutierung bei Instagram. Rechtsextreme ködern Jugendliche mit Memes und Erlebnisangeboten. https://www.hass-im-netz.info/ fileadmin/public/main_domain/Dokumente/ Rechtsextremismus/Themenpapier_Moderner_ Lifestyle_und_Szene-Rekrutierung_bei_Instagram.pdf Konrad, A. / Herring, S. C. / Choi, D. (2020): Sticker and Emoji Use in Facebook Messenger: Implications for Graphicon Change. In: Journal of Computer-mediated Communication, Vol. 25, S. 217-235. Livingstone, S. / Haddon, Görzig, A. / Ólafsson, K. (2011): EU Kids Online: final report. 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In: Psychological Bulletin, 129 (2), S. 216–269. u beschriebenen Risiken von sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten fernzuhalten. Gerade im Interaktionskontext gehen Chancen und Risiken häufig Hand in Hand (Stichwort: risky opportunities [Livingstone et al. 2011]). Das bedeutet: Wer die Vorteile entsprechender Apps genießen möchte, muss auf kurz oder lang das Risiko in Kauf nehmen, mit ungeeigneten Stickern (wie mit ungeeigneten Inhalten im Netz insgesamt) in Kontakt zu kommen. Denn das lässt sich nur schwer minimieren, ohne dabei elementare Teilhaberechte der Heranwachsenden zu beschneiden. Daher erscheint es im Sinne eines »intelligenten Risikomanagements« (I-KiZ 2016) besonders wichtig, die Befähigung junger Menschen zum reflektierten Umgang mit Online-Risiken – auch mit Stickern in Messengern – in den Fokus zu rücken. Das kann zum einen präventiv geschehen, indem ihr Bewusstsein für bestimmte risikobehaftete Medienphänomene, deren Hintergründe und mögliche Konsequenzen geschärft, ihr anbieter- und plattformbezogenes Strukturwissen gefestigt und ihre Medienkompetenz gefördert werden. Zum anderen lohnt sich ein Blick darauf, in welcher Weise Kinder und Jugendliche Sticker nutzen, um im Fall von negativen Erlebnissen unterstützen zu können. Schließlich ist ein funktionales reaktives Bewältigungsverhalten entscheidend dafür, dass ein belastendes Erlebnis keine negativen Langzeitfolgen nach sich zieht (Skinner et al. 2003). Im konkreten Fall rechtsextremer Inhalte, die gezielt über Messenger-Dienste verbreitet werden, ist es sinnvoll, mit Kindern und Jugendlichen frühzeitig über Themen wie den Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg und den Holocaust zu sprechen. Das ist wichtig, weil rechtsextreme Akteur*innen und Gruppierungen ihre Kommunikation flexibel an die Nutzungspraktiken der Heranwachsenden anpassen: Sie bedienen sich bewusst jugendaffiner Ausdrucksformen und Stilmittel und propagieren ihre Botschaften nicht nur in Form von Stickern in Messenger-Diensten, sondern auch über andere beliebte Kanäle wie Instagram (jugendschutz.net 2017) oder TikTok4 mittels plattformspezifischer Features (Reinemann et al. 2019). Zur Vermittlung ihrer Ideologie werden – auch aufgrund zunehmender Bemühungen, strafrechtlich relevante Inhalte im Internet zu löschen – häufig Botschaften auf subtile, verdeckte Weise oder unter dem Deckmantel des Humors kommuniziert, die daher auf den ersten Blick oft nicht als Extremismus zu erkennen sind. Vor diesem Hintergrund empfehlen Reinemann und Kolleginnen, die »extremismusbezogene Kompetenz« (ebd., S. 229) Jugendlicher zu fördern, damit sie extremistische Botschaften auch als solche identifizieren und entsprechend damit umgehen können. In Anlehnung an das medienpädagogische

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References
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Zusammenfassung

Der JMS-Report informiert stets aktuell und ausführlich über Themen des Jugendmedienschutzes. Hauptbestandteil sind die Listen sämtlicher indizierter und beschlagnahmter/eingezogener Medien (Filme, Computer- und Videospiele, Printmedien und Tonträger).

In ihm finden sich aber auch Medienempfehlungen in Form einer Auswahl altersgerechter und besonders geeigneter Videofilme sowie mit den FBW-Prädikaten »besonders wertvoll« und »wertvoll« ausgezeichneter Kinofilme.

Der redaktionelle Teil enthält u.a. Aufsätze, Berichte, Entscheidungen von Gerichten, der Bundesprüfstelle und des Deutschen Presserates, Dokumentationen, z.B. zur Verbreitung des Extremismus in den Medien sowie zur Entwicklung der Kinder- und Jugendkriminalität, Statistiken, Kurznachrichten, Tagungshinweise-/berichte sowie Buchbesprechungen.

Die Zeitschrift »JMS-Report« wendet sich an Medienvertreiber wie Videothekare, Buch-, Zeitschriften-, Versand-, Musik- und Computerspielhändler sowie an Jugend- und Ordnungsämter, Polizeidienststellen, Hoch- und Fachhochschulen, Schulen, Lehrer, Erzieher und Bibliotheken.