Stefan Kolev, Nils Goldschmidt, Kulturpessimismus als Provokation. Wilhelm Röpkes Ringen mit der Moderne in:

ZfP Zeitschrift für Politik, page 214 - 234

ZfP, Volume 67 (2020), Issue 2, ISSN: 0044-3360, ISSN online: 0044-3360, https://doi.org/10.5771/0044-3360-2020-2-214

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Stefan Kolev / Nils Goldschmidt Kulturpessimismus als Provokation. Wilhelm Röpkes Ringen mit der Moderne Zusammenfassung: Wilhelm Röpke ist einer der prägenden liberalen Denker des 20. Jahrhunderts und gehört zu den wesentlichen Protagonisten der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Gleichwohl ist sein Erbe nicht unumstritten: Fraglos war er ein kompromissloser Verfechter einer freien, offenen und menschenwürdigen Gesellschaft, zugleich sind aber insbesondere seine späten Schriften von einem tiefen Kulturpessimismus und einem Ringen mit der Moderne geprägt, die in der jüngeren sozialwissenschaftlichen Debatte kritisch diskutiert und mit Blick auf das neoliberale Projekt insgesamt skeptisch kommentiert wurden. Der vorliegende Beitrag analysiert Röpkes Kulturverständnis im Lichte seines Gesamtwerks und erläutert die Gründe für seine pessimistische Weltsicht sowie seine provokativen Positionen in den 1950er und 1960er Jahren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Röpkes entwicklungspolitischen Überlegungen und seine nicht gerade schmeichelhafte Rechtfertigung der Apartheid in Südafrika. Auch wenn Röpkes »dunkle Seite« wenig sympathisch ist, kann sein trüber Kulturpessimismus durchaus eine fruchtbare Provokation für die heutige Debatte um Globalisierung und Digitalisierung sein. Schlüsselwörter: Kulturpessimismus, Liberalismus, Marktwirtschaft, Massengesellschaft, Entwicklungspolitik, Apartheid Stefan Kolev / Nils Goldschmidt, Cultural pessimism as provocation. Wilhelm Röpke’s struggle with modernity Summary: Wilhelm Röpke is one of the most influential liberal thinkers of the 20th century and one of the main protagonists of the Social Market Economy in Germany. Nevertheless, his legacy is not undisputed: Without doubt, he was an uncompromising advocate of a free, open and humane society, but at the same time his late writings in particular are marked by a deep cultural pessimism and a struggle with modernity, aspects which have been critically discussed in the recent social science debate and commented on sceptically with regard to the neoliberal project as a whole. The present contribution analyzes Röpke’s understanding of culture in light of his oeuvre and explains the reasons for his pessimistic view of the world and his provocative positions in the 1950s and 1960s. One focus is on Röpke’s considerations on development policy and his unflattering justification of apartheid in South Africa. Even if Röpke’s »dark side« is not appealing, his gloomy cultural pessimism may well be a fruitful provocation for today’s debate on globalization and digitalization. DOI: 10.5771/0044-3360-2020-2-214 Keywords: Cultural pessimism, Liberalism, Market economy, Mass society, Development policy, Apartheid Stefan Kolev, Dr. rer. pol., Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik an der Westsächsischen Hochschule Zwickau sowie Mitglied im Vorstand des Wilhelm-Röpke-Instituts, Erfurt. Kontakt: stefan.kolev@fh-zwickau.de Nils Goldschmidt, Dr. rer. pol., Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an der Universität Siegen sowie Vorsitzender des Vorstands der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft, Tübingen. Kontakt: goldschmidt@wiwi.uni-siegen.de 1. Einleitung: Kulturpessimismus – politische Gefahr oder gesellschaftliche Hoffnung? In seiner klassischen Abhandlung »Kulturpessimismus als politische Gefahr« beschreibt der Historiker Fritz Stern zu Beginn der 1960er Jahre den tiefen Antimodernismus populärer Autoren Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.1 Diese Aversion gegen »die« Moderne, dieser ausgeprägte Kulturpessimismus, ging einher mit einer grundlegenden Ablehnung von Marktwirtschaft und Demokratie und war für Stern einer der Gründe für den Aufstieg des Nationalsozialismus und den damit verbundenen tiefen Fall Deutschlands in eine menschenverachtende Diktatur. Rund 40 Jahre später griff Ralf Dahrendorf diese Gedanken Sterns auf und diagnostizierte für die globalisierte Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts einen ähnlichen kulturpessimistischen Reflex wie ihn einst Stern beschrieben hatte – verbunden mit dem sozialromantischen, aber letztlich utopischen »Traum einer behaglichen Welt«.2 Es gehört zu den Paradoxien der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, dass gerade diejenigen, denen wir das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zu verdanken haben, dass – in den Worten Dahrendorfs – »auf den mörderischen Triumph und die blutige Niederlage der Politik des Kulturpessimismus ein Wirtschaftswunder [folgte], das aus Deutschland eines der wohlhabendsten Länder mit nahezu sechs Jahrzehnten zunehmend stabiler Demokratie machte«3 selbst die Moderne mit Argwohn und nicht selten mit unverhohlenem Kulturpessimismus gegenüberstanden. Dieser Widerspruch zwischen der Überzeugung, in einer Zeit von kultureller und gesellschaftlicher Krise zu leben und der unbedingten Gewissheit, dass 1 Fritz Stern, Kulturpessimismus als politische Gefahr: Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland, Bern 1963. 2 Ralf Dahrendorf, »Zurück zum Kulturpessimismus? Die Aversion gegen freie Marktwirtschaft und Globalisierung droht Wohlstand und Freiheit zu gefährden« in: Der Standard, 02. August 2005. 3 Dahrendorf, Zurück zum Kulturpessimismus?, aaO. (FN 2). 215 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 215 ZfP 67. Jg. 2/2020 diese Krise ohne Markt und Wettbewerb, vulgo Kapitalismus, nicht zu überwinden sei,4 ist geradezu die differentia specifica der Ordoliberalen zu anderen (neo-)liberalen Schulen insbesondere angelsächsischer Prägung und damit zugleich der Markenkern der Sozialen Marktwirtschaft. Positiv gewendet ringen die Ordoliberalen in ihren Schriften seit jeher mit dem Verhältnis von kultureller Moderne und abendländischer Tradition, von Gesellschaft und Gemeinschaft, von marktwirtschaftlicher Effizienz und individuellem Lebensglück. Es geht ihnen – um den Titel des Hauptwerks von Alexander Rüstow aufzugreifen – um eine permanente »Ortsbestimmung der Gegenwart«.5 Diese Ambivalenzen in der ordoliberalen Denktradition treten derzeit mit ungeahnter Wucht wieder auf die Agenda der sozialwissenschaftlichen Debatte. Spätestens mit den Ordnungserschütterungen seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise und der damit einhergehenden Fragilität des Euroraums findet eine unerwartete »Renaissance des Ordoliberalismus«6 statt, die mit einer Vielzahl kontroverser und vielschichtiger Positionsbestimmungen einhergeht.7 Steht vordergründig zumeist die Frage im Raum, ob die spezifische, eben ordoliberal geprägte fiskal- und geldpolitische Position Deutschlands während der Eurokrise nicht gerade einer der Gründe für ihre Verschärfung war, schwingt im Hintergrund nicht selten der Vorwurf mit, dass die politischen Auffassungen der frühen Ordoliberalen während der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit letztlich vormodern und undemokratisch waren – und folglich eine von ihnen inspirierte heutige Wirtschaftspolitik ebenso vormodern und undemokratisch sein muss. 4 Vgl. Walter Eucken, »Staatliche Strukturwandlungen und die Krisis des Kapitalismus« in: Weltwirtschaftliches Archiv 36, Nr. 2 (1932), S. 297–321 und Alexander Rüstow, »Freie Wirtschaft – Starker Staat. Die staatspolitischen Voraussetzungen des wirtschaftspolitischen Liberalismus« in: ders. (Hg.), Rede und Antwort, Ludwigsburg 1963 [1932], S. 249–258. 5 Vgl. Alexander Rüstow, Ortsbestimmung der Gegenwart: Eine universalgeschichtliche Kulturkritik, Erlenbach-Zürich 1950–1957. 6 Vgl. Stefan Kolev, »Introduction: Wilhelm Röpke as a Student and Defender of Western Civilization« in: Daniel J. Hugger (Hg.), The Humane Economist: A Wilhelm Röpke Reader, Grand Rapids 2019, S. xv-xlii. 7 Vgl. etwa Mark Blyth, Austerity: The History of a Dangerous Idea, New York 2013; Markus Brunnermeier / Harold James / Jean-Pierre Landau, The Euro and the Battle of Ideas, Princeton 2016; Daniel Nientiedt / Ekkehard A. Köhler, » Liberalism and Democracy – A Comparative Reading of Eucken and Hayek« in: Cambridge Journal of Economics 40, Nr. 6 (2016), S. 1743–1760; Werner Bonefeld, The Strong State and the Free Economy, London 2017; Thorsten Beck / Hans-Helmut Kotz (Hg.), Ordoliberalism: A German Oddity?, London 2017; Thomas Biebricher / Frieder Vogelmann (Hg.), The Birth of Austerity: German Ordoliberalism and Contemporary Neoliberalism, London 2017; Josef Hien / Christian Joerges (Hg.), Ordoliberalism, Law and the Rule of Economics, Oxford 2017; Ekkehard A. Köhler / Daniel Nientiedt, »The Muthesius Controversy: A Tale of Two Liberalisms« in: History of Political Economy 49, Nr. 4 (2017), S. 607–630; Patricia Commun / Stefan Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966): A Liberal Political Economist and Conservative Social Philosopher, Cham 2018; Quinn Slobodian, Globalists. The End of Empire and the Birth of Neoliberalism, Cambridge, MA 2018; Thomas Biebricher, The Political Theory of Neoliberalism, Stanford 2019 und Malte Dold / Tim Krieger (Hg.), Ordoliberalism and European Economic Policy: Between Realpolitik and Economic Utopia, London 2020. 216 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 216 Ganz im Sinne Foucault’scher Tiefenbohrungen8 gilt es unter die Oberfläche dieser Diskussion zu schauen und nach den kulturellen Voraussetzungen, Ideen und Interpretationen der Moderne zu fragen, auf denen die ordoliberalen Ökonomen ihr System von Wirtschaft und Gesellschaft aufbauten. Hierbei ist insbesondere die Relecture Wilhelm Röpkes ergiebig, der die westliche Zivilisation und Kultur nicht nur zu verstehen versuchte, sondern auch für sie aktiv einstand: In den 1930er und 1940er Jahren suchte er mit einer Mischung aus Liberalismus und Konservatismus ihren Zusammenbruch zu verhindern9 und begleitete in der Nachkriegszeit ihre Entwicklung wissenschaftlich und publizistisch, wenn auch mit zunehmender Skepsis und ersichtlichem Pessimismus. Dabei sind Röpkes Schriften bis heute eine ungeheuerliche Provokation: Röpkes Kulturpessimismus wird getragen von einer schon fast absurd anmutenden elitären Ablehnung gegenüber jeder Form der Massengesellschaft, die aus seiner Sicht nur von einer »Nobilitas naturalis« erlöst werden kann. Folglich münden seine kulturpessimistischen Provokationen aber eben auch nicht im »Untergang des Abendlandes« (Oswald Spengler), sondern er ringt mit der sozialromantischen Hoffnung einer lebens- und liebenswerten Civitas humana, geschaffen von »Aristokraten des Gemeinsinns«.10 Ob eine solche gute, menschenwürdige Gesellschaft letztlich nur auf dem Boden einer europäisch-abendländischen Kultur gedeihen kann, verwurzelt in einem »unvergänglichen Liberalismus«, ist eine der weiteren, für heutige Ohren maßlosen Provokationen Röpkes. Im vorliegenden Beitrag wollen wir das Leben dieses Provokateurs an einigen Schnittstellen nachzeichnen (Abschnitt 2) und vor diesem Hintergrund seinen Kulturbegriff rekonstruieren (Abschnitt 3) sowie kritisch analysieren (Abschnitt 4). Inwiefern Röpkes intellektuellen Brüskierungen und seine Sympathie für die kleinen, subsidiären Regelkreise der Gemeinschaft im heutigen Spannungsfeld von Globalisierung und Digitalisierung neue Relevanz erlangen könnten, wollen wir zum Abschluss des Beitrags zumindest andeuten (Abschnitt 5). 8 Foucaults kulturphilosophischen Analysen zum Ordoliberalismus, wie er sie in seinen Vorlesungen am Collège de France 1978/79 vorgelegt hat und die erst in den 2000er Jahren erstmals ins Deutsche und Englische übersetzt wurden (vgl. Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II: Vorlesungen am Collège de France 1978/1979, Frankfurt 2006 und Michel Foucault, The Birth of Biopolitics: Lectures at the Collège de France, 1978–1979, London 2008), sowie die Interpretation dieser Foucault’schen Ausführungen sind in gewisser Weise der sozialwissenschaftliche Fluchtpunkt im Diskurs über die »Renaissance des Ordoliberalismus« – und zwar von liberaler wie von liberalismuskritischer Seite in gleicher Weise. Für einen Überblick vgl. Hans-Helmuth Gander / Nils Goldschmidt / Uwe Dathe (Hg.), Phänomenologie und die Ordnung der Wirtschaft: Edmund Husserl – Rudolf Eucken – Walter Eucken – Michel Foucault, Würzburg 2009 und Nils Goldschmidt / Hermann Rauchenschwandtner, »The Philosophy of Social Market Economy: Michel Foucault’s Analysis of Ordoliberalism« in: Journal of Contextual Economics – Schmollers Jahrbuch 138, Nr. 2 (2018), S. 157–184. 9 Vgl. Erwin Dekker, The Viennese Students of Civilization: The Meaning and Context of Austrian Economics Reconsidered, New York 2016. 10 Wilhelm Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, Bern 1979 [1958], S. 193. 217 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 217 ZfP 67. Jg. 2/2020 2. Kulturkrise als Lebensgefühl: Biografische Stationen von Wilhelm Röpke Wilhelm Röpke (1899–1966)11 gehörte zur »Fin-de-Siècle«-Generation von Ökonomen auf beiden Seiten des Atlantiks wie Friedrich August von Hayek (1899–1992), Lionel Robbins (1898–1984), Bertil Ohlin (1899–1979) und Henry Simons (1899– 1946). Bereits in ihrer Jugend erlebte diese Generation den Zusammenbruch der Lebenswelt, so wie sie sie kannten, als mit dem Ersten Weltkrieg die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft desjenigen Zeitalters implodierte, das die erste Globalisierungswelle mit sich gebracht hatte. Diesen Umsturz der bestehenden bürgerlichen Kultur und der Ausbruch der zwischenmenschlichen und -staatlichen Barbarei erlebten Röpke wie viele andere seiner Generation unmittelbar an der Front, von der als Pazifist zurückkehrte. Röpke studierte nach Kriegsende Staatswissenschaften in Göttingen, Tübingen und Marburg und genoss damit ein Studium, das sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlich breit angelegt war und deutlich über die Nationalökonomie hinausging. Insbesondere in den Jahren der Hyperinflation entdeckte er jedoch die Wirtschaftswissenschaft als seine hauptsächliche Leidenschaft und wandte sich ihr in der Hoffnung zu, der fragilen Weimarer Republik über ihre existenziellen ökonomischen Probleme hinweghelfen zu können. Nachdem er 1924 als jüngster deutscher Professor Extraordinarius in Jena wurde und anschließend ordentliche Professuren in Graz und Marburg bekleidete, zählte er als Liberaler zur überschaubaren Gruppe innerhalb der deutschen Professorenschaft, die offen für die Ordnung der Weimarer Republik einstand. In der kurzen Stabilitätsperiode der Republik zwischen Hyperinflation und Großer Depression versuchte Röpke (vergeblich) durch die Gründung der Gruppe der »Deutschen Ricardianer«, gemeinsam mit seinen Wegbegleitern Alexander Rüstow und Walter Eucken, der modernen ökonomischen Theorie in Deutschland zu einem prominenteren Platz innerhalb des immer noch von der Historischen Schule dominierten Faches zu verhelfen.12 Röpke sah früh, dass die Depression über die ökonomisch notwendige Reinigungskrise hinauswuchs und in Form einer »sekundären Depression« die Ordnung des Staates zunehmend erschütterte, so dass er aktive konjunkturpolitische Maßnahmen des Staates anmahnte.13 11 Dieser Abschnitt beruht auf den biografischen Darstellungen in John Zmirak, Wilhelm Röpke: Swiss Localist, Global Economist, Wilmington 2001; Hans Jörg Hennecke, Wilhelm Röpke: Ein Leben in der Brandung, Stuttgart 2005; Heinz Rieter / Joachim Zweynert (Hg.), ›Wort und Wirkung‹: Wilhelm Röpkes Bedeutung für die Gegenwart, Marburg 2010 und Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7). 12 Vgl. Hauke Janssen, Nationalökonomie und Nationalsozialismus: Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, Marburg 2009, S. 34–48 und Patricia Commun, »Wilhelm Röpke’s Report on the Brauns Commission: Advocating a Pragmatic Business Cycle Policy« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 121–131. 13 Vgl. Hansjörg Klausinger, »German Anticipations of the Keynesian Revolution? The Case of Lautenbach, Neisser and Röpke« in: European Journal of the History of Economic Thought 6, Nr. 3 (1999), S. 378–403; Lachezar Grudev, »The Secondary Depression: An Integral Part of Wilhelm Röpke’s Business Cycle Theory« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 133–154 und Raphaël Fèvre, »Was Wilhelm Röpke Real- 218 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 218 Zwei Jahrzehnte nach dem Kollaps der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung von 1914 erlebte Röpke ab Februar 1933 einen weiteren Zusammenbruch der Kultur in Mitteleuropa. Gegen den aufkommenden Nationalsozialismus hatte er früh öffentlich Stellung bezogen, und auch in den wenigen Wochen zwischen der Macht- übernahme der Nationalsozialisten und seinem eigenen Exil versuchte er, seine Landsleute vor dem kommenden Unheil zu warnen. Wenige Tage nach der Machtübernahme, am 8. Februar, hielt er in Frankfurt den Vortrag »Epochenwende?«, in dem er den Bogen von den ökonomischen Verwerfungen der Depression über den Nationalsozialismus als Aufstand der »Massen gegen Vernunft, Frieden und Freiheit« bis zur »Möglichkeit […], dass sich das alte traurige Schauspiel des Unterganges einer blühenden Kultur mit uns wiederholt« spannte.14 Am 27. Februar hielt er beim Begräbnis seines akademischen Lehrers Walter Troeltsch eine Rede, in der er Troeltsch als »Gärtner im Garten der Wissenschaft« kontrastierte mit der »Gegenwart, die sich anschickt, den Garten der Kultur wiederaufzuforsten und in den alten Urwald zurückzuverwandeln«.15 Eine klare Provokation gegen den Nationalsozialismus, die mit dem »Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« zu seiner Beurlaubung aus dem Staatsdienst führte. Wenige Wochen später verließ Röpke Deutschland und verbrachte vier Jahre im Exil an der nach westlichen Idealen reformierten Universität in Istanbul.16 Mit Blick auf seine später eingenommene entwicklungspolitische Position schreibt er 1960 rückblickend: »Ich für meine Person hoffe, dass ich mich über dieses Problem sehr viel zurückhaltender äußern würde, wenn ich nicht vier Jahre meines Lebens in einem solchen Lande als einer seiner Beamten gewirkt und in einigen anderen mich wenigstens gründlich umgesehen hätte«.17 1937 kehrte er dank eines Rufes an das Institut des Hautes Études Internationales in Genf nach Mitteleuropa zurück. Seine Aufgabe dort bestand zunächst darin, Diagnosen und Therapien für den zunehmenden Zerfall der Weltwirtschaft zu formulieren. Im Zuge dieser Untersuchung18 vollzog er aber, wie andere ökonomische Theoretiker aus der »Fin-de-Siècle«-Generation,19 eine Abkehr von der auf Gleichgewichtsfragen ausgerichteten ökonomischen Theorie und befasste sich zunehmend mit den Ordnungsfragen der Wirtschaft als Teil einer übergreifenden Gesellschaftstheorie. ly a Proto-Keynesian?« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 109–120. 14 Wilhelm Röpke, »Epochenwende?« in: ders. (Hg.), Wirrnis und Wahrheit: Ausgewählte Aufsätze, Erlenbach-Zürich 1962 [1933], S. 105–124, hier S. 106–107. 15 Hennecke, Wilhelm Röpke: Ein Leben in der Brandung, aaO. (FN 11), S. 90. 16 Vgl. Antonio Masala / Özge Kama, »Between Two Continents: Wilhelm Röpke’s Years in Istanbul« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 11–29. 17 Wilhelm Röpke, »Als Nationalökonom in Südamerika« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04. Juni 1960, S. 5. 18 Vgl. Wilhelm Röpke, International Economic Disintegration. With an Appendix by Alexander Rüstow, London 1942. 19 Vgl. Gerold Blümle / Nils Goldschmidt, »From Economic Stability to Social Order: The Debate about Business Cycle Theory in the 1920s and its Relevance for the Development of Theories of Social Order by Lowe, Hayek and Eucken« in: European Journal of the History of Economic Thought 13, Nr. 4 (2006), S. 543–570. 219 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 219 ZfP 67. Jg. 2/2020 Diese Gesellschaftstheorie formulierte er in seiner Kriegs-Trilogie aus, die Röpkes bekannteste Werke enthält: »Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart«,20 »Civitas humana«21 und »Internationale Ordnung«.22 Das Außerökonomische und Kulturelle steht hier im Mittelpunkt: Gerade in dieser Zeit trat Röpke offensiver als viele seiner Kollegen dafür ein, normative Fragen von Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur nicht zu scheuen, sondern ins Zentrum der Verteidigungsbemühungen der am Rande der Vernichtung stehenden westlichen Kultur zu rücken.23 Die Ordnungstheorie von Wirtschaft und Gesellschaft der Kriegs-Trilogie beinhaltet folgerichtig ein Bündel normativer Aussagen, die Röpkes Versuch ausmachen, Liberalismus und Konservatismus zu einer Sozialphilosophie zu verschmelzen, die den Erfordernissen des Neuaufbaus der westlichen Gesellschaften nach dem Ende der totalitären Barbareien gerecht wird. Mit dem Ende des Krieges endete zwar nicht das Zeitalter der Totalitarismen, aber es flammte die Hoffnung auf, dass eine freiheitliche Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft zumindest in Mittel- und Westeuropa eine Chance haben könnte. Röpke beteiligte sich federführend an der Gründung der Mont Pèlerin Society, die ab 1947 eine zentrale Begegnungsstätte für liberale Wissenschaftler und Publizisten wurde.24 Auch auf die Transformation der deutschen Wirtschaftsordnung in den drei westlichen Besatzungszonen, für die Ludwig Erhard eine zunehmend wichtige Rolle spielte, hatte Röpke prägenden Einfluss – zumal, was häufig nicht gesehen wird, Erhard eben auch nicht nur eine wirtschaftliche Reform, sondern vor allem eine gesellschaftliche Umgestaltung anstrebte, mit dem Ziel, »die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden«.25 Röpkes überschwänglich positives Gutachten über die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft, veröffentlicht 1950 unter dem Titel »Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig?«,26 geschrieben in einem Büro in unmittelbarer Nähe des Ministerbüros27 und mit einem Vorwort von Konrad Adenauer versehen, flankierte die Erhard’sche Wirtschaftspolitik nicht nur an dieser Stelle. Röpke sah sich zunehmend als »Schießbudenfigur«, da sich seine Aktivitäten hin zu öffentlichen Äußerungen und 20 Vgl. Wilhelm Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, Bern 1979 [1942]. 21 Vgl. Wilhelm Röpke, Civitas humana: Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform, Bern 1979 [1944]. 22 Vgl. Wilhelm Röpke, Internationale Ordnung – heute, Bern 1979 [1945]. 23 Vgl. Wilhelm Röpke, »A Value Judgment on Value Judgments« in: Journal of Markets & Morality 18, Nr. 2 (2015 [1942]), S. 497–514. 24 Vgl. Stefan Kolev / Nils Goldschmidt / Jan-Otmar Hesse, »Debating Liberalism: Walter Eucken, F. A. Hayek and the Early History of the Mont Pèlerin Society« in: Review of Austrian Economics, im Erscheinen. 25 Ludwig Erhard, Wohlstand für Alle, Düsseldorf 1957, S. 7 und Nils Goldschmidt / Michael Wohlgemuth, »Social Market Economy: Origins, Meanings, Interpretations« in: Constitutional Political Economy 19, Nr. 3 (2008), S. 261–276. 26 Vgl. Wilhelm Röpke, Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig? Analyse und Kritik, Stuttgart 1950. 27 Vgl. Jan-Otmar Hesse, »Wissenschaftliche Beratung der Wirtschaftspolitik. Das Bundeswirtschaftsministerium und die Volkswirtschaftslehre« in: Werner Abelshauser (Hg.), Das Bundeswirtschaftsministerium in der Ära der Sozialen Marktwirtschaft: Der deutsche Weg der Wirtschaftspolitik, Berlin 2016, S. 390–481, hier S. 391. 220 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 220 Auftritten und weg von der Wissenschaft verschoben hätten.28 In der Folgezeit litt selbst das Verhältnis zu Erhard unter zunehmenden Spannungen in diesen nicht immer klar abgrenzbaren Rollen des Wissenschaftlers, Politikberaters und Publizisten.29 Auch die frühe Europäische Integration begleitete Röpke intensiv, indem er für eine marktwirtschaftliche und am Prinzip der Subsidiarität ausgerichtete Verzahnung der noch bis vor wenigen Jahren Krieg führenden Staaten stritt.30 Der Vorschlag, den Juristen Walter Hallstein zum Verhandlungsführer der Bundesrepublik bei der Gründung der Montanunion zu machen, stammt von Röpke.31 Allerdings führten die Erfolge der Sozialen Marktwirtschaft und die hohe Wertschätzung, die seinen Ideen entgegengebracht wurden, im Zuge des Wirtschaftswunders bei Röpke nicht zu einem neuen Optimismus. Stattdessen zeugen »Jenseits von Angebot und Nachfrage«32 und die späteren Schriften Röpkes von einer Verdüsterung seines Blicks: Persönlich wog der Bruch mit Hayek und den amerikanischen Liberalen in der Mont Pèlerin Society schwer und belastete seine sich stetig verschlechternde Gesundheit. Aber auch die Entwicklung der Welt aus Röpkes kulturwissenschaftlicher Warte trug zu seinem sich vertiefenden Pessimismus bei: Die relative Schwäche der USA im Kalten Krieg während der Sputnik-Jahre und besonders während der Präsidentschaft Kennedys, das Erstarken des linken politischen Spektrums in Westeuropa und nicht zuletzt Röpkes Diagnose eines neuen Materialismus in der Bundesrepublik während des Wirtschaftswunders anstatt der erhofften kulturellen Rückbesinnung lösten eine zunehmende Verbitterung aus. Den Publikationen und Korrespondenz dieser Zeit lässt sich nicht nur die Sorge um die westliche Kultur, sondern auch mehr und mehr eine Hilflosigkeit und der nachlassende Einfluss der Generation Röpkes entnehmen. Außerdem änderte sich in dieser Zeit Röpkes Resonanzraum, was ebenfalls zur Verwandlung der Tonalität beitrug: Mehr und mehr rückte er an amerikanische konservative Denker wie Russell Kirk, William Buckley und Frank Meyer heran, was seine Sicht auf Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft sichtlich veränderte.33 Im Februar 1966 starb Wilhelm Röpke im Alter von 66 Jahren in Genf. 28 Vgl. Nils Goldschmidt, »Ein widersprüchlicher Geist« in: Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2016, S. 18. 29 Vgl. Alfred C. Mierzejewski, Ludwig Erhard: Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft – Biografie, München 2006, S. 262–268. Erhellend ist hierzu auch Röpkes Rolle für die frühe Phase der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die zugleich seine nicht gerade uneitle Selbsteinschätzung offenbart. Vgl. hierzu Maximilian Kutzner, Marktwirtschaft schreiben: Das Wirtschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949 bis 1992, Tübingen 2019. 30 Vgl. Tim Petersen / Michael Wohlgemuth, »Wilhelm Röpke und die Europäische Integration« in: Rieter / Zweynert (Hg.), ›Wort und Wirkung‹, aaO. (FN 11), S. 205–243 und Sara Warneke, Die europäische Wirtschaftsintegration aus der Perspektive Wilhelm Röpkes, Stuttgart 2013. 31 Vgl. Dominik Geppert / Hans-Peter Schwarz (Hg.), Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft. Bearbeitet von Holger Löttel, Paderborn 2019, S. 232, Fn. 14. 32 Vgl. Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10). 33 Vgl. Alan Kahan, »From Basel to Brooklyn: Liberal Cultural Pessimism in Burckhardt, Röpke, and the American Neoconservatives« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899– 1966), aaO. (FN 7), S. 157–164; Jean Solchany, »Wilhelm Röpke: Why He Was a Conserva- 221 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 221 ZfP 67. Jg. 2/2020 3. Wilhelm Röpkes Kulturbegriff und Kulturpessimismus Der zweimalige traumatische Zusammenbruch der mitteleuropäischen Kultur, erst 1914 und dann erneut in den Jahren ab 1933, rückte nicht nur den Kultur-Topos in die Mitte des Röpke’schen Systems, sondern prägte auch seine Haltung zur Gegenwart und Zukunft der westlichen Kultur. In der nachfolgenden Darstellung werden wir sowohl Röpkes Kulturverständnis als auch seinen besonders im Spätwerk spürbaren Kulturpessimismus rekonstruieren. Zum einen geht es hierbei um das Phänomen der modernen Massengesellschaft als die zentrale Diagnose der modernen Kulturkrise, zum anderen um die Wiederherstellung eines richtig verstandenen Liberalismus als die Therapie für diese Krise.34 3.1 Massengesellschaft als Diagnose der Moderne Als Ökonom versteht Röpke selbstverständlich, dass es die Moderne war, deren Wirtschaftswachstum breite Schichten aus der Armut befreit hat. Und dennoch attestiert er ebendieser Moderne, dass sie der Auslöser der kommenden gesellschaftlichen und ökonomischen Krise sein werde. Der Prozess der Vermassung – ganz im Sinne von Ortega y Gasset –, welche als Lebensform der Moderne vor allem die Großstadt und die Massendemokratie mit sich gebracht habe, führe zu einer Gesellschaft, die »mehr und mehr einer auf den Kopf gestellten Pyramide« gleicht.35 Hierbei sind es »Massenleidenschaften, Massenansprüche und Massenmeinungen«, welche »die Voraussetzungen der Ordnung, Sicherheit und ruhigen Vernunft [...] mit einiger Regelmäßigkeit erfüllt sind« gefährden36 und »einen die Gesellschaftsstruktur zerstörenden Zerbröckelungsund Verklumpungsprozess« bedingen würden.37 Die Massendemokratie zeichnet in Röpkes Analyse vor allem aus, dass die Politiker den Wünschen der Masse zu entsprechen versuchen, auch wenn dies der Logik der Wirtschaft widerspricht. Röpkes Zielscheibe ist dabei auch und vor allem der Wohlfahrtsstaat, dessen Ausbau immer mehr dazu führe, dass weder das Individuum, noch die Familie noch die Gemeinschaft die Verantwortung übernehmen, welche Röpke ihnen in seiner Vorstellung einer natürlichen Ordnung zurechnet, weil sie vom Wohlfahrtsstaat sukzessive verdrängt würden. So schreibt er mit Blick auf die Reform der Rentenversicherung 1956/1957: »Wenn nämlich gegenüber dem Ideal der Eigen- und Gruppenvorsorge ein Höchstmaß an mechanisierter Fremdvorsorge, wie es die ›dynamische Volksrente‹ mit sich tive« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 165–173 und Tim Petersen, »Wilhelm Röpke and American Conservatism« in: Commun / Kolev (Hg.), Wilhelm Röpke (1899–1966), aaO. (FN 7), S. 175–186. 34 Dieser Abschnitt beruht in weiten Teilen auf Nils Goldschmidt, »Liberalismus als Kulturideal: Wilhelm Röpke und die kulturelle Ökonomik« in: Rieter / Zweynert (Hg.), ›Wort und Wirkung‹, aaO. (FN 11), S. 105–121. 35 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 74. 36 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 74–75. 37 Röpke, Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, aaO. (FN 20), S. 23. 222 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 222 bringen würde, im Namen einer ›Solidarität der Generationen‹ empfohlen wird, so ist zu fragen, ob damit nicht ein bedenklicher Fehler einer Sozialphilosophie beleuchtet wird, die uns hier nicht zum ersten Male entgegentritt, ihr Fehler besteht darin, das Struktur- und Moralprinzip der Familie von dieser echtesten aller Gemeinschaften auf die im Staate organisierte Gesellschaft als Ganzes zu übertragen, auf die es nicht anwendbar ist, ohne sich in etwas ganz anderes, nämlich in Kollektivismus, zu verwandeln. Dieser aber ist der schlimmste Feind der Familie wie aller anderen echten Gemeinschaften. Durch eine Art von schwärmerischer Überanstrengung des Familienprinzips, das ist der Irrtum, wird also etwas organisiert, was der Familie entgegengesetzt ist und sie vom zentralisierten Kollektiv her zersetzt und schließlich zerstört.«38 Die Folge dieser Verschiebung weg vom Individuum und der Gemeinschaft hin zur Massengesellschaft bedingt in Röpkes Diagnose eine doppelte Krise, die sowohl geistig-moralischer als auch sozialer Natur ist. Die Krise auf geistig-moralischem Gebiet sei zuvorderst eine Krise der Bildung: »Man denkt dabei an die Verflachung, Einebnung, Unselbständigkeit, Herdenhaftigkeit und banale Durchschnittlichkeit des Denkens, die wachsende Herrschaft der Halbbildung, die Zerstörung der notwendigen Hierarchie der geistigen Leistungen und Funktionen, die Zerbröckelung der Kulturpyramide und die Anmaßung, mit der dieser Homo insipiens gregarius sich zur Norm setzt und alles Feinere und Tiefere überwuchert.«39 Die Massengesellschaft erzeuge einen Prozess der Entpersönlichung, der zur »Zerstörung echter Gemeinschaften« und »der individuellen Verantwortung und der individuellen Lebensplanung zugunsten der Planung und Entscheidung, auf Massenhaftigkeit der Gesamtexistenz« (ebd.) führe und dabei auch das jahrtausendealte »geistige Patrimonium«40 durch eine Kultur verdränge, deren Formen Röpke als Bruch mit diesem Patrimonium versteht. Hinsichtlich Röpkes Auffassung zur Beziehung von Wirtschaft und Gesellschaft ist allerdings anzumerken, dass die Wirtschaft zwar materiell zum Massencharakter der Gesellschaft beitrage. Die Krise der Massengesellschaft als prinzipielles Versagen der Marktwirtschaft einzustufen, wäre aber dennoch ein Irrtum: »Vielmehr ist es gerade die Marktwirtschaft mit ihrer Mannigfaltigkeit, ihrem Nachdruck auf Selbstbehauptung und Selbstverantwortung und ihren elementaren Freiheiten, die der Langeweile der [...] Massengesellschaft und Industriewelt noch immer sehr wirksame Ausgleichskräfte entgegenzusetzen hat, sofern sie nur innerhalb der Grenzen gehalten wird.«41 38 Wilhelm Röpke, »Probleme der kollektiven Alterssicherung« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Februar 1956, S. 5. 39 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 85. 40 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 99. 41 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 128. 223 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 223 ZfP 67. Jg. 2/2020 Im Begriff »Marktwirtschaft in Grenzen« liegt genau der Kern des ordnungspolitischen Denkens Röpkes und auch ein Hinweis, wie auf der Grundlage der obigen Diagnose ein Ausweg aussehen kann. Dabei soll man zwischen Grenzen im engeren und im weiteren Sinne unterscheiden. Bei Ersteren handelt es sich um die Spielregeln der Marktwirtschaft, die als Grundfigur aller Ordoliberalen die Notwendigkeit eines Ordnungsrahmens betonen und unverzichtbar sind, um innerhalb dieses Rahmens den Leistungswettbewerb der Individuen zu ermöglichen. Allerdings bekundet Röpke im Spätwerk zunehmend Zweifel, ob »in der modernen Massendemokratie mit ihren mannigfaltigen Entartungen eine im Dienste des Gemeinwesens stehende Politik überhaupt noch möglich ist«42 und damit eine auf den ordnungspolitische Rahmen fokussierte Wirtschaftspolitik nachhaltig gelingen könne. Deshalb rückt er die Grenzen der Marktwirtschaft im weiteren Sinne in den Mittelpunkt: »Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage aufgebaut werden [...]. Menschen, die auf dem Markte sich miteinander im Wettbewerb messen und dort auf ihren Vorteil ausgehen, müssen um so stärker durch die sozialen und moralischen Bande der Gemeinschaft verbunden sein, anderenfalls auch der Wettbewerb aufs schwerste entartet. So wiederhole ich: die Marktwirtschaft ist nicht alles. Sie muss in einen höheren Gesamtzusammenhang eingebettet sein.«43 In diesem »höheren Gesamtzusammenhang« besteht Röpkes therapeutischer Ansatz für den diagnostizierten Kulturverfall. Ohne die »geistig-moralische Klammer«44 ist keine der Gesellschaft und ihrer Genesung dienliche Marktwirtschaft möglich. Das Kulturideal des Liberalismus ist für das Verständnis dieses »höheren Gesamtzusammenhangs« von entscheidender Bedeutung. 3.2 Das Kulturideal des Liberalismus als Therapie für die Moderne Auch wenn Röpkes Diagnose der Massengesellschaft konservativ anmutet, so zeigt sich spätestens in seiner Therapie, dass sein Denken schwer mit einem Paradigma, mit einem einzigen »Ismus« beschreibbar ist. Denn nach der konservativen Diagnose ist es eine liberale Therapie, die den Ausweg aus der Sackgasse der Moderne bieten soll. Die Marktwirtschaft könne nur in einer wahrhaft liberalen Gesellschaft gedeihen, da nur eine solche Gesellschaft die geistig-moralischen Voraussetzungen für die Marktwirtschaft immer wieder von Neuem herstellen kann. In seiner kleinen Schrift »Das Kulturideal des Liberalismus«45 nimmt er die zentrale Unterscheidung zwischen einem »vergänglichen« und einem »unvergänglichen« Liberalismus vor. Der vergängliche Liberalismus habe seinen Ursprung im 19. Jahrhundert 42 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 205. 43 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 146. 44 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 160. 45 Wilhelm Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, Frankfurt 1947. 224 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 224 und steht aus Röpkes Perspektive für einen geistigen Holzweg. Drei der Säulen des vergänglichen Liberalismus prangert Röpke besonders an: Rationalismus, Individualismus und Wirtschaftsliberalismus. Rationalismus meint dabei eine Vernunftgläubigkeit, die »keine objektiven Satzungen mehr anerkennt, [die] in freiem, beliebigem Denken alles in Frage zieht«46 und so zu einem Relativismus führe, »der alle Werte und Normen in der Säure des nur noch sich selbst setzenden Verstandes auflöst«.47 Der Individualismus vernachlässige die Einbettung jedes Einzelnen in die Gesellschaft und dass Letztere »etwas anderes ist als die Summe aller Teile«.48 Da man die Gesellschaft eben nicht als »einen einfachen Verband von Individuen« betrachten könne, sei es auch ein Irrglaube, dass der Verstand imstande ist, Wirtschaft und Gesellschaft »nach einem bewussten Gesamtplan« zu führen.49 Paradoxerweise führe also gerade ein falsch verstandener Individualismus zu Kollektivismus und Sozialismus. Der moderne Wirtschaftsliberalismus als dritte Säule des vergänglichen Liberalismus verkenne, dass »das Ideal des sogenannten wirtschaftlichen Liberalismus, nämlich die freie Marktwirtschaft, keineswegs zu den primären Zielen des geistig-politischen Liberalismus gehört«.50 In Röpkes Analyse ist die Marktwirtschaft zwar kompatibel mit der Wahrung der Ideale eines geistig-politischen Liberalismus, er stuft sie aber nicht als notwendigen Bestandteil ein: »Man kann sich sehr wohl eine liberale Gesellschaft vorstellen, die im wesentlichen aus selbstgenügsamen Bauern besteht und weder Effektenbörsen noch Banken noch auch Devisen kennt, und möglicherweise wäre das die beste von allen.«51 Das Gegenstück nennt Röpke einen unvergänglichen Liberalismus. Dieser fuße auf einer abendländischen Kultur, die »die Existenz eines Reiches der Ideen jenseits der Willkür des Menschen und die Unantastbarkeit von natürlichen Ordnungen vor und über dem Staate zu Leitsternen abendländischen Denkens gemacht haben«52 und die »ein kulturelles Kraftzentrum, das in allen Blüteperioden abendländischer Kultur wirksam gewesen ist und von den Gedanken der Besten aller Zeiten gespeist worden ist, mag auch die tiefe Unbildung unserer Zeit davon nichts mehr wissen.«53 Dieser Liberalismus, verwurzelt in der »anima naturaliter Christianae« anstelle eines »esprit pharaonique«,54 sieht Röpke durch fünf Merkmale gekennzeichnet: »Was ist der Liberalismus? Er ist humanistisch: d.h. er geht von der zum Guten fähigen und erst in der Gemeinschaft sich erfüllenden Natur des Menschen, von seiner über seine materielle Existenz hinausweisenden Bestimmung und von der Achtung 46 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 22. 47 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 22. 48 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 24. 49 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 24. 50 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 25. 51 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 25. 52 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 12. 53 Röpke, Epochenwende?, aaO. (FN 14), S. 110. 54 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 12–13. 225 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 225 ZfP 67. Jg. 2/2020 aus, die wir jedem als Menschen in seiner Einmaligkeit schuldig sind und die es verbietet, ihn zum bloßen Mittel zu erniedrigen. Er ist daher individualistisch oder, wenn man das lieber hört, personalistisch: d.h. entsprechend der christlichen Lehre […] ist die einzelne menschliche Person das letztlich Wirkliche […]. Der Liberalismus ist [...] antiautoritär: [er hütet] sich klug vor jeder Gemeinschaftsromantik, die die staatliche Organisation zum Gegenstand eines mystischen Kultes [...] macht. Der Liberalismus ist daher universal: d.h. indem er humanistisch, personalistisch und antiautoritär ist und den Menschen als solchen respektiert, während er sich vor der Vergottung des Staates hütet, widerstrebt er der Übersteigerung des Patriotismus zum Nationalismus und damit dem Machiavellismus und Imperialismus. Mit alledem ist er schließlich rationalistisch in dem zunächst noch nicht kritisch gemeinten Sinne, dass der Liberalist als Humanist allen Menschen die nämliche Vernunft zu schreibt [...].«55 Diesen unvergänglichen Liberalismus setzt Röpke mit einer »bürgerlichen Philosophie« gleich, die »uns dazu erzogen [hat], den Selbstentfaltungs- und Selbstbehauptungsdrang des für sich und seine Familie sorgenden Einzelnen ehrlich anzuerkennen und den entsprechenden Tugenden [...] den gebührenden Rang zu geben«.56 Somit ist die abendländische, bürgerliche Philosophie zugleich die Philosophie, die mit bestimmten individuellen Tugenden einhergeht, welche die Kultur prägen und als solche ausmachen.57 Wer sind die Akteure, die den nachhaltigen Erfolg dieses Kulturideals erwirken sollen? Röpke nennt diese »Aristokraten des Gemeinsinns«58 die »Nobilitas naturalis«: »Von entscheidender Bedeutung – das wird immer mehr allgemeine Überzeugung – ist es, dass es in der Gesellschaft eine wenn auch kleine, so doch tonangebende Gruppe von Führenden gibt, die sich im Namen des Ganzen für die unantastbaren Normen und Werte verantwortlich fühlen und selber diese Verantwortung aufs strengste nachleben. Was wir zu keiner Zeit entbehren können und heute, da so vieles zerbröckelt und wankt, dringender denn je brauchen, ist eine echte Nobilitas naturalis mit ihrer tröstlicherweise von den Menschen willig anerkannten Autorität, eine Elite, die ihren Adelstitel nur aus höchster Leistung und unübertrefflichem moralischem Beispiel herleitet und mit der natürlichen Würde eines solchen Lebens umkleidet ist.«59 55 Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45), S. 15–16, Hervorhebungen im Original. 56 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 178. 57 Vgl. Erwin Dekker, »The Virtues of the Market: Wilhelm Röpke as a Cultural Economist« in: ORDO: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft 69 (2018), S. 496–499. 58 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 193. 59 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 192, Hervorhebungen im Original. 226 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 226 So nimmt Röpkes Bild von abendländischen Gesellschaft Konturen an, in die die Marktwirtschaft eingebettet sein muss: »Ob wir nun von den Gefahren einer Vergewaltigung des Menschen und der Natur durch unsere moderne Industrie- und Großstadtzivilisation oder von dem Verhängnis einer kollektivistischen Wirtschaftsordnung sprechen […] – ist es nicht hier wie dort die Unnatur, gegen die wir in beiden Fällen kämpfen? Und ist es nicht hier wie dort die natürliche Ordnung der Dinge, die uns am Herzen liegt, in dem doppelten Sinne einer naturgemäßen, soziobiologisch richtigen Einbettung des Menschen und des ›ordre naturel‹ einer wohlgeordneten und wohleingehegten Marktwirtschaft?«60 Kann dieser Kulturwandel, der ein Wandel zurück ist, gelingen? 4. Kulturpessimismus: Gefährlicher Irrweg des Querulanten oder hilfreiche Provokation? Röpkes Hadern mit der Moderne wirkt heutzutage ohne Frage antiquiert. Im Zuge seines Spätwerks nimmt dieses Hadern die Züge eines Ringens mit der Moderne an. Seine »Dorf-« bzw. »Kleingartenromantik«61 zeichnet ein idealisiertes Bild von der traditionellen Gemeinschaft, das z.T. treffend als »Retro-Utopia« charakterisiert wurde.62 Zwar kann man eine solche auf Gemeinschaften fokussierte Sicht auf Gesellschaft als zivilgesellschaftlich verstehen,63 der offen elitäre Charakter seiner »Nobilitas naturalis«64 steht aber dazu in einem nicht leicht auflösbaren Spannungsverhältnis. Spannungsreich ist auch der Röpke’sche Gegensatz zwischen vergänglichem und unvergänglichem Liberalismus. Was er mit seinem unvergänglichen Liberalismus präferiert, 60 Wilhelm Röpke, »Die Natürliche Ordnung: Die neue Phase der wirtschaftspolitischen Diskussion« in: Kyklos 2, Nr. 3 (1948), S. 211–232. 61 Vgl. Röpke, Civitas humana, aaO. (FN 21), S. 283–291. 62 Jean Solchany, Wilhelm Röpke, l’autre Hayek. Aux origines du néolibéralisme, Paris 2015, S. 570. Es ist hier nicht der Ort, aber es wäre sicherlich reizvoll, einmal Röpkes Überlegungen zu kleinen überschaubaren Gemeinschaften mit den Gedanken des »Small is beautiful« von Ernst F. Schumacher und anderen wachstumskritischen Denkern in Verbindung zu setzen (Ernst F. Schumacher, Small is beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Mit einer Einführung von Niko Paech, München 2019 [1973]). In ihrem Plädoyer um überschaubare Strukturen und ihrer Sorge um einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur sind die Parallelen offensichtlich. So schreibt Röpke 1964: »Natürlich ist es kein Privileg der alten Leute, über die rohe und zerstörerische Art entsetzt zu sein, in der heute überall Schaufelbagger Stadt und Land aufwühlen, die Natur gnadenlos einer anscheinend nur noch ihren eigenen Gesetzen folgenden Technik und Wachstumsbesessenheit opfern und die gewachsene Landschaft durch eine künstliche ersetzen, die diesen Namen kaum noch verdient.« Wilhelm Röpke, »Wir zornigen alten Männer« in: ders., Marktwirtschaft ist nicht genug: Gesammelte Aufsätze, herausgegeben von Hans Jörg Hennecke, Waltrop 2009 [1964], S. 431–435, hier S. 432. 63 Vgl. Stefan Kolev, Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich, Berlin 2017, S. 147–148. 64 Vgl. Heinz Rieter, »Kulturkonservativer Kämpfer für den Bürgergeist: Wilhelm Röpkes ›Jenseits von Angebot und Nachfrage‹« in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 64, Nr. 736/737 (2010), S. 836–843, hier S. 839–841. 227 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 227 ZfP 67. Jg. 2/2020 lässt sich unschwer als das Projekt der Aufklärung identifizieren. Trotz Röpkes Betonung der christlichen Wurzeln des unvergänglichen Liberalismus ist seine Entfaltung erst durch die Aufklärung und durch den politischen Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts möglich geworden, so dass die strikte Aufteilung der beiden Liberalismen ideengeschichtlich alles andere als einfach ist. Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft wirken Röpkes Diagnose und Therapie in einigen Zügen vormodern und beherzigen kaum Ferdinand Tönnies’ grundlegende Unterscheidung zwischen diesen beiden Formen der Sozialisation. Die Einsicht in den wesentlich anderen Charakter der Gesellschaft, der in Tönnies’ Analyse vor allem auf wirtschaftlichen und politischen Systemzusammenhängen und nur in geringem Maße auf Interaktionen innerhalb kleiner Gemeinschaften beruht, wird von Röpke so nicht geteilt. Seine offen normative Analyse kulminiert in der Hoffnung, dass die Gesellschaft »genesen« kann, wenn die gesellschaftlichen Eliten sich auf die tradierten Tugenden besinnen. Dass sie das auch im wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre kaum tun, führt bei Röpke zu immer neuen Enttäuschungen. Dieser »kulturpessimistische Strudel« wird treffend von Golo Mann in seiner Besprechung von Röpkes »Maß und Mitte« eingefangen: »[E]r fasst sein Ziel entschieden zu weit. Gegen den Weltlauf in beinahe seiner Gesamtheit, gegen Großstädte, Hoch- und Apartmenthäuser, Gewerkschaften, Großunternehmen, Radio, Nationalismus, Sartre, Jazz, abstrakte Kunst, Krieg, Weltregierung und so fort – mag ein Prophet sich immerhin wenden. Ein Professor kann das sinnvollerweise nicht. Denn wenn ein Professor gegen etwas schreibt, so tut er es, oder scheint es doch mit dem Anspruch zu tun, dass hier wesentliches geändert werden könnte, wenn man nur auf ihn hören wollte? […] Freie Marktwirtschaft – aber keine Krisen […]. Vom Staat weise gelenkte Wirtschaft – aber nichts, was den Kollektivismus auch nur vorzubereiten helfen könnte. Kräftige Machtentfaltung gegenüber dem Kommunismus – aber kein big business und kein big government. Alle Bequemlichkeiten und Vorzüge der Technik – aber keine ihrer dunklen Seiten. Nein, so ist die Welt nicht.«65 Röpkes Negation der für moderne Gesellschaften grundlegende Unterscheidung zwischen Individualethik (»Tugenden«) und Sozialethik (»gerechte Strukturen«) lässt sich gut durch einen Vergleich zu Hayek illustrieren. Zwar erscheinen Hayeks Kategorien des »wahren« und »falschen« Individualismus66 dem Röpke’schen »unvergänglichen« und »vergänglichen« Liberalismus67 verwandt, auch werden beide Begriffspaare zu einer ähnlichen Zeit formuliert. Doch wenn man sich wieder der Tönnies’schen Kategorien bedient und die parallele Existenz des modernen Menschen in diesen beiden Welten betrachtet, so werden Hayek und Röpke von einer jeweils entgegengesetzten 65 Golo Mann, »Der Planer des Ungeplanten« in: Der Monat 43 (1952), S. 91–94, hier S. 92 und S. 94. 66 Vgl. Friedrich A. von Hayek, »Individualism: True and False« in: ders. (Hg.), Individualism and Economic Order, Chicago 1948 [1945], S. 1–32. 67 Vgl. Röpke, Das Kulturideal des Liberalismus, aaO. (FN 45). 228 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 228 Befürchtung umgetrieben. Während Hayek in seiner Sozialphilosophie der Logik der Gesellschaft das Primat zugesteht und befürchtet, dass die Logik der Gemeinschaft, die dem Individuum seit Jahrtausenden vertraut sei, sich immer wieder gegen die vergleichsweise junge Logik der Gesellschaft durchsetzen werde, sieht es Röpke gerade andersherum: In seiner Analyse will er die Logik der Gemeinschaft gerade vor der kalten, abstrakten und anonymen Gesellschaft bewahren.68 Ist aber die kleine Gemeinschaft und deren kulturelle Verwurzelung in der abendländisch-christlichen Kultur der Schlüssel zu einer lebenswerten Moderne, geraten andere kulturelle Muster unter Druck. Mit Blick auf die von ihm so wertgeschätzte »bürgerliche Philosophie« schreibt er: »Was dieser ›bürgerliche‹ Geist für unsere Welt bedeutet, ist auch an den Schwierigkeiten zu erkennen, modernes Wirtschaftsleben in jene unentwickelten Länder zu verpflanzen. [...] [D]ie Wortführer der unentwickelten Länder [sehen] leicht nur den äußeren wirtschaftlichen Erfolg des Abendlandes, ohne die geistig-moralische Grundlage zu erkennen, auf der er ruht. Hier haben wir es sozusagen mit dem menschlichen Humus zu tun, der vorhanden oder doch zu erhoffen sein muss, wenn die Verpflanzung wirklich gelingen soll.«69 Dieses Dilemma zwischen dem Lobpreis europäischer Geistestraditionen und den Möglichkeiten entwicklungspolitischer Strategien in anderen Kulturräumen zeigt sich sinnbildlich in Röpkes Positionen zur südafrikanischen Apartheid, die er während des letzten Jahrzehnts seines Lebens formuliert und an verschiedener Stelle vorträgt und publiziert, und die im Mittelpunkt der vom Bostoner Historiker Quinn Slobodian vorgebrachten und vielfach rezipierten Kritik an Röpkes Kulturbegriff stehen.70 Die Äu- ßerungen Röpkes sind befremdlich und sorgten bereits zur Zeit ihrer Veröffentlichung zu Verwerfungen mit vielen seiner neoliberalen Wegbegleiter. Sie sind keinesfalls zu beschönigen. Allerdings bedarf Slobodians Darstellung einer kritischen Würdigung. Das letzte Jahrzehnt von Röpkes Leben kann als ein Ringen mit der Moderne verstanden werden. Röpkes Positionen wandeln sich rhetorisch mehr und mehr zu Provokationen, die in gewisser Weise auch aus der Verzweiflung geboren scheinen. Während er in der Kriegs-Trilogie und im »Kulturideal des Liberalismus« als selbstbewusster Mahner auftritt, der seinen Zeitgenossen mit therapeutischen Vorschlägen aus den Verwerfungen der Moderne heraushelfen will, positioniert sich der späte Röpke – teils bewusst, teils getrieben – zum Querulanten, zum »Contrarian«. Contrarians beziehen ihre Identität und ihren Selbstwert aus dem Widerspruch zu einem selbst definierten gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Mainstream. Dieser wird zu einem über- 68 Vgl. Stefan Kolev, »Gemeinschaft und Gesellschaft im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung« in: Gisela Kubon-Gilke et al. (Hg.), Gestalten der Sozialpolitik. Theoretische Grundlegungen und Anwendungsbeispiele, Marburg 2018, S. 646–659. 69 Röpke, Jenseits von Angebot und Nachfrage, aaO. (FN 10), S. 178. 70 Vgl. Quinn Slobodian, »The World Economy and the Color Line: Wilhelm Röpke, Apartheid, and the White Atlantic« in: Bulletin of the German Historical Institute 10, Supplement (2014), S. 61–87 und Slobodian, Globalists, aaO. (FN 7), Kapitel 5. 229 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 229 ZfP 67. Jg. 2/2020 mächtigen Feind stilisiert, dem man nicht nur falsche Inhalte, sondern auch unlautere rhetorische Mittel wie etwa eine scheinbar überzogene politische Korrektheit unterstellt – ein gängiges Muster bis heute. Um dagegen anzukämpfen, scheint jede noch so extreme Rhetorik recht, die von anderen Contrarians nicht selten begeistert und selbstbestätigend aufgenommen wird.71 Röpkes Wandlung vom Querdenker zum Querulanten zeigt sich insbesondere auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen, die Röpke in den 1950er und 1960er Jahren zunehmend beschäftigen72 und bei denen er sich – ob zur europäischen Integration, zur Haltung zur Sowjetunion, zu den transatlantischen Beziehungen oder zur Entwicklungspolitik – immer mehr von der gängigen Meinung entfernt und sich bewusst konträr zu ihr positioniert. Der Aufsatz »Gegenhaltung und Gegengesinnung der freien Welt«73 und die Festschrift zu seinem sechzigsten Geburtstag »Gegen die Brandung«74 zeugen bereits im Titel von diesem Geist. An seinen »Contrarianism« zur sowjetischen Gefahr und zur aus seiner Sicht falschen westlichen Dekolonialisierungs- und Entwicklungspolitik75 schließt auch seine Kritik an der Kritik des südafrikanischen Apartheidregimes an. Röpkes Beitrag aus dem Jahr 1964 »Südafrika. Versuch einer Würdigung«76 wurde von den Befürwortern der Apartheid dankbar aufgenommen. In seinen Überlegungen geht Röpke davon aus, dass Südafrika eine stabile Volkswirtschaft mit einer durchaus marktwirtschaftlichen Regierung sei. Von der Leistungsfähigkeit und der Entwicklungsdynamik der Wirtschaft zeigt sich Röpke regelrecht beeindruckt. Diese Kraft in Südafrika schreibt er »der außerordentlichen Qualitäten seiner weißen Bevölkerung« zu,77 die er als »seine durchaus rechtmäßigen Besitzer und Herrscher« sieht, da sie im 17. Jahrhundert in ein »praktisch leeres Land« vorstießen.78 Deshalb seien die Weißen dort genauso Afrikaner geworden, »wie die anderen Europäer, die westwärts den Atlantischen Ozean überquerten, Amerikaner geworden sind.«79 Die Erfolge Südafrikas sieht er allerdings durch ein »ethnisches Problem« gefährdet, »das alles überschattet.«80 Der weiße Bevölkerungsanteil werde zunehmend zu einer Minderheit und dies im ver- 71 Vgl. Stefan Kolev, »Die Rhetorik der Ökonomen in Krisenzeiten« in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04. April 2020, S. 22. 72 Vgl. Jean Solchany, »Better Dead Than Red: Wilhelm Röpke, a Neoliberal Anti-Communist on All Fronts« in: Luc van Dongen / Stéphanie Roulin / Giles Scott-Smith (Hg.), Transnational Anti-Communism and the Cold War, London 2014, S. 218–232. 73 Vgl. Wilhelm Röpke, »Gegenhaltung und Gegengesinnung der freien Welt« in: Albert Hunold (Hg.), Die freie Welt im kalten Krieg, Erlenbach-Zürich 1955, S. 183–211. 74 Vgl. Wilhelm Röpke, Gegen die Brandung. Zeugnisse eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, herausgegeben von Albert Hunold, Erlenbach-Zürich 1959. 75 Vgl. Wilhelm Röpke, »Unentwickelte Länder« in: ORDO: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft 5 (1953), S. 63–113 und Wilhelm Röpke, »Die unentwickelten Länder als wirtschaftliches, soziales und gesellschaftliches Problem«, in: Albert Hunold (Hg.), Entwicklungsländer: Wahn und Wirklichkeit, Erlenbach-Zürich 1961, S. 11–82. 76 Vgl. Wilhelm Röpke, »Südafrika: Versuch einer Würdigung« in: Schweizer Monatshefte 44, Nr. 2 (1964), S. 97–112. 77 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 99. 78 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 104. 79 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 104. 80 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 103. 230 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 230 schärften Maße durch die, gerade von der wirtschaftlichen Prosperität ausgelösten, Zuwanderung aus den Nachbarländern. Diese »Mehrheit einer extrem anderen Rasse« dringe »tief in das Siedlungsgebiet der Weißen« ein.81 Die Lösung für diese Wanderungsbewegungen könne keineswegs in der Bildung einer gemeinsamen Nation mit der Gleichberechtigung aller Bürger liegen: »Nur völlig verrannte Ideologen wie die sogenannten ›Liberalen‹ Südafrikas und ihre Gesinnungsgenossen im Auslande können im Ernst vorschlagen, den Schwarzen die völlige politische Gleichberechtigung innerhalb eines südafrikanischen Einheitsstaates zu gewähren und ihnen damit in Wahrheit die Herrschaft über Südafrika zu überantworten. Es ist nichts anderes als eine Aufforderung zum nationalen Selbstmord.«82 Für einen solchen Schritt seien beide Ethnien zu unterschiedlich. Um das zu verstehen, müsse man sich nur vergegenwärtigen, so Röpke weiter, dass die Schwarzafrikaner: »nicht nur Menschen von einer geradezu extrem anderen Rasse sind, sondern zugleich einer völlig anderen Art und Stufe der Zivilisation angehören. Nun ist es eines der erschreckendsten Zeichen der geistigen Verwirrung unserer Zeit, dass man sich kaum noch fragt, ob es überhaupt möglich ist, aus völlig verschiedenen ethnisch-kulturellen Gruppen eine Nation zu bilden, die dieses Namens würdig ist und sich politisch als eine Demokratie organisieren lässt.«83 Stattdessen schlägt Röpke eine ganz andere Herangehensweise vor. Abhilfe für die »schwere [...] Hypothek seiner ethnischen Heterogenität« ließe sich in Südafrika lediglich auf die Weise einer Trennung der Bevölkerungsteile schaffen.84 In dem Südafrika- Beitrag scheinen immer wieder Röpkes elitären und geradezu paternalistischen Vorstellungen durch; etwa dann, wenn er davon spricht, den Bildungsstand der Schwarzen zu heben und »ihnen die Methoden moderner Landwirtschaft beizubringen.«85 Befremdlich mutet auch seine Naivität hinsichtlich der Lebenswirklichkeit der Schwarzen an. Röpke beklagt eindringlich die Doppelmoral der Weltgemeinschaft. Den Fall Südafrika ordnet er in den generelleren Kontext des Kalten Krieges ein, da dort ein Stellvertreterkrieg geführt werde: »Sollte es der kommunistisch-nichtokzidentalen Mehrheit der Vereinigten Nationen im Verein mit okzidentalem Masochismus gelingen, Südafrika in eine Art von Kongo oder Indonesien zu verwandeln, so wäre das ein weltpolitischer und weltwirtschaftlicher Erdrutsch, der nur noch mit dem Verlust Lateinamerikas an den Kommunismus zu vergleichen wäre.«86 81 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 103. 82 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 109. 83 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 104. 84 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 99. 85 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 106. 86 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 110. 231 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 231 ZfP 67. Jg. 2/2020 Röpke befürwortet in seinem Beitrag eine Zweistaatenlösung, einmal in das von der weißen Bevölkerung bewohnte Südafrika und einmal in das eines »Bantustans«, in dem die Bantustämme leben sollen.87 Auf diese Weise könne beiden ethnischen Gruppen jeweils »die ihnen gemäße Entwicklungsmöglichkeiten« gegeben werden.88 Diese dunkle Seite des späten Röpke ist nicht nur provokativ, sondern schon in seiner Zeit intolerabel und politisch naiv. Dies rechtfertigt ohne Frage die harsche Kritik Slobodians und anderer in den vergangenen Jahren. Zu lange wurde diese Positionen Röpkes als blinde Flecken in der Rezeption ausgeblendet. Ihn jedoch mit Slobodian letztlich zu einem engstirnigen und grobschlächtigen Rassisten (»Röpke’s normative vision for the West and his anxiety about shifts in the global racial order«)89 zu stempeln, der so dem neoliberalen Projekt insgesamt schadet, ist theoriegeschichtlich, aber auch biografisch zumindest einseitig. Röpkes Ringen um die westliche Kultur, wie es im vorherigen Abschnitt dargestellt wurde, entschuldigen seine Entgleisungen nicht, rücken sie jedoch in ein anderes Licht. Zudem: Liest man Röpke aufmerksam, leitet er aus seinen Überlegungen zum Kulturideal des Liberalismus keine notwendige »Verwestlichung« als einzigen Entwicklungspfad »nichtabendländischer« Kulturräume ab, sondern er sieht – geradezu im Gegenteil – in diesen Prozessen der Verwestlichung eine wesentliche Ursache für die Probleme in der Entfaltung der Entwicklungsländer. So schreibt er: »In weitester Sicht verbirgt sich hinter dem Schlagwort von der ›Entwicklung der unentwickelten Länder‹ nichts Geringeres, als dass sich vor unseren Augen etwas abspielt, was es im ganzen bisherigen Verlaufe der Geschichte bisher nicht gegeben hat: die anscheinend unaufhaltsame Ausbreitung einer weltbeherrschend gewordenen Kulturform, der abendländischen, auf Kosten der unerbittlichen Zersetzung und Auflösung aller anderen. Ob sich daraus eine lückenlose Okzidentalisierung der Erde ergeben wird, ist zweifelhaft. Sicher ist nur das eine, Negative: die Erschütterung, Erkrankung, Zersetzung und schließliche Zerstörung der nichtabendländischen Kultur-, Lebens- und Gesellschaftsformen, die Spannung und Gärung zum mindesten, die sich bei den fernsten Völkern und Stämmen aus der fortgesetzten und immer enger und umklammernder werdenden Berührung mit der westlichen, ›modernen‹ Welt ergeben.«90 87 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 108. 88 Röpke, Südafrika, aaO. (FN 76), S. 106. 89 Slobodian, Globalists, aaO. (FN 7), S. 156. So auch einige Zeilen später: »At a time when biological race was being either marginalized or recoded for many of the social sciences, Röpke brought it to the center of his analysis« (S. 157). Auch wenn wir nicht alle Schlussfolgerungen von Slobodian teilen, ist sein Buch ein wesentlicher Baustein für die richtige zeitgeschichtliche Situierung Röpkes und für die Entstehung des neoliberalen Projekts insgesamt. Für eine weiterführende Diskussion vgl. Stefan Kolev, »Yet Another Neoliberal School? Geneva and Its Ordoglobalists« in: ORDO: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft 69 (2018), S. 523–528 und Stefan Kolev, »Besieged by the Left and the Right: The Order of Liberal Globalism« in: Review of Austrian Economics, im Erscheinen. 90 Röpke, Die unentwickelten Länder als wirtschaftliches, soziales und gesellschaftliches Problem, aaO. (FN 75), S. 20–21. 232 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 232 Gefordert ist so für ihn – und wohl auch für eine heutige Entwicklungspolitik – ein graduelles Vorgehen anstelle von Schocktherapien und die ernsthafte Einbeziehung der »anderen« Kulturen, was die Kenntnis dieser Kulturen voraussetzt: »Jedes Entwicklungsprogramm wird daher um so richtiger und vernünftiger sein, je weniger es den natürlichen Verhältnissen und den gegebenen Voraussetzungen Gewalt antut.«91 5. Wilhelm Röpkes Kulturpessimismus im global-digitalen Zeitalter Was ist der Wert von Röpkes verzweifelten Provokationen seines Spätwerks für heute? Können heutige Sozialwissenschaftler daraus etwas lernen? Zwar ist Röpkes »Contrarianism« sicher in seinen rhetorischen Überspitzungen kaum nachahmenswert. Aber aus seinem Ringen mit der Moderne können lässt sich inhaltlich lernen. Die parallele Existenz des modernen Menschen in den beiden Welten der Gemeinschaft und Gesellschaft wird auch künftig eine Herausforderung bleiben, über die sich Sozialwissenschaftler nicht hinwegsetzen können: Der fortschreitende, wenn auch nicht stete Prozess der Globalisierung wird bei vielen das Unbehagen an der Moderne weiter verstärken. Hier lediglich schulterzuckend auf die Unabdingbarkeit solcher Prozesse als dominanter Teil der Moderne hinzuweisen, hilft wenig. Die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Röpke durchleiden musste, zeigt eindrücklich, wie leicht ein Unbehagen an der Gesellschaft in einen Rückkehrwunsch in imaginierte völkische Gemeinschaften umschlagen kann. Im Umkehrschluss kann das kulturpessimistische Hadern mit der Moderne provokant und produktiv sein – wie es der Röpke der 1940er und 1950er Jahre in seinem leidenschaftlichen Kampf für eine freiheitliche und menschwürdige Gesellschaft beeindruckend gezeigt hat. Auch der Vorwurf der »Retro-Utopia« an Röpkes Leidenschaft für die kleinen Regelkreise der Gemeinschaft ist heute vor allem vor dem Hintergrund der Digitalisierung neu zu bewerten. Was noch vor zehn Jahren als technologisch völlig utopisch galt, ist heute gelebte Realität: die Rückkehr der Gemeinschaft in Form von neuen, digitalen Gemeinschaften. Selbstverständlich ist diese Form der Gemeinschaft kein Ersatz für die echte Gemeinschaft vor Ort – und dennoch befähigt die Digitalisierung das Individuum, die kleinen Regelkreise des Freundes- und Bekanntenkreises in den sozialen Medien oder mit anderen Instrumenten und Anwendungen unabhängig von der realen Entfernung zu diesen Personengruppen mit für jeden erschwinglichen Endgeräten zu pflegen. Ob diese global-digitale Existenz die Spannungen zwischen Gemein- 91 Röpke, Internationale Ordnung – heute, aaO. (FN 22), S. 322. Für eine weiterführende Diskussion vgl. Roger Spranz / Alexander Lenger / Nils Goldschmidt, »The Relation between Institutional and Cultural Factors in Economic Development: The Case of Indonesia« in: Journal of Institutional Economics 8, Nr. 4 (2012), S. 459–488; Pia Becker / Nils Goldschmidt / Alexander Lenger, »Politische Ökonomie als kontextuale Ökonomik: Institutionen und Entwicklung zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur« in: ZfP Zeitschrift für Politik 62, Nr. 1 (2015), S. 84–102 und Pia Becker, »Fitting by Adjusting: A Field Study of Tanzanian and Ugandan Development Consultants Promoting Institutional Change« in: Journal of Contextual Economics – Schmollers Jahrbuch 138, Nr. 2 (2018), S. 117–142. 233 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 233 ZfP 67. Jg. 2/2020 schaft und Gesellschaft weiter zuspitzen oder aber entspannen wird, ist schwer vorhersehbar. Aber dass die Gemeinschaft durch die Digitalisierung eine Renaissance erlebt, macht Röpkes Hoffnung in ihre Problemlösungspotentiale deutlich aktueller. Tentativ gesprochen: Die Unsicherheit der ersten Wochen der Corona-Krise deuten auf eine Krise der Globalisierung hin, in der die willkürliche Schließung von nationalen Grenzen, die Schwierigkeiten in der Logistik und die Insolvenzgefahr bei wesentlichen Lieferanten die weltumspannenden Wertschöpfungsketten vielfach zu einer kritischen Überprüfung führen werden. Währenddessen hilft möglicherweise die Digitalisierung, die bedrohte globale Arbeitsteilung durch neue Arbeitsformen abzufedern und die soziale Isolation der Quarantäne durch neue digitale Gemeinschaften abzumildern. Dass die Kultur in dieser global-digitalen Welt an Relevanz verloren habe, kann wohl kaum behauptet werden. Die Hitze der gesellschaftspolitischen Diskussionen, die um Fragen wie Migration, Identität und Religion geführt werden, macht deutlich, dass auch heutige Sozialwissenschaftler von Röpkes lebenslanger Sorge um die Zerbrechlichkeit der Kultur lernen können, indem sie seine Sorgen in konstruktive Bahnen lenken und sie mit Blick auf wirtschaftliche Fragestellungen in eine moderne »kulturellen Ökonomik«92 überführen. Eine solche Ökonomik hat zwei wesentliche Ziele. Zum einen muss sie kultursensitiv sein und die Eigenheiten und das historische Werden nicht-westlicher Kulturen verstehen. Zum anderen muss sie auf der Suche nach Schnittstellen zum kulturellen Fundament des Liberalismus der Aufklärung sein, die notwendig sind, um die Schwierigkeiten ökonomischer Entwicklungsprozesse in nicht-westlichen Ländern zu erklären. Ein solcher kulturökonomischer Zugang zu Fragen der Entwicklung bedeutet gerade nicht, dass die westliche Moderne kopiert werden soll. Vielmehr gilt es unterschiedliche, eigenständige Wege aufzuzeigen, um an die Moderne auf unterschiedliche Weise anknüpfen zu können. Es bleibt Röpkes Mahnung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur stets in ihren gegenseitigen Abhängigkeiten zusammenzudenken, um so eine Civitas humana zu ermöglichen. 92 Gerold Blümle et al. (Hg.), Perspektiven einer kulturellen Ökonomik, Münster 2004; Nils Goldschmidt / Erik Grimmer-Solem / Joachim Zweynert, »On the Purpose and Aims of the Journal of Contextual Economics« in: Schmollers Jahrbuch – Journal of Contextual Economics 136, Nr. 1 (2016), S. 1–14 und Stefan Kolev / Nils Goldschmidt / Joachim Zweynert, »Neue Ordnungsökonomik. Zur Aktualität eines kontextualen Forschungsprogramms« in: List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik 44, Nr. 4 (2019), S. 645–660. 234 Kolev/Goldschmidt · Kulturpessimismus als Provokation 234

Abstract

Wilhelm Röpke is one of the most influential liberal thinkers of the 20th century and one of the main protagonists of the Social Market Economy in Germany. Nevertheless, his legacy is not undisputed: Without doubt, he was an uncompromising advocate of a free, open and humane society, but at the same time his late writings in particular are marked by a deep cultural pessimism and a struggle with modernity, aspects which have been critically discussed in the recent social science debate and commented on sceptically with regard to the neoliberal project as a whole. The present contribution analyzes Röpke’s understanding of culture in light of his oeuvre and explains the reasons for his pessimistic view of the world and his provocative positions in the 1950s and 1960s. One focus is on Röpke’s considerations on development policy and his unflattering justification of apartheid in South Africa. Even if Röpke’s »dark side« is not appealing, his gloomy cultural pessimism may well be a fruitful provocation for today’s debate on globalization and digitalization.

Zusammenfassung

Wilhelm Röpke ist einer der prägenden liberalen Denker des 20. Jahrhunderts und gehört zu den wesentlichen Protagonisten der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Gleichwohl ist sein Erbe nicht unumstritten: Fraglos war er ein kompromissloser Verfechter einer freien, offenen und menschenwürdigen Gesellschaft, zugleich sind aber insbesondere seine späten Schriften von einem tiefen Kulturpessimismus und einem Ringen mit der Moderne geprägt, die in der jüngeren sozialwissenschaftlichen Debatte kritisch diskutiert und mit Blick auf das neoliberale Projekt insgesamt skeptisch kommentiert wurden. Der vorliegende Beitrag analysiert Röpkes Kulturverständnis im Lichte seines Gesamtwerks und erläutert die Gründe für seine pessimistische Weltsicht sowie seine provokativen Positionen in den 1950er und 1960er Jahren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Röpkes entwicklungspolitischen Überlegungen und seine nicht gerade schmeichelhafte Rechtfertigung der Apartheid in Südafrika. Auch wenn Röpkes »dunkle Seite« wenig sympathisch ist, kann sein trüber Kulturpessimismus durchaus eine fruchtbare Provokation für die heutige Debatte um Globalisierung und Digitalisierung sein.

References

Abstract

Zeitschrift für Politik sees its main goals in representing political science in its full range; in outlining its development in research and teaching and in serving as a forum for innovative academic discussions.

It addresses scholars from various fields of research: political theory and philosophy, comparative political studies and international relations, political sociology, political economy and political law.

Website: www.zfp.nomos.de

Zusammenfassung

Die „Zeitschrift für Politik“ sieht ihre Aufgabe darin, die Politikwissenschaft in ihrer ganzen Breite und Vielfalt zu repräsentieren, ihre Entwicklung in Forschung und Lehre zu dokumentieren und als Forum für innovative wissenschaftliche Diskussionen zu dienen..

Ihr wissenschaftliches Erkenntnisinteresse bezieht sich auf: die Politische Theorie, Philosophie und Ideengeschichte als die traditionelle Basis der Politikwissenschaft, die vergleichende Politikwissenschaft und komparative, Politikfeldforschung, die neueren Entwicklungen der deutschen, europäischen und internationalen Politik sowie die Forschungsfelder der Zeitgeschichte, der Politischen Soziologie, der Politischen Ökonomie sowie der Politischen Rechtslehre.

Homepage: www.zfp.nomos.de