Urs Stäheli, Das Recht zu schweigen: Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? in:

SozW Soziale Welt, page 299 - 312

SozW, Volume 67 (2016), Issue 3, ISSN: 0038-6073, ISSN online: 0038-6073, https://doi.org/10.5771/0038-6073-2016-3-299

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Das Recht zu schweigen: Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität?1 Von Urs Stäheli Zusammenfassung: Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Rolle von Konnektivität und Diskonnektivität in Bruno Latours unterschiedlichen Konzeptionen des Politischen. Die gemeinsame Grundlage von Latours unterschiedlichen Fassungen des Politischen ist die theoretische, politische und normative Wertschätzung von Konnektivität. Obwohl er repräsentationalen Formen der Politik höchst kritisch gegenüber steht, befindet er sich nicht außerhalb der modernistischen Idee universaler Inklusion, vielmehr radikalisiert er diesen Traum. Der Aufsatz diskutiert am Beispiel unterschiedlicher Formen des Schweigens, mit welchen politischen und theoretischen Problemen die Herstellung neuer Aktanten sowie deren Versammlung in Kollektiven verbunden ist. Der Aufsatz argumentiert, dass eine nicht-repräsentationale Beschreibung von Politik die politischen Formen ernst nehmen muss, die versuchen, diesem Drang zu widerstehen, sich – sichtbar – zu vernetzen. Dafür reicht der bekannte Imperativ der ANT,Folge dem Akteurʻ nicht mehr aus. Vielmehr wird es notwendig, die Pfade zu berücksichtigen, auf denen Akteure verloren gehen, auf denen sie verblassen und sich verstecken – auf denen sie das Recht haben zu schweigen. Die ANT zeichnet sich durch ihr Interesse am Knüpfen von Verbindungen aus, an der umkämpften Erweiterung von Netzwerken. Konnektivität (im Sinne der Herstellung von Verbindungen) steht im Mittelpunkt des theoretischen, aber auch des politischen Projekts der ANT. Damit gerät das Nicht-Verbundene automatisch in den Hintergrund, es erscheint möglicherweise als Störfall, leitet aber nicht das theoretische Interesse der ANT. Der Aufsatz entwickelt die These, dass Nicht-Verbindungen keineswegs belanglos für das Funktionieren von Netzwerken sind und dass die Beachtung von Nicht-Verbindungen wichtige politische Implikationen hat. Wie ist es möglich, im Rahmen der ANT eine Vorstellung des Politischen zu entwickeln, die nicht bereits durch ihr Vokabular eine Kritik an Netzwerken ausschließen würde? Mit anderen Worten: Wie kann man eine Komplizenschaft zwischen der Netzwerktheorie und den Netzwerken vermeiden, die sie analysiert (vgl. de Goede 2012; Papadopoulos 2010: 186)? Die vorsichtig formulierte Frage deutet bereits an, dass es nicht um eine Vorstellung des Politischen, die Netzwerken (oder gar der Netzwerkgesellschaft) intrinsisch kritisch gegenüber steht, geht. Vielmehr geht es um die Möglichkeit, Netzwerke zu denken, die nicht immer schon mit den Imperativen von Netzwerken verzahnt ist – was im Grunde bedeutet, dass sie in der Lage ist, den Imperativ sich zu vernetzen (ein Beispiel hierfür ist der Slogan der Zeit-Stiftung “vernetzter leben”) zu historisieren und möglicherweise zu kritisieren. Was bedeutet der Imperativ sich zu vernetzen? In der Netzwerkgesellschaft (z.B. Boltanski / Chiapello 2003) ist das Netzwerken selbstreferentiell geworden: Wir schaffen neue Kontakte, um neue Kontakte zu generieren; wir steigern technische und soziale Mittel der Konnektivität um ihrer selbst Willen. Was dieser Imperativ unmöglich macht – oder zumindest – unerwünscht, ist eine Nichtbeteiligung in diesem andauernden Prozess der Herstellung neuer Verbindungen (Stäheli 2014). Im Folgenden werde ich Nichtbeteiligung als einen bestimmten Typ von Diskonnektivität innerhalb von Konnektivität fassen. Dementsprechend geht es nicht um den klassischen Dualismus von Inklusion oder Exklusion, sondern um die Herausforderungen, mit denen Netzwerke (und die ANT) durch Praktiken der Nichtbeteiligung konfrontiert sind, sowie um die Methoden, die die ANT entwirft, um mit Nichtbeteiligung umzugehen. Schließlich werden die Konsequenzen diskutiert, welche diese analytische und normative Bevorzugung von Par- 1 Aus dem Englischen von Clara Wieghorst. Soziale Welt 67 (2016), S. 299 – 311, DOI: 10.5771/0038-6073-2016-3-299 tizipation für das Denken des Politischen in der ANT hat – nicht zuletzt ist zu fragen, welche Formen des Politischen dadurch ausgeschlossen werden. Diese Fragen verweisen über ihre politische Relevanz hinaus auf die implizite Ontologie der (Dis)Konnektivität, welche die ANT für ihre theoretischen Projekte verwendet. Szenen der Nichtpartizipation Ich möchte mit der Gegenüberstellung zweier sehr unterschiedlicher Szenen beginnen, um mich so der Rolle von Nichtpartizipation anzunähern. Zunächst möchte ich Bruno Latour in sein vertrautes Terrain begleiten, in das Labor. In der „Pasteurization of France“ (1988) analysiert Latour, wie wissenschaftliche Dinge im Labor hergestellt werden. Nachdem der Experimentator es geschafft hat, Mikroben zu isolieren und sie zum Wachsen zu bringen, beschreibt Latour die folgenden Praktiken: He was now going to be able to modify the culture medium, starve the microbes, kill them with antiseptics, make them eat anything, in short, torture them to innumerable ways in order to learn something about them each time. (Latour 1988: 82) Diese Szene beschreibt nicht lediglich Pasteurs Praktiken, sondern wird zu einem theoretischen Modell dafür, wie die Herstellung – oder besser: die Sammlung von epistemischen Dingen zu denken ist. Dinge sprechen niemals einfach für sich, noch sind sie arbiträre Konstruktionen von Wissenschaftlern. Vielmehr werden epistemische Dinge hergestellt oder fabriziert; und dieser Prozess ist weit davon entfernt friedlich zu sein. Er gleicht eher einem gewaltsamen und unbarmherzigen Verhör. In einem Aufsatz über Recht und Wissenschaft bemerkt Latour selber, dass das, was im Labor passiert, den Foltermethoden der Inquisition ähnelt: In order to understand the very special mode of enunciation that one finds in the core of the laboratory, one has to look to torture, to the history of interrogation, or the subtle arts of the Inquisition; that is, to the very practices that modern law now regards as shameful and archaic (Latour 2004 b: 9). Ein Anwalt und vielleicht sogar ein Soziologe wären, wie Latour bemerkt, schockiert von diesen unbarmherzigen inquisitorischen Methoden. Ein Geheimnis der modernen Wissenschaft ist enthüllt, und, wie hier hinzuzufügen ist, der ANT: Die Inquisition befindet sich im Herzen moderner epistemischer Praktiken. Es scheint so, wie ich später weiter ausführen werde, dass dies nicht lediglich für die Naturwissenschaften gilt, sondern sogar für qualitative Forschungsmethoden: Man denke beispielsweise an ein narratives Interview, in dem die interviewte Person sich weigert, Geschichten zu erzählen und den Wissenschaftler mit bloßem Schweigen und Rückzug konfrontiert. Da nach Latour das Labor das Modell ist, nach dem wir das Soziale denken können, hat diese Inquisition auch Effekte auf seine Konzeption von Netzwerken und Assoziation. Normalerweise nehmen wir die Pluralisierung von Aktanten, insbesondere von nichtmenschlichen Aktanten, als einen Akt der Befreiung wahr, des Herunterreißens der Mauern zwischen Natur und Kultur, die für die Vorstellung der Modernen typisch waren. Aber wie lässt sich dieses freiheitliche (oder gar emanzipatorische) Moment in der ANT mit dem brutalen Akt der Folter in Beziehung setzen? Was bedeutet es für die Ontologie der ANT, wenn wir diese Weise, Dinge zum Sprechen zu bringen, als ein allgemeines Modell der Produktion von Aktanten verstehen? Wenden wir uns, bevor wir diesen Fragen nachgehen können, einer zweiten Begebenheit zu, einer rechtlichen – dem Miranda v. Arizona Fall (1966), der wahrscheinlich einer der populärsten Fälle in der amerikanischen Rechtsgeschichte geworden ist. Denn an diesem Fall wurde auf besonders eindringliche Weise das Recht zu schweigen verhandelt. Seine Grundlage ist das Fifth Amendment der US-amerikanischen Verfassung (1791): 1. 300 Urs Stäheli No person shall be held to answer for a capital, or otherwise infamous crime, unless on a presentment or indictment of a grand jury, except in cases arising in the land or naval forces, or in the militia, when in actual service in time of war or public danger; nor shall any person be subject for the same offense to be twice put in jeopardy of life or limb; nor shall be compelled in any criminal case to be a witness against himself, nor be deprived of life, liberty, or property, without due process of law; nor shall private property be taken for public use, without just compensation. (Hervorh. U.S.) In dem Miranda-Fall gestand der Angeklagte, ohne über sein Recht zu schweigen informiert worden zu sein. Die Richter kamen zu dem Schluss, dass sein Geständnis nicht gültig war: Prior to any questioning, the person must be warned that he has a right to remain silent, that any statement he does make may be used as evidence against him, and that he has a right to the presence of an attorney, either retained or appointed.2 Die Art der Vernehmung wird durch dieses Recht zu schweigen beschränkt; tatsächlich wird die Vernehmung, nachdem ein Angeklagter dieses Recht in Anspruch genommen hat, zeitweise unterbrochen. Selbst belastende Beweise, die nach der Miranda-Warnung geliefert werden, dürfen im Prozess nicht benutzt werden.3 Das Fifth Amendment ist also ein Werkzeug, das das Recht zur Nichtbeteiligung in das politische und rechtliche System einführt. Dadurch produziert es eine doppelte Diskonnektivität: Die temporäre Nichtbeteiligung des Angeklagten in der Ereigniskette des Verfahrens (Nicht-Partizipation der Person) und die rückwirkende Diskonnektivität von Äußerungen, die fälschlich getätigt wurden (Nicht-Partizipation von diskursiven Ereignissen). In beiden Fällen wird der rechtliche Status einer Person oder einer Äußerung suspendiert. Man denke an den seltsamen Status von Aussagen, die nach dem Aufruf des Miranda-Rechts geäußert wurden: Es handelt sich um Ereignisse, die rechtlich nicht mehr anschlussfähig sind; die sich aber trotzdem ereignet haben und gerade dadurch beständig dazu verführen, gebraucht und interpretiert zu werden. Interessanterweise versucht das Gesetz sicherzustellen, dass dieses Schweigen nicht interpretiert wird: Man darf das Schweigen nicht als ein Zeichen für Schuld oder Nicht-Kooperation ansehen. Der Gesetzestext ist sich der Verführung bewusst, das Schweigen mit Bedeutung zu versehen – und versucht es zu schützen, indem es ein Verbot zur Interpretation erteilt. Durch dieses Verbot wird deutlich, wie prekär dieses Schweigen ist und wie außergewöhnlich dieses höchst umstrittene Recht ist. Das Recht zu schweigen führt ein Paradox in die rechtliche Sphäre ein: Um die Autonomie eines Tatverdächtigen zu gewährleisten, wird es (unter gewissen Umständen) notwendig, ihm die Erlaubnis zu erteilen, am rechtlichen Netzwerk nicht zu partizipieren. Wie einzigartig diese Institutionalisierung der Nichtbeteiligung ist, wird bereits durch die schiere Menge an Aufsätzen deutlich, die sich damit auseinandergesetzt haben. Rechtswissenschaftlicher haben dieses Phänomen als „an unresolved riddle of vast proportions, a Gordian knot in the middle of our Bill of Rights“ (Amar / Lettow 1995: 857, zitiert nach Ciarelli 2003: 654) bezeichnet. Dieses Paradox der Nichtbeteiligung (oder das Recht nicht zu antworten und das Verbot, das Schweigen zu interpretieren) mag auch der Grund für seinen Erfolg in der Populärkultur sein. Es gibt keinen Polizeifilm, der das Recht zu schweigen nicht zitiert, wenn auch nicht immer richtig. Paradoxien des Schweigens Die beiden Fälle – Pasteur und Miranda – haben auf den ersten Blick sicherlich nicht viel miteinander zu tun und sind in unterschiedlichen (wie es Latour heutzutage bezeichnen würde) 2. 2 384 U.S. 436, Miranda v. Arizona (No. 759), abgehalten: February 28-March 1, 1966. 3 Das Recht zu schweigen war historisch ein Versuch, die Methoden der Inquisition zu vermeiden; es geht um „our preference for an accusatorial rather than inquisitorial system of criminal justice.“ (Murphy v. Waterfront 1964, 378 U.S. 52, zitiert nach Ciarelli 2003: 656.). Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? 301 Existenzmodi situiert: Wissenschaft und Recht. Trotzdem verbindet sie, dass sie beide auf Vernehmung und Beteiligung fokussiert sind – und darauf, wie eine Vernehmung (wissenschaftliche oder juristische) Wahrheiten produziert. Es wird deutlich, dass die Wissenschaft eine buchstäblich gesetzlose Sphäre ist. In der Wissenschaft hat die Inquisition bis zum heutigen Tage nicht aufgehört. Entitäten werden noch immer gefoltert, sie werden einer unendlichen Anzahl von Prozessen ausgesetzt, in denen sie ihre Stärke und Widerstandsfähigkeit beweisen müssen, in denen sie immer wieder Bewährungsproben bestehen müssen. Aber was geschieht, wenn eine Entität dennoch schweigt? Die Laborstudien formulieren hier eine klare Antwort: Wenn die Entität schweigt, existiert sie einfach nicht – nichts passiert, und dieses Nicht-Passieren kann und soll von der ANT nicht erfasst werden. Aktanten werden durch ihre Fähigkeit zu handeln definiert; ein Aktant, der nicht handelt, hat keine Realität: „reality as the latin word res indicates, is what resists. What does it resist? Trials of strength. If, in a given situation, no dissenter is able to modify the shape of a new object, then that’s it, it is reality, at least for as long as the trials of strength are not modified.“ (Latour 1987: 94) Kurz, etwas, das einer Vernehmung nicht standhalten kann oder sich ihr entzieht, ist nicht von Interesse; weder für die Wissenschaftler im Labor noch für die ANT. Die Entitäten im Labor mögen schweigen, jedoch nehmen sie damit ihre Nichtexistenz in Kauf. Soziologie wird so zu einer positivistischen und aktionistischen Wissenschaft, die ganz darauf ausgerichtet ist, dass etwas geschieht – die also einen bias für das Handeln hat. Eine solche Wissenschaft ist nur in der Lage, jene menschlichen und nicht-menschlichen Akteure zu beobachten, die eine aktive Rolle in der Herstellung von Dingen einnehmen. Im Gegensatz dazu befindet sich das rechtliche Schweigen einer befragten Person in einer interessanten Doppelposition: Das Schweigen ist nicht außerhalb der juristischen Sphäre situiert, sondern ist stark reguliert und umstritten – und es handelt sich um ein Schweigen, das ständig Gefahr läuft, doch als rechtliche Äußerung interpretiert zu werden. Wir alle kennen aus zahlreichen Polizeifilmen den Satz: „Sie haben das Recht zu schweigen“. Sicherlich ist dieses Schweigen noch immer Teil des rechtlichen Netzwerks, aber es beendet, zumindest für einige Zeit, die Vernehmung – in diesem Moment können keine weiteren Aussagen hinzugefügt werden; dem Verdächtigen ist es gestattet, nicht zu partizipieren. Insofern führt das Schweigen eine Pause in die Herstellung rechtlicher Fakten ein; und auch eine Pause in die Schaffung neuer Ereignisse, die rechtliche Fakten produzieren. Es handelt sich, wie bereits angedeutet, um ein paradoxes Schweigen – ein Schweigen, das beobachtet wird, das rechtlich kodifiziert ist und das in das Polizeiprotokoll mit eingehen wird. In diesem Sinn ist es kein reines Schweigen, aber eine solche Reinheit wäre selbst wieder eine mystische Figur. Schweigen wird als Schweigen benannt und ist damit selbst eine Äußerung, aber eine Äußerung, die selbst behauptet, keine Äußerung zu sein. Diese paradoxe Verfasstheit des Schweigens sollte uns jedoch nicht die einzigartige Leistung des Rechts zu schweigen übersehen lassen. Es erkennt das Bedürfnis an, die Produktion neuer Äußerungen anzuhalten, eine temporäre Pause in den permanenten Kommunikationsfluss einzuführen. Gewiss, diese Pause befindet sich nicht per se im Widerspruch zum Recht. Sie kann als eine Pause angesehen werden, die im Dienste der Gerechtigkeit des Gesetzes steht, indem sie die Grenzen des Rechts deutlich macht (Constable 2005). Eine solche Pause sorgt dafür, dass die Beschaffenheit eines Geständnisses im Einklang mit rechtlichen Standards ist; insofern ist das Anführen des Rechts zu schweigen eine Warnung, existierende rechtliche Protokolle einzuhalten. Dieses Recht benennt ein Schweigen; es ist eine Kommunikation über die Notwendigkeit zu schweigen und ist in diesem Sinne eine juristische Kommunikation im Dienste der Aufrechterhaltung rechtlicher Netzwerke. Aber auch diese Funktion ist dem Schweigen nicht eingeschrieben, denn dann würde es immer schon über eine fixierte Bedeutung verfügen. Das Schweigen selbst oszilliert zwischen rechtlicher Indienstnahme, rechtlichem Hindernis und einer rätselhaften Leerstelle in der rechtlichen Kommunikation. 302 Urs Stäheli Warum sind diese beiden sehr unterschiedlichen Szenen für meine Frage einer Politik der (Dis)Konnektivität von Interesse? Die beiden Beispiele zeigen uns unterschiedliche Arten des Sammelns und Fabrizierens von Aktanten – und eine unterschiedliche Rolle von (partieller) Nichtbeteiligung in wissenschaftlichen und rechtlichen Netzwerken. Wenn wir uns dem Politischen zuwenden, stellt sich ebenfalls die Frage nach der Rolle von Beteiligung und Nichtbeteiligung – oder, noch komplizierter, nach einer Beteiligung, die gleichzeitig eine Nichtbeteiligung ist (d.h. eine Diskonnektivität innerhalb des Flusses von Konnektivität).4 Latours Politik der Konnektivität Aus dieser Perspektive möchte ich nun Latours Konzepte des Politischen betrachten (ich spreche von mehreren Konzepten, weil sich unterschiedliche Ideen des Politischen in Latours Werk finden lassen). Dabei geht es hier nicht um Latours unterschiedliche Fassungen des Politischen, die von der Dingpolitik bis hin zur Kosmopolitik reichen. Vielmehr interessiert die diese Konzepte begründende Vorstellung von Konnektivität. Mit Konnektivität ist hier kein Begriff gemeint, der sich auf digitale Netzwerke reduzieren lassen würde. Vielmehr geht es um das Grundprinzip der Latourschen Soziologie, die für ihn eine „Assoziologie“ ist; sich also mit der Frage beschäftigt, wie Assoziationen – und damit Verbindungen – hergestellt werden können.5 Wir erfahren schnell, dass Politik und Wissenschaft in tiefer Affinität zueinander stehen: die Politik steht dem Labor näher als dem Gericht, und vielleicht kann diese Auffassung auch einige der Defizite einer solchen Konzeption von Politik erklären. In „Das Parlament der Dinge“ macht Latour diese Affinität deutlich: Als wir uns weigerten, die Politik mit Menschen, Subjekten und Freiheit zu verbinden und die Wissenschaft mit Objekten, Natur und Notwendigkeit, haben wir die gemeinsame Arbeit von Politik und Wissenschaft entdeckt: die Entitäten des Kollektivs zusammenzumengen, um sie artikulierbar zu machen und zum Sprechen zu bringen. Nichts ist politischer als diese Aktivität, nichts ist wissenschaftlicher (2010: 125, Hervorh.i.O.). Demnach sind der politischste und der wissenschaftlichste Akt in einem wesentlichen Aspekt identisch: Es geht darum, Entitäten zum Sprechen zu bringen. Und diese sind nur in der Lage zu sprechen, wenn sie Teil eines Kollektivs werden. Deswegen ist Politik notwendigerweise lärmig (vgl. Cole 2013: 111). Alle Gruppen, egal ob Buchhalter, Soziologen oder Winzer, versammeln viele Stimmen: „Groups are not silent things, but rather the provisional product of a constant uproar made by the millions of contradictory voices about what is a group and 3. 4 Interessanterweise enthält sogar Habermasʼ Theorie kommunikativen Handelns das Recht, sich aus einem Gespräch zurückzuziehen (Diese Einsicht verdanke ich Peter Niesen): „Deshalb läßt sich die private Autonomie eines Rechtssubjekts wesentlich als die negative Freiheit verstehen, sich aus dem öffentlichen Raum gegenseitiger illokutionärer Verpflichtungen auf eine Position wechselseitiger Beobachtung und reziproker Einwirkung zurückzuziehen. Die private Autonomie reicht so weit, wie das Rechtssubjekt nicht Rede und Antwort stehen, für seine Handlungspläne keine öffentlich akzeptablen Gründe angeben muß. Subjektive Handlungsfreiheiten berechtigen zum Ausstieg aus dem kommunikativen Handeln und zur Verweigerung illokutionärer Verpflichtungen; sie begründen eine Privatheit, die von der Bürde der gegenseitig zugestandenen und zugemuteten kommunikativen Freiheit befreit.“ (Habermas 1992: 153, Hervorh.i.O.). 5 Diese hervorgehobene Rolle von Konnektivität findet sich auch in den ANT-Studien, die bereits in den 1990er Jahren versucht haben, den Netzwerkbegriff um weitere Formen zu ergänzen. Man denke z.B. an Mol / Law (1994), die u.a. den topologischen Begriff der „fluids“ einführen. Die ganze Metaphorik der „Flüssigkeiten“ und „Ströme“ ruht ihrerseits auf einem starken Kontinuitätsbegriff (Mol / Law 1994: 662), welcher Konnektivität als beständige Transformation fasst. So interessant eine solche topologische Wendung der ANT erscheint, so bricht sie damit keineswegs mit dem oben diskutierten ‚Konnektivitätsimperativʻ – vielmehr verstärken topologische Modelle durch ihre Kontinuitätsannahme diesen zusätzlich. Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? 303 who pertains to what“ (Latour 2005: 31). Ich möchte einen genaueren Blick auf die beiden wichtigsten Annahmen dieser noch rudimentären Auffassung des Politischen werfen: Entitäten zum Sprechen bringen (a) und Entitäten zu versammeln (b). (a) Eines der wichtigsten Momente des Politischen ist die Produktion von Aktanten. Latour hat die Auffassung von Aktanten erheblich erweitert, um auch nichtmenschliche Aktanten zu berücksichtigen und so den Kreis möglicher Mitglieder eines Kollektivs entscheidend zu erweitern. Dem Vorschlag Latours für ein Parlament der Dinge wurde häufig vorgeworfen, den Nährboden für ein Expertentum zu bereiten, d.h. zum Beispiel für die privilegierte Rolle von Experten, die für den Wald sprechen, das Klima oder für Tiere (vgl. Lindemann 2009). Dieses Argument mag nicht falsch sein, jedoch kann es zu problematischen Schlussfolgerungen führen: Wenn die nicht-menschlichen Akteure nicht sprechen können, können wir sie nicht in unsere politische Anhängerschaft aufnehmen, weil wir uns vor den Experten fürchten, die für sie sprechen. Unter Umständen kann die Kritik an dem Expertentum sogar die purifizierten Grenzen stärken, die Latour so erfolgreich abgebaut hat. Die Kritik an der Expertokratie folgt in einer gewissen Weise noch zu sehr den Latourschen Vorgaben – und übersieht deshalb ein grundlegendes Problem in dieser Konzeption des Politischen: Das Erfordernis, dass nichtmenschliche und menschliche Akteure sprechen müssen, um überhaupt erst Bürger zu werden und dadurch an politischen Prozessen teil zu haben. Die ANT fungiert als der wohltätige, aber gleichzeitig trickreiche Coach der noch immer stillen Masse: „Daher mußten spezifische Tricks erfunden werden, um die Objekte zum Reden zu bringen, das heißt Beschreibungen ihrer selbst anzubieten, Skripte von dem zu produzieren, wozu sie andere – Menschen oder Nicht-Menschen – bringen“ (Latour 2010: 137, Hervorh.i.O.). Aber wie verhält es sich, mit der Weigerung zu sprechen? Was ist mit dem Recht, nicht zu sprechen, den Tricks nicht zu antworten, schweigsam zu bleiben? Oder, um es anders zu formulieren, warum ist die ANT nicht daran interessiert, das Schweigen zu hören? Warum macht Latours ständig präsente Ethnographin nicht manchmal eine Pause, auch wenn dann nichts zu passieren scheint? Diese Fragen führen uns zu Latours performativem Verständnis von Aktanten zurück. Wie alle anderen Aktanten, müssen politische Aktanten etwas tun, um zu einem Aktanten zu werden. Ein Aktant, der versteckt bleibt, oder der still ist, verliert seinen Status als Aktant: „Sie [Objekte, Anm. U.S.] bleiben stumm und sind nicht länger Akteure, sie können nicht in Betracht gezogen und nicht dargestellt werden“ (Latour 2010: 136). Ein unbenutztes Buch in der Bibliothek, Müll, der Schlüssel, den ich gestern vergessen habe, aber auch der verborgene Geheimagent oder der Schläfer; all diese vernachlässigten Dinge werden nicht beachtet und produzieren keinen „sichtbaren Effekt auf andere Handlungsträger“ (Latour 2010: 136). Latours Soziologie ist eine höchst aktivistische Soziologie, nicht primär politisch, sondern theoretisch. Es ist eine Soziologie, die nur ein sehr beschränktes Vokabular dafür hat, das zu beschreiben, was keinen „sichtbaren Effekt“ produziert (Wie wissen wir überhaupt, was ein Effekt ist, wenn wir Latours Kritik an kausalen Erklärungen folgen?). Sedimentierte Praktiken, materialisierte Gewohnheiten, die alltägliche Arbeit von Infrastrukturen, Atmosphären – all diese Phänomene sind für Latour nur von Interesse, wenn etwas passiert und wenn sie in der Lage sind, den Ethnographen-Theoretiker zu überraschen, der sich in einem permanenten Zustand der Anspannung zu befinden scheint. Deswegen gründet die typische ANT analytisch auch in einer sozialen Ästhetik der Überraschung. Was die ANT wahrnimmt, sind Momente des Neuen, z. B. einen Unfall, Reparaturarbeiten oder das Hinzufügen neuer Aktanten zu einem existierenden Netzwerk. Jedoch ist Latour nicht in der Lage, Momente zu berücksichtigen, in denen nichts passiert, Phasen der Stille – jene seltsamen Präsenzen, die noch kein Akteur sind, die aber dennoch, auf welcher Weise auch immer, da zu sein scheinen. Interessanterweise verweist Latour auf solche Momente der Unverbundenheit (jedoch nicht in Form von Verweigerung) in ontologischen Begriffen: „[I]nstead of starting from universal 304 Urs Stäheli laws […] and to take local contingencies as so many queer particularities that should be either eliminated or protected, it starts from irreducible, incommensurable, unconnected localities, which then, at a great price, sometimes end into provisionnaly commensurable connections“ (1996: 370; Hervorh. U.S.). Das noch nicht Verbundene oder das Unverbundene ist nur Teil eines ontologischen Hintergrunds. Mit dem Begriff des Plasmas versucht Latour, dieses Unverbundene zu fassen – also gleichsam die Löcher der Netzwerke in den Blick zu kriegen. Dieser Hintergrund ermöglicht es zu analysieren, wie Verbindungen aufgebaut werden, auch mit inquisitorischen Methoden – aber er bleibt als bloßer Hintergrund blind für die merkwürdige Existenz des Unverbundenen innerhalb des Verbundenen. Stattdessen ist er ein Startpunkt für den Imperativ sich zu verbinden, immer neue Verbindungen dieser Ontologie von „unconnected localities“ abzuringen. So ist dieses Plasma „not yet formatted“ (Latour 2005: 244) – Latour führt eine ganze Liste des „not yet“ auf, womit die teleologische Konzeption des Plasma deutlich wird, da es immer als „noch nicht“, aber möglicherweise bald Verbundenes gedacht wird. Kurz das Unverbundene erscheint primär als ein unermessliches „hinterland“ und „ressource“ (Latour 2005: 244) für Netzwerkbildung (und am Rande als geheimnisvolle Instanz mit Hilfe derer man ansonsten unerklärliche Veränderungen von Netzwerken erklären kann). (b) Entitäten versammeln: Sicherlich teilt diese Politik nicht den naiven und essentialistischen Glauben daran, dass irgendjemand für sich selbst sprechen könnte. Aus diesem Grund wird Latours Politik zu einer Politik der Mediatoren, Sprecher und der Verräter. Es ist niemals möglich, für sich selbst zu sprechen, man benötigt immer ein Kollektiv, um überhaupt sprechen zu können. Was Latour allerdings nicht berücksichtigt, ist, dass diese „Politik des Sprechens“ gleichzeitig eine Explosion der Diskurse installiert. Von Foucaults Analyse der Sexualität haben wir gelernt, dass die moderne Macht den Diskurs nicht beschränkt, sondern vielmehr Äußerungen multipliziert und wuchern lässt. Macht gründet nicht zuletzt in der beständigen Produktion von immer neuem Wissen; sie macht das, was noch nicht gesagt wurde, zum Objekt neuer Techniken der Wissensproduktion. Es ist kein Zufall, dass sich die autoritärsten Regime, wie z.B. China, dadurch auszeichnen, dass dort kein „Recht zu schweigen“ besteht. Das bedeutet nicht, dass Latour für eine autoritäre Politik plädiert, aber es deutet auf das Problem hin, dass es nicht unbedingt ein emanzipatorischer Akt ist, Dinge zum Sprechen zu bringen. Solch eine Politik ist immer schon ein Teil der unendlichen Wucherung neuer Verbindungen, Aktanten und Äußerungen – sie ist Teil einer Logik, die automatisch davon ausgeht, dass eine Verbindung herzustellen besser ist, als sich zurückzuziehen, unwahrnehmbar zu werden oder eine Verbindung zu lösen. Es ist eine Politik, die unterstellt, dass die Universalisierung des Sprechens ein normatives Ziel der Politik sein sollte. Die Bedingung, die Latour hinzufügt – und durch die er sich von normativen Demokratietheorien unterscheidet – ist, dass diese Universalisierung so viel Heterogenität wie möglich inkludieren sollte. Aber er bleibt dem Deliberationsgebot solcher Ansätze treu, ja radikalisiert dieses sogar. In gewisser Weise ist die ANT eine höchst beeindruckende Lärmmaschine – sie versucht, eine Kakophonie heterogener Stimmen zu kreieren; sie stellt den Raum für ein improvisiertes Konzert bereit, deren Komposition erst während der Aufführung entsteht – dennoch bleibt unklar, wie dieser Raum konstituiert wird. Es handelt sich um einen festlichen Lärm, um eine Feier, die den Zusammenbruch der Geräuschkontrolle der modernen Verfassung zelebriert (wie Latour in „Das Parlament der Dinge“ analysiert). Diese kompositionale Politik wird von einer Logik einer potentiell universalen Inklusion geleitet. Gewiss, nicht jeder Aktant wird Teil eines Kollektivs sein, sondern das Kolletiv wird selbst darüber entscheiden, wie es zusammengesetzt sein wird. Im Prinzip könnte aber jeder Aktant Teil dieses Kollektivs sein – darauf zielte denn auch die theoretische Anstrengung ab, eine symmetrische Anthropologie zu entwickeln. Die möglichen Teilnehmer müssen zunächst vermehrt werden, um die Zusammensetzung potentiell demokratischer zu machen. Die wichtigsten Vorwürfe gegenüber den Modernen waren, dass sie eine Politik der Reinigung oder eine brutale Politik der Ausschaltung von Lärm verfolgen. Die Unterscheidung zwischen der Natur und dem Sozialen wird stabilisiert und purifiziert, um Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? 305 sicherzustellen, dass die Natur isoliert und in ein stilles Objekt verwandelt werden kann, über das gesprochen wird, das jedoch nicht an modernen Konversationen teilnimmt. Latours Abneigung gegenüber Schweigen ist also in dem Kampf begründet, den er gegen die moderne Verfassung geführt hat, welche die Natur zum Schweigen gebracht hat. Die neuen Kollektive sollen das inkludieren, was bisher exkludiert wurde. Diese erweiterte und heterogene Versammlung der Mitglieder soll nun mit größerer Freiheit gemischt werden („together with greater freedom“ (Latour 2004: 86)). Bemerkenswerterweise liegt Freiheit nun nicht in der Autonomie der Aktanten, sondern in der Fähigkeit, die Elemente auf unterschiedliche Weise zu mischen. Freiheit ist so ein Charakteristikum von Assemblagen und verweist auf die Möglichkeit, Aktanten in diversen Weisen neu zu kombinieren und neu zu verbinden. Um frei zu sein, muss eine Assemblage größtmögliche Flexibilität erreichen. Alternative Konnotationen von Freiheit, so wie z.B. die Fähigkeit, bestimmten Kräften zu widerstehen, gehen in diesem Konzept zu Gunsten einer gesteigerten und flexiblen Konnektivität innerhalb von Kollektiven verloren. Obwohl Latour politische Kollektive für nicht-menschliche Akteure geöffnet hat – seien es Wälder, Steine, Hunde oder Bakterien –, folgt seine politische Theorie noch immer dem deliberativen Ideal der Verhandlung (vgl. Wainwright 2005: 119). Ähnlich wie viele Demokratietheorien, die Latour ansonsten ablehnt, privilegiert er die hör- und verstehbare Stimme als den Schlüssel zu demokratischer Politik. Politik ist eine Versammlung, die aus denjenigen besteht, die in der Lage sind zu verhandeln. In einem gewissen Sinne ist die ANT der Aktivator für diejenigen, die noch nicht inkludiert sind, die bisher als passiv angesehen wurden. Diejenigen, die der Verhandlung noch nicht fähig sind, sollen in sprechende und damit kompetente Aktanten transformiert werden, indem sie dazu gebracht werden, an einem Netzwerk teilzunehmen. Kurz gesagt ist ein wahrer Bürger, ein Bürger, der spricht und keiner der gleichgültig ist.6 Das Postulat Kollektive zu öffnen und zu erweitern geht einher mit der Hoffnung, den bisher schweigenden und übersehenen Entitäten eine Stimme zu geben. Auf diese Weise schließt Latour gleichzeitig aber auch eine materialistischere Lesart des Politischen aus, die sich für die nicht-repräsentationalen, affektiven Aspekte interessieren würde.7 Allerdings haben andere Vertreter der ANT das Schweigen nicht total ignoriert. In einem spannenden Aufsatz haben Michel Callon und Vololona Rabeharisoa (2004) das Problem des Schweigens thematisiert. Im Rahmen einer Studie über eine genetische Krankheit (Gliedergürtel-Muskeldystrophie) haben die beiden ForscherInnen eine denkwürdige Begegnung mit Gino. Gino leidet unter der Krankheit, ist aber in vielerlei Hinsicht ein untypischer Patient: Er weigert sich, Medikamente zu nehmen, er weigert sich an Selbsthilfegruppen teilzunehmen, und er weigert sich zu erfahren, ob seine Kinder dieselbe Krankheit haben. Eine vierte Weigerung erschreckt die Forscher: Gino ist nicht daran interessiert, mit ihnen zu sprechen. Seine Antworten sind kurz, manchmal ist sein Murmeln kaum zu verstehen. Gino ist ein radikaler Fall von Nichtbeteiligung. Er nimmt nicht am dem medizinisch-sozialen Netzwerk teil, und er beteiligt sich nur minimal an dem soziologischen Forschungsprozess. Diese Weigerung lässt sich nicht ohne weiteres in eine ANT-Perspektive integrieren. Würden die beiden SoziologInnen Latours Äußerungen über Aktanten, die nicht handeln, ernst nehmen, müssten sie ihr erfolgloses Interview mit Gino fallen lassen. Allerdings sind sie von seinen mehrfachen Weigerungen fasziniert, von seiner radikalen Nichtbeteiligung – und genau diese Faszination macht 6 Das Gegenmodell dazu ist Baudrillards (2010) zwischen Utopie und Dystopie schwankende Konzeption der schweigenden und indifferenten Masse. 7 Siehe für alternative Konzeptionen des Politischen z.Bsp. die Diskussion, die an Walt Whitmans Konzept „sentimental democracy“ anschließen (Esteve 2003); Jason Frank (2007) erarbeitet ein Konzept der ästhetischen Demokratie und des demokratisch Erhabenen, das durch die Erfahrung des Werdens der Menschen charakterisiert ist – ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist. 306 Urs Stäheli ihre Studie so spannend. Sie lesen seine Weigerung als eine Ablehnung von Netzwerken und Öffentlichkeiten, die ihn dazu zwingen, sich zu kompromittieren (to „compromise himself“ (Rabeharisoa 2004: 19)). Mit der Absicht, der Weigerung einen analytischen Ort zu geben, identifizieren sie „a space in which this refusal does not hinder him in making other choices, in entering into other engagements and in endorsing other forms of agency“ (Rabeharisoa 2004: 15). Demnach wird die Ablehnung als eine Ablehnung bestimmter Netzwerke verstanden durch welche aber gleichzeitig die Möglichkeit für neue Verschränkungen eröffnet wird: „He opts for another form of attachment that shows several times in his words, especially when he refers to football and his moonlighting. […] He opts positively for other forms of agency“ (Rabharisoa: 19, 22). Die theoretische Strategie, die hier angewendet wird, besteht darin, Ginos Existenz zu retten, indem anerkannt wird, dass er ein Aktant in anderen Bereichen ist. Die Provokation durch die mehrfachen Weigerungen Ginos wird durch die Gewissheit abgemildert, dass, was auch immer beobachtet wird, auf jeden Fall ein Aktant ausgemacht werden kann – und wenn die Entität Gino kein Aktant in den Netzwerken ist, an denen zu beteiligen er sich weigert, gibt es andere Netzwerke, in denen er trotzdem ein Aktant ist. Ungeachtet der starken Annahme von Ginos personaler Identität (der in unterschiedlichen Netzwerken dieselbe Person bleiben sollte), zeigt das Argument, dass Ginos Schweigen in ein aktives Schweigen transformiert werden muss – zumindest, wenn ANT in der Lage sein soll, es zu analysieren. Überraschenderweise teilt uns die Analyse nichts über die Netzwerke mit, in denen das Schweigen, das als Weigerung gelesen wird, situiert ist (weder über das medizinisch-soziale Netzwerk noch über das soziologische Forschungsnetzwerk). Was bedeutet es für ein Netzwerk, ,Entitätenʻ aufzunehmen, die nicht verbunden, aber trotzdem präsent sind – die also im Netzwerk als Schweigen insistieren? Paolo Palladino und Tiago Moreira (2006) haben argumentiert, dass Ginos Schweigen so einem Kalkül untergeordnet wird. Um das Schweigen anzuerkennen, müssen Callon und Rabeharisoa es in einen kalkulierten Akt der Nichtbeteiligung umwandeln. In Anlehnung an Rancière verweisen sie auf die Idee, dass „politics cannot be deduced from the necessity of gathering people into communities“ (Rancière 2001: 6 zit. nach Palladino / Moreira 2006). Obwohl ich nicht Rancières gesamten Argument zustimmen möchte (das Politik zu einem immer selteneren Ereignis macht), ist es wichtig, an der Einsicht festzuhalten, dass analytisch auch das zentral für ein Netzwerk sein kann, das für dieses von keinem Nutzen nicht – ja, dieses nicht einmal unmittelbar stört. Schweigen (als eine Form der Nichtbeteiligung) verweist nicht lediglich auf eine individuelle Weigerung. Aber es ist auch nicht, wie bei Callon, automatisch die stille Repräsentation all jener, die mit dem aktuellen genetischen Diskurs unzufrieden sind. Auf diese Weise wird die stille Figur in einen Sprecher umgewandelt – ihr Schweigen geht verloren und es wird zu dem aktivierenden Ereignis einer neuen Kollektivität. Sicherlich kann Schweigen diese Funktion übernehmen, aber wir sollten in der Lage sein, den Moment des Schweigens auszuhalten und anzuerkennen, bevor er eine neue Kollektivität kreiert. Das ungeklärte Schweigen verweist darauf, wie Kollektive konstituiert werden. Es verweist auf eine radikale immanente Diskonnektivität, die jedes Kollektiv verfolgt. Wenn wir dieses Schweigen aus unseren Epistemologien ausschließen, wird Politik notwendigerweise und ausschließlich eine Politik der Verbindung – der Produktion von immer mehr Verbindungen und der Produktion immer heterogenerer Verbindungen. Solch eine Politik ist nicht weit entfernt von z.B. Modellen des Risikomanagements auf Finanzmärkten. Auch diese Modelle betonen die Wichtigkeit von Heterogenität für die Resilienz von Risikokalkulationen und funktionalisieren auf diese Weise Heterogenität. Es ist aufschlussreich, dass Callon und Rabeharisoa Ginos Schweigen nur aus Ginos Perspektive thematisiert – und nicht aus der Perspektive des medizinischen und akademischen Netzwerkes, in dem dieses Schweigen stattfindet. Dadurch wird jedoch die Provokation übersehen, die Momente der Diskonnektivität innerhalb von Netzwerken kreieren können: also die Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? 307 Feststellung einer Entität, die zwar gegenwärtig ist, sich aber nicht am Verbindungsgeschehen des Netzwerkes beteiligt und gegenüber dessen Mobilisierungsstrategien indifferent ist. Auch hier zeigt sich wieder die paradoxe Verfassung des Schweigens: Wird es als Provokation benannt, dann wird es ein für das jeweilige Netzwerk lesbares Schweigen und damit in einer gewissen Weise auch handlungsfähig – als ein Problem, mit dem irgendwie umzugehen ist. Aber bereits bevor diese Artikulation des Schweigens geschieht, war es ‚gegenwärtigʻ, noch unbestimmt, ja sogar mit einer Ungewissheit über dessen Existenz verbunden. Solche Momente können innerhalb eines Netzwerks einen neuen Raum kreieren, einen Raum, der noch kein Versammlungsraum ist, aber zu einem werden könnte. Wenn Latour diese Momente überhaupt berücksichtigt, dann lediglich auf eine abwertende Art und Weise. In „An Inquiry into Modes of Existence“ werden solche Momente beispielsweise als eine Gefahr für den Kreis der Politik gesehen: „people of impotent groaners just good enough to indignant without knowing what to be indignant about“ (Latour 2013: 342). Aus meiner Perspektive ist interessant, dass die „Aufstöhnenden“ sich zwischen Schweigen und Sprechen befinden. Es handelt sich um eine eigenartige Form der Gegenwärtigkeit in Netzwerken, die sich (noch) nicht als Problem oder gar als Protest artikuliert hat. Sie zeichnet gerade aus, dass sie kein Thema hat, dass sie sich selbst dem Zwang zur Kontroverse entzieht. Für Latour bestimmt sich das Politische dagegen dadurch, dass es „issues, affairs, topics that force you to circle around it“ fokussiert (Latour 2013: 345). Obwohl es sich sicherlich lohnt, Tatsachen („matters of fact“) durch Dinge von Belang („matters of concern“) zu ersetzen, müssen für Latour diese Dinge im Disput bestimmt werden, um politisch sein zu können: Wenn man politisch sein möchte, muss man wissen, welches Thema man thematisieren möchte und über welches Thema gestritten werden soll. Aber was ist mit den Momenten des Schweigens, des Stotterns und Zögerns, in denen diese Themen noch nicht festgelegt sind? Diese Momente sind noch nicht dazu bereit, zu wohl definierten Dingen von Belang („matters of concern“) zu werden, da das Schweigen der Nichtbeteiligung zugleich zu sprechen scheint und dieses Sprechen wieder zurücknimmt. Nichtbeteiligung ist nicht einfach gegeben: „Non-participation is an unstable state that requires consciousness to be observed, but is instantly transformed by the same observation“ (Conry 2013: 7). Dieser fluktuierende Status ist affektiv; bevor er in eine Stellungnahme oder eine Repräsentation transformiert wird, ist er nach Conry ein Schmerz.8 Ein Konzept des Politischen, das sich an den Modellen der Versammlung und der Verhandlung orientiert, konzentriert sich dagegen zu sehr auf die diskursive Ebene, selbst dann, wenn es nicht-menschliche Aktanten mit einschließt. Übersehen wird dabei jedoch, dass sich genau in diesem unbehaglichen Schweigen die affektive Dimension des Politischen bemerkbar macht. Wir mögen vielleicht nicht in der Lage sein, das Schweigen zu hören, aber wir können es fühlen – wir nehmen den Rückzug irgendwie wahr, ohne zu verstehen, was er bedeuten oder wofür er stehen könnte. Er stellt eine bestimmte Atmosphäre her, ein Unbehagen, das nicht automatisch politischen Ansprüchen und Dingen von Belang („matters of concern“) zur Verfügung steht. 8 In „From Realpolitik to Dingpolitik“ geht Latour (2005) kurz auf die mich hier interessierende Frage der Nichtbeteiligung ein. Beunruhigt von Phänomenen der politischen Indifferenz fragt Latour, „how to devise an assembly of ways to dissembling“ (Latour 2005: 27). Um den „demon“ des „dissembling“, den Latour m.E. zu schnell mit „disunity“ gleichsetzt (Latour 2005: 31), zu bändigen, müssen für Latour offenere Formen des Sich-Versammelns entwickelt werden. Damit werden Nicht-Partizipation oder Indifferenz aber nicht in ihrer eigenen Positivität wahrgenommen, sondern auf ein Problem reduziert, das verbesserte Verfahren des Sich-Verhandelns benötigt. 308 Urs Stäheli Eine Politik der Diskonnektivität interessiert sich für diese vor-konstitutionellen Momente des Politischen.9 Es geht durchaus um Dinge von Belang (matters of concern), jedoch um noch nicht definierte Dinge von Belang (matters of concern); vielleicht wäre es angemessener, von einem,matteringʻ zu sprechen, das noch kein,concernʻ entwickelt hat – und genau in dieser Nicht-Definition liegt die Stärke der Politik der Diskonnektivität. Diese Unbestimmtheit ist nicht die Unbestimmtheit, die mit unterschiedlichen Positionen in einer Kontroverse einhergeht; sie ist grundsätzlicher, da sie sich der Form der be- oder widerlegbaren Äußerung entzieht. Die mögliche Provokation und das Potential von Schweigen bestehen in der Kapazität, die Imperative des Netzwerkens zu hinterfragen, ohne ein abgelehntes Netzwerk sofort durch ein anderes zu ersetzen, nicht einmal durch ein anti-hegemoniales Netzwerk, das gegen eine Ungerechtigkeit kämpft. Es geht um ein Schweigen, das nicht gewaltsam ist; um ein Schweigen, das kein Anliegen hat; es ist eine Ambivalenz, die den Imperativ, sich zu verbinden, problematisiert. Gilles Deleuze hat das Potential solcher Momente des Schweigens auf schöne Weise zum Ausdruck gebracht: The problem is no longer getting people to express themselves, but providing little gaps of solitude and silence in which they might eventually find something to say. Repressive forces don’t stop people from expressing themselves, but rather, force them to express themselves. What a relief to have nothing to say, the right to say nothing, because only then is there a chance of framing the rare, or ever rarer, the thing that might be worth saying. (Deleuze 1997: 129) Ich möchte mit zwei methodologischen Herausforderungen schließen, die sich daraus ergeben, Diskonnektivität innerhalb der ANT zu denken. Erstens muss ein nicht-repräsentationales Verständnis von Politik politische Formen ernst nehmen, die versuchen, diesem Drang, sich – sichtbar – zu verbinden, zu widerstehen. Dafür kann der bekannte Imperativ der ANT,Folge dem Akteurʻ irreführend sein. Vielmehr wird es notwendig, diejenigen Pfade zu berücksichtigen, auf denen Akteure verloren gehen, auf denen sie verblassen und sich verstecken. Demnach müssen wir aufmerksam sein für die Beziehungen, für die Bewegung und für die Energetik von Netzwerken und nicht so sehr für das, was Akteure tun (vgl. Ingold 2008). Zweitens müsste solch ein Verständnis von Diskonnektivität die Obsession der ANT für das Neue überdenken – d.h. ihre Ästhetik der Überraschung. Latour hat mehrere Male betont, dass die Qualität eines guten Texts darin besteht, ihn zu überraschen. Aber der permanente Status der Suspense macht Unverbundenes unsichtbar; und wird nach einer gewissen Zeit ziemlich anstrengend. Als Antwort darauf sollte ANT langweiliger werden – nicht im Sinne des immer schon Erwarteten oder einer ewigen Wiederholung. Vielmehr könnte eine langweilige ANT (in Anlehnung an Walter Benjamin) den affektiven Zustand erkunden, in dem noch nichts geschieht: „Langeweile haben wir, wenn wir nicht wissen, worauf wir warten [...] die Langeweile ist die Schwelle zu großen Taten“ (Benjamin 1983: 161) – ein Zustand, der jedoch dazu geneigt ist, erst die Erfahrung dessen zu generieren, was (noch) kein Akteur ist. 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Von einer Politik der Konnektivität zu einer Politik der Diskonnektivität? 309 Callon, Michel / Rabeharisoa, Vololona (2004): Gino’s lesson on humanity: genetics, mutual entanglements and the sociologist’s role, in: Economy and Society 33 / 1, S. 1-27. Ciarelli, Sara (2003): Pre-Arrest Silence: Minding the Gap between Fourth Amendment Stops and Fifth Amendment Custody, in: Journal of Criminal Law and Criminology 93 / 2, S. 651-680. Cole, Andrew (2013): The Call of Things. A Critique of Object-Oriented Ontologies, in: Minnesota Review 80, S. 106-118. Conry, Chris (2013): What Does it Mean to Not Participate?, online verfügbar unter: http://blogs.walkerart.org/visualarts/files/2013/05/Defining-Non-Participation.pdf, letztes Abrufdatum: 20.8.2015. Constable, Marianne (2005): Just Silences. The Limits and Possibilities of Modern Law, Oxford. Deleuze, Gilles (1997): Mediators, in: ders., Negotiations 1972-1990, New York. 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Abstract

This article discusses the role of connectivity and disconnectivity in Latours political thought.The presupposition of Latours understanding of politics is the theoretical, political and normative valorization of connectivity. This articl eproblematizes this valorization of connectivity by using acts of silence as a template to elucidate the political and theoretical problems that Latours’ envisioning o fthe universal inclusion of new actants

and their assembly into new collectivity has. The article argues that a non-representational notion of politics has to take seriously such political forms that seek to break with the imperative of connectivity and with the ideal to become a visible part of a network, assembly or collectivity. ANT’s slogan “follow the actor” is not sufficient to trace such forms of politics that consists in fading away, hiding or falling silent

Zusammenfassung

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Rolle von Konnektivität und Diskonnektivität in Bruno Latours unterschiedlichen Konzeptionen des Politischen. Die gemeinsame Grundlage von Latours unterschiedlichen Fassungen des Politischen ist die theoretische, politische und normative Wertschätzung von Konnektivität. Obwohl er repräsentationalen Formen der Politik höchst kritisch gegenüber steht, befindet er sich nicht außerhalb der modernistischen Idee universaler Inklusion, vielmehr radikalisiert er diesen Traum. Der Aufsatz diskutiert am Beispiel unterschiedlicher Formen des Schweigens, mit welchen politischen und theoretischen Problemen die Herstellung neuer Aktanten sowie deren Versammlung in Kollektiven verbunden ist. Der Aufsatz argumentiert, dass eine nicht-repräsentationale Beschreibung von Politik die politischen Formen ernst nehmen muss, die versuchen, diesem Drang zu widerstehen, sich - sichtbar - zu vernetzen. Dafür reicht der bekannte Imperativ der ANT,Folge dem Akteurʻ nicht mehr aus. Vielmehr wird es notwendig, die Pfade zu berücksichtigen, auf denen Akteure verloren gehen, auf denen sie verblassen und sich verstecken - auf denen sie das Recht haben zu schweigen.

References
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Wainwright, Joel (2005): Politics of Nature: A Review of Three Recent Works by Bruno Latour in: Capitalism, Nature, Socialism 16 / 1, S. 115-122.

Abstract

Soziale Welt is one of the important journals within German sociology and is even read in foreign countries. It includes empirical and theoretical contributions from all areas of the subject and tries to portray the development of sociology and to give a new impetus. In addition to the quarterly published issues, there are special issues with a unified theme.

The journal "Soziale Welt" is aimed at sociologists, social scientists, and at generally interested readers.

Website: www.soziale-welt.de

Zusammenfassung

Die Soziale Welt ist eine der großen, auch im Ausland gelesenen Fachzeitschriften innerhalb der deutschen Soziologie. Sie bringt empirische und theoretische Arbeiten aus allen Bereichen des Faches und versucht auf diese Weise, die Entwicklung der Soziologie einerseits zu spiegeln und ihr andererseits auch neue Impulse zu geben. Dies geschieht neben den viermal pro Jahr erscheinenden regulären Heften auch durch die Arbeit an Sonderbänden mit einheitlicher Thematik.

Die Zeitschrift "Soziale Welt" wendet sich an Soziologen, Sozialwissenschaftler, Interessierte allgemein.

Homepage: www.soziale-welt.de