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POLITISCHES SYSTEM DEUTSCHLAND in:

PVS Politische Vierteljahresschrift, page 702 - 707

PVS, Volume 56 (2015), Issue 4, ISSN: 0032-3470, ISSN online: 0032-3470, https://doi.org/10.5771/0032-3470-2015-4-702

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702 PVS, 56. Jg., 4/2015 PVS-Literatur der CMA in Südafrika und die CFA in Westafrika) bleiben unerwähnt, ebenso wie ostasiatische Regime und Erfahrungen, die nur am Rand als Illustration dienen. Alexander Spielau POLITISCHES SYSTEM DEUTSCHLAND Bebnowski, David. Die Alternative für Deutschland. Aufstieg und gesellschaftliche Repräsentanz einer rechten populistischen Partei. Wiesbaden. Springer VS essentials 2015. 46 Seiten. 9,99 €. Friedrich, Sebastian. Der Aufstieg der AfD. Neokonservative Mobilmachung in Deutschland. Berlin. Bertz + Fischer 2015. 109 Seiten. 7,90 €. Häusler, Alexander, und Rainer Roeser. Die rechten “Mut” -Bürger. Entstehung, Entwicklung, Personal und Positionen der Alternative für Deutschland. Hamburg. VSA 2015. 156 Seiten. 12,80 €. Kemper, Andreas. Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V. Münster. Edition Assemblage 2013. 117 Seiten. 12,80 €. Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eine der erfolgreichsten Partei-Neugründungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Ein knappes halbes Jahr nach ihrer Gründung rückte sie bei der Bundestagswahl bis auf 27.000 Wählerstimmen an die abgeschlagene FDP heran und verfehlte damit denkbar knapp die Fünfprozenthürde. Bei der Europawahl im Mai 2014 überflügelte sie nicht nur die FDP, sondern auch die CSU und erzielte damit im Ergebnis genauso viele Sitze wie die LINKE. Seitdem ist die Partei bei fünf Landtagswahlen (Sachsen, Brandenburg und Thüringen im Spätsommer 2014, Hamburg und Bremen im Februar bzw. Mai 2015) angetreten und konnte dabei stets die Fünfprozenthürde überwinden. Dabei übertraf das Ergebnis in Brandenburg mit 12,6% deutlich die bisherigen Spitzenwerte für Parteien rechts der Union (11% für die SRP bei der Landtagswahl 1951 in Niedersachsen und 10,9% für die Republikaner bei der Landtagswahl 1992 in Baden- Württemberg). Ob die AfD mit diesen Parteien vergleichbar ist, ist allerdings keineswegs ausgemacht, und auch innerhalb der Partei wird die Frage nach der programmatischen Ausrichtung höchst kontrovers diskutiert, wie der gegenwärtige Führungsstreit zeigt. Vier neue Publikationen versprechen hier Orientierung. Alle fünf Autoren stehen der AfD in hohem Maß kritisch gegenüber; die meisten bezeichnen sich selbst als „links“. Eine weitere Gemeinsamkeit der hier besprochenen Bände liegt in ihrem recht überschaubaren Umfang. So besteht David Bebnowskis in der „essentials“-Reihe erschienenes Büchlein im Wesentlichen aus zwei Kapiteln. Im ersten dieser Abschnitte versucht sich der Autor an einer Vermessung der AfD-Ideologie, die sich aus seiner Sicht aus drei Elementen zusammensetzt: (reaktionärem) Konservatismus, Neo-Liberalismus und Rechtspopulismus. Problematisch ist dabei weniger diese Zuschreibung an sich, als vielmehr der Mangel an wirklich überzeugenden Belegen, die gegen- über den Verweisen auf die (ältere) Forschungsliteratur in den Hintergrund treten. Wenn der Autor schreibt, dass der „Populismus der AfD [...] häufig subtiler“ (Bebnowski 2015: 15) 703 POLITISCHES SYSTEM DEUTSCHLAND | Besprechungen funktioniere, da er ohne die zuvor benannten Merkmale populistischer Rhetorik auskomme, ist das in mehr als einer Hinsicht erhellend. Informativer ist der zweite Abschnitt, der sich mit den politischen Biographien und Netzwerken der AfD-Gründer beschäftigt. Auf zwölf Seiten stellt Bebnowski hier die sieben Politiker vor, die für die Partei ins Europaparlament gewählt wurden, bereits bei der Parteigründung bzw. in deren Vorfeld eine Rolle spielten und untereinander und mit weiteren Akteuren im Um- und Vorfeld der Partei verbunden sind. Andere, teils wichtigere Akteure wie Konrad Adam, Alexander Gauland und Frauke Petry bleiben jedoch unberücksichtigt. Schlicht unbefriedigend schließlich sind Einleitung und Schluss des Bandes. Bebnowski versucht hier die AfD als Ausdruck eines „populistischen Zeitgeistes“ zu erklären, geht dabei aber kaum über eine Aneinanderreihung theoretischer Allgemeinplätze hinaus. Eine ähnliche Stoßrichtung wie Bebnowski verfolgt auch Sebastian Friedrich, der auch auf die bereits vor der Gründung der Partei bestehenden Verbindungen und Bezüge hinweist, aber (trotz des ebenfalls sehr knappen Umfangs von nur rund 100 Seiten im A6- Format) deren Heterogenität klarer herausarbeitet. Anders als Bebnowski geht Friedrich außerdem vergleichsweise ausführlich auf die Wandlung(en) der Partei seit ihrer Gründung und die mit der Bundestagswahl 2013 einsetzenden Macht- und Flügelkämpfe ein. Die aktuellen Entwicklungen werden dabei bis Ende 2014 erfasst, so dass auch das ambivalente Verhältnis zu den HoGeSa- und Pegida-Organisationen zumindest ansatzweise berücksichtigt werden konnte. Weniger überzeugend sind die (knappen) Ausführungen zur Wählerschaft der AfD, die sich hauptsächlich auf die Wählerstudien der großen Meinungsforschungsinstitute stützen, die nach den jeweiligen Urnengängen veröffentlicht wurden. Dass diese teils Widersprüchliches zutage fördern, sollte deutlicher herausgearbeitet und mit den oben beschriebenen Wandlungsprozessen in Zusammenhang gebracht werden. Auch der Versuch, den Aufstieg der AfD als Aufbegehren des „reaktionären Teils der Mittelklasse“ in einen europaweiten „postdemokratischen“ Zusammenhang einzuordnen, der von „Podemos“ in Spanien über die „Piraten“ bis hin zur „Goldenen Morgenröte“ in Griechenland reichen soll, wirkt zu skizzenhaft. Deutlich breiter angelegt als die Studien von Bebnowski und Friedrich ist das von Alexander Häusler und Rainer Roeser verfasste Buch, das ursprünglich auf eine Studie für den DGB zurückgeht. Auch Häusler und Roeser gehen davon aus, dass die AfD insgesamt in einem Spannungsfeld zwischen Nationalliberalismus, Nationalkonservatismus und Rechtspopulismus zu verorten ist. Das Zusammenkommen dieser Ideologiefragmente bzw. ihrer Trägergruppen in einer einzigen Partei ist aus Sicht der Autoren für die bisherigen Erfolge der AfD verantwortlich. Dementsprechend befassen sich Häusler und Roeser ähnlich wie Bebnowski und Friedrich relativ ausführlich mit Diskussionen und Netzwerken, die bereits vor der Parteigründung im Frühjahr 2013 existierten, und gehen dabei bis zum „Bund Freier Bürger“ (BFB) und der „Rechtsstaatlichen Offensive“ (Schill- Partei) zurück. Deutlicher als in Bebnowskis knappen Ausführungen zu den Biographien der Europa-Abgeordneten 704 PVS, 56. Jg., 4/2015 PVS-Literatur zeigt sich dabei, dass Akteure wie Joachim Starbatty und Hans-Olaf Henkel bereits vor mehr als zwanzig Jahren gemeinsam an ähnlichen politischen Projekten gearbeitet haben. Vom BFB hat die AfD sogar den Slogan „Mut zur Wahrheit“ übernommen (Häusler/Roeser 2015: 32). Personelle und inhaltliche Überschneidungen bis hin zu weiteren wörtlichen Übernahmen aus Konzeptionspapieren bestehen aber auch mit der inzwischen faktisch aufgelösten Kleinpartei „Die Freiheit“ (DF) sowie (in Hamburg) mit der „Partei Rechtsstaatliche Offensive“. Eine Schlüsselrolle – und auch hier stimmen die Autoren mit Bebnowski und Friedrich überein – spielten bei der Entstehung der AfD außerdem die Diskursnetzwerke, die im Zuge der sogenannten „Sarrazin-Debatte“ in den Blick der Öffentlichkeit geraten waren. Neben Thilo Sarrazin selbst, der der AfD nicht beigetreten ist, gehören dazu auch prominente Unterstützer wie Henkel und die Publizisten Konrad Adam und Alexander Gauland, die in der Partei führende Rollen übernommen haben. Ebenfalls breiten Raum nimmt die Darstellung der in der allgemeinen Öffentlichkeit weniger bekannten Initiativen ein, die die heutige Europaabgeordnete von Storch und ihre Familie während der letzten 20 Jahre aufgebaut haben. Zwei weitere Kapitel widmen Häusler und Roeser im Anschluss daran den „rechten Erscheinungsformen in den AfD-Landesverbänden“ – gemeint sind hier Personen, die bereits früher in rechtsradikalen oder rechtsextremen Organisationen tätig waren, sowie Übernahmen entsprechender Formulierungen, Ideen und Ideologiefragmente und auch das teils wohlwollende, teils kritische oder von Konkurrenz geprägte Verhältnis der Parteien und Medien am rechten Rand zur AfD. Die Fülle der hier zusammengetragenen Quellen und Zitate ist durchaus beeindruckend. Gerade im Bereich der Landesverbände scheinen die Autoren aber zuweilen zu stark von dem Wunsch beseelt zu sein, inkriminierendes Material zu finden. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Kapitelüberschriften: Über Seiten hinweg schreiben die Autoren vom „Fall Nordrhein- Westfalen“, vom „Fall Hessen“ oder schlicht von „weiteren Fällen“. Dass eine neue Rechtspartei auch für Rechtsextremisten attraktiv ist, ist letztlich wenig überraschend. Wichtig ist hier vor allem, wie überzeugend und effektiv sich die AfD von solchen Strömungen abgrenzt. Hier scheint es zwischen den Landesverbänden tatsächlich erhebliche Unterschiede zu geben. Ähnlich wie bei Bebnowski und Friedrich fällt die Analyse der AfD-Wählerschaft gegenüber den sehr dichten und auch umfangreichen Kapiteln zu Programm, Vernetzung und Herkunft des Personals etwas ab. Dies ist aber sicher auch der bisher überschaubaren Zahl von Wahlen, an denen sich die AfD beteiligt hat sowie der geringen Zahl wissenschaftlicher Untersuchungen zu diesem Thema geschuldet. Einzig die Struktur der ersten Kapitel hätte vielleicht noch einmal überarbeitet werden sollen: Hier springen die Autoren mehrfach zwischen Vorläufern, Ideologie und Umfeld der Partei hin und her, was beim ersten Lesen etwas irritierend wirkt. Das letzte der hier zu besprechenden Bücher schließlich ist bereits im Sommer 2013 erschienen und beschränkt sich dementsprechend ganz auf die Themenkomplexe Ideologie, Personal und Netzwerke. Ausführungen zu den Motiven und zum Profil der AfD-Wäh- 705 POLITISCHES SYSTEM DEUTSCHLAND | Besprechungen ler sucht man naturgemäß vergeblich. Verfasst wurde es von Andreas Kemper. Der Soziologe wurde einem breiteren Publikum durch einen Bericht auf „Spiegel-Online“ über seine Blog-Artikel bekannt, in denen er augenfällige sprachliche Parallelen zwischen den Reden des thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke und mehreren Beiträgen aufzeigt, die 2012 unter dem Namen Landolf Ladig in Zeitschriften der NPD veröffentlicht wurden. Höcke hat stets bestritten, die fraglichen Artikel unter Pseudonym geschrieben zu haben, weigerte sich, trotz einer entsprechenden Aufforderung aber dennoch, dies dem Bundesvorstand der AfD gegenüber an Eides statt zu versichern. Trotzdem oder gerade deswegen ist Höcke innerhalb kurzer Zeit zu einem der prominentesten Vertreter der Parteirechten geworden. Stärker noch als die übrigen Autoren, ist auch Kemper von einem erheblichen Sendungsbewusstsein getrieben. Er selbst spricht in der Einleitung von seiner „Forschungswut“, die sich aus seiner Herkunft aus der Arbeiterschicht speise. Kempers persönliche Betroffenheit und der manchmal atemlose Ton, in welchem er über die Vorgeschichte, die Gründung und die ersten Monate der AfD berichtet, machen den schmalen Band zu einer anstrengenden Lektüre. Ähnlich wie bei Häusler und Roeser beeindruckt aber die Fülle des zusammengetragenen Materials. Aufschlussreich sind vor allem die Ausführung zur gezielten Nutzung von Facebook durch die Vorläufer- und Vorfeldorganisationen der AfD, die den raschen Aufbau der Partei erheblich erleichtert haben dürfte. Dass das Bändchen an manchen Stellen etwas unfertig wirkt oder in Kempers Worten „als Baugrube zu sehen“ ist, da es noch vor der Bundestagswahl erscheinen sollte, ist demgegenüber zu verschmerzen. In der Gesamtschau erfüllt keines der Bücher alle Erwartungen an eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der neuen Partei. Sofern überhaupt vorhanden, bewegen sich die Analysen zu Anhängern und Wählern der Partei noch sehr an der Oberfläche. Selbst relativ triviale Informationen zur Parteisatzung, zur Mitgliederzahl im Bund und in den Ländern, zur Stärke der Fraktionen und deren Aktivitäten und Finanzen sucht man in den hier besprochenen Büchern aber vergeblich. Zu neu, zu unberechenbar ist die AfD und zu sehr fluktuiert die Parteiideologie noch. Zu Recht konzentrieren sich alle fünf Autoren stattdessen darauf, die programmatische und personelle Heterogenität der AfD herauszuarbeiten und zu dokumentieren. Die Konsequenzen dieser inneren Widersprüche zeigen sich derzeit fast täglich in den Presseerklärungen, Manifesten, Appellen, Beschlüssen und Klageschriften, die von Vertretern der verschiedenen Strömungen verfasst und an die Öffentlichkeit getragen werden. Ob die ersten wirklich umfassenden Studien zur AfD vor deren politischem Ende erscheinen, ist deshalb eine offene Frage. Kai Arzheimer Schäfer, Armin. Der Verlust politischer Gleichheit. Warum die sinkende Wahlbeteiligung der Demokratie schadet. Frankfurt/New York. Campus Verlag 2015. 332 Seiten. 39,90 €. Die Leistungsfähigkeit moderner Demokratien ist innerhalb der sich selbst als Demokratiewissenschaft verstehenden Politikwissenschaft umstritten: Einerseits wird der Demokratie, zumal 706 PVS, 56. Jg., 4/2015 PVS-Literatur im historischen Vergleich, ein hohes Maß an sozialer Inklusivität und politischer Konfliktbearbeitung attestiert, andererseits ist von Krise, Bedrohung und Niedergang die Rede. Der Erfolgsgeschichte vor allem des liberalen Typs westlicher Demokratien, nach dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme, stehen Verfallsdiagnosen und Krisenszenarien gegenüber, wonach die Demokratie durch innere und äußere Bedrohungen zunehmend unter Druck gerät und dabei Gefahr läuft, ihre normativen Grundlagen aufzugeben. Hier setzt die Habilitationsschrift von Armin Schäfer an: Ausgangspunkt ist die postdemokratische Krisendiagnose, der zufolge der (Neo-)Liberalismus bzw. die seit Ende der 1980er Jahre praktizierte Liberalisierungspolitik die soziale Ungleichheit verschärft habe und einen die Demokratie gefährdenden Verlust der politischen Gleichheit bewirke (51ff.). Die „spezifische Krisenfacette“, „dass politische Ungleichheit trotz formaler Gleichheit zunimmt“ (14), entwickelt Schäfer an dem Phänomen der sinkenden Wahlbeteiligung. Entgegen der gängigen Vermutung, die Nichtwähler rekrutierten sich aus allen sozialen Schichten, kann Schäfer in seiner empirisch fundierten und argumentativ überzeugenden Studie zeigen, dass es vornehmlich Angehörige der einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten sind, die der Wahl fernbleiben (116). Schäfer begnügt sich jedoch nicht mit diesem Nachweis, sondern stellt die weiterführende These auf, die „soziale Spreizung der Wahlbeteiligung“ führe zu einem Freiheitsverlust: Er sieht die von der politischen Interessenrepräsentation ausgeschlossenen Nichtwähler in ihrem „Status als freie Bürger“ gefährdet und willkürlicher Herrschaft weitaus stärker ausgesetzt (87ff., 235ff.). Zur politiktheoretischen Plausibilisierung dieser These rekurriert Schäfer auf das „neorömische“ Modell der republikanischen Demokratie, wie es vor allem Quentin Skinner und Philipp Pettit entwickelt haben (15, 29f.). Am neorömischen Republikanismus interessiert Schäfer zuvorderst der neue Begriff der „Freiheit als die Abwesenheit von Beherrschung oder Fremdherrschaft“ (33). Skinner und Pettit grenzen ihr Freiheitsverständnis sowohl von einem an Aristoteles und der athenischen Polis-Verfassung orientierten „populistischen Republikanismus“ (Pettit) ab, als auch gegenüber einem die gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse ausblendenden Liberalismus. Die ideenpolitische Stoßrichtung dieser doppelten Abgrenzung interessiert Schäfer weniger. Dadurch entgeht ihm freilich die eigentliche Pointe des neorömischen Republikanismus: Dieser tritt an, den derzeit hegemonialen Liberalismus ideengeschichtlich zu beerben, indem er den liberalen Begriff „negativer Freiheit“ (Isaiah Berlin) mit klassischrepublikanischen Motiven verbindet, die traditionell mit der Idee „positiver Freiheit“ verknüpft sind, wie Gemeinwohlorientierung, Urteilsfähigkeit und verantwortliche politische Teilhabe. Zugleich wird darüber der republikanische Diskurs neu vermessen. Das Selbstverständnis des neorömischen Republikanismus, eine alternative, liberale und republikanische Elemente neu verbindende Freiheitskonzeption zu formulieren, disqualifiziert konkurrierende republikanische Konzeptionen als analytisch unzureichend und demokratietheoretisch antiquiert. Schäfer übernimmt diese ideenpolitische Abgrenzung, wenn er den von ihm präferierten neorepubli- 707 POLITIKFELDANALYSE | Besprechungen kanischen Ansatz von einem „nostalgischen“ Republikanismus unterscheidet und – ohne dies näher auszuführen – die recht disparaten politischen Ordnungsentwürfe von Hannah Arendt und Alaisdair MacIntyre als „rückwärtsgewandt-melancholisch“ zu den Akten legt (17). Schäfers demokratietheoretische These, die (repräsentative) Demokratie sei auf ein gewisses Maß sozialer Gleichheit angewiesen, um ihrem zentralen Anspruch auf politische Gleichheit gerecht zu werden und das Versprechen auf politische Mitbestimmung einzulösen, vermag dennoch zu überzeugen. Schäfer gelingt der empirisch umfassend gestützte Nachweis, dass neben dem demokratischen Beteiligungsformat der Wahl auch alternative Partizipationsformen, wie etwa Plebiszite oder ehrenamtliches Engagement, von ressourcenarmen Gruppen weit weniger genutzt werden (88f., 188ff.). Die Erwartung, der Einsatz direktdemokratischer Elemente und zivilgesellschaftlicher Beteiligungsformate bewirke eine Demokratisierung der Demokratie, erweist sich damit als gefährlicher Trugschluss: Der sozial unterprivilegierte Bürger ist zugleich auch der politisch apathische Bürger und damit Schäfers Argumentation zufolge auch derjenige, der im Verzicht auf politische Partizipation zum beherrschten Teil des Demos wird. Ob und wie sich die „markterzeugte politische Ungleichheit“ und der damit verbundene Freiheitsverlust sozial benachteiligter Gruppen langfristig auf die Stabilität der (repräsentativen) Demokratie auswirken, lässt Schäfer zwar offen, er besteht aber darauf, dass das „besondere Ethos“ der Demokratie verlangt, dass alle Bürger in der Lage sind, „an kollektiver Selbstbestimmung mitzuwirken“, und dass das Ziel gleicher politischer Teilhabe verfehlt wird, wenn Bürger durch soziale Exklusion von diesem Recht ausgeschlossen werden (243). Die Erkenntnisse seiner Arbeit zusammenfassend, diskutiert Schäfer am Schluss seiner Studie verschiedene Reformoptionen. Unter den Vorschlägen, wie das demokratische Versprechen auf politische Gleichheit über die Ausweitung politischer Partizipationsmöglichkeiten eingelöst werden kann, kommt der Wahlpflicht eine herausragende Rolle zu: „Ihr Haupteffekt besteht darin, eine hohe und gleichmäßige Wahlbeteiligung zu garantieren, die politische Entscheidungsträger zwingt, um alle Bevölkerungsgruppen zu werben und allen Interessen Gehör zu schenken“ (239). Schäfer positioniert sich mit diesem, liberale Einwände sorgfältig abwägenden, aber letztlich zurückweisenden Reformvorschlag noch einmal ausdrücklich als in der Tradition eines demokratischen Neorepublikanismus stehender Demokratietheoretiker (228). Er sieht in der gesetzlichen Wahlpflicht ein entscheidendes strategisches Element, politische Ungleichheit zu bekämpfen, politische Freiheit zu befördern und willkürliche Herrschaft zu verringern. Grit Straßenberger POLITIKFELDANALYSE Jesse, Eckhard, und Sebastian Liebold (Hrsg.). Deutsche Politikwissenschaftler – Werk und Wirkung. Von Abendroth bis Zellentin. Nomos. Baden-Baden 2014. 849 Seiten. 98 €. Die „best of“-Mentalität aus der glitzernden und effekthaschenden Medien-

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Abstract

Current Research Findings and Controversial Discussions from all areas and sub-areas of Political Science: Politische Vierteljahresschrift (PVS) has been published since 1960 by the executive and advisory board of the German Association for Political Science (DVPW). The journal provides space for recent research findings from all sub-areas of political science. It therefore contains papers on political theory and the history of ideas; on comparative governance and politics; the domains of policy analysis, international relations and foreign policy; on political sociology; and papers in the areas of empirical social research and methodology.

The PVS contains four categories of articles: The critical papers form the core category of the journal. In this section, are published theory-based and methodically reflected articles from all sub-areas of political science.

Within the forum section, contemporary scientific controversies are debated.

The commentaries contain scientifically well-grounded statements with reference to current issues of political developments or to the field of political science.

The review essays provide a broad overview of the international state of the art of political science, as well as current developments and relevant published literature regarding a particular research-field.

The PVS-Literatur publishes reviews of single publications from all sub-fields of the discipline of political sciences, as well as accumulative reviews presenting more than one new publication within an area of political sciences.

Every paper published in the PVS (within the categories critical papers and forum) is run through a double-blind expertise process prior to publication. Generally, two external referees examine the anonymous manuscripts. The referee reports are also made anonymous before being handed back to the authors. Additionally, the authors can be provided with references from the editorial board.

The editors rely on the collaboration of the colleagues in the scientific discipline as their referees and reviewers. Anyone interested in being a referee or reviewer is welcomed to complete and submit the PVS-reviewer-form or referee-form to the editor. Next to your name and address please indicate your field of investigative interest as well. This information will be added to the editorial database.

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Zusammenfassung

Aktuelle Forschungsergebnisse und kontroverse Diskussionen aus allen Teilbereichen der Politikwissenschaft: Die Zeitschrift bietet Raum für neueste Forschungsergebnisse aus allen Teildisziplinen der Politikwissenschaft. Sie beinhaltet somit Beiträge aus der Politischen Theorie und Ideengeschichte, aus dem Bereich Analyse und Vergleich politischer Systeme, aus der Policy-Analyse, aus dem Bereich der Internationalen Beziehungen und der Außenpolitik, aus der empirischen Sozialforschung und Methodenlehre sowie aus der Politischen Soziologie.

Die PVS umfasst vier Kategorien von Beiträgen: Die Abhandlungen stellen den Kern der Zeitschrift dar. In dieser Rubrik werden theoriegeleitete, methodisch reflektierte Forschungsbeiträge aus allen Bereichen der Politikwissenschaft veröffentlicht. Im Forum sollen wissenschaftliche Kontroversen angestoßen oder ausgetragen werden. Die Kommentare beinhalten wissenschaftlich fundierte Stellungnahmen zu Problemen der politischen Entwicklung oder des Faches „Politikwissenschaft“. Mit den Literaturberichten wird ein breiter Überblick über den internationalen Forschungsstand, über aktuelle Entwicklungen und die hierzu erschienene Literatur in einem bestimmten Forschungsfeld gegeben.

Homepage: www.pvs.nomos.de