Melanie Verhovnik, Medienkampagne oder schlechtes Krisenmanagement? Podiumsdiskussion zur Berichterstattung über Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche in:

ComSoc Communicatio Socialis, page 317 - 319

ComSoc, Volume 43 (2010), Issue 3, ISSN: 0010-3497, ISSN online: 0010-3497, https://doi.org/10.5771/0010-3497-2010-3-317

Browse Volumes and Issues: ComSoc Communicatio Socialis

CC-BY-NC-ND

Bibliographic information
317 Medienkampagne oder schlechtes Krisenmanagement? Podiumsdiskussion zur Berichterstattung über Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche Melanie Verhovnik Spätestens der Mitte März 2010 geäußerte Vorwurf des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, die Medien betrieben eine „Kampagne gegen die Kirche“, hat deutlich gemacht, dass es im Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche nicht mehr nur um die Sache an sich geht, sondern auch um das Verhalten der beteiligten Akteure. Die Fragen, denen sich Medien- und Kirchenvertreter anlässlich einer Podiumsdiskussion Mitte Juli im Konferenzsaal der „Süddeutschen Zeitung“ in München stellten, beschäftigten sich denn auch weniger mit den Missbrauchsfällen als solchen, sondern rückten die kirchliche Krisenkommunikation und den Umgang der Medien mit dem Skandal in den Vordergrund. Bei der Veranstaltung des Absolventenvereins des Eichstätter Journalistik-Studiengangs ging es darum, ob Journalisten die Missbrauchsvorwürfe gegen Einrichtungen der Katholischen Kirche für eine Medienkampagne genutzt haben und ob die Kirche in der Krise professionell agiert und kommuniziert hat. Vorausgegangen war der Medienschelte von Bischof Müller und anderer Kirchenvertreter die Aufdeckung einer Vielzahl von Fällen sexuellen Missbrauchs und Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen in zumeist katholischen Einrichtungen. Daran erinnert zu Beginn der Veranstaltung zunächst der Moderator Christian Klenk, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Journalistik-Studiengang in Eichstätt. Ende Januar 2010 hatten Medien erstmals über einen Brief berichtet, den der Leiter des Cani sius-Kollegs der Jesuiten in Berlin an rund 500 ehemalige Schüler geschrieben hatte. Darin ging es um Missbrauch durch zwei Patres in den siebziger und achtziger Jahren. In der Folge brach eine Welle los: Weitere betroffene Jesuitenschulen wurden bekannt, eine mit der Untersuchung beauftragte Anwältin sprach Mitte Februar bereits von rund 120 sexuellen Übergriffen. Auch andere Orden gerieten daraufhin in die Schlagzeilen: Franziskaner, Pallotiner und Kapuziner. Im Benediktinerinternat Kloster Ettal sollen zwischen 1960 und 1990 mindestens 100 Schüler misshandelt und missbraucht worden sein. beRIcht Communicatio Socialis 43 (2010), Nr. 3: 317–319 Quelle: www.communicatio-socialis.de 318 Der Skandal erreichte die politische Ebene. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger forderte von der Kirche „endlich konstruktive Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden“. Erzbischof Robert Zollitsch, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, konterte und sprach von „maßloser Polemik gegen die Kirche“. Eine Teilnahme der Kirche an einem Runden Tisch lehnte er zunächst ab mit dem Hinweis, dass Kindesmissbrauch kein spezifisches Problem der Katholischen Kirche sei. Schließlich war auch einer der berühmtesten Chöre der Welt betroffen: In den fünfziger und sechziger Jahren sollen zwei Geistliche Schüler der Regensburger Domspatzen missbraucht haben. Möglicherweise soll es sogar noch bis 1992 sexuellen Missbrauch gegeben haben. Regensburgs Bischof Müller klagte, die Domspatzen würden von den Medien beschmutzt. Schließlich geriet auch der Augsburger Bischof Walter Mixa in die Schlagzeilen mit dem Vorwurf, er habe als Stadtpfarrer von Schrobenhausen Kinder eines Heimes misshandelt und Gelder veruntreut. Der Skandal gipfelte im Rücktritt Walter Mixas. Der Missbrauchsskandal in der Katholischen Kirche beschäftigt und bewegt die Öffentlichkeit nun seit mehr als einem halben Jahr. „Viele der aufgedeckten Fälle sind bis heute nicht abschließend geklärt“, so Christian Klenk. Auch die Fragen, wie weiter mit Opfern und Tätern umgegangen werden soll oder warum die Fälle sexuellen Missbrauchs lange Zeit nicht ans Licht der Öffentlichkeit gelangt sind, müssten in der Aufarbeitung eine große Rolle spielen. Keinen Zweifel ließen die Teilnehmer der Podiumsdiskussion daran, dass das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche auf den Tisch kommen musste. „Ich bin den Medien eigentlich dankbar. Alleine hätten wir nicht die Selbstreinigungskraft gehabt“, sagte Pater Stefan Oster, Dogmatik-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Salesianer Don Boscos. „Zeiten müssen reif werden, damit Opfer ernst genommen werden“, sagte Matthias Drobinski, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Frage, warum sexueller Missbrauch in der Kirche erst jetzt zu einem Thema werde. „Natürlich können Opfer irren, sind verletzt, oft seelisch krank. Wir aber haben die Leute zunächst einmal ermutigt sich zu melden, indem wir ihnen geglaubt haben“, so Drobinski. Auch lange zurückliegende Fälle seien zu recherchieren, wenn auch nicht abschließend nachprüfbar. „Dafür haben wir aber Kriterien entwickelt und arbeiten beispielsweise mit eidesstattlichen Erklärungen.“ In manchen Fällen wie jenen im Kloster Ettal sei es einfach gewesen, da der Orden die Vorwürfe bestätigt habe, so der Journalist und Kirchenexperte. Melanie Verhovnik 319 Während andere nur so viel zugaben, wie inzwischen bekannt geworden war, ging das Krisenmanagement des Jesuiten-Ordens in eine andere Richtung. Pater Klaus Mertes, der Leiter des Canisius-Kollegs, war zunächst offensiv an die ehemaligen Schüler und dann an die Öffentlichkeit gegangen. Während diese Haltung außerhalb der Kirche positiv aufgenommen wurde, gab es intern Diskussionen. „Für uns war entscheidend, die Perspektive der Opfer einzunehmen. Doch es gab dann auch kritische Meldungen. Die Jesuiten wurden als Nestbeschmutzer gesehen. Es gab deutliche Signale, dass man es nicht so gut findet, dass das so offen kommuniziert wird“, sagte Thomas Busch, Öffentlichkeitsreferent der Deutschen Provinz der Jesuiten. Die Vorgehensweise, nur das zu bestätigen, was die Medien bereits wussten, sei mit eine Ursache für den Vertrauensverlust in die Kirche, konstatierte Matthias Michael, Unternehmensberater bei der Gautinger Agentur Engel & Zimmermann. Eine „one voice“-Strategie wäre die richtige gewesen: „Der Papst hätte rechtzeitig etwas sagen müssen“, so der Unternehmensberater, der auch Krisenkommunika tion an mehreren Universitäten lehrt. Michael meinte, die die Versuche der Kirche hätten wie ein Teil des Problems gewirkt, der Papst aber sei nicht als Problemlöser in Erscheinung getreten. Der Wunsch nach einer Kirche, die – wenn nötig – einstimmig agieren kann, sich ansonsten jedoch vielstimmig präsentiert, wurde auch aus dem Publikum laut. Während Pater Stefan Oster Zweifel daran äußerte, dass übergreifende Themen wie die kirchliche Sexualmoral im Mediendiskurs vermittelbar seien, da die Auseinandersetzung lediglich aus der Beobachterperspektive erfolge, waren Zuhörer anderer Meinung. „Solche Themen sind zum Beispiel auch in Talkshows vermittelbar“, sagte Walter Hömberg, Journalistikprofessor aus Eichstätt. „Das Problem ist die schlechte Kommunikation der Kirche und die Tatsache, dass ihre Repräsentanten in den Medien zum Teil immer noch die ‚schlechte Presse’ sehen.“ Christian Schicha, Professor für Kommunikationswissenschaft und Experte für Medienethik, sah eine Möglichkeit der Neupositionierung der Katholischen Kirche an einem Runden Tisch, an dem möglichst viele Stimmen auch von außerhalb zu Wort kommen. „Es muss demokratische Strukturen geben, damit ein Diskurs und nicht nur ein Dialog zustande kommt.“ Den Journalisten und ihren Umgang mit dem Missbrauchsskandel bescheinigte die Diskussionsrunde insgesamt eine positive Bilanz. Natürlich habe es in der Berichterstattung über den Missbrauchsskandal auch Grenzbereiche gegeben, in denen man sich schon gefragt habe, wo der Persönlichkeitsschutz bleibt, sagte SZ-Redakteur Drobinski. „Insgesamt haben wir das aber überraschend gut hingekriegt.“ Medienkampagne oder schlechtes Krisenmanagement?

Zusammenfassung

Spätestens der Mitte März 2010 geäußerte Vorwurf des Regensburger Bischofs Gerhard Ludwig Müller, die Medien betrieben eine „Kampagne gegen die Kirche“, hat deutlich gemacht, dass es im Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche nicht mehr nur um die Sache an sich geht, sondern auch um das Verhalten der beteiligten Akteure. Die Fragen, denen sich Medien- und Kirchenvertreter anlässlich einer Podiumsdiskussion Mitte Juli im Konferenzsaal der „Süddeutschen Zeitung“ in München stellten, beschäftigten sich denn auch weniger mit den Missbrauchsfällen als solchen, sondern rückten die kirchliche Krisenkommunikation und den Umgang der Medien mit dem Skandal in den Vordergrund. Bei der Veranstaltung des Absolventenvereins des Eichstätter Journalistik-Studiengangs ging es darum, ob Journalisten die Missbrauchsvorwürfe gegen Einrichtungen der Katholischen Kirche für eine Medienkampagne genutzt haben und ob die Kirche in der Krise professionell agiert und kommuniziert hat. (...)

References

Zusammenfassung

Communicatio Socialis ist eine medienethische Zeitschrift

  • um der wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung von Kommunikations- und Medienethik gerecht zu werden,

  • um der Mediatisierung und Digitalisierung gesellschaftlicher Kommunikation und der Rolle des Internets eine ethische Reflexion entgegen zu setzen,

  • um den steigenden wissenschaftlichen Bemühungen in diesem Feld (Tagungen, Gründungen von Netzwerken und Fachgruppen sowie Einrichtung von Professuren) einen kommunikativen Raum zu geben,

  • um der aktuellen und gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft gerecht zu werden.