Oliver Koenig, Anna Schachner (Ed.)

Hilfreiche Beziehungen gestalten

Wahrnehmungen, Wirkungen und Theorieentwicklung in der ambulanten Begleitung von erwachsenen Menschen mit psychischen Erkrankungen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3039-9, ISBN online: 978-3-8379-7735-6, https://doi.org/10.30820/9783837977356

Series: Forum Psychosozial

Bibliographic information
Oliver Koenig, Anna Schachner (Hg.) Hilfreiche Beziehungen gestalten Forum Psychosozial Oliver Koenig, Anna Schachner (Hg.) Hilfreiche Beziehungen gestalten Wahrnehmungen, Wirkungen und Theorieentwicklung in der ambulanten Begleitung von erwachsenenMenschen mit psychischen Erkrankungen Mit Beiträgen von Michaela Amering, Petra Derler, Christine Eggenhofer, Yvonne Kahl, Oliver Koenig, Gertraud Kremsner, Werner Lausecker, Robert Mittermair, Daniel Öhlinger, Stefan Prochazka, Anna Schachner, Maria Schernthaner, Reiner Schwalbe und Alain Topor Psychosozial-Verlag Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Originalausgabe © 2020 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil desWerkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Thomas Schmierer, Spirale des Lebens, 2013 Umschlaggestaltung & Innenlayout nach Entwürfen von Hanspeter Ludwig, Wetzlar Satz: metiTec-Software, me-ti GmbH, Berlin www.me-ti.de ISBN 978-3-8379-3039-9 (Print) ISBN 978-3-8379-7735-6 (E-Book-PDF) Inhalt Vorwort 7 Teil I: Historische Perspektiven Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich 19 Kontinuitäten und Gegenbewegungen Gertraud Kremsner Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 33 Was geschafft ist und welche Berge es zu erklimmen gilt Yvonne Kahl 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 47 Ein Blick auf die Geschichte der Psychiatrie in Wien Maria Schernthaner Teil II: Fachliche Diskurse Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 61 Alltäglichkeit, etwas tun (»doings«) und Wechselseitigkeit Alain Topor Recovery – mehr als Genesung 99 Michaela Amering 5 Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 107 Beziehungsarbeit als Aspekt beruflicher Selbstkonzepte von Fachkräften in der Persönlichen Betreuung Daniel Öhlinger Teil III: Einblicke Verbunden in Verschiedenheit 127 Reflexionen über Geschichte, Trauma, Psychotherapie und die Betreuung durch den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer Expert*innen durch Erfahrung 153 Sichtweisen und Wahrnehmungen von EX-IN-Mitarbeiter*innen im Verein LOK Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair Teil IV: Das Forschungsprojekt Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 173 Anna Schachner & Oliver Koenig Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 185 Oliver Koenig Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 213 Oliver Koenig Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 241 Oliver Koenig Inhalt 6 Vorwort Infolge des Abschlusses des EU-Projektes New Paths to InclUsion Network sowie zeitgleicher Debatten im Feld der österreichischen Behindertenhilfe und Politik um die Verarbeitung der Ergebnisse der ersten österreichischen Staatenprüfung zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen war eine*r der Herausgeber*innen an den Vorbereitungen für ein Projekt beteiligt: »Lass uns über Veränderung sprechen! – ein personenund organisationsübergreifendesDialog- undAktionsforschungsprojekt«, so der damalige Arbeitstitel. Intention dieses Projektes war es, mit Personen, die historisch und/oder gegenwärtig Schlüsselpositionen in den Systemen der Arbeit mitMenschenmit Behinderung eingenommen haben bzw. einnehmen und dabei die Ausgestaltung, Entwicklung und Veränderung des Systems der Behindertenhilfe und psychosozialen Versorgung beeinflusst haben, generative Gespräche zu führen. Auf der Suche nach Interviewpartner*innen und spannenden organisationalen Beispielen wurde dabei von vielen Insider*innen und Kenner*innen der Szene immer wieder die Empfehlung geäußert, sich den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus anzusehen, da dort über viele Jahre ein konsequent beziehungsorientiertes Begleitungs- und Unterstützungssystem für erwachsene Menschen mit psychischen Erkrankungen aufgebaut worden sei. Die damalige Interviewanfrage überlagerte sichmit internenÜberlegungen des Vorstands, die Arbeit des Vereins extern wissenschaftlich beforschen zu lassen. Etwa ein halbes Jahr später erging dann der Auftrag, eine partizipative Vorstudie zur Erstellung eines Forschungsdesigns durchzuführen, an die sich zwischen März 2017 und April 2019 die für dieses Buch grundlegende Hauptstudie »Wirkungen & Theorieentwicklung der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag für und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen« anschloss. 7 Warum sind die Erkenntnisse dieses Forschungsprojektes für die größere Leser*innenschaft, die dieses Buch ansprechen will, interessant? Zum einen war der Gegenstand des Forschungsprojektes das Arbeitsfeld der ambulanten Betreuung und Begleitung von erwachsenenMenschen mit psychischen Erkrankungen, untersucht anhand des Dienstleistungsangebots der »Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag« (PB) des Vereins LOK. Ein Blick in die deutschsprachige Forschungsliteratur offenbart eine gewisse Schieflage zwischen der Bedeutung, die ambulanten Dienstleistungen zur Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zugesprochen wird, und den wenigen systematischen Studien zu den Wirkungen und Wirkungsweisen dieses Handlungsfeldes im deutschsprachigenRaum (vgl. Steinhart&Wienberg, 2017), wozu nunmehr eine weitere vorliegt. Des Weiteren muss die vorliegende Studie jedoch auch vor dem Hintergrund und den Wechselwirkungen einer konsequenten organisationalen Umsetzung einer beziehungsorientierten und -ermöglichenden Aufbau- undAblauforganisation verstanden werden (vgl. Nandram, 2014). Im Unterschied zu bislang veröffentlichten Umsetzungsbeispielen mit einem bewusst konzeptiven Beziehungsfokus (vgl. Runte, 2001) verfolgt der Verein LOK in seinem Handlungskonzept weder therapeutische Zielsetzungen noch stellen die Begleitung durch Fachärzt*innen der Psychiatrie bzw. die Einnahme von Medikamenten Aufnahmekriterien für die Betreuung dar. Zumindest im österreichischen Kontext extramuraler Unterstützungsangebote kommt dem Verein LOK damit eine exponierte Stellung zu.Mit seiner organisationskulturell gewachsenen non-direktivenHaltung einer »absichtsvollenAbsichtslosigkeit« bietet der Arbeitsbereich der Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag einen idealen Rahmen, um sowohl die Wirkungsweisen der relationalen Dimension von Betreuung und Begleitung zu erforschen als auch diejenigen organisationalen Strukturen, Prozesse und Praktiken in den Blick zu nehmen, die einen derart konsequenten Fokus, abseits individueller Professionsauslegungen, überhaupt erst möglich machen. Die hier portraitierten Beispiele sowie die abgeleiteten Wirkfaktoren und Mechanismen, die hilfreiche Beziehungsgestaltung ermöglichen, bieten somit auch ein Beispiel für ein humanisierendes (vgl. Trevithick, 2014) und befreiendes (vgl. Pickren, 2020) Gegennarrativ zu fachlichen Entwicklungen im größeren Feld der psychosozialen Arbeit in Richtung einer auf Managerialismus und Standardisierung setzenden Organisationsentwicklung und Praxis (vgl. Mohr, 2018). Auch mit Blick auf die internationale Forschungsliteratur hat diese Studie versucht, Akzente zu setzen, dies insbesondere, als der Versuch unternommen wird, die Betreuungsdynamik und die Entwicklung einer als unterstützend erlebten Beziehung konsequent sowohl aus der Perspektive der Nutzer*innen als auch aus der Vorwort 8 Perspektive der Mitarbeiter*innen in den Blick zu nehmen und diese zu einem möglichen theoretischen Betrachtungsmodell des Gegenstandsbereichs zu verbinden. Um den Leser*innen die Möglichkeit zu geben, die Erkenntnisse dieser Studie in weitere historische, fachliche, (professions-)theoretische und geografische Kontexte einzuordnen, wurde dieses Buch um zahlreiche Perspektiven und Einblicke erweitert und ergänzt, die auch für sich genommen, so dieHoffnung, dieses Buch zu einer wichtigen Ressource, fachlichen Inspirationsquelle und/oder einemNachschlagewerk machen werden. Der vorliegende Sammelband gliedert sich in vier Teile: Der erste Teil umfasst historische Perspektiven, die denWeg und die Entwicklungen der psychiatrischen Versorgung kontextuell einordnen. Der erste Beitrag von Gertraud Kremsner nimmt – ausgehend von der Dis/Ability History – die Historie psychiatrischer Versorgung von Personen mit psychiatrischer Diagnose in Österreich in den Blick. Im Sinne eines Nachzeichnens einer »Gesellschaftsgeschichte« durch Bezugnahme auf Exklusionsmechanismen beginnt der Beitrag mit Einblicken in ersteReformen im»RotenWien«, zeichnet schließlichdieEntwicklungen infolge des nationalsozialistischenRegimes nach, um schließlich zivilgesellschaftliches Engagement – insbesondere im Kontext der »Antipsychiatrie-Bewegung« –, das letztlich in der österreichischen »Psychiatriereform« mündete, zu skizzieren. Ergänzt werden die Einblicke zur Historie der psychiatrischen Entwicklung in Österreich durch eine Aufbereitung der historischen Entwicklung und bisherigen Ausgestaltung sozialpsychiatrischer Angebote in Deutschland. Yvonne Kahl arbeitet bestehende Herausforderungen auf demWeg zu gelingender Hilfe heraus. Vor demHintergrund historischer Entwicklungen werden aktuelle Fachdiskurse zur Relevanz und Bedeutung sozialpsychiatrischer Angebote beleuchtet. Unter Bezugnahme auf Forschungsbefunde werden Konsequenzen für die künftige Gestaltung gelingender Hilfe abgeleitet. Mit einerÜbertragungderhistorischenEntwicklungen imdeutschsprachigen Raum in die gelebte Praxis eines Vereins, der sich zum Ziel setzte, Menschen, die jahrzehntelang hospitalisiert gelebt hatten, eine Unterstützung und Begleitung im Alltag anzubieten, schließt der dritte Beitrag den ersten Teil. Maria Schernthaner, selbst Vorstand des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus, beschreibt in ihremBeitrag –unterBezugnahme auf die EntwicklungenundAuswirkungender Antipsychiatrie-Bewegungen, Deinstitutionalisierungstendenzen und der Psychiatriereform inÖsterreich – die Entstehungsgeschichte und aktuelle Entwicklung des Vereins LOK. Vorwort 9 Der zweite Teil des Sammelbandes widmet sich fachlichen Diskursen – beginnend mit einem Einblick in den internationalen Forschungsstand. Alain Topor diskutiert in seinem Beitrag unter Bezugnahme quantitativer Studien die hilfreichen Faktoren und Bedingungen zur Unterstützung eines Recovery-Prozesses und verdeutlicht die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels weg von einem biomedizinischenModell hin zu einemModell, welches das soziale Umfeld einer Person und damit den (Gesamt-)Kontext einbezieht. Hierbei werden auf Basis einer Sekundäranalyse drei Kernthemen identifiziert und mit dem Konzept des »Recovery-Kapitals« in Verbindung gesetzt: Alltäglichkeit, »etwas tun« sowie Wechselseitigkeit. Der zweite fachliche Diskurs widmet sich den Modellen und Konzepten zu Recovery und deren »Übersetzung« und Einbettung in den deutschsprachigen Raum sowie der Beurteilung dieses Prozesses. Michaela Amering führt in ihrem Beitrag in die Entwicklungen von Recovery im deutschsprachigen Raum ein und macht dabei die zentrale Rolle der Nutzung von Erfahrungswissen der Menschen mit gelebter Erfahrung von psychiatrischen Gesundheitsproblemen und Recovery-Geschichten deutlich. Die Potenziale von »Trialogen« und die Etablierung vonEX-IN-Angebotenhinsichtlich einerVeränderung inRichtung einer recovery-orientierten undmenschenrechtsbasierten psychiatrischen und psychosozialen Praxis, Forschung und Lehre werden aufgezeigt. Der Perspektive professioneller Fachkräfte in der PersönlichenBetreuungund Begleitungwidmet sich schließlich der dritte Beitrag im zweitenTeil des Sammelbandes.Daniel Öhlinger untersucht die Konstruktion beruflicher Selbstkonzepte von Betreuer*innen und diskutiert in seinem Beitrag im Sinne strukturtheoretischer Professionsverständnisse Spannungsfelder der professionellen Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften und ihren Klient*innen. Der dritte Teil des Buches ergänzt die fachlichen Diskurse um Einblicke, Perspektiven und Erfahrungen aus der gelebten Praxis. Im ersten der beiden Beiträge schildern der Betreuer Werner Lausecker, der Klient Reiner Schwalbe und die Psychotherapeutin Christine Eggenhofer in einer Variante des »trialogischen Konzepts« Reflexionen zur Geschichte des Klienten, der seine Sicht auf eine Phase seines Lebens in seiner Sprache zum Ausdruck bringt. Dabei wird auch eindrücklich auf die Konflikterfahrung in der gemeinsamen Erarbeitung dieses Beitrags Bezug genommen. Der Beitrag und dessen Konzeption möchte den Leser*innen die Inhalte der Erfahrung und Reflexion der von allen am Prozess der Unterstützung Beteiligten zugänglich machen. DiesenAusführungen folgt ein Beitrag vonAnna Schachner,Petra Derler, Stefan Prochazka und Robert Mittermair zu den Sichtweisen und Wahrnehmungen Vorwort 10 von EX-IN-Mitarbeiter*innen im Verein LOK – basierend auf einer Fokusgruppe mit sechs EX-IN-Mitarbeiter*innen. Im Zentrum dieses Beitrags stehen die Schilderungen von EX-IN-Mitarbeiter*innen hinsichtlich ihrer Beweggründe, als Expert*innen durch ErfahrungUnterstützung anzubieten, deren professionelles Selbstverständnis, Rollenwahrnehmung sowie Erfahrungen mit Ausbildung und Beruf. Im Vordergrund steht zudem die Perspektive der EX-IN-Mitarbeiter*innen selbst, die durch Zitate und Textausschnitte direkt zuWort kommen. Inhaltlich geschlossen wird dieser Sammelband mit der Darlegung des Forschungsprojekts, mit dem er seinen Anfang nahm. Im vierten Teil geben Oliver Koenig und Anna Schachner einen tieferen Einblick in die Studie »Wirkungen und Theorieentwicklung der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag für und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen«. In einem ersten Schritt werden der Hintergrund und die Ausgangslage sowie die Forschungsfragen und das zugrunde liegende Forschungsdesign umrissen. Folgend werden in einem zweiten Schritt die Spezifika des Angebots der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag, dessen zugrunde liegende Charakteristika sowie die Betreuungs- und Begleitungsphilosophie des Vereins LOK beschrieben, bevor in den folgenden Beiträgen die Wirkung, die zentralen Wirkfaktoren und Mechanismen der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag herausgearbeitet werden. Der Sammelband schließt mit der im Rahmen des Forschungsprojekts gegenstandsbezogenen und praxisrelevantenTheorie professioneller Beziehungsarbeit: dem theoretischenModell der gemeinsamen Suche nach »Guter Form«. Wir möchten uns an dieser Stelle beim Verein LOK, dessen Geschäftsführung und demVorstand für die Beauftragung zur Durchführung der Studie sowie die gute und wertschätzende Zusammenarbeit auf Augenhöhe bedanken. Besonders hervorheben wollen wir unseren großen Dank gegenüber den Klient*innen und Mitarbeiter*innen des Vereins, die uns für Interviews zur Verfügung gestanden haben und so tiefgehende Einblicke in die Möglichkeiten und Potenziale einer Gestaltung hilfreicher Beziehungen geben konnten. Ein besonderer Dank für die Unterstützung im Fertigstellen dieses Buches gilt darüber hinaus Rosa Strasser und Tina Obermayr, die beide mit großer Genauigkeit und Sorgfalt einzelne Passagen bzw. das gesamte Buch gelesen und dabei sowohl sprachlich als auch orthografisch zu dessen besserer Lesbarkeit beigetragen haben. Im Wesentlichen liegt hier also ein weiteres Buch über die Bedeutung reflektierter und strukturell unterstützter Beziehungsarbeit (vgl. Dix et al., 2019; Gahleitner, 2017; Howe et al., 2018) – vor dem Hintergrund historischer und fachlicher Entwicklungen des Feldes psychosozialer Begleitung – als Grundlage für die Konstitution als hilfreich wahrgenommener Beziehungen vor. Die Vorwort 11 Fertigstellung des Bandes fiel in die Hochphase der globalen Covid-19-Pandemie und der damit einhergehenden Kontakt- und Begegnungseinschränkungen. Als Teil der sogenannten »kritischen Infrastruktur« leisten in diesem Kontext weltweit Mitarbeiter*innen in psychosozialen Feldern systemrelevante Arbeit in der Unterstützung besonders vulnerabler Personengruppen: so auch die Mitarbeiter*innen der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag des Vereins LOK. Um dies sichtbar zu machen, haben wir stellvertretend einen Mitarbeiter, Werner Lausecker (der auch mit einem Beitrag in diesem Band vertreten ist), darum gebeten, einen persönlichen Erfahrungsbericht zur Verfügung zu stellen, der verdeutlicht, unter welchen herausfordernden Bedingungen aktuell nun Beziehungsarbeit geleistet wird: Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag durch den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus in Zeiten der COVID-19-Pandemie: Einige persönliche Gedanken undWahrnehmungen Ende April 20201 Wenn ich versuche, nach den ersten sechs Wochen Ausnahmezustand aufgrund der Corona-Krise in der Vielzahl von Informationen meine Gedanken zu sammelnundzu sortieren, tritt recht schnell eines insZentrummeinerÜberlegungen: die Bedeutungen von Beziehungen und persönlichen Begegnungen. Ich möchte meine Erfahrungen anhand eines Betreuungstages in der Corona-Zeit exemplifizieren. Heute Vormittag findet die Wochenbesprechung mit Teamleiter und Teamkolleg*innen als Videokonferenz von zu Hause aus statt. In »normalen« Zeiten würden wir einander persönlich im Büro treffen. Danach die Fahrt mit dem Fahrrad oder dem Auto (kaum jemand von den Kolleg*innen verfügt über ein Auto) zu der ersten Betreuung des Tages. Manche Kolleg*innen benutzen weiter die öffentlichen Verkehrsmittel, eine Frage der Zeit, Wegstrecken, Möglichkeiten und der Risikoabwägung. Wir sind viel in der Stadt unterwegs. Ich selbst nutze heute ein Auto.Mit der Klientin spreche ich dann in ihrerWohnung, die sie in den letzten sechsWochen nur einmal verlassen hat – mitMaske, in gro- ßem Sicherheitsabstand und bei geöffnetem Fenster. Wir sprechen über erfüllte und unerfüllte Lebenswünsche, Sorgen und Ängste der Klientin. Die Corona- 1 Ich danke Georg Christoph Heilingsetzer und den Kolleg*innen in dem von ihm geleiteten Team, Johanna Greifeneder, Sophia Papoulis, Silvia Magdalena Schröcker, Julia Seppi und Simon Trummer für Beobachtungen und Wahrnehmungen, die in diesen Text eingeflossen sind. Ebenso danke ich Johannes Hofmayr, Sándor Ivády und Andreas Lehrner. Georg Christoph Heilingsetzer danke ich auch für wertvolle Anmerkungen und Ergänzungsvorschläge zu diesem Text! Vorwort 12 Krise lässt ja bei vielen von uns existenzielle Gedanken in den Vordergrund treten. Ein Einkauf für die Klientin ist heute nicht notwendig. Nach demGespräch unterstütze ich sie beim Baden, wobei es situationsbedingt nicht möglich ist, den Sicherheitsabstand einzuhalten. Ein banges Gefühl stellt sich bei mir trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ein. Es ist ein, wenn nicht das Paradoxon dieser seltsamen Zeit: Wem die Gesundheit eines Mitmenschen am Herzen liegt, der sollte um diese Person einen weiten Bogenmachen. Jemandem aber aus der Ferne, etwa beim Baden, behilflich zu sein, ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Wir sind zu Recht gefordert, uns selbst als LOK-Mitarbeiter*innen durch Einhaltung der im Verein von Anfang an klar kommunizierten Sicherheitsvorkehrungen zu schützen. In gleichem Maß geht es aber natürlich auch darum, die Klient*innen vor einer möglichen Ansteckung durch uns Betreuer*innen zu schützen.Wir bewegen unsweitmehr im öffentlichenRaumund in persönlichen Begegnungen als die allermeisten unserer Klient*innen, die manchmal, gerade in dieser Zeit, sehr sozial zurückgezogen leben. Betreuungen in derWohnung finden derzeit nur dann statt, wenn sie zur Versorgung und Unterstützung notwendig oder geboten sind, umEskalationen in Richtung psychischer Krisenzustände und möglicher stationärer Aufenthalte zu vermeiden. Ansonsten gehen wir in den Betreuungen viel mehr als früher spazieren oder führen Gespräche auf Innenhofoder Parkbänken, immer im gebotenen Sicherheitsabstand – Betreuer*innen mit Maske, Klient*innen wird eineMaske angeboten, sofern sie nicht selbst über eine verfügen. Das Atmen durch die Maske beim Spazierengehen und Sprechen fällt nicht immer leicht, es überwiegt aber bei einigen Klient*innen sowie manchen Betreuer*innen dasGefühl eines verbesserten körperlichenWohlbefindens durch die gesteigerten Frischluftaktivitäten. Aber was wird imHerbst oderWinter sein, sollte eine zweite oder dritte Infektionswelle kommen? Nach der Betreuung bei dieser Klientin fahre ich zwei Bezirkeweiter zu einem Klienten, den ich zu einemArztbesuch begleite. Die Praxis liegt im dritten Stock ohne Lift, den Klienten hat das Treppensteigen mit Maske sehr angestrengt. In der Praxis ist kein Fenster geöffnet, bei mir stellt sich trotz Maske und Sicherheitsabstand angesichts des Schnaufens des Klienten wieder ein banges Gefühl ein. Der Arzt ist bemüht, das Gespräch freundlich und vor allem kurz zu halten. Aber er findet bei diesem Erstkontakt abschließend anerkennendeWorte für die Kooperation des Klienten und vonmir und für die Betreuungsarbeit durch LOK. Auch eine Erfahrung dieser eigenartigen Zeit, die unsere Mitmenschlichkeit und Solidarität ansprechen kann: Freundlichkeit und Wertschätzung in Momenten, in denen man sie nicht erwartet. Ich hoffe, dass auch andere durch mich diese Erfahrung machen. Vorwort 13 Vor, zwischen und nach den Betreuungen versuche ich, in Absprache mit einem anderen Klienten unzählige Male dessen Psychiater telefonisch zu erreichen. Dem Klienten gehen seine Medikamente aus und er benötigt bis morgen ein neues Rezept. Der Arzt hat in der Corona-Krise seine Praxis weitgehend auf Telefonkontakt umgestellt: Die Telefonleitung scheint immer durch andere Gespräche besetzt. DemKlienten würden noch Geduld und Ausdauer dafür fehlen, diese zahlreichen Telefonversuche selbst durchzuführen. Er hat seit eineinhalb Monaten sein erstes eigenes Handy. Zuvor hatte er das für sich abgelehnt, stimmte dann aber aufgrund der Corona-Krise zu, dass es wichtig sei, erreichbar zu sein und andere erreichen zu können.Wieder bei mir zuHause angelangt, habenmeine Telefonversuche bei dem Psychiater endlich Erfolg, bevor seine Praxis schließt und ich noch ein längeres Telefongespräch mit einem weiteren Klienten führe. Ein ganz normaler Arbeitstag – und doch erlebe ich gegenwärtig vieles anders. Mit manchen Klient*innen sind wir nun häufiger in Kontakt, weil die Betreuungsbeziehung überwiegend per Telefon gehalten wird. Anstelle von zweistündigen Betreuungen finden mehrmals wöchentlich Telefongespräche statt. Manche Klient*innen schätzen diese noch regelmäßigere Form des Kontakts. Und sie ermöglicht eine ihren derzeitigen Bedürfnissen anscheinend noch besser entsprechende neue Form der Regulierung von Nähe und Distanz in den Betreuungsbeziehungen. Die Corona-Krise erlaubt Klient*innen sowie Betreuer*innen – bei allen sehr schwerwiegenden Belastungen – bisher anders oder zu wenig gesehene Betreuungsmöglichkeiten und -bedürfnisse wahrzunehmen. Zugleich sind alle Beteiligten aber sehr gefordert, mit ihren Sorgen und auch Ängsten umzugehen. Es wird eine wichtige und interessante Aufgabe werden, in und nach der Krise gemeinsam mit Klient*innen zu evaluieren, welche neuen Erfahrungen und Perspektiven wir gemeinsam oder differierend im Blick auf die LOK-Betreuungstätigkeit gewonnen haben und was das für unsere zukünftige Arbeit bedeuten kann. Die Ergebnisse werden, so nehme ich an, in jeder Betreuungsbeziehung andere sein. Miteinander vereint werden sie aber auch eine Weiterentwicklung unserer Arbeit bei LOK ermöglichen. Besonders vermisse ich den persönlichen Kontakt zu den Kolleg*innen meines Teams, die ich seit mehr als sechs Wochen nicht persönlich getroffen habe. Um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten findet der Kontakt zu den Kolleg*innen seit sechsWochen nahezu ausschließlich virtuell statt.Wir müssen und wollen weiter für unsere Klient*innen da sein, wobei den individuellen Risiken und Sicherheitsbedürfnissen derMitarbeiter*innen sehr viel Aufmerksamkeit zukommt. Zugleich kann man es aber auch so erleben, dass in der Corona-Krise plötzlich jede*r gefühlt allein vor sich hin arbeitet, wie es ein Kollege formuliert Vorwort 14 hat. Ihn erinnert das an die Anfangszeit des Vereins LOK, als der heute für normale Zeiten hoch ausdifferenzierte institutionelle Rahmen unterschiedlichster Kommunikationssettings noch in Entwicklung war. Für die nächsten Wochen sind aber auch für unsere kollegiale Zusammenarbeit erste Schritte der Lockerung der physischen Distanzierung in Aussicht gestellt. Unsere persönlichen Begegnungen mit Angehörigen und Freund*innen sind seit sechs Wochen auf jene begrenzt, mit denen wir zusammenleben oder für die wir sorgen. Das ist eine einschneidende Erfahrung, die ich so noch nicht gemacht habe. Ich empfinde kein Gefühl des Verlustes, ich lebe ja weiter in diesen Beziehungen, aber mir fehlt die persönliche Begegnung. So kommt es, dass die meisten persönlichen Begegnungen in meinem Leben derzeit mit Klient*innen stattfinden. Viele dieser Begegnungen erlebe ich als bereichernd und schön, manche auch als fordernd. Doch ich möchte Klient*innen nicht für das Stillen meiner eigenen Bedürfnisse in dieser Hinsicht benutzen. Diese Krisen- und Ausnahmezeit macht mir nochmals anders und klarer bewusst, dass für mich Leben Begegnung ist. Mehr denn je erlebe ich es als wertvoll und bin dankbar dafür, dass das, was mir existenziell wichtig ist, auch im Zentrummeiner beruflichen Tätigkeit steht. Eine informative und fachlich anregende Lektüre wünschen IhnenOliver Koenig und Anna Schachner. Wien, September 2020 Literatur Dix, H., Hollinrake, S. & Meade, J. (Hrsg.). (2019). Relationship-based Social Work with Adults. St. Albans: Critical Publishing. Gahleitner, S.B. (2017). Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen.Weinheim: Beltz. Howe, D., Kohli, R., Smith, M., Parkinson, C., McMahon, L., Solomon, R. & Walsh, J. (Hrsg.). (2018). Relationship-based social work: Getting to the heart of practice. London: Jessica Kingsley Publishers. Mohr, S. (2018). Illusionen des Managements und ihre praktischen Konsequenzen. Sozial Extra, 42(1), 14–17. Nandram, S. (2014). Organizational Innovation by Integrating Simplification. Learning from Buurtzorg Nederland. Heidelberg: Springer. Pickren, W.E. (2020). Coloniality of being and knowledge in the history of psychology. In L. Malich & V. Balz (Hrsg.), Psychologie und Kritik – Formen der Psychologisierung nach 1945 (S. 329–343). Wiesbaden: Springer. Vorwort 15 Runte, I. (2001). Begleitung höchstpersönlich: innovativemilieutherapeutische Projekte für akut psychotischeMenschen. Bonn: Psychiatrie Verlag. Steinhart, I. & Wienberg, G. (2017). Rundum ambulant. Funktionales Basismodell psychiatrischer Versorgung in der Gemeinde. Köln: Psychiatrie Verlag. Trevithick, P. (2014). HumanisingManagerialism: Reclaiming Emotional Reasoning, Intuition, the Relationship, and Knowledge and Skills in Social Work. Journal of SocialWork Practice, 28(3), 287–311. Biografische Notizen Oliver Koenig, Mag. Dr. phil, ist Universitätsprofessor für Inklusive Pädagogik und Inklusionsmanagement an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten. Davor war er Post-Doc-Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seine rezenten Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind partizipative und inklusive Forschung, Gestaltung Inklusion ermöglichender Lernumgebungen, transformative Lern- und Bildungsprozesse, Veränderung und Transformation von Diensten und Organisationen von und für Menschen mit Behinderung, personenzentriertes Arbeiten und persönliche Zukunftsplanung sowie Menschenrechte und Behindertenpolitik. Kontakt: oliver.koenig@suttneruni.at Anna Schachner, Mag.a MA, ist Senior Scientist bei »queraum. kultur- und sozialforschung« (www.queraum.org). Sie studierte Soziologie und Bildungswissenschaften an der Universität Wien und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Evaluation von Gesundheitsförderungsprojekten sowie partizipative und inklusive Forschung. Seit 2016 ist sie zudem als externe Lektorin der Universität Wien am Institut für Politikwissenschaften zu qualitativen Methoden und seit 2019 als externe Lektorin und wissenschaftliche Begleitung im Universitätslehrgang Early Life Care in Kooperation der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und St. Virgil Salzburg tätig. Kontakt: schachner@queraum.org Vorwort 16 Teil I: Historische Perspektiven Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich Kontinuitäten und Gegenbewegungen Gertraud Kremsner Einleitung Ausgehend von der Dis/Ability History (vgl. z.B. Bösl, 2010) geht der nachfolgende Beitrag der Frage nach, wie mit einer psychiatrischen Diagnose versehene Personen in Österreich etwa ab der zweitenHälfte des 19. Jahrhunderts stationär untergebracht bzw. psychiatrisch versorgt wurden. Dazu wird zunächst auf die Historie der Anstaltspsychiatrie verwiesen und erste (»rassenhygienisch« motivierte) Reformen im »Roten Wien« werden identifiziert, bevor Kontinuitäten während und infolge des nationalsozialistischen Regimes benannt werden. Darauf folgt die Skizzierung zivilgesellschaftlichen Engagements insbesondere im Kontext der »Antipsychiatrie-Bewegung«, das letztlich in der österreichischen »Psychiatriereform« mündet. Mit der Beschreibung letzterer endet der vorliegende Beitrag; die Übertragung in die Gegenwart bzw. Zukunft, insbesondere bezugnehmend auf den Verein LOK, findet sich an anderer Stelle (siehe Schernthaner in diesem Band). Die Anfänge der stationären Betreuung und Unterbringung psychiatrisch diagnostizierter Personen in (Ost-)Österreich Wenn im Folgenden nun auf die historischen Hintergründe der stationären Betreuung undUnterbringung psychiatrisch diagnostizierter Personen in (Ost-)Österreich eingegangen wird, so geschieht dies – ganz im Sinne der Dis/Ability History – mit Fokus auf das Nachzeichnen einer »Gesellschaftsgeschichte« durch Bezugnahme auf Exklusionsmechanismen (im Gegensatz zu einer aus- 19 schließlich auf die Geschichte der Psychiatrie und ihrer Diagnosen bezogenen »Sektorgeschichte«, vgl. Schmuhl, 2013)1.DarauskönnennichtnurRückschlüsse auf gesellschaftliche Werte, Haltungen und Normen gegenüber psychiatrisch diagnostizierten Personen gezogen, sondern auch die Rollen der davon betroffenen Menschen skizziert sowie ihre (wenig vorhandenen) Handlungsspielräume sichtbar gemacht werden (vgl. Dietrich-Daum &Heidegger, 2011). Wesentliche Einschnitte in der stationären Unterbringung und Versorgung sind zumindest exemplarisch anzuführen, um eben jene Gesellschaftsgeschichte und die damit zusammenhängenden historisch gewachsenen Implikationen nachvollziehbar zu machen. Die Geschichte der psychiatrischen Anstalten inÖsterreich – zumindest jene der offiziell als solche bezeichneten – beginnt spätestens mit der Gründung des »Narrenturms« 1784 inWien bzw. des Versorgungshauses in Ybbs als Filiale der »Irrenanstalt« inWien 1817 (vgl. Weiss, 1978); beide Anstalten gelten zur Zeit ihrerEtablierung als äußerst fortschrittlichundmodern.Umdie Jahrhundertwende werden inOstösterreich vielfache weitere Anstalten eröffnet, darunter die psychiatrische Klinik in Gugging (1885) und die Psychiatrie Mauer-Öhling (1902) (vgl. Ledebur, 2015; Schmidt, 1993). Von besonderer Bedeutung ist zudem die Gründungdes1907eröffnetenPsychiatrischenKrankenhauses amSteinhof (heute:Otto-Wagner-Spital; oftmals auch als »BaumgartnerHöhe« bezeichnet), mit dessen früher Geschichte sich die Historikerin Sophie Ledebur (2015) ausführlich beschäftigt hat. Vor allem der »Steinhof« versteht sich (zumindest in seinen Anfangszeiten) als besonders moderne und fortschrittliche Anstalt: Restriktive Methoden und Zwangsmaßnahmen werden weitgehend zu vermeiden versucht, unter anderem indem auf die »Bettbehandlung« – die Sedierung mit (damals neu eingeführten) Beruhigungs- und Schlafmitteln – anstelle der Fixierung am Bett gesetzt wird (vgl. ebd.; Dietrich-Daum&Heidegger, 2011). Durch den rapiden Anstieg der Patient*innen-Zahlen unmittelbar nach der Gründung der oben genannten Kliniken, vor allem während des Ersten Weltkriegs und danach, wird das Umsetzen (damals) fortschrittlicher Ansätze jedoch verunmöglicht und die Qualität der Versorgung entsprechend des zeitgenössischen Diskurses fällt rapide ab (vgl. Weiss, 1978; Ledebur, 2015). Dementsprechend verkommen diese sehr schnell zu »völlig überbelegten Gettos, in denen neben ›Schwachsinnigen‹ Alkoholiker, psychisch Kranke, geriatrische Patienten, Suizidgefährdete und alle irgendwie auffällig gewordenenNormabweichler angehaltenwurden« (Schmidt, 1 Weite Strecken der hier angeführten Ausführungen wurden ausführlich in Kremsner (2017) publiziert. Gertraud Kremsner 20 1993, S. 46). Um dem entgegentreten zu können, werden ab ca. 1910 eigene Anstalten für»Alkoholiker, Epileptiker, Schwachsinnige, Psychopathen undKriminelle« (Ledebur, 2015, S. 211) gefordert, jedoch aufgrund des Ausbruchs des ErstenWeltkriegs – einhergehend mit einem massiven Anstieg der in Psychiatrien untergebrachten Personen – nur bedingt umgesetzt (vgl. Häßler & Häßler, 2005;Weiß, 1978). Allerdings verändert sich nochwährend des laufenden Ersten Weltkriegs das Bewusstsein hinsichtlich der zu verwendenden Terminologie und die Termini »Irre« sowie »Irrenfürsorge« werden nach und nach durch »Geisteskranke« bzw. »psychiatrische Versorgung« ersetzt (vgl. Weiss, 1978). Dringend anzumerken ist auch, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts psychiatrische Anstalten eng mit Fürsorgeerziehungsanstalten verwoben sind, weil dort vielfach auchKinder und Jugendliche untergebracht wurden; sie gestalten sich als Mischformen zwischen psychiatrischen Kinderabteilungen, heilpädagogischen Ambulatorien und psychiatrischen Kinderbeobachtungsstationen. Dieser Umstand wird sich bis in die späten 1970er Jahre nachvollziehen lassen (vgl. Ralser, 2014). Dazu kommt, dass 1916 die »Entmündigungsverordnung« erlassen wurde, mittels der die Kriterien sowohl für die Aufnahmewie auch für die Entlassung psychiatrisch untergebrachter Personen, vor allem aber deren »Vormundschaft« gesetzlich geregelt wird (vgl. RGBl. Nr. 207, 1916, S. 481). Sie wird erst 1984 durch die Einführung der »Sachwalterschaft« abgelöst2 und in weiterer Folge 2018 durch das Erwachsenenschutzgesetz ersetzt werden. Während der Ersten Republik werden zeitgenössisch fortschrittliche psychiatrische Behandlungsmethoden eingeführt, die aus heutiger Sicht äußerst brutal anmuten und nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes vereinzelt und entgegen des damaligen Standes der psychiatrischen Wissenschaft weiter angewandt werden (vgl. hierzu Heiss, 2015): Es handelt sich hier um invasive Schocktherapien wie die ab 1927 eingeführte »Insulinkur«, vor allem aber die ab 1929 verwendete »Malariakur« (vgl. Dietrich-Daum&Heidegger, 2011;Heiss, 2015). In dieselbe Zeit fallen auch die (mitunter bis heute hochgelobten) Sozialreformen des »RotenWien« insbesondere durch den Stadtrat Julius Tandler. Diese sind im Kontext der Anstaltspsychiatrie maßgeblich geprägt durch ein Fürsorgekonzept, das auf einenproduktivenund leistungsfähigen»Volkskörper«abzielt –mündend in ökonomische Überlegungen, die zwischen »bevölkerungspolitisch produktiven« und»bevölkerungspolitisch unproduktiven«Ausgaben unterscheiden (vgl. Ledebur, 2015). Allerdings fällt in diese Zeit, wenn auch begründet durch die 2 Siehe https://www.justiz.gv.at/home/buergerservice/die-justiz-von-a-bis-z/s/sachwalt erschaft-~2c94848b4b92ce25014c2d91579c1921.de.html (22.02.2020). Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich 21 »Aufrechterhaltung des Volkskörpers«, die zumindest partielle Öffnung der bislang geschlossenen psychiatrischen Anstalten (vgl. ebd.). Die im »Roten Wien« eingeführten Reformen stellen einen ersten Höhepunkt sozialdarwinistischer, »rassenhygienischer«, biologistischer und eugenischer Überlegungen dar, die seit dem 19. Jahrhundert immer prominenter werden und so auch gesetzlich und verwaltungstechnisch – auch die Anstaltspsychiatrie betreffend – legitimiert werden (vgl. Häßler & Häßler, 2005; Mattner, 2000). Mit dem New Yorker Börsenkrach von 1929 wird dies (vorerst) auf die Spitze getrieben, wenn die »Finanzlast« der »Minderwertigen« den Lebenserhaltungskosten einer »gesunden« Familie gegenüber aufgerechnetwird (vgl.Häßler&Häßler, 2005). Zudem legt die zumindest im selben Jahrzehnt stattfindende Veröffentlichung des Buchs Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens (Binding & Hoche, 1920) einen weiteren Grundstein für das, was während des nationalsozialistischen Regimes zur industriellen, systematischenundmassenweisenErmordungdermeistenall jenerMenschen führen wird, die mit einer psychiatrischen Diagnose versehen wurden – oftmals einhergehend mit vorangegangenenMenschenversuchen und Folter. Kontinuitäten in der Betreuung und Unterbringung psychiatrisch diagnostizierter Personen infolge des nationalsozialistischen Regimes Festzuhalten ist, dass die nationalsozialistischen Morde keineswegs aus dem Nichts entstanden sind, sondern bereits lange imVoraus vorbereitet wurden: Zur Zeit der Machtergreifung Hitlers 1933 waren »alle Ingredienzien schon gebildet, von den ›Wertigen‹ und ›Minderwertigen‹, den die ›Gesundheitsbreite Überschreitenden‹ und ›in ihr noch Platz Findenden‹, den ›Erziehungsfähigen und -bedürftigen‹ und den aus dieser Konstellation schon ›Gefallenen‹« (Ralser, 2014, S. 140). Mit dem »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« (GzVeN; vgl. Reichsgesetzblatt, 1939) wurde die Zwangssterilisation sogenannter »Erbkranker« gesetzlich legitimiert; es trat im nunmehr an das NS- Regime angeschlossenen Österreich per 1.1.1940 in Kraft. Dazu kommen die ab 1.9.1939 durchgeführten T4- und ab 1941 so genannten »wilden Euthanasie«- Morde, die – gründend auf Binding undHoche (1920) – zur systematischen Vernichtung unter anderem sogenannter »geisteskranker« Personen führten. Der Aktion T4 (neben anderen Standorten im heutigen Deutschland unter anderem in Hartheim bei Linz durchgeführt) fielen rund 100.000 Personen zum Opfer (vgl. Häßler & Häßler, 2005; Mattner, 2000). Im Zuge der vordergründig in Gertraud Kremsner 22 Psychiatrien durchgeführten »wilden Euthanasie« werden rund 185.000 Opfer geschätzt (vgl. Häßler & Häßler, 2005). In Ostösterreich kommt hier der Psychiatrie »Am Steinhof« eine besonders unrühmliche Rolle zu: Hier war in den Pavillons 15 und 17 auch die Tötungsanstalt »Am Spiegelgrund« untergebracht (vgl.Czech, 2014;Mayrhofer et al., 2017).Unter anderemamBeispiel derAnstalt »Am Steinhof«, aber auch bei zahlreichen weiteren österreichischen Kliniken lassen sich personelle Kontinuitäten weit nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes nachweisen, die den nicht (bzw. nicht vollständig) vollzogenen Bruch der psychiatrischen Versorgung mit NS-Gedankengut und -Haltungen eindeutig belegen. Neben unzähligen weniger prominenten und dennoch nationalsozialistisch geprägten bzw. in diesem Sinne handelnden Personen sind hier insbesondere Heinrich Gross, Andreas Rett und Hans Asperger stellvertretend zu nennen, die alle auch lange nach dem Ende des NS-Regimes machtvolle Positionen im psychiatrischen Kontext innehatten (vgl. Czech, 2014, 2018; Malina, 2007a, 2007b; Schönwiese, 2012). Berger hält mit explizitem Verweis auf die (wenig intern aufgearbeitete) Verantwortung der Psychiatrie fest: »Mit dem Jahr 1945 wurden zwar die Mordaktionen beendet, manche ihrer Akteure kehrten jedoch bald wieder in psychiatrische Leitungsfunktionen zurück. Auch das biologistische Paradigma wirkt – zum Teil bis heute – ungebrochen fort« (Berger, 1996, o. S.). Um allerdings Kontinuitäten der psychiatrischen Anstaltsunterbringung infolge desNS-Regimes fassen zu können, ist es sicherlich nicht ausreichend, Schuldzuweisungen einzelnen (wenn auch sicherlich schuldigen!) Personen gegenüber auszusprechen; kritisch infrage zu stellen sind vielmehr die sozialen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen, die es überhaupt erst zuließen, dass die Karrieren vieler NS-Täter*innen unbehelligt und mitunter äußerst erfolgreich weitergeführt werden konnten. Ebenso anzusprechen ist, dass sich derlei Haltungen – auch, wenn die entsprechenden Akteur*innenmittlerweile verstorben oder zumindest längst pensioniert sind – nach wie vor im psychiatrischen Kontext vorfinden lassen. Ein Grund dafür könnte in der bei Berger (1996) angedeuteten fehlenden Aufarbeitung und Verantwortungsübernahme nicht nur seitens der Psychiatrie imSpezifischen, sondern auchderGesellschaft imAllgemeinen zu finden sein. Dies stellt noch vor wenigen Jahren auch der Monitoringausschuss zur Überwachung der UN-Behindertenrechtskonvention in seiner »Stellungnahme Opferschutz« fest, wenn dort von einer »allgemeine[n] Haltung von Verweigerung jeglicher Problemeinsicht und damit [einer] Deckung von TäterInnen, die zu oft bis heute fortwirkt« (Monitoringausschuss, 2013, S. 2) gesprochen wird. Eine (dringend notwendige!) Neuausrichtung der psychiatrischen Versorgung bleibt nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes also leider aus, stattdes- Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich 23 sen wird auf altbekannte Konzepte vor allem aus der Zeit des »Roten Wien« zurückgegriffen (vgl. Droste, 1999; Plangger & Schönwiese, 2010). Die derart festgesetzte »Verwahrfunktion« zeichnet sich einerseits durch ein hohes Maß an Zwangaus (vgl.Dietrich-Daum&Heidegger,2011); andererseitswurdendiedurch die oben angesprochenen NS-Tötungen weitgehend geleerten psychiatrischen Anstalten nunmehr schlicht wieder aufgefüllt, »ohne dass es zu Reformen irgendwelcher Art gekommen wäre« (Weiss, 1978, S. 55). Entnazifizierungsprogramme im Personalstand der Kliniken erwiesen sich »aufgrund einer kontinuierlichen Aushöhlung der Belastungskriterien und einer allgemeinen Vertuschungsstrategie als sehr schwierig« (Mattner, 2000, S. 78). Ein großer Teil des Personals verblieb also mehr oder weniger unbehelligt in den ehemaligen Positionen und nicht wenige taten sich nach demEnde des Krieges »als engagierte Bewahrer und Förderer derjenigen Menschen hervor, für deren Tötung sie sich kurz vorher als Euthanasieaktivisten vehement eingesetzt hatten« (ebd., S. 75). »Rassenhygienische« Zugänge und Haltungen sind dementsprechend nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch in der direkten Betreuung und Versorgung von psychiatrisch diagnostizierten Personen in den Jahrzehnten nach dem nationalsozialistischen Regime nach wie vor an der Tagesordnung (vgl. auch Schmidt, 1993). Aber auch hinsichtlich der angewandten Methoden ist festzuhalten, dass anstelle eines Anschließens am zeitgenössischen Status quo der Psychiatrie als Wissenschaft vielmehr ein Festhalten an bereits Bekanntem und Bewährtem erfolgt. So wird zum Beispiel für die psychiatrische Abteilung am Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) das »therapeutische Instrumentarium« (Sluga, 1982, S. 345) unmittelbar nach Kriegsende als gering beschrieben; zur Anwendung kommen (übrigens bis 1969!) imWesentlichen die »Malariatherapie«, die »Elektroschockbehandlung« und die »Insulinschockbehandlung« (vgl. ebd.). Sie alle galten einerseits zur Mitte des 20. Jahrhunderts bereits als veraltet und wurden dementsprechend ungerechtfertigt eingesetzt; besonders zu kritisieren ist zudem andererseits, dass hinsichtlich der Malariatherapie »Stammzellenträger*innen« – vordergründig in der Psychiatrie am Steinhof institutionalisierte Menschen mit Lernschwierigkeiten3 – zum Zweck des Aufrechterhaltens des 3 »Menschen mit Lernschwierigkeiten« ist der von der Selbstvertretungs- bzw. People First-Bewegung selbstgewählte Begriff, der andere ablöst, die von betroffenen Personen als diskriminierend empfunden werden: »Wir meinen mit den Wörtern Menschen mit Lernschwierigkeiten alle Menschen, die früher als Menschenmit geistiger Behinderung bezeichnet wurden. Wir mögen das Wort ›geistige Behinderung‹ nicht. Es ist oft ein Schimpfwort« (WIBS, 2005, o. S.). Gertraud Kremsner 24 Malariastammes missbraucht wurden und dementsprechend zumeist ohne Indikation mit dieser »Kur« behandelt wurden (vgl. Heiss, 2015). Zu den wenigen positiv zu vermerkenden Entwicklungen in den Jahrzehnten nach Kriegsende zählen die Einführung von Psychopharmaka in den 1950er Jahren (vgl. Forster, 1997;Weiss, 1978) sowie die Etablierung derAusbildung für diplomiertes psychiatrisches Pflegepersonal amSteinhof in den 1960er Jahren (vgl. Forster&Pelikan, 1980). Erst ab den (späten) 1960er Jahren und parallel zu einigen anderen sich zeitgleich formierenden sozialen Bewegungen soll zivilgesellschaftliche Kritik an diesen Umständen erfolgen und (zumindest partiell) zu Veränderungen führen. Auf die Barrikaden: zivilgesellschaftliches Engagement zugunsten sozial- und antipsychiatrischer Versorgung Am Ende der 1960er bzw. in den beginnenden 1970er Jahren werden – auch beeinflusst durch das Erscheinen von Goffmans Asyle (1973, englischsprachiges Original 1961) bzw. Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft (1973, französischsprachiges Original 1961), aber auch von Überwachen und Strafen (Foucault, 1977, imOriginal 1975) – europaweit und damit auch in Österreich (sozial-)politische Proteste laut, die die Lebensbedingungen von in der Anstaltspsychiatrie untergebrachten Personen anprangern und konkrete Gegenvorschläge erarbeiten und einfordern. In weiterer Folge formiert sich, vor allem ausgehend von Italien (Franco Basaglia u. a.), Schottland (Ronald Laing) und den USA (Thomas Szasz) die sogenannte Antipsychiatrie-Bewegung (vgl. Hacking, 2004), die sich dadurch eint, dass sich ihre Akteur*innen »gegen die bestehenden Institutionen und ihre Verfahren der Unterbringung wehren« (Obiols & Basaglia, 1978, S. 7). Die Antipsychiatrie geht im Wesentlichen von der marxistischen Beschreibung einer Klassengesellschaft aus, die auf der Grundlage von über den Leistungsbegriff definierten ökonomischen Produktionsprozessen Randgruppen produziert, die wiederum keine unmittelbar für die Gesellschaft nützliche Funktion zu erfüllen scheinen (vgl. Basaglia, 1974). Daraus ergibt sich die fundamentale Kritik an psychiatrisch-medizinischenDiagnosen (bzw. demProzess desDiagnostizierens), die wiederum zu Kategorisierungen, Etikettierungen und mittels Zuschreibungen zu Stigmatisierungen führen, »über die hinaus es keine Möglichkeit der Aktion oder Annäherung gibt« (ebd., S. 7). Demnach findet in Psychiatrien die von Zwang und Repression geprägte Haltung der Gesellschaft gegenüber ihren vermeintlich nicht-angepassten Mitgliedern ihren unmittelbaren Niederschlag, indem vermeintlich trennscharf unterschieden wird »zwischen dem, was normal Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich 25 ist, und dem, was nicht normal ist« (ebd., S. 8); als totale Institutionen (vgl. Goffman, 1973) wurden sie ausschließlich zumZweck der Verwahrung solcherlei Personen gegründet (vgl. Obiols & Basaglia, 1978). Basaglia (1971, 1974) entwickelt mit der »demokratischen Psychiatrie« einen konkreten Gegenentwurf zur Anstaltspsychiatrie, der zumindest in Italien auch breite Anwendung fand (und teilweise auch heute noch findet). Zur Antipsychiatrie-Bewegung inÖsterreich liegt nur wenig wissenschaftlich Aufgearbeitetes vor (Hinweise darauf finden sich z.B. in Forster&Pelikan, 1978, 1980). Allerdings verweist eine Vielzahl an aktivistischemMaterial auf eine rege soziale Bewegung. Besonders hervorzuheben ist hier sicherlich die Dokumentation der Demokratischen Psychiatrie Wien (1976–1979) (GDPW, 1979), in der sämtliche Informationsbroschüren, Flugblätter und Texte der genannten Gesellschaft im Eigenverlag herausgegeben wurden. Neben vielen anderen findet sich dort zum Beispiel unter der Überschrift »Die Gewalt in der Psychiatrie« und ausgehend von der Erkenntnis, dass »Geisteskrankheit ein gesellschaftliches Problem ist und als solches nicht in der Isolation der geschlossenen Anstalt gelöst werden kann« (ebd., S. 46) eine detaillierte Kritik an der in einigen europäischen Ländern bereits etablierten modernen Sozialpsychiatrie und den orthodox ausgerichteten Bedingungen und Zuständen in österreichischen Anstalten im Vergleich dazu. Diese waren zumZeitpunkt des Erscheinens der Dokumentation geprägt von gewaltförmigen Maßnahmen wie verschlossene Türen, Zwangsjacken, Netzbetten, Fixierung mit Gurten, Elektroschocks oder der Gabe von Psychopharmaka als »chemische Zwangsjacke« (ebd.; vgl. auch Lederer, 1985). 1978 schließlich übergibt die GDPW anlässlich der Neubesetzung der Direktion der Klinik am Steinhof einen Forderungskatalog, der zu Verbesserungen der konkreten Lebensbedingungen dort führen soll. Als dem nicht nachgekommen wird, folgt eine Unterschriftenaktion (vgl. GDPW, 1979). Doch die Antipsychiatrie-Bewegung trifft – wenig überraschend – auch auf Widerstand. Dies ist insbesondere für Österreich dokumentierbar, stellt die Bewegung mit ihrer Kritik an etablierten Systemen doch auch Macht- und Hegemonialansprüche infrage, die nicht ohne Weiteres aufgegeben werden wollen. So wird die »demokratische Psychiatrie« im (übrigens vom bereits genannten Heinrich Gross veranstalteten) »2. Steinhof-Symposium« wie folgt verhandelt: »Die Antipsychiatrie ist imwesentlichen [sic!] zu verstehen alsManifestation einer politisch-radikalen Gruppe, die das jetzige System zerstören will, um ein neues utopisches aufzubauen, ein Vorgang, wie er ja auch in anderen Bereichen desmodernen Lebens zu beobachten ist. Sicher schadet dieser ideologische Partikularismus der Gertraud Kremsner 26 guten Sache mehr, als er nützt. Die Psychiatrie muß nach wie vor eine medizinische Disziplin bleiben« (Pichler, 1977, S. 67). In eine ähnlicheKerbe schlagen die»WienerKommunalen Schriften«von1983, in denen sich mehrere Personen kritisch der Antipsychiatrie-Bewegung gegen- über äußern. Dies ist insofern bedeutend, als hier auch maßgebliche politische Akteur*innen – mit entsprechenden Konsequenzen – zu Wort kommen. So schreibt der damals zuständige Stadtrat Alois Stacher etwa: »Es gab politische Forderungen, die psychiatrischen Spitäler wie in Italien aufzulassen, aber auch Gegenforderungen in der Form, daß die ›Normalen‹ vor den ›Irren‹ geschützt werden müssen« (Wiener Kommunale Schriften, 1983, S. 52). Die (Wiener) Psychiatriereform Vor allem auch aufgrund der sich in den 1960er und 1970er Jahren entwickelnden sozialen Bewegungen – und hier insbesondere der Antipsychiatrie- Bewegung –, zusätzlich befeuert durch die mediale Berichterstattung über die skandalösen Zustände in den Anstalten selbst sowie gestützt durch die Initiative einzelner Psychiater*innen (vgl. Weiss, 1978), unterziehen sich die österreichischen Anstaltspsychiatrien in weiterer Folge einer grundlegenden Reform. In der Ausverhandlung derselben kommt es allerdings sehr schnell zu einem Hegemonialkampf, der zwischen den an einer tiefgreifenden und »echten« Reform einerseits und denVerteidiger*innen des bereits bestehenden Systems andererseits polarisiert. Dieser Umstand führt in den späten 1970er Jahren letztlich dazu, dass eine bundesweite Reform scheitert und diese stattdessen in die Hände der einzelnen Bundesländer in Eigenverantwortung gelegt wird (vgl. ebd.). Wien setzt hier die amweitesten greifenden Schritte, während die übrigen Bundesländer vergleichsweise wenig umsetzen (vgl. Forster, 1997). Infolge von vier die Psychiatrie betreffenden Enqueten als Reaktion auf die vorangegangenen zivilgesellschaftlichen Proteste beschließt derWiener Gemeinderat im April 1979 schließlich einstimmig den »Zielplan für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung Wiens«. Er mündet in der Neuorganisation der Klinik am Steinhof (die zur Stadt Wien gehörende Anstalt in Ybbs wird nicht genannt!) und setzt den Schwerpunkt auf den Ausbau ambulanter und nachsorgender Einrichtungen. Anstelle der als überholt geltenden Anstaltspsychiatrie wird nun trotz deutlicher Ressentiments, wie denWiener Kommunalen Schriften (1983) zu entnehmen ist, auf eine gemeindepsychiatrische Ausrichtung gesetzt, Zur Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich 27 die sich – in Anlehnung an Forster (1997, S. 21ff.) – durch folgende Aspekte auszeichnet: ➢ Umstrukturierung von großen, geschlossenen und undifferenzierten Anstalten hin zu kleinen, dezentralen und flexiblen Einrichtungen; psychiatrische Interventionen erfolgen in weitgehend natürlichem Lebensmilieu ➢ Überwindung des naturwissenschaftlichen Krankheitsmodells und Erweiterung um psychosoziale Faktoren ➢ Ablösung der uneingeschränkten ärztlichen Autorität durch partnerschaftlich-kooperative Modelle; Anerkennung nicht-professioneller Ressourcen (z.B. Selbsthilfe und Laienmodell) ➢ Integration in dieGesellschaft durch frühzeitige Interventionen, das Einbeziehen der sozialenUmwelt und vor allem die Zustimmung der betroffenen Personen selbst statt (zwangsweiser) sozialer Segregation Neben teilweise massiver Kritik aus den Reihen der Anstaltspsychiatrie findet die (Wiener) Psychiatriereform, wenn auch aus anderen Gründen, aber auch seitens der dadurch adressierten Personen kaumWohlgefallen. Die von der österreichischen Behindertenbewegung herausgegebene Zeitschrift LOS etwa widmet der Psychiatriereform zwei Schwerpunktartikel. Darin konstatiert Gruber (1985), dass eine echte, auch behinderte Menschen betreffende Psychiatriereform zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Artikels noch nicht eingesetzt habe – die sogenannte »Ausgliederung« von Menschen mit Lernschwierigkeiten aus psychiatrischen Anstalten tritt erst mit demUnterbringungsgesetz (vgl. UbG, 1990) im Jahr 1991 in Kraft; bis dahin wird die Situation dieser Personengruppe über weite Strecken schlicht ignoriert (vgl. z.B. Kremsner, 2017; Mayrhofer et al., 2017). Zudem seien außerhalbWiens kaum Reformen durchgesetzt worden und selbst die wenigen erzielten Fortschritte hätten nichts an den institutionellen und gesellschaftlichen Umgangsformen mit psychiatrisch diagnostizierten Personen verändert. Dazu brauche es nämlich, so Gruber, nicht bloß eine Verwaltungsreform und Modifikationen in der Betreuung, sondern »eine existenzielle Änderung des Systems der Ausgliederung und Sonderbetreuung der Irren« (Gruber, 1985, S. 22). Bestätigt wird dies in einem zweiten LOS-Artikel, der sehr deutlich veranschaulicht, wie sozialpsychiatrische Kleineinrichtungen, zum Beispiel in Oberösterreich, konsequent unter die Obhut der Linzer Landesnervenklinik und dadurch unter die Fittiche der Anstaltspsychiatrie gestellt werden, obwohl (oder gerade weil?) Gegenentwürfe – auch solche, die in der Praxis erprobt wurden und teilweise mit antipsychiatrischer Ausrichtung – vorliegen (vgl. Lederer, 1985). Gertraud Kremsner 28 Fazit Am Ende dieses Beitrags bleibt nun festzuhalten, dass die Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich lediglich in den Anfangszeiten, zur Zeit der großen Anstaltsgründungen, durch eine (zumindest nach zeitgenössischer Auffassung)moderneund fortschrittlicheAusrichtungzugunstenderdort zuversorgendenPersonen geprägt ist. Vor allem bedingt durch äußere Umstände kann dieser Anspruch aber imWesentlichen nur für wenige Jahre eingehalten werden. Schon bald prägen »rassenhygienische« Überlegungen die Situation in der Anstaltspsychiatrie; spätestens im »RotenWien« werden diese auch per legem manifestiert. Nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes und der damit einhergehenden massenweisen Vernichtung psychiatrisch diagnostizierter Personen verabsäumt es die Psychiatrie als Disziplin mit entsprechenden Konsequenzen, sich ihrer Verantwortung während der NS-Diktatur zu stellen. Und auch die nach dem Ende des Krieges angewandten Methoden sind als alles andere als fortschrittlich zu bezeichnen. Erst durch zivilen Protest am Ende der 1960er bzw. in den beginnenden 1970er Jahren gelingt es schließlich, Reformen zu erzwingen. Diese greifen allerdings auf mehreren Ebenen viel zu kurz, denn ihr Schwerpunkt liegt vor allem inWien (die übrigen Bundesländer ziehen kaum nach); zudem werden größere Personengruppen wie zum Beispiel Menschenmit Lernschwierigkeiten nicht bzw. erst viel spätermitgedacht. Besonders zu betonen ist, dass sich psychiatrisch diagnostizierte Personen spätestens einhergehend mit den sozialen Bewegungen der 1960er bzw. 1970er Jahre selbst lautstark einzubringen versuchen, sie finden aber in der konkretenUmsetzung von Reformen kaum Gehör. Der vorliegende Beitrag endet mit der Psychiatriereform der 1970er bzw. 1980er Jahre, denn andere Beiträge in diesemBuch setzen ab diesemZeitpunkt an.DerGegenwart undZukunft der psychiatrischenVersorgung inÖsterreichbleibt zu wünschen, dass die Forderungen von psychiatrisch diagnostizierten Personen selbst nicht nur gehört, sondern vor allem ernst genommen und umgesetzt werden. Literatur Basaglia, F. (Hrsg.). (1971). Die negierte Institution oder Die Gemeinschaft der Ausgeschlossenen. Ein Experiment der psychiatrischen Klinik in Görz. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Basaglia, F. (1974).Was ist Psychiatrie? Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Berger, E. (1996). Die psychiatrische Betreuung (geistig) behinderter Menschen. In M. Moritz, E. 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Biografische Notiz Gertraud Kremsner, Mag.a Dr.in, ist Senior Lecturer und Post Doc an der Universität Wien, derzeit jedoch zur Vertretung der Professur für Förderung und Unterricht im Kontext von Inklusion unter besonderer Berücksichtigung von Förderbedarfen in der emotionalen und sozialen Entwicklung an der Universität Leipzig freigestellt. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Dis/Ability Studies und Dis/Ability History sowie partizipative und inklusive Forschung (mit Schwerpunkt auf gemeinsamem Forschen mit Menschen mit Lernschwierigkeiten) im Rahmen Inklusiver Pädagogik. Zudem liegt ein weiterer Forschungsschwerpunkt auf Inklusiver Pädagogik im Kontext von Flucht. Kontakt: gertraud.kremsner@univie.ac.at, gertraud.kremsner@uni-leipzig.de Gertraud Kremsner 32 Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe Was geschafft ist undwelche Berge es zu erklimmen gilt Yvonne Kahl Sozialpsychiatrische Angebote zielen darauf ab, Teilhabechancen von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu stärken und sich für ihre Möglichkeiten der Inanspruchnahme von Teilhabeoptionen einzusetzen. Die Perspektive der Nutzer*innen der Sozialpsychiatrie soll hierbei sowohl bei der Vorbereitung wie auch bei der Umsetzung und dem Abschluss von Hilfen jederzeit im Mittelpunkt stehen. Begleitet wird diese Zielsetzung inDeutschland seit dem Jahr 2009 durch die UN-Behindertenrechtskonvention sowie seit dem Jahr 2017 durch die schrittweise Einführung des Bundesteilhabegesetzes, das umfassende Reformen der Angebote vorsieht sowie damit einhergehende kritische Diskurse mit sich bringt. Deutlich ist in diesem Zuge, dass der bisherige Weg der Sozialpsychiatrie durch stete Veränderungen von Rahmenbedingungen und Anforderungen gekennzeichnet ist. Dies erfordert eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Hilfesystems, die insbesondere auch deshalb vonnöten ist, da mehr als zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-BRK viele Menschen mit psychischen Erkrankungen weiterhin Teilhabebeeinträchtigungen erleben. Der vorliegendeBeitrag beschreibt vor diesemHintergrund die bisherigeAusgestaltung sozialpsychiatrischer Angebote und arbeitet bestehende Herausforderungen auf demWeg zu gelingenderHilfe heraus.Nach einer Skizze vonAufgaben und Zielsetzungen des Arbeitsfeldes wird ein Überblick über die historische Entwicklung des Systems geliefert, um darauf basierend aktuelle Fachdiskurse zur Relevanz und Bedeutung sozialpsychiatrischer Angebote zu beleuchten. Diese Fachdiskurse werden Forschungsbefunden gegenübergestellt, welche die Perspektive von sozialpsychiatrischen Nutzer*innen in den Blick nehmen. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick, in dem aus den Ausführungen hervorgehende Konsequenzen für die künftige Gestaltung gelingender Hilfe abgeleitet werden. 33 Ziele und Aufgaben der Sozialpsychiatrie Das Arbeitsfeld der Sozialpsychiatrie in Deutschland ist gekennzeichnet durch interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen. Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Ärzt*innen, Ergotherapeut*innen und weitere Berufsgruppen halten in unterschiedlichen Settings Angebote vor und sind in diesen miteinander vernetzt. Zunehmend findet auch die wichtige Rolle von Genesungsbegleitenden ihren Platz in Einrichtungen, die Unterstützung und Begleitung zur Verfügung stellen. Die Bereiche, in denen Mitarbeitende der Sozialpsychiatrie tätig werden, sind dabei ebenso divers wie ihre Zielgruppen. Die Angebote reichen von Sozialpsychiatrischen Zentren mit niederschwellig angelegten Kontakt- und Beratungsstellen über Tagesstätten, tagesstrukturierende Hilfen undWohnhilfen im Zuge der Eingliederungshilfe bis hin zu Sozialpsychiatrischen Diensten, die in besonderen psychiatrischen Notlagen und Lebenskrisen tätig werden. Die Zielgruppe der Sozialpsychiatrie umfasst grundsätzlich alle Menschen, die psychische Probleme oder aber manifeste und chronische psychische Erkrankungen haben, bzw. richtet sich auch an Angehörige ebendieser Menschen. Kernanliegen der Sozialpsychiatrie ist es, die Teilhabe ihrer Adressat*innen unter enger Berücksichtigung subjektiver Perspektiven und Bedarfe zu fördern. Dem*Der Einzelnen soll ein Leben im Gemeinwesen mit möglichst weitgehender selbstbestimmter Lebensführung ermöglicht werden (vgl. Greve, 2011, S. 38). Laut Obert und Pogadl-Bakan (2011) orientiert sich sozialpsychiatrische Arbeit dabei an den Ressourcen der Menschen und ihrer Umgebung. Sie möchte zur Emanzipation, zur Erweiterung der Persönlichkeit und des damit verbundenen Handlungsrahmens beitragen.Hilfen sollen in der Sozialpsychiatrie unter stetiger Berücksichtigung soziologischer, psychologischer, biologischer und rechtlicher Aspekte umgesetzt werden. Die Sozialpsychiatrie geht auf individuelle, familiäre und örtliche soziale Begebenheiten ein (vgl. Clausen & Eichenbrenner, 2016). Der Einbezug solch vielseitiger Gesichtspunkte, die nicht nur das Individuum in den Fokus nehmen, ist bedeutsam, da widrige Rahmenbedingungen im Lebensumfeld von Menschen zu Marginalisierung, Benachteiligung und Ausgrenzung beitragen können. Dies steht der Erreichung individueller Ziele sowie dem Erleben vonWohlbefinden imWege. Im Mittelpunkt allen Bemühens der Sozialpsychiatrie steht dem Grundsatz nach somit die Ausrichtung der Hilfen an den Interessen, Bedürfnissen und individuellen Lebensentwürfen der Nutzer*innen sowie die Berücksichtigung der in diesem Rahmen bestehenden – oder eben gerade nicht bestehenden – Zu- Yvonne Kahl 34 gangspotenziale zu Lebensbereichen einer Gesellschaft. Indem Mitarbeitende sozialpsychiatrischer Einrichtungen eng orientiert am und im Lebensumfeld der Menschen tätig werden, bietenHilfen das Potenzial, gemeinsame Zielrichtungen und daraus hervorgehende Maßnahmen in der Lebensrealität der Menschen zu entwickeln. Die Ausrichtung der Hilfen erfordert in diesem Zuge von Mitarbeitenden eine fachlicheHaltung des »Sich-Einlassens« auf fremde Lebenssituationen und -umstände sowie das Engagement, sich für die Bedarfe der Nutzer*innen auch über die Einzelfallarbeit hinaus im Zuge vonNetzwerken und in der Begegnung mit dem Sozialraum einzusetzen. Die skizzierten Grundhaltungen und Positionen der Sozialpsychiatrie können als essenziell für die Förderung von Teilhabe und Selbstbestimmung gelten. Die Entwicklung des sozialpsychiatrischen Hilfesystems in seiner beschriebenen Form wurde dabei wesentlich durch die Psychiatrie-Enquete geprägt. Historische Entwicklungen – ein Blick auf die Psychiatrie-Enquete Die Psychiatrie-Enquete markierte in Deutschland einen entscheidenden Eckpfeiler auf dem Weg von einer primär stationären hin zu einer ambulanten und bedarfsgerechten Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Gemeinwesen: Im Jahr 1970 wurde unter Leitung von Caspar Kulenkampff eine Sachverständigenkommission zur Erarbeitung der Enquete über die Lage der Psychiatrie durch die Bundesrepublik Deutschland in Auftrag gegeben. Es sollte eine umfassende Untersuchung über die psychiatrisch-psychohygienische Versorgung der Bevölkerung durchgeführt und festgestellt werden, welche Maßnahmen zu ergreifen wären, umwissenschaftlichenErkenntnissen zu Standards gelingender psychiatrischerVersorgung zu entsprechen (vgl. Kukla, 2015).Die Frage, ob die Psychiatrie- Enquete selbst diemaßgeblicheGrundlage für dennachfolgenden systematischen Reformprozess bildete, wurde bereits wenige Jahre nach ihrem Erscheinen kontrovers diskutiert (vgl. Armbruster et al., 2015). Nichtsdestotrotz wurde mit den Positionen der Enquete die weitere Entwicklung sozialpsychiatrischer Arbeit unzweifelhaft beeinflusst. Im Jahr 1973 legte die Expert*innenkommission der Enquete einen ersten Zwischenbericht vor, in dem herausgestellt wurde, dass viele Menschen mit psychischen Erkrankungen in den stationären psychiatrischen Einrichtungen unter »elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben müssen« (Deutscher Bundestag, 1973, S. 23). Im Jahr 1975 wurde der Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 35 abschließende Bericht vorgelegt und von der Bundesregierung verabschiedet. Die Kommission plädierte für die Verkleinerung der Großkrankenhäuser, für deren therapeutische Ausrichtung sowie für die Ergänzung um psychiatrische Abteilungen in Allgemeinkrankenhäusern. Der Bericht forderte gemeindenahe, dezentrale und teilstationäre Versorgungsangebote. Zusätzlich wurde die Ausweitung der ambulanten Dienste sowie die Einführung des Sektorprinzips – das heißt die Festlegung von standortbedingtenVersorgungszuständigkeiten für Einrichtungen – mit verbesserter Koordination und Kooperation verlangt. Die Enquete trugmit demAnstoß offizieller Psychiatrie-Leitlinien damit zur Abkehr von Schutz und Verwahrung bei und markierte die Hinwendung zu Therapie und Rehabilitation sowie zur Respektierung von Patient*innenrechten (vgl. Finzen, 2015). An die Entwicklungen schloss im Jahr 1987 die Arbeit einer zweiten Expert*innenkommissionan,diedenaltenBericht teilweise fortschriebundteilweise modifizierte. Als Forderung stand nun im Vordergrund, psychiatrische Behandlung undBetreuungnicht auf denmedizinischenBereich zu reduzieren.Vielmehr sollten die Grundbedürfnisse der Menschen in den Bereichen Behandlung und Pflege, Wohnen, Betätigung durch Arbeit und berufliche Bildung sowie Teilhabe am gesellschaftlichen Leben differenziert betrachtet und mit entsprechenden Unterstützungsangeboten versehen werden (vgl. ebd.). Multiprofessionelle Zusammenarbeit aller Berufsgruppen galt als wesentlicher Baustein der Umsetzung (vgl.Armbruster et al., 2015). ImErgebniswurde vonderKommissionderEinsatz gemeindepsychiatrischer Verbünde als Grundvoraussetzung für eine bedarfsgerechte Versorgung benannt, die in überschaubaren Pflichtversorgungsgebieten kooperativ tätig sein sollten (vgl. Beine, 2015). In der Tat haben die nach der Enquete folgenden Reformen beachtliche Ver- änderungen der psychiatrischen psychosozialen Versorgung nach sich gezogen. Es stehen heutzutage vielzählige Dienste und Einrichtungen zur Verfügung, die Menschen durch Leistungen der Eingliederungshilfe sowie weitere Angebote direkt in ihrem Lebensumfeld unterstützen. Zahlreiche Autor*innen kommen im Resümee der im Laufe der vergangenen 40 Jahre angestoßenen Entwicklungen dennoch zu dem Fazit, dass die im Bericht formulierten Änderungsbedarfe nicht in Gänze umgesetzt wurden. Armbruster et al. (2015) monieren etwa in Bezug auf SGB-V-Leistungen, dass die Probleme unzureichender ambulanter Behandlungsmöglichkeiten sowie fehlende psychotherapeutische Kapazitäten weiterhin bestehen. Ebenso sind die komplexen Herausforderungen zur wirksamen Gestaltung von Kooperation zwischen Diensten, Einrichtungen und Leistungsträgern weiterhin nicht bewältigt. Insbesondere solche Menschen, die von schweren Yvonne Kahl 36 chronischen psychischen Erkrankungen betroffen sind, bleiben dabei sowohl von Zugängen zum Hilfesystem als auch zu weiteren gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen. Mit der derzeit umgesetzten Struktur der sozialpsychiatrischen Versorgung geht zudemdieKritik einer weiter bestehenden Psychiatrisierung von Nutzer*innen einher, wie im Folgenden beschrieben wird. Psychiatriegemeinde vs. Gemeindepsychiatrie – Diskurse nach der Enquete Die in den vergangenen Jahrzehnten etablierten und ausgebauten Strukturen der Sozialpsychiatrie werden durch einen kritischen Fachdiskurs begleitet, in dessen Fokus wiederkehrend die Frage steht, ob die geschaffenenHilfen, die das Ziel der Teilhabestärkung verfolgen, mit ihren Vorgehensweisen nicht genau diese Zielerreichung verhindern. Dörner (2010, S. 40) prägte den Diskurs wesentlich mit seiner Formulierung, dass statt Gemeindepsychiatrie nur Psychiatriegemeinde herauskomme, wenn im ambulanten BereichMenschen mit psychischen Erkrankungen »von Profis umzingelt und genau so lange nicht integriert« sind. Dem zugrunde liegt die Kritik, dassMenschen durch die Vielzahl sozialpsychiatrischer Angebote in diesenHilfen ein Ersatzsystem finden, das alternativ zu anderen Angeboten des Sozialraums genutzt wird.Nicht psychiatriespezifische Begegnungen könnten dann kaum noch stattfinden. Veröffentlichungen anderer Autor*innen untermauern diese grundlegende Kritik am Hilfesystem. Röh (2011) benennt, dass die Differenzierung sozialpsychiatrischer Angebote verbunden mit einem paternalistischen Ansatz dazu beigetragen hat, dass psychiatrische Hilfen institutionszentriert gestaltet sind. So würden zwar Schutz, Anerkennung und ein Miteinander im Psychiatrie-Kontext sowie Nähe zur Gemeinde ermöglicht, es werde jedoch keine tatsächliche Inklusion in die Gemeinde bzw. Bevölkerung erwirkt. Gesetzliche Rahmenbedingungen, weiterhin an individuellen Leistungen ausgerichtete oder insgesamt begrenzte Finanzierungsoptionen im Zuge der Eingliederungshilfe sowie das Selbstverständnis derMitarbeitenden, das zumBeispiel durch ökonomische Interessen geprägt ist, tragen so unter Umständen auch weiterhin dazu bei, dass Klient*innen nur bedingt in ihrer Unabhängigkeit vom Hilfesystem gefördert werden (vgl. Gromann, 2011; Kahl, 2015). Richter (2014) betont, dass der Schutz vor Diskriminierung, Stigmatisierung und Überforderung sowie die Sicherheit in der Psychiatriegemeinde sicherlich für einen Teil der Menschen notwendig sind. Die Einbindung in die Psychiatriegemeinde wird laut demAutor abermit einer Exklusion aus vielen Bereichen derGesellschaft erkauft. Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 37 Steinhart undWienberg (2017) konstatieren in der Analyse sozialpsychiatrischer Hilfestrukturen für den Bereich der Teilhabeleistungen überdies, dass weiterhin eine hohe Anzahl vonMenschenmit schweren psychischen Erkrankungen in stationärenWohneinrichtungen der Eingliederungshilfe untergebracht ist. Oftmals ist es zudem nicht möglich, geeignete Wohnunterstützung im direkten Umfeld des eigenen Lebensmittelpunktes zu finden. Die Beschäftigung von Personenmit psychischen Erkrankungen erfolgt vielfach inWerkstätten fürMenschen mit Behinderungen,wobei zugleichdieVermittlungsquote vondort auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ausgesprochen gering ist. Steinhart undWienberg (ebd.) kritisieren im Zuge ihrer Analysen eine weiterhin mangelnde Personenorientierung sowie Fragmentierung desHilfesystems, was in der Folge zuKontinuitätsbrüchen in der Versorgung führt. Sicherlich ist bei Betrachtung aktueller sozialpsychiatrischer Entwicklungen ebenfalls herauszustellen, dass in der Praxis auch trialogische Arbeitsformen umgesetzt werden und die zu Eingang des Beitrags genannte Einbindung von Expert*innen aus Erfahrung zunehmend erfolgt. Dies bietet starke Potenziale für die Erbringung personenorientierter Hilfe. Eine flächendeckende Einbindung und angemessene Vergütung dieses Personenkreises sowie eine das gesamte Hilfesystem durchdringende offene Haltung gegenüber dem Nutzen dieser neueren Arbeitsweisen sind aber sicherlich noch weiterzuentwickeln. Auch spricht die wiederkehrende Rezeption des Sozialraumbegriffs dafür, dass der Bedarf fallunspezifischer und -übergreifender Arbeit als wesentliche Stellschraube für gelingende Hilfe, die über Institutionsgrenzen hinweg agiert, grundsätzlich anerkannt wird. Kritisch anzumerken ist zugleich, dass der Sozialraumbegriff und die damit verbundenen Ziele Gefahr laufen, an Klarheit zu verlieren, sofern sie zum einen theoretisch losgelöst vom Fachkonzept der Sozialraumorientierung (vgl. u. a. Fürst & Hinte, 2019) herangezogen werden. Zum anderen besteht die Gefahr, dass die Facetten des Fachkonzeptes nicht mit konkretem Bezug auf die Eingliederungshilfe für Menschen mit psychischen Erkrankungen betrachtet werden und nachfolgend Anforderungen an die praktische Umsetzung unpräzise bleiben (vgl. Röh, 2019). Um aus dem aktuellen Fachdiskurs konkrete Entwicklungsbedarfe für künftige Hilfen ableiten zu können, werden ergänzend flächendeckende empirische Befunde benötigt, die denNutzer*innen der Sozialpsychiatrie selbst eine Positionierung zu den Angeboten und ihrer Lebenssituation ermöglichen. So stellt sich die Frage,wie dieseMenschendieDienste hinsichtlichderPotenziale für ihreTeilhabestärkung einschätzen und welche Arbeitsweisen als hilfreich erlebt werden. Ebenso sind Erkenntnisse dazu nötig, wie die in der Sozialpsychiatrie begleiteten Yvonne Kahl 38 Personen ihre eigene Teilhabesituation bewerten. Die derzeitige Erkenntnislage ist zu diesen Themen gering. Das im Folgenden beschriebene Forschungsprojekt dient der Adressierung dieses Forschungsdesiderates im Bereich der Teilhabeforschung. Forschungsbefunde I – Zur Zufriedenheit mit sozialpsychiatrischen Hilfen Die dargestellten Befunde gehen aus einem Forschungsprojekt hervor, das in den Jahren 2013 bis 2015 durchgeführt wurde (vgl. Kahl, 2016). Das Forschungsprojekt gliederte sich in zwei Untersuchungsteile: Im ersten Schritt wurden zwölf leitfadengestützte Interviewsmit Nutzer*innen sozialpsychiatrischer Einrichtungen durchgeführt.DieMenschenwurden zu ihren subjektiv erlebtenChancen auf Teilhabe anArbeit, an sozialenKontaktenundanAktivitäten in ihremSozialraum befragt. Ebenso wurde erfragt, wie die Unterstützung durch das psychiatrische Hilfesystem erlebt und bewertet wird. Auf Basis der Interviewergebnisse wurde ein standardisierter Fragebogen mit thematischem Schwerpunkt auf die Themen Freizeitgestaltung und soziale Kontakte entwickelt und von 236 Nutzer*innen sozialpsychiatrischerHilfen ausgefüllt.Neben Items zurErfassungdesTeilhabeerlebens wurde nach der Zufriedenheit mit Angeboten der Psychiatrie hinsichtlich der Unterstützung bei Freizeitaktivitäten gefragt. Alle Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt der Erhebung Nutzer*innen ambulanter Leistungsangebote sozialpsychiatrischer Einrichtungen, zum Beispiel Kontakt- und Beratungsstellen oder ambulant betreutes Wohnen. Voraussetzung für die Studienteilnahme war neben dem Vorliegen einer psychischen Erkrankung, dass die Befragten zum Zeitpunkt der Erhebung außerhalb einer stationären Wohneinrichtung lebten. Einschlusskriterium zur Studienteilnahme war eine vorliegende Beeinträchtigung im Bereich Arbeit und Beschäftigung (nachgewiesen durch einen Schwerbehindertenstatus, durch den Erhalt von Erwerbsminderungsrente, Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II). Dieses Kriterium wurde gewählt, da Menschen mit erschwertem oder fehlendem Zugang zu Erwerbsarbeit aufgrund des (drohenden) Ausschlusses aus dem Arbeitsmarkt in besonderer Weise gefährdet sind, Teilhabeeinschränkungen zu erleben, die sich auf weitere Lebensbereiche auswirken können. Herauszustellen ist zunächst, dass alle Interviewteilnehmenden Kontakte zu Mitarbeitenden der Sozialpsychiatrie als grundsätzlich hilfreich beschreiben. Die Helfenden sind wichtige Begleiter*innen in schwierigen Lebenslagen und wer- Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 39 den als verständnisvoll erlebt. Im Schutzraum von Hilfeangeboten scheint eine Teilhabe an Interaktion möglich zu sein, die von gegenseitiger Rücksichtnahme gekennzeichnet ist. Hier können Beziehungserlebnisse gemacht werden, die im sonstigen Alltag der Befragten vielfach in dieser Form nicht stattfinden. Die Differenz zur Interaktion außerhalb des psychiatrischen Kontextes ist insbesondere dadurch gekennzeichnet, dass ungewöhnliches Verhalten nicht als Grund für Ausgrenzung erlebt wird. Menschen mit psychischen Erkrankungen bietet sich im Kontext sozialpsychiatrischer Angebote die Chance, sich – auch im Kontakt zu anderen Psychiatrieerfahrenen – in Beziehungsgefügen zu bewegen, die weitgehend ohne stigmatisierendeMechanismen auskommen. Die Fragebogenuntersuchung zeigt zudem, dass Angebote der Sozialpsychiatrie – und insbesondere Sozialpsychiatrische Zentren – für die Mehrzahl der Befragten eine hilfreiche Unterstützung bei der eigenen Freizeitgestaltung bieten. Die Angebote schaffen einen Ort der Begegnung. Durch die Organisation von Außenaktivitäten wird die Teilhabe an Freizeitaktivitäten außerhalb der sozialpsychiatrischen Einrichtung unterstützt. Die Fragebogenuntersuchung zeigt darüber hinaus, dass die Studienteilnehmenden von individuellen ambulanten Wohnhilfen profitieren. Es ist anzunehmen, dass gerade die aufsuchende Struktur dieses Angebotes hilfreich bei der Teilhabe an Freizeitaktivitäten ist. So kann bei Interesse und Bedarf regelmäßig zuAktivitäten begleitet undHilfestellung direkt imLebensumfeld gegebenwerden.Hemmschwellen, dieTeilhabe verhindern oder verringern, können im Gespräch mit Fachkräften besprochen und bearbeitet werden. Insgesamt bewerten in der quantitativenUntersuchungmehr Frauen alsMänner Angebote der Psychiatrie als hilfreich bei der Freizeitgestaltung. Das Ergebnis kann darauf hindeuten, dass die Sozialpsychiatrie den Interessen von Frauen eher entspricht als denen von Männern. Zudem ist es möglich, dass Frauen sich eher auf Angebote einlassen und diese infolge eher positiv für sich nutzen (können). Neben den beschriebenen positiven Aspekten ist zugleich zu benennen, dass in den Interviews auch Unzufriedenheit mit psychiatrischen ambulanten Hilfen geäußert wird. So wird der Wunsch benannt, dass eine engmaschigere, stärker an den Bedarfen der Person orientierte Unterstützung ermöglicht werden sollte. Auch derWunsch nach einem größeren Angebotsspektrum und einer damit verbundenen stärkeren Kooperation der Sozialpsychiatrie mit nicht-psychiatrischen Einrichtungen wird genannt. Wichtig wäre es laut Aussagen der Interviewten in diesem Zuge, Hemmschwellen abzubauen und bessere Zugänge zu ermöglichen. Zudem wird derWunsch nach mehr Beteiligung vonMenschen mit psychischen Erkrankungen an der Ausgestaltung von psychiatrischen Hilfen geäußert. Yvonne Kahl 40 Forschungsbefunde II – Teilhabe von Nutzer*innen der Sozialpsychiatrie Die eingeführte Untersuchung (vgl. ebd.) zeigt im Weiteren, dass Nutzer*innen sozialpsychiatrischer Angebote grundsätzlich sowohl Zufriedenheit als auch Benachteiligung in Bezug auf ihre eigene Teilhabesituation erleben. So scheinen jeweils einzelne Aspekte der Teilhabe an Freizeitgestaltung und sozialen Beziehungen der Menschen zufriedenstellend zu sein. Die Mehrzahl der Studienteilnehmenden ist der Ansicht, dass Freizeitangebote selbstständig und ohne Unterstützung genutzt werden können. Zugleich bestehen vielfachÄnderungswünsche bezüglich der Teilhabe an Freizeit und Interaktion, die trotz der angegebenen Selbstständigkeit nicht angegangenwerden können. Psychische Beeinträchtigungenwerdenoftmals als zentralerHinderungsgrund für eine gelingendeGestaltung vonTeilhabe benannt.Umweltfaktoren, die inWechselwirkungmit demGesundheitsproblem eines Menschen stehen (vgl. DIMDI, 2005), sind somit offenbar bisher keinesfalls so geartet, dass Teilhabe entsprechend des Anspruchs der UN- BRK für alleMenschenmöglich ist. Vielfach scheinen gesellschaftliche Rahmenbedingungennicht den individuellenBedürfnissenderMenschen zu entsprechen, sodass soziale Beziehungen und Freizeit nicht wie gewünscht gestaltet werden können. Insbesondere Menschen mit Angststörungen geben eine starke Beeinträchtigung ihrer sozialen Teilhabe an. Die häufig durch die psychische Erkrankung bedingte Arbeitsunfähigkeit wirkt sich zusätzlich auf die finanzielle Situation der Befragten aus, was weitere Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten verursacht. Teilhabedefizite und -beeinträchtigungenwerden bei denNutzer*innen sozialpsychiatrischer Angebote somit nicht durch das Hilfesystem kompensiert. Viele Menschen sehen erst mitÜberwindung der eigenen psychischen Problematik die Chance, Teilhabe zufriedenstellend zu gestalten. So heißt es etwa in einem Interview: »Wenn man depressiv ist und nur rumjammert und so. Das mögen die Leute gar nicht so. Von wegen Selbstmitleid und so. Dann hat man nicht so viel Verständnis entgegengebracht bekommen, sag ich mal. Erst wenn man sich wieder zusammenrafft und sich sammelt. Und Fortschritte macht, dann kommen die Leute wieder auf einen zu.« Zu beachten ist, dass keineswegs alle Befragten mit ihrer Teilhabesituation ausschließlich unzufrieden sind. In der quantitativen Befragung wurde deutlich, dass die Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen – trotz der Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 41 damit einhergehendenKritik am fehlendenZugang zumerstenArbeitsmarkt– signifikant positiv mit einer erhöhten Zufriedenheit in Bezug auf die Teilhabe an Freizeit und sozialen Beziehungen korreliert ist. Auch die Verfügbarkeit über ein eigenes Einkommen begünstigt, unabhängig davon, ob unterstützende Sozialleistungen bezogen werden, die Zufriedenheit mit der eigenen Teilhabesituation. DerKontakt zuMenschenmit psychischenErkrankungenwird in den Interviews teilweise außerdem als »angenehme Alternative« zu Kontakten außerhalb des psychiatrischen Kontextes beschrieben. Auch wenn von allen Befragten geäußert wird, dass der Umgang mit psychischen Erkrankungen und die damit einhergehenden Konsequenzen, wie zum Beispiel die Reaktionen der Umwelt, belastend seien, bedeutet dies somit nicht zwangsläufig, dass die Befragten mehr in die Gesellschaft inkludiert werden möchten. Auch wenn Personen soziale Kontakte im Kontext der Sozialpsychiatrie pflegen und ihr Gemeinschaftsleben sich vorrangig innerhalb dieses Raumes abspielt, kann subjektiv Teilhabe an diesem Lebensbereich als ausreichend erlebt werden. Die im Rahmen der BAESCAP-Studie generierten Ergebnisse ergänzen nun zusätzlich die empirischeWissensbasis zur Teilhabesituation vonNutzer*innen sozialpsychiatrischerAngebote. Inden Jahren2015und2016wurden imRahmender Studie 1.897 Personen, die zum Befragungszeitpunkt Eingliederungshilfeleistungen inAnspruchnahmen,zu ihrerTeilhabesituationbefragt (vgl.Höptner&Daum, 2018). Im Ergebnis fühlen sichNutzer*innen von stationärenWohnhilfen laut der Erhebung deutlich zufriedener und mehr von der Gesellschaft angenommen als Befragte in ambulanten Settings. Ebenso sind sie imVergleich zuNutzer*innen ambulanterWohnhilfen zufriedenermit ihrer Freizeitgestaltung (vgl.Höptner, 2018). Nutzer*innen ambulanter sozialpsychiatrischer Angebote erleben Stigmatisierung zugleich deutlich stärker als Nutzende stationärer Hilfen (vgl. Speck, 2018). Die dargestellten Forschungsbefunde sind künftig umweitere Erhebungen zu ergänzen, um die Einschätzung der Teilhabesituation von Nutzer*innen sozialpsychiatrischer Hilfen auf Grundlage einer breiteren empirischen Datenbasis zu ermöglichen. Die in diesem Beitrag beschriebenen Diskurse und Befunde bieten aber bereits Anlass für die Ableitung anstehender Aufgaben und Herausforderungen. FolgenfürdiePraxisundbevorstehendeHerausforderungen Die Anforderung, gelingende Hilfe zu gestalten und hierdurch Teilhabechancen zu fördern und zu öffnen, ist im Jahr 2020mit verbindlicheren gesetzlichen Rah- Yvonne Kahl 42 menbedingungenverknüpft, als dies zurZeit derPsychiatrie-EnquetederFallwar: Der Handlungsbedarf ist durch die UN-BRK und das BTHG gerahmt. Teilhabedefizite von Menschen mit psychischen Erkrankungen werden durch die UN- BRK zu gesellschaftlich bedingten Menschenrechtsverletzungen. Im Zuge des Bundesteilhabegesetzes werden die Forderungen der UN-BRK für Deutschland konkretisiert und wird das Recht auf Teilhabe im Gesetzestext festgeschrieben. In diesemKontext sind Leistungserbringende, -träger sowie politische Akteur*innen verpflichtet, Änderungen zu initiieren und umzusetzen. Die Sozialpsychiatrie kommt infolge nicht umhin, die eigenen Hilfesettings stetig und selbstkritisch zu hinterfragen und vor dem Hintergrund gesetzlicher Rahmenbedingungen anzupassen. Die in diesemBeitrag beschriebenen Studienergebnisse untermauerndieseNotwendigkeit: So sindNutzer*innender Sozialpsychiatrie zwaroftmals zufriedenmitdenzurVerfügung stehendenAngeboten, zugleich bestehen aber Teilhabedefizite, die durch aktuelle Angebotsstrukturen nicht kompensiert werden. Um Teilhabe zu stärken, ist von Mitarbeitenden eine gewisse Weg-Orientierung vomderzeitigen sozialpsychiatrischen System gefordert, welche den psychiatriespezifischen Blick ergänzt. Dies ermöglicht, Potenziale in der Umgebung einzubeziehen, die Anknüpfungspunkte für Menschen mit psychischen Erkrankungen bieten. Sicherlich bewegt sich die Mehrzahl der Mitarbeitenden in der Erbringung von sozialpsychiatrischen Hilfeleistungen bereits auch außerhalb der eigenen Organisation, indem sie Fachleistungsstunden direkt im Stadtteil erbringen und zu Aktivitäten begleiten. Die Sozialpsychiatrie steht jedoch weiterhin vorderProblematik, dass fürdieFinanzierungvonLeistungen,die auch fallunspezifisch Veränderungen im Sozialraum anstreben, keine gesetzlichen Regelansprüche bestehen.Neben der einzelfallspezifischenArbeit ist aber genau diese fallunspezifische Vorgehensweise notwendig, um Toleranz, Akzeptanz und Destigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen, deren Gegenpole oftmals wesentlicheMit-Auslöser von Teilhabebeeinträchtigungen sind. Sozialpsychiatrie gestaltet daher gelingende Hilfe insbesondere dann, wenn fallspezifische und fallunspezifische Hilfe in ihrer jeweiligen Bedeutung anerkannt, kombiniert und unter Berücksichtigung der besonderen Lebenslagen der Nutzer*innen angewendet werden. Infolge können individuelle Unterstützungsarbeit geleistet sowie einrichtungsübergreifende und in den Sozialraum eingebettete Netzwerke etabliert werden, die fallübergreifend nutzbar sind. Mit Rückbezug auf die zuvor dargelegten Studienergebnisse gilt es in der Erbringung von Hilfe eine Pauschalbeurteilung von Menschen, die einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet werden, zu vermeiden: Nicht alle Nutzer*innen der Sozialpsychiatrie beschreiben subjektive Teilhabedefizite und nicht von allen Menschen wird Sozialpsychiatrische Schritte auf demWeg zu gelingender Hilfe 43 Veränderungsbedarf hinsichtlich der erbrachtenHilfe benannt.Wird über Reformen des sozialpsychiatrischen Hilfenetzwerkes diskutiert, so ist einzubeziehen, dass Menschen in den derzeitigen Formen auch passende Begleitung und Unterstützung erfahren. Zu beachten ist zugleich, dass langjährige Beschränkungen zu einer Gewöhnung an Teilhabedefizite führen können, sodass Änderungsbedarfe nicht formuliert werden, da sie aus subjektiver Perspektive nicht umsetzbar und unrealistisch erscheinen. Auch ein hohes Ausmaß an nachgewiesener Zufriedenheit mit dem Hilfesystem darf somit nicht mit dem Stagnieren des selbstkritischen Diskurses der Sozialpsychiatrie einhergehen. Ein wichtiger Bestandteil dieses Diskurses wird in den kommenden Jahren die Beobachtung der Auswirkungen der veränderten Leistungssystematik der Eingliederungshilfe im Zuge des BTHG sein – und zwar insbesondere hinsichtlich der Frage, ob Teilhabe durch die gesetzlichen Veränderungen tatsächlich gefördert oder im Gegenteil begrenzt wird. Die kontinuierliche Befragung der Leistungsempfänger*innen hierzu sowie eine daraus hervorgehende Positionierung vonVertreter*innen der Sozialpsychiatrie sindwesentliche Aufgaben der folgenden Jahre, die richtungsweisend für fachliche sowie politische Weiterentwicklungen sein werden. Die gesetzlichen Veränderungen gilt es zugleich aber auch als Impuls für eineÜberprüfung eigenerHilfesysteme zu begreifen, welche mitunter die Chance bergen, neue teilhabeunterstützendeWege einzuschlagen. Und so könnte man abschließend festhalten:Nach der Reform ist immer auch vor der Reform (vgl. Steinhart & Wienberg, 2017). Die Sozialpsychiatrie birgt in ihrer Grundstruktur und -ausrichtung das Potenzial, Hilfen eng verknüpft mit den Interessens- und Bedürfnislagen ihrer Nutzer*innen zu entwickeln und diese gelingend zu gestalten. Um in Zukunft noch stärker als bisher auch subjektiv zufriedenstellende Teilhabe zu ermöglichen, wird Diskursoffenheit benötigt, aus der neue Formen vonHilfen kontinuierlich abgeleitet und in ihrer Struktur als veränderbar verstanden werden sollten. Literatur Armbruster, A., Dieterich, A., Hahn, D. & Ratzke, K. (2015). Wo stehen wir heute? Resümee undAusblick. In A. Armbruster, A. Dieterich, D. Hahn& K. Ratzke (Hrsg.), 40 Jahre Psychiatrie-Enquete. 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Wenn über die Geschichte der Psychiatrie inÖsterreich gesprochenwird, müssen die Vorgänge im Nationalsozialismus und die Nachkriegsgeschichte einbezogen werden, da viele Entwicklungen nur in diesem Zusammenhang verstanden werden können. Das Konzept, Menschen mit psychischen Erkrankungen und Menschen mit Lernbeeinträchtigungen als nicht »lebenswerte Existenzen« zu qualifizieren, wirktenachEndedesKriegesnach.EsgabnachdemKriegkeinenwirklichenBruch mit den Strukturen in der Psychiatrie und keine Aufarbeitung der Vorkommnisse während des Nationalsozialismus. Das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie hat in einer umfangreichen Studie die Zustände der Psychiatrischen Klinik »Am Steinhof« bis in das Jahr 1989 beschrieben. Dieser zufolge gab es im Psychiatrischen Krankenhaus Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und Menschen, die als chronifiziert psychisch Kranke bezeichnet wurden, auf Langzeitstationen oder den sogenannten»Behindertenpavillons«, wo sie untergebracht waren, weil es an entsprechendenWohnplätzen mangelte (vgl. Mayrhofer et al., 2017). Einer der »Behindertenpavillons« war der Pavillon 15, in dem Kinder und Jugendliche unter unzumutbaren Bedingungen leben mussten. In der erwähnten Studie wird der Zustand auf Pavillon 15 folgendermaßen charakterisiert: »Pavillon 15 stellte ein umfassendes Gewaltsystem dar, das über den gesamten Untersuchungszeitraum (1945–1983/84) für die überwiegende Zahl der Kinder völlig inadäquateVersorgungs- undBetreuungsverhältnisse aufwies« (ebd., S. 14). Für denHintergrund des Vereins LOK sind die Zustände auf demPavillon 15 besonders erwähnenswert, da einige der Bewohner*innen der ersten LOK-Wohn- 47 gemeinschaft einen großen Teil ihrer Lebenszeit auf Pavillon 15 verbrachten. Sie hatten selbst die Gewalt des Systems erlebt und schilderten häufig dieMethoden, denen sie dort ausgeliefert waren (z.B. kalte Duschen, Zwangsjacken, Fixierung, Netzbetten, hochdosierte Psychopharmaka, Schläge, sexualisierte Gewalt). Die »Affäre Dr. Gross« und der Prozess gegen den Unfallchirurgen und Gründer der »Arbeitsgemeinschaft KritischeMedizin«,Werner Vogt, der Gross als Mitverantwortlichen in der Kindereuthanasie in der Klinik am Spiegelgrund identifiziert hatte, zeigt beispielhaft den Verdrängungsprozess der Gesellschaft im Umgang mit den Gräueln des Nationalsozialismus und den Zuständen in der Psychiatrie in der Nachkriegszeit. 1950 wurde Heinrich Gross wegen Totschlags zu zwei Jahren Kerker verurteilt. Im Frühjahr 1951 wurde das Verfahren eingestellt undDr.Gross nahm seinemedizinische Laufbahn zuerst in der sogenannten »Wiener Nervenheilanstalt« am Rosenhügel und dann in der Psychiatrischen Klinik »Am Steinhof« wieder auf. Er kehrte als Primar an den Ort zurück, wo er die schlimmsten Verbrechen an Menschen mit psychischen Erkrankungen und Lernbeeinträchtigungen mitzuverantworten hatte. Besonders zynisch war die Übernahme des Neurohistologischen Laboratoriums durch Gross, in dem Gehirne der Kinder vom »Spiegelgrund« für spätere »Forschung« aufbewahrt wurden. Er war Mitglied der SPÖ und im Bund Sozialistischer Akademiker*innen sowie einer der meistbeschäftigten Gerichtsgutachter. Erst 1997 wurde er wegenMordes angeklagt, es kam jedoch nie zu einer Verurteilung (vgl. Ladstätter, 2006). Bis in die 1980er Jahre wurden Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa außerhalb von Städten in eigenen »Irrenhäusern« (inWien der »Steinhof«)mehr verwahrt als psychiatrischmedizinisch behandelt. Dieser Umgang mit Menschen wurde etwa ab den 1950 und -60er Jahren in mehreren europäischen Ländern radikal hinterfragt. In England entwickelte sich (bereits) in den 1950er Jahren eine Antipsychiatrie-Bewegung, die sich radikal gegen das Konzept der traditionellen Psychiatrie richtete. In Italien war die Antipsychiatrie-Bewegung untrennbar mit dem Psychiater Franco Basaglia (1924–1980) verbunden, der der »Motor« hinter der Psychiatriereform war. Die Protagonist*innen der Antipsychiatrie-Bewegung wandten sich gegen die Vorstellung, dass man Menschen mit psychischen Erkrankungen wegen der vermeintlichen Gefahr für die Sicherheit der Gesellschaft »wegsperren« müsse. Sie wandten sich gegen die verheerenden Zustände in den Anstalten, in denen die Menschen leben mussten, gegen die jahrelange, oft lebenslange Isolie- Maria Schernthaner 48 rung, gegen die psychische und physische Gewalt und Erniedrigung, denen die Patient*innen oft ausgesetzt waren. Gleichzeitig wurden die damals üblichen Behandlungsmethoden wie nebenwirkungsreiche Psychopharmakagaben, Elektroschocks, physische Einschränkungen und »Therapien« wie die Malariatherapie oder Insulintherapie infrage gestellt. An ihre Stelle sollten sozialpsychiatrische, psychotherapeutische Behandlungen treten, die psychiatrischen Anstalten modernisiert und gemeindenaheWohnformen geschaffen werden. Auswirkungen der Antipsychiatrie-Bewegung in europäischen Ländern auf Österreich, im Speziellen aufWien Mitte der 1970er Jahre entstand in Österreich die Bewegung »Demokratische Psychiatrie«, die sich den Ideen von Franco Basaglia zugewandt fühlte. Es gab Initiativen in Wien, Graz, Linz und Hall/Tirol. Schließlich kam es zur Psychiatriereform in Wien, die sich der Gemeinde- und Sozialpsychiatrie verpflichtet fühlte. Der damalige Wiener Gesundheitsstadtrat Alois Stacher und der Psychiater Dr. Stephan Rudas starteten Reformen, die letztendlich 1979 als »Zielplan für die psychiatrische und psychosoziale Versorgung in Wien« im Wiener Gemeinderat einstimmig beschlossen wurden (vgl. Rudas, 1981, S. 132–139). Das visionäre Konzept war der Aufbau eines ambulanten psychiatrischen Versorgungsnetzes, regionalisiertmit korrespondierenden stationären Strukturen und demPlan, die stationäre Psychiatrie in denAllgemeinkrankenhäusern zu etablieren.Wien wurde in acht psychosoziale Versorgungsregionen gegliedert – mit je einer PsychosozialenAmbulanz,Wohnheimenund tagesstrukturierendenZentren pro Region (vgl. Keintzel & Eberhard, 1999). Es gab allerdings einige Menschen, die als »mehrfach behindert« eingestuft wurden und auch in den neuen Versorgungsstrukturen nicht unterkamen und somit weiterhin im Krankenhaus verblieben. Aus diesen Umständen entwickelte sich 1989 die Gründung des Vereins LOK. Geschichte der Deinstitutionalisierung inWien Unter Deinstitutionalisierung wird verstanden, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf nicht in Krankenhäusern, Heimen oder heimähnlichen Strukturen leben sollen, sondern so»normal«wie andereMenschen auch.Menschen sollten 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 49 wählen können, wie sie leben wollen und daher sollte ein entsprechendes Angebotsrepertoire vorhanden sein. InWien war die Situation fürMenschenmit Behinderung in den 1980er Jahren sehr trist. Es gab nur wenige Wohnplätze bei zwei Organisationen (Jugend amWerk und Lebenshilfe), die zu dieser Zeit für Menschen mit LernbeeinträchtigungenAngebote hatten. DieWartezeiten auf einenWohnplatz betrugen Jahre. Viele Menschen mit Behinderung verblieben mangels Alternativen im Psychiatrischen Krankenhaus. Für die Angelegenheiten vonMenschenmit Behinderung war in der Stadtverwaltung die Magistratsabteilung 12 zuständig. Am 7. April 1986 wurde die ARGE Wohnplätze, ein Zusammenschluss von Trägerorganisationen derWiener Behindertenhilfe, ins Leben gerufen. Die Gemeinderäte Hans König und Karl Lacina setzten sich für die Schaffung von 1.000 Wohnplätzen in den Jahren 1987–1996 für Menschen mit Behinderung ein. In der Urkunde (1986) über die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Wohnplätze für behinderte Menschen heißt es: »Diese Arbeitsgemeinschaft hat folgende Zielsetzung: In den Jahren 1987–1996 sollen für die in Wien wohnhaften behinderten Menschen 1000 (eintausend) zusätzliche Wohnplätze geschaffen werden. Diese Wohnplätze können in Form von Wohnungen, Wohngemeinschaften, geschützten Wohnplätzen und Wohnheimen errichtet werden. Bei der Auswahl derWohnformen ist auf gemeinwesenintegrierte Wohnmodelle Bedacht zu nehmen« (ARGEWohnplätze, 1986). DieMitgliedsorganisationen der ARGEWohnplätze trafen sich in regelmäßigen AbständenmitMitarbeiter*innen derMA12, um gemeinsam dieUmsetzung des Programms zu koordinieren. Das Programm war ursprünglich nach damaligem Sprachgebrauch für »geistig behinderte Menschen, sinnesbehinderte Menschen sowiemehrfach-behinderteMenschen«gedacht.Diemeisten neuenWohnplätze wurden aus Mitteln der Wohnbauförderung bzw. aus Mitteln der Wohnhaussanierung finanziert. Es gab jedoch auch Einrichtungen, die auf dem privaten Wohnungsmarkt angemietet wurden. In diese Zeit fiel die Gründung von weiteren privaten Trägerorganisationen, die als Mitglieder in die ARGE Wohnplätze aufgenommen wurden und im Rahmen des ARGE-Programmes Betreuung für Menschen mit Behinderung anboten (vgl. ARGE Wohnplätze, 1988). Der Verein LOK wurde 1990 als Mitglied in die ARGEWohnplätze aufgenommen. Nach Abschluss des Programms stellte sich die ARGE Wohnplätze mit Unterstützung der Stadt Wien die Aufgabe, gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen allen Menschen mit »geistiger und mehrfacher Behinderung«, die noch Maria Schernthaner 50 auf den Langzeitstationen des Psychiatrischen Krankenhauses, den sogenannten »Behindertenpavillons« lebten,mit einer speziellenFinanzierungWohnplätze in Wohngemeinschaften anzubieten. Mit der Verabschiedung des Unterbringungsgesetzes 1991 wurde klar, dass diese Personen zu Unrecht im Psychiatrischen Krankenhaus untergebracht waren. Nach Abschluss des Programms und durch den Druck des Unterbringungsgesetzes wurden alle Langzeitstationen geschlossen (vgl. Berger, 2003). Das Unterbringungsgesetz regelt seit 1991 den Vorgang, wennPatient*innen in psychiatrischenKrankenhäusern oder psychiatrischenAbteilungen von Spitälern gegen ihren Willen auf unterschiedliche Weise in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Es war nicht immer ganz klar, ob die Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen im Rahmen der Wiener Behindertenhilfe tatsächlich zu den Agenden der Behindertenhilfe gehörte. Im damals geltenden Wiener Behindertengesetz wurde diese Gruppe von Menschen nicht explizit erwähnt. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen gab es Einrichtungen wie Wohnheime des Psychosozialen Dienstes oder sie lebten in Einzelwohnungen. In den Wohnheimen des Psychosozialen Dienstes gab es ein Betreuungsangebot, das für Menschen, die ein hohes Maß an Selbständigkeit hatten, gedacht war. Dasselbe galt auch für Menschen, die in Einzelwohnungen lebten. Eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, die mehr Unterstützung benötigten, landete nach gescheiterten Wohnversuchen wieder im Psychiatrischen Krankenhaus. Viele von ihnen fanden einen Wohnplatz beim Verein LOK, da sie – trotz unklarer Zuständigkeiten – eine Bewilligung der Magistratsabteilung 12 für eineWohnbetreuung erhielten. Im Jahr 2003 erfolgte eine Strukturreform desWiener Gesundheits- und Sozialwesens. Die Agenden derMagistratsabteilung 12 gingen an den Fonds Soziales Wien. »2004 wurden die Aufgaben der MA 47 ›Pflege und Betreuung‹ sowie Teile der MA 12 ›wien sozial‹ in die neu gegründete MA 15A zusammengeführt. Aus der MA 15A und dem ›FSW alt‹ entsteht der ›FSWneu‹. Zentrale Aufgabe des FSW ist es, Angebote und Leistungen für pflege- und betreuungsbedürftige Menschen, für Menschen mit Behinderung, für wohnungslose Menschen und für Menschen, die Hilfe bei der Bewältigung ihrer Schulden benötigen, sicherzustellen, auszubauen und zu finanzieren« (Fonds SozialesWien, 2020). 2013 wurde das alte Wiener Behindertengesetz – WBHG aus dem Jahr 1986 durch das ChancengleichheitsgesetzWien abgelöst. Dies schuf Klarheit darüber, 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 51 dass Menschen mit psychischen Erkrankungen Anspruch auf Leistungen des Chancengleichheitsgesetzes haben: »§3. Menschen mit Behinderung im Sinne dieses Gesetzes sind Personen, die auf Grund nicht altersbedingter körperlicher, intellektueller oder psychischer Beeinträchtigungen oder auf Grund von Sinnesbeeinträchtigungen in ihrer Entwicklung oder in wichtigen Lebensbereichen, insbesondere bei der Berufsausbildung, der Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft dauernd wesentlich benachteiligt sind« (Bundesministerium für Digitalisierung undWirtschaftsstandort, 2020). Auch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung macht hier keinen Unterschied. In Artikel 1 der UN-Konvention ist zu lesen: »Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, psychische, intellektuelle oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen und wirksamen Teilhabe, gleichberechtigtmit anderen, an derGesellschaft hindern können« (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, 2019). Die ARGEWohnplätze wurde mit der Etablierung des Wohnprogramms aufgelassen.Diemeisten derMitgliedsorganisationen traten demDachverband Wiener Sozialeinrichtungen bei, einer Vernetzungs- und Kommunikationsplattform von Organisationen der Wiener Sozialwirtschaft aus den Bereichen Behindertenhilfe, Pflege, Wohnungslosenhilfe und Flüchtlingshilfe. Entstehungsgeschichte des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus Fast alle Gründungsmitglieder des Vereins LOK waren in der stationären Psychiatrie auf einer Akutstation des Psychiatrischen Krankenhauses (PKH) Wien tätig. Sie kamen in Kontakt mit Menschen, die nach gescheiterten Wohnversuchen wieder in der Psychiatrie aufgenommen und mit »schwierig«, »nicht betreubar«, »verhaltensgestört«, »chronifiziert« und ähnlichen Attributen beschrieben wurden. Außer dem Bett in der Psychiatrie gab es für diese Menschen keine Perspektiven. Und selbst dieses Bett war manchmal, wenn sie »nach Hause« kamen, von einer anderen Person belegt. Die gesamte Situation war für Maria Schernthaner 52 alle konfliktreich – Patient*innen, Ärzt*innen, Pflegepersonal. Eine Situation, die nur durch ein adäquates Betreuungsangebot außerhalb des stationären Rahmens gelöst werden konnte. Dieses Betreuungsangebot sollte den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden. Stabile und krisenfeste Beziehungen sollten den Menschen Sicherheit und Orientierung in einer Welt bieten, die viele einfach noch nicht kannten. Sie sollten ein Zuhause haben, das zunächst von Stabilität und Dauerhaftigkeit geprägt war und nicht ständig beim kleinsten Konflikt infrage gestellt wurde. Vielmehr sollten sie die Möglichkeit haben, an einem »normalen« Alltagsleben teilzuhaben und positive Erfahrungen damit zu machen. Im Jahr 1990 legtendieGründungsmitglieder der StadtWien einKonzept für die Betreuung vonMenschenmit psychischen Erkrankungen vor. In diesemKonzept gingen die Mitglieder des Vereins von der Annahme aus, dass jeder Mensch außerhalb eines Krankenhauses leben könne, sofern entsprechende (passende) Angebote gemacht werden. Die Strukturen sollten sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, die Unterstützung brauchen – und nicht umgekehrt. Die Stadt Wien hatte das Konzept für gut befunden und der Verein LOK wurde als Mitglied in die ARGEWohnplätze aufgenommen. Die ersten Klient*innen, für die das Konzept entwickelt wurde, waren sowohl Menschen mit sogenannten »chronifizierten«Krankheitsverläufen als auchMenschenmit»geistiger Behinderung«, die im Psychiatrischen Krankenhaus lebten. Wie bereits erwähnt, gab es abgesehen von den PSD-Wohnheimen in dieser Zeit noch keineOrganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, im Rahmen der Wiener Behindertenhilfe explizit Menschen mit psychischen ErkrankungenWohnangebote zu machen. Es wurde einMietobjekt angemietet und imDezember 1990, noch vorWeihnachten, übersiedelten acht Personen aus dem Psychiatrischen Krankenhaus in die neu errichtete Wohngemeinschaft des Vereins. Der Übersiedlung war eine einjährige Vorbereitungsphase vorausgegangen, in der bereits intensive Kontakte zwischen Klient*innen und Mitgliedern des Vereins in Form von gemeinsamen Besprechungen, Freizeitaktivitäten undWochenendausflügen stattgefunden hatten, um die Menschen nach jahrelangen bzw. jahrzehntelangen Aufenthalten in der Psychiatrie auf die neue Lebenssituation vorzubereiten. Das Betreuungsteam bestand aus ca. zehn Personen. Die Wohngemeinschaft war rund um die Uhr betreut. Von den Gründungsmitgliedern arbeiteten zu Beginn zwei Personen im Betreuungsteam mit und es bestand eine 24-stündige Rufbereitschaft der Ärzt*innen des Vereins. Die gesamte Situation war äußerst herausfordernd – für Klient*innen, Betreuer*innen und Vereinsmitglieder.Während viel positive Zustimmung von verschiedenen Seiten kam, wurden auch 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 53 Unkenrufe laut, die dem gesamten Projekt äußerst skeptisch gegenüberstanden und eine baldige Schließung nach wenigen Monaten prophezeiten. Die Skeptiker*innenwaren davon überzeugt, dassmit denKlient*innen, die derVerein LOK ausgesucht hatte, nur ein Scheitern möglich sein konnte. Die Entwicklung des Vereins LOK Der Ansatz, mit Bewohner*innen Lebensentwürfe zu planen, mit ihnen in Beziehung zu treten und sie zu begleiten und zu unterstützen, bewährte sich und führte zu einer Reihe von weiteren Wohnangeboten. 1993 wurde im 23. Wiener Gemeindebezirk eine weitere Wohngemeinschaft mit elf Personen eröffnet. 1996 kam es im Rahmen des oben angeführten Programms zur Schließung der sogenannten »Behindertenpavillons« im Otto-Wagner-Spital (damals Psychiatrisches Krankenhaus PKH der StadtWien) im 18.Wiener Gemeindebezirk zur Gründung einer Wohngemeinschaft mit acht Personen für Menschen mit Lernbeeinträchtigungen. Im Laufe der Jahre wurden einzelne Standorte aufgelassen, weil die räumlichen Strukturen nicht mehr den Bedürfnissen der Klient*innen entsprachen. Dafür wurden neue Objekte angemietet. Aus den Bedürfnissen einzelner Bewohner*innen der Wohngemeinschaften entwickelte sich die Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag. Einzelne Bewohner*innen entwickelten den Wunsch und die Fähigkeit, in eigenen Wohnungen zu wohnen und nahmen vorübergehend – oder auch über einen längeren Zeitraum – eine Betreuung an, die durchschnittlich zweimal proWoche im Umfang von zwei bis drei Stunden erfolgte. Zunächst bestand dieses Angebot nur für ehemalige Bewohner*innen von Wohngemeinschaften des Vereins LOK, doch sukzessive wurde es auch von Menschen wahrgenommen, die von »außen« kamen. Die Magistratsabteilung 12 der StadtWien, die vor der Gründung des Fonds Soziales Wien für die Vergabe von Kontingenten von Betreuungsplätzen zuständig war, hat dieses Angebot der Persönlichen Betreuung undBegleitung imAlltag als eine wirksame Form der Betreuung eingestuft und Ansuchen umKontingenterhöhung sehr großzügig behandelt. Über die Vergabe von Wohnungen durch Wiener Wohnen konnte vielen Menschen ein gutes Angebot an bezahlbarem Wohnraum mit Betreuung gemacht werden. Da die meisten Bewohner*innen die Mietverträge selbst abschließen konnten, war die Idee von »housing first« schon sehr früh im Verein LOK verankert. Das Konzept »housing first« besagt, dassMenschenmit Unterstützungsbedarf in einem ersten SchrittWohnraum zur Maria Schernthaner 54 Verfügung gestellt wird, wenn sie einen solchen brauchen. Sie haben einen bedingungslosen Anspruch aufWohnraum. Auch wieder von den Bedürfnissen unserer Klient*innen ausgehend, wurde 1995 das erste Beschäftigungsprojekt LOK Couture eröffnet. Zunächst ohne Finanzierung durch die öffentliche Hand, nur mithilfe von Spendengeldern und großem Engagement, wurde dieses »normale« Second-Hand-Geschäft eröffnet. Die laufende Finanzierung wurde nach vielen Anläufen schließlich von der Magistratsabteilung 12 übernommen. das LOKal (2005) und unverblümt LOK (2007) wurden nach dem bewährten Muster von LOK Couture gestaltet. Die Geschäfte, in denen die Klient*innen gemeinsam mit Betreuer*innen arbeiten, bieten Waren und Dienstleistungen an, die gefragt sind und gerne angenommen werden. Das Anforderungsprofil unterscheidet sich nicht von anderen Geschäften dieser Art. Zusätzlich sind die Beschäftigungsprojekte für die dort tätigen Klient*innen jedoch ein Ort, an dem sie ihre Probleme, Sorgen und Nöte nicht verheimlichen müssen, sondern ein offenes Ohr finden und auch kommen können, wenn es ihnen nicht so gut geht – oder einige Zeit ausfallen können, ohne den Arbeitsplatz zu verlieren. Das Wachstum des Vereins erforderte immer wieder eine Anpassung der Strukturen. Das Ziel des Vorstandes und der Geschäftsführung war und ist es, dass – trotz Wachstum – die ursprüngliche Haltung gegenüber den Menschen, die zu uns kommen und über längere oder kürzere Zeiträume Begleitung und Unterstützung möchten, nicht verloren geht. Dieser Anspruch erfordert immer wieder viel an Auseinandersetzung, Anstrengung und Anpassung. DerVereinLOKversucht, die StrukturendenBedürfnissen derBewohner*innen entsprechend zu verändern und an diese anzupassen. Ehemals klassische Wohngemeinschaften (eine große Wohnung mit Einzelzimmern und Gemeinschaftsräumen)wurden,wo esmöglichwar, so umgestaltet, dass die Bewohner*innen mehr Privatsphäre haben bzw. eigene Wohnungen in einem Wohnverbund nutzen können. Betreuungskonzepte wurden angeglichen. 2007 gründete sich die Klient*innenvertretung des Vereins LOK. Sie sieht sich als Interessensvertretung aller vom Verein betreuten Klient*innen. Sie unterstützt den Informations- und Erfahrungsaustausch unter den Klient*innen. Die Vertreter*innen sind Klient*innen und ehemalige Klient*innen des Vereins. Mit zunehmendemWachstum hat sich die Leitungsstruktur ebenfalls verändert. Inzwischen hat jedes Betreuungsteam in jedemBereich (Wohngemeinschaften, Betreuungsstützpunkte, Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag, Beschäftigungsprojekte) eine*n Leiter*in. Für die einzelnen Bereiche gibt es Bereichsleiter*innen, die eng mit dem Geschäftsführer zusammenarbeiten. Im 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 55 Rahmen von Gesprächen, Klausuren und Organisationsentwicklungsprozessen wird in verschiedenenKonstellationen dieHaltung, die wir unserenKlient*innen entgegenbringen, evaluiert. Das Anliegen des Vereins ist es, den Mitarbeiter*innen gute Arbeitsbedingungen anzubieten.Wenn sichMitarbeiter*innen in ihren Bedürfnissen wahrgenommen fühlen und an Entwicklungsschritten beteiligt werden, wirkt sich das immer positiv auf die Qualität der Arbeit aus. Die Arbeit der Mitarbeiter*innen wird durch Supervision, Coaching und verschiedene Besprechungsstrukturen (regelmäßige Teamsitzungen, Teamtage, Klausuren usw.) begleitet. Es gibt regelmäßige Fortbildungsangebote, die von den Mitarbeiter*innen zahlreich genutzt werden. Die Haltung des Vereins LOK lässt sich am besten in den Spannungsfeldern erkennen, die er als Grundlage für die Arbeit versteht. In einem gemeinsamen Prozessmit Klient*innen,Mitarbeiter*innen undVereinsmitgliedernwerden diese Spannungsfelder immer wieder überarbeitet und adaptiert (vgl. Verein LOK, 2011). Der Vorstand hat 2015 die Entscheidung getroffen, den Klient*innen des Vereins ein weiteres Angebot zur Verfügung zu stellen. Klient*innen haben die Möglichkeit, mit EX-IN-Mitarbeiter*innen (Peers, Genesungsbegleiter*innen) Gespräche zu führen. EX-IN, abgeleitet von»experienced involvement«, bedeutet dasHeranziehen vonErfahrungen, die aus eigener Betroffenheit hervorgehen. EX-IN-Mitarbeiter*innen haben selbst psychische Erkrankungen er- und durchlebt und eine spezielle Ausbildung absolviert. Beim Verein LOK stehen sie in einemüblichenAngestelltenverhältnis.DiesesAngebot kann von allenKlient*innen des Vereins in Anspruch genommen werden. Seit Januar2020gibt es eineOmbudsstelle imVerein.Klient*innendesVereins können sich mit ihren Anliegen vertraulich an den Mitarbeiter der Ombudsstelle (ein ehemaliger EX-IN-Mitarbeiter) wenden. Neben einem gut funktionierenden Qualitätsmanagementsystem sollen Strukturen wie die Ombudsstelle, Einbindung von EX-IN Mitarbeiter*innen und eine Klient*innenvertretung die Qualität der Arbeit garantieren. Die berechtigten Anliegen und Wünsche von Klient*innen sollen gehört werden und wirksam zu Veränderungen führen. Es war ein lang gehegter Wunsch des Vorstandes, die Arbeit des Vereins in einem Forschungsprojekt auf seine Wirksamkeit hin zu überprüfen. Der vorliegende Forschungsbericht über die Arbeit in der »Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag« zeigt die Stärken und Schwächen des Konzeptes des Vereins. Die Ergebnisse sollen in die tägliche Arbeit und die weitere Konzeptentwicklung einfließen. Maria Schernthaner 56 LOK-Daten 2020 Das Angebot des Vereins LOK wird von ca. 500Menschen in Anspruch genommen. Er beschäftigt ca. 270 Mitarbeiter*innen aus den verschiedensten psychosozialen Berufsfeldern sowie sieben EX-IN-Mitarbeiter*innen. Es gibt fünf Wohngemeinschaften, fünf intensiv betreute Betreuungsstützpunkte, drei Standorte für die Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag sowie vier Beschäftigungsprojekte. Literatur ARGE Wohnplätze. (1986). Urkunde über die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Wohnplätze für behinderte Menschen. Wien, am 7. April 1986 [unveröffentlichtes Protokoll]. ARGE Wohnplätze. (1988). Zusammenfassung einer Sitzung der ARGEWohnplätze. November 1988 [unveröffentlichtes Protokoll]. Berger, E. (2003). Ausgliederung behinderter Menschen aus psychiatrischen Institutionen. Das Wiener Deinstitutionalisierungsprojekt. Evaluationsstudie. 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Heinrich Gross ist gestorben – Das erwartete Ende eines Nachkriegsskandals. https://www.bizeps.or.at/heinrich-gross-ist-gestorben-das-erwartete-ende -eines-nachkriegsskandals/ (21.03.2020). Mayrhofer, H., Wolfgruber, G., Geiger, K., Hammerschick, W. & Reidinger, V. (Hrsg.). (2017). Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989. Stationäre Unterbringung am Steinhof und Rosenhügel.Wien: LIT-Verlag. Rudas, S. (1981). Die psychiatrische Versorgung inWien. In U. Meise, F. Hafner & H. Hinterhuber (Hrsg.), Die Versorgung psychisch Kranker in Österreich: Eine Standortbestimmung. Conference Proceedings (S. 132–139). Wien: Springer. 30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht 57 Verein LOK. (2011). Leitgedanken für die Arbeit des Vereins LOK – Leben ohne Krankenhaus. https://www.lok.at/upload/file/leitgedanke.pdf (13.04.2020). Biografische Notiz Maria Schernthaner, Dr.in, war Gründungsmitglied des Vereins LOK und von 1990 bis 2012 dessen Geschäftsführerin. Derzeit ist sie Vorstandsmitglied (Kassierin) im Verein LOK. Kontakt: maria.schernthaner@lok.at Maria Schernthaner 58 Teil II: Fachliche Diskurse Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital Alltäglichkeit, etwas tun (»doings«) undWechselseitigkeit1 Alain Topor »The action speaks louder than the words.« Keb’ Mo’ (Album Just like you) Einleitung Im vorliegenden Artikel werden Forschungsergebnisse zu Erfahrungen vonMenschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen präsentiert. Besonderer Fokus liegt hierbei auf der Erörterung der Frage, inwiefern Fachkräfte zum jeweiligen »Recovery-Prozess« beigetragen haben. Aus demBlickwinkel der traditionellen Psychiatrie betrachtet geht diesesUnterfangen mit mehreren »Unmöglichkeiten« einher: ➢ Oft heißt es, dass Menschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen im Grunde gar nicht gesunden könnten. ➢ Ihren Erfahrungen mangele es an Realitätsbezug, sodass diesen in einem wissenschaftlichen Kontext nicht vorbehaltlos vertraut werden könne. ➢ Das, was Fachkräfte zu einemGesundungsprozess beitragen können, sollte vor allem in Form von »evidenzbasierten Interventionen« geschehen und nicht etwa auf Aspekten basieren, die etwas mit den Fachkräften als Personen zu tun haben. Daher werden hier einleitend mehrere quantitative Studien vorgestellt. Diese sollen belegen, dass ein Recovery-Prozess für Menschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist. Die Ergebnisse dieser Studien deuten zudem auch auf einen mangelnden Zu- 1 Originaltitel: »The contribution of professionals to recovery. (Re)building social capital. Everydayness, doings and reciprocity«. Dieser Text wurde durch Regina Thaller und Oli- 61 sammenhang zwischen verschiedenen spezialisierten Behandlungsmethoden und Recovery-Prozessen hin. Infolge dieser Studien bestand die Herausforderung für die Forschung vor allem darin, jene Faktoren zu identifizieren, die für die Wege der Recovery tatsächlich hilfreich und ausschlaggebend sind. Das derart gewonnene Wissen forderte das nach wie vor vorherrschende biomedizinische Paradigma heraus; dies insbesondere, da es sowohl die Rolle der Betroffenen selbst als auch jene von Familienmitgliedern, Freund*innen sowie Peers besonders hervorhob. Auf einige dieser Erkenntnisse wird dieser Beitrag im Detail eingehen, bevor die Rolle der Fachkräfte in den Blick genommen wird. Dieses Wissen wiederum wird von konkreten Recovery-Erfahrungen abgeleitet. In diesem Sinne geht es also nicht darum, präskriptiv festzuschreiben, was Fachkräfte tun sollten, sondern darum, zu rekonstruieren, was Fachkräfte getan haben, um den Recovery-Prozess von Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen. Im Fokus steht hierbei das individuelle Erleben von Nutzer*innen eben dieser Angebote. Die Erfahrungen, auf die ich mich dabei beziehe, und die ich hier zusammentrage, wurden zum Großteil in einer Reihe wissenschaftlicher Studien ab dem Jahr 2000 veröffentlicht. Aus deren gezielter sekundärer Analyse treten drei konkrete Themen hervor:Alltäglichkeit, etwas tun (»doings«) sowieWechselseitigkeit. Diese werden imRahmen dieses Artikels präsentiert und mit dem Konzept des »Recovery-Kapitals« in Verbindung gesetzt. Letzteres, so werde ich argumentieren, wäre in der Lage, die zukünftige professionelle Praxis anzuleiten, indem wir den (Gesamt-)Kontext in Betracht ziehen und nicht mehr die Personen »vermessen«. Vorerst ein kurzer Exkurs zur Terminologie: Das sogenannte »Psy-Field« (vgl. Rose, 1996) ist stark ideologisch untermauert. Mit diesem Begriff fasse ich die im Feld der (extra-)muralen Psychiatrie tätigen Akteur*innen, Institutionen, Berufsgruppen sowie von diesen verwendeten Theorien usw. zusammen. Dies bedeutet immer auch, dass die Begriffe, die benutzt werden, ein bestimmtes Verständnis über das Wesen von beispielsweise psychischen Erkrankungen und deren Zusammenhang mit anderen Kernaspekten implizieren. Termini wie »Krankheit« oder »Schizophrene« spiegeln einen biomedizinischen Zugang zum Wesen der Probleme und der mit diesen Problemen befassten Menschen wider. Deshalb verwende ich in diesem Artikel Begriffe wie »Nutzer*innen« ver Koenig übersetzt sowie von Tina Obermayr endlekotriert. Um einen guten Lesefluss zu ermöglichen, wurde an einigen Stellen eine sinnentsprechende einer wortgetreuen Übersetzung vorgezogen. Alain Topor 62 oder »Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen«, um mich weitgehend vombiomedizinischenVerständnis des»Psy-Field« zudistanzieren. Jedoch muss gleichermaßen klar sein, dass auch alternativ verwendete Begriffe kaum als völlig unproblematisch betrachtet werden können. Recovery: ein unmögliches Unterfangen In den 1980er Jahren wurden mehrere langfristige Follow-up-Studien zu Personen mit der Diagnose Schizophrenie veröffentlicht. Deren Ergebnisse führten zu enormen Diskussionen im Bereich der Versorgung vonMenschen mit psychischen Erkrankungen, da sie in völligemWiderspruch zum Credo der damaligen Zeit standen. Um in der klassischen Psychiatrie dieDiagnose Schizophrenie auszusprechen, war primär der Verlauf der Erkrankung relevant, der, so wurde angenommen, mit einem Verlust aller kognitiven Fähigkeiten einherginge – ein Verlauf, der zumeist in der Demenz endete. Von Heilung war damals nicht die Rede: »Wenn sich beim Patienten alle Symptome der Dementia Praecox besserten, ging Kraepelin für gewöhnlich davon aus, dass ursprünglich eine falsche Diagnose gestellt wurde« (Harding et al., 1987).2 Eugen Bleuler, der den Begriff »Schizophrenie« prägte, schrieb: »Ich habe bislang noch keinen einzigen Schizophrenen entlassen, bei dem ich nicht noch deutliche Zeichen der Krankheit sehen konnte. In der Tat sind es nur ganz wenige, bei denen man intensiver nach diesen Zeichen suchen muss« (Bleuler, 1911, S. 210). Bleuler (1911) zufolge mangelte es Psychiater*innen, die eine vollständige Genesung von ehemaligen Patient*innen konstatierten, entweder an diagnostischemGeschick oder an ausreichendZeit, um ihre Patient*innen gründlich genug zu untersuchen (vgl. ebd., S. 209). Die Entdeckung von Recovery Interessanterweise begleiteten die oben genannten Autor*innen die Untersuchungsteilnehmer*innen im Rahmen von Langzeitstudien für mehrere Jahrzehn- 2 Sämtliche Zitate in diesem Beitrag wurden von Regina Thaller und Oliver Koenig aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 63 te – im Fall von Manfred Bleuler (Eugen Bleulers Sohn) 36 Jahre und bei Courtenay Harding über 30 Jahre lang. Harding gelangte nach der Prüfung von Daten aus einer Reihe von Studien (siehe Tabelle 1) zu folgendem Schluss: »Insgesamt wurde in diesen Studien festgestellt, dass es bei der Hälfte bis zu zwei Drittel der mehr als 20 Jahre lang untersuchten 1.300 Personen zu einer Genesung oder erheblichen Verbesserung gekommen war« (Harding, 1988, S. 479). Tabelle 1: Ergebnisse von fünf Follow-up-Studien zu Personen mit der Diagnose Schizophrenie; Quelle: Harding (1988) Anzahl der Personen vollständige Genesung in% soziale Genesung in% Besserung in% Bleuler, 1972 208 23 43 66 Harding et al., 1986 269 34 34 68 Huber et al., 1975 502 26 31 57 Tsuang et al., 1972 186 20 26 46 Ciompi & Muller, 1976 289 29 24 53 In diesen Studien waren es stets Fachkräfte, die das Ausmaß der Genesung beurteilt haben. Was in der Tabelle als vollständige Genesung bezeichnet wurde, würde nach heutiger Terminologie als »klinische Genesung« gewertet werden, das heißt, dass es in Bezug auf die Patient*innen keine weiteren Psychiatrieaufenthalte zu verzeichnen gab, grundlegende definitorische Symptome nicht mehr nachweisbar waren und sich die Patient*innen auf einem durchgehend guten Funktionsniveau bewegten. Unter »sozialer Genesung« ist zu verstehen, dass zwar noch gewisse Symptome vorhanden sein konnten, diese aber keinHindernis für ein Leben außerhalb von psychiatrischen Anstalten darstellten. Bereits 1979 veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation WHO einen ersten Bericht zu einer an neun Zentren durchgeführten Studie. Darin wurden die Ergebnisse früherer Studien noch einmal bestätigt und um einen weiteren Aspekt ergänzt:DerAnteil der Personenmit derDiagnose Schizophrenie, bei denen eineGenesung festgestellt wurde, lag in Ländernmit niedrigemEinkommen über demjenigen von Ländern mit einem hohen Einkommen. Diese Resultate wurden auch von später folgenden Studien erneut bestätigt (vgl. Harrison et al., 2001). RichardWarner (2004 [1985]) publizierte schließlich eineMetaanalyse aller im 20. Jahrhundert veröffentlichten Follow-up-Studien zu Personenmit der Diagnose Alain Topor 64 Schizophrenie (sieheTabelle 2).AuchWarners Studie zeigt auf, dass bei einemüberraschend hohen Prozentsatz von Personen mit der Diagnose Schizophrenie eine Genesung eintrat.Demgegenüberhatte dieEinführung vonNeuroleptikader ersten Generation keinenEinfluss auf dieWahrscheinlichkeit einerGenesung. Somitmüssen die Auswirkungen der »psychopharmakologischen Revolution« – ausgehend von einer Genesungsperspektive – letztlich als unbedeutend eingeschätzt werden. Tabelle 2: Soziale oder vollständige Recovery von Personen mit der Diagnose Schizophrenie im 20. Jahrhundert; Quelle: Warner (2004 [1985]) Zeitraum vollständige Genesung soziale Genesung Besserung 1901–1920 20 40 60 1921–1940 12 29 41 1941–1955 23 44 67 1956–1975 20 43 63 1976–1995 20 33 53 Kontroverse Schlussfolgerungen Diese Publikationen führten zu vielen Debatten – zum einen über den diagnostischen Prozess selbst, da auch augenscheinlich wurde, dass »Schizophrenie« in verschiedenen Perioden des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern und von verschiedenen Ärzt*innen höchst unterschiedlich definiert und diagnostiziert wurde; zum anderen auch über die Definition von »Genesung«. Allerdings ließen sich auch einige aufrüttelnde Schlussfolgerungen aus diesen Studien ziehen. Vor allem war selbst bei einer Betrachtungsperspektive von Schizophrenie als chronische »Krankheit« eine Genesung nicht nur möglich, sondern schien sogar die wahrscheinlichste aller Entwicklungen darzustellen. Zudem schien die Diagnose keine gesicherte Grundlage dafür zu darzustellen, wieMenschenmit schweren psychischenGesundheitsproblemen verstanden und bestmöglich unterstützt werden können. NachdemderAnteil derjenigenPersonen, die von einer Schizophrenie genesen sind, über den Verlauf des 20. Jahrhunderts relativ stabil geblieben ist, schien auch die Bedeutung von Fortschritten der psychiatrischen Behandlungen relativ unbedeutend zu sein, dies obwohl Psychiater*innen im Laufe dieser Zeit unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung standen (etwa Malariatherapie, Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 65 Elektrokonvulsionstherapie, Neuroleptika der ersten und zweiten Generation sowie verschiedene psychotherapeutische Methoden sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich). Diese Schlussfolgerung wurde auch durch den Vergleich der WHO zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Einkommen bekräftigt, zumal in den letztgenannten weniger psychiatrische Fachkräfte vorhanden sind, dafür jedoch ein höherer Prozentsatz an genesenen Personen vorzufinden ist. Auch wurden weitere sozial ausgerichtete Begründungen für die Resultate dieser Studien vorgelegt. So verwiesWarner (ebd.) zur Erklärung des plötzlichen Rückgangs bei den Genesungszahlen im Zeitraum zwischen 1921 und 1940 auf die Weltwirtschaftskrise und die damit einhergehende hohe Arbeitslosigkeit. In weiterer Folge wurden mehrere Hypothesen zur Erklärung des Unterschieds zwischen Ländern mit hohem und niedrigem Einkommen formuliert. Die meisten davon gehen ebenfalls auf soziale Aspekte ein, wie zum Beispiel Unterschiede bei Familienstrukturen, Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, kulturelle Einstellungen zu psychischen Gesundheitsproblemen und medizinische Vorgehensweisen mit einem kürzeren und krisenbedingten Einsatz von Psychopharmaka (vgl. z.B. Mezzina et al., 2006;Waxler, 1979). Nutzer*innen als Quelle vonWissen Die Ergebnisse der oben genannten Studien eröffneten einen neuen Forschungsbereich zumöglichenFaktoren, die denRecovery-Prozess beeinflussen. Ein großer Teil dieser»neuen«Studiennutzte einenqualitativenZugangund stützte sichdabeinichtnur aufdieSichtweisen statushöhererExpert*innenwiePsychiater*innen und Psychotherapeut*innen, sondern bezog sowohl Berichte von Betreuer*innen, Sozialarbeiter*innen als auch die Sichtweisen von Nutzer*innen selbst mit ein (vgl. Borg, 2007; Davidson & Strauss, 1992; Deegan, 1988; Topor et al., 2018b). Dies kann rückblickend als bedeutsamer Wendepunkt in der psychiatrischen Kultur betrachtet werden, da bis zu diesem Zeitpunkt die Aussagen von Nutzer*innen psychiatrischer Einrichtungen als Ausdruck ihrer Symptomatik verstanden und sie selbst nicht als Quelle desWissens betrachtet wurden. Recovery als persönlicher Prozess Die Anerkennung vonMenschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen als Quelle vonWissen entwickelte sich parallel zu einer Verschiebung in der Alain Topor 66 Bedeutung des Genesungskonzepts (Recovery): weg von einem professionellen Assessment durch Fachkräfte hin zu einer Einschätzung und Würdigung der eigenen Situation durch die Betroffenen selbst. Zur Demonstration dieser Bedeutungsverschiebung kann die Definition von Recovery von Anthony herangezogen werden, die bis heute Verwendung findet: »Recovery ist ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Veränderungsprozess der Haltung, Werte, Gefühle, Ziele, Fertigkeiten und Rollen. Es ist ein Weg, um ein befriedigendes, hoffnungsvolles und konstruktives Leben, trotz der durch die psychische Krankheit verursachten Einschränkungen, zu leben. Recovery beinhaltet die Entwicklung eines neuen Sinns und einer neuen Aufgabe im Leben, während man gleichzeitig über die katastrophalen Auswirkungen von psychischer Krankheit hinauswächst« (Anthony, 1993, S. 15). In dieser Definition wird Recovery nach wie vor aus einer individualistischen Perspektive betrachtet, die imWesentlichen auf einem inneren Prozess kognitiver Akkommodationsleistungen beruht. Ausgehend von einer solchen Perspektive erscheintRecovery zwar als Prozess, in demPersonenmitDiagnose als aktivHandelnde verstanden und positioniert werden (können), jedoch, so kann kritisch angemerkt werden, wird die zentrale Bedeutung von sozialen und kontextuellen Faktoren nicht berücksichtigt. Auch kann diese Definition durchaus als euphemisierend interpretiertwerden,wenndasFühren eines»befriedigendenLebens« mit den realen Lebensbedingungen einer Vielzahl von Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen unter den derzeitigen neoliberalen Bedingungen kontrastiert wird; »Wohlfahrtssysteme« werden zunehmend brüchig – selbst niedrige Standards werden hierbei stetig noch weiter unterwandert (vgl. Wacquant, 2009). So waren in den USA im Jahr 2012 beispielsweise 356.268 Personen mit schweren psychischen Krankheiten in Gefängnissen inhaftiert, während sich ungefähr 35.000 in staatlichen psychiatrischen Anstalten befanden (vgl. Lithwick, 2016). Nichtsdestotrotz hat ein so verstandener individualistischer Ansatz von Recovery unser Verständnis sowohl mit Blick auf die entscheidende Bedeutung der betroffenen Person als Akteur*in in Relation zu den von ihr*ihm erfahrenenHerausforderungen als auch gegenüber demWirken von professionellen Fachkräften und deren Interventionen beeinflusst – und zumindest ansatzweise auch bereits die Bedeutung von Familienmitgliedern sowie anderen imLeben der Betroffenen involvierten Personen angedeutet. Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 67 Recovery als sozialer Prozess Nachfolgend soll nun Recovery insbesondere als sozialer Prozess fassbar gemacht werden, bei dem vielfältige Beziehungen zu anderenMenschen sowie strukturelle Faktoren interdependent ineinandergreifen. Soziale Begriffsbestimmungen Das Heranziehen individualistischer Definitionen von Recovery geht mit der Gefahr einher, die etablierte Definitionsmacht des »Psy-Field« unhinterfragt zu übernehmen. Die zentrale axiomatische Festlegung besteht hierbei darin, dass die Probleme einer Person auf die Symptome einer Krankheit zurückgeführt werden – Probleme, die zumeist hirnorganisch lokalisiert werden. PsychischeGesundheit – in einem solch einseitigen Verständnis – wird daher in der Regel als somatischer Zustand verstanden. Ärzt*innen wird damit ein beinahe vollständiges Monopol für die Problemdefinition in diesem Bereich erteilt. Sowohl die Auslegung von bestimmten Verhaltensweisen und Gedanken – verstanden als bloße Symptome einer Krankheit – als auch die Verwendung eben jener Verhaltensweisen und Gedanken als Begriffe differenzialdiagnostischer Ausdrücke einer Krankheit sind hochgradig umstritten und letztlich keineswegs wissenschaftlich fundiert. Die Geschichte der Psychiatrie ist voll von Beispielen für Krankheiten, die aufgrund von Vereinbarungen zwischen verschiedenen Interessensgruppen aufgekommen und genauso wieder verschwunden sind. Das bekannteste Beispiel dafür ist sicherlich Homosexualität, die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als Krankheit diagnostiziert und auch als solche behandelt wurde. Erst aufgrund des massiven Drucks der politischen Homosexuellen- Bewegung wurde Homosexualität als Diagnose aus dem diagnostischen und statistischen Leitfaden psychischer Störungen (DSM) gestrichen (vgl. Kirk & Kutchins, 1992). Frances (2013), der die amerikanische Taskforce für die Ausarbeitung der vierten Ausgabe des DSM leitete, schrieb später, dass die Veröffentlichung des DSM IV drei »Epidemien« auslöste: Diese bezogen sich erstens auf die Diagnose von Depressionen, zweitens auf jene von neuropsychiatrischen Störungen und drittens auf die Diagnose bipolarer Störungen. Wie aber konnte ein Diagnosehandbuch Epidemien auslösen? Frances (ebd.) begründete dies damit, dass diagnostische Kriterien abgeschwächt wurden und dies wiederum aufgrund des Drucks der Pharmaindustrie erfolgte. Alain Topor 68 An dieser Stelle können auch weitere Beispiele genannt werden, um die Komponente der sozialen Konstruktion von Diagnosen zum Ausdruck zu bringen. Anzuführen sind hier vor allem: Schizophrenie (vgl. Boyle, 2002), posttraumatische Belastungsstörung (vgl. Summerfield, 2004; Young, 1995), Dromomanie (vgl. Hacking, 1998) und Depression (vgl. Horwitz & Wakefield, 2007). Eine kritische Bestandsaufnahme zur aktuellen (fünften) Ausgabe des DSM findet sich bei Greenberg (2013). Zwar mögen die hier angeführten Erläuterungen so klingen, als würden sie einer anekdotenhaften Erzählung aus einer dunklen, längst vergangenen Zeit entspringen; Realität ist jedoch, dass deren Inhalte sehr wohl auch noch in der Gegenwart relevant sind. Nach wie vor werdenMenschen entsprechend einer sozial und diskursiv konstruierten Diagnose behandelt, etwa mit Medikamenten, die aufgrund ihrer Nebenwirkungen auch konkrete Folgen für die Gesundheit dieserMenschenmit sich bringen unddadurch gleichermaßendas jeweilige Leben maßgeblich beeinflussen (können) (vgl. Moncrieff, 2009; Whitaker, 2010); Diagnosen, vorerst als Begriffe, sind damit früher oder später also unabdingbar mit konkretemHandlungsvollzug verbunden, womit nun nicht mehr nur der alleinige Konstruktionscharakter von Diagnosen, sondern auch die Performativität von Diagnose an sich in den Fokus der Auseinandersetzung rückt (vgl. Rose, 2018). Strukturelle Faktoren Eine weitere Schwäche individualistischer Definitionen besteht darin, dass sie häufig strukturelle Faktoren außer Acht lassen und den Weg zur Genesung als rein individuelles Geschehen erscheinen lassen. Dies ist in mehrfacher Weise problematisch: So kann unter einer solchen »Compliance-Perspektive« die Verantwortung für die eigene Genesung ausschließlich der betroffenen Person übertragen werden – Krisen und Rückschläge werden dann als Zeichen für mangelnde Bemühungen um die Einhaltung des jeweiligen »Recovery-Plans« gedeutet (vgl. Rose, 2014). Strukturelle Faktoren sind jedoch in doppelter Weise von Bedeutung: Sie sind sowohl bei der Entstehung dessen, was wir als psychische Gesundheitsprobleme betrachten, als auch in Bezug auf deren »Recovery« beteiligt. Gemeinsam mit verschiedenen Kolleg*innen verfasste Priebe eine Reihe von Artikeln, in denen die Autorin die Auswirkungen einer Reihe an strukturellen Faktoren auf das Phänomen der psychischen Gesundheit sowohl auf der Ebene des Individuums als auch auf der Ebene der Gesamtgesellschaft beschrieb (vgl. Priebe, 2016; Prie- Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 69 be et al., 2013). In Studien nannten Nutzer*innen psychiatrischer Dienste häufig wirtschaftliche Schwierigkeiten als größtes Problem: »Innerhalb aller Lebensbereiche war der Anteil unzufriedener Patient*innen bei ›Finanzen‹ am höchsten. Folglich wurde hier die niedrigstemittlere Zufriedenheit gemessen« (Bengtsson- Tops &Hansson, 1999, S. 261). Mehrere Interventionsstudien zum Konzept der »Unterstützten Sozialisation« (supported socialisation), in deren Rahmen Untersuchungsteilnehmer*innen in einem randomisierten Trial einer freiwilligen Person, die Bereitschaft zeigte, gemeinsammit diesenAktivitäten durchzuführen, zugeteilt wurden und dabei zusätzliches Geld erhielten, um für diese Aktivitäten zu bezahlen, zeigten, dass insbesondere die Verbesserung der finanziellen Situation vonMenschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen auch zur Verbesserung der sogenannten »Symptome« psychischer Krankheiten wie Depressionen, Angstzustände, Isolation sowie der (allgemeinen) Lebensqualität führte (vgl. Davidson et al., 2001a, 2001b; Ljungqvist et al., 2015; Read, 2010; Sheridan et al., 2015; Topor & Ljungqvist, 2017). Weitere gut untersuchte Beispiele für strukturelle Faktoren, dieAuswirkungen auf die psychische Gesundheit sowie Prävalenz für Recovery zeigen, sind die ThemenArbeitslosigkeit (vgl.Warner, 2004 [1985]), Arbeit undArbeitsbedingungen (vgl. Bond &Drake, 2014) sowieWohnmöglichkeiten (vgl. Borg et al., 2005). Soziale Beziehungen Im Jahr 2013 veröffentlichten Priebe et al. (2013) einen Leitartikel mit der Überschrift »The future of academic psychiatry may be social« (»Die Zukunft der akademischen Psychiatrie mag wohl im Sozialen liegen«) im British Journal of Psychiatry. Darin plädieren sie für einen Wechsel vom biomedizinischen hin zu einem sozialen Paradigma. Ihr Hauptargument lautete, dass selbst die größten Skeptiker*innen die Fülle an Belegen für die Bedeutung persönlicher Beziehungen für die Ursache und Heilung von Störungen zur Kenntnis nehmen müssten. Daher erfordere ein soziales Paradigma Forschungsarbeiten zur Untersuchung dessen, was zwischen Menschen passiere, und nicht darüber, was bei einer Person – völlig losgelöst vom sozialen Kontext – »falsch« laufe (vgl. ebd., S. 320). Soziale Beziehungen können sich zu und innerhalb eines breiten Spektrums von Personen in unterschiedlichen Situationen entwickeln – und zwar sowohl in organisierten als auch in spontanen Unterstützungssettings (z.B. durch Peers, in Kirchen oder anderen spirituellen Kontexten, in Kaffeehäusern oder anderen Lokalen). Auch Orte der Begegnung, die von der Nutzer*innenbewegung selbst Alain Topor 70 organisiert werden, bieten Möglichkeiten für soziale Interaktion. Im Folgenden möchte ich die Rolle von Familienmitgliedern nur kurz streifen, bevor ich auf die Bedeutung der Fachkräfte im Bereich der Versorgung und Betreuung von Menschen mit psychischen Problemen eingehe. Wie aus den oben erwähnten Studien zur»Unterstützten Sozialisation«hervorgeht, hängt die Art undWeise, wie sich soziale Beziehungen entwickeln, zum Teil auchvon strukturellenFaktorenab.Es giltmittlerweile als gesicherteErkenntnis, dass das Beziehungsgefüge, in dem eine Person aufwächst, einen wichtigen Faktor für die künftige psychische Gesundheit sowie die Fähigkeit zur Problembewältigung im Erwachsenenalter darstellt (vgl. Hesse &Main, 2000; Romme& Escher, 2010). In Hinblick auf die sozialen Beziehungen von Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen im Erwachsenenalter zeigen mehrere Studien, dass die sozialen Netze dieser Personengruppen eher schrumpfen. Dabei verändert sich neben der Quantität auch die Qualität der Beziehungen, und zwar insofern, als häufig eine spezifische Verlagerung eintritt – weg von Freund*innen und Bekannten aus dem Ausbildungs- und Arbeitsumfeld hin zu Eltern und verschiedenen Fachkräften, die einzig und allein aufgrund der psychischen Probleme Teil des sozialen Netzes der Personen werden. Dies bedeutet zugleich, dass die Anzahl der Personen, die mit der persönlichen Vorgeschichte, den Vorlieben, Interessen und Fähigkeiten der Betroffenen vertraut sind, abnimmt, während gleichzeitig die Anzahl der Personen, die die Betroffenen nur aufgrund ihrer Defizite, Schwächen und Probleme kennen, zunimmt. Diese Veränderungen beeinflussen auch die emotionale (Lebens-)Welt der betroffenen Personen, denn auch unabhängig davon, wie sich das Verhältnis zu den hinzukommenden Menschen darstellt und wie diese zu der Person und den Menschen, mit denen sie*er sich gerne umgibt, passen, Fachkräfte bleiben Personen, die für ihre Tätigkeit engagiert und bezahlt werden. Dieser Wandel im sozialen Netz der Betroffenen kann zum Aufbau und zum Erhalt von Problemen beitragen, sich auf das Selbstbild der jeweiligen Personen auswirken und dadurch den Recovery-Prozess erschweren. Mit Blick auf die Rolle der Eltern wurde auf deren ambivalente Funktion aufmerksam gemacht; einerseits können sie die Ursache für Probleme von Nutzer*innen darstellen, andererseits bilden sie jedoch häufig auch einen Schutzwall, der verhindert, dass diese gänzlich aufgegeben werden. Eine der Hauptfunktionen von Asylen und psychiatrischen Anstalten war es, Patient*innen aus ihren destruktiven Umfeldern, unter anderem der Familie, herauszuholen (vgl. Castel, 1988). Später (vgl. Bateson et al., 1956) wiesen Psychiater wie Laing und Esterson (1964) sowie Cooper (1972) im Zusammenhang des theoretischen Erklärungs- Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 71 modells des »double bind« darauf hin, dass familiäre Dynamiken häufig eine wesentliche Ursache für schwere psychische Gesundheitsprobleme darstellen. Ungeachtet ihrer qualitativen Ausprägung wird der Familiendynamik und ihrer sozialen Rolle in beiden erwähnten Fällen Bedeutung beigemessen, sowohl als Verursacher der Probleme selbst als auch als Faktor, der wesentlich zu Recovery- Prozessen beitragen kann. In beiden Momenten wird dabei der soziale Hintergrund der Probleme hervorgehoben (vgl. Hansen et al., 2019; Topor et al., 2006). Den Erfahrungen der Nutzer*innen zufolge käme auch Fachkräften in psychiatrischen und psychosozialen Feldern eine solch ambivalente Rolle zu. Dies spiegelt sich vor allem in den Erzählungen von Nutzer*innen über hilfreiche Unterstützungsbeziehungen wider, als diese selbst dann, wenn es darum geht, über hilfreiche Angebote zu berichten, eben diese positiven Erfahrungen mit weniger oder gar nicht hilfreichen Erfahrungen kontrastieren, um sich selbst wie auch den Wissenschaflter*innen dabei die Essenz jener Situationen verständlich zu machen, die sie als hilfreich beschreiben (vgl. Topor, 2012). Allgemeine Faktoren – unabhängig von der fachlichen Ausrichtung der Fachkräfte Verschiedene psychotherapeutische Schulen beschreiben die Rolle von Therapeut*innen auf unterschiedliche Weise. Bis heute gilt die Perspektive Parsons’ (1951) als einflussreich; mit seinen Analysen ebnete er den Weg für einen professionistischen Zugang zu Patient*innen. Parsons zufolge baut Professionalität auf einer klaren Rollenverteilung zwischen dem*der »verwirrten, inkompetenten und zu stark involvierten Patient*in« und dem*der neutralen, distanzierten und unparteiischen Expert*in auf, die*der über wissenschaftlich fundierte Kenntnisse über die Krankheiten der Patient*innen und deren Behandlung verfügt. Parsons verwies dabei auch auf Versuche der Patient*innen, die*den Therapeut*in »zur Erwiderung zu verführen«. Die*Der Arzt*Ärztin bzw. Therapeut*in sei jedoch dank seiner*ihrer professionellen Einstellung und den damit verbundenen, zu vertretenden Werten wie »Universalismus, funktionelle Konkretheit und affektive Neutralität« gerüstet, mit diesen Versuchungen umzugehen. Parsons’ Vorstellung eines traditionellen Bildes von »Professionalität« hatte und hat noch immer großen Einfluss imGesundheitswesen und steht in völligem Gegensatz zu den Befunden der psychotherapeutischenWirkungsforschung und Praxis. In dieser wurde die wichtige Rolle der Beziehung zwischen allen involvierten Personen bereits in den 1930er Jahren thematisiert. So schrieb Rosenzweig Alain Topor 72 etwa bereits im Jahre 1936, dass alle Formen der Psychotherapie, ungeachtet ihrer theoretischen Ausrichtung sowie der von den Therapeut*innen angewendeten Methoden, denselben Effekt zu haben schienen. Dieses (verblüffende) Phänomen bezeichnete er als den »Dodo-Vogel-Effekt«, benannt nach einer Figur aus Alice im Wunderland (vgl. Carroll, 2017 [1865], S. 25). In diesem berühmten Roman hält der sogenannte »Dodo-Vogel« ein Wettrennen mit nicht eindeutigen Regeln ab. Nachdem daraufhin alle Teilnehmer*innen in unterschiedliche Richtungen davonlaufen, beendet der Dodo das Rennen und verkündet, dass jede*r gewonnen habe und nun alle einen Preis bekommen müssten. Neuere Studien zur Erklärung des Dodo-Vogel-Effekts haben das Konzept von»nichtspezifischen« oder »allgemeinen«Faktoren und dabei die »Arbeitsoder Therapeutische Allianz« zwischen Patient*in und Therapeut*in als einen bzw. den zentralen Aspekt herausgearbeitet und gleichermaßen hervorgehoben (vgl. Duncan et al., 2010; Frank & Frank, 1991; Lambert, 2004; Wampold & Imel, 2015) (detaillierter siehe auch den Beitrag zurWirkungsforschung vonOliver Koenig in diesem Band). Von maßgeblicher Bedeutung ist zudem, eine Atmosphäre sowie ein konkretes Umfeld zu schaffen, das Nutzer*innen erlaubt, Vertrauen und Hoffnung in spezifische Veränderungen bzw. die künftige Verbesserung ihrer Situation zu erlangen. In diesem Kontext erscheinen vor allem Selbstwirksamkeitserfahrungen wichtig zu sein, die wiederum subjektiv bestätigen, dass diese Hoffnung keine Illusion darstellt. Dies führt häufig zu einer sprichwörtlichen Form des emotionalen Aufgerüttelt-Werdens, das wiederum die eigenen Selbstverfügungskräfte steigert und zu einem verbesserten Selbstbild beitragen kann (vgl. Davidson & Strauss, 1992; Davidson et al., 2006; Skatvedt, 2017). Die psychotherapeutische Wirkungsforschung zu allgemeinen Faktoren verweist zumeist noch auf ein spezifisches und eher strukturiertes Setting, das Psychotherapie von anderen psychosozialen Unterstützungskontexten abgrenzt und sich darauf bezieht, dass sich einMenschmit psychischenGesundheitsproblemen mit einem*einer Therapeut*in, der*die in einer bestimmten psychotherapeutischenMethode geschult ist, in regelmäßigenAbständen trifft. Für vieleMenschen mit schwerwiegenden psychischen Gesundheitsproblemen finden Begegnungen mit Fachkräften, die häufig über unterschiedliche oder keine Ausbildungen in den unterschiedlichen Bereichen psychosozialer »Betreuung« verfügen, zumeist außerhalb solch strukturierter Settings statt. Stattdessen ereignen sie sich häufig an ganz unterschiedlichen Orten und in vielfältigen Situationen: im eigenen Zuhause, in einer Wohneinrichtung, in Tageskliniken oder psychosozialen Ge- Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 73 sundheitszentren, in Tages- oder Beschäftigungseinrichtungen sowie häufig an vielfältigen und öffentlichen Orten des Sozialraums. In vielen Fällen kann weder die*der Nutzer*in noch die Fachkraft entscheiden, wie oft und für wie lange sich solche Begegnungen ereignen. In den meisten Fällen unterscheidet sich auch die Zielsetzung und die Erwartung an diese Begegnungen von jenen, die in einem psychotherapeutischen Setting beobachtbar sind. Dennoch berichten Nutzer*innen in einigen Studien davon, dass Fachkräfte vor allem in alltäglichen Begegnungen einen wichtigen Beitrag zu ihrem Recovery-Prozess leisten. Priebe und McCabe berichten beispielsweise: »[…] die vorhandenen Belege deuten klar darauf hin, dass dieQualität der therapeutischen Beziehung von erheblicher Bedeutung in unterschiedlichen psychiatrischen Settings und Behandlungen ist« (Priebe &McCabe, 2008, S. 522). De Leeuw et al. (2012) stellten fest, dass Allianzen, verstanden als emotionale Arbeitsbündnisse, positive Auswirkungen auf Menschen mit schweren psychischen Gesundheitsproblemen haben können. Die von ihnen beobachteten Verbesserungen betrafen Symptome, das Ausmaß der Funktionsfähigkeit, soziale Kompetenz und Lebensqualität. Nutzer*innen, die sich in einer Arbeitsallianz befinden, schätzten auch die Interventionen der Betreuungseinrichtung. Seit der Entdeckung der Möglichkeit von Recovery haben Wissenschaftler*innen die Rolle von Fachkräften in diesem Prozess untersucht, sodass nun umfassende Literatur zu diesem Thema vorliegt. In den meisten dieser Studien wurden Nutzer*innen zu hilfreichen Faktoren befragt, wobei in manchen Fällen dabei der Schwerpunkt auf den Beitrag der Fachkräfte gelenkt wurde. Individuelle Lösungen in einem sozialen Kontext Eine der Schlussfolgerungen aus diesen Studien ist, dass die Faktoren, die Menschen als hilfreich erachten, grundsätzlich immer wieder dieselben sind – dies trotz der Verschiedenartigkeit der Probleme, der unterschiedlichen Settings, in denen sich diese Unterstützung ereignet, sowie der vielfältigen Ausbildungshintergründe der unterschiedlichen begleitenden Fachkräfte. Allerdings, so ist ebenfalls augenscheinlich, beeinflussen Faktoren wie Geschlecht, sozioökonomischer Status und kultureller Hintergrund die individuellen Erwartungen und Präferenzen, die Personen an ihre Unterstützung richten (vgl. Johnstone et al., 2018). Daher sollte als »grundlegende Erkenntnis« dieser Studien niemals außer Acht gelassen werden, dass es eben keinerlei allgemeingültige Lösungen gibt. Alain Topor 74 Menschen sind – auch wenn sie dieselbe Diagnose teilen – nicht gleich. Sie unterscheiden sich nicht nur interindividuell voneinander; auch intraindividuell können Menschen in unterschiedlichen Lebensabschnitten – manchmal sogar innerhalb eines einzigen Tages – ihre jeweiligen Erwartungen und Präferenzen verändern. Dies trifft auch im Hinblick auf die jeweiligen Bedürfnisse, Wünsche, Fähigkeiten und Möglichkeiten zu, die zusätzlich nicht losgelöst von den jeweiligen Settings und konkreten Personen, denen die jeweiligen Menschen begegnen undmit denen sie interagieren, verstanden werden können. So ist es auch ein häufig zu beobachtendes Paradox, dass, selbst wenn öffentlich-rechtliche Entscheidungendie Einbeziehung vonNutzer*innen inEntscheidungsprozesse sowie in die Gestaltung der ihnen gebotenen Hilfen vorsehen, es oft vorkommt, dass einige dieser Personen froh darüber sind, wenn die Fachkräfte trotz allem über die jeweils passende Intervention entscheiden (vgl. Schön et al., 2009). Recovery-Kapital Um also die Komplexität einer Person im Lichte ihrer jeweiligen persönlichen Vorgeschichte sowie ihrer gegenwärtigen sozialen Lebensbedingungen erfassen und abbilden zu können, sind gewisse Heuristiken nötig. Das Konzept des »Recovery-Kapitals« könnte dafür eine geeignete Rahmenkonzeption darstellen. Das bereits längere Zeit in der Suchtforschung verwendete Konzept stammt vonCloudundGranfield (2008),diedarunterdenGesamtbestandanverfügbaren Ressourcen verstehen, die von einem Individuum gesammelt oder aufgebraucht werden können. Tew (2013) übertrug dieses Konzept auf das psychiatrische bzw. psychosoziale Feld und schlug dabei die Unterscheidung in fünf Arten von Recovery-Kapital vor: ➢ ökonomisches Kapital (Geld, das jemand zur Verfügung hat) ➢ soziales Kapital (Ressourcen im eigenen sozialen Netzwerk) ➢ Identitätskapital (Beziehungen zu bedeutsamen Anderen) ➢ persönliches oder mentales Kapital (Problembewältigung undMöglichkeiten der Selbstwahrnehmung) ➢ Beziehungskapital (Qualität enger Beziehungen) Wie sich das jeweilige Recovery-Kapital einer Person auswirkt, hängt dabei sowohl von dessen Quantität als auch seiner Streuung ab. Tew (ebd.) wies auch darauf hin, dass der Zugang zu verschiedenen Arten von Kapital allein nicht ausreiche, um einen Recovery-Prozess in Gang zu setzen oder diesen am Laufen zu Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 75 halten. Es benötige immer auch die individuelle Motivation der*des Betroffenen, um sich auf eine solch ungewisse und fordernde Reise zu begeben und den einmal eingeschlagenenWeg auchdurchzuhalten. ImGegensatz zu einer herkömmlichen Behandlung, die abgesehen von der Compliance ohne Zutun der Nutzer*innen funktioniert, kann ein Recovery-Prozess nicht von außen diktiert bzw. angeleitet werden; man kann jemand anderen ganz einfach nicht zur Recovery zwingen. Auch wenn viele Nutzer*innen während eines Recovery-Prozesses angeben, dass das Treffen von eigenen Entscheidungen wichtig ist, erwähnen sie doch auch die Notwendigkeit externer Hilfe. »Man braucht einen starken eigenenWillen. Dann braucht manHilfe von der Gesellschaft, aber Hilfe allein sorgt nicht dafür, dass man sich ändert.«3 Komponenten hilfreicher Beziehungen Wenn in Studien über Komponenten hilfreicher Beziehungen aus der Sicht von Nutzer*innen geschrieben wird, liest man als wesentliche Aspekte oft »gehört werden«, »sich gesehen fühlen« und »respektiert werden«. Doch selbst wenn diese Aspekte berücksichtigt und umgesetzt werden und sie bereits ein erstes Gefühl für die Qualität an Begegnungen vermitteln, so bleiben sie in Bezug auf die Kernfrage dieses Beitrags noch ziemlich abstrakt:Was tun Fachkräfte, um Erfahrungen zu ermöglichen, die Nutzer*innen in ihrem Recovery-Prozess helfen? Diesbezüglich tauchen in Studien über hilfreiche Beziehungen zu Fachkräften immer wieder die drei folgenden Komponenten auf: ➢ Wechselseitigkeit ➢ Alltäglichkeit ➢ »etwas tun« Wechselseitigkeit im Sinne der Anerkennung des anderen als »Mitmenschen« erwächst vor allem aus und durch konkrete/n Handlung/en, die Fachkräfte entweder gemeinsam mit den oder für die Nutzer*innen unternehmen. Diese Handlungen können nur schwer vorweggenommen werden, da sie zumeist unmittelbar auf Probleme reagieren bzw. antworten, die imAlltag derNutzer*innen auftreten. Erfahrungen, die Menschen in solch ko-kreativen Formen der Zusam- 3 Falls nicht anders angegeben, stammen die im Folgenden (sprachlich geglätteten) angeführten Zitate von Nutzer*innen und Fachkräften aus Topor et al. (2018b). Alain Topor 76 menarbeit gewinnen, können sowohl zuVeränderungen in denLebensumständen als auch im jeweiligen Selbstbild der Nutzer*innen beitragen. Auswirkungen von Recovery-Kapital auf die Praxis Fachkräfte nutzen das Konzept des Recovery-Kapitals für gewöhnlich nicht explizit, professionellesHandeln kann aber häufig als dessen intuitive und spontane Anwendung ausgelegt werden. So werden Fachkräfte ihre jeweilige Arbeits- und Herangehensweise an die Individualität der Personen anpassen; beispielsweise, wenn sie mit Nutzer*innen arbeiten, die schon früher Erfahrungen mit vertrauensvollen Beziehungen gemacht und dadurch ein positives Selbstbild erworben haben (als Beispiel für das Vorhandensein von Identitäts- undpersönlichemKapital).Dies umsomehr,wenn im Zusammenhang damit auch Zugang zu einem unterstützenden und reichhaltigen sozialen Netzwerk vorhanden ist (soziales Kapital), auf dessen Ressourcen Nutzer*innen in ihremRecovery-Prozess zurückgreifen können (imKontrast zur ArbeitmitNutzer*innen, denen es an solchen Erfahrungen undRessourcenmangelt). Im ersten Fall wäre die Arbeit einer Fachkraft vermutlich darauf ausgerichtet, mit den Nutzer*innen gemeinsam wieder Anschlussmöglichkeiten an das soziale Netzwerk zu finden. In denWorten einer Fachkraft: »Oft nehmen wir eine gewisse Diskrepanz wahr, zwischen der Situation in der Vergangenheit und dem, wie es heute ist. ›Aber das hat doch früher funktioniert‹, heißt es dann, und das kann Unbehagen schaffen: ›Ich möchte nicht, dass es so bleibt!‹ Damit können wir dann arbeiten und versuchen, der Person zu helfen.« Im gegensätzlichen Fall müsste die Arbeit der Fachkraft beispielsweise viel früher ansetzen und versuchen, Recovery-Kapital (wieder-)aufzubauen. In den folgenden Darstellungen liegt der Fokus auf eben dieser zweiterwähnten (Personen-)Gruppe. »Etwas tun« und Identitätskapital Wie Fachkräfte berichten, ist es, um Menschen mit langjährigen Erfahrungen mit tiefer Unsicherheit, Missbrauch und Vertrauensbrüchen dabei zu unterstüt- Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 77 zen, (wieder) Selbstvertrauen zu entwickeln, eine grundlegende Voraussetzung, zunächst einmal selbst das Vertrauen der Nutzer*innen zu gewinnen. Dieses Vertrauen bildet das Fundament für das Entstehen einer wechselseitigen Beziehung. Bemühungen, in die Qualität des etwas tun« zu kommen, scheinen die Fachkräfte selbst tief in ihrer Aufrichtigkeit, Glaubwürdigkeit und Rechenschaftspflicht denNutzer*innen gegenüber auf die Probe zu stellen. So sind es inweiterer Folge dann wiederum genau jene Elemente der in konkreten und spürbaren Veränderungen resultierenden Unternehmungen eines »etwas tun«, die wiederum die Grundlage für ein weiteres wesentliches Element des Recovery-Prozesses schaffen, nämlich Vertrauen. Gerade in der anfänglichen Phase des Zustandekommens einer professionellen zwischenmenschlichen Beziehung ist es daher von grundlegender Bedeutung, dass die Fachkräfte als einschätzbar wahrgenommen werden; diese also keine leeren Versprechungen machen; sie ihrenWorten Taten folgen lassen und damit als vertrauenswürdig anerkannt werden können. »Um Vertrauen aufzubauen, ist es wichtig, dass man berechenbar agiert. Wir tun, was wir versprechen. Wir stellen sicher, dass die Dinge, die angefangen wurden, auchweitergehen und vor allem zeigenwirNeugier und Interesse an denNutzer*innen.Wir urteilen nicht über sie, auch wenn das nicht immer einfach ist. Sie müssen das Gefühl haben, dass wir sie sehen und respektieren.« Um das Vertrauen von Menschen zu gewinnen, deren Selbstbild durch Diskriminierung und Stigmatisierung erschüttert wurde, gilt es paradoxe Herausforderungen zu meistern. Erstens: Um jemandem dabei zu helfen, sich zu verändern, ist es wichtig sie*ihn zuerst einmal genau so zu akzeptieren, wie sie*er ist. Jemandem das Gefühl zu geben, gesehen und gehört zu werden, beginnt in der Praxis häufig damit, die Wünsche und Träume der Nutzer*innen als zentralen Ausgangspunkt zu nehmen. »Wenn sie erkennen, dass niemand hier ihr Verhalten korrigieren möchte, dann beginnen sich die Beziehungen oft zu entspannen. Das ist der Zeitpunkt, an dem etwas ins Rollen kommen kann, wenn etwas beginnt, in die richtige Richtung zu laufen.« Zweitens: Um eine Person mit Psychiatrieerfahrungen so zu akzeptieren, wie sie ist, kann es notwendig sein, ihr Bild von sich selbst, als eines, welches durch Diagnose beherrscht oder sogar darauf reduziert wird, herauszufordern. Dies kann in ganz Alain Topor 78 trivialen und alltäglichen Situationen geschehen, die imRahmen eines klinischen Settings vielleicht nicht einmal bemerkt werden würden. Das folgende Beispiel stammt von einem Sozialarbeiter, der Personenmit Suchterkrankung und psychiatrischer Diagnose in ihrer eigenenWohnung besucht und sie auch dort betreut: »Ich klopfe an und grüße, wenn die Tür geöffnet wird. Das ist wichtig. Ich besuche diesen Menschen ja bei sich zu Hause. Einige sagen dann zu mir, ich bräuchte mir nicht die Schuhe auszuziehen. Darauf antworte ich, dass sie sich ja auch die Schuhe ausziehen würden, wenn sie zu mir nach Hause kämen. Einige Leute sind doch recht stark vom Leben in Anstalten geprägt. Auf jeden Fall sage ich Hallo, ziehe meine Schuhe aus und dann setzen wir uns in der Küche hin und beginnen zu plaudern. Diese kleinen Dinge sind wichtig. Darauf bauen Beziehungen auf.« Wennman in Schweden jemanden zuHause besucht, ist es allgemein üblich, sich die Schuhe auszuziehen. Durch das Ausziehen seiner Schuhe bringt der*die Betreuer*in zum Ausdruck, dass es sich um eine Beziehung unter Gleichen handelt. Dies wird auch durch die Bemerkung über das von ihm erwartete Verhalten bei einem Besuch bei sich zu Hause unterstrichen und bekräftigt. Ein drittes Paradox betrifft die Art und Weise, wie sich das Selbstbild von Menschen entwickelt. Um sich selbst vertrauen zu können, scheint man zuerst jemand anderem vertrauen zu müssen. Um als Fachkraft Vertrauen zu gewinnen, ist es zunächst notwendig, sich als vertrauenswürdig zu erweisen. Das Gefühl, sich auf jemanden verlassen zu können, eine Person akzeptieren und respektieren zu können, erwächst in diesem Kontext oftmals dadurch, dass transparent nachvollzogen werden kann, dass das Agieren der Fachkräfte sowie die Ratschläge, die von ihnen gemacht werden, grundsätzlich von denWünschen, Träumen und Vorlieben der Nutzer*innen ausgehen und sich daran orientieren. Auch wenn das, was gesagt wird, bei diesem Prozess nicht vernachlässigt werden darf, muss das, was ich sage, mit dem, was ich tue, in Einklang stehen, selbst wenn das manchmal vielleicht bedingt, dass die Fachkräfte bei Konflikten mit fachlichen Institutionen und/oder Regeln für dieNutzer*innen eintretenmüssen. Eine Nutzerin erzählt: »Ich habe mich zuvor noch nie um eine Therapie bemüht. Ich hatte gehört, dass man eingesperrt und schlecht behandelt wird. Man muss viele Papiere unterschreiben und sich an viele Regeln halten.Wennman diese bricht […]Als ich hierherkam, war ich mit den Mitarbeiter*innen sehr ehrlich und das wurde akzeptiert. Ich erhielt einige Vorrechte und musste nie alle Regeln befolgen. Ich hatte das Gefühl, Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 79 dass ich bei gewissen Fortschritten weitermachen darf. Das war mir sehr wichtig. Hier gewann ich das Vertrauen, das mir meine Eltern nie entgegengebracht haben. Sie vertrauten mir, dass ich alleine einkaufen gehen kann und sie trauten mir dann mehr zu, weil ich den vorherigen Schritt geschafft hatte. Das wurde zu einem Teil von mir. Lange nachdem ich gegangen war, kam ich wieder hierher zurück. Sie gabenmir das Gefühl, dass ich ihnenwichtig bin: Ich glaube, das war wirklich wichtig.« Ein viertes Paradox besteht in der Wichtigkeit von alltäglichen, kleinen, praktischen Handlungen. Normalerweise denken wir bei Maßnahmen im Bereich der psychischen Gesundheit an Medikamente und an verschiedene Formen von Gesprächstherapie. Nutzer*innen erwähnen zwar auch Ereignisse, die mit ihrer Medikation oder Psychotherapie zusammenhängen, berichten aber vorwiegend über Situationen außerhalb dieser Interventionen. Selbst wenn sie über hilfreiche Psychiater*innen und Psychotherapeut*innen berichten, wird dies meist in den Kontext von alltäglichenVerrichtungen gestellt. »Etwas tun«könnenFachkräfte in unterschiedlichen Funktionen und zwar in unterschiedlichen sozialen Betreuungs- oder psychiatrischen Gesundheitseinrichtungen. Diese Handlungen, die oft als »etwas oben drauf« umschrieben werden, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht zwangsläufig zu den formalen Verpflichtungen der Fachkräfte zählen (vgl. Borg & Kristiansen, 2004; Topor, 2012;Ware et al., 2004). So entsteht die Erfahrung, dass einer*m vertrautwird, oft aus sehr praktischen Handlungen heraus, bei denen sich Fachkräfte zumWohle derNutzer*innen über die Regeln ihrer eigenen Einrichtung hinweggesetzt bzw. zusätzlich zu ihren üblichen Verpflichtungen »etwas oben drauf« getan haben. Ein solches »Weiter- Gehen« (»going beyond«) stellt somit häufig die Grundlage jener Erfahrungen dar, die Nutzer*innen machen müssen, um das Gefühl zu entwickeln, für jemand anderen von Bedeutung zu sein, um dies in einem zweiten Schritt auch auf sich selbst anwenden zu können. Persönliches Kapital, verstanden als die Art und Weise, sich selbst zu sehen, scheint also vordergründig durch Identitätskapital – und zwar in Form von Beziehungen zu wichtigen Anderen – aufgebaut zu werden. »Etwas tun« und ökonomisches Kapital Positive Beziehungserfahrungen mit bedeutsamen Anderen allein sind jedoch zu wenig, wenn die materielle Basis für das alltägliche Leben fehlt. Viele Fachkräf- Alain Topor 80 te sind sich darüber bewusst, dass die bürokratische Arbeitsaufteilung zwischen verschiedenen Stellen, die auf einzelne Aspekte im Leben der Nutzer*innen spezialisiert sind, einem integrierten und ganzheitlichen Ansatz entgegensteht. Dies brachte eine Fachkraft wie folgt zum Ausdruck: »Immer wieder kommt es zu Situationen, wo man zum Sprachrohr der Nutzer*innen werdenmuss. Niedriges Selbstvertrauen ist weit verbreitet und so ist es wichtig, dass sich Nutzer*innen trauen, mir zu vertrauen. Viele haben häufig erlebt, wie ihr Vertrauenmissbrauchtwurde. Vertrauen entsteht dadurch, dassman da ist, sichZeit nimmt, zuhört und darauf achtet, dass Dinge möglichst geregelt ablaufen.« Die Präsenz von Fachkräften bei Behörden und anderen öffentlichen Stellen der Verwaltung, wo über Aspekte des Lebens der Nutzer*innen – und manchmal über deren Kopf hinweg – gesprochen wird, und wo sie wahrnehmbar als deren Fürsprecher*innen agieren, stellt einen konkreten Akt der Solidarität dar, der früheren Erfahrungen von Vertrauensmissbrauch entgegenwirken kann. In dem vorherigen Zitat wird auch auf eines der Hauptprobleme eingegangen, das es Fachkräften erschwert, ihren Nutzer*innen zu helfen: der Mangel an Zeit (vgl. Topor &Denhov, 2012). Immer wieder die Rolle eines »Sprachrohrs« zu übernehmen, bedeutet auch, sich um die Erfüllung der Grundbedürfnisse der Nutzer*innen zu kümmern: »Notwendige Voraussetzungen sind angemessene Wohnverhältnisse und eine akzeptable finanzielle Lage. Vielen unserer Nutzer*innen müssen wir bei diversen Behörden und damit verbundenen praktischen Fragen beistehen, gerade weil ihre Situation oft so chaotisch ist. Es ist schwierig, die anstehenden psychischen Probleme zu thematisieren, bevor nicht eine grundlegende Stabilisierung ihrer Lebensverhältnisse eingetreten ist – imMindestmaß, dass sie einDach über demKopf und ein Essen auf dem Tisch haben.« In diesem Zitat verweist die Fachkraft explizit auf die Bedeutung von ökonomischem Kapital als Grundvoraussetzung, um weitere Schritte in einem Recovery- Prozess zu setzen. Dies wird auch von Nutzer*innen betont, so auch in den folgenden Zitaten: »Er hat mir geholfen, meine Schulden unglaublich schnell loszuwerden. Ich hatte einen Kredit bei der Bank. […] Und plötzlich kommt Chris und sagt: ›Du bist schuldenfrei.‹« Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 81 »Ohne sie wäre alles auf jeden Fall viel schwerer gewesen. […]. Ich hätte wahrscheinlich meineWohnung verloren, während ich imGefängnis war. SechsMonate sind das längste, wo die Wohnungskosten weitergetragen werden, und ich wurde zu sieben Monaten verurteilt. Die Angst, deine Wohnung zu verlieren, nimmt dir deine gesamte Sicherheit. Wir gingen also zu denen ins Büro und sie ließ nicht locker […]« (Lindvig et al., 2019). Auch hier wird deutlich, wie persönliches Kapital in Beziehungen zu anderen, die sich über ihre formalen Pflichten hinaus engagieren, aufgebaut sowie durch Erfahrungen, welche die Beeinflussbarkeit des eigenen Lebens und der eigenen Lebensbedingungen aufzeigen, gefestigt wird. In diesen Situationen könnten Fachkräfte zu einem entscheidenden Bestandteil des sozialenNetzwerkes derNutzer*innenwerden – und zwar sowohl als enge Bezugspersonen (Beziehungskapital), die helfen, solche Erfahrungen zu überstehen, als auch als soziale Ressource (soziales Kapital), die dabei behilflich ist, die vielen unterschiedlichen Unterstützungsnotwendigkeiten für den Recovery- Prozess miteinander zu verknüpfen. Aus diesem Blickwinkel erweist sich die Befürchtung, dass in professionellen Beziehungen Abhängigkeiten entstehen, als weiteres Paradox, da Abhängigkeiten ein nötiger Schritt hin zu stärkerer Unabhängigkeit vonprofessionellenStellen seinkönnenbzw. sichneueAbhängigkeiten in einem weiteren sozialen Netz entwickeln. Letzteres verweist wiederum auf die unauflösbare Interdependenzmenschlicher Beziehungen imAllgemeinen (Beziehungskapital). Problematisch wird die oben beschriebene Situation hinsichtlich des professionellenRollenverständnisses erst dann,wenndieFachkraft einseitig alsExpert*in agiert und versucht, die Situation zumWohle derNutzer*innenneutral und einseitig– imSinnedes»Tragens einer objektivenBrille«zubeurteilen.DerKontrast zu einem tief verankerten und als Ideal skizzierten traditionellen Rollenverständnis wird sogar noch stärker, wenn die wiederkehrenden Aussagen von Nutzer*innen und Fachkräften betrachtet werden, wonach diesen das persönliche Engagement für eine bestimmte Person auch auf persönlicher Ebene etwas zurückgab. Ein solches Verständnis vonWechselseitigkeit erfordert nicht nur, der Person desNutzers bzw. derNutzerin alsMensch zu begegnen, sondern dieAnerkennung der Tatsache, dass auch in rollenförmig-asymmetrischen BeziehungenMenschen einander etwas (zurück-)geben können: »Wenn Menschen spüren, dass sie etwas beitragen können, dass sie anderen, der Gemeinschaft etwas geben können, dass sie gebraucht werden – auch wenn das Alain Topor 82 ›nur‹ bedeutet, Teller abzuwaschen oder, wenn sie Hunde mögen, in einem Tageszentrum für Hunde auszuhelfen –, schlichtweg die Erfahrung machen zu können, etwas geben zu können.« Ein Aspekt von Recovery, der hier zum Ausdruck kommt, bezieht sich darauf, sich nicht mehr einseitig von anderen abhängig zu fühlen, sondern sich auch selbst in der Lage zu fühlen, anderen etwas zu geben – insbesondere denjenigen, die in schwierigen Zeiten tatkräftig beigestanden haben (vgl. Offer, 2012). Zwei Arten von »etwas tun« Aus Forschungsarbeiten zu hilfreichen Fachkräften können zwei Arten von »etwas tun« unterschieden werden. Die erste Art wird hier auf »Mikro-Affirmationen« oder »kleine Dinge« (»small things«) bezogen und die zweite als »Ausdehnung von Praxis« (»widening practice«) bezeichnet. In vielen Interviews werden sie oft als »kleine Extras« beschrieben. Mikro-Affirmationen In Studien zumarginalisiertenGruppen haben einige Forscher*innen das Phänomen von Mikro-Aggressionen herausgearbeitet. Darunter werden kleine Gesten und Äußerungen verstanden, aber auch präsentische Merkmale wie Mitschweigen oder Blicke, die beinahe unsichtbar vermitteln, dass jemand als minderwertig betrachtet wird (vgl. Sue, 2010). Als Gegenstück dazu definierte Rowe (2008, S. 46) Mikro-Affirmationen als »anscheinend kleine Handlungen, die oft kurze und nur schwer wahrnehmbare, öffentliche oder private Vorkommnisse sind, die oft unbewusst, aber sehr wirkungsvoll sind und überall dort auftreten, wo Menschen anderen zum Erfolg verhelfen wollen.« Mikro-Affirmationen werden als spontane, aufrichtige Handlungen, Worte oder Gesten erfahren, die Gefühle von Verbundenheit und Zugehörigkeit vermitteln. Sie werden nach ihrer »Größe« als klein (=Mikro) definiert, da sie sich zumeist zwischen zwei Personen abspielen und von anderen – außerhalb dieser »Arbeitsallianz« – gar nicht sinnlich als solche erkannt werden können (vgl. Topor et al., Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 83 2018a). Die Beurteilung ihrer »Größe« als Mikro hängt auch damit zusammen, was für gewöhnlich als formell anerkannte Behandlungsintervention akzeptiert ist. Paradoxerweise könnenMikro-Affirmationen für die Empfänger*innen dieser Signale von großerBedeutung sein. Selbstwenn es ihnen an»formell deklariertem therapeutischemWert« (Skatvedt, 2017, S. 5) fehlt, könnten sie einen wichtigen Beitrag zu Recovery-Prozessen leisten. Ein*e Nutzer*in drückte das so aus: »Ich hatte alle meine Beziehungen abgebrochen, als ich hierherkam. Jemand legte seineHand aufmeine Schulter und fragte:Wie geht es dir heute?Da fühlst du, dass du ruhig werden kannst. Da ist eine menschliche Beziehung« (ebd., S. 38). Manchmal wird die Bedeutung solcher Mikro-Affirmationen auch mit der konzeptionellen Ausrichtung einer Organisation in Verbindung gebracht: »Nach einer Weile sagen die Nutzer*innen eventuell, dass sie hier respektvoll behandelt werden und wir etwas für sie tun. Es ist wichtig, wie wir sie behandeln, dass wir sie begrüßen und ihnen Kaffee anbieten. Wir achten darauf, eine nette Atmosphäre zu schaffen. Vieles in unserer Beziehung stützt sich auf Kaffeepausen.« Die Diskrepanz zwischen den enormen Problemen, vor denen Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig stehen, und der scheinbaren Kleinheit dieser beschriebenen Handlungen erscheint auf den ersten Blick groß und verleitet vermutlich dazu, die Frage zu stellen, inwiefern derart »banale«Handlungen einen Beitrag zuRecovery-Prozessen leisten können.Doch sind es geradeNutzer*innen, die in der Nacherzählung hilfreicher Erfahrungen sehr häufig auf genau solche Aspekte verweisen, wie weiter oben in der Beschreibung des vierten Paradoxes bereits angeführt wurde. Auf die Frage danach, was einemMann, bei dem vor 20 Jahren Schizophrenie diagnostiziert wurde, bei seiner Recovery-Reise geholfen habe, erwähnte dieser die entscheidende Rolle seiner Mutter, die ihm immer zur Seite gestanden habe (vgl. Topor, 2012). Als er ausdrücklich danach gefragt wurde, ob es eine Fachkraft gab, die ihm geholfen habe, nannte er eine Frau, die er als »nett und freundlich« beschrieb. Er erinnerte sich zwar an ihren Namen, wusste aber nicht mehr genau, welche Funktion sie bei welcherOrganisation eingenommen hatte. Auf die Frage, was sie denn Nettes und Freundliches getan habe, antwortete er: »Nachdem ich einen Monat lang gearbeitet habe, schenkte sie mir eine Rose. Ich habe sie getrocknet und sie zu Hause aufgehoben. Kleine Dinge wie diese. […] Sie Alain Topor 84 ruft mich an und fragt mich, wie es mir geht. Sie ruft meine Mutter an und erzählt ihr, wie es mir in der Arbeit geht. Dadurch hat sich meine Mutter viel besser gefühlt« (ebd., S. 305). DerartigeMikro-Affirmationen gehen eindeutig über die Pflichten der Fachkräfte hinaus und könnten durch die Regulatorien mancher Organisationen sogar verboten sein, da sie Zeichen einer emotionalen Bindung zwischen Fachkräften und bestimmten Nutzer*innen darstellen. Mit hoherWahrscheinlichkeit hat diese Fachkraft nicht allen Personen, die sie unterstützt hat, Rosen geschenkt. Interessanterweise bezeichnete der Erzähler der Geschichte jene Aktionen, die er auf die Frage nach hilfreichen Handlungen als Beispiele wiedergab, selbst als »kleine Dinge« – ein Geschenk, eine Rose, die er getrocknet und als Erinnerung zu Hause aufgehoben hat. Solche kleinen Dinge könnten ein »geheimes Band« zwischen den koagierenden Personen schaffen und so Recovery-Prozesse unterstützen oder sogar verstärken. Kleine Dinge sind also als emotional besetzte Formen des Ausdrucks von Wechselseitigkeit und persönlicher Bindung zu verstehen.Das Schaffen und Pflegen eines solch geheimenBandes zwischen einer Fachkraft und einer*mNutzer*in in der Form vonMikro-Affirmationen kann auch, gerade dann, wenn emotionale Bindungen explizit untersagt sind, eine Form des bewussten Stellung-Beziehens von einer Fachkraft als Anerkennung der »Menschlichkeit« eines Gegenübers (vgl. Grim et al., 2019, S. 9), voneinander als »Mitmenschen« (vgl. Bjornestad et al., 2018) bzw. als Ausdruck unseres »gemeinsamenMenschseins« (vgl. Sandhu et al., 2015) oder von »Menschlichkeit« (vgl. Shattell et al., 2007) verstanden werden. Wie angedeutet, wird dies von vielen Studien als bedeutsam für Recovery-Prozesse identifiziert. Mikro-Affirmationen stellen für sich genommen in der FormderVermittlung von Anteilnahme der Fachkräfte bereits eine Form der Ausdehnung professioneller Rollen dar. Während nach außen die Grenzen der sozialen Rollen gewahrt bleiben, übersteigt die Mikro-Affirmation im Akt der Geste selbst institutionell verwurzelte, professionistische Rollenbilder und Regelwerke. Ausdehnung von Praxis Diehier alsAusdehnungder Praxis bezeichnetenFormen»etwas zu tun«verweisen auf zwei weitere Aspekte des Ausweitens professionalistischer Vorstellungen: Ausdehnung der Praxis hat noch viel öfter mit expliziten Verstößen oder Formen Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 85 desÜbertretens von institutionellen Regeln undRollenbildern zu tun (in einigen Studien werden solche »Überschreitungen« auch als »going beyond« beschrieben (so z.B. bei Borg & Kristiansen, 2004; Laugharne et al., 2012; Topor, 2012; Topor & Denhov, 2015; Ware et al., 2007). Diese »Verstöße« richten sich häufig gegen räumliche und zeitliche Beschränkungen traditioneller Praxis und sind damit auch sowohl sichtbarer als auch leichter zu verbieten. Begriffe wie »Nutzer*innenpartizipation«, »personenzentrierte Dienstleistungen« und damit assoziierte Praktiken und Methoden laufen Gefahr, wohlmeinende Schlagworte in Qualitätshandbüchern, über-formalisierte Routinen undProzeduren zu bleiben (vgl.Matscheck et al., 2019).Deshalb ist es interessant zu sehen, wie sich diese Begriffe in der täglichen Betreuungspraxis in unterschiedlichen Kontexten niederschlagen. Smythe et al. (2018) betonen die Bedeutung lokaler Kulturen beim Aufbau hilfreicher professioneller Beziehungen. Kulturelle Unterschiede gibt es beispielweise in Neuseeland; einerseits zwischen dem gesamten Land und anderen Staaten, andererseits zwischen den örtlichen Kulturen auf den unterschiedlichen Inseln. So beschreiben die Autor*innen den Fall einer psychosozialen Betreuerin, die mit einem jungen Mädchen und ihrer Familie zusammengearbeitet hat. Nachdem sie die Situation des jungen Mädchens zunächst augenscheinlich verbesserte, wurde die Zusammenarbeit beendet. Einige Zeit später wandte sich die Mutter wieder an die Betreuerin, weil ihre Tochter Selbstmord begangen hatte. DieMutter sagte, sie braucheHilfe, und bat die Betreuerin, ihr und ihrer anderen Tochter auf eine abgelegene Insel zu folgen, um einen Grabstein für ihre verstorbene Tochter abzuholen – etwas, was sie sich allein nicht zutraute. Auf dieser Insel lebte auch die Familie der Betreuerin, zu der diese schon jahrelang keinen Kontakt mehr hatte. Ihr*e Vorgesetzte*r stand der Idee ablehnend gegenüber und entschied, dass sie für diese Reise nicht nur keine Bezahlung erhalten würde, sondern sich auch noch Urlaub dafür nehmen müsse. Und so reisten sie. Während des Gesprächs erzählte die Betreuerin, dass die Mutter und ihre Tochter »wirklich glücklich waren, da sie das Gefühl hatten, dass sie tatsächlich etwas zurückgeben« konnten, da die Betreuerin dadurch wieder Kontakt zu ihrer eigenen Familie aufnehmen konnte. Die Betreuerin brachte diese Reise auch mit der Verbesserung der psychischenGesundheit derMutter – in Anbetracht einer hochgradig traumatischen Situation – in Verbindung: »Ohne diese Zeit und Unterstützung, so glaube ich, hätte sie vermutlich in eine stationäre Psychiatrie aufgenommen werden müssen« (ebd., S. 292). In einem – wie man annehmen könnte – ganz anderen Kontext berichtet Skatvedt (2017, S. 405) über ein weiteres Beispiel aus ihren ethnografischen Alain Topor 86 Forschungsarbeiten über Personen mit Suchterkrankungen und psychiatrischen Diagnosen in Norwegen: »Andreas erzählte mir von einem Angelausflug mit einem Mitarbeiter nahe bei ihm zu Hause: Er wollte mit mir angeln gehen! An seinem freien Tag! Er kam mit zumir nachHause und so wie er da war […] ich lud ihn zuHotdogs undKaffee und sowas ein und er kam mit rein, es war … so … Es war so okay! [lacht] … Er machte nicht so ein strenges Gesicht … so wie … ›Hier ist einMitarbeiter‹ … weißt du … er war einfach … ›Hey, essen wir bald, oder was?!‹« Skatvedtmerkt dazu an: »Die Teilnahme vonMitarbeiter*innen an etwas, ›ohne dass sie das müssen‹, ist an sich ein kraftvolles Zeichen vonAuthentizität« (ebd., S. 405f.). Die vorangegangenen Erzählungen veranschaulichen kraftvolle Symbole der Identifikation, die in alltäglichen Interaktionen – oft wortlos – vorkommen, aber sie handeln nicht von entleertem Tun. Die Situationen senden die authentische Botschaft, ein Jemand – ein Subjekt – zu sein, das mit einem anderen Subjekt – ungeachtet von Status- undMachtunterschieden – in Beziehung tritt. DieAusdehnung der zeitlichen und räumlichenGrenzenmuss dabei gar nicht exorbitant sein; meist steht diese in Zusammenhang mit Alltagsroutinen und deren Praxen, wie eine ehemalige Nutzerin erzählt: »Ich wurde auf eine Station geschickt und dann kam der Arzt. Er setzte sich zu mir in den Aufenthaltsraum für die Patient*innen und hörte mir zwei Stunden lang zu. […] Das war genau das, was ich gebraucht habe« (Topor, 2012). Sich als Arzt oder Ärztin zwei Stunden lang mit einem*einer Patient*in in den Aufenthaltsraum zu setzen und der Person zuzuhören, bricht mit der Alltagsroutine und den etablierten Praxen der Station – sowohl zeitlich als auch räumlich. Dieser Tatsache ist sich die Nutzerin in ihrer Erzählung auch voll bewusst, um zu konkretisieren, dass dies »genau das war«, was sie brauchte. Die zeitliche und/oder räumliche Ausdehnung von Alltagspraxen kann bedeutsame Konsequenzen fürMenschenmit schweren psychischenGesundheitsproblemen haben, da es ihnen vermittelt, für jemand anderen wichtig (genug) zu sein – nicht nur routinierte und formalisierte Behandlungen zu erfahren, sondern die Eröffnung der Möglichkeit, eine Persönlichkeit und nicht bloß eine Diagnose zu sein. Sie repräsentieren eine praktische Ausprägungsform einer grundlegenden Wechselseitigkeit. Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 87 Ein anderer ehemaliger Nutzer berichtet über den Beginn seiner Recovery- Reise: »Ich hatte meine ganze Energie aufgebracht, um meine Sozialarbeiterin in ihrem Büro zu treffen. Die Besprechung war vorüber und ich war gerade nach Hause gekommen, als sie mich anrief, um zu sagen, dass ich zurückkommen müsse, weil ich vergessen habe, mein Ansuchen zu unterschreiben. Ohne meine Unterschrift könne das Ansuchen nicht bewilligt werden und ich würde vor den Feiertagen kein Geld bekommen. Ich war noch so überwältigt von meinen Ängsten und fühlte mich so erschöpft, dass ich ihr sagte, dass ich nicht in der Lage wäre, noch einmal mit dem Bus zu ihr ins Büro zu fahren. Etwas später hörte ich die Türklingel. Ich sprang auf und ging zur Tür, um durch einen Spalt im Vorhang zu schauen. Es war die Sozialarbeiterin. Warum war sie gekommen? Vorsichtig habe ich die Tür aufgemacht und sie hereingelassen. Eine Stunde später war ich unsagbar dankbar. Sie ist während ihrer Mittagspause wegen meiner fehlenden Unterschrift zu mir gekommen. Und sie hat es meinetwegen getan, damit ich mein Geld bekommen kann. Noch nie ist jemandmeinetwegen so weit gegangen« (Michalsen & Bachke, 2020). In diesem Fall stellt der Nutzer einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der von ihm beschriebenen Situation und dem Beginn seiner Recovery-Reise her. Wir können annehmen, dass die Sozialarbeiterin ihren Kolleg*innen und Vorgesetzten nicht von ihrem Vorhaben erzählt hat. Vermutlich hat sie es sogar verheimlicht, da ihre Handlung als unprofessionell hätte gewertet werden können. Dies stellt somit unser ultimatives Paradox dar, dass hilfreiches Handeln oft unsichtbar gemacht werden muss, weil dieses oft mit den Routinen, Praxen und Bildern von Professionalität bricht. Dies führt dazu, dass derart hilfreiche Praxen nicht nur nicht offen diskutiert, sondern darüber hinaus auch unsichtbar und im fachlichen und politischen Diskurs inexistent gemacht werden. Mit den oben angeführten Beispielen kann gezeigt werden, wie sich die beteiligten Fachkräfte über die ihnen zumeist auferlegten Grenzen hinaus in sozialen Beziehungen für konkrete Menschen engagiert haben. Dies geschah außerhalb der Orte ihrer Berufsausübung und außerhalb des üblichen zeitlichen Rahmens. Wenn räumliche und zeitliche Regelungen den Fachkräften helfen sollen, ein als neutral und objektiv erachtetes Image zu wahren, dann schwächen längere Begegnungen in einem öffentlichen oder privaten Rahmen die Möglichkeit einer sogenannten professionellen Distanz. Somit beschreiben auch Nutzer*innen die Beziehung zu diesen hilfreichen Fachkräften oft als »freundschaftsähnlich« Alain Topor 88 (vgl. Ljungberg et al., 2015; Skatvedt, 2017) oder »wie eine Freundschaft« (vgl. Berggren &Gunnarsson, 2010; Topor, 2012). Die Nutzer*innen sind sich für gewöhnlich dessen bewusst, dass die Fachkraft nicht wirklich ein*e Freund*in ist, aber die professionelle Beziehung, die siemit diesen erleben, geht über das hinaus, was sie in ihren bisherigen Beziehungen zu Fachkräften gewohnt waren. Solche Unterschiede zu freundschaftlichen Beziehungen sind auch wichtig, weil »die Fachkraft zur Vertraulichkeit verpflichtet ist, nicht in Verbindung zum sozialen Netzwerk der Personen steht, unendlich geduldig ist und jemanden repräsentiert, mit dem sowohl Probleme als auch Bedürfnisse besprochen werden können« (Ljungberg et al., 2015, S. 484; vgl. auch Öhlinger in diesem Band). Einige Schlussfolgerungen Natürlich dürfen wir nicht vergessen, dass professionelle Interventionen oft nur einen beschränkten Teil der Gesamtheit sozialer Interaktionen vonNutzer*innen ausmachen. Überdies ist auch nicht gesagt, dass alle Formen der Ausdehnung von Praxis und Mikro-Affirmationen unbedingt Recovery-Prozesse befördern; ganz im Gegenteil können sie diese durchaus auch behindern. Sie stellen weder eine neue Regel noch eine neue Methode dar. Häufig werden sie mit Situationen verbunden, die als angenehm, echt und vor allem spontan erlebt werden (vgl. Davidson et al., 2006). Insofern ist es auch gar nicht möglich, diese als Teil einer neuen Intervention in Behandlungskonzepte aufzunehmen. Jedoch, und dies soll hier betont werden, hat das, was eine Fachkraft tut, und die Handlungen, die sie setzt, gerade im Kontext der Arbeit mit Menschen im Allgemeinen und vor allem in Bezug auf Personen mit eingeschränkten sozialen Netzwerken oder solchen, die oft selbst mit ihren eigenen (existenziellen) Problemen ringen, immer eineWirkung in die eine oder andere Richtung. Im besten Fall trägt das, was eine Fachkraft tut, dazu bei, dass den Betroffenen ein anderes, ein positiveres Bild von sich selbst vermittelt wird und zur gemeinsamen Schaffung eines verbesserten sozialen Umfelds und Selbstbilds beiträgt. Dieser Entwicklungsprozess kann dabei sowohlmithilfe von Begriffen aus dem symbolischen Interaktionismus (vgl. Skatvedt, 2017) als auch mit hier referierten Konzepten aus der Recovery-Literatur (vgl. Davidson & Strauss, 1992; Strauss, 1992, 1994) interpretiert werden. Für diesen Beitrag habe ich versucht, das Konzept des Recovery-Kapitals als Rahmen für das Verstehen hilfreicher Handlungen und Situationen nutzbar zu machen.WennNutzer*innen zu ihren Erfahrungenmit Fachkräften befragt werden, derenTun sie als hilfreich erlebt haben, beschreiben sie diese imAllgemeinen Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 89 als Personen, die in gewöhnlichen Alltagssituationen agiert haben. In den meisten Fällen handelt es sich um alltägliche Situationen und es scheint zunächst schwierig zu verstehen, wie genau dies zu Recovery-Prozessen vonMenschen mit schweren psychischen Erkrankungen beitragen kann. Soziale Situationen und menschliche Beziehungen mögen als angenehm erlebt werden, aber Krankheiten können dadurch nicht geheilt werden. Zu verstehen, wie eben doch genau solche sozialen Situationen Menschen in ihrem Recovery-Prozess helfen können, setzt voraus, sich vom biomedizinischen Paradigma und seinen Erklärungen von Ursachen und Entstehung psychischer Krankheitenzuentfernen.Stattdessenmuss sichdiePerspektiveverschieben–von Krankheiten hin zu Problemen und Ursachen, die menschliches Leiden verursachen. Wenn die Probleme in sozialen Situationen und Beziehungen entstanden sind, macht es auf einmal sehr viel Sinn, dass dazu gegenläufige Situationen und Beziehungen auch zumindest eineLeidensreduktionverursachenkönnen.Ebenso wird es aus so einer Perspektive plausibel, wie Formen traditioneller Professionalität, auf deren Basis Patient*innen diagnostisch bewertet und deren Äußerungen bloß auf Ausdrücke ihrer Symptome reduziert werden, die einer Behandlung bedürfen, Gefahr laufen, die Probleme, mit denenMenschen konfrontiert sind, nur noch zu verschärfen. Mikro-Affirmationen zielen in erster Linie auf die Ebene des Aufbaus von persönlichem sowie von Identitätskapital ab. Daher könnten sie einen Beitrag zur Überwindung von Zuständen der Demoralisierung leisten, wie sie sich häufig bei Nutzer*innen (als eine Kombination von Leid und subjektiv empfundener Inkompetenz) manifestieren (vgl. de Figueiredo, 2012; de Figueiredo & Frank, 1982). Die Ausdehnung von Praxis über die oftmals engen räumlichen und zeitlichen Grenzen psychiatrischer und psychosozialer Hilfen hinaus könnte sogar den Aufbau von sozialem, ökonomischem und Beziehungskapital fördern. So könnten solche PraxenNutzer*innen Instrumente für dieWeiterentwicklung und Fortsetzung ihrer bereits begonnenen Recovery-Reisen bieten. Gemeinsam etwas zu tun oder auch nur zusammen zu sein sind Formen der Koproduktion von Kapital und stellenwesentlicheMomente für dieRemoralisierung vonNutzer*innen dar. Recovery ist ein Prozess des Wandels. Dazu gehören Veränderungen der Lebensbedingungen der Nutzer*innen, ihres Selbstbildes und ihrer Beziehungen zu anderen. Es ist auch ein Prozess des Wandels für die Fachkräfte im Hinblick auf das, was gemeinhin als professionelles Rollenbild verstanden wird. Dieses wird so mitverändert, wie auch Fachkräfte zukünftig ihre eigene Rolle und sich selbst sehen (werden). Recovery kann also nicht als ein Prozess betrachtet werden, der Alain Topor 90 ausschließlich Konsequenzen auf der Ebene derNutzer*innen hat: Sie beeinflusst sowohl das professionelle Rollenbild als auch die Instrumente undMethoden, die den Fachkräften bei der Unterstützung der Nutzer*innen zur Verfügung stehen, und nicht zuletzt auch die Erkenntnisse des »psychiatrischen Feldes«. Die gemeinsame Basis bei all den Formen »etwas zu tun«, die hier beschriebenwurden, besteht darin, einseitigeDefinitionen vonNutzer*innen sowie deren Reduktion auf ihre Diagnose – als die herkömmliche Grundlage für die Planung und Gestaltung von Interventionen – grundlegend infrage zu stellen. Durch ein solches Hinterfragen des Fundaments – gemeinsammit denMenschen mit psychischen Erkrankungen –, auf dem unser Wissen über Menschen mit psychischen Erkrankungen und wirkungsvolle Interventionen letztlich beruht, kann unser Verständnis darüber wachsen, was es überhaupt bedeutet, eine Person mit psychischer Gesundheitseinschränkung zu sein, mit welchen Problemen diese Personengruppe konfrontiert ist, wenn auch die biografischen, sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Personen betrachtet werden und zu guter Letzt, was wir basierend auf diesem Wissen dann beitragen (können), um Menschen in ihren Recovery-Prozessen zu unterstützen. Die Ausdehnung professioneller Praxis fußt somit in unseren Bemühungen zum Aufbau wechselseitiger Beziehungen, in der beide Seiten als Subjekte und Akteur*innen anerkannt werden. Ausgedehnte Praktiken dehnen zwangsläufig auch traditionelle Rollenbilder. Dies muss wiederum Hand in Hand mit einer Ausdehnung traditioneller Strukturen rund um Begegnungen zwischen »Vernunft und Verrücktheit« stehen, wodurch diese Dichotomie verschwimmt. De-Institutionalisierung war nicht nur als räumliche und architektonische Veränderung von totalen Institutionen hinein in das Gemeinwesen gedacht, sondern sollte auch radikaleVeränderungen in derTheorie undPraxis der Psychiatrie mit sich bringen (siehe Kremsner in diesem Band). Dieser Ortswechsel sowie der Aufbau eines (extra-)muralen Unterstützungssystems für Menschen mit psychischen Erkrankungen, weg von psychiatrischen Anstalten oder Abteilungen hin zu verschiedenen Orten im Gemeinwesen, hat auch neue Möglichkeiten für Fachkräfte eröffnet – und zwar jene, außerhalb des kontrollierenden Blicks und ohne Beobachtung von Medizin und Psychiatrie tätig zu sein. Aber selbst innerhalb von totalen Institutionen gab und gibt es Räume mit einem »verborgenen Leben« (vgl. Goffman, 1961, S. 187–280), deren Existenz zwar nie anerkannt wurde, da es sie formal ja nicht geben sollte, die jedoch gleichwohl insgeheim»geduldet« waren (vgl. ebd.). Ebenso schrieb Foucault (1980 [1976]; 2006, S. 81f.) über das »Wissen der Menschen« (»peoples knowledge«) als »unterdrücktesWissen« (»subjugated knowledge«), das er in Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 91 Kontrast zu dem »Wissen von Ärzten, Pflegern, Psychiatriepatienten und Straffälligen« setzte. Hilfreiche Beziehungen fußen noch immer auf diesem vorhandenen, aber »verborgenen Leben« sowie dem»Wissen derMenschen« in der Praxis, das ungeachtet seiner Wirksamkeit vielfach sträflich außer Acht gelassen wird. So sind heutzutage die Gegensätze zwischen dem biomedizinischen und dem sozialen Paradigma (vgl. Priebe et al., 2013) unter anderem an den folgendenWidersprüchen (»double binds«) beobachtbar: ➢ die gleichzeitige Konzentration der therapeutischen Arbeit auf das Gehirn der Nutzer*innen sowie auf ihre soziale Situation und ihre Beziehungen ➢ ein Diskurs, der bei gleichzeitigem Fokus auf nationale Richtlinien, StandardsundevidenzbasierteVerfahren,welchedieWahlmöglichkeitenverringern, die konsequente Ermächtigung unddie Einbindung derNutzer*innen betont ➢ die Betonung von therapeutischen Allianzen bei gleichzeitiger Einforderung von Compliance ➢ die Abwertung von Fachkräften wie Pfleger*innen, Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen durch die Einführung von vorgegebenen, schematisierten Interventionen sowie invasive bürokratische Formen der Kontrolle einerseits und der hier dargestellten Ausdehnung von Praxis andererseits Die schlechten Ergebnisse der evidenzbasierten Revolution (vgl. Every-Palmer & Howick, 2014) und der Forschungs- und Therapiebemühungen in der biomedizinischen Psychiatrie (vgl. Johnstone et al., 2018; Priebe, 2016; Priebe et al., 2019; Rose, 2018) sprechen für einen unbedingt notwendigen Paradigmenwechsel. Die dazugehörige Praxis ist jedenfalls schon vorhanden. Literatur Anthony, W.A. (1993). Recovery frommental illness: The guiding vision of themental health service system in the 1990s. Psychosocial Rehabilitation Journal, 16(4), 11–21. Bateson, G., Jackson, D.D., Haley, J. & Weakland, J. (1956). Toward a theory of schizophrenia. Behavioral Science, 1(4), 251–264. Bengtsson-Tops, A. & Hansson, L. (1999). Subjective quality of life in schizophrenic patients living in the community. Relationship to clinical and social characteristics. European Psychiatry, 14(5), 256–263. Berggren, U. J. & Gunnarsson, E. (2010). User-oriented mental health reform in Sweden: Featuring »professional friendship«. Disability & Society, 25(5), 565–577. 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Anatomy of an epidemic – Magic bullets, psychiatric drugs and the astonishing rise of mental illness in America. New York: Random House Inc. WHO (1979). Schizophrenia – an international follow-up study. Chichester: JohnWiley & Sons. Der Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen: (Wieder-)Aufbau von Sozialkapital 97 Young, A. (1995). The harmony of illusions. Inventing Post-Traumatic StressDisorder. Princeton: Princeton University Press. Biografische Notiz Alain Topor, Ass. Prof./Prof. Dr., ist Assistenz Professor am Department für Soziale Arbeit an der Universität Stockholm sowie Professor am Department für Psychosoziale Arbeit an der Universität Agder (Norwegen). Seine Forschungsschwerpunkte und publizierten Artikel fokussieren hilfreiche soziale (sowie professionelle) Beziehungen, Recovery sowie den Zusammenhang von materiellen Lebensbedingungen und Recovery. Seine letzten Artikel behandelndie Bedeutung vonMikro-Affirmationen in Recovery-Prozessen, das Konzept des Recovery-Kapitals sowie die Ergebnisse einer zehnjährigen Verlaufsstudie von Menschen mit der Diagnose einer Psychose. Kontakt: alain.topor@socarb.su.se Alain Topor 98 Recovery –mehr als Genesung Michaela Amering Recovery: schwierig zu übersetzen Nach einem Vortrag von Courtenay Harding mit Bildern über ihre Langzeitstudien und Dutzenden von Fotos von Menschen, die nach jahrzehntelangem Leben in Institutionen zu einem Alltag in der Gemeinde zurückgekehrt waren, saßen Margit Schmolke und ich 2002 in New York auf einer Parkbank. Wir waren erfasst von einer ganz besonderen Begeisterung und der Verantwortung, den deutschsprachigen Raum über Menschen, Modelle und Konzepte zu Recovery zu informieren. Einige Jahre zuvor hatte ich die Gelegenheit gehabt, mit Ron Coleman in Birmingham/UK zu arbeiten. Ron hatte 1999 die wichtige Broschüre »Recovery – An Alien Concept« verfasst, die inhaltlich beklagte, dass das psychiatrische Hilfesystem wohl vergessen habe, dass Menschen auch genesen können, und dass Menschen mit Recovery-Erfahrung die Verpflichtung hätten, diese Erfahrung weiterzugeben (vgl. Coleman, 1999). Seine eigene Recovery-Geschichte und die einiger anderer »Held*innen« der Bewegung, die ihre eigene Erfahrung sowie die aus Selbsthilfe und Interessensvertretung gewonnenen Erkenntnisse als Evidenz und Basis der Modellbildung für Recovery- Orientierung genutzt hatten, bildeten dann auch Kernstück unseres 2007 erstmals erschienenen Buchs Recovery – das Ende der Unheilbarkeit (Amering & Schmolke, 2012). Angesichts der im Buch beschriebenen Datenlage und den internationalen Entwicklungenwar klar, dass Recovery-Orientierung einenwesentlichenEinfluss auf die Entwicklung der Psychiatrie nehmen sollte. Der Erfolg des Buches war überwältigend. Es gab rasch weitere Auflagen, eine Übersetzung ins Englische, die 2010 den »Preis der Medizinjournalisten« erhielt, und eine Rücküberset- 99 zung der aktualisierten englischen Ausgabe in eine neue Auflage im Deutschen im Jahr 2012. Es gab zahllose Anfragen zu Vorträgen und Weiterbildungen und großes Interesse bei Fachleuten aus dem psychosozialen Bereich. Andererseits warnten bereits früh wichtige Mahner*innen davor, dass die Errungenschaften der Recovery-Erfahrenen vom professionellen System kooptiert werden würden und dabei ihre Kraft verlieren könnten (vgl. Glover, 2005). Bis heute stimmt, dass die Stimme der Psychiatrie-Erfahrenen zwar an Bedeutung gewinnt, die Psychiatrie aber noch keinen durchgehend fairen Umgang in der Zusammenarbeit gefunden hat. Für die Zusammenarbeit für Veränderungen in der Betreuung im Sinne von Recovery hat Andreas Knuf die notwendige Haltung zur prognostischen Einschätzung aussagekräftig zusammengefasst: vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Optimismus (vgl. Knuf, 2004). Um als professionelles Hilfesystem Recovery-Prozesse nicht zu behindern, sondern zu fördern, haben Erfahrungswissen und neuere Forschungen neue Rollen und Verantwortungen für Betroffene wie auch für im psychosozialen Bereich beruflich Tätige definiert (siehe Topor in diesem Band). Anleitungen zu recovery-orientiertem Arbeiten wurden ins Deutsche übersetzt (vgl. z.B. Zuaboni et al., 2012), Lehrbücher nahmen Recovery als Thema auf (vgl. z.B. Rössler & Kawohl, 2013), Fachbücher wurden herausgegeben (vgl. z.B. Zuaboni et al, 2019) und Recovery fand Eingang in Leitlinien (vgl. z.B. DGPPN, 2019). Die Nutzung des Erfahrungswissens der Menschen mit gelebter Erfahrung von psychiatrischenGesundheitsproblemen und Recovery-Geschichten spielt eine zentrale Rolle in der recovery-orientiertenArbeit.Mit der Etablierung der EX- IN-Ausbildungsangebote (siehe Schachner et al. in diesem Band) entstand nicht nur ein neuer Gesundheitsberuf, sondern auch eine gänzlich neue Methode des Erwerbs und der Vermittlung vonWissen und Kompetenz (vgl. Utschakowski et al., 2016). Im deutschsprachigen Raum war ein Leonardo-da-Vinci-EU-Projekt in den Jahren 2005bis 2007wesentlich für die breite Etablierung vonPeer-Arbeit. Daraus entstand der Verein EX-IN Deutschland e.V. (www.ex-in.de), der seither ein standardisiertes Curriculum zur Qualifizierung von Expert*innen durch Erfahrung in der Gesundheitsversorgung an mittlerweile Dutzenden Standorten in der BRD anbietet. Für die Schweiz unternahm dann pro mente sana (www. promentesana.ch/de/wissen/peer-arbeit.html) entscheidende Vorstöße für Angebote dieser Ausbildungen für Genesungsbegleiter*innen. In Österreich wurde die erste standardisierte EX-IN-Ausbildung 2013 in St. Pölten angeboten und deren Etablierung in Österreich vorangebracht. Der Verein EX-IN Österreich (www.ex-in.at) hat sich die Verbreitung dieses Peer-Ansatzes in Form von Ausbil- Michaela Amering 100 dungskursen zur Aufgabe gemacht und bietet außerdem ausgebildeten EX-IN- Genesungsbegleiter*innen sowie interessierten Organisationen eine Plattform für eine gemeinsame recovery-orientierte Entwicklungsarbeit. Personenmit einer EX-IN-Ausbildung arbeiten als Peer-Berater*innen oder Genesungsbegleiter*innen sowohl in eigenständigen Bereichen der Beratung und Lehre als auch als Mitglieder in Behandlungsteams sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Die Frage, ob die Kompetenz aus gelebter Erfahrung nicht nur einzelnen Teams und betreuten Personen zugute kommt, sondern auch das Potenzial ihrer transformativen Kraft zur Verbesserung der Situation von Menschen mit psychischen Krisen und Erkrankungen im Sinne von Recovery, menschenrechtsbasierter Praxis und gesellschaftlicher Inklusion entfalten kann, wird kontrovers diskutiert (vgl. z.B. Penney & Stastny, 2019) und muss weiterhin kritisch beobachtet werden. Im Unterschied zu anderen Ländern war die Angehörigenbewegung im deutschsprachigen Raum immer schon auch psychiatriekritisch und den Anliegen der Betroffenen gegenüber aufgeschlossen. Das Recovery-Konzept fand auch bei den Angehörigen positive Rezeption (vgl. z.B. Berg-Peer, 2015). Niemals vergessen! Prägend für die Situation in Deutschland und Österreich ist und bleibt die mörderische Rolle der Psychiatrie im Nationalsozialismus (siehe auch Kremsner in diesem Band). Beispielhaft dafür stehen Dorothea Buck und ihr Lebenswerk (www.dorothea-buck.de). Sie spricht über ihre Erfahrung als Überlebende dazu, wie sie »die Psychiatrie deshalb als so unmenschlich erlebte, weil nicht mit uns gesprochen wurde. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gesprächs für wert oder fähig zu halten« (Buck, 2007, S. 1). Gemeinsammit Thomas Bock entwickelt Dorothea Buck die Konzepte »Trialog« und»Psychoseseminar« (www.trialog-psychoseseminar.de) mit dem Ziel, damit Gewalt zu verhindern. Auch in Österreich war es ein Gründungsmitglied des ersten Wiener Trialogs (vgl. Amering et al., 2002), das Wesentliches dazu beitrug, das lange Schweigen nach den Verbrechen der NS-Zeit zu brechen. Harald Hofer sprach in seiner Gedenkrede 1995 von einer »Verschwörung der Gleichgültigkeit« als Haupthindernis zur Anerkennung der Opfer von Diskriminierung und sozialer Exklusion – damals und heute (vgl. Hofer, 1997). Trialog steht für die gleichberechtigte Begegnung von Personen mit gelebter Erfahrung, Angehörigen und Freund*innen sowie psychiatrischem Fachpersonal. Recovery – mehr als Genesung 101 Trialoge finden meist als offene Diskussionsgruppen auf »neutralem« Boden statt: – zum Beispiel in Wien in einer Volkshochschule (www.freiraeume.at/ trialog/). Trialoge ermöglichen eine neue Form der Kommunikation auf Augenhöhe außerhalb institutioneller, therapeutischer oder familiärerKontexte. Es geht um denAustausch von Erfahrungen zu psychischen Problemen und denUmgang mit ihnen, aber auch um Ideen für trialogische Initiativen und Aktivitäten wie zum Beispiel trialogisch gestaltetes Training für Polizeibeamt*innen oder Schulprojekte zur Bekämpfung von Stigma und Diskriminierung. Daten zu recoveryorientierten therapeutischen Beziehungen beleuchten neue Möglichkeiten und Verantwortungen für alle, die gemeinsam den Reichtum des Erfahrungsschatzes von Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen für die Bewältigung von Krisen und Erkrankungen zur Förderung von Gesundheit und zum Schutz vorDiskriminierung in vollemMaß nutzenmöchten. Trialoge produzieren einen einzigartigen Schatz an Wissen und Weisheit, der die wesentliche Ressource für Entwicklungsprozesse zur Kombination von Fachwissen und Erfahrungswissen birgt. Im deutschsprachigen Raum sind mehrere tausend Menschen regelmäßig in solchen Trialogen engagiert und erleben eine eigenständige Form der Kommunikation und Wissenserweiterung (vgl. von Peter et al., 2015). Die Erfahrung im Trialog macht deutlich, dass wir Konflikte aushalten und kontroverse Diskussionen mit Gewinn führen können. Auch zeigt uns der Trialog ganz klar die Möglichkeiten von gemeinsamen Anstrengungen und koordinierten Aktionen. Für die dringendnotwendigeKlärung vieler recovery- und psychiatriespezifischer Fragestellungen stellt der Trialog die am besten geeignete Plattform dar. Als erfolgreiche Tradition des deutschsprachigen Raums findet Trialog international zunehmend mehr Beachtung und Nachahmung (www.trialogue.co). Recovery – einMenschenrecht? Heute – in Zeiten der UN-Konvention für Personen mit Behinderungen und den ernsthaften und heftigen Diskussionen zur Vision einer gewaltfreien Psychiatrie – ist der Trialog besonders gefordert; als notwendige Grundlage für Fortschritt in Solidarität. In einem historisch erstmaligen Prozess war die Erarbeitung der Konvention von der aktiven Beteiligung von Selbstvertreter*innen geprägt (vgl. Sabatello & Schulze, 2013). Dabei waren ebenso erstmalig auch Selbstvertreter*innen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen aufgrund psychischer Erkrankungen Michaela Amering 102 in zentralenRollen beteiligt. Auch in der ursprünglichenRecovery-Bewegung der 1980er Jahre war die Betroffenenbewegung das wesentliche Element. Ihre Erfolge im Hinblick auf die Forderung nach Einbeziehung von Expert*innen in eigener Sache auf allen Ebenen der psychiatrischen Praxis und Forschung ermöglichte Wachstum und Einfluss einerMenschenrechtsbewegung zur Befreiung vonMenschen mit psychiatrischen Erkrankungen von Marginalisierung, Ausschluss und Ablehnung. Recovery kann in diesem Sinne auch als die praktische Anwendung der Grundprinzipien der Konvention betrachtet werden (vgl. Amering & Schulze, 2013a). FürRecoverywie auch für dieVerwirklichung derMenschenrechte für Menschen mit Behinderungen ist das der Konvention zugrunde gelegte Verbot von Diskriminierung wesentliche Bedingung. Partizipation ist ein Grundprinzip der Konvention. Die ratifizierenden Staaten sind verpflichtet, Menschen mit Behinderungen in allen Belangen, die sie betreffen, inklusive der Überwachung der Konvention, einzubeziehen. Daraus wird deutlich, dass die Ratifizierungen – in Österreich im Jahr 2008, Deutschland 2009, EU 2010 und Schweiz 2014 – einen Prozess eingeleitet haben, der unumkehrbar ist, aber auch einen langen Atem erfordern wird. Die Konvention eröffnet neuen rechtlichenHandlungsbedarf für die Durchsetzung der klar formulierten Selbstbestimmungs- und Anspruchsrechte wie zum Beispiel bezüglich der Wohnsituation von Menschen mit psychosozialen Behinderungen, Gesundheit und Lebensstandard, politische und kulturelle Partizipation, aber auch Freiheit von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch (vgl. Bartlett, 2012). Das betrifft gesellschaftspolitische Fundamente wie Bildung, Arbeit und Erwerbsleben sowie die Bereiche Rehabilitation und Habilitation (vgl. Amering & Schulze, 2013b). Neben den Freiheitsrechten treten die Teilhabeund Solidarrechte mit ihren Ansprüchen auf Leistungen in den Vordergrund. Wissenschaftlich überprüfte Interventionen und Unterstützungssysteme für viele der durch die neue Rechtslage notwendigen Veränderungen gibt es bereits. Damit psychiatrisches Fachwissen und Fachmeinung eine konstruktive Rolle in dem Prozess zur Umsetzung der UN-Konvention spielen können, müssten diese endlich auch außerhalb von Modellprojekten oder einzelnen Ländern breit implementiert werden. Dazu gehören die Konsequenzen der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Interventionen, die Personen, die über längere Zeit durch Behinderungen aufgrund von psychischen Gesundheitsproblemen Unterstützungsbedarf haben, dabei helfen, am Leben in der Gemeinde teilzunehmen (vgl. Davidson, 2010). Die Forschungsergebnisse zu Assistenz bei der Ausbildung, Supported Employment und Job-Coaching, Betreutes und BetreubaresWohnen, Peer-Support und Genesungsbegleitung, Selbsthilfe und Interessensvertretung, Recovery – mehr als Genesung 103 unterstützte Entscheidungsfindung anstelle von Fremdbestimmung, Einbeziehung von Familien und Freund*innen in rehabilitative Anstrengungen, Unterstützung für Personenmit psychischen Störungen bei der Familienplanung und in der Elternrolle und andere unspezifische und spezifische Unterstützungsleistungen imAlltag sprechen eine klare Sprache. Für die Sicherstellung vonWahlfreiheit im Hinblick auf Krisenhilfen stehen Daten und Modelle zum Einsatz von Genesungsbegleiter*innen, betroffenengeleiteten Krisenhäusern, Open-Dialogue- Modellen, Soteria, Krisenfamilien, Home Treatment, Behandlungsvereinbarungen, Patient*innenverfügungen und andere Alternativen zu Akutaufnahmen in Spitälern zur Verfügung (vgl. Zinkler et al. 2016). Auch die aktuelle Datenlage zum Kampf gegen Stigma und Diskriminierung (vgl. Gaebel et al., 2017) trifft sich mit der durch die UN-BRK gesetzlich vorgeschriebenen Einbeziehung von Personen mit gelebter Erfahrung auf allen Planungs- und Entscheidungsebenen. Die wesentliche Rolle des Trialogs für eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Fachleuten, Betroffenen und ihren Familien und Freund*innen und damit für eine erfolgreiche Umsetzung der UN- BRK wird durch internationale Forschungsergebnisse (vgl. Dunne et al., 2018; Wallcraft et al., 2011)weiter unterstützt.Die Bündelung dieser unterschiedlichen Kräfte- und Interessensgruppen hat das Potenzial, echte Veränderungen in Richtung einer recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten psychiatrischen und psychosozialen Praxis, Forschung und Lehre zu erwirken. Literatur Amering,M., Hofer, H. & Rath, I. (2002). The »First Vienna Trialogue« – experienceswith a new form of communication between users, relatives and mental health professionals. In H.P. Lefley, D. L. & Johnson (Hrsg.), Family interventions in mental illness: International perspectives (S. 105–124). London: Praeger. Amering,M. & Schmolke,M. (2012). Recovery.Das EndederUnheilbarkeit. 5. bearb. Aufl. Bonn: Psychiatrie Verlag. Amering, M. & Schulze, M. (2013a). Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) – Folgen für die psychiatrische Praxis. Psyche im Fokus, 1(3), 8–10. Amering, M. & Schulze, M. (2013b). Recovery – ein Menschenrecht? In G. Lenz, R. Rabenstein & G. Reschauer (Hrsg.), Berufsbezogene Herausforderungen in der psychiatrischen Rehabilitation (S. 106–117). Wien: Facultas. Bartlett, P. (2012). The United Nations Convention on the Rights of Persons with Disabilities and Mental Health Law. TheModern Law Review, 75(5), 752–778. Berg-Peer, J. (2015). Recovery für Angehörige. Psyche im Fokus, 3(1), 8–11. Michaela Amering 104 Buck, D. (2007). 70 Jahre Zwang in deutschen Psychiatrien – erlebt und miterlebt. http:// www.bpe-online.de/verband/rundbrief/2007/2/buck-wpa-2007.pdf (26.04.2020). Coleman, R. (1999). Recovery – An Alien Concept. Gloucester: Handsell Publishing. Davidson, L. (2010). PORT Through a Recovery Lens. Schizophrenia Bulletin, 36(1), 107–108. DGPPN. (2019). S3-Leitlinie »Psychosoziale Therapienbei schwerenpsychischenErkrankungen«. Heidelberg, Berlin: Springer. Dunne, S., MacGabhann, L., McGowan, P. & Amering, M. (2018). Embracing Uncertainty to Enable Transformation: The Process of Engaging in Trialogue for Mental Health Communities in Ireland. International Journal of Integrated Care, 18(2), 1–11. http://doi.org/ 10.5334/ijic.3085 Gaebel, W., Rössler, W. & Sartorius, N. (Hrsg.). (2017). The Stigma of Mental Illness – End of the Story? Cham: Springer. Glover, H. (2005). Recovery based service delivery: are we ready to transform the words into a paradigm shift? Australian e-Journal for the Advancement of Mental Health (AeJAMH), 4(3),1–4. Hofer, H. (1997). Die Verschwörung der Gleichgültigkeit. In C. Smekal, C.H. Hinterhuber & U. Meise (Hrsg.),Wider das Vergessen (S. 35–38). Innsbruck: VIP-Verlag. Knuf, A. (2004). Vom demoralisierenden Pessimismus zum vernünftigen Optimismus. Eine Annäherung an das Recovery-Konzept. Soziale Psychiatrie, 1, 38–41. https://www. andreas-knuf.de/psychiatrie-1/recovery-1/ (26.04.2020). Penney, D. & Stastny, P. (2019). Peer Specialists in the Mental Health Workforce: A Critical Reassessment. www.madinamerica.com/2019/10/peer-specialists-mental-health -workforce/ (26.04.2020). Peter, S. von, Schwedler, H.-J., Amering, M. & Munk, I. (2015). »Diese Offenheit muss weitergehen« – Wie erleben Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Professionelle den Trialog? Psychiatrische Praxis, 42(7), 384–391. Rössler, W. & Kawohl, W. (Hrsg.). (2013). Soziale Psychiatrie. Das Handbuch für die psychosoziale Praxis. Stuttgart: Kohlhammer. Sabatello, M. & Schulze, M. (2013). Human Rights & Disability Advocacy. Pennsylvania: University Press. Utschakowski, J., Sielaff, G., Bock, T. & Winter, A. (Hrsg.). (2016). Experten aus Erfahrung. Peerarbeit in der Psychiatrie. Köln: Psychiatrie Verlag. Wallcraft, J., Amering, M., Freidin, J., Davar, B., Froggatt, D., Jafri, H., Javed, A., Katontoka, S., Raja, S., Rataemane, S., Steffen, S., Tyano, S., Underhill, C., Wahlberg, H., Warner, R. & Herrman, H. (2011). Partnerships for better mental health worldwide: WPA recommendations on best practices in working with service users and family carers. World Psychiatry, 10(3), 229–236. Zinkler, M., Laupichler, K., Osterfeld, M. (2016) (Hrsg.) Prävention von Zwangsmaßnahmen. Menschenrechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie. Köln: Psychiatrie Verlag. Zuaboni, G., Abderhalden, C., Schulz, M. &Winter, A. (Hrsg.). (2012). Recovery praktisch! Schulungsunterlagen. Bern: UPD. http://www.pflege-in-der-psychiatrie.eu/files/recovery/ Recovery_praktisch-_PDF_Version_2012.pdf (26.04.2020). Zuaboni, G., Burr, C., Winter, A. & Schulz, M. (Hrsg.). (2019). Recovery und psychische Gesundheit. Grundlagen und Praxisprojekte. Köln: Psychiatrie Verlag. Recovery – mehr als Genesung 105 Biografische Notiz Michaela Amering, Univ. Prof. Dr.in, ist Professorin und Oberärztin an der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an derMedizinischen Universität Wien mit einem besonderen Interesse an den psychosozialen Aspekten der Situation von Menschen mit der Diagnose Schizophrenie und deren Familien und Freunden. Sie ist Ehrenmitglied desWeltverbands für Psychiatrie und in Leitungsgremien desWeltverbandes für Psychosoziale Rehabilitation sowie der European Psychiatric Association und der Österreichischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie engagiert. Sie war Gründungsmitglied des Ersten Wiener Trialogs (1994) und des Vereins EX-IN Österreich (2014). Kontakt: michaela.amering@meduniwien.ac.at Michaela Amering 106 Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz Beziehungsarbeit als Aspekt beruflicher Selbstkonzepte von Fachkräften in der Persönlichen Betreuung Daniel Öhlinger Einleitung Dieser Beitrag stellt eine professionstheoretische Betrachtung des Tätigkeitsfeldes der Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag (PB) dar, das bereits im vorangegangenen Beitrag als ambulante undwohnbezogeneUnterstützungsform für Menschen mit psychischen Erkrankungen vorgestellt wurde (vgl. Schernthaner in diesem Band). Der vorliegende Beitrag will die Perspektive professionell Tätiger in der PB untersuchen und die Beziehungsarbeit zwischen Fachkräften und ihren Klient*innen als zentrale Struktur der Professionalität sozialer Tätigkeitsfelder ausweisen. Im Sinne strukturtheoretischer Professionsverständnisse sollen insbesondere Spannungsfelder der professionellen Beziehungsgestaltung im Fokus der Betrachtung stehen. Die empirischeGrundlage dieses Beitrags stellt die Masterarbeit mit dem Titel »Professionelles Handeln in Spannungsfeldern: Eine gegenstandsbezogene Theorie zur Struktur beruflicher Selbstkonzepte von Fachkräften in der Persönlichen Betreuung« (2019) von Daniel Öhlinger dar, die im Kontext des gegenständlichen Forschungsprojektes (vgl. Teil IV in diesem Band) bearbeitet wurde. In dieser Arbeit konnte ein theoretisches Modell beruflicher Selbstkonzepte von Persönlichen Betreuer*innen konstruiert werden, um Spannungsfelder des professionellen Handelns darzustellen. Als Ausgangspunkt diente folgender Interviewausschnitt: »ImWesentlichen ist es, dass man auch eine Beziehung hat, aber unter besonderen Umständen. Dass man eigentlich sehr in diesem persönlichen, zum Teil intimen Bereich der Menschen ist, die man betreut. Dass es regelmäßig ist, eine stabile Beziehung und auch eine professionelle Beziehung. Aber im Unterschied zu einer 107 Psychotherapie sind wir wirklich mittendrin, also wir sind in der Wohnung, im Krankenhaus, wir sind da eigentlich näher dran, was zum einen ein Vorteil ist, weil man sehr viel mitkriegt auch aus dem Leben, ein viel umfassenderes Bild, als wenn jemand eine Stunde kommt und mir was erzählt. Auch weil man gemeinsam handelt und nicht nur gemeinsam redet. Die Schwierigkeit daran ist auch, dass man sehr nahe ist und eine andere Art Abgrenzung braucht und es ja doch eine professionelle Beziehung ist« (Betreuer*in, LOK-Studie). Das Zitat gibt Einblick in ein Berufsfeld, das der zitierten Fachkraft der PB zufolge als sehr facettenreich wahrgenommen wird und dabei besondere Herausforderungen mit sich bringt. Es wird darin ein Versuch ersichtlich, Merkmale des Tätigkeitsfeldes und darin auftretende Aufgaben zu erfassen und den professionellen Charakter der PB hervorzuheben. Ein solches Bemühen kann als Teil eines beruflichen Selbstkonzeptes verstandenwerden.Darunter können nachUrban (2004) subjektive Theorien verstanden werden, die sich auf die berufliche Selbstdefinition einer Person beziehen. Eine zentrale Bedeutung im beruflichen Selbstkonzept der zitierten Fachkraft nehmen die Beziehungsgestaltung und ihr professioneller Charakter ein. Beziehungsgestaltung im Kontext des Professionalisierungsdiskurses Fragen bezüglich der Bedeutung professioneller Beziehungen und ihrer spezifischen Professionalität in sozialen Tätigkeitsfeldern wurden insbesondere seit den 1980er Jahren im Kontext des Professionalisierungsdiskurses der Sozialen Arbeit thematisiert. Als bedeutende theoretische Positionen können dabei nach Combe und Helsper (2002) der interaktionistische Ansatz von Schütze (1996) und der strukturtheoretische Ansatz von Oevermann (1996) genannt werden, welche die professionelle Beziehung und die ihr innewohnenden Spannungsfelder in den Mittelpunkt der professionstheoretischen Betrachtungen rückten. Als grundlegende Strukturmerkmale professionellen Handelns dienen sowohl in Oevermanns als auch in Schützes Professionsverständnis Störpotenziale und Paradoxien, die in der professionellen Tätigkeit berücksichtigt werden müssen. Um der Erforschung der Professionalität in sozialpädagogischen Tätigkeitsfeldern gerecht zuwerden, plädieren Schütze (1996) undOevermann (1996) für die Untersuchung zugrunde liegender widersprüchlicher Anforderungen der professionellen Beziehungsgestaltung. Daniel Öhlinger 108 Trotzdieser theoretischenFundierungbetonenDahmundKunstreich(2013), dass die professionelle Beziehungsgestaltung im Kontext der aktuellen Professionalisierungsforschung nur ein Randthema darstellt und besonders im deutschsprachigen Bereich kaum empirische Forschungen zu dieser Thematik vorliegen. Als aktueller Forschungsbeitrag einer professionstheoretischen Betrachtung der professionellen Beziehung in sozialen Tätigkeitsfeldern kann Gahleitners Buch Soziale Arbeit als Beziehungsprofession (2017) genannt werden. Wie schon der Titel der Arbeit andeutet, hebt Gahleitner in ihrem Professionsverständnis die Beziehung zwischen den Akteur*innen als konstitutiven Aspekt Sozialer Arbeit hervor. Professionelles Arbeiten erfordert ihr zufolge die Verbindung professioneller Rollen und persönlicher Beziehungen. Fachkräfte müssen einerseits formale Berufsrollen ausfüllen und sich andererseits als »ganze Personen« auf persönliche, emotional geprägte und begrenzt steuerbare Beziehungen zu ihren Klient*innen einlassen (vgl. ebd.). Im Zentrum von Gahleitners Professionsverständnis steht die Annahme, dass das Eingehen von vertrauensbasierten Beziehungen zwischen Akteur*innen Sozialer Arbeit als wesentliches Qualitätsmerkmal und Wirkfaktor professionellen Handelns angesehen werden kann. Gahleitner beschreibt in ihrem Beitrag das Spannungsfeld vonNähe undDistanz als Charakteristikum psychosozialer Arbeit und zeigt auf, welche Bedeutung der Umgang mit diesem für eine professionelle Praxis hat. Hierfür fokussiert sie in ihrer Untersuchung die Adressat*innen-Perspektive, jene der professionell Tätigen bleibt in ihremBeitrag jedoch unberücksichtigt. Sie untersuchtnicht, inwieferndas geschilderte Spannungsfeld vonNäheundDistanz auch aus Perspektive der Fachkräfte für das professionelle Handeln als bedeutsam erlebt wurde. Der vorliegende Beitrag will durch die Betrachtung beruflicher Selbstkonzepte von Tätigen der PB an diesem Forschungsthema ansetzen. Betrachtung beruflicher Selbstkonzepte von Persönlichen Betreuer*innen Der Begriff des beruflichen Selbstkonzepts beschreibt nach Urban (2004) Selbsttheorien, dieMenschen über sich selbst und ihreUmwelt formulieren, und die sich explizit auf den beruflichen Bereich beziehen. Berufliche Selbstkonzepte umfassen laut Lutz (2010) subjektive Theorien zum beruflichen Selbstverständnis, ethische Orientierungen, Handlungsmaximen, Haltungen oder auch Bewertungskonzepte für das berufliche Handeln. Gahleitner (2017) betont, dass es besonders für Fachkräfte im psychosozialen Feld aufgrund der Vielfältigkeit ihres beruflichen Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 109 Alltags schwer ist, die eigene Arbeit fachlich qualifiziert zu beschreiben und in ihrem Selbstkonzept zu verankern. Vor demHintergrund dieser Problematik soll im vorliegendenBeitrag durch die Betrachtung beruflicher Selbstkonzepte untersucht werden, welche Bedeutung Fachkräfte der Beziehung zu ihren Klient*innen in der Tätigkeit zuschreiben und welche Anforderungen sie in der Beziehungsgestaltung erleben. Aus strukturtheoretischer Perspektive ist dabei besonders interessant, inwiefern diese Anforderungen als widersprüchlich zueinander ausgewiesen werden und sich Spannungsfelder improfessionellenErleben der Fachkräfte konstituieren. Empirische Forschungsmethode Zur Bearbeitung dieses geschilderten Forschungsinteresses wird im vorliegenden Beitrag auf Interviews von Fachkräften der PB Bezug genommen, die im Kontext des gegenständlichen Forschungsprojekts durchgeführt und entsprechend der Forschungsfrage eigenständig ausgewertet wurden (vgl. Teil IV in diesem Band). Hierfür wurden auf Basis der Ausführungen interviewter Fachkräfte theoretische Kategorien entwickelt, um die Bedeutung der professionellen Beziehung im Tätigkeitsfeld der PB und darin auftretende Spannungsfelder des professionellen Handelns zu beschreiben. Es wurde dabei möglichst nahe am Interviewmaterial gearbeitet und dieses in einem ersten Schritt Zeile für Zeile paraphrasiert und codiert. Die daraus resultierenden Codierungen wurden im zweiten Auswertungsschritt systematisch verglichen und zu Kategorien zusammengefügt. Als letzter Schritt folgte dasUntersuchen vonZusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen den herausgearbeiteten Kategorien mit dem Ziel der Formulierung von theoretischen Konzepten. Im Nachfolgenden soll dieses Vorgehen verdeutlicht und die Kategorie der Beziehungsarbeit sowie deren Bedeutung in den beruflichen Selbstkonzepten Persönlicher Betreuer*innen dargestellt werden. Aufbauend auf dieser Kategorie werden im Anschluss widersprüchliche Anforderungen des professionellen Handelns aufgezeigt und dargestellt, inwiefern sich das Spannungsfeld von Nähe und Distanz in der Kategorie der Beziehungsarbeit manifestiert. Die Kategorie der Beziehungsarbeit Wie in der Einleitung angedeutet, wiesen interviewte Fachkräfte die Beziehung zwischen ihnen und ihren Klient*innen als besonders bedeutend für ihr beruf- Daniel Öhlinger 110 liches Selbstkonzept aus. Ein Begriff, der sich mehrere Male im Forschungsfeld wiederfand und zur Beschreibung der Tätigkeit verwendet wurde, war die Bezeichnung »Beziehungsarbeit«: »Mir gefällt es auch deswegen, weil es sehr vielfältig ist, sehr unterschiedliche Aufgaben eigentlich und ja, dieseBeziehungsarbeit, woman sich auchwirklich einlassen kann« (Betreuer*in, LOK-Studie). »Beziehungsarbeit ist bei uns ganz wichtig« (Betreuer*in, LOK-Studie). Diesen Zitaten folgend wurde die Kategorie der Beziehungsarbeit als zentraler Aspekt beruflicher Selbstkonzepte herausgearbeitet. Betreuer*innen betonten mithilfe dieser Bezeichnung die Bedeutung der Beziehung als Essenz ihrer Tätigkeit. Die professionelle Beziehung wurde dabei mehrfach als Grundlage und Fundament der Betreuungstätigkeit ausgewiesen, wie folgendes Zitat exemplarisch verdeutlicht: »Die professionelle Beziehung – das ist sicher die Grundlage, würde ich einmal sagen, der PB, auf dieser Betreuungsbeziehung baut dann die restliche Arbeit auf, ohne die wird es schwierig bis nicht möglich irgendwie was zu tun« (Betreuer*in, LOK-Studie). Es wird an dieser Stelle ersichtlich, wie weit der Begriff der Beziehungsarbeit im Kontext der PB gefasst wird. Die Beziehung wird als Fundament aller Betreuungsinhalte angesehen und das gemeinsame Arbeiten mit den Klient*innen baut auf der Beziehung zwischen den Betreuer*innen und ihren Klient*innen auf. Als gemeinsamer Nenner und wesentliche Aufgabe im Tätigkeitsfeld der PB wird auch von folgender Fachkraft konkret der Aufbau einer sensiblen, auf die Bedürfnisse der Klient*innen achtenden Beziehung ausgewiesen: »Es ist unterschiedlich, wirklich eine einheitlicheAntwort für desGanze zu finden, aber als Grundlage für die PB sehe ich eine sensible Beziehung und den Beziehungsaufbau« (Betreuer*in, LOK-Studie). Bezogen auf die Gestaltung einer professionellen Beziehung wurden von Betreuer*innen spezifische Anforderungen im Tätigkeitsfeld der PB erlebt. Die Beziehungsarbeit erfordert das Einlassen der Betreuer*innen auf die jeweiligen Lebenswelten und Persönlichkeiten der Klient*innen und gleichzeitig das Ein- Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 111 bringen der eigenen Persönlichkeit in die Betreuungsbeziehung. Als besonders anschaulich stellten sich diesbezüglich folgende Ausführungen einer Fachkraft heraus: »Je mehr man sozusagen als Person hinkommt, umso stärker kann auch die Beziehung werden, umso eher kann man eine Beziehung aufbauen. Ich kann nicht mit einem Rollenbild eine Beziehung aufbauen, also mit einem 100 Prozent Betreuer kann ich keine Beziehung aufbauen […] wirklich eine Beziehung kann ich nur mit einer Person aufbauen. Ich glaube, dass das schon auch sehr wichtig ist, dass einfach eine Person da ist« (Betreuer*in, LOK-Studie). Es wird an dieser Stelle eine bedeutende Unterscheidung getroffen: zwischen der Fachkraft als Person einerseits und ihrer beruflichen Rolle andererseits. Es deutet sich anhand dieser Unterscheidung bereits das Spannungsfeld von Nähe und Distanz an. Eine professionelle Beziehung im Tätigkeitsfeld der PB erfordert von den Fachkräften, sich als ganze Personen auf die Beziehung zu ihren Klient*innen einzulassen und Teile ihrer Persönlichkeit einzubringen. Der persönliche Zugang bezeichnet demnach das authentische Einbringen von persönlichen Perspektiven und Wertvorstellungen der Betreuer*innen in der Beziehung zu ihren Klient*innen, wie auch folgende*r Betreuer*in ausführt: »In diesen Beziehungen, die ich länger habe, finde ich, dass man auch sehr authentisch seinmuss, also, dass es etwas bringt, wennman authentisch ist und gleichzeitig aber schon in der Rolle bleibt. Also die Grenze sehe ich, dass ich mich schon einbringe, dass ich auch einmal sage ›Nein, heute geht es mir schlecht‹, aber das dann auf keinen Fall zum Thema wird« (Betreuer*in, LOK-Studie). Beziehungsarbeit erfordert auch diesem Zitat zufolge einen authentischen Umgang zwischen den Beteiligten. Authentizität meint demnach die Echtheit der Fachkräfte bezogen auf den Umgang mit persönlichen Wahrnehmungen und Empfindungen in den professionellen Beziehungen. Wechselseitige und authentische Beziehungsgestaltung wird den zitierten Ausführungen nach als grundlegendes Qualitätsmerkmal der Tätigkeit angesehen. Wie Abbildung 1 zusammenfassend darstellt, zeichnet sich die Kategorie der Beziehungsarbeit dadurch aus, dass Betreuer*innen den Aufbau einer persönlichen Beziehung zu ihren Klient*innen als essenzielle Grundlage ihrer Tätigkeit ansehen. Daniel Öhlinger 112 Abbildung 1: Die Kategorie der Beziehungsarbeit Sie betonen dabei die Anforderung, als authentische Personen eigene Perspektiven und Empfindungen in die Beziehung einzubringen. Inwiefern Fachkräfte im Kontext dieser Beziehungsarbeit widersprüchlichen Anforderungen gerecht werden müssen und das bereits angedeutete Spannungsfeld von Nähe und Distanz erlebt wird, soll nun folgend dargestellt werden. Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz UmSpannungsfelder der professionellen Beziehungsgestaltung darzustellen, werden im Folgenden Ausführungen interviewter Betreuer*innen analysiert, die widersprüchliche Anforderungen in der Tätigkeit thematisieren und sich auf die Kategorie der Beziehungsarbeit beziehen. Als Indikatoren für ein Spannungsfeld dienen vor allemAussagen, die erforderliche Vermittlungen zwischen verschiedenen Anforderungen behandelten. Das Spannungsfeld, das in diesem Artikel untersucht werden soll, wurde von den interviewten Betreuer*innen als »Nähe-Distanz-Verhältnis« (Betreuer*in) benannt und thematisiert unterschiedliche Gestaltungsformen der professionellen Beziehung. Als Ausgangspunkt des Spannungsfeldes von Nähe und Distanz konnte demnach die Kategorie der Beziehungsarbeit ausgewiesen werden, wie Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 113 im Folgenden näher dargestellt werden soll. DesWeiteren wird anschließend auf Gegenpole des Spannungsfeldes von Nähe und Distanz eingegangen und es werden der Beziehungsarbeit entgegengesetzte Anforderungen des professionellen Handelns aufgezeigt. Als Gegenpole wurden die Abgrenzung der professionellen Beziehung von privaten Beziehungen sowie das Einnehmen distanzierterHaltungen im Sinne der Selbstfürsorge von Fachkräften identifiziert. Ausgangspunkt des Spannungsfeldes: die Kategorie der Beziehungsarbeit Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz thematisiert die jeweilige Gestaltung der Betreuungsbeziehung und den Grad der persönlichen Involvierung der Fachkräfte, wie folgende*r Betreuer*in betont: »Manche Klient*innen brauchen das, dass man sich als Betreuer*in mehr einbringt und mehr initiativ ist und andere Klient*innen brauchen das, dass man ihnen sehr viel Raum lässt und sich zurückhält und das ist eben das Spannende an unserem Beruf, dieses Nähe-Distanz-Verhältnis und diese Beziehungsarbeit« (Betreuer*in, LOK-Studie). Das Spannungsfeld betrifft diesen Ausführungen zufolge unterschiedliche Haltungen, die von Betreuer*innen in der Beziehung zu ihren Klient*innen eingenommen werden. Dabei wird im obigen Zitat zwischen zwei unterschiedlichen Gestaltungsformen professioneller Beziehungen unterschieden: Erstens wird eine Haltung beschrieben, in der sich Betreuer*innen als ganze Personen in die Beziehung zu ihren Klient*innen einbringen. Demgegenüber wird von der zitierten Fachkraft aber zweitens das Einnehmen einer zurückhaltenden Position in dieser Beziehung als Anforderung ihrer Tätigkeit betont. Diese zurückhaltende Position wurde von Betreuer*innen als »distanzierte Beziehung« (Betreuer*in) bezeichnet. Betreuer*innen betonten zudem die Notwendigkeit, in ihrer Praxis eine Balance zwischen diesen unterschiedlichen Beziehungsformen zu finden: »Beziehung kann natürlich unterschiedlich gestaltet sein, ein Schlagwort ist auch immer abgrenzen, das man im sozialen Bereich immer hört, sozusagen Abgrenzung ist wichtig, wenn es dann zu nah wird, es gilt wahrscheinlich irgendwie einen mittleren Bereich zu finden, in dem diese Betreuung stattfindet, eine gewisse Nähe ist sicher die Voraussetzung, aber es ist keine Freundschaft und das funktioniert Daniel Öhlinger 114 manchmal besser, manchmal schlechter, das ist auch unterschiedlich natürlich, abhängig von den Klient*innen« (Betreuer*in, LOK-Studie). Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz bewegt sich diesen Ausführungen nach zwischen den Polen einer persönlichen Beziehungsgestaltung und der Abgrenzung der beruflichen Beziehung von privaten Beziehungen. Die Fachkraft beschreibt dabei die Anforderung, im professionellen Handeln zwischen diesen Polen zu vermitteln und die Beziehungsgestaltung an die individuellen Bedürfnisse der jeweiligen Klient*innen anzupassen. Wie auch in der Kategorie der Beziehungsarbeit wird an dieser Stelle eine persönliche Beziehung zu den Klient*innen als zentrale Anforderung in der Tätigkeit der PB ausgewiesen. Der BegriffDistanz bezieht sich demgegenüber auf das Einnehmen einer abgegrenzten Haltung in dieser Beziehung, in der weniger die Persönlichkeit als die fachliche Rolle der Betreuer*innen im Vordergrund der Beziehungsgestaltung steht. Gegenpol: Abgrenzungen zu privaten Freundschaftsbeziehungen Betreuer*innen wiesen im Spannungsfeld von Nähe und Distanz insbesondere die Abgrenzung der Betreuungsbeziehung von Freundschaftsbeziehungen als bedeutend aus. Diesbezügliche Erfahrungen schildert auch folgende*r Betreuer*in: »Manche Klient*innen, es kommt natürlich vor, es können sich Gefühle entwickeln, da muss man halt schauen, dass man da wieder ein bisschen auf Distanz geht. Es ist halt immer eine Gratwanderung zwischen Professionalität, aber man muss auch bisschen was zulassen. Sonst geht nichts miteinander. Es ist nicht leicht, aber ich glaube, da muss man für sich selber entscheiden, was bin ich bereit von mir herzugeben und was ist mein Eigenes« (Betreuer*in, LOK-Studie). Das Spannungsfeld wird in diesen Ausführungen als Balanceakt zwischen dem Einbringen der eigenen Persönlichkeit und dem Herstellen von Distanz in der Beziehung beschrieben. Distanz bedeutet in diesem Kontext eine situativ überlegte Haltung der Betreuer*in, in der sie*er wenig von sich selbst als Person offenlegt. Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz behandelt demnach die Frage, in welchem Ausmaß Betreuer*innen sich als Personen in die Beziehung einbringen und inwiefern sie sich in der Beziehung als Privatperson abgrenzen. Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 115 Im professionellenUmgangmit dem Spannungsfeld betonten Betreuer*innen die Bedeutung der Authentizität im professionellen Handeln. Professionalität wird dabei als das authentische Einbringen von persönlichen Bedürfnissen und Grenzen in die Betreuungsbeziehung angesehen, wie auch folgende*r Betreuer*in in der Auseinandersetzung mit dem Thema der Abgrenzung von Betreuungsbeziehungen schildert: »Betreuung ist eben schon eine persönliche Beziehung, aber es ist keine private Beziehung und somit kann ich immer sagen ›Okay, ich bin hier als Betreuer*in, ich möchte nicht meine Privatsachen besprechen‹ oder ich gebe zum Beispiel auch wenig von mir selber preis, wenn es nicht passt und das gibt mir auch einen gewissen Schutz, eine gewisse Anonymität, obwohl die Klient*in natürlich weiß, wer ich bin, aber dass ich sozusagen das selber auch entscheiden kann, wie viel ich sozusagen als Person da bin oder wie viel ich als Betreuer*in da bin« (Betreuer*in, LOK- Studie). Die Betreuer*in schildert an dieser Stelle eine konkrete Bewältigungsstrategie im Spannungsfeld von Nähe und Distanz anhand des authentischen Einbringens ihrer*seiner eigenen Bedürfnisse und dem klaren Aufzeigen von Grenzen der Betreuungsbeziehung. Während im vorangegangenen Abschnitt Authentizität im Kontext der Beziehungsarbeit vorwiegend im Sinne einer persönlichen und nahen Beziehungsgestaltung an Bedeutung gewann, wird sie an dieser Stelle als professionelleHaltung zurHerstellung vonDistanz verstanden. Authentizität ermöglicht Betreuer*innen das Einnehmen einer vermittelnden Position zwischen den Gegenpolen einer persönlichen Beziehungsgestaltung und der Abgrenzung der Betreuungsbeziehung. Gegenpol: Selbstfürsorge Das Einnehmen einer distanzierten und situativ überlegten Haltung wird im obigen Zitat zusätzlich im Kontext der Selbstfürsorge der Fachkräfte verortet. Dem folgend kann die Selbstfürsorge von Fachkräften als weiterer Gegenpol zur persönlichen Beziehungsarbeit im Spannungsfeld von Nähe und Distanz ausgewiesen werden, wie auch folgende*r Betreuer*in schildert: »Um lang arbeiten zu können, ist diese gute Mischung wichtig, die muss aber immer nachjustiert werden, zwischen Nähe und Distanz zu Klient*innen. Nähe, dort Daniel Öhlinger 116 wo [die Betreuer*innen] auch versuchen, mehr an eine Entwicklung anzustoßen. Distanz, dort wo es gerade nicht geht oder wo es schwierig wird, damit wir uns auch ein Stück weit schützen, denn wir kriegen auch eine Menge ab« (Betreuer*in, LOK-Studie). Das Einnehmen einer distanzierten Haltung wird von der*dem Betreuer*in als notwendiger Schutz gegenüber der persönlichen Beziehungsgestaltung angesehen. Das Spannungsfeld behandelt ihr*ihm zufolge das Finden eines guten Verhältnisses zwischen den Polen einer persönlichen Beziehungsgestaltung und dem Einnehmen distanzierter Haltungen im Sinne der Selbstfürsorge. Distanz im Kontext der Selbstfürsorge wurde von Betreuer*innen als das Einnehmen einer situativ überlegten Haltung ausgewiesen, die das Wahrnehmen, Einhalten und Einbringen persönlicher Grenzen in die Betreuungsbeziehung ermöglicht. Selbstfürsorge erfordert von Fachkräften der PB das Reflektieren eigener Grenzen und das klare Deklarieren und Aufzeigen dieser gegenüber den Klient*innen: »Dass ich auch wirklich meine eigenen Grenzen spüre und die auch ernst nehme und sage ›Ja, aber für mich geht das nicht‹« (Betreuer*in, LOK-Studie). Neben der Beachtung ihrer Grenzen betonten Betreuer*innen ebenso die Bedeutung des authentischen Einbringens ihrer persönlichen Bedürfnisse und ihrer subjektiven Empfindungen in ihrer Tätigkeit: »Ich für mich merke da einfach, dass ich mich da mehr auf mein Gespür verlassen möchte, weil das sagt einem eh ziemlich genau und dann auch einfach einmal wenn ich merke ahm ›Uah, da fühle ich mich unwohl‹ […] und einfach auch mir das immer wieder zu sagen, dass ich auch das Recht habe, nicht zu einer Klient*in zu gehen und auch eine Klient*in abzulehnen« (Betreuer*in, LOK-Studie). Professionalität im Kontext der Selbstfürsorge kann diesen Ausführungen nach als authentisches Handeln verstanden werden, das persönliche Grenzen achtet und die Betreuungsbeziehung den eigenen Bedürfnissen entsprechend gestaltet. Die Kategorie der Authentizität kann hierbei erneut als zentrale Haltung des professionellen Handelns im Spannungsfeld von Nähe und Distanz ausgezeichnet werden. Sie erhält einerseits in der Gestaltung persönlicher Beziehungen Bedeutung, ermöglicht andererseits Fachkräften auch das Einbringen ihrer eigenen Bedürfnisse in die Betreuungsbeziehung und das Einnehmen distanzierter Beziehungsformen im Kontext ihrer Selbstfürsorge. Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 117 Abbildung 2: Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz Wie Abbildung 2 zusammenfassend darstellt, gründet das Spannungsfeld von Nähe und Distanz einerseits in der Anforderung einer persönlichen Beziehungsgestaltung, in der Betreuer*innen als ganze Personen agieren und ihrer Persönlichkeit entsprechend die Beziehung zu ihren Klient*innen gestalten. Andererseits betonten Betreuer*innen aber die Anforderungen der Einnahme einer distanziertenHaltung, um die professionelle Beziehung zu privaten Beziehungen abzugrenzen und sich im Sinne ihrer Selbstfürsorge als Personen zu schützen. Nähe wurde dabei als spezifische Anforderung der Beziehungsarbeit ausgewiesen, die das Eingehen persönlicher Beziehungen zwischen den Betreuer*innen und ihren Klient*innen ins Zentrum des professionellen Handelns rückt. Distanz als Gegenpol des Spannungsfeldes wird demgegenüber insbesondere im Kontext der Abgrenzung des Tätigkeitsfeldes zu privaten Beziehungsformen und der Selbstfürsorge in der Tätigkeit als Anforderung erlebt. Die Vermittlung zwischen diesen widersprüchlichen Anforderungen in der Beziehungsarbeit stellte für die interviewten Betreuer*innen eine zentrale Herausforderung ihrer professionellen Praxis dar. Als Bewältigungsstrategie des Spannungsfeldes wiesen sie authentisches Handeln entsprechend ihrer persönlichen Bedürfnisse und Grenzen in der Beziehung zu ihren Klient*innen aus. Authentizität konnte demnach als wesentlicher Aspekt professioneller Beziehungsarbeit dargestellt werden, welche die Gestaltung sowohl persönlicher als auch distanzierter Beziehungsformen ermöglichte und zur Vermittlung zwischen diesen Gegenpolen beitrug. Daniel Öhlinger 118 Professionstheoretische Diskussion der Ergebnisse Inwiefern das hier herausgearbeitete Spannungsfeld und die professionelle Beziehungsgestaltung in bisherigen professionstheoretischen Forschungen behandelt wurde, soll nun diskutiert werden. Spannungsfelder der professionellen Beziehungsgestaltung Bereits Oevermann (1996) betont in seinem strukturtheoretischen Professionsverständnis die Bedeutung der Beziehung zwischen den Akteur*innen professioneller Tätigkeitsfelder. Ihm zufolge ist die Rolle von professionell Tätigen durch die Schwierigkeit gekennzeichnet, dass diese weder so diffus sein kannwie eine private Beziehung, in der die ganze Person der Professionellen involviert ist, noch so spezifisch, dass sie nur auf die Lösung bestimmter Probleme bezogen bleibt. Beziehungen sollen in professionellen Tätigkeitsfeldern einerseits auf die Ganzheit einer Person ausgerichtet sein, gleichzeitig aber auch eine funktionale und rollenförmige Sozialbeziehung darstellen. Für Oevermann (ebd.) macht die Aufrechterhaltung dieser beiden widersprüchlichen Beziehungsformen eine grundlegende Strukturlogik professionellen Handelns aus. Er spricht in seinen Ausführungen diesbezüglich auch von der »Nähe-Distanz-Problematik« (ebd., S. 13), die als charakteristisch für professionelle Tätigkeitsfelder angesehen werden kann. Auch Combe und Helsper (2002) weisen als zusammengefasstes Ergebnis empirischer Forschungen zur professionellen Beziehungsgestaltung die Notwendigkeit einer Praxis aus, welche die Ausbalancierung starker Näheorientierung und emotionalen Engagements mit reflexiver Distanz und Selbstbegrenzung professionell verbindet. Als aktueller Beitrag der sozialpädagogischen Professionalitätsforschung zur Aufarbeitung dieses Spannungsfeldes konnte bereits in der Einleitung die Studie Soziale Arbeit als Beziehungsprofession (2017) von Gahleitner erwähnt werden. Der vorliegende Beitrag lieferte übereinstimmende Ergebnisse bezüglich der Bedeutung professioneller Beziehungsgestaltung in psychosozialen Feldern und in diesem Kontext erlebter Spannungsfelder. Konform zu Gahleitners wie auch Oevermanns Ausführungen wiesen auch die interviewten Fachkräfte das Spannungsfeld zwischen einer persönlichen Beziehungsgestaltung und dem Einnehmen distanzierter Haltungen als essenziell in ihren beruflichen Selbstkonzepten aus. Die Ausbalancierung dieser scheinbar gegensätzlichen Pole stellte einen zentralen Bestandteil ihrer Beziehungsarbeit dar. Als Professionalität wurde von den Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 119 Betreuer*innen dabei authentischesHandeln imUmgangmit diesem Spannungsfeld verstanden. Authentizität ermöglichte es ihnen, zwischen widersprüchlichen Anforderungen zu vermitteln und dabei sowohl persönliche Beziehungen einzugehen als auch diese Beziehungen abzugrenzen und im Sinne ihrer Selbstfürsorge eigene Bedürfnisse einzubringen. Selbstfürsorge als Aspekt professioneller Beziehungen Es muss an dieser Stelle festgehalten werden, dass in den bisher genannten Professionstheorien und in diesbezüglichen empirischen Forschungen der Aspekt der Selbstfürsorge und damit einhergehende Anforderungen des professionellen Handelns weitgehend unberücksichtigt blieben. So wurden weder in Gahleitners professionstheoretischen Ausführungen noch in Oevermanns Professionsverständnis die Selbstfürsorge von Fachkräften als Ausgangspunkte von Spannungsfeldern im professionellen Handeln aufgegriffen. Oevermann (1996) weist das Einnehmen einer distanzierten Haltung insbesondere als bedeutend aus, um professionell Tätigen die Anwendung fachlicher Techniken – und zwar losgelöst vompersönlichenUmgangmit Klient*innen – zu ermöglichen.Demgegenüber erlebten Persönliche Betreuer*innen das Einnehmen einer distanzierten Haltung in der Beziehung aber nicht nur als fachliche Notwendigkeit, sondern vielmehr als Anforderung des professionellen Handelns im Sinne ihrer Selbstfürsorge. Der vorliegende Beitrag konnte diesbezüglich die Selbstfürsorge als Aspekt professioneller Beziehungsgestaltung sowie als Gegenpol zur persönlichen Beziehungsarbeit im Spannungsfeld von Nähe und Distanz verorten. Der Begriff der Selbstfürsorge erhält im wissenschaftlichen Diskurs insbesondere in den Forschungsfeldern der Burnout-Prävention und Resilienz-Forschung an Bedeutung (vgl. Skovholt &Trotter-Mathison, 2016). Bezugnehmend auf das Tätigkeitsfeld der Psychotherapie plädieren Hoffmann und Hofmann in ihrer Arbeit Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater (2012) dafür, die Selbstfürsorge neben der Inhalts- und Beziehungsebene als dritte Ebene psychotherapeutischen Handelns zu etablieren. Selbstfürsorgliches Handeln soll der fürsorglichen Steuerung des eigenen Verhaltens und der Befindlichkeit der Fachkräfte dienen (vgl. ebd.). AuchHoffmann (2015) beschreibt die Selbstfürsorge als notwendige Voraussetzung psychotherapeutischer Arbeit. Sie vergleicht in ihrem Artikel »Selbstfürsorge und ihre Bedeutung für die musiktherapeutische Haltung« (ebd.) musik- und psychotherapeutische Haltungen mit Foucaults (1989) Ethik der Selbstfürsorge. Selbstfürsorge beeinflusst ihr zufolge die Beziehungs- Daniel Öhlinger 120 gestaltung von Menschen grundlegend, da die Fähigkeit, sich mit anderen zu beschäftigen, aus der Beschäftigung mit sich selbst erwächst (vgl. Hoffmann, 2015). In Anlehnung an Foucaults Ausführungen definiert sie den Begriff der Selbstfürsorge wie folgt: »Selbstfürsorge heißt jene Haltung sich selbst gegenüber, die dasWahr- und Ernstnehmen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse und in der Folge einen liebevollen, wertschätzenden, achtsamen und mitfühlenden Umgang mit sich selbst als Ganzes erlaubt. Sie hat sowohl einen nach innen gerichteten Aspekt (achtsam auf sich schauen, wahrnehmen, Selbsterkenntnis) als auch einen nach außen gerichteten (handeln und gestalten im Sinne der Selbstfürsorge), die sich gegenseitig beeinflussen« (ebd., S. 36). Betrachtet man diese Definition im professionstheoretischen Kontext dieses Beitrags, zeigen sich Überschneidungen zu den beruflichen Selbstkonzepten Persönlicher Betreuer*innen. Die Selbstfürsorge wurde einerseits als nach innen gerichteter Prozess beschrieben, in dem das Reflektieren der eigenen Bedürfnisse und Grenzen in der Tätigkeit Bedeutung erhielt; andererseits wurde das nach außen gerichtete und authentische Einbringen dieser subjektiven Empfindungen in die Betreuungsbeziehung als professionelle Haltung im Umgang mit dem Spannungsfeld von Nähe und Distanz ausgewiesen. Professionelle Beziehungsgestaltung im Sinne der Selbstfürsorge erfordert demnach von Fachkräften, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und Befindlichkeiten wahrnehmen und diese authentisch in die Betreuungsbeziehung einbringen. Ein solches Professionalitätsverständnis deuten auch Randall und Munro in ihrem Beitrag »Foucault’s Care of the Self: A Case from Mental Health Work« (2010) an. Sie diskutieren darin eine Entwicklungsaufforderung an aktuelle Konzepte der psychiatrischen Gesundheitsversorgung und nehmen wie Hoffmann (2015) Bezug auf Foucault, der Selbstfürsorge als ethisches Prinzip beschreibt. Selbstfürsorge umfasst ihm zufolge die Auseinandersetzung mit eigenen Emotionen, Bedürfnissen und Leidenschaften und den Aufbau einer aktiven Beziehung zu sich selbst, welche die Entwicklung selbstbestimmter und eigenverantwortlicher Lebensstile ermöglicht (vgl. Foucault, 1989). Foucault versteht Selbstfürsorge in Tradition der griechisch-römischen Antike in erster Linie als einen gemeinschaftlichen Prozess, der die Unterstützung von sozialen Bezugspersonen in wechselseitigen Beziehungsgestaltungen erfordert. Eine solche Unterstützung wird von ihm aber nicht als Expertise verstanden, sondern als gleichgestellter Austausch zwischen den beteiligten Personen (vgl. Randall & Munro, 2010). Dem übereinstimmend be- Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 121 tonten auch Praktiker*innen psychiatrischer Einrichtungen in der Untersuchung von Randall und Munro die Notwendigkeit psychiatrischer Betreuungskonzepte, die auf gleichberechtigten und wechselseitigen Beziehungen basieren (vgl. ebd.). Komplementär zu diesen Ergebnissen beschreibt auch Topor in seinen vorangegangenen Ausführungen (vgl. Topor in diesem Band) die wechselseitige und persönliche Beziehungsgestaltung als essenziellen Aspekt einer recovery-orientierten professionellen Praxis. Dem folgend plädiert er dafür, professionelles Handeln als gleichberechtigte Beziehungsgestaltung zwischen Fachkräften und ihren Klient*innen anzusehen. Unter Bezugnahme auf Foucaults Ausführungen zur Selbstfürsorge lässt sich ein solches Professionalitätsverständnis strukturtheoretisch beschreiben. Professionelle Beziehungen können ihm folgend als authentischer Austausch von Akteur*innen im Sinne der Unterstützung ihrer Selbstfürsorge verstanden werden. Professionelle Soziale Arbeit stellt in diesem Kontext eine wechselseitige Beziehung dar, in der Fachkräfte ihre persönlichen Empfindungen einbringen und als selbstfürsorgliche Personen ihre Klient*innen bei der Etablierung selbstbestimmter Lebensstile unterstützen. Insbesondere in solchen wechselseitigen und persönlichen Beziehungsgestaltungen kann den beruflichen Selbstkonzepten Persönlichen Betreuer*innen folgend das Spannungsfeld von Nähe und Distanz als wesentliche Herausforderung professioneller Praxis ausgewiesen werden. Wenn aktuelle Professionstheorien die persönliche Beziehung und daraus resultierende Spannungsfelder als zentrale Strukturen professionellen Handelns beschreiben (vgl. Gahleitner, 2017), ist es diesem Beitrag folgend notwendig, die Selbstfürsorge als Aspekt professioneller Beziehungsgestaltung zu berücksichtigen und sie als wesentliche Anforderung der professionellen Praxis sozialer Tätigkeitsfelder zu verstehen. Schlussfolgerung Dieser Beitrag konnte die Kategorie der Beziehungsarbeit als zentralen Aspekt beruflicher Selbstkonzepte von Persönlichen Betreuer*innen ausweisen. Die interviewten Fachkräfte wiesen als Essenz ihrer Tätigkeit den Aufbau einer persönlichen Beziehung zu ihren Klient*innen aus, in der sich alle Beteiligten auf authentische Weise als ganze Personen einbringen können. Ausgehend von diesem essenziellen Aspekt ihrer Tätigkeit wurden von Betreuer*innen aber ebenso widersprüchlicheAnforderungen improfessionellenHandeln erlebt. So beschrieben sie es als notwendig, die professionelle Beziehung zu privaten Beziehungen abzugrenzen und distanzierte Positionen im Sinne ihrer Selbstfürsorge einzu- Daniel Öhlinger 122 nehmen. Betreuer*innen bezeichneten das Verhältnis dieser widersprüchlichen Anforderungen als charakteristisches Spannungsfeld ihrer Tätigkeit und wiesen einen authentischen Umgang mit ihren persönlichen Bedürfnissen als professionelle Haltung aus, welche die Vermittlung zwischen nahen und distanzierten Beziehungsformen mit ihren Klient*innen ermöglicht. In der Diskussion der Ergebnisse konnte dieses Spannungsfeld auch in professionstheoretischen und empirischen Forschungen zur Beziehungsgestaltung in professionellen Tätigkeitsfeldern als essenzielle Herausforderung der Praxis herausgestellt werden. Während in den zitierten professionstheoretischen Forschungen eine distanzierte Beziehungsgestaltung jedoch vorwiegend als fachliche Notwendigkeit angesehen wurde, erhielt das Spannungsfeld von Nähe und Distanz in den beruflichen Selbstkonzepten Persönlicher Betreuer*innen insbesondere im Kontext ihrer Selbstfürsorge an Bedeutung. Den Ergebnissen dieses Beitrags folgend scheint es notwendig, die Selbstfürsorge von Fachkräften als essenziellen Aspekt der Professionalität sozialer Tätigkeitsfelder zu verstehen und diese in weiterführende Professionsverständnisse und Forschungen zur professionellen Beziehungsgestaltung einzubeziehen. Dabei wäre besonders interessant zu untersuchen, welche Bedeutung die Selbstfürsorge in unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern Sozialer Arbeit einnimmt, inwiefern Fachkräfte widersprüchliche Anforderungen des professionellen Handelns im Sinne ihrer Selbstfürsorge erleben und welche Bewältigungsstrategien sie diesbezüglich im Umgang mit diesen Spannungsfeldern entwickeln. Literatur Combe, A. &Helsper,W. (2002). Professionalität. InH.Otto, P. Rauschenbach&P. Vogel (Hrsg.), Erziehungswissenschaft. Professionalität und Kompetenz. Erziehungswissenschaft in Studium und Beruf (S. 29–47). Wiesbaden: Springer. Dahm, R. & Kunstreich, T. (2013). Ungewissheit und Ohnmacht: Professionelle Beziehungskompetenz in der Sozialen Arbeit. In P. Gromann (Hrsg.), Schluüsselkompetenzen für die psychiatrische Arbeit. Fuldaer Schriften zur Gemeindepsychiatrie 3 (S. 15–42). Köln: Psychiatrie Verlag. Foucault, M. (1989). Die Sorge um sich. Sexualität undWahrheit 3. Frankfurt: Suhrkamp. Gahleitner, S.B. (2017). Soziale Arbeit als Beziehungsprofession. Bindung, Beziehung und Einbettung professionell ermöglichen.Weinheim, Basel: Beltz. Hoffmann, S. (2015). Selbstfürsorge und ihre Bedeutung für die musiktherapeutische Haltung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Hoffman, N. & Hofmann, B. (2012). Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater.Weinheim, Basel: Beltz. Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz 123 Lutz, T. (2010). Soziale Arbeit im Kontrolldiskurs. Jugendhilfe und ihre Akteure in postwohlfahrtstaatlichen Gesellschaften. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Oevermann, U. (1996). Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In A. Combe & W. Helsper (Hrsg.), Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns (S. 70–182). Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Öhlinger, D. (2019). Professionelles Handeln in Spannungsfeldern: Eine gegenstandsbezogene Theorie zur Struktur beruflicher Selbstkonzepte von Fachkräften in der Persönlichen Betreuung.Wien: Universität Wien. Randall, J. & Munro, I. (2010). Foucault’s Care of the Self: A Case from Mental Health Work. Organization Studies, 39(11), 1485–1504. https://doi.org/10.1177/0170840610380809 Schütze, F. (1996). Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkung auf die Paradoxien des professionellen Handelns. In A. Combe & W. Helsper (Hrsg.), Pädagogische Professionalität (S. 183–275). Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Skovholt, T.M. & Trotter-Mathison, M. (2016). The resilient practitioner: Burnout and compassion fatique prevention and self-care strategies for the helping professions. 3. Aufl. London, New York: Routledge. Urban, U. (2004). Professionelles Handeln zwischen Hilfe und Kontrolle. Sozialpädagogische Entscheidungsfindung in der Hilfeplanung.Weinheim, München: Juventa. Biografische Notiz Daniel Öhlinger, MA, ist als Bildungswissenschaftler und psychosozialer Betreuer beim Verein Starthilfe inWien tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der psychosozialen Unterstützung von Menschen mit Psychose-Erfahrungen. Seine Forschungsinteressen behandeln Fragen der Professionalität sozialer Arbeit. Kontakt: oehlinger.daniel@gmx.at Daniel Öhlinger 124 Teil III: Einblicke Verbunden in Verschiedenheit Reflexionen über Geschichte, Trauma, Psychotherapie und die Betreuung durch den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer Im Zentrum der folgenden drei Beiträge steht eine Erzählung von und über Reiner Schwalbe – ein Pseudonym. Es werden dort eine Phase aus seiner Lebensgeschichte und Erfahrungen geschildert, denen er entscheidende Bedeutung für die Entwicklung seiner Biografie zuschreibt. Sehr eindrücklich beschreibt und reflektiert er in einer ihm eigenen Sprache Zusammenhänge zwischen traumatisierenden Erfahrungen in unterschiedlichen Lebensphasen, Fremd- und Selbstzuschreibungen psychischer Krankheit und Erfahrungen des Unterworfen- und Gedemütigt-Werdens als Mensch, der von gesellschaftlichen Institutionen und ihren Repräsentant*innen als psychisch krank wahrgenommen und definiert wurde. Ebenso eindrucksvoll schildert er, was ihm ermöglicht hat, diese Erfahrungen hin zu einem besseren Leben zu überwinden. Christine Eggenhofer, die langjährige Psychotherapeutin von Herrn S., ergänzt seine Darstellung mit Überlegungen zur Traumatherapie, Biografiearbeit und Kommunikation. Werner Lausecker, der langjährige LOK-Betreuer vonHerrn S., beschreibt zu Beginn den Entstehungsprozess der vorliegenden drei Beiträge, reflektiert Erfahrungen aus der Betreuungsbeziehung und verbindet damit literarische und historische Kontextualisierungen. 127 »Man geht schlecht ummit geschriebenenWorten«1 – Über das Sprechen und Schreibenmit eigener Stimme angesichts von Trauma und Gewalterfahrungen Werner Lausecker »Auf drei Dingen beruht die Welt: auf Wahrheit, auf Gerechtigkeit und auf Liebe.« Rabban Schimon ben Gamliel (zit n. Torberg, 2006, S. 5) Die hier gewählte Form der Beiträge ist das Ergebnis eines Erarbeitungsprozesses, der eine grundlegende Veränderung des ursprünglichen Konzepts mit sich brachte. Geplant war ein gemeinsamer Beitrag von Christine Eggenhofer, mir und Reiner Schwalbe, mit dem ich seit mehr als sieben Jahren als einziger Betreuer im Rahmen der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag durch den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus zusammenarbeite. In diesem Beitrag sollte das Zusammenwirken von Herrn S., seiner Psychotherapeutin und der LOK-Betreuung in den vergangenen Jahren gemeinsam reflektiert werden. In einer Reihe von gemeinsamenGesprächen, die wir auch protokollierten, erörterten die Beteiligten zu dritt Ressourcen und Probleme der unterstützenden Kooperation von Herrn S., der Psychotherapie und der LOK-Betreuung. Diese unterstützende Kooperation verlief über die Jahre in getrennten sozialen Settings, wurde jedoch durch Herrn S. kommunikativ verbunden. In Psychotherapie und Betreuungen besprachHerr S. auch Erfahrungen aus dem jeweils anderen Setting. Als Ressource erwies sich zudem, dass ich Herrn S. in den letzten ein bis zwei Jahren bei Krisen und Problemen in der Betreuungsbeziehung auf die Einladung von ihm und Christine Eggenhofer hin zu einzelnen Therapiestunden begleitete, um Lösungen zu suchen und zu finden. Diese wenigen gemeinsamen Psychotherapieeinheiten nahmen die Gestalt einer Mediation an, die zusätzliche Unterstützung zum bewährten Instrumentarium der LOK-Teams bot, bei denen sich alle vier bis sechs Wochen die Klient*innen, die Betreuer*innen, die mit dieser Klientin oder diesem Klienten arbeiten, und die*der jeweilige Teamleiter*in treffen.2 Im Rahmen dieser Teamtreffen können alle Themen der 1 Zitat aus Torberg (2006, S. 47). 2 Ich danke dem langjährigen und gegenwärtigen Teamleiter Georg Heilingsetzer sowie Thomas Bendl als Teamleiter-Karenzvertretung 2015/2016 und Florian Daill als Teamleiter-Karenzvertretung 2019 für die sehr gute Kooperation; Georg Heilingsetzer danke Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 128 LOK-Betreuung wie auch Probleme und Krisen besprochen und weiterentwickelt werden. In der Arbeit mit Herrn S. habe ich es als besondere Ressource erlebt, dass LOK-Betreuungsbeziehungen keiner vorgegebenen zeitlichen Befristung unterworfen sind, sofern der fortbestehende Betreuungsbedarf im Rahmen des Teilbetreuten Wohnens vom Fonds Soziales Wien (FSW) anerkannt wird. Diese konzeptionelle Besonderheit des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus hat mir in den vergangenen Jahren ermöglicht, viel in der Beziehung mit Herrn S. zu lernen. Indem ich ihn auf seinem Weg zu einer besseren sozialen Absicherung begleitet habe, konnte ich aber auch meine sozialrechtlichen Kenntnisse deutlich weiterentwickeln. Im Zentrum der Arbeit des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus stehen die Betreuungsbeziehungen mit den jeweiligen Klient*innen. Die Mitarbeiter*innen haben unterschiedliche psychosoziale Ausbildungen, nur wenige unter ihnen sind ausgebildete Sozialarbeiter*innen, obwohl unsere Betreuungstätigkeit auch viele sozialarbeiterische Dimensionen umfasst. Ich selbst bin Historiker und Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision. Die Diversität der LOK-Mitarbeiter*innen erlebe ich als besonders wertvolle Ressource in den Beziehungen zu Klient*innen und im kollegialen Kontakt. In der Arbeit mit Herrn S. konnte ich die für mich prägende Erfahrung machen, dass sozialarbeiterische Aktivitäten und die Gestaltung der Betreuungsbeziehung keine klar unterscheidbaren oder gar gegeneinander stehende Dimensionen der LOK-Betreuungsarbeit sind. In meinerWahrnehmung festigte und stärkte es die Betreuungsbeziehung, über viele rechtliche und institutionelle Schwierigkeiten hinweg gemeinsam eine bessere soziale Absicherung fürHerrn S. zu erwirken. Die Schritte dorthin waren gemeinsame Lernerfahrungen und ein gemeinsamer Kompetenzerwerb, ganz im Sinn des LOK-Grundgedankens der Hilfe undUnterstützung zur Selbsthilfe und Selbstständigkeit.Mit dem jahrelangen gemeinsamen Ringen um eine bessere soziale Absicherung für Herrn S. war nach meinerWahrnehmung auch eine sich fortwährend vertiefende Beziehungsund Bindungserfahrung – und dies, wie ich hoffe, auch fürHerrn S. – verbunden, ich auch ganz herzlich für weiterführende Gedanken und detaillierte Anmerkungen zum Text von Herrn S. und zu meinem Text. Danke auch Evelyn Niel-Dolzer und Thomas Stephenson für ihre Rückmeldungen zum vorliegenden Text. Ebenso danke ich Christine Eggenhofer, Tina Obermayr und Oliver Koenig für die gute Kooperation in der Erarbeitung dieses Beitrags. Herrn S. möchte ich für all das Danke sagen, was ich in der Beziehung mit ihm erfahren und auch hinzulernen konnte und kann; ebenso für die gute Kooperation und denweiterführenden Konflikt in der Erarbeitung dieses Beitrags! Verbunden in Verschiedenheit 129 ein »gemeinsam durch dick und dünn gehen«, so vertrauensbildend wie eine zusammen bewältigte Bergtour oder eine andere fordernde soziale Erfahrung, in der viel auf dem Spiel steht. Diese Erfahrung fand ich auch in anderen LOK-Betreuungsbeziehungen bestätigt. Gerade in Beziehungen mit Menschen, die traumatisierende familiäre, institutionelle und/oder andere Formen derGewalt erlebt haben, kann es zu einer beziehungsstärkenden und stabilisierenden Erfahrung werden, Autonomie und Kontrolle wiederzuerlangen und, wenn gewünscht, jemanden verlässlich und sicher an seiner Seite zu wissen. Judith Herman (2003) bezeichnet das als »eine heilende Beziehung« (vgl. ebd., S. 183ff.) und »eine sichere Umgebung« (vgl. ebd., S. 225ff.) schaffen. Sie unterscheidet idealtypisch drei Phasen der Genesung nach traumatisierenden Erfahrungen: erstens die Wiederherstellung von Sicherheit, zweitens Erinnern und Trauern sowie drittens die »erneute Einbindung in das soziale Gefüge« nach der stigmatisierten Isolation. Dabei hebt sie hervor, dass es wichtig ist, sich den Genesungsprozess als »Spirale« vorzustellen, »da die Anfangsprobleme ständig wiederkehren« können (ebd., S. 215f.). Herman entwickelt ihre Perspektiven im Hinblick auf Psycho- und Traumatherapie und markiert die Einzigartigkeit der therapeutischen Beziehung, betont aber auch: »die Beziehung zwischen Opfer und Therapeut ist nur eine unter vielen. Sie ist keineswegs der einzige Kontakt und oft nicht einmal die Beziehung, die ammeisten zur Genesung des Opfers beiträgt« (ebd., S. 185). Diese Erfahrung der Vertiefung des Vertrauens und der Beziehungsstärkung mit Herrn S. setzte sich für mich darin fort, wie ich und der Verein LOK Leben ohne Krankenhaus Herrn S. dabei unterstützen konnten, erst seinen Sachwalter (nach gegenwärtigem österreichischen Recht nun: Erwachsenenvertreter) zu wechseln und später bei Gericht – in Kooperation mit dem neuen Sachwalter – eine Aufhebung der Sachwalterschaft zu bewirken. Der engagierte neue Sachwalter – bis zur Beendigung der Sachwalterschaft – ermöglichte dann gemeinsam mit und für Herrn S. auch, entscheidende juristische Schritte zu seiner sozialen Absicherung zu unternehmen. All dieseErfahrungenundSchrittewurdenüberdie JahredurchdiePsychotherapie von Herrn S. bei Christine Eggenhofer begleitet. Anstelle der ursprünglich geplanten gemeinsamen Reflexion von Herrn S., Christine Eggenhofer und mir über die zurückliegenden Jahre und die wechselseitige Kooperation finden Leser*innen nun auf den folgenden Seiten einen Text von Herrn S., der seine Sicht auf eine Phase seines Lebens in seiner Sprache zum Ausdruck bringt. Diese konzeptionelle Veränderung ist auch das Ergebnis einer Konflikterfahrung in der gemeinsamen Erarbeitung dieses Beitrags. Ichmachte Anmerkungen undÜberar- Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 130 beitungsvorschläge zu Textteilen vonHerrn S. für den geplanten Beitrag, die nach meiner Absicht und Wahrnehmung einer noch besseren Lesbarkeit dienen sollten. Für Herrn S. wurden diese Anmerkungen zu der erschütternden Erfahrung, dass ich über all die Jahre doch nichts von seiner Geschichte verstanden hätte. Wo ich für den begrenzten Rahmen des geplanten gemeinsamen Beitrags Veränderungen im Sinne der Verständlichkeit und Komplexitätsreduktion vorschlagen wollte, spiegelte sich für Herrn S. blankes Unverständnis wider, das sein Vertrauen inmich undmeineVerständnisfähigkeit zutiefst erschütterte. Fürmich wurde mit dieser Beziehungs- und Vertrauenskrise eine konzeptionelle Schwäche unseres ursprünglichen Plans für diesen Beitrag sichtbar. Eine existenzielle Grunderfahrung von Herrn S. in der Beschreibung seiner Lebensgeschichte ist das Erleben, als Mensch, der als psychisch krank angesehen wird, Bedingungen unterworfen zu sein, die nicht unter seiner Kontrolle sind, und seiner Rechte beraubt zu werden. Das weiterführende und Weiterentwicklung ermöglichende »Andere« zu dieser Erfahrung ist nicht nur das Erarbeiten einer gemeinsamen Sicht mit wohlmeinenden Angehörigen der helfenden Berufe. Es geht vielmehr darum, mit eigener Stimme, mit seiner Stimme, zu sprechen, zu widersprechen! Lynn Hoffman hat mit Bezug auf Michel Foucault vom »Kolonialismus der helfenden Berufe« gesprochen und geschrieben (vgl. Hoffman, 1996, S. 135ff.). Das vorliegende Buch, in dem nun auch Herr S. mit seiner Stimme zu Wort kommt, zeigt auf, dass gelingende Psychotherapie und Betreuung auf dem gemeinsamen, entscheidendenWirkfaktor der guten und gelingenden Beziehungserfahrung aufbauen. In diese Gemeinsamkeit von Psychotherapie und Betreuung sind aber auch die gemeinsamen Risiken eingeschrieben, denen Lynn Hoffman mit einer reflexiven Haltung und Kultur, die sie am Beispiel der Psychotherapie beschreibt, begegnenmöchte:»Therapeuten jeglicherOrientierung [müssen] nun untersuchen […], in welcherWeise Beziehungen von Herrschaft und Unterwerfung den Grundprämissen ihrer eigenen Praxis innewohnen« (ebd., S. 137). Diese Forderung zur Bewusstseinsbildung »verschont weder die marxistischen Therapeuten, bloß weil sie die Streiter für die Armen sind, noch die feministischen Therapeutinnen und Therapeuten, weil sie die Interessen der Frauen verteidigen, noch die spirituell orientierten Therapeuten, weil sie jenseitigen Idealen folgen. Diese therapeutischen Diskurse können die gleichen kolonialen Vorannahmen in sich tragen wie medizinische Ansätze. Sie alle können diskriminierende Unterstellungen über Persönlichkeitsdefizite verkörpern. Sie alle können dem Klienten einen Erlöser für ihre Probleme bieten« (ebd.). Verbunden in Verschiedenheit 131 Indem Herr S., Christine Eggenhofer und ich das von Herrn S. dankenswerterweise klar artikulierte Bestreben aufgreifen, mit seinen Worten und in seiner Sprache seine Sicht auf eine zentrale Episode in seinem Leben zu artikulieren, können vielleicht drei Bestrebungen verbunden werden:Wir möchten so erstens Lynn Hoffmans Aufforderung zu einer reflexiven Haltung und Kultur gerecht werden. Zudem hoffen wir, dass so etwas wie eine »korrigierende emotionale Erfahrung« (»corrective emotional experience«) möglich wird, von der nach meinemWissen zuerst Franz Alexander und Thomas French (1946) geschrieben haben. In einem intersubjektiven und relationalen Verständnis sind hier »korrigierende emotionale Erfahrungen« von allen am Prozess Beteiligten gemeint. Nicht zuletzt hoffen wir, dass so die Chance zur Reflexion und zu »korrigierenden emotionalen Erfahrungen« auch für Leser*innen zugänglich werden kann. Ich denke, ich assoziiere mit den Ausführungen von Herrn S. und dem Entstehungsprozess dieses Beitrags nicht ganz zufällig zwei zentrale Werke der literarischen Moderne im 20. Jahrhundert. Das in fast jeder seiner Zeilen durchschimmernde Entsetzen, Unverständnis, Unrechtsgefühl und Nicht-begreifen- Können von Herrn S. angesichts dessen, was ihm durch fremde Mächte – Hausmeister*innen, Ärzt*innen, Richter*innen, Gutachter*innen – widerfahren ist, sowie sein Bemühen zu verstehen und (sich) zu erklären, erinnern mich an die Annahme des Josef K., mit der Franz KafkasDer Proceß eröffnet wird: »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet«3 (Kafka, 2010, S. 9). In meinen Assoziationen überlagern sich der literarische Text und die Beschreibung des hier schreibenden Herrn S. bis hin zur Wiederholung unter veränderten Bedingungen. Wiederholt sich »nur« die Art der Beschreibung, die durch die späte, aber umso intensivere Kafka-Rezeption nach der Shoah in unser aller kollektive Vorstellungen und in unser »kollektives Gedächtnis« eingeschrieben wurde? Oder wiederholt sich auch das Beschriebene, indem eine Signatur der Moderne lesbar wird? Herrn S.’ Beschreibung des Eindringens einer Gerichtskommission in sein Schlafzimmer lässt mich auch an Zweiteres denken, wenn ich mich nur an die ersten Sätze vonDer Proceß erinnere: »K. […] läutete […]. Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte trat ein. Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen 3 Der Prozeß erschien erstmals 1925 in Berlin im Verlag Die Schmiede in einer von Max Brod aus dem Nachlass herausgegebenen Fassung. Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 132 Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien. ›Wer sind Sie?‹ fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsste man seine Erscheinung hinnehmen und sagte bloß seinerseits: ›Sie haben geläutet?‹« (ebd.). Für die zweite Lesart, die Wiederholung einer Signatur der Moderne, spricht auch ein historischer Bezug. Kafka kannte den dissidenten PsychoanalytikerOtto Gross persönlich und hatte bei dessen Vater Hans Gross studiert, der vor seiner Berufung nach Graz im Jahr 1905 in Prag gelehrt hatte. Hans Gross, seines Zeichens Professor für Strafrecht, ließ seinen in Berlin lebenden Sohn Otto im November 1913 als »gemeingefährlichenGeisteskranken« zwangsweise in einer österreichischen Irrenanstalt internieren. Der Fall erregte auch in den von Kafka gelesenen Zeitschriften viel Aufsehen, Kafka muss davon gewusst haben. Der Literaturwissenschaftler Thomas Anzmeint, ein Satz wie »Jemandmusste Otto G. verleumdet haben« könnte auch der Beginn einer Erzählung über Otto Gross sein. Etwa ein Dreivierteljahr nach der Affäre Gross begann Kafka an seinemRoman zu arbeiten (Anz, 2008, o. S.). Mit der Entstehungsgeschichte dieses Beitrags verbinde ich auchmeine zweite literarische Assoziation: Italo SvevosZeno Cosini.4Der langwährenden Selbstund Identitätsreflexion des schreibenden Protagonisten stellt Italo Svevo ein »Vorwort« eines gehässigen, sich rächenden Psychoanalytikers voran, der sich um den Ertrag seiner Arbeit gebracht sieht: »Ich bin derArzt, von dem in dieser Erzählungmitunter inwenig schmeichelhaften Worten die Rede ist. Wer etwas von Psychoanalyse versteht, weiß, wo die Abneigung einzuordnen ist, die der Patient mir entgegenbringt. Über Psychoanalyse will ich nichts sagen, weil hier drin schon genug davon die Rede ist. Ich muß mich entschuldigen, daß ichmeinen Patienten dazu veranlaßt habe, seine Autobiographie zu schreiben; Psychoanalytiker werden über eine derartige Neuerung die Nase rümpfen. Aber er war alt und ich hoffte, seine Vergangenheit würde in der Erinnerung neu aufleben, die Autobiographie könnte ein geeignetes Vorspiel zur Psychoanalyse sein. Noch heute erscheint mir meine Idee gut, da sie mir unverhoffte Resultate 4 Der Roman erschien 1923 im italienischen Original in Bologna bei Cappelli unter dem Titel La coscienca di Zeno, 1929 auf Deutsch, übersetzt von Piero Rismondo, unter dem Titel Zeno Cosini in Basel. In der Neuübersetzung 2000 (hier: 2010) von Barbara Kleiner ist er mit Zenos Gewissen betitelt. Verbunden in Verschiedenheit 133 geliefert hat, die noch beträchtlicher ausgefallen wären, wenn der Kranke sich nicht mittendrin der Behandlung entzogen hätte und mich damit um den Ertrag meiner langwierigen, geduldigen Analyse dieser Erinnerungen betrogen hätte. Nun publiziere ich sie aus Rache und hoffe, das ärgert ihn. Er soll jedoch wissen, daß ich bereit bin, die üppigen Honorare, die diese Publikation mir einbringen wird, mit ihm zu teilen, wenn er die Behandlung wieder aufnimmt. Er schien so neugierig auf sich selbst!« (Svevo, 2010, S. 7). Es sei bemerkt: Herr S. schreibt und veröffentlicht hier auf eigene Initiative hin und aus eigenem Bestreben! Es ist hier nicht der Ort, um Italo Svevos, mit bürgerlichem Namen Ettore Schmitz, diffizile Reflexionen über die Psychoanalyse weiter zu reflektieren. Für den Zusammenhang hier ist aber bemerkenswert, dass schon Svevo der schreibenden Selbstanalyse und -artikulation seines Protagonisten den Vorzug vor derMöglichkeit der Kolonisation durch die helfenden Berufe zu geben schien, im Fall von »Zeno Cosini« durch den Psychoanalytiker »Doktor S.«.5 In der ihm eigenen ungemeinen Feinheit der Reflexion und Analyse erkannte er jedenfalls das Risiko der vorgeblich helfenden Machtausübung lange vor den später folgenden sozialwissenschaftlichen und philosophischen Reflexionen. Ebenso tiefgehend lese ich SvevosReflexionen inZeno Cosini über das Leben in Andersheit angesichts der damals herrschenden Normalitäts-, Männlichkeitsund Gesundheitsvorstellungen. 5 Eswurdeundwird darüber spekuliert, ob Svevos »Doktor S.« für eine historische Persönlichkeit steht. Infrage kommen Sigmund Freud, Wilhelm Stekel, den Svevo persönlich kannte, sowieSvevo/Schmitz selbst (vgl. Svevo, 1988,AnmerkungenundErläuterungen, S. 583.). G.A. Camerino zufolge könnte »Doktor S.« auch für einen Triestiner Psychoanalytiker namens Spitz stehen (vgl. Svevo, 2010, Anmerkungen, S. 591). Svevos Interesse und ambivalentes Verhältnis zur Psychoanalyse war vielschichtig. Einerseits war er fasziniert von der neuen Wissenschaft, die rasch von Wien nach Triest gelangte und hier auf Deutsch gelesen werden konnte. Der 1890 geborene hochbegabte jüngere Bruder von Svevos Frau Livia, Bruno Veneziani, war aber nach Jahren psychoanalytischer Behandlungen durch Freud selbst und andere Psychoanalytiker von Freud als »unheilbar« klassifiziert worden und verblieb weiterhin in sehr schlechter psychischer Verfassung. Svevo sah das äußerst kritisch: »Obwohl ich Freud bewundere, hinterließ dieses Urteil, nach so viel versäumtem Leben, bei mir einen abstoßenden Eindruck.« Und an anderer Stelle: »Ein großer Mann, unser Freud, aber mehr für die Romanschreiber als für die Kranken« (vgl. Bondy & Gschwend, 1995, S. 96–99). Dort auch der Nachweis der Zitate. Vertiefend zu Bruno Veneziani und seinen Psychoanalysen bei Isidor Sadger, Sigmund Freud (187 Stunden 1912–1913), Rudolf Reitler, Victor Tausk, Karl Abraham (1914), Georg Groddeck (1921, 1922, 1923) und Edoardo Weiss: May (2015, S. 314f.). Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 134 Die Bücher von Franz Kafka und Italo Svevo sind Zeugnisse einer jüdischmitteleuropäischen Kulturtradition, die durch die Shoah in dieser Form vernichtet wurde. Kafka und Svevo starben 1924 und 1928 vor der Shoah. Viele ihrer Angehörigen wurden ermordet. In der Risiera San Sabba in Triest, die 1943 zu einem Sammel-, Durchgangs- undTötungslager umgewandelt wordenwar, starben auch Angelo und Carmen Vivante, ein Neffe und eine Nichte Svevos, die beiden gehörlosen Kinder seiner Schwester Natalia, um die sich Svevo zu Lebzeiten besonders sorgte (vgl. Bondy & Gschwend, 1995, S. 127). Sieben Angehörige aus dem engsten Familienkreis FranzKafkas wurden ermordet. Seine drei Schwestern Elli, Valli und Ottla, Ellis Kinder Felix und Hanna, Vallis Mann Josef und Kafkas Lieblingsonkel Siegfried zählen zu den Opfern der Shoah (vgl. Wagnerová, 2012). Ich habe diese literarischen und historischen Assoziationen hier dem Text von Herrn S. mit Bedacht vorangestellt. Christine Eggenhofer weist auf traumatherapeutische Erfahrungen und Reflexionen hin. Mein Anliegen hier war eine Erfahrung anzudeuten, die ich in den Begegnungen mit Herrn S. und seinen Texten immer wieder gemacht habe. Aus seinen Worten, seinen Erlebnissen und seinem Schreiben spricht für mich auch die erlebte Bedrohung, die mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung des Anders-Seins auch heute verbunden sein kann. In seiner Beschreibung des Unterworfen-Seins unter als gewaltsam und demütigend erlebte medizinische, soziale und juristische Praktiken wird für mich immer wieder auch der in unsere Kultur eingeschriebene Schrecken und die zumindest unbewusst fortbestehende Vernichtungsdrohung lesbar – aber auch der Widersand gegen Zuschreibungen und Klassifizierungen von Herrn S. und sein Bestreben, seine Sicht des Erfahrenen zu artikulieren!Was in der psychiatrischen Terminologie als »paranoid« oder »Wahn« klassifiziert werden mag, folgt in meiner Sicht neben persönlich erlebten Traumatisierungen auch historischen, kulturellen und transgenerationalen Tiefendimensionen der Vernichtungsdrohung angesichts von Shoah, nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morden und späteren Gewaltpraktiken im System der Psychiatrie nach. Es braucht Bemühen um Verstehen, gegenwärtiges (gemeinsames) Handeln, Beziehungen und menschliche Verbundenheit als Antwort darauf. Das Erleben einer Vernichtungsdrohung von Patient*innen in den Psychiatrien auch demokratischer Staaten ist kein Spezifikum jener Staaten und Gesellschaften, die dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich nachfolgten. Man denke nur an Miloš Formans Film One Flew Over the Cuckoo’s Nest (Einer flog über das Kuckucksnest) aus dem Jahr 1975 nach dem Roman von Ken Kesey von 1962. Es war und ist umstritten, in welchem Ausmaß der Film in der Darstellung Verbunden in Verschiedenheit 135 von Lobotomie, Elektroschock-»Therapie« und anderen Gewaltpraktiken eine damals noch bestehendeGegenwart odermehr eine bereits überwundeneVergangenheit der amerikanischen Psychiatrie thematisierte. Die von Betroffenen und Aktivist*innen empfundene Vernichtungsdrohung durch das psychiatrische System brachte der Film jedenfalls eindrucksvoll zumAusdruck (vgl. Lambe, 2019).6 In Österreich und anderen Staaten, wo der nationalsozialistische Krankenmord praktiziert worden war, wurde und wird zum Teil bis heute die Erinnerung daran tabuisiert. Götz Aly hat darauf aufmerksam gemacht, dass im Unterschied zu Formen der Erinnerung an die Shoah das Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde lange Zeit auf eine namentliche Nennung der Ermordeten verzichtete. Er sieht dabei einen engen Zusammenhang zu der immer noch oft schambesetzten Tabuisierung der Erinnerung an die Opfer in den betroffenen Familien. Er nimmt an, dass »jeder achte heutige Deutsche oder Österreicher, der älter als 25 ist und dessen familiäre Wurzeln im ehemaligen Reichsgebiet bis 1900 zurückreichen, mit einemMenschen direkt verwandt [ist], der zwischen 1939 und 1945 als ›nutzloser Esser‹ ermordet wurde« (Aly, 2013, S. 15). Luise Reddemann fasst die transgenerationale Weitergabe von Traumata folgendermaßen zusammen: »Der gemeinsame Nenner oder genauer die Basis der Weitergabe von Traumata ist, so wie ich es verstehe, das Unverarbeitete von Entsetzlichem und Erschreckendem und alles damit zusammenhängendeUnerledigte. Ich sage nichtsNeues damit, dass Vieles dafür spricht, dass Unerledigtes und Unverarbeitetes an nächste und übernächste Generationen überwiegend unbewusst weitergegeben wird und diese belastet, teilweise stark belastet. […] Eine Auseinandersetzung mit selbst erlebten Schrecken der kollektiven Geschichte mag nicht nur individuell zur Klärung beitragen, sondern auch Kindern und Enkeln zugutekommen und den Austausch zwischen den Generationen unterstützen« (Reddemann, 2017, S. 8). FürPsychiatriepatient*innen sowieÜberlebende der nationalsozialistischen»Euthanasie«-Morde konnte die Vernichtungsdrohung nach 1945 unmittelbar präsent bleiben. HarryMerl, der die Zeit des Nationalsozialismus als jüdisches Kind in Wien überlebte, begann ab 1964 auf einer Facharzt-Ausbildungsstelle für 6 Ein Überblick über die Geschichte der Elektroschockbehandlung als Therapie- und Foltermethode sowie über andere Praktiken medizinischer, politischer und ökonomischer Gewalt in ihren Zusammenhängen findet sich bei Klein (2016, S. 13–74). Für diesen Hinweis danke ich Luise Reddemann. Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 136 Psychiatrie im niederösterreichischen Landesklinikum Mauer-Öhling zu arbeiten. Er erinnert sich: Mehrere Gebäude des Klinikums waren durch Kriegseinwirkungen noch stark beschädigt. JedesMal, wenn größere Renovierungsarbeiten anstanden, »zum Beispiel beim Rohre verlegen, wurden einige ältere Patienten extrem unruhig und flüsterten vom ›Vergast werden‹, vom ›Umgebracht und Abgeholt werden‹« (Neuhauser &Merl, 2019, S. 62–65). In Mauer-Öhling, in der nahegelegenen Vernichtungsanstalt Schloss Hartheim und an anderen Orten wurden 1940 bis 1945 nach vorläufigen Schätzungen 2.700 bis 2.800 Patient*innen aus der Anstalt Mauer-Öhling ermordet (ebd.; vgl. auch Mettauer, 2019a, 2019b).7 DieGeschichte der Psychiatrie inÖsterreich nach 1945 und die fortbestehendePräsenzvonGewaltpraktiken isthistorischäußerstunzureichendaufgearbeitet. Exemplarisch liegen für den Pavillon 15 »am Steinhof« (heute: Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe – Otto-Wagner-Spital) und die »Rett- Klinik«–Abteilung für entwicklungsgestörteKinder»amRosenhügel« (heute: Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel) detaillierte Forschungsergebnisse für den Zeitraum von 1945 bis 1989 vor. HemmaMayrhofer fasst zentrale Erkenntnisse der Studie so zusammen: »Pavillon 15 stellte ein umfassendes Gewaltsystem dar, das über den gesamten Untersuchungszeitraum (1945–1983/84) für die überwiegende Zahl der Kinder völlig inadäquate Versorgungs- und Betreuungsverhältnisse aufwies. Solche Zustände in der Versorgung von Menschen mit Behinderungen mögen während des Untersuchungszeitraums verbreitete und hingenommene Realität in Österreich gewesen sein, keineswegs waren sie allerdings zeitgemäßer Standard. Bei allen auf den ›Kinderpavillon‹ bezogenenAusführungen gilt es zugleich imBlick zu behalten, dass die Einrichtung Teil des psychiatrischen Anstaltenkomplexes ›Am Steinhof‹ war […] und diese Sonderkrankenanstalt die strukturellen Rahmenbedingungen des Pavillons und seiner MitarbeiterInnen entscheidend mitprägte. Viele der nachfolgend problematisierten Missstände sind auch Ausdruck dieses institutionellen Gesamtsystems der Psychiatrie, die bis in die jüngste Vergangenheit als gesellschaftliche Institutionen der Verwahrung und Segregation vonMenschen mit psychischen Er- 7 Philipp Mettauer u. a. forschen seit 2017 erstmals umfassend im Rahmen des Projekts »›Geschlossene‹ Anstalt? Die ›Heil- und Pflegeanstalt‹ Mauer-Öhling (Niederösterreich) in der NS-Zeit und im ›kollektiven Gedächtnis‹« am Institut für jüdische Geschichte Österreichs (INJOEST) zu dem Thema; vgl. http://www.injoest.ac.at/de/projekte/abgeschl ossene-projekte (19.04.2020). Verbunden in Verschiedenheit 137 krankungen und kognitiven Behinderungen bzw. Lernschwierigkeiten fungierten« (Mayrhofer, 2017, S. 14). Und zur Kontinuitätsproblematik stellt Mayrhofer (ebd.) zusammenfassend fest: »Pavillon 15 war in der Zeit des Nationalsozialismus Teil der Tötungsanstalt ›Am Spiegelgrund‹. In diesem Pavillon wurden die meisten der in dieser Anstalt rekonstruierbaren Euthanasiemorde begangen […]. Die gegenständlichen Forschungen machen sichtbar, dass nach der formellen Auflösung des Spiegelgrundes Ende Juni 1945 nahtlos weiter Kinder und Jugendliche auf diesem Pavillon untergebracht waren. Von Belang ist auch, dass mit wenigen Ausnahmen das gesamte Personal aus der NS-Zeit weiterbeschäftigt wurde.« Die Präsenz von Gewaltpraktiken und bewussten sowie unbewussten Vernichtungsdrohungen in derWiener Psychiatrie noch der 1980er Jahre ist auch unmittelbar mit der Geschichte der Gründung des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus verknüpft. LOKwurde von engagierten Akteur*innen im damaligen System der Psychiatrie gegründet, um als psychisch krank angesehenen Menschen ein sozial inkludiertes Leben jenseits dieser Gewaltstrukturen zu ermöglichen (siehe die Beiträge zu historischen Perspektiven in Teil I dieses Bandes). Überlebende des Pavillon 15, die dort in den 1970er und 1980er Jahren untergebracht waren, werden noch heute vom Verein LOK betreut.8 Die besondere Sensibilität, Wahrnehmungsfähigkeit und durch erlebte Traumatisierungen mitbedingte Vulnerabilität, die für mich in den Worten und der Sprache von Herrn S. zum Ausdruck kommen, können Leser*innen nach meiner Wahrnehmung verdeutlichen, wie medizinische, psychiatrische und juristische Praktiken von den davon Betroffenen damals wie heute als Gewalt erlebt werden können odermüssen. Die Erzählung vonHerrn S. lese ich als Reflexionsaufforderung wider die Gefahr des Kolonialismus der helfenden Berufe. Der Schriftsteller FriedrichTorberg, der nachmeinemDafürhalten noch seinerWiederentdeckung harrt, hat in seiner Beschreibung einer anderen totalen Institution und ihrer Akteur*innen und Gewaltpraktiken, der Schule, eine wertvolle Reflexion über die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Kommunikation in Abgrenzung von Gewalt hinterlassen. Im Blick auf das Bestreben und die Schwierigkeiten Kurt Gerbers, sich verständlich zu machen, schreibt er: 8 Herr S. war nie am Pavillon 15, musste aber in anderen Einrichtungen der damaligen Wiener Psychiatrie Erfahrungen mit institutionalisierten Gewaltpraktiken machen. Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 138 »Man geht schlecht um mit geschriebenenWorten. Schon gesprochene gut zu behandeln vermag nur eine ganz zarte, willige Seele, die selbst auf die Pausen zwischen ihnen achthat und sich einschmiegt in sie wie in eine laue Wellenmulde auf weiter, weiter See und die Luft über sich hinstreichen läßt und sie beseligt einatmet und nur in den Himmel schaut …« (Torberg, 2006, S. 47).9 Es entspricht nach meiner Wahrnehmung gänzlich den Grundgedanken des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus, nämlich Unterstützung hin zu Autonomie, Selbstständigkeit und Selbstermächtigung zu ermöglichen, wie auch den Grundintentionen der vorliegenden sozialwissenschaftlichen Studie, die auf vielen qualitativen Interviews mit Klient*innen aufbaut und deren Perspektiven ernst nimmt, wenn hier Herr S. mit seiner Stimme und mit seinen Worten ein Stück seiner Geschichte erzählt. Ich bin dankbar für die Erfahrung der langjährigen und fortbestehenden Beziehung zu Herrn S. Über den hier abgedruckten Beitrag hinaus schreibt er an einem Buch über sein Leben. Ich werde ihn weiterhin nach besten Kräften bei seinemVorhaben unterstützen. Inmeiner Sicht birgt die Selbstermächtigung,mit eigenenWorten und in eigener Sicht über sich zu sprechen, die Möglichkeit und die Chance, durch das In-Kommunikation-Treten mit Anderen den Erfahrungen des Zum-Schweigen-gebracht-Werdens, des Sich-nicht-artikulieren-Könnens oder -Dürfens, der Demütigung und der Unterwerfung entgegenzutreten. Meine Hoffnung ist, dass so eine korrigierende Erfahrung für alle an der Kommunikation Beteiligten möglich wird. Herr S. schenkt in diesem Sinn mit seinem Beitrag und seinem Buch uns allen etwas – und vielleicht auch sich selbst. Dafür möchte ich ihm auch an dieser Stelle Danke sagen! 9 Der Roman erschien auf VermittlungMax Brods erstmals 1930 unter demTitelDer Schüler Gerber hat absolviert bei Zsolnay in Wien. Verbunden in Verschiedenheit 139 Wie durch das Fliegen ein Punkt entstand, durch den ichmeinen Albtraum verlor… Reiner Schwalbe Wie sie gackern, wiehern, lallen entgeistert mit starrem Blick theatralisch fuchteln, hasten, zappeln krankhaft abnorm, seltsam entstellt: Es sind fremdeWesen Gespenster aus einem Traum abwesend versunken öffnet sich der Raum. Reiner Schwalbe ist ein Pseudonym. Ich kenne niemanden, der diesen Namen trägt. Mit einer Schwalbe sind für mich aber Erinnerungen und Assoziationen verbunden. Reiner streckte seinen Finger aus. Vom Himmel kam eine Schwalbe, die sich auf seinen Finger setzte. In Wirklichkeit war die Schwalbe, die Reiner vor demZertreten durch Gemeindekinder gerettet und aufgezogen hatte, weggeflogen. Er sah sie nie wieder. Doch es war so, als würde die Schwalbe auf seinen Finger fliegen. Denn seinem Empfinden nach war es so, als würde es so sein. Ich schreibe übermeine Schwierigkeitenmit der Psychiatrie ein Buch. Es geht um ein Trauma. Ich bin grenzpsychotisch. Es geht darum, was Psychose vom Erleben her ist. Was es bei mir war. Welche Schwierigkeiten mir durch Psychiatrie und Gericht entstanden sind. Was ich selber dazu beigetragen habe. Was ich dabei vermeiden kann und was schwierig bleibt. Es geht darum, dass jeder Mensch eine Psychose bekommen kann, dass jeder Mensch in sich verstehen kann, was eine Psychose ist. Es geht darum, dass man eine Psychose durch die Aufarbeitung von Traumata loswerden kann. Wichtig ist mir vor allem, psychische Zustände, die durch ein Trauma hervorgerufen werden, zu beschreiben. Sie sind der Grund für das vielen Menschen rätselhafte Erleben, das bei anderen auch zu einer Psychose führen kann. Ich möchte hier vor allem den inneren Zusammenbruch infolge von Kraftlosigkeit, Übelkeit und der Einengung von Gedanken darstellen. Werden das Trauma oder – besser – die Traumata wieder ausgelöst – denn oft ergeben sich Folgetraumata aus einem Trauma –, dann wird an einem bestimmten Punkt, der dabei berührt wird, die Sprache unverständlich. Wie Raketen bei einem Feuerwerk oder ein Schrapnell im Krieg gehen die ausgelösten Ereignisse im Kopf auf. Der Zustand von Einengung auf nur eine bestimmte Sache hält dabei lange an. In Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 140 diesen Momenten war für mich klar, von welchem Zusammenhang ich sprach. Für andere wurde der Zusammenhang nicht verständlich. Ich sagte und schrieb, was für mich in der Situation der Punkt war, wie jemand anderer, der bei einem Angriff immer dasselbe sagt: »das Feuer, das Feuer …«. »Lecken Sie mich!«, hatte ich in einem Konflikt um Mieteinzahlungen an das Gericht geschrieben. Für mich schien klar, alle Beteiligten würden vom Unsinn ihrer Forderungen wissen: »Stellen Sie sich nicht dumm und geben Sie mir, was Sie mir vorenthalten. Dann könnte ich auch kommen. Nur dann bräuchte ich nicht mehr zu kommen«, schrieb ich damals. Dabei hatte ich die Miete nicht eingezahlt. Ich hätte angeben müssen, dass ich nur die Kosten der Miete ohneMahngebühren bezahlt hätte, weil ich glaubte, dass bei der ersten und zweiten Mahnung keine Zusatzkosten verrechnet werden dürfen und dass ich keine Bekanntgabe der Fälligkeit erhalten hatte. Ich dachte, ich hätte die Miete letztendlich eingezahlt. Der Ausgangspunkt des Briefes an das Gericht war, dass man mir unrecht täte, und dass ich regelmäßig von einem anderen Mieter die Treppe hinuntergeworfen würde, was tatsächlich so geschehen war. Dieser Ausgangspunkt, dass man mir unrecht täte, war für mich wie die Aussage »das Feuer, das Feuer …«. Durch die Psychiatrie hatte ich schon vorher die Erfahrung machen müssen, dass Ärztinnen und Ärzte mich mit der Begründung »Wahn« anhalten konnten; auch dann, wenn es nach meiner Wahrnehmung nicht so war. Man hatte dann keine Möglichkeit zur Verteidigung. Alles war von der unmöglichen Situation eingenommen, ich konnte mich der ungerechten Behandlung nicht erwehren. Das war, nachdem ich die Ladung zur Gerichtsverhandlung erhalten hatte. Ich hatte keinen Abriss von derMieteinzahlung, die ich fälschlicherweise mit der Rückseite eines Erlagscheines eingezahlt hatte. Jemand vor mir hatte anscheinend alle Vorderseiten von den aufliegenden Erlagscheinen abgetrennt und mitgenommen. Deshalb hatte ich keine Rückseite von meinem Erlagschein mehr. So dachte ich, keine Beweise für die Einzahlung zu haben. Ich glaubte, Kontoauszüge wären kein Beweis. Die Ohnmacht der Unmöglichkeit zur Verteidigung strahlte durch die Sachlage hindurch. Deshalb glaubte ich, nichts mehr bewirken zu können. Deshalb benannte ich den mich entlastenden Umstand nicht. Ich hatte bisher nur vollständige und vollständig ausgefüllte Erlagscheine eingezahlt und kannte mich in der Aufregung um das Ganze nicht mehr aus. Warum ich den Brief schrieb, obwohl ich nicht glaubte, damit etwas bewirken zu können? Die Psyche versucht, sich vor der überwältigenden negativen Situation zu schützen. Der daraus folgende psychische Zustand schränkt ein. Ich schrieb den Brief, ohneZusammenhang zu der Situation herstellen zu können, umvormir sel- Verbunden in Verschiedenheit 141 ber zu bestehen. Alles andere erschienmir gleichgültig, weil sowieso alles verloren schien. Aufmeinen Brief hin wurde ein Sachverständiger vomGericht eingesetzt. Dieser glaubte, ich hätte einenWahn. Ich war nackt in meiner Wohnung gewesen, weil gerade, als ich meine Unterhose in die Waschmaschine gegeben hatte, das Gericht in meine Wohnung eingebrochenwar. Ichmusstemichmit der abgezogenenDecke vonmeinemBett vorn bedecken, nachdem ich schnell noch ins Zimmer flüchten hatte können. Von da an war alles sehr peinlich. Jedes Wort verursachte den Konflikt, mich endlich, ohne den Zirkus von Leuten in meinem Zimmer, anziehen zu dürfen. Daraus ergab sich eine Unkonzentriertheit. Man konnte doch nicht eine gerichtliche Einvernahme im nackten Zustand abhalten! Niemand verließ jedoch das Zimmer, sodass es nicht möglich war, sich anzukleiden, ohne sich vor allen entblößen zu müssen. Der Sachverständige hatte nicht richtig mit mir kommuniziert. Bei einer normalen Kommunikation sagt man etwas und das Gegenüber antwortet darauf, geht darauf ein, oder stellt das Gesagte infrage. Wenn es infrage gestellt wird, kann man etwas dazu sagen, sich erklären oder begründen, weshalb man etwas behauptet hat. Es wird einem daraufhin geantwortet. Der infrage kommende Sachverständige hatte nicht geantwortet, sich nicht begründet, und nicht gesagt, was er dachte. Ich hatte nicht die Gelegenheit, etwas zu erklären und auch nicht die Möglichkeit, auf eine Gegenfrage zu antworten. Ich bekam, nachdem die Horde Leute meineWohnung wieder verlassen hatte, den Eindruck, dass das Urteil schon imVorhinein feststand. Ich hatte schon vorher den Brief an dasGericht geschrieben. Diesen hatte das Gericht an das Krankenhaus, wo ich angehalten worden war, geschickt. Der Sachverständige, der von diesem Pavillon kam, hatte diesen Brief wahrscheinlich schon gelesen. MeineWohnung, in die die Kommission des Gerichts eingedrungen war, war damals in einem schlechten Zustand. Es befand sich noch abgekratzte Farbe auf Sachen, die ich auf dem Boden zusammengeschlichtet hatte. Ich hatte schon das Nylon weggenommen gehabt, das ursprünglich diese Dinge verdeckte. Das war deshalb notwendig gewesen, weil ich die Decke mit einer falschen Farbe ausgemalt hatte. BeimÜbermalen bröckelte diese ab. Es wäre nun notwendig gewesen, die Farbe von der gesamten Decke abzukratzen. Deshalb waren noch Reste von Farbe, von Stellen, wo die Farbe abgebröckelt war, am Boden bei den Sachen, die ursprünglich mit Nylon überdeckt gewesen waren. Dazu war ich aber nicht gefragt geworden. Dazu hatte ich nicht Stellung nehmen können.Hauptsache, man hatte sich ein Urteil gebildet. Hauptsache, man war in meine Wohnung eingebrochen – zynisch gemeint. Nachdem bei dieser Einvernahme nichts in meinem Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 142 Sinne geklärt wurde, weil mit mir nicht normal geredet worden war, gab es keine Möglichkeit der Einflussnahme für mich in Bezug auf das Gericht. Es überprüfte den Sachverhalt bei der Verhandlung nicht. DasGericht bestellte daraufhin einen Sachwalter für mich. Ursprünglich, vor der dann eingemahnten Forderung im Oktober, hatte ich im Jänner, das war der Ausgangspunkt für die Gerichtsverhandlung gewesen, die Miete nicht eingezahlt. Bei dieser verabsäumten Einzahlung wurde durch Farben meine Flucht bei der versuchten Einzahlung ausgelöst. Diese Farbenwaren etwas, was ich im Zuge eines frühen Traumas gesehen hatte. Diese damit verbundenen Erinnerungen an das Trauma konntenwegen seiner Größe nicht bewusst werden. Denn die Erinnerung hätte, wenn es diesen Mechanismus, ein so großes Trauma zu vergessen, nicht gäbe, Schaden in meinem Gehirn hinterlassen. Deshalb wurde der ganze Zusammenhang der mit demTrauma verbundenenHandlungen aus demGedächtnis gelöscht. Man nennt diesenMechanismus Schutzmechanismus. Später löste die Vorstellung von der verwischten roten Farbe des Stempels bei der Einzahlung in der Bank krampfartige Schmerzen im Bauch und Durchfall aus. Das sind Reaktionen bei einem großen Trauma aufgrund der Angst, die frei wird. Weil mit solchen Farben – das Einkaufssäckchen war weiß, helltürkis, fliederblau, pink, blutrot, die gekauften Hosen darin waren pink und dunkles Blutrot – manchmal Durchfall und Bauchkrampf ausgelöst werden, konnte man den Zusammenhang rekonstruieren. Womöglich lief ich panisch zu einem in der Nähe gelegenen WC bei der U-Bahn. Ich glaubte daher ursprünglich, die Einzahlung getätigt zu haben, da die Erinnerung an die Flucht fehlte. Die Konsequenzen aus allem waren verheerend. Ich möchte nie mehr so viele katastrophale Handlungen setzen. Ich habe es geschafft, mithilfe von LOK Leben ohne Krankenhaus, meiner Psychotherapeutin, meiner Ärztin, meines neuen Sachwalters nach dem ersten, von Gericht zugeteilten, und der sozialpsychiatrischen Tagesklinik des Allgemeinen Krankenhauses der StadtWien aus dem Desaster rauszukommen. Die Sachwalterschaft – heute als Erwachsenenvertretung bezeichnet – konnte ich so wieder loswerden. Das Buch ist aus der Perspektive eines einfachenMenschen geschrieben.Wasmüsste geschehen, damit selbst für die*den Niedrigste*n und Unfähigste*n Psychiatrie, Gericht und andere Institutionen so funktionieren, dass es für alle Beteiligten gut ist? Wie kommt man zu einer Kommunikation des Austausches auf Augenhöhe, die das möglich macht? Es geht um die großen Unterschiede, weniger um ein Prinzip an sich. Damitmeine ich, es braucht keine Superheld*innen, die alles ganz genau richtigmachen.Man soll Fehlermachen dürfen. Auch dieÄrztinnen undÄrzte sollen Fehlermachendürfen. Sie sollen aber, wenn es so ist, diese zugeben.Wenn es einen Verbunden in Verschiedenheit 143 Austausch auf gleicher Augenhöhe gebenwürde, dannwäre esmöglich, vonseiten des Patienten bzw. der Patientin etwas zu korrigieren. Wenn von den Ärzt*innen etwas falsch verstandenwurde, könntemandas ansprechen. EinArzt/EineÄrztin würde einem sagen, wie er*sie etwas verstanden hat. Missverständnisse könnten damit ausgeräumt werden. Komplizierte Sachverhalte könnten auf diesem Weg verstanden werden. Die Ärztinnen und Ärzte würden die Erkenntnis untereinander weitergeben, sodass sie ähnliche Dinge auch bei einem anderen Patienten oder einer anderen Patientin besser verstehen könnten. Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Verhaltensweisen in meiner Familie, die zu meinem Trauma führten, und anderen Handlungsweisen, die im Prinzip gleich sind. Das Ausmaß der Aggression macht den Unterschied. Es macht einen Unterschied, ob jemand ständig Grenzen überschreitet, oder ob es nur einmal – unabsichtlich – geschieht. Es macht einen Unterschied, ob etwas ein eingespieltes Verhalten ist, oder ob es nicht zum Verhaltensrepertoire gehört. Die Größe des Problems, das jemand erzeugt, führt zu einer anderen, neuenQualität. Man kann sich das wie bei Wellenlängen des Lichts vorstellen; wenn die Wellenlängen immer kürzer und mehr werden, führt das zur Wahrnehmung anderer Farben. Von Rot auf Gelb und vonGelb auf Blau, es ist nichts mehr von der vorherigen Farbe in der neuen Farbe enthalten. Das Ausmaß einer Sache bedeutet eine neue Qualität. Wenn jemand auf eine bestimmteWeise geprägt ist, wenn er*sie in einem bestimmten Punkt ein besonderes Problem hat, ist es nicht das Gleiche, wie wenn er*sie anders geprägt und verletzlich ist. Sicher soll man sich nicht mit demHinweis auf ein besonderes Problem selber der Verantwortung entziehen. Sicher ist man auch, wenn etwas immer zu einem bestimmten Problem führt, nicht nur dadurch bestimmt. Denn es gibt nichts, was nicht möglich ist. Es ist auch nicht dasselbe, ob jemandGeld, das für ein Krankenhaus bestimmt ist, veruntreut, oder ob jemand privat etwas für eine falsche Sache ausgibt. Eine Funktion in einem Krankenhaus bringt besondere Verantwortung mit sich. Eine Funktion verlangt nach besonderen Regeln. Es geht nicht darum, ein*e I-Tüpftel-Reiter*in zu sein. All diese Beispiele haben noch einmal gezeigt, dass es in diesem Buch weniger um ein Prinzip geht, als um grundlegende große Unterschiede. Die Größe des Unterschiedes führt zu der Größe des Problems. Je größer das Problem ist, das verursacht wird, umso mehr ist es zu verurteilen. Es geht auch darum, wofür man etwas konnte, und was unvermeidlich war! Wie gesagt, konnte ich nicht beweisen, die Einzahlung gemacht zu haben. Das Unrecht, das für mich daraus resultierte, vereinnahmte mich so sehr, dass Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 144 ich es nicht wegstecken oder ignorieren konnte.Wie ein Zahn, der schmerzt, verhinderte die Größe des Problems die Konzentration auf die reale Situation. Es beherrschte mich. Durch mein Trauma konnte ich das Ausmaß der Vereinnahmung nicht minimieren. Die Situation bestand nämlich als solche. Ich konnte daran nichts ändern. Es gab keine Alternative dazu. Es war, wie wenn mir aus Angst bei einer Prüfung die Gedanken blockiert worden wären. Der Unterschied war nur, dass ich mich bei einer Prüfung in einem anderen Moment wieder fassen konnte. Diese Situation stellte für mich den »Punkt ohneWiederkehr« dar. »The point of no return« bedeutet, man kann, auch wenn man nicht daran denkt, dieWirkung des Druckes aus der Situation nicht mehr wegnehmen. Dann beginnen andere Dinge, die man wahrnimmt, stark zu wirken. Situationen bekommen dadurch einen anderen Zusammenhang. Die starken Gefühle lösen nämlich die bestehenden Zusammenhänge auf. Die Zusammenhänge, die durch das Gefühl in andere Sachen hineinprojiziert werden, erlebt man wie von außen. Man erlebt sie durch das Gefühl wie von außen, weil man sie von innen her nicht mehr ertragen konnte. Deshalb blendet man sie aus. Das ist dann eine Psychose. Diese blieb mir aber erspart, da ich zu diesem Zeitpunkt die Menge der Angst durch Aufarbeitung eines Traumas bereits reduzieren konnte. Die bestehenden Zusammenhänge blieben erhalten. Wenn ich durch die gegebene Situation wie in einen Abgrund schaue, kann ich nichts dagegenmachen. Ich weiß, ich werde bald wie auf einer schiefen Ebene fallen. So kann man diese Art von Angst darstellen. Bei Reduktion dieser Angst erlebt man sie nicht als etwas anderes von außen, sondern von innen. Ich wusste, was meine Angst ist. Deshalb hielt ich meine private Auslegung für jemand irreal Unbestimmten fest. Was ist mein innerstes Problem?Wie kann man die schwierige Grundsituation, um die es geht, festlegen? Habe ich aus meinen Fehlern gelernt? Etwas Notwendiges wird verhindert. Es gibt in diesem Zusammenhang eine Behauptung, die auf Fakten zu beruhen scheint. Das ist die Grundsituation. Wahrscheinlich gibt es in sehr früher Kindheit eine Begebenheit, die dem entspricht. Eine grobe Verletzung eines unschuldigen, wichtigen Bedürfnisses. Das kann etwas Unmögliches und Irrationales sein – daraus entsteht die Angst. Ohne Fakten, die scheinbar irrationales Verhalten stützen, gibt es keine Gefahr falscher Einschätzung. Bei mir bestand nach der später erfolgten Aufhebung der Sachwalterschaft eine solche Angst, weil ich nicht ausschließen konnte, dass es wieder eine*n Sachwalter*in geben könnte. Ichwurde durchmein elektronischesKonto bei der Bank aufgefordert, mich an meinen »Zweitzeichner« zu wenden. Dieser möge die Verbunden in Verschiedenheit 145 Einzahlung machen. Das Konto wurde gesperrt. Zuerst ging ich nicht davon aus, dass die Möglichkeit eines*einer für mich bestellten Sachwalters bzw. Sachwalterin bestehen könne. Erst als meinTelefon nichtmehr funktionierte, obwohlmein Guthaben nicht abgelaufenwar, schloss ich dieMöglichkeit, eine*n Sachwalter*in zu haben, nicht mehr aus. Meine Vergangenheit holte mich ein. Als später mein LOK-Betreuer dementierte, dass es einen Sachwalter gäbe, war mein Problem damit augenblicklich gelöst. Es gab im Vorfeld und danach keine auffälligen optischen Wahrnehmungen. Es fielen keine intensiven Farben heraus. Es gab keine Handlungen von anderen, die auffällig waren. Es lassen sich keine formalen Regeln angeben, warum in diesem Fall ein Sachverhalt real oder irreal ist. Nur das Gefühl selber muss entscheiden. Das ist sehr schwer. Meine Therapeutin gab mir aber in der gegebenen Situation Sicherheit. Ich glaube, das bewirkte sie durch die gemeinsame Beschäftigung mit dieser Situation, dasselbe etwas anders erleben zu können. Durch das oftmalige Vorstellen eben dieser Situation eines gesperrten Kontos und des falschenHinweises auf eine*n Zweitzeichner*in hoffe ich, dass mir das gelungen ist. Nur durch sie konnte ich so wieder Vertrauen aufbauen. Es ist notwendig, die Möglichkeit, dass alles in bester Ordnung sein würde, in Betracht zu ziehen. Immer besteht eine Möglichkeit. Wenn es viele Menschen gibt, die ich einbeziehen kann, ist es besser, das zu versuchen. DieWand, die alles abschneidet und mich einfrieren lässt, muss ich versuchen, zu durchbrechen. Ich muss weiter und immer weiterreden, wenn ich glaube, es gibt keine Möglichkeit. Irgendwann versteht mich jemand. Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 146 Über die (Un-)Möglichkeit, sich verständlich zumachen Christine Eggenhofer Entsprechend dem trialogischen Konzept, das Reiner Schwalbe, Werner Lausecker und ich für den vorliegenden Buchbeitrag ausgearbeitet haben, möchte ich hier meine persönliche Sichtweise auf die Geschichte von Herrn S. und die psychotherapeutische Zusammenarbeit mit ihm zumAusdruck bringen. Die Perspektiven von Herrn S. und mir differieren gelegentlich und sind konstruktiver Teil unserer Zusammenarbeit. Oft konnten wir im therapeutischen Dialog zu einer gemeinsamen Sichtweise finden. »Eine existenzielle Grunderfahrung von Herrn S. in der Beschreibung seiner Lebensgeschichte ist das Erleben, als Mensch, der als psychisch krank angesehen wird, Bedingungen unterworfen zu sein, die nicht unter seiner Kontrolle sind, und seiner Rechte beraubt zu werden«, schreibt Werner Lausecker und versucht damit, das »in fast jeder seiner Zeilen durchschimmernde Entsetzen, Unverständnis, Unrechtsgefühl undNicht-begreifen-Können vonHerrn S. angesichts dessen, was ihm durch fremde Mächte – Hausmeister*innen, Ärzt*innen, Richter*innen, Gutachter*innen – widerfahren ist« ins Licht der Reflexion zu rücken. Als »psychisch krank« zu gelten ist auch heute noch mit einem starken Stigma behaftet und kann für Betroffene oft massive Konsequenzen nach sich ziehen. In Reiner S.’ Geschichte geht es oft um seine Begegnungen mit Vertreter*innen einer Fachwelt, die mit den Schwierigkeiten und Konflikten betraut waren, die aufgrund seiner vulnerablen psychischen Konstellation immer wieder einmal zutage traten. Solche Begegnungen waren für Reiner S. in vielen Fällen traumatisierend und sie erinnern an einige seiner teils erschreckenden Kindheitserlebnisse in der Familie, als er noch sehr klein war und dasGefühl hatte, dieser erlebtenGewalt nichts entgegensetzen zu können. Vom psychotherapeutischen Blickwinkel gesehen fand er sich oft in Übertragungssituationen wieder, wenn beispielsweise die von Werner Lausecker erwähnte Gerichtskommission seine Eingangstüre aufbrach, weil er auf ein Klopfen und eine kurze Aufforderung hin nicht gleich reagiert hatte. Aber Reiner S. antwortete zu dieser Zeit fast nie auf ein Türklopfen, weil er sich unter anderem auch vor einemNachbarn fürchtete, der ihn schon des Öfteren im Stiegenhaus angepöbelt und attackiert hatte, wenn er heimgekommen war. Als sich die vier Personen einschließlich zweier Polizisten dann gewaltsam Zugang zu seiner Wohnung verschafften, fanden sie ihn halbnackt in seinem Schlafzimmer vor, weil er unglücklicherweise gerade dabei gewesen war, seine Kleidung zu wechseln. Solche Situationen verursachten durch eine trauma- Verbunden in Verschiedenheit 147 tisch getriggerte, tiefe Angst in ihm zumeist eine umfassende Dissoziation, die zwar in der Lage war, seine bewusste Wahrnehmung von seiner unerträglichen Angst abzutrennen, ihm aber in der Folge dann auch kognitive Erinnerungslücken bescherte. »In seiner Beschreibung des Unterworfen-Seins unter gewaltsam und demütigend erlebte medizinische, soziale und juristische Praktiken«, schreibt Werner Lausecker, der Reiner S. schon seit langen Jahren begleitet und Einblick in seine Biografiehat,»wird fürmich immerwieder auchder inunsereKultur eingeschriebene Schrecken und die zumindest unbewusst fortbestehende Vernichtungsdrohung lesbar.«Dieser Schrecken einer Vernichtungsdrohung aber, die hier sowohl als geschichtlich geprägte Erfahrung einer ganzen Gesellschaft wie auch als die bedrückende individuelle Einzelerfahrung von Reiner S. aufscheint, ist die tiefste Bedrohung des existenziellen Seins des Menschen überhaupt und der Kern jedes Traumas. Existenzanalytisch gesehen entsteht Trauma durch die Begegnung mit der potenziellen oder tatsächlichen Vernichtung von Wertvollem und der Ohnmacht, mit der das Individuum dieser Bedrohung ausgesetzt ist. Überwältigt-Werden, Vernichtungsangst, ultimatives Ausgesetzt-Sein und vollkommene Handlungsunmöglichkeit sind die zentralen Erlebnisse in der Trauma-Situation und erschüttern in der Folge das Welt- und Selbstkonzept der*des Betroffenen nachhaltig. Die Integration des traumatisch Erlebten fällt schwer, braucht Zeit und oft genug professionelle Hilfe. So schnell Grund- und Urvertrauen verletzt oder zerstört werden können, so langsam lässt sich verloren gegangenes Vertrauen in der Regel wiederherstellen. Für einen solchen Wiederaufbau sind kontinuierliche korrigierende Erfahrungen notwendig, insbesondere eine unverbrüchliche Kette aus Vertrauenserfahrungen, bis es wieder möglich wird, der Welt oder den Menschen offen und vertrauensvoll zu begegnen. Die Traumatisierungen seiner Kinder- und Jugendzeit haben deutliche Spuren in der psychischen Struktur von Reiner S. hinterlassen. Im Laufe der Zeit hat er eine ihm ganz eigene Sprache und Artikulationsweise entwickelt, die nicht so leicht zu verstehen ist und in der Vergangenheit häufig zu Unverständnis, Missverständnissen und Fehlinterpretationen geführt hat. Manchmal verursachen eine fehlende Regelhaftigkeit und Nachvollziehbarkeit in der Semantik, in der Kontextualisierung, in der chronologischen Abfolge sowie in der Ausweisung von Bedeutungs- undWirkzusammenhängen deutliche Probleme, seine Narrative zu verstehen. Verstanden zu werden war und ist in Reiner S.’ Leben niemals eine Selbstverständlichkeit gewesen und die fundamentale Schwierigkeit, sich verständlich zu machen, war eine der häufigsten Ursachen für Konflikte auf der sozialen Interaktionsebene. Eine oftmals unüberwindlich scheinende Mauer er- Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 148 folgloser Kommunikation war für lange Zeit Reiner S.’ zentrale Lebenserfahrung. Seine Einsamkeit im Leben war aber wohl am größten, als er durch eine Verkettung von widrigen Umständen, einer Reihe traumatisch bedingter dissoziativer Amnesien und einem ungebrochen starken Willen zur Selbstverteidigung einen gerichtlich verordneten Erwachsenenvertreter erhalten hatte. Fortan kamen zu seinen frustranen Versuchen einer gelingenden Kommunikation auch noch die Entrechtung und der Verlust der Verfügungsgewalt über seine finanziellenMittel hinzu. Als Reiner S. vor einigen Jahren Hilfe in der Psychotherapie suchte, war der erste Schritt zur Verbesserung seiner schwierigen Lage vollzogen. Mithilfe einer intensiven und unablässigen Verstehensbemühung, einer hermeneutischen Vorgehensweise, einer umfassenden Biografiearbeit und der intensiven Behandlung seiner komplexen Traumatisierung gelang es ihm schließlich, das Erlebte zu verarbeiten, sein soziales Leben schrittweise wieder in Gang zu bringen und seine Kommunikationsmöglichkeiten wesentlich zu verbessern. Mit einem Netz aus Helfer*innen, mit denen er verbunden ist und auf die er sich verlassen kann, ist die Voraussetzung gegeben, sich gut geschützt und betreut fühlen zu können. Besonders in der langjährigen Betreuungsbeziehung mit Werner Lausecker bekam er die Gelegenheit, dringend benötigte korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen und sein verlorenes Vertrauen in die Menschen langsam und sukzessive wiederaufzubauen. Dass eine solche Beziehung naturgemäß auch immer wieder ihre Schwierigkeiten und gelegentlich auch konfliktreichenHürden aufweist, die es zu überwinden gilt, liegt auf der Hand. Gerade in den jüngsten Ereignissen, also darin, dass die Anmerkungen Werner Lauseckers zu Reiner S.’ Buchbeitrag für ihn zu einer Erschütterung wurden, die ihm fraglich werden ließ, ob dieser ihn über die Jahre hinweg jemals wirklich verstanden hatte, zeigt sich recht eindrücklich, wie leicht das Vertrauen von Reiner S. noch einbrechen kann und wie sehr seine tiefste Verletzung wohl darin besteht, nicht als er selbst gesehen und verstanden zu werden. Dennoch hat er gelernt, dass er Abstand nehmen kann und darf, wenn er verletzt ist, und dass er diesen Abstand braucht, um zu warten, bis sich seine Emotionen soweit beruhigt haben, dass es ihm wieder gelingt, in die Beziehung zurückzufinden und Dialog und Austausch wiederaufzunehmen. Diewichtigste korrigierende Erfahrung inReiner S.’ Leben ist, in sicheren helfenden Beziehungen zu leben und diese aufrechtzuerhalten – in Beziehungen, die Konflikte als fruchtbaren Ausgangspunkt der Erarbeitung von gemeinsamen Lösungen verstehen und sich nicht nur deshalb aufrechterhalten lassen, weil er sein Eigenes aufgibt und sich der Macht bzw. Übermacht seines Beziehungsgegen- übers unterwirft. Eine große Hilfe und Bereicherung für solche Themenbereiche Verbunden in Verschiedenheit 149 mit Konfliktpotenzial stellt für Reiner S. die Kooperationsmöglichkeit zwischen Psychotherapie und LOK-Betreuung dar. Unter Berücksichtigung undWahrung der jeweiligen berufsspezifischen Aufgabenstruktur bietet gerade ein Setting der Triangulierung den Platz und die Möglichkeit zur Lösung von Beziehungskonflikten.DieMöglichkeit zuKommunikationundAustausch aufAugenhöhehätte sich Reiner S. auch für seine Begegnungen mit Ärzt*innen, Richter*innen und Gutachter*innen gewünscht, die über ihn geurteilt und oft sehr einschneidend über sein Schicksal bestimmt haben. In diesen Situationen wäre er gerne als Mensch gesehen worden, mit all seiner Würde und in all seinem Streben nach Gesundheit und psychischer Integrität, nach gelingender Kommunikation, Autonomie, Selbstwirksamkeit und vor allem nach einer respektvollen Behandlung. Dazu hätte es aber gebraucht, dass sich so manche Vertreter*innen der Fachwelt, denen er im Laufe seiner Krankengeschichte begegnet ist, die Zeit genommen hätten, ihm zuzuhören, auf ihn einzugehen und sich aktiv darum zu bemühen, ihn und seine Geschichte zu verstehen. »Irgendwann versteht mich jemand«, schreibt er als letzten Satz seiner Textpassage und bringt damit nicht nur sein zentrales Problem auf den Punkt, sondern gleichzeitig auch seinen größten therapeutischen Fortschritt – die Hoffnung und das Vertrauen, dass ihm das immer mehr gelingt. Literatur Alexander, F. & French, T.M. (1946). Psychoanalytic Therapy. Principles and Applications. New York: Ronald Press. Aly, G. (2013). Die Belasteten. »Euthanasie« 1939–1945. Eine Gesellschaftsgeschichte. Frankfurt a.M.: Fischer. Anz, T. (2008). Die Leiden einer Generation. Kafka und die Psychoanalyse. literaturkritik.de, 7, Schwerpunkt 2: Franz Kafka. https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id= 12104 (15.09.2020). Bondy, F. & Gschwend, R.M. (1995). Italo Svevo. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. Herman, J. (2003). Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Paderborn: Junfermann. Hoffman, L. (1996). Therapeutische Konversationen. VonMacht und Einflußnahme zur Zusammenarbeit in der Therapie – Die Entwicklung systemischer Praxis. Dortmund: Modernes Lernen. Kafka, F. (2010). Der Proceß, in der Fassung der Handschrift. 4. Aufl. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag. Klein, N. (2016). Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus. 6. Aufl. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch. Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 150 Lambe, J. (2019). Memory Politics: Psychiatric Critique, Cultural Protest, and One Flew Over the Cuckoo’s Nest. Literature andMedicine, 37(2), 298–324. https://muse.jhu.edu/ article/745339/pdf (17.04.2020). May, U. (2015). Freud bei der Arbeit. Zur Entstehungsgeschichte der psychoanalytischen Theorie und Praxis, mit einer Auswertung von Freuds Patientenkalender. Gießen: Psychosozial- Verlag. Mayrhofer, H. (2017). Executive Summary – Zusammenfassung zentraler Erkenntnisse. In H. Mayrhofer, G. Wolfgruber, K. Geiger, W. Hammerschick & V. Reidinger (Hrsg.), Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989. Stationäre Unterbringung am Steinhof und Rosenhügel (S. 13–34). Wien: LIT.. Mettauer, P. (2019a). Ärzte als Täter. Mauer-Öhling im Nationalsozialismus. In Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Hrsg.), Die Utopie des »gesunden Volkskörpers«. Von der »Erb- und Rassenhygiene« zur NS-Euthanasie (S. 2–11). St. Pölten: Eigenverlag. Mettauer, P. (2019b). Heil- u. Pflegeanstalt Mauer-Öhling im Nationalsozialismus.MFG –Das Magazin, 9, o. S. https://www.dasmfg.at/magazin/heil-pflegeanstalt-mauer-oehling -im-nationalsozialismus.html (19.04.2020). Neuhauser, J. & Merl, H. (2019). Vater der Familientherapie. Eine Biografie. Weitra: Verlag Bibliothek der Provinz. Reddemann, L. (2017). Transgenerationale Weitergabe von Traumata. Systeme, 31(1), 6–21. https://www.oeas.at/fileadmin/root_oeas/service/systeme/volltexte_1_2017/System e_1-2017_Reddemann.pdf (03.05.2020). Svevo, I. (2010). Zenos Gewissen. Zürich: Diogenes. [ital. Orig. 1923: Zeno Cosini]. Torberg, F. (2006). Der Schüler Gerber. 34. Aufl. München: dtv. Wagnerová,A. (2012). »Franzgibtesuns«–DasSchicksalder jüdischenFamilieFranzKafkaswiderspiegelt den Horror des 20. Jahrhunderts. Neue Zürcher Zeitung, 30.01.2012. https:// www.nzz.ch/franz_gibt_es_uns-1.14661850 (13.04.2020). Biografische Notizen Werner Lausecker, Mag., ist Betreuer in der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag beim Verein LOK Leben ohne Krankenhaus, Historiker, Psychotherapeut in Ausbildung unter Supervision (SF). Psychotherapeutische Tätigkeit bei HEMAYAT – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. Sein derzeitiger wissenschaftsgeschichtlicher Arbeitsschwerpunkt sind die historischen Entwicklungen, Verbindungen und Abgrenzungen von psychoanalytischen und systemischen Psychotherapien im historischen Kontext. Kontakt: werner.lausecker@lok.at Reiner Schwalbe, der Name ist ein Pseudonym. Der Autor schreibt über sein Leben und seine Schwierigkeiten mit der Psychiatrie ein Buch unter dem TitelWie durch das Fliegen ein Punkt entstand, durch den ich meinen Albtraum verlor …. Für ihn sind mit dem Namen Schwalbe Erinnerungen und Assoziationen verbunden: Reiner streckte seinen Finger aus. Vom Himmel kam eine Schwalbe, die sich auf seinen Finger setzte. In Wirklichkeit war die Schwalbe, die Reiner vor dem Zertreten durch Gemeindekinder gerettet und aufgezogen hatte, weg- Verbunden in Verschiedenheit 151 geflogen. Er sah sie nie wieder. Doch es war so, als würde die Schwalbe auf seinen Finger fliegen. Christine Eggenhofer, BA. pth., ist existenzanalytische Psychotherapeutin in freier Praxis und Universitätslektorin an der Sigmund Freud Privatuniversität. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Trauma und Traumafolgestörungen, psychotische und dissoziative Störungen, Verarbeitungs- und Integrationsprozesse sowie Hermeneutik. Kontakt: christine.eggenhofer@aon.at Werner Lausecker, Reiner Schwalbe & Christine Eggenhofer 152 Expert*innen durch Erfahrung Sichtweisen undWahrnehmungen von EX-IN-Mitarbeiter*innen imVerein LOK Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair Auf Grundlage des Recovery-Ansatzes und der personenzentrierten Begleitung sowieUnterstützung vonMenschenmit psychischen Erkrankungen, die gleichermaßen aufEmpowermentund Inklusion abzielen, rücktenpartizipativeKonzepte mehr undmehr in denVordergrund. Peer-Beratung hat eine langeGeschichte, die sich bis in das 18. Jahrhundert in Frankreich zurückverfolgen lässt (vgl. Ibrahim et al., 2020). Die Peer-Beratung in der psychiatrischen Versorgung und in Organisationen, die psychosoziale Dienste anbieten, ist nunmehr anerkannt, auch wenn sie regional als Intervention und Angebot sehr unterschiedlich genutzt wird (vgl. Bock et al., 2013): der professionellen Pflege als Screeningfunktion vorgeschaltet (wie bei manchen Beispielen in den USA), als Genesungsbegleitung nach psychischen Interventionen (bspw. unter anderem in Australien) oder auch als begleitende Unterstützung neben professionellen Angeboten. Zentrale Wirkfaktoren der Peer-Beratung sind die »Ermutigung und Empowerment, die Stärkung von Selbstverantwortung und Selbstmanagement sowie die Abwehr von (Selbst-)Stigmatisierung« (ebd., S. 366). Ganz wesentlich ist hierbei, dass die Begleitung auf Augenhöhe vollzogen wird und Peer-Berater*innen eine Art Vorbildfunktion im Umgang mit der eigenen Erkrankung einnehmen. Die Peer-Berater*innen fungieren für Klient*innen als authentisches Beispiel und können Hoffnung schenken, dass ein befriedigendes Leben mit psychischen Erkrankungen möglich ist. Darüber hinaus können sie Klient*innen in ihren Zukunftswünschen und in ihrer Selbstachtung stärken und Klient*innen dabei unterstützen, Identitäten jenseits ihrer psychischen Diagnosen aufzubauen (vgl. Utschakowski, 2016). Im Zentrum dieses Beitrags stehen die Sicht und die Erfahrungen von EX- IN-Mitarbeiter*innen selbst. Für die folgenden Ausführungen zum Peer-Bera- 153 tungskonzept EX-IN (Experienced Involvement – Expert*innen durch Erfahrung) wurde eine Fokusgruppe mit insgesamt sechs EX-IN-Mitarbeiter*innen geführt, die an unterschiedlichen Betreuungsstützpunkten (Wohngemeinschaften, Standorte für Persönliche Betreuung und Begleitung imAlltag, Übergangswohnen) imVerein LOK Leben ohne Krankenhaus (siehe Schernthaner in diesem Band) arbeiten. Eine Person ist Leiterin des Teams EX-IN, dem sechs Mitarbeiter*innen angehören, und eine Person befand sich zum Erhebungszeitpunkt noch in Ausbildung und absolvierte ein EX-IN-Schnupperpraktikum in der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag. Die Fokusgruppe dauerte insgesamt zwei Stunden. In dieser Zeit wurden Beweggründe für die Tätigkeit als EX-IN-Mitarbeiter*in, Erfahrungen mit der Ausbildung/dem Arbeitsleben und das professionelle Selbstverständnis der Befragten thematisiert. Außerdem wurden Chancen sowie Nutzen der EX-IN-Tätigkeit für Klient*innen aus Sicht der Befragten und Herausforderungen im Arbeitsalltag als EX-IN-Mitarbeiter*in diskutiert. Die Fokusgruppe wurde mit qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) ausgewertet und die Ergebnisse bilden den Kern des gegenständlichen Artikels. Ergänzt wurde im Rahmen dieses Artikels an einer Stellen die Sichtweise von Betreuer*innen, die mit EX-IN-Mitarbeiter*innen zusammenarbeiten. Die Betreuer*innen im Zuge des Forschungsprojekts »Wirkungen & Theorieentwicklung der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag für und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen« als Auftragsforschung für den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus befragt (siehe Teil IV in diesem Band). Nachdem einleitend ein Einblick in das Konzept EX-IN sowie dessen Umsetzung im Verein LOK gegeben wurde, werden folgend von EX-IN- Mitarbeiter*innen selbst die Beweggründe, diesem Beruf nachzugehen, deren professionelles Selbstverständnis und Rollenwahrnehmung sowie deren Erfahrungen mit Ausbildung und Beruf beleuchtet. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick, in dem offene Themen und Verbesserungspotenziale angerissen werden. Entwicklungen und Umsetzung des Konzepts EX-IN Das der Peer-Beratung zugrunde gelegte Konzept der EX-IN-Mitarbeiter*innen befindet sich im deutschsprachigen Raum noch im Entwicklungsstadium. EX-IN als eine Form des »Peer-Supports« (Unterstützung durch Gleichgesinnte)bedeutet imBereichderpsychiatrischenVersorgungundpsychosozialen Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 154 Dienste, »dass Menschen aktiv werden, die selbst psychische Krisen durchlebt und in der Regel auch psychiatrische Dienste genutzt haben« (Utschakowski, 2016, S. 16). Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass Menschen, die selbst einmal schwere psychische Krisen erlebt haben, über einen großen Erfahrungsschatz verfügen, den sie an andere Menschen weitergeben und diese so im Prozess begleiten können. Sie sind Expert*innen, indem sie über Verständnis zu psychischenKrisen verfügen, genesungsfördernde Faktoren kennen und diese nachvollziehen können (vgl. ebd., 2014). Die angebotene Unterstützung basiert damit auf einem gemeinsamen Erfahrungshintergrund zwischen Klient*innen und unterstützter Person (vgl. ebd.). Es steht kein therapeutisches Herangehen im Vordergrund, sondern Solidarität und Kommunikation auf Augenhöhe. Klient*innen fühlen sich gegenüber den EX-IN-Mitarbeiter*innen häufig keinem Anpassungsdruck ausgesetzt und müssen sich nicht verstecken. Dies kann dazu beitragen, dass sie sich in ihrer Situation nachempfunden fühlen (vgl. Bock et al., 2013). Das Wissen darüber, dass das unterstützende Gegenüber selbst ähnlichen Herausforderungen im Leben begegnen musste, kann das Vertrauen stärken und ein hilfreiches Gefühl der Verbundenheit schaffen (vgl. Cramer&Hiller, 2015;Utschakowski, 2014). Zu diesem Ergebnis kam eine qualitative Studie, die unter anderem die Perspektive der Klient*innen zum Nutzen des Angebots und dessen Wirkung erhob. Diese verwiesen darauf, durch das EX-IN-Unterstützungsangebot mehrHoffnung auf Genesung geschöpft zu haben und dass die Motivation, das Leben wieder aktiv in die Hand zu nehmen, gesteigert werden konnte (vgl. Walker & Bryant, 2013). Die Peer-Beratung soll hierbei andere psychiatrische und psychotherapeutische Angebote nicht ersetzen, sondern diese vielmehr ergänzen und stärken. Im Vordergrund stehen ein ganzheitlicher Ansatz von Betreuung und Begleitung und dieMöglichkeit, der Stigmatisierung vonMenschenmit psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken. Mit einem EU-Projekt, das 2007 mit der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf in Deutschland als Partner durchgeführt wurde, wurde ein Curriculum für zukünftige Peer-Berater*innen als EX-IN-Mitarbeiter*innen (auch als Genesungsbegleiter*innen bezeichnet) entwickelt und seitdem als zertifizierte Ausbildung angeboten. Die ausgebildeten Peer-Berater*innen kommen in unterschiedlichsten Organisationen, Krankenhäusern und Vereinen zum Einsatz und die Ausbildung wird an immer mehr Standorten im deutschsprachigen Raum angeboten (vgl. Bock et al., 2013). Die Ausbildung zielt darauf ab, »Wir- Erfahrungswissen« durch die gemeinsame Reflexion und Strukturierung der in- Expert*innen durch Erfahrung 155 dividuellen Erfahrungen zu entwickeln, um dieses schließlich an Klient*innen weitergeben zu können. Die behandelten Themen reichen von Empowerment und gesundheitsfördernden Haltung bis hin zu Beratung und Begleitung. Um die Ausbildung machen zu können, müssen die Personen selbst eine schwere psychische Krise durchlebt haben und zum Zeitpunkt des Beginns der Ausbildung krisenfrei sein (vgl. Utschakowski, 2014). EX-IN folgt hierbei einem salutogenen Gesundheitskonzept, in dem Gesundheit als Prozess verstanden wird: Jeder Mensch vereint in sich gesunde und kranke Aspekte, die sich laufend verändern. So kann es vorkommen, dass EX-IN-Mitarbeiter*innen auch wieder Phasen von stärkerem Krankheitsempfinden erleben. Auch inÖsterreichwurde nun eineAusbildung angeboten und erste ausgebildeteEX-IN-Mitarbeiter*innenwurden inden letztenJahren inderpsychosozialen Angebotslandschaft angestellt. 2013 organisierten die »niederösterreichischen Landeskliniken-Holding« den ersten EX-IN-Kurs in Österreich. Parallel dazu wurde der Verein EX-IN Österreich gegründet, der sich unter anderem die Qualitätssicherung der EX-IN-Ausbildung zum Ziel gesetzt hat. Der Verein LOK Leben ohne Krankenhaus griff das Konzept der EX-IN- Mitarbeiter*innen bereits sehr früh auf und konnte so bereits einige Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit EX-IN-Mitarbeiter*innenmachen. Der Verein verband damit das Ziel, neue Impulse zu erhalten, indem Strukturen und Prozesse des Vereins weiterevaluiert und stetig kritisch infrage gestellt werden. Qualifizierte EX-IN-Mitarbeiter*innen sollten das Angebot für Menschen mit psychischen Erkrankungen erweitern und verbessern. 2014 absolvierte eine Teilnehmerin des ersten Ausbildungslehrganges ein Praktikum in einem Betreuungsstützpunkt des Vereins und wurde schließlich als Mitarbeiterin eingestellt – angebunden als Stabsstelle direkt an die Geschäftsführung. Mit den Jahren wurden weitere EX-IN-Mitarbeiter*innen aufgenommen und ein eigenes EX-IN-Team mit Leitung wurde als von dem Betreuungsteam unabhängige Struktur aufgebaut. Das Angebot der EX-IN-Mitarbeiter*innen ergänzt jenes der Betreuer*innen als gleichwertiges Angebot. Demnach erhalten die ausgebildeten EX-IN-Mitarbeiter*innen auchdie gleicheEinstufung imKollektivvertragwie die Betreuer*innen. EX-IN-Mitarbeiter*innen wirken seither bei der Erstellung von Konzepten mit, beteiligen sich an Arbeitsgruppen und stellen somit ihre Expertise nicht nur Klient*innen zur Verfügung, sondern sind auch an der Weiterentwicklung der Leistungen des Vereins beteiligt. Welche Erfahrungen EX-IN-Mitarbeiter*innen in ihrer Tätigkeit beim Verein LOK machten und wie sie ihre Rolle wahrnehmen, wird folgend vor allem aus Sicht der EX-IN-Mitarbeiter*innen selbst dargestellt. Hierbei kommen EX- Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 156 IN-Mitarbeiter*innen durch Zitate und selbst verfasste Textausschnitte direkt zu Wort. »Wir stampfen durch Neuschnee« – Beweggründe, professionelles Selbstverständnis und Erfahrungen als EX-IN-Mitarbeiter*in »Wir stampfen durch Neuschnee. Es gibt keine Spur vor uns. Und daher lasse ichmich darauf ein, was kommt«, so beschreibt eine EX-IN-Mitarbeiterin in der Fokusgruppe ihre Erfahrungen im Berufsfeld. Für die Tätigkeit als EX-IN gibt es kein Rezept, keine vorgefertigten Regeln und Tätigkeiten, vielmehr sei der Arbeitsalltag geprägt durch ein Herantasten, Spuren-Finden, das Beschreiten neuer Wege und ein gegenseitiges Lernen aus Erfahrung. Gerade das sehen EX-IN-Mitarbeiter*innen aber auch als dasWirkmächtige und als wichtigen Bestandteil des Handlungsrepertoires als EX-IN. Wie bereits deutlich wurde, steht die Ausbildung und die Profession als EX- IN/Genesungsbegleitung in Österreich noch am Anfang. Einige befragte EX- IN-Mitarbeiter*innen beim Verein LOK können teilweise auf drei bis fünf Jahre Erfahrung in diesem Berufsfeld zurückblicken, andere wiederum sind gerade mit der Ausbildung fertig geworden und sammeln ihre ersten Erfahrungen als EX- IN-Mitarbeiter*innen. Im Folgenden soll auf die Beweggründe, als EX-IN tätig zu werden, eingegangenwerden, um schließlich das professionelle Selbstverständnis aus Sicht der EX- IN-Mitarbeiter*innen sowie deren Potenziale für die arbeitgebendeOrganisation und Erfahrungen der Tätigkeit zu beschreiben, die durch »ein Spurenlegen und Sich-Einlassen« charakterisiert ist. Beweggründe, als EX-IN-Mitarbeiter*in tätig zu werden Die befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen haben sich aus unterschiedlichsten Lebenssituationen und biografischen Verläufen heraus für die EX-IN-Ausbildung entschieden. Gemeinsam ist allen die Erfahrung, eine oder mehrere schwere psychische Krisen durch- bzw. erlebt zu haben. Vielfach wurden die Befragten aus ihrem (ehemaligen) Unterstützungsnetzwerk (Psycholog*innen,Psychiater*innen,Betreuer*innen,Teilnehmer*innenvon Selbsthilfegruppen) über das Ausbildungsangebot EX-IN informiert. Zwei Per- Expert*innen durch Erfahrung 157 sonen schilderten sogar, die Idee als Peer-Berater*innen zu arbeiten schon geboren zu haben, bevor es die Ausbildung zu EX-IN und Genesungsbegleiter*innen in Österreich gab. Ziel und Wunsch war für viele befragte EX-IN-Mitarbeiter*innen, die eigenen Erfahrungen zu nutzen undweiterzugeben, sodass die selbst durchlebte Krise keine »verlorene Zeit« mehr darstellen würde, wie folgende Zitate von EX-IN- Mitarbeiter*innen aus der Fokusgruppe untermauern: »Und imZusammenhang damit hatmir einGedanke sehr gut gefallen – ichmeine, ich habe eine Zeit gehabt, wo ich sehr wenig vor die Türe gegangen bin und auch sehr wenige soziale Kontakte gehabt habe und viele Ängste hatte – und mir hat der Gedanke sehr gut gefallen, dass diese Zeit nicht einfach eine Lücke in meinem Lebenslauf ist, sondern vielleicht auch eine Ressource, die man irgendwie nutzbar machen kann« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Für mich war wichtig, dass ich meine Erkrankung in meinen Alltag einbaue. Da geht es gar nicht so um Gesundheit oder Krankheit, sondern dass ich auch gut damit umgehen kann, versuche, auf mich zu schauen. Meine Erfahrungen sind ein großer Gewinn. Zu Beginn meiner Krise dachte ich mir, ich will wieder so sein wie vorher. Heute sehe ich das ganz anders, wenn ich wieder so wäre wie früher, würde ich wieder in diese Situation kommen« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Neben dem Gedanken, andere Personen in einer krisenhaften Zeit zu unterstützen, indem man den eigenen »Erfahrungsschatz« einbringt, waren auch die schlechten Erfahrungen mit der Psychiatrie oder bisherigen Betreuungsangeboten ein wichtiger Beweggrund, als EX-IN-Mitarbeiter*in tätig zu werden. Es wird von einigen Befragten die Chance und das Potenzial des EX-IN-Konzepts gesehen, die Angebotslandschaft und die Unterstützung für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu verbessern. »Ausschlaggebend war dann einfach, was ich erlebt habe in der Zeit, ich habe sehr viel erfahren, wie es nicht gut läuft und ich würde gerne etwas dazu beitragen, dass es besser läuft für andere« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Natürlich gab es auch im psychiatrischen System oder der Landschaft einfach Dinge, wo ich der Meinung war, das gehört verbessert und so hat man auch eine Chance, dass man etwas dazu beiträgt, dass es sich etwas verbessert« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 158 Wichtiger Ausgangspunkt war für einige Personen, durch die Tätigkeit als EX- IN-Mitarbeiter*in der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen entgegenzuwirken undVorurteile abzubauen. In Verbindung damit stand vielfach aber auch, sich selbst diesenEtikettierungenentgegenzustellen, sichdurch die Tätigkeit zu stärken und den eigenen Selbstwert zu steigern. »Ich bin von Anfang an mit meiner Erkrankung rausgegangen, das heißt, wenn mich wer gefragt hat, habe ich eine ehrliche Antwort gegeben, weil eben ein großes Stigma auf psychischenKrankheiten draufsteht. Und das warmir einmal ein großes Anliegen, dass man, selbst wenn man psychisch krank ist, ist man noch Mensch. Das war das eine und das andere, dass es eine Chance gibt, dass man sich irgendwie da raus wurschteln kann, also wenn man seinen eigenenWeg findet und wenn man die Möglichkeit dazu hat, den eigenenWeg finden zu können. Dass man ein Stück rausgehen kann aus dieser Erkrankung« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Das war bei mir so, dass ich eigentlich sehr lange arbeitslos war, weil ich einfach nicht die Leistungen, die sonst an anderen Arbeitsstellen gefordert werden, erbringen konnte. Und dann aber so eine ehrenamtliche Tätigkeit begonnen habe: Moderieren von Selbsthilfegruppen. Da habe ich dann festgestellt, dass ich eigentlich, egal wie schlecht es mir geht, trotzdem dazu in der Lage bin und dass mir das eigentlich sogar was gibt, also zurückgibt eben auch. Dass da Energie auch wieder zurückfließt und wo ich mir gedacht habe, das könnte ich mir vorstellen zu tun« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Darüber hinaus ermögliche das Berufsfeld, sich mit der eigenen Erkrankung »nicht verstecken« zu müssen, wodurch ein gewisser Leistungsdruck in der täglichen Arbeit reduziert werde. Man könne sich so zeigen, wie man ist und so gelinge es auch, in der eigenen Tätigkeit authentisch zu sein. Damit verbunden sei jedoch auch die Herausforderung, durch die Berufsbezeichnung »EX-IN« immer auch öffentlich und für alle deutlich zu machen, dass man selbst eine psychische Erkrankung erlebt hat oder auch noch immer mit dieser lebt. So wird im letzten Zitat verdeutlicht: »Das Gute an dem Ganzen ist, dass ich mich nicht verstecken brauche und meine Erfahrungen eine Ressource sind und sogar Voraussetzung dafür, dass ich die Arbeit machen kann. Für meinen Selbstwert war das natürlich gut, wieder was leisten zu können und im eigenen familiären Haushalt wieder etwas mit beitragen zu können« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Expert*innen durch Erfahrung 159 »Und zu der Frage, was mich bewogen hat, EX-INler zu werden: Zunächst einmal war es mir ganz wichtig, dass ich eine Arbeit mache, in der es mir gelingt, authentisch zu sein, wo ich gefragt bin, als der Mensch, der ich bin, und mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, also wo ich nicht einfach nur eine Nummer bin und eine angelernte Tätigkeit mache« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Wenn ich EX-IN-Genesungsbegleiterin werde, dann sage ich auch jedem in der Öffentlichkeit, dem ich begegne, damit schon, dass ich eine psychische Erkrankung erlebt habe, und möchte ich das eigentlich. Also das war damals schon, dass ich mich damit eine Zeit lang auseinandergesetzt habe, bevor ich mich dazu entschieden habe« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Professionelles Selbstverständnis und Rolle Das professionelle Selbstverständnis als EX-IN-Mitarbeiter*in fußt darauf, auf Basis eigener gemachter Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gesundheitsförderndeHaltungen, Bewältigungsmöglichkeiten und Problemlösungsstrategien inGesprächemit Klient*innen einzubringen und diese so in deren eigenen Recovery-Prozessen zu unterstützen. Als zentral für die Ausübung ihrer Tätigkeit sehen EX-IN-Mitarbeiter*innen die Philosophie und Struktur der Organisation, in der man tätig ist. Folgende Textausschnitte, die bei der Erarbeitung des vorliegenden Artikels von zwei EX- IN-Mitarbeiter*innen verfasst wurden,machen dies und das eigene professionelle Selbstverständnis am Beispiel ihrer Tätigkeit beim Verein LOK besonders deutlich: Professionelles Selbstverständnis eines EX-IN-Mitarbeiters Als ich als EX-IN-Mitarbeiter bei LOK zu arbeiten begonnen habe, hatte ich bereits einige Erfahrungen in unterschiedlichen Rollen bei diesem Verein gesammelt. Ich war Klient und Interessensvertreter in einem Tagesstrukturprojekt gewesen und danach, parallel zumeiner EX-IN-Ausbildung, inderLOK-Klient*innenvertetung tätig.Dabei habe ichdie Struktur und Arbeitsweise des Vereins kennengelernt, da die Klient*innenvertretung in vielen Arbeitsgruppen mitwirkt. Die Sicht und Erfahrung der Klient*innen wird vom Verein geschätzt und ihre Mitarbeit aktiv gefördert. Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 160 Egal in welcher Rolle ich in diesem Verein tätig war, als Klient, Interessensvertreter, Klient*innenvertreter oder EX-IN-Mitarbeiter, habe ich die wertschätzende, offene Art, die es bei LOK gibt, erfahren. Hier existiert ein Grundvertrauen, dass jeder Mensch Fähigkeiten und Talente hat. Und es wird eine Atmosphäre entwickelt, die es ermöglicht, Begabungen im eigenen Tempo zu entwickeln. Dieses Vertrauen in die Fähigkeit jedes Menschen, sich weiterentwickeln zu können und zu wollen, ist, aus meiner Sicht, die Basis der Arbeit von LOK. EX-IN-Mitarbeiter*innen zu beschäftigen, ist die logischeWeiterentwicklung dieser Sichtweise. Und nur deshalb ist es möglich, dass ein ehemaliger Klient heute Mitarbeiter ist. Professionelles Selbstverständnis einer EX-IN-Mitarbeiterin Bei meinem EX-IN-Praktikum bei LOK habe ich bald festgestellt, dass hier ideale Bedingungen vorzufinden sind, als EX-IN-Genesungsbegleiter*in das in der EX-IN-Ausbildung erworbene Wir-Erfahrungswissen in die Praxis umzusetzen. LOK lernte ich alsOrganisation kennen, derenMitarbeiter*innen ressourcenorientiert arbeiten und die nicht die Diagnosen der Klient*innen, sondern ihre Beziehung zu den Klient*innen in denMittelpunkt stellen. WährendmeinesPraktikums, aber auchalsEX-IN-Mitarbeiterin,musste ich mich an keine einengenden Strukturen anpassen. Es stand mir stets ausreichend Entfaltungsraum zur Verfügung. Die Haltung der Mitarbeiter*innen, mit der sie Klient*innen in ihrer Lebens- und Ausdrucksweise akzeptierten, respektierten und wertschätzten sowie ihre Selbstständigkeit und Selbstbestimmung förderten, erzeugte eine für mich angenehme, entspannte Atmosphäre. Dadurch fühlte ich mich sicher, sodass ich mich auf die Menschen bei LOK einlassen konnte. Der Arbeitsstil der Betreuer*innen förderte Empowerment-Prozesse. Ein kräftiges Empowerment- Hindernis sah ich jedoch darin, dass die betreuten Menschen sich selbst stigmatisieren. Durch meine eigene Betroffenheit ist mir Selbststigmatisierung vertraut, die ich lange Zeit automatisiert und unbewusst erlebte. Ein Schritt raus aus diesemVorgang war, michmit meiner Psychiatrie-Erfahrung nicht mehr zu verstecken.Abermich zu outen,machtemich angreifbar.Ummich vor Angriffen zu schützen oder Strategien für den Umgang mit diesen zu entwickeln, brauchte ich Durchhaltevermögen, therapeutische Unterstützung und viel Zeit. Entscheidend war auch die Anerkennung des Wertes Expert*innen durch Erfahrung 161 meiner psychischenKrisenerfahrungen durch andere, wie es bei EX-IN der Fall ist. Das stärkte mein Selbstvertrauen. EX-IN-Mitarbeiter*in zu sein, bedeutet, die persönliche Verletzbarkeit nicht hinter der Profession zu verbergen, sondern diese zu zeigen und sich damit der Stigmatisierung laufend auszusetzen. Ein Ziel der EX-IN-Tätigkeit ist es, andere für die Vielfalt der menschlichen Verletzbarkeiten zu sensibilisieren, um so Stück für Stück ein Bewusstsein dafür zu schaffen und bestehende Stigmatisierungen aufzuweichen. Was uns von anderen LOK-Kolleg*innen unterscheidet, ist die Erfahrung mit psychischen Erkrankungen, mit psychiatrischen Diagnosen und damit verbundener Stigmatisierung. Durch unser Sein zeigen wir, dass die simple Einteilung von Gesunden und Kranken der Vielfältigkeit der Lebenskonzepte, die es in der Gesellschaft gibt, nicht gerecht wird. Das kann zu Verunsicherungen bei Kolleg*innen anderer Professionen führen. Wer sichmit dieser Verunsicherung auseinandersetzt, stellt fest, dass unsere Verletzbarkeit eine Ressource für die Organisation darstellt. Die »persönliche Verletzbarkeit« – wie oben beschrieben – und die eigenen Erfahrungen mit Krisen sind wichtige Wirkungsbereiche und Ressource für die Tätigkeit als EX-IN-Mitarbeiter*in, wie auch in der Fokusgruppe deutlichwurde: »Diese Arbeit zu haben heißt nicht, dass man keine Krisen mehr haben darf, es heißt aber, dass man mit Krisen umgehen können sollte. Wir haben Erfahrung im Umgang mit Krisen und haben im Laufe unserer Krankheitsgeschichte Ressourcen entwickelt, wie man mit der Krankheit auch umgehen kann, oder vielleicht sogar wieder gesund werden, was aber nicht heißt, dass irgendjemand definitiv dieses Ziel erreichen muss« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Indem Klient*innen mit Personen ins Gespräch kommen, die selbst eine psychische Krise erlebt hatten undWege daraus fanden, können diese gestärkt werden, so machen die Befragten deutlich. EX-IN-Mitarbeiter*innen können daher als »Hoffnungsträger*innen« für Klient*innen fungieren. »Was auch eine große Rolle spielt, ist das, dass wir einfach durch das, was wir sind, schon Hoffnungsträger sind. Wo sie sehen, der hat vielleicht die gleiche Diagnose wie ich, oder hat auch schon viel durchgemacht, und der ist aber gut damit fertig geworden und ich kann das vielleicht auch schaffen« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 162 Die befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen sehen ihre Rolle häufig darin, für Klient*innen »da zu sein« und diesen zuzuhören. Hier würden EX-IN-Mitarbeiter*innen aufgrund ihrer eigenen Erfahrung mit psychischen Krankheiten und deren Wissen, wie es sich anfühlen kann, Krisen zu durchleben, auch zu einem Vertrauensaufbau zwischen Klient*innen und EX-IN-Mitarbeiter*innen beitragen können. Herausfordernd gestalte sich für die befragten Mitarbeiter*innen, dass das Angebot EX-IN vereinzelt von Kolleg*innen anderer Professionen und der Gesellschaft teilweise nicht als professionelle Tätigkeit wahrgenommen werde. Hier sei es daher wichtig, das EX-IN-Konzept noch stärker zu verbreiten und bekannt zu machen (siehe dazu den letzten Abschnitt »Visionen und Ausblick zu EX- IN«). »Manchmal wird die Arbeit als EX-IN auch noch immer nicht als richtige Arbeit von außen wahrgenommen. So, dass die halt beschäftigt sind, weil sie sonst nichts finden, aber nicht als richtige Stelle. Manchmal wirdman nicht für voll genommen. Ich habe das als Aushängeschild als EX-IN, ich habe psychische Krisen erlebt. Es wird automatisch damit verbunden, ich sei nicht so belastbar, aber jeder, der eine psychische Krise erlebt hat, ist belastbar. Das sind viele Trugschlüsse der Gesellschaft, die man die ganze Zeit mit dieser Rolle auch vor sich herträgt und das ist auch das anstrengende mit Arbeit. Weil man mit allem angreifbar ist« (EX-IN- Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). EX-IN kann eine sehr wertvolle Ressource für die Organisation darstellen, so heben die in der Fokusgruppe befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen hervor. Bestärkt wird diese Sicht auch von vielen Betreuer*innen, die im Zuge des Forschungsprojekts für den Verein LOK zu »Wirkungen & Theorieentwicklung der PersönlichenBetreuung undBegleitung imAlltag für undmitMenschenmit psychischen Erkrankungen« durch qualitative Interviews befragt wurden – deren Sichtweise ergänzt im folgenden Abschnitt jene der EX-IN-Mitarbeiter*innen. EX-IN als Ressource und Impulsgeber*in EX-IN-Mitarbeiter*innen können neue Sichtweisen bzw. die Perspektive der Peers einbringen und so »Brücken zu Klient*innen bauen«, aber auch »Unordnung schaffen«, etwa indem sie bestehende Strukturen hinterfragen und zum Expert*innen durch Erfahrung 163 Neudenken in vielen Bereichen und Aspekten anregen. In der Fokusgruppe wurde hierbei unterstrichen, wie ernst diese Aufgabe der Perspektivenverschiebung genommen wird, und dass es gilt, darauf zu achten, sich nicht den Strukturen anzupassen – insbesondere, wenn man als einzige*r EX-IN-Mitarbeiter*in in der Organisation bzw. in einem Team arbeitet. EX-IN-Mitarbeiter*innen hätten oftmals andere Zugänge, die sehr nützlich für eine Weiterentwicklung der Organisation sein können. »Dass man sich nicht den Strukturen in der Organisation anpasst, sondern dass man sich immer wieder an dem orientiert, was man empfindet, weil das auch die Ressource für das Unternehmen ist schlussendlich. Wenn man alleine irgendwo tätig ist, ist das auch eine große Herausforderung, dass man nicht so tut wie alle anderen« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Es ist wichtig, dass man auch als Profession und als Ressource in der Organisation gesehen wird und nicht nur als Leute mit psychischer Erkrankung, die da halt jetzt arbeiten, sondern dass man schon auch sieht, dass wir auch was anzubieten haben« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). »Es ist ja kein Selbstzweck, EX-IN bringt neue Impulse, frischen Wind und neue Ansichten in bereits bestehende Strukturen« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Die Zusammenarbeit und der Austausch mit EX-IN-Mitarbeiter*innen wird von vielen befragten Betreuer*innen im Verein LOK als wertvoll angesehen, indemneue Perspektiven und Interpretationswege für die eigene Arbeit aufgezeigt werden können und einer möglichen »Betriebsblindheit« entgegengewirkt werden könne. Darüber hinaus werden diese zumeist als Kolleg*innen geschätzt, die durch ihre Expertise und ergänzende Sichtweise die Arbeit bereichern können. »Der Mehrwert ist sowohl für mich als auch für die Klienten da. Für mich, indem ich mich mit ihr austauschen kann und sie mir vielleicht auch neue Perspektiven aufzeigt, wenn ich wieder mal betriebsblind bin. Das kann passieren. Wenn es mir mal nicht so gut geht mit der Arbeit, dann wende ich mich auch gern an sie. Natürlich, der Zusatz für die Klienten ist, wenn man als Mitarbeiter selber nicht weiterweiß, manchmal der Vorwurf kommt oder der Einwand: ›Das verstehen Sie nicht, Sie waren selber noch nicht in der Situation‹, dann Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 164 kann man die EX-IN anbieten. Man kann sagen: ›Ja, stimmt, gebe ich zu, ich war selber noch nicht in der Situation, wollen Sie nicht einmal mit der EX-IN reden?‹ Als Kollegin schätz ich sie sehr. Ich nehme sie nicht anders wahr als die anderen, sondern als vollwertiges Teammitglied« (Betreuer*in, Tiefeninterview LOK-Studie). »Das Peer-Projekt finde ich sehr super und dass es erwünscht ist, dass es einen Austausch gibt und keine Einwegstraße. Es ist auch einfach eine Erweiterung meines Blickfeldes, des Horizonts« (Betreuer*in, Tiefeninterview LOK-Studie). Erfahrungen in der Tätigkeit als EX-IN Wie sieht nun aber die Tätigkeit konkret aus, welche Kompetenzen aus der Ausbildung sind für die Tätigkeit als EX-IN wichtig und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit im Team? DieAusbildungwird –wenngleich von den befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen als sehr anstrengend und fordernd beschrieben – als wichtigerGrundstein für die professionelle Ausübung der Tätigkeit erlebt. Die Ausbildung folgt dem Ziel, sich einerseits mit den eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen, diese in die eigene Biografie zu integrieren und andererseits diese zusammen in der Gruppe zu sortieren, einzuschätzen und zu ordnen. Daraus soll ein Wir-Erfahrungswissen – im Sinne eines vergemeinschafteten Wissens – erwachsen (vgl. Stopat & Schulz, 2015; Utschakowski et al., 2015). Durch die offene Konzeption der Ausbildung, die stark auf den Aufbau von kollektivem Erfahrungswissen durch Reflexion und Austausch in der Gruppe setzt, konnten sich die Teilnehmer*innen der Fokusgruppe viele Kompetenzen aneignen, sich selbst stärken und über sich selbst lernen: »Mich hat es sehr irritiert, dass es immer geheißen hat, es gibt kein Richtig oder Falsch. Mit dem konnte ich gar nicht umgehen. So in irgendeine Richtung passt es oder passt es gar nicht. Es war sehr anstrengend fürmich […]DerKurs hatmich ver- ändert und bereichert. Für mich ein deutliches Beispiel für die Veränderung durch den Kurs war, dass ich am Anfang vom Kurs mich immer melden musste, immer, es war mir nicht möglich, mal dort zu sitzen und mal nichts zu sagen, und jetzt kann ich mich hinsetzen und zuhören, was auch sehr wichtig ist« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Expert*innen durch Erfahrung 165 »Was uns im ersten Lehrgang viel beschäftigt hat, war, es gibt kein Richtig und es gibt kein Falsch. Weil alle Ausbildungen, die ich vorher gemacht habe, da gab es das, da hat es irgendwas gegeben, das hat man sich angeeignet und so funktioniert es. Und da war es plötzlich ganz anders, da war dann plötzlich ein Raum, so ein großer Raum, der schon fast eine Leere war, und ich dann ganz hilflos war, was es ist. Und wir haben dann erst in der Reflexion gemeinsam als Gruppe das finden können. Und ich tu mir noch heute schwer, es anderen begreiflich zu machen, was da eigentlich passiert« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). EinAmbiguitätstoleranz1undReflexionsbereitschaft fordernderZugang imRahmen der Ausbildung prägt auch das von den EX-IN-Mitarbeiter*innen beschriebene Arbeitsleben. Zentraler Aufgabenbereich der im Zuge der Fokusgruppe befragten EX- IN-Mitarbeiter*innen beim Verein LOK ist das In-Kontakt-Treten mit Klient*innen. Dabei geht es nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern »da zu sein«, zuzuhören und gegenüber den Bedürfnissen der Klient*innen achtsam zu sein. Die persönlichen Erfahrungen der EX-IN-Mitarbeiter*innen mit psychischen Erkrankungen stehen dabei nicht im Vordergrund. Weitere Tätigkeiten auf Klient*innenebene sind Fürsprache, sofern von Klient*innen gewünscht, Begleitung von Klient*innen beim Aufbau oder Erweiterung ihrer sozialen Beziehungen oder Begleitung zu Terminen. Auf Mitarbeiter*innen- und Organisationsebene besteht die Aufgabe von EX-IN-Mitarbeiter*innen darin, ihr erworbenes Wir-Erfahrungswissen den Mitarbeiter*innen und der Organisation zur Verfügung zu stellen. Das kann auf verschiedenen Wegen geschehen, unter anderem durch Teilnahme an Arbeitsgruppen, Teambesprechungen und Fortbildungen. Verdeutlicht wird von den befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen die vielfältige Ausgestaltung der Arbeitstage und Auslegungen sowie Reflexion der eigenen Rolle, was häufig auch als herausfordernd erlebt wird. Diese Herausforderungen stellen sich nicht nur zu Arbeitsbeginn, wo es gilt, das eigene professionelle Selbstverständnis zu entwickeln, sondern auch nach vielen Jahren Berufserfahrung: »Der Anfang war nicht leicht. Für mich war die Schwierigkeit: So, jetzt hab ich die Ausbildung und fange zu arbeiten an, aber wie? Wie finde ich mich in der Rolle wieder? Mach ich es richtig oder falsch« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). 1 Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten aushalten zu können. Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 166 »Ich komme auch immer wieder in Phasen, wo Zweifel aufkommen. Es ist nicht so, dass man mit viel Berufserfahrung dann ein alter Hase ist. Ich komme immer wieder in so eine Phase hinein. […] Das ist auch ein Teil unserer Arbeit, immer wieder zu reflektieren und zu schauen, ist das jetzt richtig, was wir da tun. Jetzt ist es einfacher, wenn Zweifel kommen, weil wir im Team sind und uns austauschen können inhaltlich, wo man immer wieder schauen kann, wie sehen wir es. Nicht nur, wie sehe ich es. Und daran kann ich mich auch immer wieder orientieren und mich austauschen darüber, wie Situationen interpretiert werden können« (EX-IN- Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Im letzten Zitat wird deutlich, welcher Stellenwert dem Austausch in einem EX-IN-Team und mit den Fachkolleg*innen beigemessen wird. Durch gemeinsames Diskutieren und einem inhaltlichen Austausch kann die eigene Tätigkeit reflektiert und von Erfahrungen und dem durch die jeweiligen Ausbildungen erworbenenWissen des Gegenübers profitiert werden. Visionen und Ausblick zu EX-IN Wie die Ausführungen der befragten EX-IN-Mitarbeiter*innen verdeutlichen, wird »der Weg durch den Neuschnee« durch gegenseitiges Lernen aus Erfahrung, Reflexion und Austausch beschritten. Für den weiteren Weg werden von den Fokusgruppenteilnehmer*innen auch Potenziale zur Erweiterung und Verbesserung genannt, die sich teilweise auch in der aktuellen Literatur zu EX-IN als Handlungsempfehlungen wiederfinden lassen: Bereits bei der Ausbildung werden in den Gesprächen mit EX-IN-Mitarbeiter*innen mögliche Verbesserungen hinsichtlich eines flächendeckenderen Ausbaus von Ausbildungsstätten, aber auch inhaltliche Ergänzungen genannt. Inhaltliche Schwerpunkte und Ergänzung (bspw. zu Deeskalation, Kommunikation und Rolle in der Organisation, Suizidalität, Forensik) könnten – so regen die Befragten an – in Form von Erweiterungsmodulen angeboten werden. Eine Zukunftsvision ist, dass die Bekanntheit und Anerkennung von EX-IN im psychosozialen Bereich steigt und das Angebot EX-IN in psychosozialen Einrichtungen gegeben sein sollte.Wie bereits imBeitrag vonYvonneKahl in diesem Band thematisiert, gilt es, eine flächendeckende Einbindung von EX-IN-Mitarbeiter*innen und eine offene Haltung der psychosozialen Angebotslandschaft für Peer-Konzepte weiterzuentwickeln. Mit Wertschätzung sollte aber auch eine Expert*innen durch Erfahrung 167 entsprechende Entlohnung verbunden sein, so machen viele EX-IN-Mitarbeiter*innen deutlich: »Mehr EX-IN-Mitarbeiter. Ich würde mir wünschen, dass das Standard wird, dass es in anderen psychosozialen Einrichtungen auch EX-IN gibt und diese Teil des Teams sind« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Berücksichtigt werden sollte aber auch das Potenzial eines EX-IN-Teams innerhalb einer Organisation, damit sich EX-IN-Mitarbeiter*innen untereinander austauschen und gemeinsam verstärkt eine Perspektivenverschiebung in die Organisation hineintragen können (siehe hierzu auch Utschakowski, 2014). »Es ist wünschenswert, dass EX-IN zumindest zu zweit sind, um sich auszutauschen, einer allein läuft sonstGefahr, sich an denProfis zu orientieren. Es istwichtig, dass das Spezifische von EX-IN erhalten bleibt« (EX-IN-Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Trotz derMöglichkeit, diesen Erfahrungsschatz zu nutzen, stoßen EX-IN-Mitarbeiter*innen inOrganisationen immerwieder aufVorbehalte seitens professioneller Fachkräfte (vgl. Lacroix et al., 2015). In diesemZusammenhang wurde jedoch in unterschiedlichen Studien deutlich (vgl. Asad & Chreim, 2016; Koenig & Schachner, 2019; Ruppelt et al., 2015), dass durch eine vermehrte Zusammenarbeit und einen höheren Bekanntheitsgrad des Konzepts EX-IN das Potenzial auch verstärkt gesehen, genutzt und getragen wird. Dies machten auch die Teilnehmer*innen der Fokusgruppe mehrmals deutlich: »Je länger wir es machen, umso besser wird es. Die Wahrnehmung verändert sich, aber es gibt noch immer Leute, die Skepsis haben. Mit vielen Kollegen klappt es sehr gut und es ist ein Austausch da. Dort, wo viel zusammengearbeitet wird und viel Kontakt ist, dort klappt es sehr gut und dort, wo noch weniger Kontakt ist, ist es noch etwas schwieriger, weil es mehr Raum für Unsicherheiten gibt« (EX-IN- Mitarbeiter*in, Fokusgruppe). Als zentral wird einmal mehr aber auch die Haltung und Philosophie der Organisation sowie der jeweiligen Führungskraft eingeschätzt (vgl. dazu auch Ruppelt et al., 2015), um eine wertschätzende und gegenseitig bereichernde Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu erleichtern. Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 168 Literatur Asad, S. & Chreim, S. (2016). Peer support providers’ role experiences on interprofessional mental health care teams: A qualitative study. Communitymental health journal, 52(7), 767–774. Bock, T., Mahlke, C., Schulz, G. & Sielaff, G. (2013). Eigensinn und Psychose, Peer-Beratung und Psychotherapie. Psychotherapeut, 58(4), 364–370. Cramer, M. & Hiller, S. (2015). Genesungsbegleitung (EX-IN) in Bayern. Nervenheilkunde, 34(04), 268–270. Ibrahim, N., Thompson, D., Nixdorf, R., Kalha, J., Mpango, R., Moran, G. & Puschner, B. (2020). A systematic reviewof influenceson implementationofpeer supportwork for adultswith mental health problems. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, 55(3), 285–293. Koenig, O. & Schachner, A. (2019). Wirkungen & Theorieentwicklung der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag für und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen [interner Bericht des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus]. Lacroix, A., Degano-Kieser, L., Utschakowski, J., Gonther, U. & Eikmeier, G. (2015). Besseres Milieu – Peer-Beratung auf allen Stationen. Nervenheilkunde, 34(04), 167–171. Mayring, P. (2010). Qualitative Inhaltsanalyse. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S. 468–475). Hamburg: Rowohlt. Ruppelt, F., Mahlke, C., Heumann, K., Sielaff, G. & Bock, T. (2015). Peer-Stadt Hamburg?Doppelte Peer-BeratunganderSchnittstelle ambulant-stationär.Nervenheilkunde,34(04), 259–262. Stopat, S. & Schulz, G. (2015). Denn die Hoffnung, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück. Nervenheilkunde, 34(04), 240–244. Utschakowski, J. (2014). 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Seit 2016 ist sie zudem als externe Lektorin der Universität Wien am Institut für Politikwissenschaften zu qualitativen Methoden und seit 2019 als externe Lektorin und wissenschaftliche Begleitung im Universitätslehrgang Early Life Care in Kooperation der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und St. Virgil Salzburg tätig. Kontakt: schachner@queraum.org Expert*innen durch Erfahrung 169 Petra Derler ist EX-IN-Genesungsbegleiterin und beschäftigt beim Verein LOK Leben ohne Krankenhaus als Leiterin des Teams EX-IN. Kontakt: petra.derler@lok.at StefanProchazka ist ausgebildeter EX-IN-Genesungsbegleiterundarbeitet alsOmbudsmann für den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Klient*innen aktiv anzuregen und dabei zu unterstützen, ihre Wünsche, Beschwerden und Anregungen zu formulieren und einzufordern. Außerdem gehören die Förderung einer kritischen Auseinandersetzung und konstruktives Feedback in Bezug auf das Angebot des Vereins zu seinen Aufgaben. Kontakt: stefan.prochazka@lok.at Robert Mittermair ist Geschäftsführer des Vereins LOK Leben ohne Krankenhaus (www.lok. at). Kontakt: robert.mittermair@lok.at Anna Schachner, Petra Derler, Stefan Prochazka & Robert Mittermair 170 Teil IV: Das Forschungsprojekt Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign Anna Schachner &Oliver Koenig Grundlage des vorliegenden Sammelbandes war eine durch den Verein LOK Leben ohne Krankenhaus in Auftrag gegebene Studie, die im Zeitraum von 2016 bis 2019 durchgeführt wurde. Die Studie verfolgte das Ziel, die Wirkung des Angebots der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag des Vereins LOK aus Sicht der Klient*innen und Betreuer*innen zu beforschen. Auf Basis der mehrjährigen Forschungstätigkeit konnte ein tiefgehender Einblick inWirkungen und Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung gewonnen werden. Einführend wird sowohl der Hintergrund als auch die Ausgangslage der Studie beschrieben (siehe Schernthaner in diesem Band). Schließlich werden die bestehenden Forschungslücken sowie die jeweiligen Forschungsfragen umrissen, um das Forschungsdesign der vorliegenden Studie zu erörtern. Ergebnisse der Studie werden in den folgenden Beiträgen des vierten Teils dieses Sammelbandes dargestellt und diskutiert. Hintergrund und Ausgangslage der Studie Der Verein LOK Leben ohne Krankenhaus wurde 1989 im Zuge der Umsetzung derWiener Psychiatriereform gegründet. Die Vereinsgründer*innenmachten damals die Erfahrung, dass bestimmte Personengruppen als »nicht integrierbar« bezeichnet wurden. Diese Zuschreibung bezog sich in erster Linie aufMenschen, die jahrzehntelang hospitalisiert gelebt hatten. Diese Personengruppe konnte durch das vorhandene extramurale Betreuungsangebot nicht in einer Art und Weise versorgt werden, die ein Leben ohneKrankenhaus ermöglicht hätte. Es war von Anfang an klar, dass der Verein LOK keine medizinische, psychotherapeuti- 173 sche oder psychologische Behandlung anbietet, sondern seinen Fokus vielmehr auf eineUnterstützung undBegleitung imAlltag richtet. Auf derGrundlage eines entwickelten Betreuungskonzepts wurde der Verein LOK infolge als Trägerorganisation derWiener Behindertenhilfe anerkannt. Aufgrund aktueller politischer Veränderungen, maßgeblich beeinflusst durch die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie entsprechende politische Bestrebungen der Wiener Landesregierung, kam es in den letzten Jahren zu einem Ausbau ambulanter Wohnangebote. So kam es auch imVerein LOK zu einemAusbau des Kontingents an Plätzen im Bereich der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag sowie zur Umsetzung von Peer- Support-Angeboten (siehe Schachner et al. in diesem Band). Vor demHintergrund dieser Entwicklungenwurde bereits 2014 – im 25. Jahr des Bestehens des Vereins LOK– imRahmen einer Leitungsklausur über die Vergabe einer Studie nachgedacht. Diese sollte mit einem wissenschaftlichen Blick von außen herausfinden: ➢ wie und was an der Persönlichen Betreuung und Begleitung aus Sicht von Klient*innen und Betreuer*innen wirkt sowie ➢ ob und wie bestimmte Faktoren dies beeinflussen. Schließlich wurde das Forschungsbüro queraum. kultur- und sozialforschung für die Durchführung einer Vorstudie zur Präzisierung des Forschungsinteresses und der Erstellung eines Forschungsdesigns beauftragt. Die Vorstudie wurde im Zeitraum Juni 2016 bis Januar 2017 durchgeführt und von einer internen Steuerungsgruppe des Vereins LOK begleitet. In dieser Steuerungsgruppe arbeiteten Vertreter*innen der Geschäftsführung und des Vorstands, Leitungskräfte, Betreuer*innen, Klientenvertreter*innen sowie EX-IN-Mitarbeiter*innen mit. Im Durchführungszeitraum der Vorstudie fanden insgesamt drei Treffen der Steuerungsgruppe sowie zwei halbtägige Workshops statt. Der erste Workshop hatte die gemeinsame Herausarbeitung von Forschungsfragen zum Gegenstand. Der zweiteWorkshop richtete sich an Klient*innen und diente ➢ der Diskussion von möglichen Forschungsmethoden, ➢ der gemeinsamen Entwicklung von Fragestellungen für die Leitfäden zu den Interviews mit Klient*innen und Betreuer*innen sowie ➢ zur Diskussion ethischer und methodischer Fragen zur Umsetzung der Erhebungen. Im Rahmen einer Methodentestung wurden insgesamt vier Tiefeninterviews mit zwei sowie Kurzinterviews bei einer organisierten Veranstaltung mit sechs Anna Schachner &Oliver Koenig 174 Klient*innen durchgeführt. Die Ergebnisse und Lernerfahrungen aus diesen Aktivitäten wurdenGrundlage für ein Konzept zurDurchführung derHauptstudie. Die Hauptstudie, für die ein Konsortium aus dem Forschungsbüro queraum. kultur- und sozialforschung sowie dem Institut für Bildungswissenschaft derUniversität Wien beauftragt wurde, startete im März 2017 und wurde Ende April 2019 abgeschlossen. Forschungsfragen Die vorliegende Studie verfolgte das Ziel, eine gegenstandsbezogene und praxisrelevante Theorie professioneller Beziehungsarbeit sowie Kriterien und Bedingungen zu erarbeiten, die eine unterstützende Beziehung in der Arbeit für und mit Menschen mit psychischen Erkrankungen innerhalb der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag des Vereins LOK fördern können. Im Rahmen des partizipativen Prozesses mit Klient*innen und Betreuer*innen im Vorfeld der Studie wurden folgende Forschungsfragen entwickelt, die im Zentrum sämtlicher Erhebungs- und Auswertungsschritte standen: ➢ Wiewirkt das Angebot der Persönlichen Betreuung undBegleitung imAlltag aus Sicht der Klient*innen und Betreuer*innen? ➢ Unterstützt die Persönliche Betreuung und Begleitung imAlltag Klient*innen dabei, autonom zu leben sowie eigene Lebensentwürfe zu entwickeln und umzusetzen?Wenn ja, wie tut sie das? ➢ Welche Rolle spielt bei all dem die Beziehung zwischen Klient*innen und Betreuer*innen? Fokussiert wurden im Rahmen der Untersuchung die Bedeutung der Beziehungen zwischen Klient*innen und Betreuer*innen, der Betreuungsdynamik und der Entwicklung einer als unterstützend und tragfähig erlebten Beziehung sowohl aus Perspektive der Klient*innen als auch aus jener der Betreuer*innen. Mit Blick auf die Beziehung zwischen Klient*innen und Betreuer*innen standen daher die folgenden Fragen im Fokus der Studie: ➢ Welche Bedeutung nimmt die professionelle Beziehung im Erleben von Klient*innen und Betreuer*innen des Vereins LOK ein? ➢ Was macht eine professionelle Beziehung aus Sicht der Klient*innen und Betreuer*innen zu einer unterstützenden Beziehung? ➢ Welche Erwartungen haben Klient*innen und Betreuer*innen an ihre Beziehung zueinander und wo werden deren Grenzen verortet? Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 175 ➢ Welche Aktivitäten unternehmen Klient*innen und Betreuer*innen, um eine tragfähige Beziehung aufzubauen und diese aus ihrer Sicht langfristig, dynamisch und unterstützend zu halten? ➢ Welche (inter-)personellen und strukturellen Faktoren können als förderlich bzw. hinderlich für den Aufbau und den Erhalt einer tragfähigen Beziehung identifiziert werden? Bisherige Forschungsbemühungen lassen sich dadurch charakterisieren, dass Fragestellungen einerseits aus einer singulären Perspektive, entweder jener von Nutzer*innen oder jener von Fachkräften, beforscht wurden und dass andererseits die Ableitung von Faktoren, die eine unterstützende Beziehung bedingen, deskriptiv-systematisierend erfolgt ist.Was weitgehend fehlt, sindUntersuchungen, welche die Betreuungsdynamik und die Entwicklung einer als unterstützend erlebten Beziehung aus der Perspektive sowohl der Nutzer*innen als auch der Mitarbeiter*innen in den Blick nehmen. Zudem fehlen Bemühungen, die herausgearbeiteten Faktoren zu einem verwobenen theoretischen Prozessmodell zu verbinden. Aus diesemGrund wurde folgendes Forschungsdesign entwickelt, um die Forschungsfragen zu beantworten unddiese Forschungslückeweiter zu schlie- ßen. Forschungsdesign In der Umsetzung der Studie wurde dem Ansatz der Partizipativen Aktionsforschung (vgl. McIntyre, 2007) gefolgt. Partizipativ bedeutet hierbei, dass nicht nur »über« die Personen im Forschungsfeld geforscht wird, sondern »mit« diesen. Als Ko-Forscher*innen werden sie an der Konzeption der Fragestellungen, der Festlegung derMethoden, der Planung der Untersuchungsschritte, dem Erheben und insbesondere der Analyse und Interpretation der Daten aktiv beteiligt. In dieser Weise kann der Forschungsprozess als Lernmöglichkeit für alle an der Forschung beteiligten Akteur*innen fungieren. Der zweite wesentliche Baustein ist jener der Aktionsforschung. Dieser steht für eine Forschungsorientierung, in der die zentralenAktionenmaßgeblicher Akteur*innen imFeld nicht nur Gegenstand der Forschung sind, sondern der Forschungsprozess explizit darauf abzielt, auf die Praxis der Akteur*innen im Feld gestaltend einzuwirken (vgl. Chevalier & Buckles, 2019, S. 19). Dies geschah vor allem durch die gemeinsame Reflexion und den strukturierten Dialog über die beobachtbare Praxis. Anna Schachner &Oliver Koenig 176 Bei dem vorliegenden Forschungsprojekt handelte es sich um eine explorative qualitative Studie, die sich an zentralen Erhebungs- und Auswertungsschritten der Grounded Theory als Forschungsstil orientierte. Explorativ bedeutet, erkundend und mit einem möglichst offenen Blick an jene Phänomene heranzutreten, die von den Akteur*innen im Feld im Hinblick auf die untersuchten Fragestellungen als relevant erachtet wurden – im Unterschied zu einem bereits vorab (theoretisch angeleiteten) Überprüfen bereits entwickelter Hypothesen. DieGroundedTheory hat imKontext sozialwissenschaftlicherUntersuchungen, in denen die Sichtweise von Menschen mit psychischen Erkrankungen zum Ausgangspunkt von Theorieentwicklung genommen wurde, bereits eine langjährige Tradition. Als Beispiele für Grounded Theory-Studien können unter anderem folgende genannt werden: ➢ eine Untersuchung über das Erleben von institutioneller Gewalt (vgl. Kumar et al., 2001) ➢ eine Studie über die Bedeutung sozialer Beziehungen im Recovery-Prozess vonMenschen mit signifikanten psychischen Erkrankungen (vgl. Schön et al., 2009) ➢ ein Forschungsprojekt zur Entwicklung einer praxisrelevanten Theorie über denRecovery-Prozess aus Sicht der Betroffenen (vgl. O’Doherty et al., 2012) Die Grounded Theory wurde in den 1960er Jahren von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss als Methode entwickelt, um aus den Untersuchungsdaten theoretische Kategorien zu entwickeln, anstatt aus existierenden Theorien Hypothesen amDatenmaterial zu testen. Die Grounded Theory als Forschungsstil zeichnet sich durch folgende Elemente aus: ➢ Datenerfassung und Analyse erfolgen nicht als zeitlich getrennte Prozesse, sondern als zirkuläre (kreisförmige) Phasen zwischen denen ständig hin und her gewechselt wird. ➢ Codes und Kategorien werden am Datenmaterial schrittweise entwickelt und zunehmend verdichtet.Währenddes ForschungsprozesseswerdenMemos verfasst, um Eigenschaften der Kategorien sowie deren Verbindungen sukzessive zu entwickeln. ➢ Es wird die Methode des ständigen Vergleichens angewendet, das heißt, wird beispielsweise in einem Transkript ein für den untersuchten GegenstandbedeutsamerProzess entdeckt,werdendie anderenuntersuchtenFälle sofort im Hinblick auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersucht. Dies führt direkt zum nächstenMerkmal, dem theoretischen Sampling. Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 177 ➢ Unter theoretischem Sampling wird die Auswahl der Personen und Themen für eine weitere Erhebung vor demHintergrund theoretischer Überlegungen verstanden (beispielsweise zur Lösung theoretischer Probleme bzw. für die Vertiefung oder Kontrastierung von bereits entwickelten Konzepten im Rahmen der zu entwickelnden Theorie). Diese Entscheidungen werden idealerweise gemeinsam mit allen am Forschungsprozess beteiligten Akteur*innen getroffen und hängen vom jeweiligen Erkenntnisinteresse ab. Es werden so lange neue Fälle herangezogen bzw. Daten vergleichend ausgewertet, bis sich eine theoretische Sättigung einstellt das heißt auch bei neuen Fällen keine grundlegend neuen Erkenntnisse zu dem untersuchten Gegenstand gewonnen werden können (vgl. Charmaz, 2006; Strübing, 2004). Seit den frühen Arbeiten von Glaser und Strauss hat sich der Ansatz der Grounded Theory erheblich weiterentwickelt. Im Rahmen dieser Studie wurde hierbei auf die konstruktivistische Weiterentwicklung der Grounded Theory von bzw. durch Kathy Charmaz zurückgegriffen (vgl. Tweed & Charmaz, 2012). Anstatt einen einzelnen sozialen Prozess oder eine einzelne Kernkategorie in den Mittelpunkt der Untersuchung zu stellen, vertritt Charmaz folgende Prämissen: 1. Realität ist vielfältig, prozessorientiert und konstruiert – jedoch konstruiert unter bestimmten Bedingungen. 2. Der Forschungsprozess geht aus Interaktionen hervor, sowohl die Forscher*innen als auch die Forschungsteilnehmer*innen nehmen dabei bestimmte Standpunkte und Standorte ein. 3. Die Forscher*innen und die Forschungsteilnehmer*innen konstruieren die Daten gemeinsam – die Daten sind ein gemeinschaftliches Produkt des Forschungsprozesses und nicht einfach neutral beobachtete Objekte (vgl. Charmaz, 2008, S. 402). Die konstruktivistische Herangehensweise der Grounded Theory war somit geeignet, dem partizipativen Anspruch des vorliegenden Forschungsprozesses zu entsprechen und zu einer Ko-Konstruktion eines Theoriemodells beizutragen, das in der Lage ist, sowohl Phänomene aus der Praxis zu erklären als auch handlungswirksam und handlungsleitend auf diese wirken zu können. Gemäß der kreisförmigen Logik des Forschungsstils der Grounded Theory war das Forschungsprojekt auf einen Zeitraum von 18 Monaten angelegt und in drei etwa gleich lange Forschungszyklen zu je sechs Monaten eingeteilt. Abbildung 1 stellt den Forschungsprozess der Studie dar. Anna Schachner &Oliver Koenig 178 Abbildung 1: Forschungsprozess, Phase 1 In allen drei Forschungszyklen fanden in einer ersten Phase leitfaden-gestützte Kurzinterviews mit Klient*innen statt. Diese Strategie wurde verfolgt, um einen möglichst niederschwelligen Zugang zum Forschungsfeld zu erlangen und Inter- Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 179 viewpartner*innen für die weiteren Erhebungsschritte zu finden. Ebenso sollten dadurch möglichst viele unterschiedliche Perspektiven von Klient*innen eingefangenwerden. ImRahmendesFeldeinstiegswurde in jederForschungsphase eine Fokusgruppe mit Betreuer*innen abgehalten. Damit sollten auch gruppendynamische und interaktive Phänomene sowie diskursive Variationen undDynamiken in der Beschreibung und Aushandlung von Bedeutungen abgebildet werden (vgl. Powell & Single, 1996). An vorher festgelegten und im Informationsschreiben enthaltenen Terminen war jeweils ein*e Vertreter*in des Forschungsteams am untersuchten Standort anwesend, um Kurzinterviews mit Klient*innen durchzuführen. In den Phasen zwei und drei wurde die Möglichkeit zum Führen von Kurzinterviews auch auf Betreuer*innen ausgeweitet. Neben seiner kürzeren Dauer zeichnete sich das Kurzinterview dadurch aus, dass interessierte Klient*innen und Betreuer*innen ein möglichst anonymes Gespräch führen konnten. Dabei wurde ihnen freigestellt, ob die Interviews mit einem digitalen Aufnahmegerät festgehalten werden durften. Für die Durchführung eines Kurzinterviews wurde eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 15 Euro ausbezahlt. Neben dieser aufsuchenden Akquisitionsstrategie hatten sowohl Klient*innen als auch Betreuer*innen die Möglichkeit, sich entweder telefonisch oder per E-Mail an eine*n Vertreter*in des Forschungsteams zu wenden, um individuell einen Termin zu vereinbaren. Auch für Betreuer*innenwurde vor allem zumZwecke derAnonymisierung (kein Vermerk in der Stundendokumentation) eine Aufwandsentschädigung für die Durchführung eines Interviews ausbezahlt. Dadurch wurde den Betreuer*innen signalisiert, dass die Geschäftsführung Interesse daran hat, dass sich möglichst viele Personen an den Interviews beteiligen. Schließlich wurden in jeder PhaseTiefeninterviewsmit Klient*innen und Betreuer*innen (teilweise über zweiZeitpunktehinweg) geführt. FürdieDurchführung der Tiefeninterviews wurden seitens des Forschungsteams gezielt Personen angesprochen, die an Kurzinterviews respektive Fokusgruppen teilgenommen hatten. Dadurch konnte vor allem mit zeitlichem Fortschreiten des Projektes und ersten erfolgten Auswertungsschleifen das theoretische Sampling im Sinne von größtmöglicher Variation von Perspektiven unterstützt werden. Dies fand auch darin seinen Ausdruck, dass einige Forschungsteilnehmer*innen für ein zweites Tiefeninterview eingeladen wurden. Zusätzlich wurde sowohl bei einzelnen Klient*innen als auch bei einzelnen Betreuer*innen die partizipative Methode der Forschungstagebücher eingesetzt, um bedeutsame Situationen, Gespräche und Gedanken im Zuge des Betreuungsverlaufs zu dokumentieren und die Erfahrungen mit dem Forschungsteam teilen zu können. Für die Durchfüh- Anna Schachner &Oliver Koenig 180 rung eines Tiefeninterviews wurde eine Aufwandsentschädigung von 30 Euro ausbezahlt. Das Forschungsdesign war in seiner Auslegung auf größtmögliche Transparenz und gezielte Partizipations- und Mitbestimmungsmöglichkeiten von Mitgliedern des Vereins LOK ausgerichtet. Dabei wurden zwei begleitende Gremien eingesetzt, in denen jeweils Vertreter*innen aller von der Untersuchung unmittelbar betroffener Stakeholder, das heißt Klient*innen, Mitarbeiter*innen und Leiter*innen, vertreten waren. Die sogenannte Steuerungsgruppe diente Fragen der operativen und strategischen Umsetzung des Projekts, aber auch der gemeinsamen Er- und Überarbeitung von Forschungsinstrumenten. Das zweite – als Auswertungsgruppe bezeichnete – Gremium kann in der Terminologie partizipativer Forschung als Referenzgruppe (vgl. Goeke & Kubanski, 2012) verstanden werden. Im Rahmen von halbtägigen Auswertungsworkshops am Ende jedes Forschungszyklus wurden ausgewählte Interviewpassagen bearbeitet und Zwischenergebnisse vorgestellt und diskutiert. Im Anschluss an die jeweiligen Auswertungsworkshops wurden in den ersten beiden Forschungszyklen die gewonnenen Erkenntnisse in die Leitfäden für den darauffolgenden Zyklus eingearbeitet. Der zweite und dritte Forschungszyklus dient zudem der gezielten Auswahl von Forschungsteilnehmer*innen und Fragestellungen im Sinne des theoretischen Samplings. Das Forschungsdesign zielt darauf ab, die Auswertung bis zu einem hohen Grad der theoretischen Sättigung fortzuführen. SämtlicheFokusgruppenund Interviews vonKlient*innenundBetreuer*innen wurden transkribiert, mit Blick auf ihre Einzelfalllogik ausgewertet sowie zu gruppenbezogenenZwischenergebnissenverdichtet.MithilfedesPrinzipsdes ständigen Vergleichens wurden auf deskriptiver Ebene Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Wahrnehmungen und Handlungslogiken zwischen den beiden Gruppen herausgearbeitet und schließlich inRichtung eines beideGruppenperspektiven berücksichtigenden theoretischen Modells verdichtet. Die Auswertung erfolgte im Sinne der Grounded Theory als fortlaufender Prozess, wobei sich die zunehmende Verdichtung des Datenmaterials entlang der drei von Charmaz empfohlenen Phasen des initialen, fokussierten und theoretischen Codierens orientierte. Aufgrund der Fülle an erhobenen Daten und zur Unterstützung eines arbeitsteiligen Codierens wurde auf die AnalysesoftwareMAXQDA zurückgegriffen. In Summe wurden 32 Mitarbeiter*innen (16 Frauen und 16 Männer) im Rahmen von drei Fokusgruppen, elf Kurz- und 18 Tiefeninterviews und 35 Klient*innen (16 Frauen und 19Männer) im Rahmen von 23 Kurz- und 30 Tiefeninterviews befragt (siehe Tabelle 1). Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 181 Tabelle 1: Übersicht der Anzahl befragter Personen Phase 1 Phase 2 Phase 3 Gesamt Anzahl der Betreuer*innen in Fokusgruppen (FG) 6 6 6 18 Kurzinterviews mit Betreuer*innen 6/6 2/2 3/3 11/11 Tiefeninterviews mit Betreuer*innen 6/3 5/3 7/7 18/13 (Tiefen-)Interviews mit Leiter*innen 2/2 4/4 3/3 9/9 Kurzinterviews mit Klient*innen 9/9 9/9 5/5 23/23 Tiefeninterviews mit Klient*innen 9/5 15/12 6/6 30/23 Anzahl geführter Gespräche 32 + 1FG 35 + 1FG 24 + 1FG 91 + 3FG Anzahl befragter Mitarbeiter*innen 3 Frauen 4 Männer 6 Frauen 5 Männer 7 Frauen 7 Männer 16 Frauen 16 Männer Anzahl befragter Klient*innen 6 Frauen 5 Männer 6 Frauen 8 Männer 4 Frauen 6 Männer 16 Frauen 19 Männer Anzahl befragter Personen 20 29 27 76 Die befragten Betreuer*innenwaren im Schnitt bereits 6,25 Jahre imVerein LOK beschäftigt, wobei die Spannweite von einem Jahr bis 24 Jahre reichte. Folgende Bildungshintergründe konnten auf Basis der qualitativen Interviews eruiert werden: ➢ Etwa 40% der Betreuer*innen gaben ein Studium der Psychologie an, ➢ etwa 13% absolvierten eine Akademie bzw. FH für Soziale Arbeit, ➢ circa 17% schlossen ein Studiumder Pädagogik (inkl. Lehramt undSchwerpunkt Behindertenpädagogik) ab und ➢ etwa 30% gaben an, Quereinsteiger*innen zu sein. Darüber hinaus befanden sich um die 40% der befragten Betreuer*innen zum Erhebungszeitpunkt in einer Psychotherapieausbildung. Bezüglich der Klient*innen konnten aus den qualitativen Interviews folgende Eckdaten ermittelt werden: Im Durchschnitt nahmen die bei der Befragung teilnehmenden Klient*innen seit 5,75 Jahren das Angebot des Vereins LOK in Anspruch, wobei die kürzeste Inanspruchnahme bei einem halben Jahr und die längste bei 15 Jahren lag. Die Klient*innen, die an der Studie teilnahmen, wurden auch hinsichtlich ihrer Zugangswege zum Verein LOK befragt: ➢ Jeweils etwa 10% kamen auf Eigeninitiative oder über ihre Therapeut*innen zum Verein LOK, ➢ etwa ein Fünftel wurde über Angehörige vermittelt und Anna Schachner &Oliver Koenig 182 ➢ etwa 35% wechselten von einer Psychiatrie, einem Krankenhaus oder aus einer Rehabilitation zum Verein LOK. ➢ Der restliche Prozentsatz bezog sich auf Personen, die durch andere soziale Dienstleister und Organisationen weitervermittelt wurden. Zudem wurden folgende Informationen zur Nutzung weiterer Unterstützungsangebote bei den Klient*innen erfragt: ➢ Fast die Hälfte der befragten Klient*innen nahm zum Erhebungszeitpunkt eine Psychotherapie in Anspruch oder hatte diese zuvor genutzt. ➢ Etwa ein Drittel der Befragten nutzt ein tagesstrukturierendes Angebot, wobei 70% davon eine Tagesstruktur im Verein LOK besuchen. Bei insgesamt 28% der befragten Klient*innen war zum Zeitpunkt der Erhebung die Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag das einzige (genutzte) psychosoziale Unterstützungsangebot. Zentrale Erkenntnisse der Studie hinsichtlich der Wirkungen und Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag werden in den folgenden Texten dargestellt. Literatur Charmaz, K. (2006). Constructing Grounded Theory: A practical Guide through Qualitative Analyses. Los Angeles: Sage Publications. Charmaz, K. (2008). Constructionism and the Grounded Theory Method. In A. Holstein & J. Gubrium (Hrsg.), Handbook of Constructionist Research (S. 397–412). New York: Guilford Press. Chevalier, J.M. & Buckles, D. J. (2019). Participatory action research: Theory and methods for engaged inquiry. New York: Routledge. Goeke, S. & Kubanski, D. (2012). Menschen mit Behinderungen als GrenzgängerInnen im akademischen Raum – Chancen partizipatorischer Forschung. ForumQualitative Sozialforschung, 13(1), o. S. http://dx.doi.org/10.17169/fqs-13.1.1782 Kumar, S., Guite, H. & Thornicroft, G. (2001). Service users’ experience of violence within a mental health system: A study using grounded theory approach. Journal of Mental Health, 10(6), 597–611. McIntyre, A. (2007). Participatory action research. Thousand Oaks: Sage Publications. O’Doherty, Y., Stevenson, C. & Higgings, A. (2012). Reconnecting with life: a grounded theory study of mental health recovery in Ireland. Journal ofMental Health, 21(2), 135–143. Powell, R. & Single, H. (1996). Focus Groups. International Journal for Quality in Health Care, 8(5), 499–504. Hintergrund, Forschungsfragen und Studiendesign 183 Schön, U., Denhov, A. & Topor, A. (2009). Social relationships as a decisive factor in recovering from severe mental illness. International Journal of Social Psychiatry, 55(4), 336–347. Strübing, J. (2004). Grounded Theory: Zur sozialtheoretischen und epistemologischen des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Tweed, A. & Charmaz, K. (2012). Grounded Theory Methods for Mental Health Practitioners. In D. Harper & A. Thompson (Hrsg.),Qualitative ResearchMethods inMental Health and Psychotherapy: A Guide for Students and Practitioners (S. 131–146). West Sussex: John Wiley & Sons, Ltd. Biografische Notizen Oliver Koenig, Mag. Dr. phil, ist Universitätsprofessor für Inklusive Pädagogik und Inklusionsmanagement an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten. Davor war er Post-Doc-Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seine rezenten Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind partizipative und inklusive Forschung, Gestaltung Inklusion ermöglichender Lernumgebungen, transformative Lern- und Bildungsprozesse, Veränderung und Transformation von Diensten und Organisationen von und für Menschen mit Behinderung, personenzentriertes Arbeiten und persönliche Zukunftsplanung sowie Menschenrechte und Behindertenpolitik. Kontakt: oliver.koenig@suttneruni.at Anna Schachner, Mag.a MA, ist Senior Scientist bei »queraum. kultur- und sozialforschung« (www.queraum.org). Sie studierte Soziologie und Bildungswissenschaften an der Universität Wien und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen die Evaluation von Gesundheitsförderungsprojekten sowie partizipative und inklusive Forschung. Seit 2016 ist sie zudem als externe Lektorin der Universität Wien am Institut für Politikwissenschaften zu qualitativen Methoden und seit 2019 als externe Lektorin und wissenschaftliche Begleitung im Universitätslehrgang Early Life Care in Kooperation der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und St. Virgil Salzburg tätig. Kontakt: schachner@queraum.org Anna Schachner &Oliver Koenig 184 Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung Oliver Koenig Wie im vorigen Beitrag beschrieben war ein wesentliches Ziel des Forschungsprojektes, herauszuarbeiten, ob undwie das Angebot der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag wirkt und welche Faktoren diese Wirkungen beeinflussen. Dazu sollten sowohl die Sichtweisen von Klient*innen als auch jene von Betreuer*innen erhoben und miteinander verglichen werden. Vorauszuschicken ist an dieser Stelle, dass weder Wirkungen noch Wirkfaktoren im Sinne eines einfachen und geradlinigen Ursache-Wirkungsmodells verstanden werden können. Oftmals ist eine Reihe unterschiedlicher Faktoren ausschlaggebend, deren Zusammenwirken jeweils nur an konkreten Einzelfällen erklärt werden kann. Auch wenn Klient*innen und Betreuer*innen einen unmittelbaren Zusammenhangbeschreibenundhier darauf eingegangenwird, kann aus denErgebnissender durchgeführten Studie keinesfalls eine Art Leitfaden für die Gestaltung scheinbar analoger Situationen abgeleitet werden. Zu bedenken ist außerdem, dass Wirkungen oft durch das Ineinandergreifen verschiedenerUnterstützungsangebote (Psychotherapie, tagesstrukturierende Angebote, Ambulatorien des PsychosozialenDienstes, Fachärzt*innen für Psychiatrie) zusätzlich zur Persönlichen Betreuung und Begleitung zustande kommen können, wie häufig auch von den befragten Klient*innen beschrieben wurde: »Ich bin bei einem psychosozialen Zentrum, da ist auch mein Psychiater. Einmal imMonat gehe ich zu ihm und hole mein Rezept. Einmal in derWoche war ich bei einer Psychotherapeutin, die hatmir auch sehr geholfen. Ich bin auch gut eingestellt mit denMedikamenten, finde ich. Ich nehme sie auch regelmäßig und darum finde ich mich stabil, aber eben nicht nur deswegen, auch durch das Rundherum, ja, eben mit dem Verein LOK.« 185 »Für mich persönlich und auch meine fachliche Meinung ist, dass es wichtig ist, dass die Klienten Psychotherapeuten, Fachärzte undHausärzte haben. Es wäre echt schön, wenn mehr Klienten eine Sozialarbeiterin hätten, einen Physiotherapeuten, einen Lebenspädagogen.« Folgend sollen nun die herausgearbeitetenWirkungen zunächst aus der Perspektive der Klient*innen und im Anschluss aus der Perspektive von Betreuer*innen detailliert beschrieben werden. Quantifizierungen in den Beschreibungen haben ausschließlich illustrativen Charakter und dienen dazu, bestimmteMuster aufzuzeigen. Im nachfolgenden Beitrag wird der Versuch einer Systematisierung von Wirkfaktoren unternommen. Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung aus Perspektive der Klient*innen In der Auswertung der Daten wurde versucht, vor allem jene Wirkungen zu identifizieren, die von Klient*innen unmittelbar auf die Persönliche Betreuung und Begleitung durch Betreuer*innen desVereins LOK Leben ohne Krankenhaus bezogen wurden. Dazu wurde zum einen die Frage gestellt, welche positiven Veränderungen diese seit Beginn der Betreuung wahrgenommen haben undwelche Aspekte ihrerMeinung nach für eben diese Veränderungen ausschlaggebend waren. Die so erhobenen Wirkungen konnten in drei Bereiche eingeteilt werden: ➢ wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Person, ihres subjektiven Erlebens, Empfindens und Verhaltens ➢ wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Beziehung(en), und zwar sowohl zu Unterstützungspersonen als auch zu sozialen Netzwerken ➢ wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Strukturen bzw. der Rahmenbedingungen, die wesentliche Grundlagen ihres Lebens bilden Die Mehrheit der befragten Klient*innen hat mehrere Wirkungen beschrieben. Lediglich etwas weniger als ein Fünftel gab explizit an, für sich selbst keine unmittelbaren positivenVeränderungen verbundenmit der PersönlichenBetreuung und Begleitung zu erkennen. In den meisten dieser Fälle betonten die Klient*innen, die »Persönliche Betreuung und Begleitung« nicht bzw. nicht mehr zu Oliver Koenig 186 brauchen1. Alle bis auf eine der Personen führten jedoch ausdrücklich an, dass es gut sei, über die Verfügbarkeit der Persönlichen Betreuung und Begleitung Bescheid zu wissen. Wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Person In knapp zwei Dritteln der Interviews wurden Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung auf der Ebene der Person beschrieben. Sie stellen die größte und wohl bedeutsamste Kategorie der identifiziertenWirkungen dar und können fünf Unterkategorien zugeordnet werden, die oft nicht isoliert auftreten, sondern einander bedingen oder verstärken. Die fünf Kategorien werden folgend detailliert ausgeführt: ➢ Entwicklung von Selbstfürsorge ➢ Verbesserung des persönlichen Wohlbefindens und des allgemeinen Gesundheitszustandes ➢ (Wieder-)Erlangung von psychischer Stabilität ➢ Veränderungen von Selbstkonzepten und Einstellungen ➢ Entwicklung neuer Perspektiven für das eigene Leben mit Erkrankung Entwicklung von Selbstfürsorge Unter dieKategorie»Entwicklung vonSelbstfürsorge« fallenAussagen, nachdenenKlient*innen durch die Persönliche Betreuung undBegleitung gelernt haben, auf sich selbst und ihre (Grund-)Bedürfnisse (wieder) zu achten, sowie begonnen haben, eigenständig Aktivitäten zu ihrer Erfüllung zu setzen, etwa in Bereichen wie Körperhygiene oder Nahrungsaufnahme: »Ich habe auch eine Zeit gehabt, da hat es mich nicht gefreut zu duschen und jetzt mach ich das ohneWeiteres jeden Tag.« 1 Hierbei ist zu bedenken, dass eine Interviewsituation eine Form der sozialen Interaktion darstellt; in diesem Fall mit einer Person, der man zumeist nur ein- bis zweimal begegnet ist. In sozialen Interaktionen wirken immer auch soziale Konventionen. Wie der bekannte Neurologe und Ethnograf Harvey Sacks bereits 1984 festhielt, stellt gerade für Menschen, die im Laufe ihrer Biografie vielfältige Diskri- Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 187 »Das Kochen zum Beispiel: Seither koche ich für mich selbst auch und frier die Sachen ein.« Einige Interviewpassagen deuten auf einen Zusammenhang zwischen einem gesteigerten »Wohlfühlen« und der (Wieder-)Erlangung von Antrieb bzw. Motivation hin: »Ich fühle mich einfach wohler und mache wieder relativ viel Sport, weil ich das einfach auch brauche mittlerweile. Das hat jetzt weniger mit LOK zu tun, aber die Betreuung tut mir einfach gut.« Das zentrale inhaltliche Moment der Persönlichen Betreuung und Begleitung liegt in deren individueller Natur. Eigene Bedürfnisse werden in jeder Betreuungseinheit zum Gegenstand gemacht. Die Betreuungszeit bietet Gelegenheit, herauszufinden, »was ich brauche« und »was ich möchte«. So scheint die Persönliche Betreuung und Begleitung gerade dadurch großen Einfluss auf die Entwicklung von Selbstfürsorge zu nehmen. Verbesserung des persönlichenWohlbefindens und des allgemeinen Gesundheitszustandes In mehr als einem Drittel der geführten Interviews mit Klient*innen finden sich Aussagen zuWohlbefinden und Gesundheitszustand in der Form von: »Seitdem ich hier bin, geht es mir besser.« »[…] dass ich wieder gesund bin.« »Ich fühle mich gesünder.« Als wesentlicher Faktor wird dabei die Form der Auseinandersetzungmit den Betreuer*innen undmit sich selbst geschildert. ImZentrum scheint dabei zu stehen, dass den Klient*innen vermittelt wird, sich in ihrem Tempo und unter ihren Beminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen erlebt haben, die Aufrechterhaltung eines Anscheins von »Gewöhnlichkeit« (doing being ordinary) eine derartige soziale Konvention dar. Oliver Koenig 188 dingungen über gesundheitsrelevante Fragen austauschen zu können, ohne dass die Erkrankung im Zentrum steht. »Ich war am Anfang total dagegen, weil ich nicht gewusst habe, was LOK ist. Aber wie sie dann einmal da waren, habe ich mir gedacht, das ist eigentlich gut. Da geht es nicht immer um die Krankheit, sondern um andere Dinge auch und das hat mich irgendwie aufleben lassen.« Von allen inhaltlich bedeutungstragenden Worten findet sich sowohl in den Interviews mit Klient*innen als auch in jenenmit den Betreuer*innen»lachen« als am häufigsten genannter Begriff (in 80% der Interviews; in Summe 499-mal), in vielen Fällen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Verbesserung des Wohlbefindens bzw. damit, sich»wieder besser zu spüren«. »Naja, gelacht habe ich schon länger nicht mehr, lachen tue ich jetzt beim Verein LOK.« (Wieder-)Erlangung von psychischer Stabilität Eine Vielzahl der Klient*innen berichtet von Veränderungen ihres psychischen Empfindens und des Erlebens einer (Rück-)Gewinnung von Stabilität, auchwenn das Gefühl von Stabilität vielfach als fragil erlebt wird: »Dann habe ich mich für die Betreuung entschieden. Ich bereue es nicht, weil seit damals bin ich bis auf einige Durchhänger ziemlich stabil, traue ich mir zu sagen.« DasGefühl (wieder-)erlangter Stabilität äußert sich auch in einigen damit imZusammenhang stehenden Wirkungen, die sich teilweise überschneiden bzw. sich wechselseitig bedingen oder verstärken: ➢ weniger Medikamente zu brauchen: »Ich nehme weniger Medikamente, ich bin voll im Leben und spüre jetzt auch Schmerzen.« ➢ weniger Spitalsaufenthalte: »Die Aufenthalte im Spital sind weniger geworden, jetzt eigentlich gar nicht mehr und früher war ich dauernd, jeden Monat und so.«; »Ich hatte in der Psychiatrie viele Aufenthalte und das habe ich jetzt gar nicht mehr. Die Selbstverletzungen sind weggegangen.« Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 189 ➢ weniger Krisen bzw. Episoden mit weniger intensiven Folgen: »Er hat mir geholfen, weil ich letzte Woche fast eine Panikattacke hatte, da hat er das Fenster aufgemacht und mir ist es gleich besser gegangen.« Wie oben angedeutet, zeigte sich in einigen Fällen eine unmittelbare Auswirkung auf einen veränderten Umgang mit oder eine Linderung von psychischen Befindlichkeiten; sowohl bei diffusen Angstzuständen als auch bei konkreten Ängsten: »Ich brauche keine Angst zu haben, weil ich weiß, es ist Hilfe da, egal in welcher Situation. Das hat dann auch wieder mehr dazu beigetragen, dass die Angstzustände wiedermal verschwunden sind. Ich habe auch wieder mehr Selbstbewusstsein erlangt.« Wichtig ist dabei, im Falle von Krisen rasch auf die Hilfe durch den Verein LOK zurückgreifen zu können.Darüber hinaus berichteten einige Klient*innen davon, durch Unterstützung und Begleitung von Betreuer*innen angstbesetzte Besuche bei Ärzt*innen bewältigt zu haben. »Wie wir die Zähne saniert haben, ist die Betreuerin immer mit mir mitgegangen. Das war mir eine große Hilfe und ein Rückhalt.« Ebenfalls häufig berichteten Klient*innen davon, die Persönliche Betreuung und Begleitung habe dabei geholfen, Sucht zu überwinden oder den Entzug zu überstehen. »Umgesetzt habe ich es selbst, aber sie haben mir verständlich gemacht, dass es nicht zielführend ist, was ich tue und dass es schlecht für mich ist. Sie haben mich psychisch sicher auch unterstützt, dass ich dann aufgehört habe.« »Ich habe dann den Restentzug zu Hause in der Wohnung gemacht und habe durchgezittert und rumgelegen. Das hat lange gedauert und da sindmir die Betreuer einkaufen gegangen und haben alles gemacht für mich. Das Reden ist auch sehr wichtig.« Die Aussagen der Klient*innen zeugen von unterschiedlichen begleitenden oder stützenden Funktionen der Persönlichen Betreuung und Begleitung. »Zureden«, »Verständlich-Machen«, ein Gefühl des Rückhalts sowieQualitäten eines »Füreinen-Daseins« haben in unterschiedlicher Weise geholfen, die Kraft für einen Oliver Koenig 190 Entzug aufzubringen. Die »Umsetzung« bleibt immer in der Verantwortung der Klient*innen selbst. Veränderungen von Selbstkonzepten und Einstellungen Verschiedenste Forschungen im Bereich psychischer Gesundheit stellten einen direktenZusammenhang zwischen Selbstkonzepten undpsychischenErkrankungen über die Lebensspanne fest. Selbstkonzepte umfassen dieWahrnehmung und das verfügbareWissen um die eigene Person, entstehen überwiegend in der Adoleszenz und bleiben dann relativ stabil (vgl. Habermas, 2001). Sie umfassen unter anderemdasWissen über persönliche Eigenschaften,Dispositionen, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle und Verhalten. Eine Vielzahl psychotherapeutischer Interventionen sieht die Veränderung negativer Selbstkonzepte und die Verbesserung des Selbstwerts durch die Entwicklung neuer Selbstdefinitionen als besonders relevanten, jedoch zeitintensiven Prozess an (vgl. Kleinen et al., 2006). Eine der Hauptvoraussetzungen für eine Veränderung von Selbstkonzepten ist das Erkennen von Annahmen, die das eigene Fühlen, Denken und Handeln gerahmt und oftmals eingeschränkt haben. In der Studie berichtet knapp einViertel der befragten Klient*innen über Veränderungen von Selbstkonzepten bzw. Einstellungen, die sie der Begleitung durch die Persönliche Betreuung und Begleitung zuschreiben. »Ich habe erkannt, dass ich immer bereitwillig ein leistungsorientierter, funktionswürdiger Mensch sein wollte. Die Einsicht, dass es dann tatsächlich gut ist, wenn ich mir einmal den Druck wegnehme, funktionieren zu wollen und zu müssen.« VomErkennen zum verändertenHandeln kann esmanchmal einweiterWeg sein. Nichtsdestotrotz konnten in den Interviews mit Klient*innen einige neu gewonnene Handlungsstrategien auf der Grundlage von veränderten Selbstkonzepten identifiziert werden: »Ich habe immer einfach das Gefühl gehabt, das muss ich machen. Heute, wenn ich irgendetwas habe, frage ich den Betreuer – egal was das jetzt für ein Problem ist.« »Ich binmutiger geworden, Sachen zu sagen, wennmich etwas stört, weil ich nicht mehr Angst vor Liebesentzug oder Zuwendung oder so habe.« Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 191 Häufig nanntenKlient*innen positive, optimistischere Einstellungen gegenüber dem Leben, durch die es ihnen leichter falle, sich neuen Menschen gegenüber zu öffnen: »Ich bin wieder offener geworden. Das sagen alle. Am Anfang war ich pessimistisch, ich sagte: ›Nein, das wird nichts und ich glaub nicht, dass mir das hilft‹.« »Da habe ich mich gut gefangen. Mit Hilfe und selber habe ich auch mitgeholfen und jetzt lebe ich einfach so gern.« Entwicklung neuer Perspektiven für das eigene Leben mit Erkrankung Einer der Kernaspekte des Recovery-Ansatzes ist nicht in erster Linie die Überwindung der Erkrankung, sondern das Rückgewinnen von Perspektiven für das eigene Leben mit Erkrankung. Wenngleich der Verein LOK mit einem gro- ßen Anteil an Klient*innen arbeitet, die sonst gar nicht, nur unter Auflagen oder ausschließlich in einem»vollbetreuten Rahmen« begleitet werden würden, berichtete ein kleiner Teil von ihnen auch von genau jenemMoment der perspektivischen (Rück-)Gewinnung von Ideen zur Gestaltung des eigenen künftigen Lebens. »Es ist auch belastend, wennman immer in der Bittsteller-Position ist. Aber auf der anderen Seite habe ich auch gemerkt, dass ich Ressourcen habe, die brachliegen. Ich wurde dann aber auch von den Betreuern aufmerksam gemacht, dass ich sehr wohl Ressourcen habe.« Eine andere Klientin berichtete: »Ich bin jetzt zwar in unbefristeter Pension, aber ich bin schon ziemlich verzweifelt, weil ich eigentlich früher viel gemacht habe. Jetzt erst seit ein paar Monaten ist es nicht mehr so unvorstellbar, dass ich vielleicht in ein paar Jahren zumindest 20 Wochenstunden wieder arbeiten könnte.« Beide Klient*innen zeigten an anderen Stellen ein differenziertes Selbstverständnis ihrer Möglichkeiten sowie ein ausgeprägtes Bewusstsein für ihre Schwächen bzw. für anstehendeHerausforderungen, waren jedoch relativ zuversichtlich, dass Oliver Koenig 192 sie durch die Erfahrungen mit dem Verein LOK in absehbarer Zeit ihr Ziel des »Wiederandockens an die Gesellschaft« erreichen können. Wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Beziehung(en) sowohl zu Unterstützungspersonen als auch zuweiteren sozialen Netzwerken Im Konzept zur Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag heißt es, dass derAufbau vonBeziehungen zwischenKlient*innenundBetreuer*innen imRahmen eines professionellen Settings den »Kern der Betreuungsarbeit« darstellt; ebenso, dass auch »Beziehungen zu anderen Menschen« als »wichtige Ressource«betrachtetwerdenund, dass dasAnbieten vonHilfestellungen zurGestaltung von Beziehungen und des sozialen Netzwerkes (Familie, Freund*innen, Arbeit, Nachbarn etc.) eine mögliche professionelle Unterstützungsleistung sein kann. Seitens der Klient*innen wurde das Finden neuer sozialer Kontakte nur selten alsWirkung der Persönlichen Betreuung und Begleitung beschrieben, ausgenommen die Nutzung anderer Strukturen und Freizeitangebote, welche der Verein LOK selbst bereitstellt. Dies deckt sich mit den Erzählungen der Betreuer*innen, in denen sich das aktive Gestalten von sozialen Beziehungen außerhalb der Betreuer*in-Klient*in-Konstellation in der Regel auf das Anbieten von (Freizeit-)Angeboten, vordergründig des Vereins, beschränkten. Da auf diesen Punkt nicht in allen Interviews in Form gezielter Nachfragen eingegangen wurde, kann hier nicht restlos geklärt werden, ob dieser Befund ein Artefakt der Interviewsituationen darstellt oder dieser als Ausdruck kollektiver Vernachlässigung dieses Bereichs verstanden werden kann. Die folgenden Zitate dienen der exemplarischen Demonstration jener Veränderungen in der Qualität und Quantität sozialer Beziehungen, die durch die Nutzung zusätzlicher Angebote des Vereins LOK beeinflusst wurden. »Ich treffe mich mit Klienten, wir gehen schwimmen. Also ich habe auch Kontakte geknüpft hier und es ist schön, weil ich hatte jahrelang niemanden. Ich war eingesperrt in der Wohnung, ich konnte wochenlang wegen der Stimmen nicht raus.« »Das hilft mir auch, da ist es auch so, dass ich einige Freunde habe. Also die X [Name einer Betreungsperson] und meine Frauen habe ich da und ich spiele gern Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 193 Tischtennis und Karten. Diese Möglichkeit habe ich woanders nicht und zur Pensionisten-Gruppe mag ich nicht gehen.« Während für einige Klient*innen die offenen Angebote des Vereins stimmig und passend waren bzw. in einer bestimmten Phase soziale Möglichkeiten eröffnet haben, lehnten andere die Nutzung dieser Angebote gerade aufgrund der Möglichkeit des Zusammentreffens mit anderen Menschen mit psychischen Erkrankungen kategorisch ab. »Das habe ich eine Zeit lang intensiver gemacht, weil ich es einfach auch gebraucht habe und weil es mir wichtig gewesen ist, mich auszutauschen. Das ist ja das Tolle, denn ich sag immer: ›Kein Arzt kann dich so gut verstehen wie ein psychisch Kranker‹. Auch wenn der fachlich jetzt nicht denHintergrund hat, aber er weiß, wovon du sprichst, weil er es in der Regel selber schon erlebt hat.« Veränderungen in den Bedeutungen, die Beziehungen einnehmen In vielen Interviews schilderten Klient*innen, dass sich die Bedeutung der Beziehungen zu einzelnen Betreuungspersonen mit der Zeit verändert hat. In den meisten Fällen lassen sich diese Veränderungen basierend auf Aussagen der Klient*innen rekonstruieren, in denen sie über die Beziehung zu ihren Betreuer*innen berichteten. In den folgenden Zitaten werden Veränderungen in den Betreuungsbeziehungen sowie in den korrespondierenden Unterstützungsfunktionen der Betreuer*innen deutlich: »Im Prinzip ist das recht nett, weil ich einfach einen guten Gesprächspartner habe. Dadurch, dass ich ja eigentlich mit meiner Familie Gespräche nicht führen kann, weiß ich jetzt, das ist für mich gut und das unterstützt meine Psyche sehr.« »Das war ein Prozess, das braucht ein bisschen, bis man das einfach verinnerlicht und es kein reiner Terminmehr ist, denman abarbeitet, keine Plagerei, sondern einfach eine erfreuliche Sache. Oder in Phasen, wo es einem nicht gut geht, überhaupt jemanden zu haben, der für einen da ist.« In beiden Zitaten beschrieben Klient*innen eine Beziehung, die sich im Verlauf der Betreuung eingestellt hat und der zunehmend positive Eigenschaften zugesprochen werden. Sie kann eine Ersatzfunktion für Familie oder Freund*innen Oliver Koenig 194 einnehmen. Die Betreuungsbeziehung wird als responsiv, das heißt als antwortgebend und eingehend, wahrgenommen, was einen Beitrag zur persönlichen Stabilität leistet. In den folgenden Zitaten steht mehr das interaktive Beziehungserleben und -erproben imMittelpunkt: »Er sagt dann manchmal: ›Ich bin nachdenklich‹ oder wir sind uns schon mal in die Haare gekommen. Ich habe einen Fehler gemacht, wir haben darüber gesprochen, ich habe es eingesehen und er hat es eingesehen. Also es wird darüber gesprochen, es wird alles bereinigt und erarbeitet.« »Ich hätte diese Schritte mit meinen eigenen Selbsterfindungsgeschichten und in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht üben können: Vertrauen, weil da bin ich sofort funktionalisiert und deshalb ist es so gut, denn nur in der Freiheit ist Entwicklung möglich, habe ich das Gefühl. Jetzt bin ich wieder überglücklich, das wollte ich sagen.« Auch wenn eine professionelle Beziehung durch eine festgelegte und tendenziell asymmetrische Rollenfestlegung charakterisiert ist, zeugen beide Zitate von der Bedeutung der Herstellung von Wechselseitigkeit, von Gemeinsamkeit und von Aushandlung als Ausdruck von und Voraussetzung für professionelles Handeln. Dies – und auch das »Dableiben« und »Aushalten« – trägt in beiden Fällen zu einerwahrgenommenenVeränderungundEntwicklungbei.Klient*innenberichteten auch über allgemeine zwischenmenschliche Lernerfahrungen, Selbsterkenntnis durch Spiegelung, gewachsenes Verständnis für Personen des anderen Geschlechts und Nachreifungsprozesse durch eine besondere Ruhe in der Beziehung. Wahrgenommene Veränderungen auf der Ebene der Strukturen bzw. der Rahmenbedingungen Als Wirkungen auf der Ebene der Strukturen werden Veränderungen in unterschiedlichen Bereichen des Lebens verstanden. Häufig leisten sie einen großen Beitrag zur Steigerung der Lebensqualität oder tragen zur Reduktion existenzieller Sorgen und Ängste bei, etwa: ➢ eine leistbareWohnung gefunden zu haben ➢ (angstbesetzte) Kontakte mit Behörden hinter sich gebracht zu haben ➢ einen Weg gefunden zu haben, die eigenen Schulden in den Griff zu bekommen Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 195 ➢ den eigenen Alltag undWochenablauf strukturieren zu können Ein großer Teil dieser Wirkungen ist Resultat sozialarbeiterischer Unterstützung im weitesten Sinn. Derartige Interventionen können insbesondere in der Anfangsphase derPersönlichenBetreuungundBegleitung großenRaumeinnehmen. In einigen Fällen berichteten sowohl Klient*innen als auch Betreuer*innen, dass sozialarbeiterischeAufgaben erst dann gemeinsam erledigt werden können, wenn eine vertrauensvolle Betreuungsbeziehung aufgebaut ist. Unabhängig von ihrem Zeitpunkt stellen sie wiederum vielfach eine Voraussetzung für Wirkungen auf der Ebene der Person oder der Beziehungen dar. »Es ist schon aus der Erfahrung heraus so, sobald das Sozialarbeiterische alles geregelt ist, wenn jemand ein Einkommen hat, eine Wohnung, die er sich leisten kann, das eine gewisse Sicherheit und dadurch Ruhe gibt, um überhaupt für anderes ein Potenzial zu haben.« Etwas mehr als die Hälfte der befragten Klient*innen berichtete über Unterstützung bei Veränderungen im Hinblick auf die Bewältigung des Alltags, eine der konzeptionellenKernaufgaben der Persönlichen Betreuung undBegleitung.Hier zeigt sich die zeitliche Dimensionierung der Betreuungsarbeit, die in Länge und Intensität variieren kann: ➢ punktuelle Unterstützung (z.B. Ausfüllen eines Antrags) ➢ phasenweise Unterstützung ➢ wiederkehrende Unterstützung ➢ dauerhafte Unterstützung (z.B. Hilfe, den Alltag zu strukturieren) Die konkrete zeitliche und inhaltliche Gestaltung hängt von den Bedürfnissen der Klient*innen ab. Begleitung beim Aufbau von Unterstützungsstrukturen Zu den meist eher punktuellen oder phasenweisen Funktionen zählt unter anderem die Unterstützung bei derWeitervermittlung zu professionellen Hilfen. »Es war ein sehr professionelles Auffangen. Es sind auch sozialarbeiterische Dinge gemacht worden mit mir, also was zum Beispiel Beihilfen betrifft. Da war damals die Frau X, das möchte ich noch dezidiert sagen, das war meine erste Betreuerin, Oliver Koenig 196 die ich bei LOK hatte, die hat sich da sehr dafür eingesetzt, dass ich auch bei einer Tagesstruktur einen Platz bekommen habe.« In anderen Fällen leistete die Persönliche Betreuung und Begleitung entweder direkt oder indirekt Beiträge zumAufbau oder der Koordination von Hilfen innerhalb eines professionellen Unterstützungsnetzwerks. »Ich habe auch eine Therapeutin, die mir auch wahnsinnig viel geholfen hat. Ich hatte früher viele verschiedene Therapeuten, das hat nie funktioniert. Jetzt auch die Zusammenarbeit von meinem LOK-Betreuer mit dieser Therapeutin, naja, es passieren sehr viele positive Sachen.« Betreuer*innen suchen die Zusammenarbeit mit anderen Unterstützungsformen aktiv nur auf ausdrücklichen Wunsch der Klient*innen, leisten aber indirekt dazu vielfältige Beiträge. Häufig führt die Rückgewinnung von Stabilität und (Selbst-)Vertrauen dazu, dass Klient*innen beginnen, neue Angebote für einen Zugewinn an Lebensqualität zu nutzen. »Ich denke mir schon, dass es mir besser geht und dass ich mich mehr traue, weil ich eben diesen Rückhalt habe.« Wirkungen im Bereich desWohnens Einige Klient*innen berichten über Wirkungen im Bereich des Wohnens durch punktuelle und wiederkehrende Unterstützungsleistungen. »Jetzt habe ich mich schon langsam in derWohnung eingerichtet. Ich bin übersiedelt und das habe ich mithilfe von LOK gemeinsam gemacht.« »WienerWohnen hatmir gesagt, sie könnenmir nicht helfen. Ich habe zu viel Geld gespart und sie sehen das irgendwie nicht ein. Ich habemich dann an LOK gewandt und die haben mir dann geholfen.« Wohnen als existenzielles Thema stellt Menschen vor allem im urbanen Raum vor eine Reihe finanzieller, sozialer und organisatorischer Herausforderungen. ÜberUnterstützung durch denVerein LOKwurde beim Finden einerWohnung, bei deren Finanzierung, beim Ausfüllen von Beihilfeanträgen, bei Kontaktauf- Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 197 nahme mit Behörden bzw. wohnungsvergebenden Stellen, bei der Übersiedlung und beim Einrichten bis hin zum Sich-Zurechtfinden in der neuen Wohnumgebung berichtet. Finanzielle Existenzsicherung Ebenso existenziell sind Fragen der finanziellen Existenzsicherung. In einer leistungsorientierten Gesellschaft sind finanzielle Themen häufig mit Scham besetzt (»Über Geld spricht man nicht!«). Hilfreiche Unterstützungsfunktionen erfordern hier vielfach einen umfassenden biografischen Reorganisierungsprozess. Erwachsenenvertretung (vormals Sachwalterschaft) Probleme mit Sachwaltern oder dem Rechtsinstrument der Sachwalterschaft im Allgemeinen2, wahrgenommeneUngleichbehandlungen aufgrund des Vorliegens einer psychischen Erkrankung sowie Einschränkungen bei der Gestaltung des eigenen Lebens stellen für manche Klient*innen die zentrale Motivation dar, sich (wieder) an die Persönliche Betreuung und Begleitung zu wenden. »Aber ich bin das zweite Mal dann gekommen, weil ich einen Sachwalter gehabt habe und mir gedacht habe, da könnten die mir helfen. Ich bin den auch wieder losgeworden mit der Hilfe von LOK.« »Mir ist geholfen worden und es hat sich sehr gut ausgewirkt. Ich habe dann auch eine Pension gekriegt, eine Waisenpension, die dann auch, also ich habe den Sachwalter gewechselt zuerst auch schon mithilfe von LOK, da haben sie mir drei verschiedene gegeben und einen habe ich mir ausgesucht und der war sehr positiv.« Strukturierung und Bewältigung des eigenen Alltags Amhäufigsten genannt wurden zumeist über längere Zeit andauerndeUnterstützungsfunktionen zur Strukturierung und Bewältigung des eigenen Alltags. 2 Die Klient*innen verwendeten in den Interviews durchwegs den Begriff »Sachwalter«. Oliver Koenig 198 »Ich versuche mir einfach die Woche zuzuplanen, so wie ich es nenne, sodass ich das Gefühl habe, ich habe jeden Tag eine Aufgabe: Ich muss aufstehen, muss mich herrichten, ichmuss ins Bad gehen. Es hat einen Sinn der Tag.Weil sonst schlendert man so dahin und verplempert die Zeit dann irgendwie.« Die Unterstützungsfunktionen in diesem Bereich sind besonders vielfältig und reichen von eher aktiven, anlassbezogen beratenden, begleitenden und unterstützenden Funktionen und Tätigkeiten (»anpacken«) zu vermeintlich passiveren Qualitäten des Da- und Dabei-Seins. Sie wirken gleichermaßen strukturgebend und leisten einen Beitrag zu dem von zahlreichen Klient*innen geschildertenGefühl einer wiedererlangten Sicherheit. »Das war amAnfang wöchentlich und dann habe ich gesagt: ›Schauen Sie, die und die Sache schaffe ich schon alleine oder mache ich mir alleine aus‹. Wenn irgendwas ist, kann ich jederzeit anrufen.« »LOK richtet sich sehr danach, was man braucht. Viele Sachen traue ich mir auch alleine zu. Von dem her nehme ich jetzt nicht so viel in Anspruch. Ich denke, das Wichtigste für mich ist, dass ich jemanden habe, an den ich mich wenden kann, wenn mal was sein sollte.« In einigen Fällen kann zumeist auf Initiative der Klient*innen die Intensität des Betreuungssettings, insbesondere die Frequenz der Besuche, wieder reduziert werden. Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung aus Perspektive der Betreuer*innen Die methodische Anlage der Untersuchung verfolgte nicht das Ziel, die Perspektive von Klient*innen jener der Betreuer*innen gegenüberzustellen, um eine der beiden zupriorisierenoder umWidersprüche zwischendenSichtweisen aufzuzeigen. Die Perspektive der Betreuer*innen dient auch nicht als Korrektiv, sondern vielmehr als Ergänzung. In Übereinstimmung mit theoretischen Grundlegungen psychosozialer Arbeit wird die Persönliche Betreuung und Begleitung als transaktionale Beziehung verstanden, als komplexes System aufeinander aufbauenderWechselbeziehungen (vgl. Schubert, 2014). Einflüsse auf das Erzielen vonWirkungen gehen demnach Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 199 nie nur von der Betreuungsperson, sondern immer auch von Klient*innen aus. Die Expert*innen dafür, zu beurteilen, ob die Persönliche Betreuung und Begleitung einen Beitrag für eine Wirkung leistet bzw. einen Unterschied macht, sind die Klient*innen selbst. Das für qualitative Forschung relevante, sogenannteThomas-Theorem besagt, dass jedes menschliche Handeln reale Konsequenzen zur Folge hat, egal wie irreal die Situationsdefinition ursprünglich war, die zu einer Handlung geführt hat. Letztlich bedeutet es, dass bei der Beurteilung einer Situation nicht allein objektiv feststellbare Fakten entscheidend sind, sondern wie die Menschen diese Situation als wirklich definieren (vgl. Kroneberg, 2011). In den Interviews wurden Betreuer*innen deshalb nicht nach ihren Einschätzungen übergreifenderWirkungen oderWirkfaktoren befragt. Stattdessen war im Interviewleitfaden der Fragenkomplex zum ThemaWirksamkeit wie folgt aufgebaut: 1. Wann erleben Sie sich in der Betreuung als wirksam, wann haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Arbeit Ihren Klient*innen weiterhelfen? 2. Was haben Sie persönlich dazugelernt? 3. Welche Veränderungen bzw. Entwicklungen können Sie bei einzelnen Klient*innen beobachten? 4. Was hat Ihrer Meinung nach in den jeweiligen Fällen dazu beigetragen? Zunächst werden die Antworten zur Frage nach dem individuellen Selbstwirksamkeitserleben und den Bedingungen dafür dargestellt. Im Anschluss folgen wahrgenommene Veränderungen bei Betreuungspersonen. Zuletzt stellen wir Veränderungen vor, die Betreuer*innen bei Klient*innen beobachten konnten. Antworten auf die Frage nach beeinflussenden Faktoren fließen in den nachfolgenden Beirag zur Beschreibung vonWirkungsfaktoren ein. Selbstwirksamkeitserleben von Betreuer*innen Zahlreiche Forschungen in psychosozialen Arbeitsfeldern haben den Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeitserleben, der wahrgenommenen Arbeitszufriedenheit sowie dem individuellen Belastungserleben hergestellt (vgl. u. a. Allroggen et al., 2017). Ein beträchtlicher Teil der unterstützten Zielgruppe hat bereits Erfahrungen in anderen Unterstützungskontexten gesammelt und wurde vielfach als in einem ambulanten Setting nicht oder nur schwer betreubar eingestuft.Wiemehrfach dargelegt, verfolgt die PersönlicheBetreuung undBegleitung keinen »pädagogischen Auftrag«. Vielmehr steht das ➢ »Mitgehen«mit individuellen Lebenssituationen sowie das Oliver Koenig 200 ➢ »Begleiten« von »dem, was gerade da ist und gebraucht wird« im Zentrum der Tätigkeit. In so gut wie allen Interviews und Fokusgruppen mit Betreuer*innen wurde die Fähigkeit des»Aushalten-Könnens« betont: »DasWichtigste, glaub ich, von allem ist dieses Aushalten von vielen Dingen, sei es vom Leben, sei es, dass man einfach nur danebenstehen muss und sieht, das wird im Fiasko enden.AuchKrisen, auchmalbeschimpftwerden, alleswas ebennormalerweise in zwischenmenschlichen Beziehungen bei denKlienten zu Beziehungsabbrüchen führt. Es kommt auch immerwieder zu einerKlärung.Also esmuss nicht so imRaum stehen bleiben, man kann das eigentlich überraschend gutmit denKlienten klären.« Wie dieses Zitat zeigt, wird von Betreuer*innen nicht erwartet, dass sie sich alles gefallen lassen bzw. persönliche Grenzverletzungen nicht thematisieren. Wie bereits dargelegt, schätzen einige Klient*innen Rückmeldungen von Betreuungspersonen. Betreuer*innen reagieren auf erfahrene Grenzverletzungen unterschiedlich, auch abhängig davon, wie sie den an sie gerichteten professionellen Auftrag interpretieren: »Also dieses Mitgehen, was LOK so extrem hat, das kollidiert dann halt trotzdem manchmal mit gewissen Sorgen, die ich habe oderWertvorstellungen vielleicht und das ist oft gar nicht so einfach, das ist für mich das Allerschwierigste in dem Job.« Wiederum andere Betreuer*innen reflektierten, dass sich ihreWahrnehmung von Erwartungen an sie im Laufe ihrer Tätigkeit verändert hat. Auch die Fähigkeit, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu artikulieren, wird von einigen Betreuer*innen erst im Laufe ihrer Betreuungstätigkeit gelernt. Auch die Identifikation mit der Philosophie des Vereins LOK (Menschenbild, berufliches Selbstverständnis) ist für das Selbstwirksamkeitserleben bedeutsam. Inwieweit diese Haltung von Betreuer*innen geteilt wird, hängt stark vom modellgebenden Verhalten der jeweiligen Teamleiter*innen sowie den von diesen kommunizierten Erwartungen ab. »Ich kann mich gut erinnern, wie der Leiter in seinen Worten gesagt hat, dass bei manchenKlient*innen die Entwicklung irgendwie stagniert und dass man das dann aushalten können muss und dass das eine sehr große Herausforderung ist. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, was ich nicht als Anlass sehe, unrund zu werden, Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 201 sondern ich sehe es als enorm hohes Gut, nämlich zur Stabilisierung beizutragen und dazu beizutragen, dass im besten Sinn von LOK ein ›Leben ohne Krankenhaus‹ möglich wird.« Neben dem eigenen beruflichen Selbstverständnis spielt die individuelle Passung zwischen Klient*in und Betreuer*in eine entscheidende Rolle dabei, bestimmte Grenzüberschreitungen und Situationen »auszuhalten«: »Wir sagen auch immer wieder, dass es ganz wichtig ist, neben allem Schwierigen, was manchmal sich auch immer wieder auftut mit Klienten, dass es etwas gibt, was man an den Klienten oder mit den Klienten mag. Dann lassen sich diese Seltsamkeiten, die unsere Klienten einfach so ausleben, besser aushalten.« Ebenfalls wurde die Fähigkeit genannt, kleine Veränderungen wahrzunehmen oder auch die Erhaltung des Status quo als Wirkung wertzuschätzen: »Das wertzuschätzen, auch wenn es noch so wenig ist. Wie gesagt, den Status quo zu erhalten, kann auch schon super sein. Aber auch, wenn es einmal in eine Krise geht, da zu sein und vielleicht diese Krise abzufangen.« Betreuer*innen, denen es gelingt, sich von der wahrgenommenen Verpflichtung, etwas Konkretes bewirken zu müssen, nicht vereinnahmen zu lassen, kommen zu einer Haltung der »absichtsvollen Absichtslosigkeit«, die der konzeptuellen Ausrichtung des Vereins LOK besonders entspricht. »Es ist sozusagen kein gezieltes Hinarbeiten, von vornherein den Status quo zu erhalten. Sondern es ist für mich eher ganz offen, wo es hinführt, aber dass – so wie ich den Zugang zu den Klienten versteh und den Zugang zu der Tätigkeit versteh – daraus dann durchaus etwas wachsen kann und dass das dann auch als Erfolg gesehen werden kann.« Viele Veränderungen drücken sich in »kleinen Dingen« aus (siehe Topor in diesem Band), die für Klient*innen eine »immense Steigerung der Lebensqualität« bedeuten können, die oftmals aber einer besonderen Form der Reflexion bedürfen, um bewusst zu werden: »Manchmal muss ichmich darauf besinnen und sagen, es hat sich eh was getan oder es ist zumindest nicht schlechter geworden. Es kann auch sein, dass es mal ein Jahr Oliver Koenig 202 stagniert und dann plötzlich passiert irgendwas, woman gar nicht fürmöglich gehalten hätte, dass was passiert. Zum Beispiel jemand kommt ein wenig aus seiner Schale raus. Es können wirklich sehr kleine Dinge sein. Dieses Um-Hilfe-Fragen. Wenn man das erreichen kann, das kannman auch schon als Erfolg teilweise bezeichnen.« Als höchst bedeutsam sehen die Betreuer*innen die Strukturen der »Reflexionsarbeit«, allen voran die Wochenbesprechungen sowie die Begleitung durch die Teamleiter*innen. Formen desWirksamkeitserlebens Zusammenfassend lassen sich sieben Formen des Wirksamkeitserlebens in der unmittelbaren Betreuungsarbeit mit Klient*innen unterscheiden: 1. Wenn ein subjektives Gefühl entsteht, etwasRichtiges bzw. Gutes getan oder bewirkt zu haben, unabhängig davon, ob die*der Klient*in eine Reaktion zeigt: »Wenn ich das innereGefühl hab, daswar etwasGutes, dannbleibtmir das einfach.« 2. Wenn Momente von Resonanz, Nähe bzw. Vertrautheit zwischen Betreuer*in und Klient*in entstehen, die nicht an eine konkrete Aktivität oder Intervention gebunden sind, sich aber häufig in »feinen Reaktionen« zeigen und ein Gefühl von »Leichtigkeit« entstehen lassen. 3. WennKlient*innen, manchmal zeitversetzt, eine konkrete Rückmeldung geben, dass sie etwas als hilfreich empfinden bzw. durch Worte, Gesten oder Taten ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen: »Meistens habe ich dieses Gefühl, wenn es mehr oder weniger direkt rückgemeldet wird. Alsowenn derKlient sagt: ›Ja, ich bin so froh, dass die Betreuung jetzt funktioniert, weil ich mich jetzt wohl und sicher fühle, weil jedeWoche jemand kommt‹.« 4. Wenn eine (anlassbezogene) Intervention zu einer wahrnehmbaren Veränderung und Stabilisierung beiträgt: »Wenn Klienten beginnen, diesen Scherbenhaufen ihres Lebens vor sich zu sehen und wenn man dann schaut, dass das alles läuft, dass ein Sachwalter kommt oder irgendeine Art der Kontrollinstanz, welche in diese Richtung begleitet. Dann läuft Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 203 das nach einiger Zeit und das wirkt sicherlich stabilisierend und wirkt sich auch auf die Betreuung aus.« 5. Wenn ein konkreter Ratschlag oder eine Rückmeldung von Klient*innen aufgenommen wird und zu konkreten Handlungen führt: »Ich habe schon einmal mit einem Klienten Achtsamkeitsübungen gemacht, weil er Entspannungsübungen machen wollte. Irgendwann war dann bei mir der Punkt, wo ich so gemeint habe: ›Sind Sie mir nicht böse, aber ich kann mich in einer aufgeräumten Wohnung eigentlich besser entspannen‹. Das hat er interessanterweise auch eingesehen und wir haben dann wirklich dieWohnung aufgeräumt.« 6. WennmitKlient*innen etwas gemeinsam »durchgestanden«wird bzw. ein gemeinsamangegangenes Projekt erfolgreich ist und zuVeränderungenbeiträgt: »Mit einem Klienten war es, einen gemeinsamen Weg durch sehr viele schwierige rechtliche Situationen zu gehen, um eine soziale Absicherung mit ihm gemeinsam zu ermöglichen.Meine Erfahrung ist, wenn ichmich sehr stark in diesen rechtlichen Fragen engagiert habe, das für den Klienten auch eine sehr starke Beziehungsarbeit ermöglicht hat. Es ist eine äußerst vertrauensvolle und sehr gewachsene Beziehung über die Jahre.« 7. Wenn bei einem*einer Klient*in eine (unerwartete) Entwicklung eintritt, unabhängig von deren »Tragweite«: »Aber gerade im Fall von Klientin X würde das dem entsprechen, sie ist ein Messie und reden hilft bei ihrer Art von Erkrankung meist nichts und deshalb haben wir uns immer die Frage gestellt, ob da eine Beziehungsarbeit überhaupt möglich ist. Und jetzt ist es immer öfter so, dass es dann im Tun auf einmal so Momente gibt, wo man sich gegenüber hinsetzt, was normal gar nicht geht. Dann redet man eine halbe Stunde irgendetwas Persönliches und es geht von ihr aus und das sind so massive Erfolgserlebnisse in unserer Arbeit.« Veränderung, die Betreuer*innen bei sich selbst erleben Die Persönliche Betreuung und Begleitung ist gerade auch für Betreuer*innen kein statisches Arbeitsfeld. Viele berichten, wie sie sich durch die Tätigkeit selbst Oliver Koenig 204 verändert haben. Eine Betreuerin berichtete darüber, wie eine selbst überstandene psychischeKrise ihreVerstehens- undWirkungsmöglichkeiten positiv beeinflusst hat: »Umgekehrt war es so, als ich selber einmal eine Krise gehabt habe, dass ich das Gefühl gehabt habe, nachher konnte ich auch viel besser arbeiten, weil ich besser verstanden habe, wie es denMenschen geht, wie sie empfinden und wie die Umwelt darauf reagiert.« Strukturell verankerte Möglichkeiten, das eigene Tun undWirken regelmäßig zu reflektieren, tragen nicht nur zur Professionalisierung der eigenen Tätigkeit, sondern auch zu persönlicherWeiterentwicklung bei. »Wir haben die Möglichkeit, neben dem Klienten persönlich weiter zu wachsen. Ich arbeite schon X Jahre da und sehe, dass ich mich weiterentwickelt habe. Diese Reflexionsarbeit, glaube ich, macht einen großen Teil der Arbeit aus.« Die Persönliche Betreuung und Begleitung verlangt als Arbeitsfeld von den Betreuer*innen ein hohesMaß anAutonomie und Selbstverantwortung. DerUmgang mit Grenzen wird in diesem Raum auf vielfältigste Weise zu einem Rahmen und Gegenstand der Betreuungsarbeit. DasWahrnehmen und Thematisieren sowohl der eigenen Grenzen als auch jener des Vereins setzt bei einigen Betreuer*innen zunächst einen Lern- und Entwicklungsprozess voraus. »Also ich bin mittlerweile dazu übergegangen, dass ich den Klienten gegenüber nicht so tue, als wäre ich eine unverwundbare Antihaftbeschichtungs-Pfanne, sondern ich manchmal, wenn es passt – und es passt nicht bei allen –, meine eigenen Grenzen in die Betreuung als ein Instrument einbringe. Wohl überlegt natürlich. Ich habe da ganz gute Erfahrungen damit gemacht, dass dann die Klienten auch auf jemanden eingehen können im Sinne von ein Stück weit fürsorglich zu sein.« Ebenso betrifft es dasAbstecken und Vertreten des eigenen Standpunktes gegenüber Kolleg*innen, Teamleiter*innen und anderen Vorgesetzten: »Mittlerweile kann ich das gut ausdrücken und es gibt auch ein offenes Ohr dafür. Vorher hätte ich mich das nicht getraut, jetzt schon. Vor allem in Situationen, wo es auch wirklich ummeine persönliche Sicherheit geht.« Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 205 Eine Vielzahl der von Klient*innen beschriebenen Wirkungen beruht direkt oder indirekt auf dem Herstellen von Nähe und dem Entgegenbringen von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Klient*innen. So grenzt sich das Konzept der Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag auch explizit von einermedizinisch-diagnostischen bzw. defizitorientiertenHerangehensweise ab. Diagnosen, so heißt es im Betreuungskonzept des Vereins LOK, sind nur dann von »Interesse, wenn sie für das Verständnis von Verhaltensweisen notwendig sind. Die Betreuung im Alltag betrifft jedoch die einzelne Person in ihrer Gesamtheit und ist nicht auf die Störung, den Defekt oder die Behinderung fokussiert« (Verein LOK, 2015, S. 3.). Menschen und ihre Verhaltensweisen als jeweils kreative und entwicklungslogische Formen des Ausdrucks und der Reaktion auf oftmals widrige biografische Lebensumstände zu verstehen, ist, wie von einigen Betreuer*innen geschildert, eine Fähigkeit undHaltung, die ebenfalls einen persönlichen Entwicklungsprozess voraussetzt. »Es geht einfach, glaube ich, darum, die Klienten in ihrer Not wahrzunehmen. So habe ich immer größten Respekt vor diesen Klienten, vor diesen Menschen. Hut ab, wenn ich mir manchmal denke, was die erlebt haben, dann ist es unglaublich, wie sie es trotzdem noch schaffen, am Leben zu bleiben mit ihren Dingen. Das lässt mich immer wieder staunen.« Wahrgenommene Veränderungen bei Klient*innen Der Blickwinkel von Betreuer*innen auf Wirkungen bzw. Veränderungen bei Klient*innen ist stets als eine Außen- oder Fremdsicht zu verstehen. Dabei können imGroben drei unterschiedliche Ebenen vonWahrnehmungen differenziert werden: ➢ Wahrnehmungsebene der Resonanz oder Empathie: »Ich spüre, dass …«, »Es fühlt sich so an, als ob …« ➢ Ebene der sinnlichen Wahrnehmung: »Mir fällt auf, dass …«, »Ich habe beobachtet, dass …« ➢ Wahrnehmungsebene der Kommunikation: »Ich habe gehört, dass …«, »Sie*Er hat mir rückgemeldet, dass …« Oliver Koenig 206 Von Betreuer*innen wahrgenommene Wirkungen betreffen in fast allen Fällen Veränderungen in der Betreuungsarbeit sowie der unmittelbaren Interaktion mit den Klient*innen, besonders im Hinblick auf ein qualitativ verändertes Gefühl von Nähe und Vertrautheit.Dieses stellt sich in den meisten Fällen allmählich ein und ist meist kein Resultat einer konkreten Interaktion: »Ihn haben wir von Anfang an als einen sehr schwierigen, sehr spaltenden und sehr herausfordernden Klienten vorgestellt bekommen. Natürlich war das am Anfang sehr schwierig dort hinzugehen und seine Stimmungen auszuhalten. Aber jetzt nach fast einem Jahr ist das wirklich so eine gute Basis, weil man ein Vertrauen auch spürt, dass er sich soweit sicher fühlt, dass er zur Ruhe kommen kann und nicht immer so zu Rundumschlägen ausholen muss. Manchmal erzählt er jetzt auch Persönliches oder es ist Raum für Spaß da. Für mich ist das so ein Indikator, wennman imHumor über Probleme reden kann.« Neben Humor wird als weiteres Indiz für den Aufbau von Vertrauen die schrittweise Abnahme von kontrollierenden oder zwanghaften Handlungen genannt: »Bei Herrn Z. war spürbar, dass er uns nicht mehr ständig kritisiert und runtergemacht hat. Auch in der Betreuung habe ich gespürt, dass er ein bisschen positiver ist. Es gab immer soMomente, wie wir gemeinsam bei ihm arbeiten und wenn man ihn um ein GlasWasser bittet, hat er das eigentlich abgelehnt oder man musste viel verhandeln, als ob er da versucht, als Inhaber dieser Wohnung seine Macht auszunutzen. Letztens kommt er auf einmal von selber mit einemGlasWasser und bietet mir das an. […] Oder eine andere Klientin, die hat zum Beispiel immer, wenn ich gekommen bin, eine Zeitschaltuhr eingestellt auf zwei Stunden oder sogar ein bisschen mehr und hat sie dann immer verdeckt und dann hat das halt runtergezählt. Am Ende hat es geläutet und dann habe ich erst gehen dürfen und das war immer so die heilige Uhr. Jetzt stellt sie diese Uhr nicht mehr ein und ich habe das so gewertet, dass diese Beziehung jetzt schon so tragfähig ist, dass sie das nicht mehr kontrollieren muss und diese Macht nicht mehr braucht.« In beiden Fällen interpretierten die Betreuer*innen die seitens der Klient*innen gezeigten Verhaltensweisen als Versuche, die »Kontrolle« über die Betreuungssituation zu bewahren; sie verstehen die Veränderung des Verhaltens als Ausdruck eines gewachsenen Vertrauensverhältnisses. Auch wenn Klient*innen beginnen, ihnen mit der Zeit mehr und mehr »zuzumuten«, sehen Betreuer*innen das als Folge von entstandenem »Vertrauen«: Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 207 »Als die Klienten gemerkt haben, da sind stabil zwei Betreuer da, konnten sie sich uns mit ihrer jeweiligen Erkrankung stärker zumuten.« In einzelnen Fällen wirkten gemeinsam überstandene Krisen vertrauensbildend. Eine sich meist langsam einstellende Veränderung bezieht sich auf den Umgang mit zuvor angstbesetzten oder insgesamt schwierigen Situationen in der Betreuung, in denen es oft hilfreich ist, wenn sich die Betreuer*innen auch als Personen zeigen und Zeit geben: »Ein positives Beispiel war bei einer Klientin, die sehr häufig Teamtermine verweigert hat und nicht zum Team erschienen ist: Natürlich habe ich das dann auch angesprochen. Es ging darum, dass sie sehr große Ängste hat, dort hinzugehen. Ich habe schon ein bisschen was Persönliches eingebracht und gesagt: ›Es macht mich schon auch ärgerlich,wenn ichbei Ihnen anläute undSie sindnicht da undwir haben aber vereinbart, dass wir heute zumTeam gehen‹.Wie ich es ihr in der Situation gesagt habe, hat sie gesagt, das verstehe sie auch.Das gibt es auch, aber damüssenwir schon lang hinarbeiten, bis wir mit manchen Klienten dorthin kommen. Das Interessante ist ja, dass sie jetzt nach Monaten sagt, dass sie sich auf das Team freut. Ich habe mit ihr darüber gesprochen, was sich für sie verändert hat und sie hat gesagt, das Dranbleiben amThema.« Eine weitere von einigen Betreuer*innen genannte Veränderung bzw. Entwicklung in der unmittelbaren Betreuungsarbeit und Interaktion bezieht sich darauf, wenn Betreuer*innen das Gefühl bekommen, schwierige Situationen in der Betreuung bzw. problematische (und zumeist das Thema Gesundheit betreffende) Lebensweisen von Klient*innen ansprechen zu können. »Meine Assoziation geht gleich zu einer bestimmten Klientin, wo es bis heute immer wieder zuAbsagen kommt, oft aus heiteremHimmel. Dawar es sehr spannend, dass es so nach einem dreiviertel Jahr möglich war, sie darauf anzusprechen. Sie hat dann bei der Teamsitzung sehr offen und ehrlich geantwortet, dass sie nicht in der Lage war, überhaupt zum Telefonhörer zu greifen und mir zu sagen, dass es heute halt nicht geht.« Es geht aus dem Zitat letztlich nicht hervor, was für die Klientin den entscheidenden Unterschied ausmacht, denMut zu fassen, sich zu erklären. Vermeintlich ähnliche Ausgangslagen bei Klient*innen und ähnliche Interventionen bei Betreuer*innen können jedoch komplett unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, wie das nächste Zitat zeigt: Oliver Koenig 208 »Wenn ich so darüber reflektiere, war es so ein Verlauf. Ich habe es daran erkannt, dass er sich nicht betreuen hat lassen, wenn es ihm nicht so gut geht. […] Ich habe es dann ein-, zweimal auch ganz offen thematisiert, dass ich auch gern für ihn da bin, wenn es ihm auch nicht so gut geht. Da ist noch nicht so viel gekommen von ihm, dass er selber darüber reflektieren will. Aber ich habe es bemerkt, jetzt gibt’s seit einiger Zeit auch immer wieder Betreuungen, wo er ruhiger, stiller ist und, ich denk halt, nicht so gut gelaunt ist. Das sagt er auch manchmal, so auf die Art, wie er ist, wir probieren halt jetzt andere Dinge aus, wie es für uns beide besser laufen kann, mit diesen Ausfällen umzugehen.« Somerkte die Betreuerin an, dass derKlient über dieUrsachen undHintergründe seiner häufigen Ausfälle (noch) nicht reflektieren will, und persistiert auch nicht. ImUnterschied zum ersten Fall zeigt die Rückmeldung erst zeitversetzt ihreWirkung. Ebenso aussagekräftig und charakteristisch ist dabei der Abschlusssatz der Betreuerin, wonach die veränderte Situation abermals eine neue Form des Aushandelns und des Findens einer für beiden Seiten passenden Form der Betreuung voraussetzt, wobei beide Seiten wieder angehalten sind»andereDinge auszuprobieren«. Ausschlaggebend scheint in beiden Fällen das expliziteUnterbreiten des Beziehungsangebots zu sein. Darüber hinaus signalisieren beide ihre Bereitschaft, etwas zur Lösung des gemeinsamen Problems beizutragen. Als Wirkung der Persönlichen Betreuung und Begleitung wird auch wahrgenommen, wenn Klient*innen ihrerseits (manchmal scheinbar unvermittelt oder zeitversetzt) beginnen, schwierige und/oder persönliche Themen anzusprechen. »Es kommt immer wieder vor, dass Klienten dann doch so heiße Themen auf den Tisch bringen. Eine Klientin, die sehr gesundheitsgefährdend lebt, und wo man vorher gesagt hat: ›Uns fällt auf, Sie waren da recht gefährlich unterwegs mit Ihrer Gesundheit, was tun wir, was ist Ihr Auftrag an uns?‹ und sie dann ganz klar gesagt hat: ›Kein Auftrag an uns‹. Diese dann aber plötzlich doch kommt und sagt, das Herz tut ihr weh, das macht ihr Sorge. Das ist mir bei ihr immer mehr aufgefallen.« Es ist augenscheinlich, wie die von mehreren Betreuer*innen geteilte Rückmeldung(»Uns fällt auf«)erst sprichwörtlich»sickernmuss«.Esbleibt imErmessen der Klientin, wann sie auf das Thema wieder zurückkommt. Auch auf das Thema Ängste, auf den Umgang mit ihnen oder auf deren Linderung kann die Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag in ihrer konzeptionellen Ausrichtung eine positiveWirkung erzielen. Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 209 »Da betreue ich zum Beispiel diesen Klienten, der eine schwere Angststörung hat und da sehr belastet ist und für den die Persönliche Betreuung wirklich ein Konzept ist, das extrem gut funktioniert. Wo man sehen kann, wie so eine Person, bei der in Institutionen ständig Krisen ausbrechen, dann einfach in dem Alltag so stabil ist, weil da dann einfach auch jemand ist. Das hat er uns dann auch so zurückgemeldet.« »Gerade bei dieser Klientin erlebe ich diese Phasen, wo es jetzt einfach mal gut geht und stabil ist, also heilsam. Dadurch können ihre Ängste und diese Traumatisierung in den Hintergrund rücken und diese Normalität kann so gut Platz nehmen. Also sie ist jetzt sicher nicht angstbefreit. […] Wir haben es beide festgestellt, sie ist gewachsen. Und in diesen guten Zeiten kann sie als Person wachsen und merken: Kommt da ein neues Problem daher, ich werde es schon irgendwie lösen.« In beiden Fällen hat die jeweils gefundene individuell stimmige Form der Persönlichen Betreuung und Begleitung neue Schritte ermöglicht. Diese tragen dazu bei,Leidensdruck zu reduzieren bzw. Zuversicht zu erhöhen und sich zumindest in zeitlichen Ausschnitten oder Phasen (Teile der) Welt und ein Gefühl von Leichtigkeit wieder vermehrt zu erschließen. In einigen seltenen Fällen trägt die Persönliche Betreuung und Begleitung dazu bei, dass Klient*innen wieder begonnen haben, an ihre alte Erfahrungs- und Lebenswelt anzudocken: »Zuvor hat er sich nicht heraus getraut und plötzlich ist er mit der U-Bahn gefahren, hatVorlesungenbesucht.Das ist zumBeispiel etwas, das kann so eineBetreuung nie ersetzen, dieses soziale Moment, sich dem zu stellen.« »Eine Klientin, die sich aufgrund unangenehmer Erfahrungen sehr stark zurückgezogen hat und, soweit wir da zumindest den Einblick hatten, kaum aus dem Haus gegangen ist, hat alle ihre sozialen Beziehungen eigentlich abgebrochen. Irgendwann, das hat zwei Jahre vielleicht gedauert, wowir auch den Eindruck gehabt haben, dass es so quasi eine chronifizierte Depression ist, dass sich da vielleicht auch nicht mehr viel bewegen wird, hat sie begonnen, wieder ein bisschen rauszugehen in das Stammlokal von früher, wir haben sie gefragt, was denn da geholfen hat. Sie hat gemeint, es hat ihr sehr stark geholfen, dass wir da waren und sie gewusst hat, sie kann sich darauf verlassen, dass wir sie unterstützen, wenn irgendetwas ist.« Oliver Koenig 210 Literatur Allroggen, M., Fegert, J.M. & Rau, T. (2017). Psychische Belastung von Fachkräften in (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeldern. Sozial Extra, 41(5), 49–53. Habermas, T. (2001). Die Entwicklung eines stabilen Selbstkonzepts als Beitrag zur Zunahme der Depression im späten Kindesalter und Jugendalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 33(4), 215–220. Kleinen, E., Joraschky, P. & Pöhlmann, K. (2006). Verändert Psychotherapie das Selbstkonzept? Psychosomatik Medizinische Psychologie, 56(2), 46. Kroneberg, C. (2011). Die Erklärung sozialen Handelns: Grundlagen und Anwendung einer integrativen Theorie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Sacks, H. (1984). On doing »being ordinary«. In A. Maxwell & J. Heritage (Hrsg.), Structures of Social Action: Studies in Conversation Analysis (S. 413–429). Cambridge: Cambridge University Press. Schubert, F.C. (2014). Psychosoziale Beratung und Lebensführung. Ein transaktionales Verständnis von (reflexiver) Beratung. Journal für Psychologie, 22(2), 157–177. Verein LOK (2015). Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag (Teilbetreutes Wohnen nach §12, Abs. 3 CGW – Standard). Wien: Verein LOK. Biografische Notiz Oliver Koenig, Mag. Dr. phil, ist Universitätsprofessor für Inklusive Pädagogik und Inklusionsmanagement an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten. Davor war er Post-Doc-Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seine rezenten Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind partizipative und inklusive Forschung, Gestaltung Inklusion ermöglichender Lernumgebungen, transformative Lern- und Bildungsprozesse, Veränderung und Transformation von Diensten und Organisationen von und für Menschen mit Behinderung, personenzentriertes Arbeiten und persönliche Zukunftsplanung sowie Menschenrechte und Behindertenpolitik. Kontakt: oliver.koenig@suttneruni.at Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung 211 Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung Oliver Koenig Eine wesentliche Erkenntnis dieses Forschungsprojekts besteht darin, dass sich die im vorigen Beitrag beschriebenenWirkungen weitestgehend mit jenen decken, welche im Rahmen psychotherapeutischer Wirkungsstudien beschrieben worden sind (vgl. u. a. Hill et al., 2013; Pfammatter & Tschacher, 2015). Auch wenn sich »das Wirken« der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag in einem grundlegend anderen Kontext bzw. Setting vollzieht und anderen Voraussetzungen bzw. Handlungslogiken unterliegt, können zur Entwicklung und Konkretisierung einer gegenstandsangemessenen Systematik von Wirkfaktoren für die Persönliche Betreuung und Begleitung Anleihen von Studien zur psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung entnommen werden. Bevor dies geschieht, soll hier jedoch ein wesentliches, in der Analyse herausgearbeitetes Spezifikum diesem analytischen Zwischenschritt vorangestellt werden. Haltung einer absichtsvollen Absichtslosigkeit Das Spezifikum einer Vielzahl der beschriebenen Wirkungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag scheint sich zumindest mittelbar aus einer professionellen Herangehensweise zu ergeben, die als professionelle Haltung einer »absichtsvollen Absichtslosigkeit« beschrieben werden kann. Als Ziel wird imKonzept der Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag Folgendes formuliert: »Menschen mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen, ihren eigenenWeg zu gehen und ihre Entwicklung zu begleiten. Unsere eigenen Maßstäbe sind dabei als 213 Orientierung relevant, die KlientInnen sollten jedoch selbst entscheiden können, wohin sie sich orientieren. Eigene Lebensentwürfe und individuelle Lebensgestaltung stehen vor dem Anspruch auf Rehabilitation« (Verein LOK, 2015, S. 4, Hervorh. O.K.). Diese Befreiung von Zwängen wird von vielen Klient*innen explizit als Kontrastfolie (»Hier darf ich ICH sein«) zu anderen Anbietern psychosozialer Unterstützung hervorgehoben. Dabei besteht die Paradoxie genau darin, dass sich gerade durch das »Nichtin-einebestimmte-Richtung-wirken-Wollen«das eigentlichwirkmächtigePotenzial der Persönlichen Betreuung und Begleitung zu ergeben scheint. Indem sonst meist vorgeschriebene Zielvereinbarungen als verpflichtender Aspekt professioneller Hilfe wegfallen bzw. an Bedeutung verlieren, entsteht in der Persönlichen Betreuung und Begleitung ein systemischer Vorteil. Wie der Systemtheoretiker Wilke schreibt, sind »Interventionen in komplexe Systeme (wie vor allem Menschen) […] möglich, aber ihr Erfolg ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass der intervenierende Akteur wenig, nichts oder gar das Gegenteil des Intendierten bewirkt« (Wilke, 2005, S. 7). Das eigeneHandeln nicht durch imVorfeld definierte Ziele oder eng gefasste anzustrebende Wirkungen eingrenzen zu lassen, erlaubt, sich intensiver auf den zwischenmenschlichen Austausch einzulassen und situativen Möglichkeiten nachzugehen. Dennoch ist die Arbeit der Persönlichen Betreuung und Begleitung nicht gänzlich frei von Zielen, jedoch nicht als Voraussetzung für die Betreuung. »Alltagsziele werden schon von Klienten vorgegeben und das ist auch okay, weil das ist formgebend, das verleiht der Betreuung eine Struktur, weil man sich auch aufgrund dessen die Termine vereinbart. Aber ich glaub schon, dass es ganz wichtig ist, dass man sich selber auch Ziele setzt, wie zum Beispiel, dass jemand flexibler wird oder über sensible Themen sprechen und sich öffnen kann. Also das ist eher das Beziehungsziel. Es gibt einfach verschiedene Ziele, ich glaub aber nicht, dass die unterschiedlich wichtig sind.« ImMittelpunkt steht dieUnterstützung der Selbstbestimmung der Klient*innen. »Also für mich ist ganz klar im Mittelpunkt die Selbstbestimmung, dass das, was wir an Unterstützung leisten, eigentlich ganz vorrangig dorthin gehen soll, möglichst gut die Selbstbestimmtheit von Klienten zu fördern und nicht irgendwie Oliver Koenig 214 zielorientiert von meiner Seite aus zu arbeiten. Was anderes ist es, wenn der Klient selber etwas vorgibt, oder wenn sich in der Zusammenarbeit mit der Zeit irgendwelche Ziele herauskristallisieren.« Worin liegt nun der professionelle Kern einer Haltung »absichtsvoller Absichtslosigkeit« und was zeichnet sie aus? Ljungberg et al. (2015) arbeiten in einer vergleichendenMetaanalyse heraus, dass sich hilfreicheUnterstützungsbeziehungen zwischen einer professionellen und einer interpersonalen Dimension hin und her bewegen und diese Dimensionen einander bedingen. Dazu führt Schäfter aus: »Die Beziehungen sind nie statisch, sondern verändern sich fortwährend, sind in Bewegung und dynamisch; es ist ein Geben und Nehmen, das sich mit der Zeit verändert und davon abhängt, aus welchen Gründen man weiterhin zusammenkommt« (Schäfter, 2010, S. 49). Eine solcherart entstehende Wechselseitigkeit wird von Ross und Gisman- Stoch (2011) als eine durch »Agape« geprägte Professionalität verstanden. Agape stellte für die Griechen die unpersönliche, nicht-erotische und altruistische Form der Liebe dar, die es Menschen ermögliche, sich auch um vollkommen fremde Personen kümmern bzw. sich um sie sorgen zu können. Eine Haltung absichtsvoller Absichtslosigkeit einzunehmen, bedeute demnach, Agape als das Medium zu verstehen, in dem sich in Begegnung Lernen, Reifung und Entwicklung vollzieht. Für MacIntyre-Latta (2000) verbirgt sich hinter dieser Haltung darüber hinaus eineSensibilität für die ästhetische Dimension von sozialen Begleitungsprozessen, die esmöglichmacht, im zugewandten Miteinanderdas eigeneWollen aufzuschieben und dadurch gegenüber den vielfältigen Möglichkeiten achtsam zu bleiben, welche die Person und die Situation gerade preisgeben. Die eigenen Maßstäbe dienen dabei als Orientierung, die es sich bewusst zu machen und zu halten gilt. So könne sich eine gemeinsame Praxis als Dialog bzw. als (spielerischer) Prozess einer wiederholten gegenseitigen Annäherung vollziehen. VergleichmitWirkfaktoren in der Psychotherapie Vor dem Versuch, eine systematisierende Form der Darstellung von Wirkfaktoren zu finden, denen für die Gestaltung von Betreuungsprozessen im Verein LOK eine orientierungsstiftende Funktion zukommen kann, wird zunächst ein Blick auf Formen der Systematisierung von allgemeinenWirkfaktoren in der Psychotherapie gerichtet. Wie auch Topor in diesem Band bereits erläuterte, wurde Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 215 bereits 1936 von Rosenzweig unter der Analogie des sogenannten »Dodo-Vogel- Effekts« der Forschungszweig einer internationalen nicht schulenspezifischen psychotherapeutischen Wirkungsforschung grundgelegt. Laut Pfammatter et al. (2012, S. 20) dauerte es weitere drei Jahrzehnte bis Rosenzweigs These systematisch aufgegriffen wurde. Im Rahmen des sogenannten »Common Component Model« war es erstmals Frank (1971), der den Versuch unternahm, vier wesentliche Komponenten zu beschreiben. Folgende Faktoren würden demnach zur Wirkung von Psychotherapie beitragen: 1. ein institutionalisierter und legitimierter Rahmen 2. die Entwicklung einer vertrauensvollen und emotional unterstützenden Beziehung 3. ein kognitives Erklärungsmodell für das Entstehen und Aufrechterhalten der eigenen psychischen Störung, das in diesem Rahmen vermittelt oder gemeinsam erarbeitet wird 4. einedaraus abgeleiteteVorgehensweise, die sichhäufig in ritualisierter Form der Vermittlung von Hoffnung, dem Erleben von Erfolgserlebnissen, dem Aufbau und der Förderung von Sicherheit und Kompetenz in einem positiven emotionalen Klima widmet. Ein gutes Jahrzehnt später fokussiert das allgemeine Modell der Psychotherapie von Orlinsky und Howard (1986) das komplexe Zusammenwirken von ➢ persönlichenMerkmalen von Therapeut*in und Klient*in, ➢ therapeutischen Interaktionsprozessen sowie ➢ situativen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Grencavage und Norcross (1990) fügten spezifische Kompetenzen von Therapeut*innen (etwa die Fähigkeit zur Empathie) hinzu. Auf der Basis umfangreicher empirischer Befunde und mit dem Ziel einer breiten Integration psychotherapeutischer Verfahren postulierte Grawe (1995) vier zentraleWirkfaktoren: ➢ Ressourcenaktivierung: Fokussierung von positiven Möglichkeiten, Fähigkeiten, Interessen undMotivationen der Klient*innen ➢ Problemaktualisierung: Schaffung eines direkteren Zugangs zu den Problemen, indem diese durch bewusste Thematisierung oder Konfrontation gezielt erfahrbar gemacht werden ➢ aktive Hilfe zur Problembewältigung: Förderung von Kompetenzen, die die Bewältigung (Coping) und den Umgang mit störungsrelevanten Aspekten ermöglichen Oliver Koenig 216 ➢ motivationale Klärung:Klärung der Ziele undWerte, die das Verhalten der Klient*innen motivieren Lambert und Ogles (2004) unterscheiden drei Kategorien vonWirkfaktoren: ➢ unterstützende Faktoren: die Therapiebeziehung und die damit verbundene Aufhebung sozialer Isolation ➢ Lernfaktoren: vor allem die Assimilation problematischer Erfahrungen, Lernprozesse im weiteren Sinne sowie damit verbundener Einsichtsgewinn ➢ handlungsbezogene Faktoren: Problemkonfrontation, Erfolgserfahrungen sowie Veränderung und Regulierung von Verhaltensweisen Für Lambert undOgles (ebd., S. 173) geht die Etablierung einer vertrauensvollen Beziehung in der Regel einer Veränderung von Annahmen und Überzeugungen voraus, die wiederum eine Voraussetzung für die Ermutigung vonHandlungsver- änderungen darstellen. Während alle bisher beschriebenen Versuche der Systematisierung vonWirkfaktoren auf theoretischen Überlegungen basierten, haben Tracey et al. (2003) erstmals den empirisch begründetenVersuch einer Kategorienbildung unternommen. Sie unterscheiden ➢ kognitive und emotionale Prozesse, ➢ therapeutische Aktivitäten sowie ➢ therapeutische Rahmenbedingungen. Wampold (2015) versuchte, das Zusammenwirken von allgemeinen Faktoren in einemkontextualenModell zu beschreiben, das er als nicht auf die Psychotherapie beschränkt versteht. Vielmehr stellen diese Faktoren einen Ausdruck sämtlicher Formen von helfenden Beziehungen dar und können nur in ihrem Zusammenwirken verstanden werden. Das kontextuale Modell beinhaltet drei Pfade (vgl. ebd., S. 270): ➢ die eigentliche Beziehung, besonders deren initiale Phase und der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses ➢ die Ko-Kreation von Erwartungen, unter anderem durch das Erklären des (therapeutischen) Prozesses ➢ die reale Umsetzung gesundheitsförderlicher Handlungen bzw. Interventionen Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 217 Herleitung einer Systematisierung vonWirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung Das Wirkungsspektrum der Persönlichen Betreuung und Begleitung entspricht weitestgehend jenem der Psychotherapie, wird aber bereichert durch kollaborative sozialarbeiterische Interventionen. Dazu zählen vor allem: ➢ die Klärung, Stabilisierung und Konsolidierung existenzieller, häufig leidverursachender Problemlagen ➢ vielfältige praktische Unterstützungsleistungen zu einer gelingenden und lustvolleren Bewältigung des eigenen Alltags Durch den transaktionalen Charakter psychosozialer Arbeit könnenWirkungen immer nur durch das Zusammenwirken und Zusammenspiel der professionellen Fachkraft mit den zu betreuenden Personen angebahnt werden. Der zu betreuende Mensch selbst entscheidet, ob Hilfs- und Unterstützungsangebote angefragt, angenommen und wirksam werden (vgl. Lindemann, 2016). Lempp und Kühling (2012) halten Soziale Arbeit sogar für ein komplexeres und anspruchsvolleres Tätigkeitsfeld als Psychotherapie und machen dies daran fest, dass ➢ Auftragslagen und Austauschkonstellationen komplexer und vielfältiger, ➢ Allparteilichkeit schwieriger zu praktizieren, ➢ Ambivalenzen hinsichtlich angestrebter Ziele und Problemlösungen deutlicher, ➢ Anerkennung von fremden Umgebungen anspruchsvoller, ➢ Ablenkungen vielfältiger und ➢ Außenweltprobleme drängender sind. Nach Beushausen (2012) verlangt Soziale Arbeit von den Fachkräften insbesondere die Fähigkeit, Unsicherheit, Ungewissheit, Mehrdeutigkeit und Widersprüche auszuhalten. Er rechnet auch»Therapie« imweitesten Sinne zu den grundlegenden Handlungsfeldern und Wirkfaktoren Sozialer Arbeit, auch wenn Organisationen dies in ihren Tätigkeitsbeschreibungen nicht explizieren und Fachkräfte dies in ihren professionellen Selbstkonzepten manchmal bewusst zurückweisen. Trennscharfe Abgrenzungen zwischen Therapie, Sozialer Arbeit und Persönlicher Betreuung, so einige Betreuer*innen des Vereins LOK, sind auch dort nicht restlos möglich, wo Klient*innen »gut eingebettet sind«, sie also neben der Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag weitere professionelle und ausdrücklich therapeutische Unterstützungsangebote nutzen. Oliver Koenig 218 »Manchmal ist man auch Ersatztherapeutin, falls sonst keine Wege möglich sind, weil manche tun sich schwer, dieWohnung zu verlassen und wir sind dann teilweise auch der einzige Sozialkontakt in der ganzenWoche.« Werden Trennlinien zwischen Betreuung und Therapie zu strikt gezogen, kann dies von Klient*innen als Quelle von Irritation und Verwirrung wahrgenommen werden, wenngleich es in manchen Fällen inhaltlich angebracht ist bzw. eine notwendige Form des Selbstschutzes darstellt. Der Komplexität des Aufgabengebiets scheint am ehesten eine professionelle Haltung zu entsprechen, die bewusst von Fall zu Fall und von Situation zu Situation zwischen therapeutischen, pädagogischen, sozialarbeiterischen und handlungspraktischenRollen, Aufgaben sowie Kompetenzen unterscheidet, agiert und pendelt, was ein hohes Maß an Reflexivität und Professionalität voraussetzt. Welche Faktoren begünstigen nun im Erleben der Klient*innen und aus der Wahrnehmung und dem professionellen Selbstverständnis der Betreuer*innen heraus die im vorigen Beitrag beschriebenenWirkungen undwie lassen sich diese systematisieren? Psychotherapeutische Wirkfaktoren weisen eine Reihe von Ähnlichkeiten auf. In so gut wie allen Modellen ereignet sich ➢ eine positiv emotional konnotierte Beziehung zwischen Menschen (mit unterschiedlichen Rollenzuweisungen), ➢ die in ein spezifisches Ablauf- und Organisationsmodell eingebettet sind, ➢ von dem ausgehend Erwartungen kommunikativ geklärt und gemeinsam ausgehandelt werden, ➢ worauf eine Reihe an handlungsbezogenen und kommunikativen Prozessen, Aktivitäten und/oder Interventionen gesetzt werden, ➢ die in ihrem Zusammenwirken mit den anderen Faktoren wiederum zu Lernen und Entwicklung im weiteren Sinne beitragen. Diesem Modell folgend werden im nächsten Schritt Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung folgendermaßen systematisiert: ➢ Wirkfaktoren, die sich aus den Haltungen und professionellen Rollenauslegungen der Betreuer*innen ergeben (Betreuer*innenmerkmale) ➢ Wirkfaktoren, die sich ausMerkmalen der Beziehungsgestaltung und Interaktion zwischen Klient*in und Betreuer*in ergeben (Beziehungsmerkmale) ➢ Wirkfaktoren, die sich aus gemeinsam gesetzten Handlungen, professionellen Interventionen und dadurch ermöglichten Erfahrungen ergeben (Handlungsmerkmale) Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 219 ➢ Wirkfaktoren, die sich aus der konzeptionellen Orientierung sowie den Rahmenbedingungen der Persönlichen Betreuung und Begleitung ergeben (Strukturmerkmale) Auch hier gilt: Wirkfaktoren treten in der Regel nicht isoliert auf und können nur in ihrenWechselwirkungen sowie ihrer jeweiligen individuellen, relationalen und situativen Stimmigkeit verstanden werden. Betreuer*innenmerkmale Während für die Betreuer*innen der Begriff »individuell« das zentrale Schlüsselwort zur Beschreibung und Abgrenzung der Persönlichen Betreuung und Begleitung darstellte, schien es fürKlient*innen der Begriff »persönlich« zu sein. Häufige Formulierungen beziehen sich auf: ➢ ein persönliches Verhältnis ➢ ein persönliches Gespräch ➢ einen persönlichen Bezug ➢ einen persönlichen Bereich ➢ eine persönliche Beziehung ➢ einen persönlichen Draht ➢ eine persönliche Sache ➢ eine persönliche Frage In der Tat scheint die Art undWeise, wie Klient*innen das Adverb »persönlich« indasGespräch einführten, einenwesentlichen Indikator für derenZufriedenheit mit der Persönlichen Betreuung und Begleitung darzustellen. Auch wurde der Begriff in seiner Umkehrung mit »unpersönlich« in einigen Fällen zur Abgrenzung und Bezeichnung von negativ erlebtenUnterstützungserfahrungen, zumeist außerhalb des Vereins LOK, verwendet, um Kontexte zu beschreiben, in denen sich Klient*innen entweder ➢ einer nicht von ihnen selbst kommenden Orientierung (z.B. selbstständig zu werden) ausgesetzt gefühlt haben oder ➢ das Gefühl hatten, dass das Gegenüber »nicht wirklich interessiert daran ist, was in meinem Leben passiert«. Mit demBegriff »persönlich«wurde häufig auch die Beziehungsebene zwischen Klient*in und Betreuer*in angesprochen. Da sich die Betreuungen im »persönli- Oliver Koenig 220 chen (intimen) Bereich« der Klient*innen bewegen, wurde die Bedeutung eines Gegenübers, »das zu mir passt«, »jemand, der mir sympathisch ist«, durchwegs hoch bewertet. Für einen Großteil der befragten Klient*innen steht die Tatsache einer professionellen Beziehung nicht imWiderspruch dazu, diese als eine persönliche zu erleben. Wesentlich dafür scheint eine stimmige Balance in mehrfacher Hinsicht zu sein. Besonders anspruchsvoll ist, den richtigen Grad anÖffnung imHinblick auf persönliche Themen zu finden, sodass der Aufbau von Vertrauen gefördert wird, ohne Überforderung oder Grenzverletzung zu riskieren. Einige Klient*innen sehen die Tätigkeit ihrer Betreuungspersonen als hochkomplexes und anspruchsvolles Aufgabenfeld und erachten als wichtig, dass Betreuer*innen»gut im Leben stehen«. Ein weiterer Wirkfaktor scheint in einem Gefühl der Passung zwischen den vom Verein LOK propagierten Werten mit persönlichen Einstellungen der Betreuer*innen zu liegen: »Ich bin auch sehr überzeugt vomKonzept des Verein LOK und von demKonzept der PersönlichenBetreuung.Das ist fürmich etwas sehrWichtiges, dass ich hier eine Tätigkeit vorfinde, wo ich das Gefühl habe, da kann ich dahinterstehen. Es ist hier ein sehr großer Freiraum, um gemeinsammit den Klienten etwas zu entwickeln.« In diesemZitat sowie in zahlreichen anderenAussagen beziehen sichBetreuer*innen nicht nur auf die ideelle, sondern auch auf die konzeptionelle Orientierung und das autonome Tätigkeitsfeld, das insbesondere von jenen Personen geschätzt wird, die Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Organisationen haben: »Meinen Freunden aus dem Sozialbereich schwärme ich immer vor, dass ich hier niemanden normalisieren, gesundmachen oder arbeitsfähig machenmuss, sondern, dass die Leute so sein dürfen, wie sie sind. Dabei darf ich sie begleiten und eintauchen, das find ich eigentlich das Tollste an der Arbeit.« Einige Betreuer*innen schätzen ausdrücklich die Autonomie der Klient*innen undbetonten ihrenkritischenZugang zuFragenderPsychologisierung,Psychiatrisierung, Medikalisierung und Pathologisierung von psychischen Erkrankungen, können ihren Zugang aber gut mit der normativen und praktischenOrientierung des Vereins LOK in Einklang bringen. Dies geht einher mit subjektiv bedeutsamen Einstellungen und Werten, die als humanistische bzw. personenzentrierte Orientierung im weiteren Sinn verstanden werden können: Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 221 »Natürlich steht der Klient im Mittelpunkt und nicht ich. Aber trotzdem ist es eine Beziehung, wo ich als ganze Person drinnenstehe.« Manche Betreuer*innen verorteten ihre eigene Haltung in einem umfassenden humanistischen Menschen- und Weltbild, für sie ist es bedeutsam, »die ganze Person zu adressieren«. Ein »echtes« Interesse für die begleiteten Menschen sowie ein Mindestmaß an gegenseitiger Sympathie wurden ebenfalls als zentrale Wirkfaktoren in der Persönlichen Betreuung und Begleitung genannt: »Unsere Klienten sind ja interessante Menschen, finde ich. Ich stelle Fragen und interessiere mich einfach. Ich gebe ihnen auch die Möglichkeit, dass sie über mich Fragen stellen.« »Es gibt hier ja nicht nur ein kaltes Betreuungsverhältnis, sondern man sieht den Menschen dahinter. Es sind mir doch auch viele von den Leuten, die ich betreue, sehr sympathisch.« Beziehungsmerkmale Psychosoziale Arbeit impliziert ein komplexes und emotional konnotiertes Beziehungsgeschehen (vgl. Gahleitner, 2017, S. 37). Beziehung ist »unersetzliche Voraussetzung« für soziales Handeln und immer ein interpersonales Geschehen. Diesem wohnt durch Gefühlsbindungen wie Liebe, Zutrauen und Vertrauen die Möglichkeit inne, chancenreich zu werden. Dass die Qualität von Beziehungen und von Beziehungsgestaltung zentrale Wirkfaktoren psychosozialer und psychotherapeutischer Arbeit darstellen, gilt mittlerweile als gesicherte Erkenntnis (vgl. Wampold, 2015). In jedweder Form der Beziehung steckt aber auch die Gefahr vonMissbrauch und Gewalt. Stabile und vertrauensvolle Beziehungen gelten demnach auch als wichtigster Gewaltpräventionsindikator. Beziehungserfahrungen gelten nicht nur im frühkindlichen Lebensalter als Voraussetzung für die Erfüllung basaler menschlicher Grundbedürfnisse. Nach Gahleitner (2017, S. 274) handelt es sich hierbei imDetail um Bedürfnisse nach: ➢ Verbundenheit ➢ sozialer Integration ➢ zuverlässigen Bündnissen Oliver Koenig 222 ➢ Erleben von Kohärenz ➢ Sicherung des Selbstwerts ➢ Beteiligung ➢ Orientierung Dazu eine Betreuerin: »Also wenn ich jetzt an die Maslow’sche Bedürfnispyramide denke: Wenn die Beziehung so stabil ist, dass sozusagen die Erhaltung gewährleistet ist, dann kann man in Richtung Entfaltung gehen. Ich denke, dass es bei den meisten Klienten einmal darum geht, überhaupt eine tragfähige Beziehung zu etablieren.« Beziehungen, die als »persönlich« empfunden werden, unterscheiden sich von rein professionellen Rollenbeziehungen vor allem durch eine höhere emotionale Tragfähigkeit, die ihrerseits neue kleinere und größere »Explorationsprozesse« erlaubt, wodurch psychosoziale Arbeit erst ihr »vollesWirkungspotenzial« (vgl. ebd.) entfalten kann: »Ich glaube, das ist schon ein großer Punkt, wenn wir schon eine tragfähige Beziehung haben, weil es dann auch irgendwie spannender wird. Vor allem können sich vielleicht andere Entwicklungen auftun.« Der professionelle Charakter der Beziehung garantiert, dass in Konfliktfällen dennoch der Bestand der Beziehung gesichert ist. Auch das trägt zur Wirkung bei. »Der große Vorteil dieser professionellen Beziehung ist, dass sie weitergeht bei Konflikten. Dadurch, dass ich durch diesen Rahmen professionell geschützt bin, hilft das in der gemeinsamen Beziehung dem Klienten, dass eine Beziehung auch weitergehen kann, auch wenn da einiges passiert. Natürlich gibt es auch Grenzen, aber die Grenzen sind viel weiter als in einer privaten Beziehung. Das macht aber die Beziehung auch so stark, obwohl es professionell ist.« Beziehung ist dort mehr Begleitvariable, wo Klient*innen im Laufe ihrer Biografie gewaltbesetzte Beziehungserfahrungen (wie Zurückweisung, Erniedrigung, Beziehungsabbrüche etc.) erlebt haben. Hier kann es bereits einen Erfolg darstellen, wenn es Klient*innen gelingt, »trotz Schwierigkeiten in der Beziehung zu bleiben«. Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 223 Der notwendige Aufbau von gegenseitigem Vertrauen gilt auch im Arbeitsfeld der PersönlichenBetreuung undBegleitung als zentrale professionelle Herausforderung.WürdeBeziehungshandeln ausschließlich auf seine instrumentelle Funktion beschränkt, könnte dies eventuell das eigentliche Ziel untergraben: »Ich habe hier nicht das Gefühl, dass sich wer irgendwelche Bedingungen überlegt hat, das gibt es hier nicht. Bei anderen Vereinen kündigt man die Patientenbeziehung, wenn die Bedingungen nicht erfüllt werden. Hier geht es eben genau um das, dass man herausfindet, was man will, dass man sich selber findet dann schlussendlich.« Eine hilfreiche Beziehung ist ihrem Wesen nach zweckfrei oder absichtslos und stellt keine Bedingungen. Wirkungsvolles Handeln lasse sich demnach dadurch charakterisieren, dass »Handlungsorientierung« und »Beziehungsorientierung« einander bedingen und ständig ergänzen. Fließende Grenzen zwischen den beiden Bereichen zeigen sich sowohl in Fragen der Alltagsgestaltung als auch bei der gemeinsamen Verfolgung von längerfristigen Projekten. »Daswürde ich auch als Beziehungsarbeit sehen.DerKlient sagtmir quasi, ummein Leben besser in den Griff zu bekommen, geht es ganz viel umOrdnung und schlichten oder räumen. Da ist aber schon dieses: Aha, mir hilft jemand und es begleitet mich darin jemand. Da kann man schon ganz viel mit der Beziehung arbeiten.« »Oft bewegen wir uns auf dem sozialarbeiterischen Terrain. Weil ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mich sehr stark in diesen rechtlichen Fragen engagiert hab, dass das für den Klienten auch eine sehr starke Beziehungsarbeit ermöglicht hat, dass da jemand wirklich hinter ihm steht.« »Also in der Betreuung kann ich das nicht trennen, was ist jetzt Beziehungsarbeit, was ist jetzt eine stabilisierende Arbeit oder was ist jetzt irgendwie eine andere Arbeit? Sondern ich gehe in die Betreuung und bin dann dort als ganzer Mensch.« In diesen Zitaten spiegeln sich alle von Gahleitner (ebd., S. 286) genannten Anforderungen an professionelle Beziehungsgestaltung wider, nämlich ➢ Authentizität ➢ emotionale Tragfähigkeit ➢ fachlich kompetentes Rollenhandeln ➢ die Fähigkeit, persönlich geprägte Beziehung reflexiv zu durchdringen Oliver Koenig 224 Für Klient*innen lassen sich zwei dominante Merkmale ausmachen, die für sich und zusammenwirkend dazu beitragen, dass sie die Begleitung als wirkungsvoll erfahren: ➢ Sind die Betreuer*innen situativ in der Lage, auf momentan im Vordergrund stehende Bedürfnisse einzugehen, ➢ geschieht dies in einem persönlichen, stimmigen, emotionalen Rahmen. In den folgendenAussagen vonKlient*innen wurden beideDimensionen thematisiert: »Naja, das Nette ist die Bereitschaft, immer für mich da zu sein und immer bereit zu sein, zu fragen, was will ich. Das ist auch sehr wichtig, immer gefragt zu werden: ›Was wollen Sie, was machen wir?‹« »Am hilfreichsten war für mich, vorurteilsfrei in Kontakt zu sein mit jemand anderem, der mehr Akzeptanzmir selbst gegenüber aufbringen konnte als ich selbst.« »Ich habe einen Betreuer, der mit mir gleichzeitig angefangen hat und mich schon ganz gut kennt und derweiß natürlich, bei welchen Punkten er nachhakenmuss oder überhaupt mich ein bisschen anschieben muss und das finde ich auch ganz gut so.« »Weil es da um mich gehen darf und ich mich auch immer weniger schäme. Ich komme immer weiter weg von dem, mich zu rechtfertigen, wenn ich einmal eine Bitte ausspreche. Oder mich auch wirklich zu freuen, wenn das Bedürfnis wahrgenommenwird.Wenn eine Beziehung dann schon drei Jahre, also ein Kontakt schon drei Jahre besteht, dann entwickelt sich da langsam was.« »Das denke ich mir halt immer, dass das so schön ist, dass meine Betreuer sich mit mir mitfreuen, wenn etwas Gutes passiert und mich dann immer wieder bestärken und loben.« In den Zitaten zeigen sich so gut wie alle der weiter oben angesprochenenGrundbedürfnisse in, nach und durch Beziehungen. Zu deren Erfüllung führen zumTeil kleine, aber immer bedeutungsvolle Unterschiede, die in einem als stimmig empfundenen respektvollen und einfühlsamen Kontext geschehen. Besonders deutlichwird,wie stark eineBewegungderBetreuer*innen inRichtung der Aushandlung bzw. des Einstimmens auf die Bedürfnisse der Klient*innen im professionellen Kern der Tätigkeit liegt. Eine solche Bewegung führt in der Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 225 Regel zu einer Bewegung in der Beziehungundweiter zu einer Bewegung im »Inneren« der Klient*innen. In vielen der Beispiele ist die Justierung desNähe-Distanz- Verhältnisses genau jene von Betreuer*innen initiierte Bewegung. Die Betreuungsperson kann also als bedeutsame*r Andere*r durch ihr*sein Handeln in sowie für die Beziehung einen Beitrag für eine Veränderung des Selbstsowie des Beziehungserlebens der Klient*innen leisten, manchmal subtil, manchmal deutlich.Die Beziehung zur Betreuungsperson kann die äußere (extrinsische) Motivation darstellen, weswegenKlient*innen ihr Verhalten oder ihre Einstellungen ändern wollen. »Ich merke, ich bemühe mich, damit ich erzählen kann, dass ich etwas geschafft habe, wenn ich jemand anderem sagen kann ›Ich habe jetzt vier Tage nichts getrunken‹, da freut man sich und das ist dann schon immer so ein Teilerfolg.« In denWahrnehmungen der Betreuer*innen zur Bedeutung der Beziehung zeigen sich durchwegs hohe Übereinstimmungen zu jenen der Klient*innen. »Es ist so diese Stetigkeit und dass man weiß, dass die Klienten wissen, es ist jemand da, der auf sie schaut, es gibt jemanden, wo sie Rückhalt finden können.Wo ich dann schon teilweise auch später von derKlientin die Rückmeldung bekommen habe, dass es für sie total stabilisierend und sichernd ist, auch wenn ich nichts mache, aber einfach zuwissen, ichwäre da, wenn sie etwas braucht und dass das sehr viel ausmacht.« »Also da ist der Betreuer wirklich jemand, mit dem man alles besprechen kann, was einen vielleicht belastet oder was einem auf der Seele liegt, weil man weiß, der hält das aus. In seiner Rolle als Betreuer kann er alles aufnehmen und er unterbricht deswegen auch nicht den Kontakt, weil es ihm zu schwer wird, und es belastet auch nicht die Beziehung.« »Wennmich sonst alles verlässt, weiß ich, der Verein LOKund seine Betreuer, auch wenn die wechseln könnten, die sind immer da.« Hilfreiche Beziehungen zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass sie sowohl als »persönlich« wie auch als »professionell« wahrgenommen werden und gemeinsam gestaltbar sind. Die professionelle Dimension ergibt sich aus: ➢ ihrer speziellen Rollenförmigkeit (klar abgrenzbare Rollen, eine Richtung der handlungsleitenden Aufmerksamkeit) ➢ der Haltung und Einstellung der Betreuer*innen Oliver Koenig 226 ➢ der Fähigkeit der Betreuer*innen, situativ stimmig zu (re-)agieren ➢ dem strukturellenRahmen, der die professionelle Beziehung als solchemarkiert, begrenzt und ermöglicht. In dieser anspruchsvollen Kombination bietet die Beziehung einen stabilen, verlässlichen und belastbaren Rahmen, der sowohl als eigenständigerWirkfaktor als auch als ermöglichender Faktor für weiterführende Wirkungen gesehen werden kann. Handlungsmerkmale Die Persönliche Betreuung und Begleitung kann im wörtlichen Sinne als »interaktives« professionelles Handlungsfeld verstanden werden. Genau in dieser interaktiven Dimension findet sich sowohl für Klient*innen als auch für Betreuer*innen ein wesentlicher Teil der Spezifik als auch des »Wirkungsvollen« der Persönlichen Betreuung und Begleitung. »Wirksamkeit kann in Gesprächen spürbar werden, im wirklichen Helfen, im Aktiv-etwas-Tun, im Gefühl, dass der Klient sich auf das Ganze einlässt, was ja auch nicht so selbstverständlich ist. Ich meine, da kommt irgendein Mensch, mit dem ich keine Beziehung habe und der ist auf einmal in meinem Leben, sitzt bei mir zu Hause und will irgendetwas von mir. Viele unserer Klienten haben vielleicht seit Jahren eigentlich kaum Sozialkontakte gehabt, sind zuHause sozial vereinsamt und sind es auch gar nicht gewohnt, Interessen zu haben und überhaupt mit Leuten viel zu tun zu haben.« Trotz der absichtslosenHaltung im Eingehen einer Beziehung und der gemeinsamen Gestaltung von Handlungen ist die Persönliche Betreuung und Begleitung weder gleichgültig noch frei von Anforderungen oder »Zu-Mutungen« an Klient*innen. Dies vorausgesetzt und bewusst gehalten, beschrieben viele Betreuer*innen insbesondere die initiale Phase des Kennenlernens als durch ein acht- und behutsames, aber auch aktiv initiiertes »Herantasten« geprägt. »Ichwürde es nichtmehr unbedingt Strategie nennen, sondern viel eher vonmeiner Haltung und meinem Zugang her bin ich insofern einmal zunächst recht zurückhaltend an die Sache herangegangen und habe dann langsam versucht, sie auch zu Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 227 einer Reflexion einzuladen und zu verlocken, auch Feedback zu geben. Vorsichtig und langsam und erst dann ein bisschen zu steigern. Einfach zu schauen, wie sie reagiert. Ich habe sie auch drauf hingewiesen, wenn ich was gefragt hab, darf ich das fragen, oder mit demNachsatz, dass es für mich auch ganz okay ist, wenn sie da jetzt nicht drüber reden will.« Das gemeinsame Finden eines stimmigen Rahmens ist vielfach geprägt durch gemeinsames Aushandeln, Ausprobieren, Lernen und Reflektieren. Was daraus entstehen kann, lässt sich weder voraussagen noch im Vorfeld planen – es bleibt individuell: »Es hängt sehr von den Klienten ab und die Klienten sind wirklich ganz unterschiedlich.MancheKlienten brauchen es, dassman sich als Betreuermehr einbringt und mehr initiativ ist, andere Klienten brauchen, dass man ihnen sehr viel Raum lässt und sich zurückhält. Humor ist dabei ein wichtiger Punkt. Bei unseren Klienten geht es viel um Traumatisierung und schwere Krankheit, aber gerade da ist es wichtig, auch einmal einen Scherz zu machen oder über Fußball zu reden.« »Manchmal wollen die Klienten die Betreuung auch gar nicht, sondern es gibt einen anderen, der das angebahnt hat. Wenn das nicht von Anfang an klar ist, was der Klient oder die Klientin sich wünscht, dann versuche ich schon zu erklären, was die Betreuung ist und das wird je nach Klient auch ein etwas längerer Prozess. Meistens, in einer relativ kurzen Zeit, bildet sich dann so eine Art Gewohnheit und eine Struktur heraus.« Auch in der Persönlichen Betreuung und Begleitung spielt eine Erwartungshaltung, »dass mir das auch etwas bringt«, eine entscheidende Rolle. So hob eine Klientin auf die Frage, was sie denn neuen Klient*innen raten würde, die Bedeutung des »Sich-Einlassens« hervor: »Als Klient soll er sich darauf einlassen, er soll sich helfen lassen, also es wird sicher besser werden, er soll es einmal ausprobieren eine Zeit lang. Ich glaube, so nach zwei, drei Monaten taut man dann auf, oder dann sieht man den Betreuer als Stütze.« Dies gilt insbesondere dort, woKlient*innen entweder die Leistungender Persönlichen Betreuung und Begleitung imAlltag nicht freiwillig in Anspruch nehmen1 1 Beispielsweise aufgrund einer gerichtlichen Auflage. Oliver Koenig 228 und/oder sie auf der Grundlage ihrer bisherigen Beziehungs- und Unterstützungserfahrungen»dem Ganzen noch nicht so recht trauen«. Im Rückblick wurden von zahlreichen Klient*innen folgende Faktoren als bedeutsam für das Aufbauen von Vertrauen und das Entwickeln einer positiven Erwartungshaltung genannt: ➢ eine vorhandene Sympathie ➢ das Erkennen von gemeinsamen Interessen oder anderen (biografischen) verbindungsstiftenden Bezügen ➢ eine wohlwollende und nicht drängende Form der Beharrlichkeit ➢ ein verlässliches und kongruentes Handeln ➢ eine wahrnehmbare Bereitschaft seitens der Betreuer*innen, sich auf sie und ihre Bedürfnisse einzulassen Diese Wirkfaktoren spielen durchgängig, das heißt auch in späteren Phasen der Betreuung, eine Rolle, erweisen sich in der Anfangsphase allerdings als besonders relevant. Klient*innen unterscheiden zudem zwei Qualitäten von professionellen Rollenauslegungen der Betreuer*innen: ➢ stärker initiierende (»etwas tun«) ➢ stärker rezeptive2 (Da-Sein) Sofern Klient*innen diese Aktivitäten als (situativ) stimmig und die eigenen Bedürfnisse erfüllend wahrnehmen, bewerten sie tendenziell eher auch die Betreuung als wirkungsvoll. Initiierende Aktivitäten Hierbei beschrieben Klient*innen Erfahrungen mit Betreuer*innen, die: ➢ sich für sie eingesetzt und Engagement gezeigt haben ➢ ihnen ein Feedback gegeben haben bzw. eine ehrliche und aufrichtige Form der Rückmeldung gegeben haben ➢ ihnen bei konkreten Alltagsproblemen wirkungsvoll geholfen haben ➢ ihnen positive Bestätigung bzw. Bestärkung für die Berechtigung bestimmter häufig emotional ambivalent besetzterWahrnehmungen bzw. Überzeugungen gegeben haben ➢ sie auf Ressourcen aufmerksam gemacht haben 2 Der Begriff rezeptiv kannmit »etwas aufnehmend, empfangend, wahrnehmend« übersetzt bzw. umschrieben werden. Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 229 ➢ sie in einer positiven und nicht bevormundenden Art undWeise motiviert haben ➢ sie bei wichtigen, aber belastenden Themen, die häufig mit der eigenenGesundheit und/oder dem Kontakt mit Behörden zu tun haben, unterstützt haben dranzubleiben ➢ sie ermutigt haben, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Betreuungsbeziehung Dinge an- und auszusprechen ➢ mit ihnen gemeinsam und wiederholt Probleme, die sie einbringen, bearbeitet haben ➢ ihnen in krisenhaften Phasen beigestanden und ohne Aufforderung dort geholfen haben, wo es gebraucht wurde Rezeptive Qualitäten Rezeptive Qualitäten verweisen auf die Form der inneren Erfahrung und Bezogenheit. Auch wenn es nicht um ein Entweder-oder zwischen reaktiv und rezeptiv geht, verweist Siegel (2012) darauf, dass eine andauernde reaktive HaltungPräsenz eher verhindert, während eine rezeptiveHaltung sie ermöglicht. Eine rezeptive Haltung einzubringen, erfordert von Betreuer*innen achtsame Zugewandtheit gegenüber Klient*innen trotz Unsicherheit, Ungewissheit sowie Nicht- Wissen darüber, ob das, was sie tun oder unterlassen zu tun, als unterstützend wahrgenommenwird. Aus denErzählungen derKlient*innen lässt sich rekonstruieren, dass diesen rezeptiven Formen von Beziehung oft genauso viel oder sogar mehr Bedeutung beigemessenwird als den aktiven. Darunter fallen Formen eines: ➢ Da-Seins ➢ So-sein-lassen-Könnens ➢ Begleitens ➢ Zuhörens und Ausreden-Lassens ➢ Kümmerns ➢ Führens ohne Interventionen ➢ Mitgehens ➢ Vorgelebt-Bekommens Dies führt häufig zu teils erheblichen Formen der (Neu-)Strukturierung, die in unterschiedlicher Klarheit und Reflexivität zum Ausdruck kommt: »Ich sag mal, es war eine Begleitung, die war sehr aufmerksam auf meine Parallelbedürfnisse und er hat diese Begabung gehabt, dass er mich einfach in dieser Oliver Koenig 230 Vielspurigkeit gelassen hat, bis ich gemerkt habe, dass das wirklich ein Bedürfnis ist.« »Die haben sich eine Zeit lang wirklich voll um mich gekümmert, weil sonst wäre es nie so weit gewesen, aber was sie gemacht haben, das weiß ich nicht.« »Mir wurde ammeisten durch ein offenes Ohr geholfen!« »Ich unterstreiche diese vorurteilsfreie Begegnung und ich habe die Erfahrung gemacht, das muss ich einfach unterstreichen, weil ich eben so kritisch bin und ich reflektiere das auch mit den Betreuern und Betreuerinnen immer, dass es mir schon Schutz gibt, ohne Führung, ohne Einfluss zu nehmen. Das heißt einfach da zu sein und das ist eigentlich genau das, was mir in meinem ganzen Leben immer gefehlt hat, da draußen mit mir selbst alleine. Ja, viel auf Risiko zu gehen und da hat sich viel beruhigen können.« Handlungsrepertoire aus Sicht der Betreuer*innen Welche Form der Unterstützung von Klient*innen wann und in welcher Art und Weise als wirkungsvoll betrachtet wird, entzieht sich jedweder Vorhersagbarkeit. Das Finden einer stimmigen Balance unter der Bedingung desNichtwissens kann gleichsam als die eigentliche »Kunstfertigkeit« der Persönlichen Betreuung und Begleitung betrachtet werden. Natürlich entwickelt sich mit zunehmender Vertrautheit, aber auch persönlicher Reife und (Selbst-)Sicherheit so etwas wie: ➢ ein Gespür füreinander ➢ ein Gefühl für den jeweils stimmigen Einsatz eines Repertoires ➢ eine Fähigkeit, in einer gegebenen Situation situativ und fluide zu handeln. In diesem Zusammenhang berichteten Betreuer*innen von der großen Bedeutung der begleitenden Reflexionsarbeit, auch im Sinne eines vorweggenommenen Übungshandelns, welche sie dabei unterstützt, selbst in neuen Situationen rasch eine Handlungsoption bereit zu haben. »Es sind keine Situationen, die neu sind. Also natürlich komm ich irgendwann einmal zum ersten Mal in so eine Situation, aber deswegen ist sie für mich nicht neu, weil ich sie schon kenne eigentlich und ich versuche mich dann an das zu erinnern‚ was man da eigentlich macht, wenn das so ist. Was war denn da? Was haben denn Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 231 die anderen gemacht? Was soll ich jetzt machen? Und dann fallen mir eigentlich immer schon Dinge ein.« Vor allem vonBetreuer*innenwurde das gemeinsame Durchstehen von beziehungsund verbindungsstärkenden Erfahrungen eingebracht. Beschwerliche Phasen im Begleitungsprozess zählen ebenso dazu wie plötzlich auftretende Probleme, die Klient*innen überfordern und zu deren Überwindung sie sich allein nicht gewachsen sehen.Manchmal sindes aber auchvollkommenunerwartete, ungeplante bzw. anders ausgehende Entwicklungen, wie sich in den folgenden Zitaten zeigt: »Ein Klient ist einemTrickbetrüger reingefallen und hat gleichzeitig einenWasserschaden in der Wohnung gehabt. Das war ziemlich am Anfang unserer Betreuung und ich binmit ihm zur Polizei und zu den ganzen Fördergebern, ob er wieder Geld bekommen kann und das habe ich einfach alles mit ihm gemeinsam durchgemacht. Da sind wir sehr zusammengewachsen in der Situation.« »Da war ich zum Beispiel mit einer Klientin auf der Alten Donau Tretbootfahren undwir haben beide einen furchtbaren Sonnenbrand gehabt. Es war aber total nett, wir haben uns da in den Algen verheddert und sind nicht mehr weitergekommen und das war auf einmal so ein leichter Moment.« »Da muss ich die Geschichte von einem Klienten erzählen, der hat keinen Mucks gemacht undmeist einsilbig vor sich hingemurmelt.Mit demwollte ich vonA nach B und wollte den besten Weg gehen. Dann habe ich mich am Weg verfahren und das hat ihn schon ein wenig zum Schmunzeln gebracht und er hat gesagt: ›Auch Betreuer können sich irren‹ und ich habe dann gesagt: ›Ja, das können Sie laut sagen‹.« Auch wenn solche »Anlässe« nicht erfunden oder im Voraus geplant werden können, kann sehr wohl eine in der Sozialraumorientierung als »Gelegenheitsmanagement« (vgl. Früchtel&Budde, 2011) beschriebeneHaltung derOffenheit für Unerwartetes als unterstützend gesehenwerden. Dabei geht es darum, sensibel für sich bietende Gelegenheiten zu sein sowie die Spontanität zu besitzen, diese auch zu ergreifen. In vielen Fällen kann dadurch ein neuer und potenziell beziehungsstiftender gemeinsamer Erfahrungshintergrund entstehen. Dabei, so zeigen die letzten beiden Zitate, kann ebenso ein sich wechselseitig ereignender situativer Humor aus einer schwierigen oder unangenehmen Situation zum Erleben von Leichtigkeit führen. Oliver Koenig 232 Sowohl die Einschätzungen der Betreuer*innen als auch die Aussagen derKlient*innen zeigen, dass hilfreiches Handeln ein Ensemble bzw. Arrangement aus vielen unterschiedlichen, jeweils situativ stimmigen Unterstützungsformen, jeweils als Angebote oder Einladungen formuliert, darstellt. Diese tragen häufig auch erst zeitversetzt dazu bei, dass sich innere und äußere Empfindungen, Erwartungen und Muster des Denkens, Fühlens und Handelns neu strukturieren. In manchen Fällen wird dadurch phasenweise oder dauerhaft die Fähigkeit von Klient*innen unterstützt, auch unabhängig die notwendige Stabilität aufzubringen, um sich neuen Erfahrungen auszusetzen: »Die Klientin hat irgendwo einen Termin gehabt und war in relativ guter Stimmung.DieserTerminwar neben ihrem früheren Stammlokal. Auf einmal hat sie sich gedacht, ich schau einmal vorbei, weil es dort so gutes Essen gibt, und das war dann eine angenehme Erfahrung. Sie hat irgendwie gemerkt, die Leute sind ihr wohlgesonnen und nicht so, wie sie es sich ausgemalt hatte. Sie hat dann zurückgemeldet, dass unser Beitrag war, dass sie überhaupt diese psychische Stabilität gehabt hat, sich da wieder zu öffnen, auch gegenüber neuen, positiven und sozialen Erfahrungen.« In diesem Sinne können dieAussagen einiger Klient*innen, denVerein LOK jetzt nicht (mehr) zu brauchen, auch als Erreichen einer (temporären) Unabhängigkeit interpretiert und somit auch denWirkungen der Begleitung zugerechnet werden. Welcher Beitrag letztlich der entscheidende war, bleibt allerdings nicht dezidiert bestimmbar. Strukturelle Merkmale Innerhalb sozialwissenschaftlicher Theorietraditionen wird häufig eine Unterscheidung zwischen Strukturtheorien und Handlungstheorien vorgenommen. Während Handlungstheorien das durch Reflexivität und Bewusstheit geprägte sowie zu Autonomie fähige Individuum im Blick haben, betonen Strukturtheorien, dass Menschen keine ultimativ frei handelnden Akteur*innen sind. Erst im Laufe der 1980er Jahre wurde im Rahmen der sogenannten Strukturationstheorie von Giddens (1984) eine dialektische Position entwickelt, die hier vertretenwird. Strukturenwerden demnach vonAkteur*innen – und insbesondere von ihren sozialen Handlungen – hervorgebracht und geben wiederum demHandeln von Akteur*innen eine Grundlage bzw. bieten diesem einen Rahmen. Sie erzeugenmit der Zeit bestimmteRegeln, an denen sich Akteur*innen orientieren, Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 233 und Ressourcen, derer sie sich bedienen. Strukturen können sich zwar verfestigen, individuelle und kollektive Akteur*innen jedoch sind, insbesondere über die Fähigkeit zur reflexiven Selbststeuerung, in der Lage, Strukturen zu verändern, anzupassen oder gänzlich zu verwerfen. Je stärker reflexive soziale Handlungen als zugrunde liegende Regeln und Ressourcen in den Strukturen angelegt sind, umso eher werden sich soziale Handlungen immer wieder aufs Neue den jeweiligen Bedingungen anpassen. Auf diesen sowohl theoretischen als auch praktischen Überlegungen fußt ein Großteil derKonzeptionen von lernendenOrganisationen und lernendenTeams. Strukturen, so verstanden, konstituieren also den durch Reflexion und Lernen hervorgebrachten und veränderbaren Rahmen, in dem sich Handeln vollzieht. Wenn von Handlungen als »Ensemble« oder »Arrangement« gesprochen wird, dann gilt dies für die Bestimmung von strukturellen Merkmalen umso mehr. Auch sie sind mit Blick auf das untersuchte Forschungsfeld stets im Plural zu denken, als Gefüge von miteinander verwobenen Teilen, die zusammen das Arbeitsfeld der Persönlichen Betreuung und Begleitung innerhalb des Vereins LOK ergeben. EinGroßteil der imvorigenBeitrag angeführtenWirkungen, aber auchder im vorliegendenText beschriebenen individuellen, relationalen und handlungsbezogenen Merkmale und Wirkfaktoren wird letztlich nur durch die Art und Weise der strukturellen und konzeptionellen Gestaltung und Orientierung des Arbeitsfelds ermöglicht. Auch hierbei zeigt sich eine große Übereinstimmung in den Wahrnehmungen der Klient*innen und Betreuer*innen. Insofern können einige der konzeptionellen Bausteine der Persönlichen Betreuung und Begleitung gleichzeitig als zentrale Wirkfaktoren angesehen werden. Dazu soll nun jeweils ein exemplarisches Klient*innen- sowie ein Betreuer*innen-Zitat zur Illustration angeführt werden. Zu den wesentlichenWirkfaktoren zählen demnach ➢ die zeitlich offene Ausrichtung: »Es hat sich insofern verändert, dass es mir beim Verselbstständigungsprozess sehr geholfen hat, das Leben selbst in dieHand zu nehmen. Verändert hat sich auch, dass mir die Zeit gegeben wird, die ich einfach auch brauche, um wieder heil zu werden, ganz zu werden und kein Druck ausgeübt wird vor allem.« »Was ich auch als das Besondere an der LOK-Arbeit finde, ist diese Zeitperspektive. Es sind wirklich Beziehungen, die über viele Jahre wachsen und sich festigen können. Das ist, glaub ich, auch ein großer Unterschied zu anderen Vereinen, dass viele andere Vereine in dem Bereich in zeitlichen Befristungen von diesen Betreuungsverhältnissen arbeiten.« Oliver Koenig 234 ➢ der ergebnisoffene Zugang ohneDruck, bestimmte Ziele erreichen zumüssen: »Also das ist jetzt auch so mein Gefühl von der Betreuung bei LOK, dass da nie irgendeine Form von Druck von deren Seite aus besteht. Bei X [andere Organisation] war das ein bisschen anders.« »Es ist für mich so, dass es für mich ganz offen ist, wo es hinführt. Aber so wie ich die Betreuung, den Zugang zu den Klienten und zu der Tätigkeit verstehe, daraus kann durchaus etwas erwachsen, das dann als Erfolg gesehen werden kann. Das kann eben auch bedeuten, den Status quo zu erhalten. Ich erlebe es gar nicht so selten, dass bei LOK dann was ›Positives‹ herauskommt. Aber es ist nicht so sehr von vornherein so, dass wir dieses konkrete Ziel verfolgen.« ➢ dass die Erkrankung nicht im Fokus steht und sich die Klient*innen so zeigen können, wie sie es möchten: »Ja, ich war amAnfang total dagegen, weil ich nicht gewusst hab, was LOK ist, aber wie sie dann dawaren, habe ichmir gedacht: ›Da geht es nicht immer umdie Krankheit, sondern um andere Dinge auch‹. Das hat mich irgendwie aufleben lassen.« »Der Klient hat die Möglichkeit, sich neu zu zeigen und bestimmt selbst, was er preisgeben will und was nicht. Wir arbeiten mit dem, was kommt, und im besten Fall funktioniert das gut.« ➢ dass die Betreuer*innen Kontakt suchen und aufrechterhalten: »Als ich in X [andere Stadt] war, die ist X Kilometer von Wien weg, da haben sie mich vom alten Team sogar besucht, sind mit dem Zug extra rausgefahren. Die wollen auch während des Spitalaufenthaltes, dass die Betreuung weitergeht. Man kommt sich halt dann auch wichtig vor.« »Das ständige Kontakthalten, fast egal was passiert, weil auch wir haben Grenzen und Rahmenbedingungen bei LOK, aber die Klienten können sich darauf verlassen, dass sie auch auf unbestimmte Zeit betreut werden. Die Wirkfaktoren sind, immer da zu sein, auch wenn Krisen sind oder Konflikte auftreten.« ➢ dass sich die Betreuung im persönlichen Raum abspielt: Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 235 »Das meine ich mit therapeutischem Erfolg. Ein Therapeut hätte nie mit mir können, das habe ich auch mit meinem Psychiater besprochen. Insofern ist LOK da anders, weil da kommtman eigentlich schon nach, weil es ist in meiner Küche, es ist in meinem Wohnzimmer, es ist mit meinen Kindern, es ist mit meinen Finanzen, es ist mit meinem ganzenWahnsinn halt da.« »Ein spezifischer Aspekt der Beziehung in der persönlichen Betreuung ist, dass wir eben wirklich im persönlichen Raum des Klienten arbeiten. Also man ist in seiner Wohnung, man ist gemeinsam im Krankenhaus, man geht gemeinsam auf Ämter. Es sind zum Teil sehr intime Situationen. Jetzt im Vergleich zu einer Psychotherapie ist man da wirklich viel näher dran und das schafft auch viel mehr Nähe. Wenn das gut geht, schafft das einfach auch Beziehung, Vertrauen und Sicherheit.« ➢ dass die Betreuung praktisch ausgerichtet ist: »Es wird mir auch gesagt, dass ich mich sehr weiterentwickelt habe. Also ich meine auch, dass es mir besser geht. Da hat LOK sicher einen sehr großen Einfluss darauf gehabt, vor allem dadurch, dass die praktischen Sachen positiv geregelt wurden.« »Ich würde sagen, wir wirken hauptsächlich über die Beziehung.Wir bieten Beziehung an, dass wir sozusagenmit denMenschen gehen und sie begleiten.Wir wollen nichts verändern. Natürlich wollen wir, dass ihr Leben sozusagen immer lebenswerter wird. Es ist meine Aufgabe, für sie da zu sein und die praktischen Aufgaben im Vordergrund zu haben.« ➢ dass die Betreuung regelmäßig und kontinuierlich stattfindet: »Diese Regelmäßigkeit hat mir geholfen, auch bei den Rückfällen, weil der Arzt kann sich nicht zwei Stunden pro Woche Zeit nehmen. Dass ich das Gefühl habe, ich kann mich verlassen auf ihn, dass er jede Woche kommt und dass ich dadurch das Gefühl habe, ich kann ihm vertrauen.« »Ja, also in den Langzeitbetreuungen mit Klienten habe ich das schon erlebt, dass es kleine Veränderungen gibt. Die haben sicher mit dieser Konstanz etwas zu tun. Also dass die Betreuung immer wieder stattfindet, in jeder Situation. Das heißt also diese Konstanz, dass wir diesen Rahmen haben und diese Zeit, wo ich ganz bewusst bei dem Klienten bin.« Oliver Koenig 236 Insbesondere dem letztenWirkfaktor, dem durch eine kontinuierliche und rhythmischeBeziehungserfahrungermöglichtenGewinnvonStabilität,kommtindenAussagen der Klient*innen und Betreuer*innen eine besonders wirkmächtige Bedeutung zu. Auchwenn es hier wiederumnicht umdieDarstellung eines linearenModells geht, so findet sich in den Erzählungen vieler Interviewpersonen doch eine Abfolge in der Form von: ➢ Stabilität schafft Vertrautheit. ➢ Vertrautheit schafft Vertrauen. ➢ Vertrauen beeinflusst das innere Gefühl von Sicherheit. Abbildung 1: Wechselseitige Beeinflussung von äu- ßerer und innerer Struktur Literatur Beushausen, J. (2012). Ist es nützlich, Soziale Arbeit als anspruchsvoller als Psychotherapie zu bezeichnen? Reflexionen zur professionellen Identität der Sozialen Arbeit. Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung, 30(3), 212–128. 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Dr. phil, ist Universitätsprofessor für Inklusive Pädagogik und Inklusionsmanagement an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten. Davor war er Post-Doc-Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Seine rezenten Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind partizipative und inklusive Forschung, Gestaltung Inklusion ermöglichender Lernumgebungen, transformative Lern- und Bildungsprozesse, Veränderung und Transformation von Diensten und Organisationen von und für Menschen mit Behinderung, personenzentriertes Arbeiten und persönliche Zukunftsplanung sowie Menschenrechte und Behindertenpolitik. Kontakt: oliver.koenig@suttneruni.at Wirkfaktoren der Persönlichen Betreuung und Begleitung 239 Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen Oliver Koenig Neben der Herausarbeitung vonWirkungen undWirkfaktoren bestand ein Ziel des Forschungsprojekts auch darin, eine gegenstandsbezogene und praxisrelevante Theorie professioneller Beziehungsarbeit zu entwickeln. Es wurde bereits erläutert, dass und in welcher Weise eine konstruktivistisch informierte Grounded Theory (vgl. Charmaz, 2006) das Design und die Form unserer Datengewinnung grundgelegt hat. Wenn in diesem Beitrag von Theorie gesprochen wird, ist es wichtig, auf die Unterscheidung zwischen materialen und formalen Theorien hinzuweisen (vgl. Truschkat et al., 2011). Eine formale Theorie bezieht sich auf ein formales und übergeordnetes Thema. Deren Erkenntnisse vertreten den Anspruch, auf unterschiedliche Kontexte innerhalb des Themenfeldes übertragbar zu sein. Eine materiale Theorie, wie sie hier vorgelegt wird, bezieht sich auf und erklärt ein konkretes empirisches Feld oder Phänomen. Zwar kann eine materiale Theorie die Entwicklung einer formalen Theorie beeinflussen, ihrGeltungsanspruch ist jedoch auf den beforschtenGegenstand beschränkt, im vorliegenden Fall also auf das Feld der Persönlichen Betreuung undBegleitung im Alltag des Vereins LOK aus Perspektive der begleiteten Klient*innen und Betreuer*innen. Forschungsarbeiten zur extramuralen Begleitung Erwachsener mit psychischen Erkrankungen bezogen sich bisher entweder auf die Perspektive der Fachkräfte oder der Nutzer*innen und konzentrierten sich überwiegend auf eine beschreibende Darstellung der für diese Arbeit förderlichen oder sie erschwerenden Faktoren. Was in der internationalen Forschung bislang weitestgehend fehlt, sind Untersuchungen, welche die Betreuungsdynamik und die Entwicklung einer als unterstützend erlebten Beziehung sowohl aus der Perspektive der Nutzer*innen als auch aus Perspektive der Betreuer*innen in denBlick nehmen.Auch fehlenVersu- 241 che, die herausgearbeiteten Faktoren zu einer materialen Theorie zu verdichten. Dies hat praktische Folgen für Fragen der Professionalisierung des Arbeitsfelds, da theoretisierenden Fassungen von professioneller Beziehungsgestaltung auch eine orientierungsstiftende Funktion im Rahmen von Praxis zukommen kann (vgl. Abeld, 2017). »Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie!« Diese Feststellung von Kurt Lewin (1951) beruht auf der Einsicht, dass erfolgreiches praktisches Handeln, das nicht nur zufällig erfolgreich ist, stets vonAnnahmendarüber geleitet ist, welche Zusammenhänge zwischen den gewählten Aktionen und ihren Auswirkungen bestehen.Anliegen der folgendenAusführungen ist es daher, eineTheorie zur Verfügung zu stellen, die ein besseres Verständnis darüber erlaubt, wie aus Perspektive der Klient*innen und Betreuer*innen als hilfreich erlebte soziale UnterstützungsbeziehungenentstehenundwelcheFaktorendafürmitverantwortlich zu sein scheinen. Keine soziale Theorie kann soziales Handeln in seinen Intentionen und Konsequenzen restlos erklären. Ein besonderes Augenmerk liegt daher auf der Formulierung mitverantwortlich. In diesem hier vertretenen Anspruch des Verstehens sind natürlich auch die beiden vorausgegangenen Beiträge zu den Wirkungen und insbesondere jenes zu denWirkfaktoren zu berücksichtigen. Eine Theorie, in dem hier vertretenen konstruktivistischen Wissenschaftsverständnis1 (vgl. Moser, 2004), geht nicht davon aus, dass etwas objektiv existiert, immer schon da war und von Forscher*innen lediglich entdeckt werden muss. Der Entwurf einer Theorie ist immer ein interpretativer Akt der Deutung von Realität und in diesem Sinne ein aktiver Konstruktionsprozess. In ihrer Darstellungsform stellt eine Theorie eine Verdichtung auf einer höheren Ebene der Abstraktion dar. Fallspezifische Komplexitäten undDynamiken in den einzelnen Betreuungs- und Begleitungsprozessen werden nicht restlos abgebildet. Sie stellt keinen Ersatz für eine reflexive Fallarbeit und (Weiter-)Entwicklung professioneller Strukturen dar. Vielmehr kann sie eine reflexive Hintergrundfolie bieten, die in einem gemeinsamen und dialogischen Rahmen dabei unterstützen kann, individuelle Unterschiede und Zugangsweisen einzuordnen, in Zusammenhänge zu stellen und teilweise auch zu erklären. 1 Unter die Bezeichnung »Konstruktivismus« fallen verschiedene theoretische Ansätze. Zu ihren Gemeinsamkeiten zählen, dass nicht primär Fragen nach dem Was, sondern vielmehrnachdemWiegestelltwerden. ImMittelpunkt stehtdabeidie Frage,wieErkenntnis entsteht. Entscheidend ist dabei, dass Realität nicht als etwas Absolutes postuliert wird. Realität wird im Konstruktivismus vielmehr als Konstruktionsleistung verstanden. Insofern existiert nicht eine, sondern eine Vielzahl von Auffassungen vonWirklichkeit. Oliver Koenig 242 Um die schrittweise Entwicklung des theoretischenModells zu verstehen, ist es notwendig, einen kleinen Einblick in die Herausforderungen zu geben, die sich dem Forschungsteam im Verstehen des untersuchten Gegenstandsbereichs gezeigt haben. Auf die in den Interviews eingangs gestellte Frage, was den Arbeitsbereich der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag genau ausmache, antworteten insbesondere Betreuer*innen, dass dieser Arbeitsbereich aufgrund seines individuellen Zugangs und der ihn dadurch charakterisierenden Rollen- und Aufgabenpluralität nur schwer definiert werden kann. Dies wird exemplarisch an der folgenden Interviewaussage verdeutlicht: »Also ich habe Psychologie studiert, arbeite aber eher als Sozialarbeiter, sage ich. Aber es ist sehr unterschiedlich und manchmal bin ich Freund, manchmal bin ich Vater und ich helfe den Personen bei ihrer Alltagsbewältigung. Bei manchen bin ich aber auch eine Art Therapeut. Mit manchen rede ich, mit manchen spaziere ich. Dann sage ich meistens noch, dass es darum geht, dass die Menschen eine Beziehung aufbauen oder eine Beziehung halten.« Innerhalb der PersönlichenBetreuung undBegleitung imAlltag desVereins LOK steht die individuelle Ermöglichung einer Begegnung und Beziehung von MenschenmitpsychischenErkrankungenundeinem*einerBetreuer*inodermehreren professionellen Betreuer*innen im Zentrum. Angesichts dieses besonderen und offenen Settings stellte sich bereits früh im Forschungsprozess heraus, dass den Fragen der Transparenz und der Abgrenzung sowohl für Klient*innen als auch für Betreuer*innen eine besondere Bedeutung zukommt: »Also am Anfang war mir das immer ganz wichtig, davon zu sprechen, was für ein Setting wir haben. Dabei ist es immer wieder mit jedem Klienten wichtig, klar zu sein, was haben wir ihnen als Klientinnen für eine Rolle gegenüber. Weil unser extrem offenes Setting unterscheidet uns ganz stark von anderen sozialen Dienstleistungsberufen. Wir können alles sein, vom guten Freund bis zum Therapeuten bis zum Sozialarbeiter bis zumMöbelpacker. Ich meine das positiv. Wir haben eine sehr breite Palette, was wir sein können, aber wir müssen bei jeder Person sehr klar sein, was wir ihnen gegenüber sind, damit wir nicht komplett verschwimmen und auch die Personen nicht überfordern.« Das schrittweise und gemeinsame Finden einer Form, die sowohl für die Klient*innen als auch für die Betreuer*innen greifbar, beschreibbar und abgrenzbar ist, Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 243 gewinnt somit eine große Bedeutung im Prozess der Betreuung und Begleitung; dies nicht zuletzt deswegen, da, wie bereits aufgezeigt wurde, große Ähnlichkeiten zu der im Rahmen psychotherapeutischer Wirkungsforschung (vgl. Hill et al., 2013) identifiziertenWirkung und denWirkfaktoren bestehen. »Diese Arbeit, die wir hier machen, ist keine Psychotherapie. Wir haben psychotherapeutische Wirkfaktoren in unserer Beziehungsarbeit, aber es ist halt keine Psychotherapie.« Doch wie unterscheidet sich nun das Angebot der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag von jenem der Psychotherapie?Hierzu wird exemplarisch jeweils ein Zitat von einem Klienten sowie einer Betreuerin angeführt. Anhand der Zitate können die charakteristischen und abgrenzbaren Elemente der Persönlichen Betreuung undBegleitung besonders anschaulich abgeleitet werden. So beschrieb ein Klient seine Wahrnehmung des Unterschieds zwischen diesen beiden Unterstützungsformen wie folgt: »Jetzt gerade vor Kurzem hat mich ein Freund gefragt, weil er gemeint hat, das ist so wie Therapie. Da habe ich gesagt, nein, das ist es eben nicht. In der Persönlichen Betreuung ist alles praktisch ausgerichtet und man macht irgendwelche Sachen. Aber es hat so eine Wirkung wie eine Therapie, obwohl man jetzt nicht so auf die Probleme eingeht, in sich geht und schaut, was alles in einem drinnen ist und so weiter. Es geht ja eigentlich nur darum, praktische Sachen zu machen. Genau das würde ich sagen, das ist der Unterschied und es ist schon sehr hilfreich.« Eine Betreuerin formulierte es so: »Im Unterschied zu einer Psychotherapie sind wir wirklich mittendrinnen. Wir sind in der Wohnung, im Krankenhaus und so weiter. Wir sind da auch viel näher dran als eine Psychotherapie. Das hat den Vorteil, dass man sehr viel mitkriegt aus dem Leben und ein viel umfassenderes Bild bekommt, als wenn nur jeweils eine Stunde jemand zu mir kommt und mir etwas erzählt. Auch, weil man in der Persönlichen Betreuung gemeinsam handelt und nicht nur gemeinsam redet.« Wie sich anhand dieser beiden exemplarischen Zitate zeigt, liegt imAufbau einer vertrauensvollen Beziehung eine Gemeinsamkeit beider Unterstützungsformen. Als eigenständiges und abgrenzbares Angebot zeichnet sich die Persönliche Betreuung und Begleitung im Alltag durch die folgenden Punkte aus: Oliver Koenig 244 ➢ die durch das Setting vorgegebeneNähe zu den Klient*innen, deren Leben sowie deren unmittelbarer sozialer und räumlicher Lebenswelt ➢ ihre praktische Ausrichtung und Augenmerk auf gemeinsame Handlungen im Sinne der Bewältigung von individuellen und situativenAnforderungen sowie der praktischen Unterstützung in der Erfüllung von Bedürfnissen (z.B. durch gemeinsame lustvolle Unternehmungen und Aktivitäten) ➢ ihr Fokus, der nicht vordergründig auf die Überwindung oder Linderung von psychischen Symptomen oder Erkrankungsbildern, sondern auf den Alltag der Klient*innen gerichtet ist ➢ ihre Praxis, in der basierend auf den individuellen und momentanen Bedürfnissen der Klient*innen individuell und situationsbezogen Unterstützung angebotenwird (z.B. aktiveHandreichungenundHilfestellungen imHaushalt, Gespräche, gemeinsame Unternehmungen, Begleitung bei Arzt- bzw. Ärztinnenbesuchen und Behördenterminen) Herausarbeitung eines Kernprozesses Wie beschrieben, liegt im individuellen Zugang der Persönlichen Betreuung und Begleitung sowohl ihr konstitutives Element als auch ihr zentraler Wirkfaktor. Für die Forschung stellt sich angesichts der allerorts beschriebenen Individualität die methodische Schwierigkeit, herauszuarbeiten: ➢ worin und wodurch sich die zentralen Herausforderungen und Aufgaben dieses Arbeitsfelds ausdrücken ➢ was dazu beiträgt, eine helfende Beziehung im Erleben von allen Beteiligten zu einer hilfreichen Beziehung zu machen ➢ was diesen Prozess erschweren oder möglicherweise auch scheitern lassen kann Ein seitens des Forschungsteams als bedeutsam identifiziertes Zitat, um Elemente eines solchen Kernprozesses herauszuarbeiten, stammt von einer Betreuerin. Demnach braucht es in und für die Persönliche Betreuung und Begleitung »auch eine gewisse Offenheit gegenüber dem Leben und dem Menschen an sich. Diese Offenheit darf auch nicht verloren gehen, aber es soll halt auch nicht zu schwammig werden. Ich glaube, die wichtigste Aufgabe ist, diese Balance zu halten. Bei LOK habe ich das Gefühl, dass wir immer auf der Suche sind: ›Wie tun wir hier? Nicht zu viel dies, nicht zu viel das‹. Das macht dann auch diese Schwam- Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 245 migkeit aus und das finde ich gut. Man muss das auch aushalten können, weil jeder Mensch anders ist. Man braucht da also eine gewisse Offenheit und eine gewisse Schwammigkeit. Auf der anderen Seite finde ich es auch gut, wenn es dann wirklich konkret wird, das auch ernst zu nehmen, um gute Rahmenstrukturen zu schaffen, in denen man sich wohlfühlen kann und weiß, woran man ist. Dieser sichere Rahmen, in dem es ruhig ein bisschen schwammig sein kann, macht es für mich aus.« TrotzodergeradeaufgrundderdarinscheinbarenthaltenenWidersprüchescheint dieses Zitat in mehrfacher Hinsicht klärend zu sein. Zunächst wird hier eine im weitesten Sinn humanistische Grundhaltung einer Offen- und Zugewandtheit gegenüber dem Phänomen des Lebens in seinen vielfältigen Formen und Ausprägungen wiedergegeben. Orientierungsstiftend wirkt diese Grundhaltung vor allem durch ihre Einbettung sowohl in eine übergeordnete Betreuungsphilosophie als auch in eine entsprechende Organisationskultur. In weiterer Folge wird das konstitutive und nur im Einzelfall (»Jeder Mensch ist anders«) zu verstehende Moment der Persönlichen Betreuung und Begleitung als individueller und beständiger Prozess des Suchens und Austarierens beschrieben. Dies gilt es »auszuhalten«. Darin bündeln sich gleichzeitig sowohl eine der zentralen Herausforderungen als auch die im vorigen Beitrag beschriebenenWirkfaktoren. Das Zitat schließtmit der Beschreibung von strukturellen Voraussetzungen, in der die vermeintliche Dichotomie von einem Entweder-oder zu einem Sowohl-als-auch verschmilzt. Aus diesem Zitat lassen sich mehrere miteinander in Verbindung stehende Schritte ableiten, die in zahlreichen weiteren Interviews beobachtet werden konnten. In diesen Schritten spiegeln sich auch die bereits beschriebenen Wirkfaktoren wider. Demnach ➢ trifft eine in den Verein eingebettete und von Betreuer*innen geteilte Philosophie auf ➢ eine Praxis des Aushandelns, Ausprobierens und Anpassens, die wiederum ➢ in eine antwortgebende und lernende Struktur eingebettet ist, ➢ die sowohl Stabilität, Kontinuität und Verlässlichkeit als auchOffenheit, Authentizität und Entwicklung ermöglicht und voraussetzt. Wie und worin lassen sich diese Schritte theoretisch einbetten? Eine adäquate theoretische Rahmung müsste in der Lage sein, diese in ihrer Vielgestaltigkeit, Wechselwirkung und Gleichzeitigkeit zu verstehenden Schritte in einem Kernprozess zu vereinen. In dem Versuch, dieses in der Verdichtung der Daten sich abzeichnende Phänomen sowie darin enthalteneMuster für die Herausarbeitung eines Kernprozesses besser zu verstehen, stießen wir nach einigen Suchbewegun- Oliver Koenig 246 gen in Referenztheorien psychosozialer Arbeit (vgl. Turner, 2016) auf das gestalttherapietheoretische Konzept der »guten Form« (vgl. Zinker, 1994), das sich als besonders geeignet herausstellte, die eben formulierten Ansprüche zu erfüllen. Dabei ist die methodische Vorgehensweise keineswegs als rein theorieprüfende Deduktion zu verstehen. Im Laufe der Bearbeitung des Interviewmaterials, das durchdie iterativenGrundprinzipienderGroundedTheory–demständigenVergleich sowie dem theoretischen Sampling – angeleitet wurde, wurden im Stadium des theoretischen Codierens Elemente des Theoriemodells hinzugefügt und im weiteren Prozess derDatenauswertung für den untersuchtenGegenstandsbereich konkretisiert und ergänzt. Nach Charmaz (2006, S. 63ff.) stellt eine solcherart sensibilisierende Heranziehung und Integration von theoretischen Konzepten keinenWiderspruch zur Grounded Theory dar, wenn solche ergänzenden Theoriemodelle den Prozess des Verstehens von Zusammenhängen im Datenmaterial unterstützen und einen Beitrag zur Verdichtung einer materialen Theorie leisten. Es ist an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass sich der Verein LOK und das Konzept der Persönlichen Betreuung und Begleitung im Alltag nicht an einem ausgewiesenen theoretischen Modell oder an bestimmten Grundannahmen therapeutischer Schulen orientieren. Von den befragten Betreuer*innen haben 40 Prozent eine Psychotherapieausbildung abgeschlossen oder waren gerade dabei, dies zu tun. Dabei war das gesamte Spektrum psychotherapeutischer Schulen erfasst. Die Entscheidung, ein bestimmtes, die Theorieentwicklung sensibilisierendes Konzept zu wählen, das einer bestimmten »Schule« zugeordnet wird, ist eine Entscheidung des Forschungsteams, die ausschließlich durch inhaltliche Gesichtspunkte beeinflusst wurde. Dabei geht es weder darum, die Praxis der Persönlichen Betreuung und Begleitung noch das theoretischeModell als gestalttherapeutisch zu bezeichnen. Das Konzept der guten Form wurde von Zinker (1994) ursprünglich zur Beschreibung von Dynamiken in paar- und familientherapeutischen Settings entwickelt. Nebenweiter unten beschriebenen gestalttherapietheoretischen Prinzipien ging es Zinker insbesondere um eine Betonung des ko-kreativen Aktes des Sehens und Da-Seins als Schlüssel für eine phänomenologische Orientierung und (therapeutische) Begegnung im Hier und Jetzt, in der alle beteiligten Seiten Erfahrungen machen und wechselseitig Bedeutungen konstruieren. Knapp zwei Dekaden später nutzte Meissner (2014) dieses Konzept und dachte es organisationstheoretisch weiter, um darauf aufbauend ganz explizit Veränderungen und Entwicklungen im System der Behindertenhilfe zu beschreiben. Für Zinker basiert das Konzept der guten Form »auf dem geschmeidigen Fluss von Gestalten« (Zinker, 1994, S. 27, Übers. O.K.). Darunter versteht er, Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 247 dass zwischenmenschliche Begegnungen und Austauschprozesse entlang eines idealtypischen Musters ablaufen. In diesem ereignen sich verschiedene Zyklen der Annäherung, Begegnung, des Vollzugs einer Handlung und des Sich-wieder- Entfernens in einem Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. Im Mittelpunkt steht dabei ein Gewahrwerden sowie eine zufriedenstellende Befriedigung von Bedürfnissen. Dieser Ablauf wird in der Gestalttherapietheorie als Kontaktzyklus bezeichnet und an späterer Stelle in diesem Beitrag ausführlicher beschrieben. Meissner (2014) denkt das Konzept von guter Form über die Beziehungsebene hinaus und fokussiert zudem auf die Strukturen und Prozesse, welche Kontakt und Beziehung überhaupt erst ermöglichen. Diese Strukturen und Prozesse sind, seien sie auf der Ebene der Person, des Paares, der Gruppe oder der Organisation angesiedelt, ihm zufolge in ihrem Wesen immer kreative Ko-Konstruktionen und veränderbar.Die Veränderbarkeit sowie die Notwendigkeit für Veränderungen ergeben sich zum einen aus der Veränderung von individuellen Bedürfnissen über die Zeit. Zum anderen verändern sich auch soziale, gesellschaftliche, politische und organisationale Erwartungen, Bedingungen und Trends. Dies schafft neue Voraussetzungen und wirkt direkt auf die Bedürfnisebene zurück.2 Für eine Organisation ist das beständige Suchen nach guter Form bzw. nach strukturellen Bedingungen, die gute Form auf der Beziehungs- und Begleitungsebene ermöglichen, somit eine unabdingbare Voraussetzung für eine klient*innen- und bedürfnisorientierte Ausrichtung ihrer Angebote. Es ist genau in dieser Verschränkung der gleichzeitigen Beachtung der sich gegenseitig beeinflussenden Ebenen sowie des Fokus auf intra- und interpersonal wechselseitige Akte des (un-)mittelbaren Erlebens, Wahrnehmens und -gebens, in welcher das Konzept der guten Form zur Beantwortung der forschungsleitenden Fragestellungen seinen sensibilisierendenMehrwert erfährt. Theoretische Grundbegriffe und Grundannahmen einer Gestalt-orientierten Betrachtungsweise Bevor der Versuch unternommen wird, das Konzept der Suche nach guter Form als Kernprozess auf den untersuchten Gegenstandsbereich zu beziehen, wird an 2 Insofern ist auch eineumgekehrte Beeinflussung sowohl auf der Ebene vonGesellschaften als auch von Organisationen denkbar, als durch das Gewahrwerden und kollektive Artikulieren sowie Einfordern von Bedürfnissen erst die Notwendigkeit für Veränderungen und Anpassungen geschaffen wird. Oliver Koenig 248 dieser Stelle zur Ermöglichung eines besseren Verständnisses kurz auf einige bedeutsame theoretische Konzepte und Annahmen aus der Gestalttheorie sowie der Gestalttherapietheorie eingegangen. Die Begriffe Gestalttheorie, Gestaltpsychologie, Gestalttherapie sowie Gestalttherapietheorie werden häufig unreflektiert gleichgesetzt (vgl. Hartmann- Kottek, 2012).DerGestalttheorie sowie der in ihr aufgehendenGestaltpsychologie verdanken die Human-, Sozial- und Kulturwissenschaften bedeutsame theoretische Konzepte wie Ganzheit, Gestalt, Struktur, Feld sowie Figuration (vgl. Fitzek, 2010, S. 94). Diese begreifen allesamt seelisches und soziales Geschehen als Ausdruck der Eigenlogik dynamischer Gestaltungsgeschehen und beschäftigen sich mit Fragen der Entstehung und Aufrechterhaltung von Ordnung in der menschlichen Selbst- und Welt-Wahrnehmung ebenso wie imDenken, Fühlen und Verhalten. Als bedeutsame Wegbereiter gelten dabei unter anderem Max Wertheimer und Kurt Lewin. Als eine Gestalt wird eine wahrgenommene Ganzheit verstanden, die nicht ohne einen Verlust an Bedeutung in weitere Einzelteile (wiederum Gestalten) zerlegt werden kann. In der menschlichen Wahrnehmung und Erlebnisverarbeitung formieren und lösen sich Gestalten beständig auf. Dieser fließende Prozess trägt, so die Gestaltpsychologie, wesentlich zum menschlichen Streben nach Selbst-Regulation bei. Um aus der Fülle der auf einen Menschen einströmenden (Sinnes-)Eindrücke Wahrnehmung herausfiltern zu können, braucht es einenHintergrund, von dem sich etwas abhebt. Das, womit sich eine Person beschäftigt, wird zur Figur, was dabei hilft, Aufmerksamkeit zu fokussieren und imMomentWichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Beziehung zwischen einer Figur und ihremHintergrund ist das, was wirBedeutung nennen (vgl. Perls, 2005, S. 142). Ist die sinnesmäßige, mentale bzw. leibliche Beschäftigung mit der Figur zufriedenstellend abgeschlossen, löst sich die Figur wieder auf und geht in den Hintergrund ein. Mit Hintergrund ist nicht nur der allgemeine sinnesmäßige Wahrnehmungshintergrund gemeint, sondern auch das Eingehen in den individuellen Hintergrund einer Person und die damit verbundene Formation einer Erinnerungsspur. Diese hilft dabei, in wiederkehrenden Situationen etwas wiederzuerkennen: DasWiedererkannte wird zu einer abgeschlossenen Gestalt. Die Gestaltpsychologie beschreibt grundlegende Wahrnehmungsvorgänge, die allesamt einen Beitrag dazu leisten, dass zwischenmenschliche Kommunikation über etwas und seine Bedeutungen überhaupt möglich werden. Dabei ist die Herstellung von geteilter Wahrnehmung im Sinne einer Übereinstimmung der Bedeutung, die Menschen zuschreiben, natürlich leichter im Austausch über Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 249 konkrete Dinge oder Objekte. Weitaus komplexer verhält es sich bei abstrakten Konzepten oder der gemeinsamen Ausrichtung von Praktiken vor dem Hintergrund ähnlicher Bedeutungszuschreibungen. Wenn über die Bedeutung von Beziehungen nachgedacht wird bzw. sowohl die Beziehung als auch ihre bewusste und sorgfältige Gestaltung den Kern der professionellen Tätigkeit ausmachen, handeln Menschen wesensgemäß auf der Grundlage der jeweiligen Hintergründe, die sie in Bezug darauf in ihren vielfältigen biografischen Beziehungserfahrungen ausgebildet haben. In professionellen Kontexten erfolgen auch Lernen und Austausch über derartige handlungsleitende Konzepte und es wird eine professionelle Identität gestiftet. Etienne Wenger (1998) und seinem Konzept der »Community of Practice« zufolge geschieht dies entlang zweier komplementärer Prozesse, und zwar jenem der Partizipation und jenem der Reifikation. Während der Partizipationsaspekt etwas über unsere Formen der (Nicht-)Eingebundenheit in eine professionelle Gemeinschaft aussagt, drückt der Reifikationsaspekt die Art und Weise aus, wie gemeinschaftlich Bedeutung temporär festgeschrieben wird. In ihrer jeweils situativen Wechselwirkung wird durch Partizipation und Reifikation die Praxis der professionellen Gemeinschaft konstruiert, aufrechterhalten und verändert. In der Sprache der Gestalttheorie gesprochen: Ob und wie etwas zur Figur gemacht und dadurch einer gemeinschaftlichen Bearbeitung und Aushandlung zugänglich wird, entscheidet die professionelle Gemeinschaft. Es ist das Verdienst von Fritz Perls gemeinsammit seiner Frau Lore Perls und Paul Goodman, in der von ihnen begründeten Gestalttherapie gestaltpsychologischeOrganisationsprinzipien für einVerstehen der psychischen Erlebnisverarbeitung nutzbar gemacht zu haben (vgl.Maragkos, 2016).Analog zurGestaltbildung in der Wahrnehmung geht die Gestalttherapie davon aus, dass beim einzelnen Menschen das jeweils im Moment wichtigste Bedürfnis in den Vordergrund des Bewusstseins rückt. In gestalttheoretischer Sprache tauchtmit dem entstehenden Bedürfnis eine offene Gestalt aus dem (Hinter-)Grund auf und wird im Vordergrund zur Figur.Dies bleibt sie solange, bis das Bedürfnis zufriedenstellend erfüllt und die Gestalt geschlossen werden kann. Als abgeschlossene Gestalt kann diese dann wiederum in den Hintergrund eingehen und einer neuen Gestalt Platz machen. Senreich (2014) listet vier zentrale Grundannahmen der Gestalttherapie auf, die er als besonders resonant mit einem ökologischen und ressourcenorientierten Verständnis von Sozialer Arbeit versteht. Wie sich diese in der Arbeit der Persönlichen Betreuung und Begleitung widerspiegeln, wird durch jeweils ein exemplarisches Betreuer*innen- sowie ein Klient*innenzitat illustriert. Oliver Koenig 250 1. Bedürfnisfelder vor demHintergrund von Figur-Hintergrund-Relationen Beeinflusst von Lewins Feldtheorie (1951) wird davon ausgegangen, dass eine Person zu jedem gegebenen Moment, basierend auf den ihr gewahr werdenden Bedürfnissen, aktiv (wenn auch häufig unbewusst) eine konkrete Figur vor ihrem jeweiligen Hintergrund konstruiert. Der Hintergrund stiftet sich aus der Totalität von Erfahrungen der Person bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Sowohl Hintergründe als auch jede konkrete Situation gelten daher als individuell konstruiert. Zwei Menschen werden weder identische Hintergründe haben noch eine Situation in der exakt gleichen Art und Weise erfassen. Figuren sind damit auch immer untrennbar mit den jeweiligen sozialen, kulturellen und Umwelt- Bedingungen einer ganz bestimmten Situation verbunden. Dazu eine Betreuerin: »Aber das ist immer sehr individuell. Es hängt davon ab, wo der Klient gerade steht. Also ich meine, wenn zum Beispiel jemand gerade sehr depressiv ist, dann ist es nicht gleich möglich, gemeinsam etwas Spaßvolles zu organisieren. Was auch noch wichtig ist, ist den Rahmen zu klären. Ich persönlich handhabe das so, dass ich versuche, ihnen den Ball zurückzuspielen, dass also eigentlich der Klient selbst drüber nachdenkt, was er braucht oder wofür er die Betreuung nutzen will. Meine Aufgabe ist dann, auf die Bedürfnisse zu schauen, und das ist dann halt sehr unterschiedlich.« Ein Klient berichtet: »Dadurch, dass man sich die Betreuung immer so nach den eigenen Bedürfnissen ausmacht, wird einem immer klarer, was will ich denn und wo mache ich die Grenzen fest. Das finde ich eigentlich ziemlich gut, dass man jedes Mal gefragt wird. Ich habe jetzt auch schon viele Jahre Erfahrung, dass ich das dann auch schon ein bisschen besser weiß. Aber ich kann hier echt so reflektieren: ›Was brauche ich und was wollen wir ungefähr machen in der Betreuung‹. Mal wünscht sich auch die Betreuerin was oder ich wünsche mir was.« 2. Unterscheidung von Ich-Du- und Ich-Es-Beziehungen In Anlehnung an den Existenzphilosophen Martin Buber (2019 [1954]) wird zwischen Ich-Es- und Ich-Du-Relationen unterschieden. Ich-Es-Relationen entstehen überall dort, wo einseitige Formen der Be-Handlung auf der Basis normativer Erwartungen, Standards oder Überzeugungen stattfinden und an einen Menschen herangetragen werden. Die Ich-Du-Relation hat im Unterschied da- Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 251 zu die Qualität einer Begegnung und dient nicht einseitig selbstbezüglichen Zwecken bzw. Zielen. Ich-Du beschreibt die Erfahrung des Wahrnehmens und Wertschätzens in Beziehung mit dieser einen Person. Dabei werden Asymmetrien, wie sie funktional in der Rollenzuweisung Klient*in-Betreuer*in eingebettet sind, nicht negiert. Sie beschreiben lediglich eine Haltung, in der die Fachkraft nicht mehr Antworten auf die Frage besitzt, wie sich Klient*innen in Bezug auf die Herausforderungen ihres Lebens verhalten sollten. Ein Betreuer schilderte dazu: »Ich finde, man kommt eher auf Augenhöhe mit den Klienten, wenn man nicht in so einer Rollenhierarchie drinnen ist, wo man einen höheren Platz innehat. Was es mir leicht macht, ist, dass ich sagen kann, uns unterscheidet im Prinzip nichts außer der Aufgabe. Also ich bin halt der Betreuer, aber ich bin jetzt nicht jemand, der irgendwelche großen Wahrheiten hat, was die Krankheit oder sonst irgendwas betrifft. Wir können Zeit miteinander verbringen und der Klient bestimmt, was passieren soll. Ich sag dann, ob das fürmich auch passt oder nicht, und dann können wir das gemeinsam machen. Ohne eine ›Ich muss jetzt auf Sie aufpassen‹-Rolle, und das macht es für mich schon sehr angenehm. Ich habe dadurch auch das Gefühl, dass ich dann auch mehr im Kontakt mit meinen Klienten bin. Ich sehe das zum Beispiel, wenn ich mit Klienten zu Ärzten gehe oder in diverse Einrichtungen und dort danebensitze. Da sehe ich dann, wie sie sich verhalten und es ist schon anders.« Eine Klientin führte aus: »Das ist hier auf jeden Fall ein sehr gegenseitiges Verhältnis. Nicht so ein Gefühl, der eine steht darüber und der andere darunter. Sondern es ist auf gleicher Augenhöhe, das ist sehr entscheidend. In der Zusammenarbeit mit meiner Therapeutin und auch sogar mit meinem Arzt, da gibt es dieses Dreieck mit den festen Rollen. Hier ist es auf gleicher Augenhöhe und das ist für mich sehr wichtig. Auch durch die Erfahrung mit dem Trauma, da hat mir das sehr geholfen. Daher ist der Punkt auch sehr wichtig für mich, dass es hier ein sehr persönliches Verhältnis ist und mir der Betreuer auch was von sich erzählt, wenn ich ihn etwas frage.« 3. Kreative Anpassungen Unter kreativen Anpassungen wird ein breites Konzept verstanden, das sowohl Bewältigungs- und Abwehrmechanismen als auch die gesamte Spannweite von psychischen Symptombildungen umfasst. »Kreative Anpassungen« ist dabei Oliver Koenig 252 mehr ein systemisches denn ein individualistisches Konzept. Dieses geht davon aus, dass eine Person vor ihrem ganz persönlichenHintergrund eine kreative und entwicklungslogische Form des Umgangs mit ihren herausfordernden Lebenssituationen gefunden hat. Eine Betreuerin formulierte dies so: »Ich glaube, das ist für mich auch ein ganz wichtiges Instrument, einfach auch Demut zu haben vor dem Leben, Demut vor Menschen, Demut vor dem, was unsere Klienten erlebt haben. Auch wirklich zu staunen darüber, wie sie ihr Leben leben. Wir sagen, es ist eine Störung, aber eigentlich ist es eine Überlebensstrategie, die sie sich angeeignet haben. Eigentlich ist das eine Hochleistung ihres Menschseins, dass das so möglich ist. Das meine ich auch ganz ehrlich. Also das ist meine Herangehensweise, die es mir manchmal einfach macht, mit Klienten zu arbeiten. Auch wirklich einen Schritt zurückzutreten und zu sehen, dass es oft ich bin, die hier total viel lernt.« Ein Klient berichtete: »Dass man angenommen wird, so wie man ist. Das ist für mich dasWichtigste und über das freue ich mich. Das bin ich hier so gewöhnt, fast wie von einer Familie.« 4. Phänomenologische3Orientierung auf das Hier und Jetzt Darunter wird sowohl eine Haltung als auch ein ganz konkreter Zugang verstanden. Zum einen geht es darum, die Klient*innen in ihren kreativen Anpassungsleistungen zu verstehen und diese wertfrei anzuerkennen. In weiterer Folge geht 3 Unter dem Begriff der Phänomenologie wird nach Abeld (2017, S. 110f.) eine erkenntnistheoretische Perspektive verstanden, die durch den Philosophen Edmund Husserl (1859–1938) begründet wurde. Ihr Grundgedanke lautet: »Zu den Sachen selbst«, was so viel bedeutet, wie eine Gegebenheit so »ins Licht zu bringen«, dass sie sich ohne Vor- Urteile und Vor-Begriffe selbst zeigen kann. Gegenstand der Phänomenologie ist alles, worauf intentional Bewusstsein gerichtet werden kann. Das methodische Ziel besteht aus dem Erkennen und Beschreiben eines Phänomens, »wie es sich von sich her zeigt«. Dies verlangt ein mehrstufiges Vorgehen. Zunächst wird versucht, sich des gesamten Vorwissens zu diesem Phänomen bewusst zu werden, um dies somit einklammern zu können und sich zu seiner natürlichen Einstellung in Distanz zu bringen. In weiterer Folgewird gezielt und systematisch beobachtet, wie sich das zu beobachtendeGeschehen, aber auch die eigene Intentionalität, durch diese bewusste Art des Ausgerichtet- Seins verändert. Im weiteren Schritt folgt die sogenannte »eidetische« Reduktion (von griech. eidos: Idee, Gestalt) oder auch Wesensschau, mit dem Ziel, das Wesentliche des gegebenen Phänomens zum Vorschein zu bringen. Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 253 es darum, immer wieder bewusst zurückzutreten und sich den primären Erfahrungen, wie sie sich im gegenseitigen Kontakt (sowohl verbal als auch nonverbal) im Hier und Jetzt zeigen, zuzuwenden und in einen gemeinsamen Dialog einzutreten. Ein Betreuer erläuterte seinen Zugang wie folgt: »Im Endeffekt können wir in diesem Prozess nur unterstützen, in der Hand hat das der Klient selbst. Er muss sich selbst engagieren, wenn er will, dass sich seine Situation verbessert, und zum anderen weiß er auch nur selbst, was er überhaupt für ein glückliches Leben braucht. […] Was der Klient dann mit seiner Zeit gern tun würde, weiß er selbst am besten, auch wenn er schon lange nicht mehr darüber nachgedacht hat. Das kann dann auch ein bisschen verschüttet sein. Man konzentriert sich dann am besten nur auf die Gegenwart und fragt den Klienten, was er jetzt gerne machen würde. Dann kommt manchmal nicht viel zurück, das passiert schon auch. Aber dann versucht man es, das immer wieder zu wecken.« Eine Klientin erzählte: »Ich wohne alleine und zweimal in der Woche kommt die Betreuung zu mir und wir machen die verschiedensten Sachen. Also alles, was ich dann konkret brauche. Das ist manchmal Hilfe im Haushalt. Wir gehen auch viel ins Kaffeehaus, weil ich gerne ins Kaffeehaus gehe. Oder sie begleiten mich zum Arzt, wenn ich zum Arzt muss.« Essenziell ist das Kernkonzept desKontaktzyklus.Kontakt umfasst immer gleichzeitig sowohl das Innen (Organismus) als auch das Außen (Umwelt) sowie die Grenze dazwischen (vgl. Perls, 2005, S. 100). Kontakt ist in allen Phasen des Zyklus in unterschiedlicher Intensität enthalten. Der Kontaktzyklus wird zumeist entlang einer Sinus-Kurve oder Welle entlang der folgenden Phasen beschrieben und verbildlicht (vgl. Zinker, 2005): ➢ Empfindung und Gewahrwerden von Bedürfnissen (Vor-Kontakt) ➢ Mobilisierung von Energie und Handlung (Kontakt) ➢ Rückzug und Integration der Erfahrungen in den Hintergrund (Nach- Kontakt) Unter günstigen Entwicklungsbedingungen lernt der Mensch im Kontakt mit einer Antwort gebenden Außenwelt seine Bedürfnisse wahrzunehmen, diese zu artikulieren, die notwendige Energie zur Erfüllung des Bedürfnisses zu mobilisieren, entsprechende Handlungen oder Aktivitäten zu setzen sowie sich Oliver Koenig 254 schließlich wieder zurückzuziehen und die gemachten Erfahrungen zu integrieren. Der Kontaktzyklus kann an allen Stellen des Prozesses von inneren wie äußeren Faktoren unterbrochen werden. Dies kann sich im Falle wiederholter Unterbrechungen zu einer »Pathologie« entwickeln (vgl. Zinker, 1994, S. 27). Damit Kontakt produktiv und kreativ sein kann, benötigt es nach Perls »genügende und angemessene Stütze« (Perl, 2005, S. 103,Hervorh.O.K.).Als Stützung gilt alles, »was die kontinuierliche Assimilation und Integration für eine Person, eine Beziehung oder eine Gesellschaft erleichtert: die primäre Physiologie (wie Atmen und Verdauen), die aufrechte Haltung und die Koordination der Bewegungen, die Sensibilität und Beweglichkeit, die Sprache, die Gewohnheiten und Sitten, soziale Verhaltensweisen und Beziehungen und alles andere, was wir in unserem Leben gelernt und erfahren haben« (ebd.). Demzufolge kann für eine Person ein Sprachcomputer zur Unterstützten Kommunikation oder ein Beatmungsgerät genauso wie eine Beziehung anbietende Begleitunghilfreichund (unter-)stützend sein, umUnterbrechungen imKontaktzyklus temporär oder dauerhaft zu schließen. Jedes Fehlen wesentlicher Stützung wird als Angst erfahren. Gute Form als Annäherung an einemateriale Theorie gelingender bzw. hilfreicher Beziehungen in der Persönlichen Betreuung und Begleitung Es wurde aufgezeigt, dass theoretische Kernkonzepte und Annahmen der Gestalt(therapie)-Theorie eine Möglichkeit darstellen, die Sichtweisen, Wahrnehmungen, Handlungslogiken und Relevanzsetzungen von Klient*innen und Betreuer*innen in ein prozesshaftesModell zu integrieren. Ein solchesModell sollte in der Lage sein, verstehbar zu machen, wie und wodurch eine professionelle Beziehung im wechselseitigen Erleben zu einer gelingenden bzw. hilfreichen Beziehung wird. Gemäß der eingangs gegebenen Definition von guter Form zeichnen sich Unterstützungsbeziehungen, die situativ als wirkungsvoll und hilfreich wahrgenommen werden, dadurch aus, dass sie einen »geschmeidigen Fluss von Gestalten« ermöglichen. Dies bedeutet idealtypisch mit Blick auf eine Betreuungseinheit: Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 255 1. Bedürfnisse der Klient*innen werden als Figur in die Betreuungseinheit eingebracht. Diese Figuren wandeln sich auch, basierend auf den Erfahrungen, die Klient*innen undBetreuer*innen einzeln und gemeinsam imLaufe des Betreuungsverlaufs machen. 2. Durch Präsenz und Aufmerksamkeit der Betreuungsperson kann an unterschiedlichen Phasen des Kontaktzyklus die jeweils individuell und situativ notwendige Unterstützung gegeben bzw. angeboten werden, zum Beispiel: ➢ in der Unterstützung des Gewahrwerdens von Bedürfnissen durch das gezielte Eröffnen der Möglichkeit, sich darüber Gedanken zu machen, was man braucht, was ansteht, was noch offengeblieben ist oder worauf man Lust hat ➢ in der eigentlichen Kontaktphase im Vollziehen bzw. Ausführen einer Handlung oder gemeinsamen Aktivität ➢ zu guter Letzt im häufig ritualisierten Prozess des Sich-wieder-Trennens und -Verabschiedens 3. Klient*in und Betreuer*in können die gemachten Erfahrungen als abgeschlossene Gestalten in ihren jeweiligen individuellen sowie in einen geteilten und bedeutungsstiftenden gemeinsamen Hintergrund integrieren. Die gemeinsame Suche nach guter Formbleibt ein lebendiges Interaktionsgeschehenunddarf nicht als eine vonaußenbestimmbare, geschweigedenn isolierte oder lineare Handlungsabfolge gedacht werden. Auch bereits als belastbar und tragfähig erlebte Betreuungsbeziehungen können aufgrund der Vielgestaltigkeit und Parallelität von individuellen Lebenssituationen und Hintergründen temporär oder dauerhaft unterbrochen werden. Genauso kann eine niemals überblickbare Vielzahl an inneren wie äußeren Faktoren zu jedem Zeitpunkt als mögliches »Störgeräusch« auftreten. So wird an dieser Stelle die durch das Datenmaterial gestützte These vertreten, dass ( fast) alle wahrgenommenen Probleme bzw. Herausforderungen in der Persönlichen Betreuung und Begleitung durch Störungen bzw. Unterbrechungen in der gemeinsamen Suche nach einer guten Form erklärt werden können. Wie lässt sich aber das Konzept des gemeinsamen Suchens nach guter Form als möglicher Kernprozess der Persönlichen Betreuung und Begleitung differenzierter verstehen und beschreiben? Auch wenn für die subjektive Einschätzung einer hilfreichen (Unter-)Stützungsbeziehung die Begriffe »gut« und »Form« funktional zusammengehören und in multiplen Wechselwirkungen ineinandergreifen, werden sie an dieser Stelle getrennt voneinander betrachtet. Oliver Koenig 256 »Gut« wird hier als Adjektiv gebraucht und signalisiert die Beschaffenheit eines konkreten Objekts, einer abstrakten Sache, eines Vorganges oder eines Zustandes. Es beschreibt eine durchwegs positiv konnotierte (inter-)subjektive Bewertung. »Gut« steht in diesem Sinne auch synonym für andere Adjektive, die zur Beschreibung und Bewertung der Betreuungsbeziehung sowohl von Klient*innen als auch von Betreuer*innen in einer mehrheitlich positiven Konnotation verwendet werden. Als solche, teilweise mehrfach genutzte Adjektive konnten imDatenmaterial identifiziert werden: persönlich, individuell, stimmig, nützlich, ehrlich, hilfreich, konkret, leicht, passend, wichtig, richtig, hilfreich, praktisch, direkt, angenehm, stabil, spannend, cool, super, lustig und schön. Während die Konnotation »gut« etwas über die erlebte Qualität aussagt, stellt die »Form« gleichsam das Gefäß dar, in dem etwas ist, wird, bleibt oder sich verändert. »Form« im Sinne von guter Form ist stets selbst in Wandlung zu verstehen. Jede Bewertung von etwas als gute Form kann folglich immer zwischen einer situativen und einer ganzheitlicheren Bewertung pendeln. Während Ersteres, also das Wahrnehmen und Bewerten einer Situation, im Moment auch präreflexiv geschieht, setzt zumindest die Kommunikation von Zweiterem in der Regel einen – wie zum Beispiel in der Interviewsituation – von außen angestoßenen reflexiven Prozess voraus. So wird es auch nicht als Widerspruch verstanden, wenn ein*e Klient*in beispielsweise eine einzelne Handlung oder eine Aussage einer Betreuungsperson als schlecht, unpassend, nicht hilfreich, übergriffig etc. empfindet, die Betreuungsbeziehung mit Blick auf das, was sie in ihrer Ganzheit (geworden) ist, mit einem oder mehreren der oben angeführten Synonyme für gut umschreibt und bewertet. Um die Form sowohl situativ als auch in einer Gesamtschau als gut zu beurteilen, wird von Zinker (2003) vor allem ihre ästhetische Beschaffenheit herangezogen. Für ihn stellt sich jede Beziehung, Begegnung und Interaktion von zwei oder mehr Menschen immer als ein ko-kreativer Akt dar, in dem sich ästhetische Konfigurationen (vgl. ebd., S. 141) herausbilden. Dabei beziehen sich ästhetische Konfigurationen auf zwischenmenschliche Unterschiede in der Beurteilung von etwas als gut und schön, umfassen aber auch die Gesamtheit sinnlicherWahrnehmungsvorgänge. Soziale Beziehungen und ihre Einbettung in sowohl zwischenmenschliche, (nicht-)sprachliche Interaktionen als auch zeitliche und räumliche Gegebenheiten entwickeln immer eine eigene Form der Ästhetik.Wie im Beitrag zu Wirkfaktoren herausgearbeitet wurde, verbirgt sich hinter der Haltung einer absichtsvollen Absichtslosigkeit auch eine Sensibilität für die unterschiedlichen ästhetischen Dimensionen, die sich in sozialen Begleitungsprozessen ereignen. Eine besondere Rolle spielen dabei Rituale oder Ritualisierungen, die mit Bosch als Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 257 »performative soziale Ereignisse und Handlungen mit ästhetischem Charakter verstanden werden können, in denen gesellschaftliche Rollen und Beziehungen in einem kollektiven Prozess festgelegt, gestaltet und verändert werden« (Bosch, 2016, S. 287). Im Betreuungsgeschehen bilden sich gemeinsame Rituale und Ritualisierungen heraus. Diese entstehen häufig in der Form von Gewohnheiten oder sich herausbildenden Strukturen, zum Beispiel in Bezug auf bestimmte Orte, Aktivitäten, Gespräche und deren Formen der Begrüßung oder Verabschiedung. Im Laufe einer Fokusgruppe mit Betreuer*innen entwickelte sich darüber ein anregender Dialog. »Schön, über den Begriff des Rituals nachzudenken, wie ich es bisher so nicht gemacht habe. Wenn ich es jetzt so tue, dann muss ich sagen, dass sich in fast jeder Betreuungsbeziehung so Rituale entwickelt haben. Ich würde das für mich als Ko- Kreation verstehen. Also ich denke, es geht nicht darum, in die Rituale der Klientin oder des Klienten einzutreten, sondern sie gemeinsam in der Beziehung zu entwickeln. Ich denke mir, was Rituale ja so an sich haben, ist, dass sie einerseits Kontinuität schaffen und so etwas wie eine gemeinsame Geschichte, an die man dann anknüpfen kann. Diese gemeinsamen Rituale sind ganz unterschiedlich. Also mit einem Klienten sind es regelmäßige Spaziergänge. Mit einem anderen Klienten, mit dem ich seit Jahren arbeite, mit dem ist es, dass wir uns ganz oft in einem bestimmten Kaffeehaus treffen. Mit einem anderen Klienten ist es ein bestimmtes Spiel, das wir oft gemeinsam spielen. Wieder mit einem anderen Klienten ist es, so einen anfänglich fast schon Don Quijote wirkenden Kampf gegen die Sozialbürokratie aufzunehmen, um für seine soziale Absicherung zu kämpfen und im Gegensatz zum literarischenVorbild auch noch dabei sind, diesen zu gewinnen.Das finde ich eigentlich was sehr Schönes, unsere Arbeit so unter diesem Ritualaspekt zu denken.« Für Sipurin (2009, S. 34) drückt sich eine optimale und helfende Beziehung durch ästhetische Harmonie aus. Es ist gerade der Ich-Du-Dialog mit dem daraus entstammenden Gefühl von gegenseitiger Bezogenheit, der den ästhetischen Erfahrungen des Schönen unddesGuten besonders zuträglich ist. Jedwede (situative) Bewertung von etwas als gut oder stimmig kann letztlich immer als Referenz auf deren ästhetische Konfiguration verstanden werden. Neben der ästhetischen Dimension konnten weitere Charakteristika einer »guten Form« herausgearbeitet werden. Diese sind: (1) Passung, (2) Inhalt, Oliver Koenig 258 (3) Prozess und (4) Struktur (siehe Abbildung 1). In ihnen bündeln bzw. spiegeln sich die im vorigen Beitrag beschriebenenWirkfaktoren. Abbildung 1: Elemente einer »guten Form« Jedes dieser Elemente leistet einen Beitrag zur Ko-Konstruktion und geteilten Wahrnehmung einer Betreuungsbeziehung als eine gelingende bzw. hilfreiche Beziehung. In ihrer Gesamtheit stellen sie quasi das Gerüst der hier skizzierten Theorie der »guten Form« dar. Im Einzelfall der individuellen Betreuungsbeziehung bilden die Elemente jeweils sich zeitlich und räumlich ausdehnende ästhetische Konfigurationen. Darin bzw. ermöglicht dadurch kann sich in den individuellen Betreuungsbeziehungen ein »geschmeidiger Fluss vonGestalten« ereignen. Diese Elemente existieren nicht allein, sondern sindwechselseitig aufeinander bezogen. Trotzdem werden sie folgend getrennt voneinander beschrieben und betrachtet, um ihre Bestandteile besser sichtbar zu machen. Jedes einzelne Element kannmit Blick auf jede einzelne Betreuungsbeziehung zur Figur gemacht und einem gemeinsamen Bedeutungsabgleich zugeführt werden. Ebenso können die Relationen und die Stimmigkeit der einzelnen Elemente zueinander bestimmtwerden. In Beziehung zumKernauftrag können dadurch im Einzelfall Anknüpfungspunkte für kleinere Korrekturen oder Anpassungen vorgenommenwerden, die oft einen großenUnterschied für die Klient*innenmachen, besonders dann, wenn es um den professionellen Umgang mit Unstimmigkeiten geht undmit demKonzept der guten Form eine handlungsleitende reflexive Folie zurVerfügung steht.Denn es sind,wie in zahlreichen InterviewsmitKlient*innen Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 259 zum Ausdruck gekommen ist, oft die »Kleinigkeiten«, die einen Unterschied ausmachen (siehe auch Topor in diesem Band). »Sie hat mich zum Beispiel neue Erfahrungen machen lassen, in dem Sinn, dass ich mich mit ihr mal bei einem Ausflug auf den Rasen hingesetzt habe. Das würde ich nie machen, habe ich auch noch nie gemacht in meinem Leben. Sie hat dann gesagt: Okay, wenn ich jetzt die Jacke auflege, würde ich mich dann auf den Rasen setzen? Es war nur diese Kleinigkeit, es war nichts Weltbewegendes, aber ich finde diese kleinen Gesten machen etwas aus.« »Es sind die sozialen Beziehungen, die jetzt eine neue Form annehmen, weil ich das wünsche. Wo ich mich jetzt in eine Passivität reintraue, und dass andere für mich da sein können, wo es um mich gehen darf. Das war immer ein Mangel in meinem Leben, aber dann kommen so Meldungen, eben wie die Teamleiterin, die mir da sagt: ›Ja, aber Sie müssen sich nicht unterhalten‹. Ja, so Kleinigkeiten, wo ich dann wieder sag, allein, dass sie es ausspricht, gibt mir wieder das Gefühl, ich habe da jetzt auch nicht irgendwas abzudecken. Spannend, einfach spannend.« »Ich bin schon mit kleinen Dingen zufrieden. Mir hilft es schon, wenn mit mir einer zum Arzt geht und nicht draußen wartet, sondern mit hineingeht und mit den Ärzten redet, weil ich ja nicht so gut höre und verstehe. Das ist dann halt meine Hilfe. Also es sind diese Kleinigkeiten, die machen mich fröhlich.« Passung Zunächst soll die insbesondere von Klient*innen als besonders bedeutsam identifiziertePassung zwischenKlient*in undBetreuer*in beschriebenwerden. Ähnlich wie im kontextuellen Modell der Psychotherapie kommt auch in der Persönlichen Betreuung und Begleitung dem »ersten Eindruck« große Bedeutung zu, wobei sich eine Passung im Sinne eines »Aneinander-Gewöhnens« oder eines »Zusammen-Wachsens« auch zeitverzögert einstellen kann. »Ich habe zu Beginnmit meinem Betreuer gar nichts anfangen können. Er war mir viel zu ruhig. Er hat keine Fragen gestellt. Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich muss das Gespräch am Laufen halten. In der Zwischenzeit haben sich zwei Sachen entwickelt: Ich bin wesentlich ruhiger geworden, ich habe über meinen Therapeuten gelernt, diese Angst vor der Stille zu verlieren und mein Betreuer hat sich auch Oliver Koenig 260 sehr weiterentwickelt. Er stellt in der Zwischenzeit Fragen. Also, ich glaub, er hat sich persönlich auch sehr weiterentwickelt in diesem Job, aus welchen Gründen auch immer.« Als Abgrenzungsmerkmal zur Psychotherapie stellte ein Betreuer fest, dass die Klient*innen»weniger Wahlmöglichkeiten (haben), von wem sie betreut werden«. Im Rahmen der Betreuungsbeziehung kann sowohl das Gewahrwerden, »dass es nicht passt«, als auch das Mobilisieren der notwendigen Energie, eine Unstimmigkeit zu artikulieren und einen Betreuer*innenwechsel einzufordern, selbst als Wirkung der Persönlichen Betreuung und Begleitung verstanden werden. »Das habe ich aber zur Sprache gebracht, weil es mir sehr wichtig war, da auch Einfühlungsvermögen von meinem Teamleiter zu bekommen.Weil ich habe da für mich erkannt, wie wichtig mir stabile Beziehungen sind, aber eben nicht symbiotisch. Ja, genau, das war stressig. Nach und nach wird es aber möglich, dass ich auch sagen kann, eine Beziehung, die mir nicht hält, was sie verspricht, kann ich auch beenden. Für mich ist das mutig und gerade hier ist der erste Schritt dieses Erkennen, es ist eine Arbeitsbeziehung und ich darf auch wechseln.« EinewichtigeFunktion fürdasRegulierenderPassungkommtderLeitungsperson sowie dem Setting der Teambesprechungen zu, in denen zwischen Teamleiter*in, Betreuer*in(nen) undKlient*in deren (unterschiedliche)Wahrnehmungen sowie Erwartungen adressiert werden und die Passung selbst zur Figur gemacht werden kann. Die Metapher der »passenden Chemie« ist hier oft hilfreich. »Chemie, es ist halt einfach Chemie. Das ist so wie in der Arbeit: Mit dem einen kann man und mit dem anderen kann man halt weniger.« »Ichweiß noch, ich habemich damals echt wie imVerhör gefühlt, also das war echt nicht schön. Ich will jetzt nicht schlecht über wen reden, weil das lag wohl einfach daran, dass die Chemie zwischen uns beiden überhaupt nicht gepasst hat.« Im Rahmen der Interviews nannten die Klient*innen eine Reihe an bedeutsamen Faktoren, die zu einem subjektiven Gefühl der Passung beitrugen. Diese waren: ➢ das Geschlecht der Betreuer*innen: »Ich finde es gut, einen Mann und eine Frau als Betreuer zu haben, weil das doch total anders ist. Mit einem Mann redet man anders wie mit einer Frau und umge- Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 261 kehrt. Dadurch lerne ich jetzt auch auf Männer einzugehen und auch auf Frauen einzugehen.« ➢ Alter und Lebenserfahrung der Betreuer*innen: »Die Karenzvertretung hätte ich gerne länger gehabt, weil die in meinem Alter ist. Die X ist noch so jung. Obwohl sie sehr lieb ist, aber ich habe lieber jemanden ungefähr Gleichaltrigen, weil man manche ähnliche Erfahrung schon gemacht hat im Leben.« ➢ gemeinsam geteilte Interessen: »Ja, wir schauen oft Fernsehen, wir haben gemeinsame Interessen bei Musik.« ➢ geteilte (politische) Einstellungen undWerte: »Es gibt auch Gespräche über Politik und so, weil mich das interessiert. Da sind wir dann auch ziemlich einer Meinung.« ➢ Charakter- und Persönlichkeitseigenschaften der Betreuer*innen: »Für manche ist es besser, wenn jemand ruhiger und abgeklärter ist, der vielleicht eher introvertiert und eher ruhig ist. Das ist für manche sicher total super, für mich passt das aber null. Ich habe gerne jemanden Direkten, wo man schnell über alles direkt sprechen kann. Das überfordert vielleicht andere, aber für mich passt es besser.« Eine große Bedeutung messen einige Klient*innen auch der Passung der jeweiligen Tempi bzw. der Fähigkeit der Betreuer*innen bei, sich auf das individuelle Tempo der Klient*innen einzuschwingen oder zumindest zeitweise einzulassen. »Hier bei LOK ist es üblich, verschiedene Betreuer zu haben. Und da habe ich seit kurzem einenHerrn dazubekommen. Nur der kannmit meinemTempo nicht mithalten, weil ich bin wie ein Düsenjet von der Geschwindigkeit. Also er ist für mein Tempo zu langsam. Ich brauche halt jemanden, der ins Tun kommt.« »Am besten finde ich es, dass sie auf mich eingegangen ist. Ich bin es gewöhnt, dass ich immer überpünktlich bin. Einmal ist sie pünktlich gekommen und ich war Oliver Koenig 262 schon total fertig, dass sie nicht überpünktlich gekommen ist. Und dann die nächsten Male, ist sie auch früher gekommen. Das habe ich super gefunden, dass sie sich mir angepasst hat.« Wie stark Passung und Wirkung zusammenhängen, wurde von einem Klienten mit einer eindeutigen Formulierung dargelegt: »Wenn man mit einem Betreuer nicht kann, dann bringt die Betreuung auch nichts.« Auch aus Sicht der Betreuer*innen kommt gerade aufgrund des individuellen Zugangs der Frage nach der richtigen Passung eine entscheidende Bedeutung zu: »Das Schwierige generell bei LOK ist, dass alles individuell ist, sowohl die Klienten als auch die Betreuer. Deswegen ist es schon auch wichtig, wie die Passung funktioniert. Das istmeist die Entscheidung von der Leitung, welcher Betreuer zuwelchem Klienten kommt. Das ist dann schon sehr ausschlaggebend, es ist quasi das Fundament für die Arbeit einfach.« »Es geht hier sehr viel darum, überhaupt eine tragfähige Beziehung zu etablieren. Da kommt es schon auf die Passung zwischen Klient und Betreuer an. Ich glaube, dass es schon einen starken Unterschied macht, mit welchen Klienten man als Betreuer arbeitet. Wir sagen auch immer wieder, dass es ganz wichtig ist, neben allem Schwierigen, was sich auch immer wieder mit Klienten auftut, dass es etwas gibt, was man an dem Klienten doch mag. Dass man gut miteinander kann. Dann lassen sich diese Eigenheiten, die unsere Klienten einfach so ausleben, besser aushalten. Ich denke einfach, es gibt auch bei mir Klienten, bei denen ich gewisse Dinge einfach leichter nehme als jemand anderer. Ich glaube, das ist schon eine ganz wichtige Ebene.« Die Bedeutung dieser Passung wurde besonders in Situationen hervorgehoben, in denen es zwischen Klient*in und Betreuer*in zu nicht mehr überbrückbaren Differenzen kommt. Ein mehrfach beschriebener Grundsatz in der Persönlichen Betreuung und Begleitung scheint dabei jedenfalls auch zu sein, nicht gleich aufzugeben, sondern»es noch eine Weile zu versuchen«. Stimmige Passung wird nicht ausschließlich auf Fragen der zwischenmenschlichen Passung zwischen Klient*in und Betreuer*in beschränkt gedacht. Fragen der Passung – im Sinne von »Passt dieses Angebot, passen die Inhalte, passen die Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 263 Strukturen?« – stellen sich auch übergeordnet. Das Kriterium der Passung ist in vielfacher Weise als das Fundament der Arbeit in der Persönlichen Betreuung und Begleitung zu verstehen. »Was sicher das Wirksame ist in der Beziehungsgestaltung, ist, glaube ich, dieses gemeinsame Entwickeln mit demKlienten. Dass es hier sozusagen eben kein Angebot ist, was vorgegeben ist. Sondern wir entwickeln es immer gemeinsam mit der Klientin oder mit dem Klienten. Da ist es auch immer wieder wichtig, viel Raum zu lassen, auch für Korrektur und Weiterentwicklung. Dass wir auch gemeinsam wo hingelangen können, sodass es möglichst gut passt für sie oder für ihn. In dieser guten Passung liegt dann auch ein Stück weit dieWirksamkeit.Weil die Aktivitäten reichen von kulturellen Aktivitäten bis zu diesem ganzen rechtlichen sozialarbeiterischen Bereich über Stadt-Land-Fluss spielen und langen Spaziergängen machen. Also wenn es um die Frage nach der Wirksamkeit geht, dann geht es immer auch um die Passung.« Inhalt Die Persönliche Betreuung und Begleitung im Verein LOK zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass sich Inhalte an den konkreten Bedürfnissen und Vorlieben der Klient*innen orientieren, die mit Ausnahme des zeitlichen, finanziellen, räumlichen und rechtlichen Rahmens sowie individueller Grenzen, die Betreuer*innen festlegen, keinen Beschränkungen unterworfen sind. Dennoch können aus den Erzählungen der Klient*innen und der Betreuer*innen »typische« Aktivitäten herausgearbeitet werden, die außerhalb oder innerhalb der Wohnung der Klient*innen stattfinden können. Mit Variationen und Überschneidungen wurden besonders häufig genannt: ➢ außerhalb der Wohnung: Spazierengehen; Kaffeehäuser, Lokale oder kulturelle Einrichtungen besuchen; gemeinsames Einkaufen sowie eine Vielzahl an (sportlichen) Freizeitaktivitäten und gelegentlichen Ausflügen ➢ innerhalb der Wohnung: das Führen von Gesprächen; Hilfestellungen bei diversen Reparatur- oder Instandsetzungsarbeiten im Haushalt; gemeinsames Aufräumen; Ordnen von Dingen; Kochen sowie diverse Spiele Wesentlich ist, dass sich Inhalte undAktivitätenmit der Zeit,mit demErwachsen eines wechselseitigen Vertrauensverhältnisses, mit sich verändernden Bedürfnissen, aber auch jahreszeitlich verändern können. Dazwischen steht, vor allem in Oliver Koenig 264 Krisen, oft primär das »Da-Sein« im Mittelpunkt. Ein häufig genanntes Kriterium ist der Grundsatz, Dinge nicht für Klient*innen, sondern nur mit ihnen gemeinsam zu tun. »Wenn mein Betreuer kommt, dann läutet er an und ich mache die Tür auf. Dann fragen wir uns gegenseitig, wie es uns geht, und dann reden wir, was so anfällt bei mir an Arbeit. Und dann gehen wir es halt an.« Als inhaltlich charakteristischste Phase wird von Betreuer*innen der Betreuungsbeginn bezeichnet. Viele Klient*innen beginnen die Betreuungmit einer Vielzahl von unabgeschlossenen Gestalten (»unfinished business«) (vgl. Congress, 2016). Diese sind in ihren Auswirkungen häufig existenziell bedrohlich und können einen hohen Leidensdruck erzeugen. Im Unterschied zu einer Psychotherapie wird in der Persönlichen Betreuung und Begleitung vor allem in der Anfangsphase»angepackt«.Aber auch Formulierungen wie»Baustellen beseitigen«, den »Scherbenhaufen zusammenkehren« oder »Ordnung ins Chaos bringen« stellen weitere typische Metaphern dar, die Klient*innen und Betreuer*innen zur Beschreibung dieser häufig Stabilität ermöglichenden praktischen Ausrichtung in der Anfangsphase verwenden. Anbei ein Zitat einer Betreuerin: »Dann gibt es die andere Gruppe von Menschen, die halt immer wieder in Krisen rutschen, weil das ganze Leben so unstrukturiert ist und so vieles im Argen liegt. Das können Schulden sein, weswegen man dann die Miete nicht bezahlen kann, oder viele andere solche Dinge, die dann der psychischen Gesundheit nicht guttun. Das sind alles Stressfaktoren, oder das können Gründe sein, warumMenschen vielleicht in eine depressive Episode rutschen. Diese Klienten kann man anfangs aber viel besser betreuen, weil diese Themen normalerweise am Anfang anstehen. Dann läuft das nach einiger Zeit und das wirkt sicherlich stabilisierend.« Während in akuten oder krisenhaften Situationen die Beziehung zwischen Klient*inundBetreuer*inoftnur als zweitrangigwahrgenommenwird, ist es in vielen Fällen rückblickend genau das Erleben von »jemand ist da gewesen« bzw. »jemand hat sich echt für mich eingesetzt«, das einen wichtigen Beitrag zum Aufbau einer auf Vertrauen basierenden Beziehung leistet. Insofern stellen, wie nachfolgend eine Betreuerin berichtete, gerade auch Ordnung stiftende Aktivitäten und das Abarbeiten unabgeschlossener Gestalten eine Form von Beziehungsarbeit dar, wodurch in weiterer Folge wieder Raum für lustvoll und als leicht wahrgenommene Aktivitäten entsteht. Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 265 »Darum würde ich das ganz bewusst auch als Beziehungsarbeit sehen. Es wird sozusagen eine Masche darüber getan. Der Klient sagt mir quasi, um mein Leben besser in den Griff zu bekommen, geht es ganz viel um Ordnung und schlichten oder was auch immer. Da ist aber schon diese Erfahrung: Mir hilft jemand und es begleitet mich jemand darin. Da kann man schon ganz viel mit und an der Beziehung arbeiten. Also indem man den Klienten vermittelt, wir sind für sie da und sie kriegen ihr Leben jetzt ein bisschen geordneter. Ich find auch, dass dieses äußere Schlichten auch viel mit dem inneren Schlichten zu tun hat.« »Jetzt geht es mehr darum, was ich mit meinen Fotos mach. Wir haben auch schon Ausstellungen gemeinsam vorbereitet, jetzt, wo die wichtigsten Sachen erledigt sind. Ich bin die Sachwalterschaft losgeworden und jetzt gibt es andere Sachen. Also jetzt geht es mehr darum, wie es mir geht und was ich gerne machen will. Solche Sachen werden jetzt mehr besprochen, würde ich sagen.« Manchmal führt ein aufgebautes Vertrauensverhältnis dazu, dass »schwierige« bzw. »sehr persönliche Themen« als Figuren verstärkt in den Vordergrund gebracht werden. In einigen Fällen werden sie von Klient*innen selbst eingebracht, in anderenFällenwerden sie vonBetreuer*innen zumindest ansprechbar gemacht. »Eine Klientin, die wenig von sich preisgibt und auf einmal sagt sie dann so Sachen wie: ›Fällt Ihnen mein neues Medikament auf ?‹ Also das ist so, wenn ich sie ansprechen würde: ›Wie geht es Ihnen mit Ihrer Medikation?‹, würde sie irgendwie total schimpfen, was mich das angeht, und ich soll sie doch bitte damit in Ruhe lassen. Und auf einmal sagt sie so etwas und bringt das Thema auf den Tisch und ich reagiere dann halt vorsichtig und dann, ehe du dich versiehst, gibt es ein Gespräch über dieMedikation. Gerade so merke ich, dass sich etwas bewegt hat, wenn Klienten dann doch so heiße Themen dann selber auf den Tisch bringen.« »Also ich merke, dass sich etwas zu verändern beginnt, wenn unangenehme Themen zumindest mehr besprechbar werden. So wie bei dem einen Klienten, bevor wir dann wirklich zum Arzt gegangen sind, hat er es schon ausgehalten, darüber zu reden. Auch hat er sich konkret vorstellen können, was dann dort passieren, wie er sich dort verhaltenwird oder wie er sich dort fühlenwird.Und das war besprechbar. Dann war auch tatsächlich ein Arzttermin besprechbar. Und wir waren dann auch dort. Aber das hat sich sicher über zweieinhalb Jahre gezogen. Da kommt auch wieder ein bisschen diese professionelle Haltung ins Spiel. Wenn das ein gutes Erlebnis war, dann ist das eine gute Basis für Dinge, die darauf folgen.« Oliver Koenig 266 Obwohl derartige Verläufe mehrfach beschrieben wurden, sind sie genauso wenig wie alle anderen Beschreibungen als generalisierbare Bestandteile der Persönlichen Betreuung und Begleitung zu verstehen. Es wurden auch Verläufe beschrieben, in denen zu Beginn von Klient*innen eingebrachte oder von Betreuer*innen angebotene Inhalte und Aktivitäten stärker einemwechselseitigen Annähern, Austesten oder »Eis-Brechen« dienen, wie folgende Betreuerin berichtete: »Meine Haltung ist, weniger Informationen über den Klienten einzuholen. Natürlich holt man sich ein bisschen einen Eindruck. Aber auch eher so ein bisschen das Eis brechen. Aber das macht jeder anders. Ich finde schnell einmal Leute interessant, wie sie das erleben. Unsere Klienten sind ja in Summe interessante Menschen. Da ist es dann einfach, zu erzählen oder Fragen zu stellen, weil es mich auch wirklich interessiert. Ich gebe ihnen auch die Möglichkeit, dass sie über mich Fragen stellen, dass man sich einmal kennenlernt als Menschen und das Ganze recht absichtslos und recht formlos. Mit manchen Leuten passt es dann so, dass man dann sagt: ›Passt, gehen wir eine Stunde spazieren‹. Manchen merkt man an, dass sie nach zehn Minuten schon zu viel haben. Dann muss man sich manchmal langsam herantasten. Also da stellen wir uns darauf ein und dann werden schon mal Rahmenbedingungen und Details besprochen. Also wie gestaltet man die Betreuung, was erwartet sich der Klient, was steht an und was kann ich ihm bieten.« Ähnlich dem kontextuellenModell der Psychotherapie kommt denErwartungen an die Persönliche Betreuung und Begleitung sowie den affektiven Einstellungen dieser gegenüber große Bedeutung zu. Diese Erwartungen und Einstellungen variieren als individuelle Hintergründe zum Teil beträchtlich, entweder aufgrund von Vorerfahrungen oder aufgrund der primären Motivation, mit der Persönlichen Betreuung und Begleitung anzufangen oder anfangen zu müssen. Gerade auch in Anbetracht der Offenheit dieses Arbeitsfeldes haben viele Betreuer*innen die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, Bilder von und Erwartungen an die Unterstützung möglichst frühzeitig und möglichst transparent als Figur zum Thema zu machen. Geschieht dies nicht oder nicht in stimmiger Weise, können Gefühle von Belastung und Überforderung entstehen. »Ich war sehr unsicher zu Beginn und konnte kaum einWort rausbringen. Das war noch schlechter als jetzt. Ich habe immer versucht, interessant für den anderen, also für die Betreuer, zu sein. Also es war für mich schon anstrengend mir zu überlegen, was werden wir unternehmen gemeinsam, wie beschäftige ich den Betreuer? Das war irgendwie das innere Gefühl.« Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 267 Andere Klient*innen kommen mit sehr klaren Erwartungen an inhaltliche (Stütz-)Funktionen in die Persönliche Betreuung und Begleitung. »Das finde ich nämlich auch cool an LOK,man kann echt sagen, wasman braucht, und die machen das. Andere brauchen Amtswege und ich brauche halt das Essen und das Kochen. Und das klappt super, es geht wenig um das Zwischenmenschliche, es geht wirklich darum, wir treffen uns und wir kochen und wir essen. Mir bringt es extrem viel, ich habe halt eine Essstörung, ich würde alleine das nicht hinkriegen.« Abzuwarten und zu schauen, ob etwas von den Klient*innen kommt, und falls nicht, aktiv einige Ideen als Angebote einzubringen, kann aus der Analyse der Interviews als eine der wenigen klaren Handlungsempfehlungen abgegeben werden. Prozess Die prozesshafte Dimension ist das dritte in der Analyse herausgearbeitete Charakteristikum, das einen Beitrag zur wechselseitigen Wahrnehmung von »guter Form« leistet. Das Gabler Online-Lexikon (o. J.) definiert Prozess als »die Gesamtheit aufeinander einwirkender Vorgänge innerhalb eines Systems«. Durch Prozesse werden »Materialien, Energien oder auch Informationen zu neuen Formen transformiert« (ebd.). Der Duden (2020a) versteht unter Prozess einen »sich über eine gewisse Zeit erstreckenden Vorgang«, bei dem »etwas entsteht, sich herausbildet«. Ein Prozess fokussiert Veränderung, Transformation oder die Herausbildung von etwas zu etwas Neuem. Prozess benötigt Zeit und Prozess verändert Form. Mit Blick auf das Untersuchungsfeld kann ein prozesshaftes Verständnis als Charakteristikum von guter Form unter anderem mit Fokus auf eine zeitliche Betrachtungsweise in den Blick genommen werden. Als kleinste zeitliche Prozesseinheit wird zunächst der einzelne Kontaktzyklus gewählt, gefolgt von der Betreuungseinheit. Innerhalb einer Betreuungseinheit können sich mehrere, manchmal sogar parallel ablaufende, Kontaktzyklen ereignen. Diese können wiederum entweder zu abgeschlossenen, in die jeweiligen Hintergründe eintretenden Gestalten werden oder aber offen und unvollständig bleiben. Dies hat entsprechende Implikationen für eine wechselseitige Wahrnehmung und Bewertung der Form einer Einheit als »gut«. Dazu berichtete ein Klient: Oliver Koenig 268 »Wir haben dann aber darauf hingearbeitet, dass das einfach lockerer sein sollte, was mir sehr passt. Dieses In-sich-Reinspüren und Einfach-passieren-Lassen. So ungefähr, wie man es von den norwegischen Schulen her hört, dass man dort nicht wirklich viele Aufgaben den Schülern stellt, sondern dassman sie entwickeln lässt.« Die durch den Verein LOK vorgegebene Zeit für eine Betreuungseinheit dient als Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann etwas – sei es auch noch so subtil – entstehen, sichherausbildenoder ereignen.Gleichzeitig firmiert er als zeitliche Begrenzung, die Betreuer*innen vor die Entscheidung stellen kann, eine eingeführte Figur weiter zu begleiten bzw. vorläufig abzuschließen oder die Form zu halten, was häufig mit Sorgen verbunden ist, aber auch dem Selbstschutz dienen kann. Zusätzlich zur vorgegebenen Zeit für eine individuelle Betreuungseinheit dienen andere Strukturelemente, allen voran die Teambesprechungen, als Zäsuren ermöglichende Begrenzungen.Diese Strukturelemente stellen ihrerseits in sich geschlossene inhaltliche und prozessuale Gebilde dar, die ebenfalls eine eigene Ästhetisierung aufweisen. In diesen können sich wandelnde Hintergründe, vor allem in der Form von Erwartungen, jeweils einer erneuten Passung unterzogen werden bzw. es kann die Betreuungsbeziehung selbst auf ihre wechselseitige Passung hin betrachtet, bearbeitet und gegebenenfalls angepasst werden. »Es gibt ja immer die Teams, also einmal im Monat oder so. Und das ist ja genau auch ein Punkt, wo der Unterschied zu anderen Organisationen deutlich wird. Wenn irgendwas entstehen würde oder ein Problem auftritt, dann bin ich woanders nur mit dem Betreuer zusammen. Oder ich muss extra zum Chef gehen. Hier wird das gemeinsam besprochen, was ich auch sagen kann dazu, was wir gemeinsam gemacht haben und was ich machen will. Diese Rückwirkung, die finde ich sehr positiv, vor allem den Austausch.« Die Persönliche Betreuung und Begleitung verfolgt explizit das Ziel, Menschen in ihren sich wandelnden Lebensentwürfen zu begleiten und zu unterstützen. Die Recovery-Literatur bezieht sich häufig auf die Metapher der Reise (vgl. Topor et al., 2011), wenn es um die nicht linearen und nicht geradlinigen Prozesse psychisch erkrankter Menschen geht. Damit soll sowohl auf die Heterogenität und Variabilität von Start- und Zielpunkten als auch auf unterschiedliche Routen, die zum erwünschten Ziel führen können, hingewiesen werden. Eine Reise erlaubt Möglichkeiten des Weiterziehens, Verweilens oder Umkehrens. Ebenso können Verirrungen auftreten oder Umwege gegangen und zu neuen Ausgangspunkten werden. Die einmal jährlich durchgeführten Jahresteams verfolgen unter Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 269 anderem den Zweck des Bewusst-Machens, Gewahrwerdens oder In-den-Vordergrund-Tretens des eigenen, momentanen Aufenthaltsortes und dessen, was sich im Rückblick herausgebildet hat. »Bei diesen Jahresteams kommen die Betreuer, die Teamleitung und der Klient zusammen. Da geht es darum, dass man das Jahr reflektiert, also eine Rückschau macht: Wie ist das Jahr gelaufen, wie schaut es momentan aus. Man macht auch einenAusblick auf das nächste Jahr. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieKlienten durchaus Vorstellungen, Ziele und Wünsche haben, die dann auch eine Änderung zum jetzigen Zeitpunkt darstellen. Ich sehe dann über die Jahre bei Klienten Entwicklung, auf alle Fälle.« Auchwenn Betreuer*innen immer wieder explizit betonen, dass es bei diesen Jahresteams nicht darum geht, konkrete Ziele zu formulieren oder bereits gesetzte Ziele zu evaluieren, benötigt es letztlich genau jene Zäsuren, um in der Rückschau wahrnehmen zu können, was jetzt anders ist und was dazu beigetragen hat. Prozesshaftes Wahrnehmen an sich, im Gegensatz zu einer Wahrnehmung von einzelnen Ereignissen, wird dadurch gefördert. »Das ist einfach wahnsinnig schön, immer wieder zu beobachten, wie das so langsam entsteht, wenn man dann mal so innehält und so ein Jahresteam macht zum Beispiel und sieht, dass sich da einfach vonGrund auf was geändert hat in der Kommunikation, in der Vertrautheit, in dem Vertrauen auch, das Ausgesprochen wird, in der Bandbreite auch an Emotionen, die dann gezeigt werden können.« Auch die Interviewsituation durch unsere Forschungsarbeit ist letztlich eine Art zusätzlicher Zäsur, die sowohl eine rückblickende als auch eine situative Momentaufnahme und Bewertung der eigenen Lebenssituation möglich macht. Wirkfaktoren in dieser Weise herauszuarbeiten, ist entsprechend nur auf der Grundlage einer Form möglich, in der genau diese Bewertung als Figur in den Vordergrund rücken kann. Prozessphasen der Persönlichen Betreuung und Begleitung Neben derartigen Zäsuren ermöglichenden Anlässen kann auch versucht werden, prozesshafte Phasen im Verlauf der Persönlichen Betreuung und Begleitung zu beschreiben. Die Anfangsphase wurde bereits als charakteristische Phase ge- Oliver Koenig 270 nannt. Neben typischen inhaltlichen Aktivitäten können Bezeichnungen wie »eingewöhnen«, »annähern«, »abtasten«, »kennenlernen« sowie »erstes Ausprobieren« als Prozesselemente verstanden werden. Mit zunehmender Integration der Daten im analytischen Prozess des ständigen Vergleichs war es nicht möglich, weitere charakteristische Phasen zu identifizieren, die fallübergreifend durch eine Reihe an Kriterien zumindest ansatzweise abgrenzbar sind. Was sich jedoch durchwegs in den Daten zeigt, ist eine zeitlich prozesshafte Betrachtungsweise, die eine Vorher-Nachher Unterscheidung in dem wechselseitig wahrgenommenen Ausmaß an Vertrauen und Stabilität in der Beziehung zwischen Betreuer*in und Klient*in trifft. Von einer Betreuerin wurde dieses »Nachher« als »Phase der wirksamen Beziehung« sprachlich markiert und in Abgrenzung zu einem »Vorher« wie folgt beschrieben: »Wenn ein genügendes Maß an Vertrauen, an Verbindlichkeit sowie an dadurch gewonnener Sicherheit beimKlienten entstanden ist. Aber wahrscheinlich auch bei mir, also es ist immer ein wechselseitiger Prozess.« Es konnten auch Kriterien identifiziert werden, die eine Phase der wirksamen Beziehung auszeichnen. Sie überschneiden sich teilweise mit den beschriebenen Wirkungen und symbolisieren aus einer Prozessperspektive das »Etwas«, das sich herauszubilden beginnt. Einzelne oder mehrere dieser Kriterien zeigen sich bei einzelnen Personen mehr oder weniger ausgeprägt, bei manchen jedoch auch gar nicht. Betreuer*innen nennen am häufigsten das Einbringen von als schwierig empfundenen persönlichen Themen, sei es von den Klient*innen selbst, sei es durch die Betreuer*innen initiiert, als Kriterium, anhand dessen sie wahrnehmen, dass dieses Ausmaß an Vertrauen gewachsen ist. Als»niedrigschwelligstes Kriterium«, umdiese Phase oder»Basislinie« zu erkennen und auch abgrenzen zu können, nannte ein Betreuer denMoment, wenn es den Klient*innen gelingt »trotz Vorfällen oder Schwierigkeiten überhaupt in der Beziehung zu bleiben. Also da muss jetzt gar nicht alles besprechbar sein, sondern es reicht, wenn er es schafft, trotzdem in der Beziehung zu mir zu bleiben. Dann merke ich, ist diese Basis in der Beziehung erreicht.« In ähnlichen Formulierungen lässt sich eine solche Vorher-nachher-Unterscheidung in einem Großteil der Betreuer*innen-, aber auch in einigen der Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 271 Klient*innen-Interviews identifizieren. Damit ist jedoch weder gesagt, dass alle Betreuungsbeziehungen diese Ebene erreichen, noch, dass diese Qualität, sofern einmal erreicht, in allen Fällen dauerhaft stabil und aufrechterhalten bleibt. Vielmehr bleibt auch die Phase der wirksamen Beziehung, wie ein Betreuer sagt, »häufig eine fragile Geschichte«. Große Einigkeit besteht aus der Perspektive der Betreuer*innen darin, dass eine sich auf Zeit – und teilweise auch erst nach mehreren Jahren – einstellende, auf Vertrauen beruhende Beziehung den entscheidenden Wirkfaktor ihrer Tätigkeit darstellt. Ansonsten, so eine Betreuerin, »hat man halt da keine Chance, irgendwie was zu bewirken«. Krisensituationen können dazu führen, dass Betreuungsbeziehungen erschüttert und zeitweise unter- bzw. auch abgebrochen werden. »Solche Momente gibt es immer wieder eigentlich. Auch bei Klienten, mit denen man schon eine relativ lange oder vielleicht auch eine enge Beziehung hat, kann sich das auch immer wieder so anfühlen, als wäre momentan einmal auch nichts möglich. Also konkret fällt mir ein Beispiel von einer Klientin ein, die ich auch schon lange betreue. Sie ist dann aber durch eine Medikamentenumstellung in eine Krise geglitten, wo ich dann auch oft das Gefühl gehabt hatte, dass das dann eigentlich mehr eine Belastung für sie ist, wenn ich da bin. Auf jeden Fall hat sie sich überhaupt nicht mehr auf mich eingelassen. Das ging auch über eine längere Zeit und diese Phase hat schon ein paar Monate gedauert.« »Es kann aber auch zum Beziehungsabbruch führen. Also ich habe es in einer Betreuung so erlebt. Da war die Krise. Die war auch genau passend zum Krankheitsbild. Das war so ein Verhaltensmuster, in welches der Klient immer wieder hineingefallen ist. Das hat sich so jedes Jahr einmal wiederholt. Er hat es dann nicht mehr geschafft, sich dem ursprünglichen Betreuer gegenüber zu öffnen.« Das letzte Kriterium, anhand dessen sich der Aufbau von Vertrauen in einigen Fällen zeigt, ist dasAbnehmen oder Verschwinden von Versuchen der Klient*innen, die Betreuungszeit auszudehnen – aus einer Prozessperspektive auch als allmähliche Synchronisierung des Kontaktzyklus mit der gegebenen Betreuungszeit beschreibbar. So schilderte beispielsweise ein Betreuer, dass »von beiden Seiten das Gespräch kommen kann und das muss auch nicht zwei Stunden dauern, sondern wenn wir uns nach eineinhalb Stunden wieder trennen, wenn es dann abflaut, ist es total okay, wenn wir uns wieder verabschieden.« Oliver Koenig 272 Prozessverläufe der Persönlichen Betreuung und Begleitung Doch wie verändern sich Betreuungsbeziehungen über die Zeit? Wann beginnt sich im Betreuungsprozess dieses für die Wirkung entscheidende Ausmaß an Vertrauen herauszubilden?Können dafür konkretwirksame Interventionen identifiziert werden? Wie im Beitrag zu den Wirkfaktoren beschrieben, können sich erfolgreiche Handlungsstrategien identifizieren lassen. Die Frage nach Interventionen muss im Sinne einer einfachen und kausalen Prognostik jedoch klar verneint werden. Trotzdem können in der Rekonstruktion zumindest drei unterschiedliche prozesshafte Verläufe herausgearbeitet werden. 1. In einer Vielzahl der Fälle stellt sich das Einstellen oder Herausbilden von wechselseitigem Vertrauen als »schleichender Prozess« eines sich »Aneinander-Gewöhnens« bzw. eines »Zusammenwachsens« dar. Manchmal sind es auch einseitige oder wechselseitige, durch unterschiedliche innere und äußere Kontextfaktoren beeinflusste Entwicklungsprozesse. So beschrieb eine Klientin: »Ich weiß nicht, ob es Schulungen waren oder einfach jetzt die Erfahrung, die er mitbringt. Auf jeden Fall haben wir uns beide weiterentwickelt und uns dadurch aneinander angenähert.« Eine Betreuerin berichtete: »Das hat sich verändert und zwar eher schleichend. Natürlich ist es manchmal auch so, dass man das Gefühl hat, wenn man jemanden das nächste Mal sieht, dass plötzlich was in Bewegung gekommen ist. Aber in dem Fall, über den ich gerade reflektiere, war der Verlauf langsam, schleichend. Ich habe es daran erkannt, dass sich dieser Klient manchmal auch betreuen hat lassen, wenn es ihm nicht so gut ging. Früher gab es dann immer Zeiten, wo er einfach abgesagt hat. Jetzt gibt es seit einiger Zeit auch immer wieder Betreuungen, wo er ruhiger und stiller und nicht so gut gelaunt ist. Das sagt er dann auch manchmal. Wir probieren halt jetzt andere Dinge aus, wie es für uns beide besser laufen kann,mit diesenAusfällen umzugehen. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, dass wir doch einen fixen Tag wählen und da hat er sich dann darauf eingelassen.« 2. In anderen Fällen sind es gemeinsam »durchgestandene Aktionen, die zusammenschweißen«.Das kann zumBeispiel dasAbsolvieren eines Projektes betreffen, für das ein entsprechendes Ausmaß an Energie mobilisiert werden muss, wie Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 273 beispielsweise eine Übersiedlung. In anderen Fällen sind es (sozialarbeiterische) Interventionen, die sich über längere Zeit erstrecken. Dabei nehmen Klient*innen wahr, »dass man sich für mich einsetzt«. Auch das »Beistehen«, »Da-Sein« bzw. »Stütze-Sein« während einer Krise wurden als Beiträge geschildert, die zu einer Intensivierung und Stabilisierung einer Beziehung sowie zu einem schlagartigen Aufbau von Vertrauen beigetragen haben. »Ich habe jetzt den Herrn A. und der ist sehr bemüht. Der hat am Anfang alles noch einmal durchüberlegt, ob ich noch Anspruch habe auf Geld und dann habe ich über ihn auch eine Pension bekommen. Also der hat sich sehr für mich eingesetzt und war sehr viel mit mir unterwegs.« »So Behördengeschichten zum Beispiel, wenn man die Leute begleitet zu irgendwelchen schwierigen Terminen. Das ist so wie: wir gegen den Rest der Welt, wir gegen die PVA oder wir gegen die Gebietskrankenkasse. Das schweißt auch zusammen.« »Also gemeinsame Projekte, das funktioniert auf jeden Fall. […] Also oft kommt es unseren Klienten so vor, als obmanche Arbeiten unüberwindbar wären.Wennman sich aber zwei Stunden lang da wirklich reinsteigert, dann sind viele Sachen durchaus machbar. Dieses gemeinsam zeigen, es ist möglich und danach auch gemeinsam vor dem Erfolg dastehen, das ist schon sehr verbindend.« 3. Als dritte Kategorie konnten emergente Verläufe herausgearbeitet werden. Im Unterschied zu den schleichenden Verläufen ereignen sich hier abrupte Veränderungen in der Qualität der Betreuungsbeziehung, die nicht durch im Vorfeld geplante oder abgesprochene Interventionen oder Unternehmungen beeinflussbar sind. Sie ereignen sich spontan. Ähnlich wie Topor et al. (2018) sowie Topor (in diesem Band) beobachtet haben, zeigt sich auch beim Verein LOK in den Aussagen von Klient*innen und Betreuer*innen, dass es oft kleine Dinge wie Handreichungen, Aussprüche oder Gesten sind, die genau zum »rechten Zeitpunkt« eine neueQualität derKlarheit, Vertrautheit oder Bezogenheit entstehen lassen können. Ein verbindendes Thema stellt dabei gemeinsam erlebte oder erfahrene Leichtigkeit dar, oft verbundenmit situativem Humor. So beschreibt eine Betreuerin, wie sie und ein Klient bei einem gemeinsamen Bootsausflug feststellten, dass sie beide vergessen hatten, vorher Sonnencreme aufzutragen. Ein anderer Betreuer schildert eine Situation, in der er sich mit einer Klientin verlaufen hat. In beiden Fällen ist es situativer Humor, der sich wechselseitig zwischen beiden Oliver Koenig 274 ereignet und einen auch lange nach dem Vorfall beziehungsstiftenden gemeinsamen Hintergrund ermöglicht. Resümierend lässt sich festhalten: Die prozesshafte Dimension trägt dann zum wechselseitigen Erleben einer guten Form bei, wenn sie in der Lage ist, sich kontinuierlich sowohl auf gleichbleibende als auch auf veränderte Bedürfnisse und Erwartungen einzustellen und sich, wenn notwendig, anzupassen. Diese Veränderungen von Bedürfnissen und Erwartungen sind oft selbst Resultat von Prozessen, die jedoch nicht immer als zielgerichtet oder beabsichtigt verstanden werden können. Absichtsvoll absichtslos zu handeln bedeutet für die Betreuer*innen auch, das eigene Tun nicht ständig selbst unter die Erwartungshaltung des Stiftens einer hilfreichen Beziehung zu stellen. Gelingt eine Anpassung nicht mehr, besteht beim Verein LOK die Möglichkeit eines Betreuer*innenwechsels. Wie im Beitrag zu den Wirkfaktoren beschrieben wurde, treten bei einigen Betreuungsfällen auch Stagnationen und Rückschritte ein bzw. es müssen dort »Entwicklungen mit der Lupe gesucht werden«. Es gilt sich darauf einzustellen oder sich anzupassen. Gelingt ein solches Einstellen oder Anpassen nicht bzw. nicht mehr, sind die Erwartungen wechselseitig zu hoch; werden diese einseitig in die Beziehung hineingetragen, so können sich sowohl Unklarheiten, Überforderungen oder aber auchMonotonisierungen (»Abschleifen der Beziehung«) ereignen. So erzählte eine Betreuerin: »Sie begleite ich schon sehr lange. Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, ob es nicht vielleicht auch ganz gut wäre, einen Betreuerwechsel zu machen, weil ich sie schon so lange betreue und so langjährige Betreuungsbeziehungen sich vielleicht auch manchmal ein wenig abschleifen können. Ein anderer Betreuer bringt vielleicht wieder wasNeues, Frisches ein. Das ist bei mir wahrscheinlich nichtmehr der Fall, das überlege ich mir schon.« Struktur Als letztes Charakteristikum wird auf die strukturelle Dimension von guter Form eingegangen. Der Duden (2020b) definiert Struktur als »Anordnung der Teile eines Ganzen zueinander« bzw. als »Gefüge, das aus Teilen besteht, die wechselseitig voneinander abhängen«. So wie Ästhetik, Passung, Inhalt, Prozess und Struktur als sich wechselseitig bedingende Aspekte von guter Form verstanden werden können, besteht auch die Persönliche Betreuung und Begleitung als Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 275 Untersuchungsgegenstand in ihrer Ganzheit aus unterschiedlichen wechselseitig voneinander abhängenden Strukturelementen. Diese Elemente weisen ihrerseits je einen eigenen Inhalt, einen eigenen Prozess und eine eigene Ästhetik auf und müssen zur Entfaltung ihres Wirkpotenzials in einer bestimmten Art undWeise jeweils zu Erwartungen und Bedürfnissen der Klient*innen passen bzw. an diese angepasst werden. Jedes Element erfüllt für sich genommen idealerweise bestimmte Funktionen für das Funktionieren und Zusammenwirken des Ganzen. Strukturen ermöglichen eine Bündelung von Energie, Aufmerksamkeit oder Aufgaben, indem sie jeweils situativ bzw. funktional Relevantes von nicht Relevantem sowie Inneres von Äußerem zu unterscheiden helfen. Manche Strukturen zeichnen sich funktional durch engere bzw. weitere oder fluidere Grenzsetzungen aus. Erst durch das Zusammenspiel all dieser Strukturen als »Grundstruktur« kann sich »gute Form« in individuellen Betreuungsprozessen ereignen. Dazu eine Betreuerin: »Auf jeden Fall, also da ist diese Grundstruktur, die ich als sehr wertvoll empfinde. Weil durch diese können wir erst in diese große Gestaltungsfreiheit mit demKlienten und der Klientin gehen und mit Unterstützung durch den Teamleiter was ganz Individuelles entwickeln. Sie sind auch Ressourcen und geben mir für die Arbeit diesen Rückhalt, das find ich schon sehr wertvoll.« EineGrundstruktur zu haben,wird sowohl vonKlient*innen als auch vonBetreuer*innen als bedeutsam beschrieben. Wie wichtig es sein kann, mit Klient*innen dieses Struktur-Haben selbst zur Figur zu machen und, wenn gewollt, gemeinsam an einer passenden, positiv wahrgenommenen Struktur zu arbeiten (= gute Form), wurde von einem Betreuer eingebracht: »Struktur zu haben ist ganz etwas Wichtiges. Wenn ich nur den ganzen Tag daheim hocke, nichts zu tun habe, na klar bin ich da am Grübeln und na klar geht es mir dann immer schlechter. Insofern ist Struktur ganz wichtig, aber wenn das eine Struktur ist, die mir nicht passt, eine Struktur, die ich nicht haben will, dann ist es auch nicht hilfreich oder kann zur Belastung werden. So richtet sich auch die Betreuung dann oft aus, dass man einen Klienten fragt, was sie gerne machen würden, dann kommt einmal nicht viel zurück, das passiert schon auch, ja, da versucht man halt dann, das wieder irgendwie zu wecken.« Auch einigen Betreuer*innen gelingt es in einem strukturierten Umfeld besser, sich auf ihren individuellen Auftrag einzulassen: Oliver Koenig 276 »Aber das ist sehr hilfreich für mich, dass diese Struktur immer gleich bleibt. Es ist nicht jederWochentag gleich, aber dieWochen sind immer gleich strukturiert. Das heißt, wenn ich jetzt so gedanklich durch die Woche gehe: Montag in der Früh ist Wochenbesprechung, danach fahre ich zum ersten Klienten, habe den dann zwei Stunden, das ist ein Fixtermin. Dann fahre ich wieder zurück und meistens treffe ich dann einen Klienten am Weg zurück. Danach fahre ich hierher ins Büro und habe ein wenig Zeit zum Dokumentieren, so eine Stunde. Dann kommt meistens der dritte Klient. Der kommt hierher, das ist ein kurzer Termin für eine Stunde. Das heißt, drei Leute am Tag geht so in dieser Konstellation.« Sind die Konturen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten innerhalb einzelner Strukturelemente jedoch unscharf bzw. nicht ausreichend transparent, so kanndies sowohl aus Sicht von Klient*innen als auch von Betreuer*innen die wechselseitige Bewertung von guter Form beeinträchtigen, weil die Unklarheit auch auf die Beziehung einwirkt: »Also es wäre schön, wenn sich innerhalb des Vereins jemand zuständig fühlt. Für mich sind diese Strukturen ein bisschen undurchschaubar. Es geht dann ja schon auch darum, dass einmal klar wird, was ist unsere Aufgabe, was ist unsere Kompetenz. Es ist schon gut, dass man das individuell auch bestimmt, weil es ist ja eh klar, es sind unterschiedliche Menschen, mit denen wir zu tun haben, aber es muss irgendwo eine Linie geben.« Strukturen und die in ihnen wirksamen Regeln und Ressourcen werden durch soziale Handlungen von Personen hervorgebracht. Wie sie das tun, ist zu einem hohenMaße von ihren eigenen inneren Strukturen, das heißt ihren Einstellungen, Erfahrungen und Werten abhängig. Je nach Professionalisierungsgrad kommen hier zusätzlich die Verfügungs- und Aktualisierungsmöglichkeiten über fachlichreflexivesWissen und Kompetenzen hinzu. Gerade dort, wo in psychosozialen Arbeitsfeldern Menschen auf Menschen treffen und diese ihre jeweils eigenen inneren Strukturen mitbringen, ereignen sich immer auch Missverständnisse, treffen Bilder und Erwartungen aufeinander und geschehen Prozesse vonÜbertragung undGegenübertragung. Deswegen kommt den ermöglichenden bzw. unterstützenden Strukturen im untersuchten Handlungsfeld eine große Bedeutung zu. In diesen können Betreuer*innen ihre eigenen Denk-, Fühl-, Bewertungs- und Handlungsmuster laufend einer Überprüfung unterziehen, ihre unterschiedlichenBilder abgleichen undMissverständnisse klären. Professionalisierung, so wurde in diesem Bericht mehrfach betont, Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 277 verlangt vielfältige sowohl begleitete als auch kollegiale Möglichkeiten, in denen sich Betreuer*innen, dem konkreten Handlungsdruck der unmittelbaren Praxis entzogen, kritisch und selbstreflexiv mit der eigenen Tätigkeit auseinandersetzen können. Die vonmehrerenBetreuer*innen als»Reflexionsarbeit« bezeichneten Strukturen der gemeinsamen Wochenbesprechung, der Begleitung durch eine Teamleitung sowie der Supervision stellen aus der Sicht fast aller Betreuer*innen einen der wichtigstenWirkfaktoren ihrer Arbeit dar. »Wir haben unterschiedliche Formate. Wir haben organisatorische und Klienten- Teamsitzungen. Ich freue mich jedes Mal im Team zu sein, weil ich gerne im Team diskutiere und meine Ideen einbringe, aber ich versuche mich auch zurückzuhalten mit meinen Ideen, um Platz für die anderen zu geben. Aber es ist sehr wichtig für unsere Arbeit.« »Ich empfinde es gar nicht als Kontrolle, sondern als Möglichkeit, mein Tun und meine Betreuung zu überprüfen. Also ich würde es wirklich so nennen. Ich habe die Möglichkeit, in der Wochenbesprechung zurückzumelden, was passiert ist in der Betreuung, was gesagt wurde, wie ich drauf reagiert hab, wie ich gehandelt habe. Dann bekomme ich von der Leitung und von den Kollegen Rückmeldungen, hauptsächlich von der Person, mit der ich bei dem Klienten auch zusammenarbeite, aber es sind alle dabei und es können alle mitreden. Manchmal wird dann klar, wo ein Handlungsbedarf ist oder was gut gewesen wäre. Ich sehe das für mich als eine Möglichkeit, sowohl für die konkrete Praxis als auch darüber hinaus zu lernen.« Folgende Aspekte und Funktionen machen aus Sicht der Betreuer*innen die besondere Qualität der beim Verein LOK praktizierten Reflexionsarbeit aus: ➢ die pragmatische Funktion ➢ die soziale Funktion ➢ die kollegiale Funktion ➢ die fachliche Funktion ➢ die psychohygienische Funktion ➢ der Aspekt von Freiwilligkeit ➢ der Aspekt der Verfügbarkeit der Teamleitung Wie mehrfach betont wurde, sehen Betreuer*innen den fachlichen Mehrwert nicht nur im Gewinn von Handlungsstrategien für konkrete Fälle und Oliver Koenig 278 Situationen, sondern auch für die eigene professionelle und persönliche Entwicklung. Diese reflexiven Strukturelemente der Persönlichen Betreuung und Begleitung sind beim Verein LOK selbst Resultat von Reflexionsarbeit im Sinne von Anpassungs- und Lernprozessen im weitesten Sinn. Im Zuge organisationaler Entwicklungsprozesse besteht allerdings die Gefahr, dass einzelne Strukturelemente ihren Bezug zur Ganzheit verlieren und systemisch betrachtet selbstreferenziell werden. Sie ist dort besonders gegeben, wo eine klare und zumeist normative Orientierung in Bezug auf eine gemeinsame Intention bzw. ein gemeinsames Bild des Zwecks der Organisation fehlt. Innerhalb des Vereins LOK ist eine Leit-Philosophie als gemeinsamer Hintergrund leicht auszumachen. Sie dient Klient*innen wie Betreuer*innen einerseits persönlich als orientierungsstiftende Struktur und fungiert andererseits als ausrichtendes Medium aller weiteren Strukturelemente. Da die Strukturelemente nur in ihrem wechselseitigen Zusammenspiel einen Beitrag für das Ganze, hier die gute Form, leisten können, bedarf es organisatorischer Strukturen, die Kommunikations-, Austausch-, Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse zwischen den einzelnen Strukturelementen ermöglichen. Insofern erfüllt vor allemdieRolle der Teamleitung eineReihewichtigerFunktionen. Die Teamleiter*innen sind, mit unterschiedlicher Intensität, in die Arbeit mit Klient*innen eingebunden, übernehmen zentrale Aufgaben der Vermittlung und Koordination zwischen Organisation, Betreuer*innen, Klient*innen sowie fallweise diversen außenstehenden Akteur*innen. Außerdem unterstützen, begleiten und führen sie ihre Betreuer*innen bei der Erfüllung von deren Aufgaben und funktionalen Rollen. Während im Feld der Sozialen Arbeit aktuell durchaus intensiv über selbstorganisierende Teams diskutiert wird, sieht der Verein LOK die Funktion einer Triangulation als die zentrale, nur schwer kompensierbare Aufgabe der Teamleitung. Darunter wird verstanden, dass Teamleiter*innen Aspekte der Betreuungsbeziehung zwischen Klient*in und Betreuer*in(nen) aktiv zur Figur machen können, die sich in selbstorganisierten Formenmit hoherWahrscheinlichkeit nur in deren individuellenHintergründen abspielenwürden.Nicht adressiert können diese unter anderem über denWeg der (Gegen-)Übertragung oder Projektionen bzw. in Form von eingefahrenen Kommunikations- oder Interaktionsmustern in der Betreuungsbeziehung wirkmächtig werden. Insofern kommt dieser triangulierenden Funktion im Rahmen von Einzelgesprächen mit Klient*innen oder Betreuer*innen, in denTeam- oderWochenbesprechungen des Vereins LOK eine wesentliche korrektive und orientierende Bedeutung zu. Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 279 Resümee Im Rahmen dieses abschließenden Textes wurde der Versuch einer Annäherung an eine materiale Theorie hilfreicher Beziehungen unternommen. Dazu wurde auf das gestalttherapietheoretische Konzept von »guter Form« zurückgegriffen und dieses basierend auf einer gegenstandsorientierten Analyse des Arbeitsfeldes der Persönlichen Betreuung und Begleitung auf der Grundlage der Sichtweisen vonKlient*innenundBetreuer*innenweiterentwickelt.Wie auch im Vorwort angedeutet, kann das in diesem Buch beschriebene Umsetzungsbeispiel der ambulanten Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen als Gegennarrativ zu den auch von Topor in diesem Band beschriebenen dominanten Vorstellungen von Professionalität beschrieben werden, wonach »hilfreiches Handeln oft unsichtbar gemacht werden muss«. So decken sich viele der hier wiedergegebenen Erzählungen von Klient*innen und Betreuer*innen sowie die Versuche, diese zu systematisieren und zu verstehen, mit jenen aus internationalen Forschungsbefunden ableitbaren »allgemeinen Faktoren« über hilfreiche Formen der Beziehungsgestaltung in anderen Settings als dem psychotherapeutischen: Sie stellen gelebte Beispiele für die Existenz alternativer Praxen dar. In ihren beschriebenen Wirkungen der Ausweitung von Kontakt- und Zugriffsmöglichkeiten auf Selbst und Welt und damit zur Förderung von Autonomie, Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten – und sei es auch nur partiell, temporär und räumlich beschränkt – erweist sich die Persönliche Betreuung und Begleitung als erfolgreiches, wirkungsvolles und als hilfreich erlebtes professionelles Handeln. Aus professioneller Sicht ist es im Prozess des Gewahrwerdens der eigenen Wirkungen undWirkungsmöglichkeiten dabei ebenso bedeutsam, sich der Voraussetzungen sowie der Grenzen und möglichen Nebenwirkungen des eigenen Handelns bewusst zu werden.Wie jede andere Form der sozialen Intervention ist auch die hier vorliegende Forschung nicht mehr und nicht weniger als ein – das System in seiner Eigenlogik reproduzierendes – Artefakt. Indem sie den Fokus genau auf jenen Aspekt der Persönlichen Betreuung und Begleitung, nämlich die Beziehung und die Beziehungsarbeit, richtet, welcher sowohl im Organisationalen wie auch in den Selbstverständnissen der handelnden Akteur*innen dieses Unterstützungsangebots die entscheidende Bedeutung beigemessen wird, verstärkt sie wiederum genau diesen Fokus. Der professionelle Kern des hier beschriebenen Arbeitsfeldes, sowohl des primären als auch des sekundären Prozesses, liegt in einer Aushandlungs-, aber vor allem Anpassungsleistung. Eine gute Form bleibt solange aufrechterhalten, Oliver Koenig 280 solange es gelingt, sich – teils selbst durch die Form induzierten – Veränderungen der Bedürfnisse und des Willens der begleiteten Personen stetig anzupassen. Dies bedeutet auch, dass Formen der (Unter-)Stützung, die zeitweise funktional waren, auch wieder dysfunktional werden können, zum Beispiel indem sie »Ko-Abhängigkeiten erzeugen und erhalten« (Mitarbeiter*in, Interview). Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass eine Form der Begleitung jemals ohne nicht intendierte Nebenwirkungen funktionieren könnte – dazu ist der Faktor Mensch in seiner Selbstreferenz, überspitzt formuliert, ein viel zu großer »Störfaktor«. Selbst die wohlgemeinteste und anpassungsbereiteste Form der Unterstützung undBegleitungkann letztlich daran scheitern, dass sichdie*derKlient*in aus einer schier unüberschaubaren Anzahl an inneren wie äußeren Gründen einem Kontakt(-Angebot) versperrt und sich verschließt (vgl. Lindemann, 2016). So stellt die Beziehung zwischen Klient*in und Betreuer*innen auch immer nur einen, wenn auch potenziell bedeutsamen, zeitlich und räumlich befristeten Ausschnitt vonWelt dar. Psychische Erkrankungen als kontingentes Phänomen des, wie es eine Betreuerin beschrieb, »Aus-der-Welt-gestellt-Seins« bzw. »Sich aus-der-Weltgestellt-Fühlens« resultieren zwar häufig aus bzw. münden in Beziehungsabbrüchen. In ihren biografischen Auswirkungen können psychische Erkrankungen jedoch auch zu einer Reihe weiterer gesellschaftlicher Ausgrenzungsprozessen undVerlusterfahrungen führen. Einen Beziehungsfokus einzunehmen schafft dabei, wie es ein*e Leiter*in formulierte, »eine Möglichkeit, noch etwas bearbeitbar zu machen und uns irgendwo einen Raum derWirksamkeit zu schaffen, imWissen, was da alles noch rundherum ist.« Die Form selbst bleibt immer wirkungsoffen und wirkungsunsicher. Sie kann letztlich immer nur durch ihre Responsivität (d. h. ihr Eingehen auf und ihr Mitgehen mit dem, was die*der Klient*in gerade zeigt oder zum Gegenstand macht) und Reflexivität einen Beitrag leisten, die Wahrscheinlichkeit von Wirkungen zu erhöhen. Dies wird idealerweise getragen und unterstützt von einem ganzheitlichen und kooperativen Professionalitätsverständnis, das sich weder durch ideologische Scheuklappen begrenzt noch durch Allmachtsfantasien aufbläht. Dabei kann das Aufgabengebiet der Persönlichen Betreuung und Begleitung, dessen Wirkungen sowie diese begünstigenden Faktoren nur in der Vielschichtigkeit und Vielgestaltigkeit verstanden werden. So wurde mehrfach ausgeführt, dass sich das Tätigkeitsspektrum von Betreuer*innen je nach Person, Bedarf und situativer Anforderung aus (sozial-)therapeutischen, sozialarbeiterischen, handlungspraktischen und agogischen Anteilen zusammensetzt. Es lässt sich nicht auf Annäherung an eine Theorie hilfreicher Beziehungen 281 ein einzelnes Element reduzieren und versperrt sich aufgrund seiner Individualität und Komplexität auch Versuchen der Standardisierung. So verstehen wir die hier entfaltete Theorie der guten Formmit Arnold auch weitestgehend als begriffliches bzw. heuristischesModell, »dessenWert sich daraus ergibt, ob und wie diesesModell Veränderungen erklären und zu gelingenden Handlungen anregen kann« (Arnold, 2016, S. 3). Dabei war und ist es uns wichtig, zu betonen, dass es stets nur um einAnregen undniemals um einAnleiten von Praxis geht. Eine Theorie der guten Form kann eben dann hilfreichwerden, wenn diese sowohl dabei hilft, die Einbettung und das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren zu erklären, als auch der individuellen, relationalen und situativen Bedingtheit einzelnerAktionen und dem Ineinandergreifenwechselseitig-performativer Handlungen von Klient*innen und Betreuer*innen Rechnung zu tragen. Eine materiale Theorie kann daher nicht so verstanden werden, als handle es sich hierbei um eine Art »Baukasten«, aus dem – mit der Erwartung, zu ähnlichen wie den hier beschriebenenWirkungen beizutragen –, einzelne Elemente beliebig ent- und übernommenwerden können.Doch genausowie das gestalttheoretische Modell von Figur und Grund je nach Betrachtungsweise dazu führen kann, dass ein und dasselbe Phänomen in einer Situation als Figur und in einer anderen als Grund erscheint, ist es auch nicht ausgeschlossen, dass in unterschiedlichen Kontexten andere Faktoren in einer Art und Weise ineinandergreifen, die abermals stimmige – und mit Blickrichtung auf die Konstitution hilfreicher Beziehungen –»gute Formen« entstehen lassen (können).MitAmering (in diesemBand) ist dabei der Wahlfreiheit einer Vielzahl von bewährten Formen der Krisenhilfe(n), die auf einem entsprechenden entwicklungsoptimistischen Menschenbild basieren, als Alternative zu Akutaufnahmen in Spitälern gegenüber einer einseitigen Nivellierung und Angleichung professioneller Hilfen immer Vorzug zu geben. Literatur Abeld, R. (2017). Professionelle Beziehungen in der Sozialen Arbeit: Eine integrale Exploration im Spiegel der Perspektiven von Klienten und Klientinnen. Wiesbaden: Springer. Arnold, R. (2016). Veränderung durch angewandte Erkenntnistheorie. In R. Arnold (Hrsg.), Veränderung durch Selbstveränderung (S. 1–8). Baltmansweiler: Schneider. Bosch, A. (2016). Ritual. In J. Kopp & A. Steinbach (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie (S. 287–290). 12. Aufl. Heidelberg: Springer. Buber, M. (2019) [1954]. Schriften über das dialogische Prinzip. Martin Buber-Werksausgabe (MBV), Band 4.Hrsg. v. A. Losch u. P. Mendes-Flohr. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. Oliver Koenig 282 Charmaz, K. (2006). Constructing Grounded Theory: A practical Guide through Qualitative Analyses. Los Angeles: Sage Publications. Congress, E. (2016). Gestalt Theory and Social Work Treatment. In F. Turner (Hrsg.), Social Work Treatment. Interlocking Theoretical Approaches (S. 255–270). 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Kontakt: oliver.koenig@suttneruni.at Oliver Koenig 284 2020 · 335 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2934-8 Flucht und Migration haben einen Wandel in allen Bereichen des Lebens zur Folge und stellen auch die Pädagogik vor spezifi sche Herausforderungen. Die dabei wirkende Dynamik zwischen Psyche und sozialem Umfeld erhellen die AutorInnen durch ihre psychoanalytisch-pädagogische Perspektive. An Kitas und Schulen in den Aufnahmeländern müssen Lehrkräfte und ErzieherInnen mit traumatisierten Kindern umgehen, können aber bisher nicht auf ausreichende Ressourcen zurückgreifen. Auch die intergenerationale Bedeutung von Flucht und Migration, vor allem in Gestalt von Hoff nungen, die Gefl üchtete an ihre Folgegenerationen richten, schlüsseln die AutorInnen auf. Gleichzeitig richten sie den Blick auf die viel größere Zahl der Gefl üchteten, die nicht nach Europa kommen: Flucht und Migration sind insofern auch essenzielle Themen der Globalisierung. Mit Beiträgen von Bernd Ahrbeck, Salman Akhtar, Christine Bär, David Becker, Kathrin Böker, Margret Dörr, Urte Finger-Trescher, Maria Fürstaller, Sophie C. Holtmann, Nina Hover-Reisner, Dieter Katzenbach, Vera King, Hans-Christoph Koller, Pierre-Carl Damian Link, Christoph Müller, Barbara Neudecker, Elisabeth Rohr, Hediaty Utari-Witt, Michael Wininger, Biddy Youell und David Zimmermann Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag David Zimmermann, Michael Wininger, Urte Finger-Trescher (Hg.) Migration, Flucht und Wandel Herausforderungen für psychosoziale und pädagogische Arbeitsfelder 2020 · 214 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2969-0 »Eine sehr gelungene Umsetzung dessen, was für eine Umbewertung von Aggressivität als wichtiges Überlebensprinzip erforderlich ist. Besonders gut gefällt mir die Praxisnähe mit den vielen Beispielen.« Gerald Hüther Aggression gilt meist als zerstörerische Kraft, obwohl sie potenziell eine wertvolle Ressource darstellt. Die körperorientierte Aggressions-Dialog-Arbeit macht die in destruktiven Handlungsmustern vorhandenen Energien bewusst. Sie zielt darauf, die Kraft der Aggression zu »entgiften« und konstruktiv nutzbar zu machen. Die Methode ist für therapeutisch Tätige eine Erweiterung ihres Spektrums, aber auch Coaches und Führungskräfte fi nden darin neue Ideen. Sie ermutigt Menschen in Übergangskrisen zu Entscheidungen, steigert die Selbstwirksamkeit in Beziehungen oder eröff net neue Wege der Konfl iktlösung. Thomas Scheskat zeigt diese Wandlung mit vielen Abbildungen exemplarisch anhand dialogisch-körperbasierter Übungssettings. Anschließend erläutert er in fünf Thesen die zugrunde liegenden Wirkungsweisen und stellt Praxisfelder vor, in denen der Ansatz erfolgreich ist. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Thomas Scheskat Aggression als Ressource Eine verkannte Kraft neu erleben

Zusammenfassung

In der ambulanten Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist eine reflektierte und strukturell unterstützte Beziehungsarbeit zentral. Die AutorInnen beleuchten, wie eine hilfreiche professionelle Beziehung in der Arbeit mit psychisch Erkrankten handlungspraktisch und konzeptionell umgesetzt werden kann, und sie zeigen auf, welche organisatorischen Strukturen dabei unterstützen.

Betreuungsdynamik und Entwicklung von als hilfreich erlebten Beziehungen werden sowohl aus der Perspektive der KlientInnen als auch aus der Perspektive der MitarbeiterInnen in den Blick genommen. Hierauf basierend entwerfen die AutorInnen ein an der Praxis orientiertes theoretisches Modell der sensiblen Gestaltung gelingender und hilfreicher Beziehungen.

Mit Beiträgen von Michaela Amering, Petra Derler, Christine Eggenhofer, Yvonne Kahl, Oliver Koenig, Gertraud Kremsner, Werner Lausecker, Robert Mittermair, Daniel Öhlinger, Stefan Prochazka, Anna Schachner, Maria Schernthaner, Reiner Schwalbe und Alain Topor

Schlagworte

Sammelband, Recovery, professionelle Beziehungsgestaltung, EX-IN, Erwachsenenarbeit, ambulante Begleitung, psychische Erkrankung, Betreuungsdynamik, beziehungsorientierte Begleitung, Beziehungsgestaltung Sammelband, Recovery, professionelle Beziehungsgestaltung, EX-IN, Erwachsenenarbeit, ambulante Begleitung, psychische Erkrankung, Betreuungsdynamik, beziehungsorientierte Begleitung, Beziehungsgestaltung

References

Zusammenfassung

In der ambulanten Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist eine reflektierte und strukturell unterstützte Beziehungsarbeit zentral. Die AutorInnen beleuchten, wie eine hilfreiche professionelle Beziehung in der Arbeit mit psychisch Erkrankten handlungspraktisch und konzeptionell umgesetzt werden kann, und sie zeigen auf, welche organisatorischen Strukturen dabei unterstützen.

Betreuungsdynamik und Entwicklung von als hilfreich erlebten Beziehungen werden sowohl aus der Perspektive der KlientInnen als auch aus der Perspektive der MitarbeiterInnen in den Blick genommen. Hierauf basierend entwerfen die AutorInnen ein an der Praxis orientiertes theoretisches Modell der sensiblen Gestaltung gelingender und hilfreicher Beziehungen.

Mit Beiträgen von Michaela Amering, Petra Derler, Christine Eggenhofer, Yvonne Kahl, Oliver Koenig, Gertraud Kremsner, Werner Lausecker, Robert Mittermair, Daniel Öhlinger, Stefan Prochazka, Anna Schachner, Maria Schernthaner, Reiner Schwalbe und Alain Topor

Schlagworte

Sammelband, Recovery, professionelle Beziehungsgestaltung, EX-IN, Erwachsenenarbeit, ambulante Begleitung, psychische Erkrankung, Betreuungsdynamik, beziehungsorientierte Begleitung, Beziehungsgestaltung