Siegfried Zepf, Dietmar Seel

Psychoanalyse und das gesellschaftlich Unbewusste

Eine Entmystifizierung psychoanalytischer Konzepte

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8379-3046-7, ISBN online: 978-3-8379-7734-9, https://doi.org/10.30820/9783837977349

Series: Bibliothek der Psychoanalyse

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Siegfried Zepf, Dietmar Seel Psychoanalyse und das gesellschaftlich Unbewusste Bibliothek der Psychoanalyse Herausgegeben von Hans-Jürgen Wirth Das Anliegen der Buchreihe Bibliothek der Psychoanalyse besteht darin, ein Forum der Auseinandersetzung zu schaffen, das der Psychoanalyse als Grundlagenwissenschaft, als Human- und Kulturwissenschaft sowie als klinische Theorie und Praxis neue Impulse verleiht. Die verschiedenen Strömungen innerhalb der Psychoanalyse sollen zu Wort kommen, und der kritische Dialog mit den Nachbarwissenschaften soll intensiviert werden. Bislang haben sich folgende Themenschwerpunkte herauskristallisiert: Die Wiederentdeckung lange vergriffener Klassiker der Psychoanalyse – wie beispielsweise der Werke von Otto Fenichel, Karl Abraham, Siegfried Bernfeld, W. R. D. Fairbairn, Sándor Ferenczi und Otto Rank – soll die gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung stärken. Einen weiteren Baustein psychoanalytischer Identität bildet die Beschäftigung mit dem Werk und der Person Sigmund Freuds und den Diskussionen und Konflikten in der Frühgeschichte der psychoanalytischen Bewegung. Im Zuge ihrer Etablierung als medizinisch-psychologisches Heilverfahren hat die Psychoanalyse ihre geisteswissenschaftlichen, kulturanalytischen und politischen Bezüge vernachlässigt. Indem der Dialog mit den Nachbarwissenschaften wiederaufgenommen wird, soll das kultur- und gesellschaftskritische Erbe der Psychoanalyse wiederbelebt und weiterentwickelt werden. Die Psychoanalyse steht in Konkurrenz zu benachbarten Psychotherapieverfahren und der biologisch-naturwissenschaftlichen Psychiatrie. Als das ambitionierteste unter den psychotherapeutischen Verfahren sollte sich die Psychoanalyse der Überprüfung ihrer Verfahrensweisen und ihrer Therapie-Erfolge durch die empirischen Wissenschaften stellen, aber auch eigene Kriterien und Verfahren zur Erfolgskontrolle entwickeln. In diesen Zusammenhang gehört auch die Wiederaufnahme der Diskussion über den besonderen wissenschaftstheoretischen Status der Psychoanalyse. Hundert Jahre nach ihrer Schöpfung durch Sigmund Freud sieht sich die Psychoanalyse vor neue Herausforderungen gestellt, die sie nur bewältigen kann, wenn sie sich auf ihr kritisches Potenzial besinnt. Psychosozial-Verlag Siegfried Zepf, Dietmar Seel Psychoanalyse und das gesellschaftlich Unbewusste Eine Entmystifizierung psychoanalytischer Konzepte Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Originalausgabe © 2020 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: August Macke, Leute die sich begegnen, 1914 Umschlaggestaltung und Innenlayout nach Entwürfen von Hanspeter Ludwig, Wetzlar ISBN 978-3-8379-3046-7 (Print) ISBN 978-3-8379-7734-9 (E-Book-PDF) 5 Inhalt Vorbemerkung 9 I Problemlage 19 II Freuds Verwendung der Metapher 25 III Metapher – Begriff – Erkenntnis 37 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) 47 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) 61 VI Das Noch-Nicht-Bewusste (Ernst Bloch) 67 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) 71 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste 89 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen 97 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten 105 XI Psychoanalytische Konzepte – entmystifiziert 129 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus 133 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus 145 Allgemeine Entfremdung 147 Entfremdung im Kapitalismus 150 Entfremdung und Warenfetischismus 153 Literatur 157 »Das eigentliche gnoseologische Subjekt ist die Gesellschaft, das Individuum ist nur als Teil und Daseinsform des gesellschaftlichen Subjekts von erkenntnistheoretischer Bedeutung« (Ballestrem, 1968, S. 139). 9 Vorbemerkung »To me, at the present stage of development of our field, our general theories  […] by which we try to explain the phenomena evident in our consulting rooms, have only the status of scientific metaphors.« Robert S. Wallerstein (2005) Am Anfang dieser Arbeit stand eine Irritation. Wir hatten einen Aufsatz von Wallerstein gelesen, in dem psychoanalytische Theorien als »scientifi c metaphors« verstanden wurden, und waren irritiert, dass Wallerstein offenließ, was sich in den psychoanalytischen Konzepten metaphorisch darstellt. Im Versuch, die Bedeutung der als Metaphern verstandenen psychoanalytischen Konzepte zu ergründen, suchten wir nach weiteren Arbeiten, in denen diese Konzepte ebenfalls als Metaphern begriffen wurden. Wir wurden fündig, aber im Grunde war unsere Suche vergeblich. Wie bei der Lektüre von Wallersteins Arbeit mussten wir feststellen, dass zwar eine Vielzahl unserer Kollegen1 bestimmte Konzepte als Metaphern beurteilten, aber meistens nicht darüber informierten, welche anderen Bedeutungen in die Konzepte transferiert wurden, die sie als Metaphern verstanden. Um mit unserer Frage nach dem, was sich in den als Metaphern begriffenen Konzepten zur Darstellung bringt, nicht einem Missverständnis aufzusitzen, machten wir uns vorab über das Verständnis der Metapher kundig. Von Aristoteles (1979, S. 77f.) erfuhren wir, dass die Metapher »die Übertragung eines Wortes [ist], das eigentlich eine andere Bedeutung hat, entweder von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung oder von einer Art auf eine andere oder durch Analogie«. Quintilian erklärte uns, dass die Metapher ein Vergleich ist, jedoch ohne das Vergleichswort »wie«. Darüber hinaus bedeutete er, dass es angesichts der enormen Vielfalt von Metaphern im Einzelfall sehr schwierig sein kann, Metaphern eindeutig von verwandten Ausdrucksmitteln wie Allegorie, Chiffre, Gleichnis, Metonymie oder Symbol abzugrenzen. Der Aus- 1 Im gesamten Buch wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. 10 Vorbemerkung druck »Metapher«, so Blacks (1954, S. 59) Schlussfolgerung, sei deshalb »ein unscharfer Begriff«. Wikipedia teilte uns dann mit, dass heutzutage unter Metapher üblicherweise ein rhetorisches Stilmittel verstanden wird, das die Bedeutung eines Wortes oder einer Wortgruppe in einen anderen Bedeutungszusammenhang überträgt, ohne dass ein direkter Vergleich die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem verdeutlicht. Kövecses (2002, S. VIIf.) meint, dass nur große Dichter und Redner wie etwa Shakespeare und Churchill fähig wären, in Metaphern zu schreiben oder zu reden und verweist auf Aristoteles, nach dessen Urteil es ein Zeichen des Genies ist, wenn man die metaphorische Darstellung beherrschte. War daraus zu schließen, dass Psychoanalytiker, die die psychoanalytischen Konzepte als Metaphern begriffen, als Genies anzusehen waren, die endlich begriffen hatten, was diese Konzepte in Wirklichkeit sind? Mit dieser Folgerung hätten wir allerdings ein weiteres Kriterium außer Acht gelassen, das Kövecses (ebd.) anführt, nämlich, dass Metaphern Redewendungen sind, auf die man ebenso gut verzichten kann. Ricœur (1975, S. 25) verweist in diesem Zusammenhang auf Aristoteles’ »Idee des allotrios«, in der drei Charakteristika der Metapher zusammengefasst sind, das »der Abweichung im Verhältnis zum gewöhnlichen Sprachgebrauch; das der Entlehnung aus einem Ursprungsbereich; und die der Substitution im Verhältnis zu einem abwesenden, doch zur Verfügung stehenden Wort«. Ricœur (ebd.) fügt an: »Am folgenreichsten scheint die Idee der Substitution zu sein; ist nämlich der metaphorische Begriff ein substituierter, so ist der Informationsgehalt der Metapher gleich Null, da der abwesende Begriff, soweit er existiert, wieder an seine Stelle gesetzt werden kann.« Man kann also auf Metaphern verzichten, weil sie etwas anderes sagen, als sie meinen. Metaphern beruhen auf einer Ähnlichkeit zwischen zwei Entitäten, die in der Metapher gleichgesetzt werden. In der Metapher etwa »Achilles ist ein Löwe«, muss Achilles gemeinsame Merkmale mit Löwen aufweisen – wie stark und mutig –, damit das Wort Löwe als Metapher für Achilles verwendet werden kann. Da Achilles in Wirklichkeit kein Löwe ist, drückt eine Metapher auch immer etwas anderes aus, als sie wortwörtlich sagt. Eine Metapher, sagte Samuel Johnson bündig, »gives you two ideas for one« (Boswell, 1791, S. 121), und kann mithin sich nicht selbst genügen. Außer der wörtlich formulierten Idee gibt es noch eine andere, und die Metapher beruht auf einer Analogie (Coenen, 2002, S. 1) zwischen der wörtlich formulierten und der nicht in Worten gefassten Idee. Will man 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 11 Vorbemerkung die nicht explizit ausformulierte Idee verstehen, muss man um die Entsprechungen wissen, die die Bedeutungen der sprachlichen formulierten Idee liefern. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Ideen, die in einer Idee ausgedrückt werden, ist struktureller Art. Metaphern sind Sprachfiguren, in denen auf der Grundlage einer strukturellen Ähnlichkeit zwischen Dargestelltem und Darstellendem »something in terms of something else« beschrieben und verstanden werden kann (Borbely, 1998, S. 925; Heimann, 1956, S.  310). Desgleichen definieren auch Lakoff und Johnson (1980, S. 13; Herv. aufgehoben) Metapher in derselben Weise: »Das Wesen der Metapher besteht darin, dass wir durch sie eine Sache oder einen Vorgang in Begriffen einer anderen Sache bzw. eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren können.« Kövecses (2002, S. 4) wiederholt ebenfalls diese Definition der Metapher: »A conceptual metaphor consists of two conceptual domains, in which one domain is understood in terms of another.« Metaphern sind demnach unter den Begriff der »Analogie« subsummiert. Bei einer Analogie besteht »ein symmetrisches Verhältnis zwischen zwei sprachlich beschriebenen Gegenständen« (Coenen, 2002, S.  13), wobei im Falle von Metaphern die beschriebenen Gegenstände unterschiedlichen konzeptuellen Bereichen angehören. Die unterschiedlichen Bereiche werden unterschiedlich benannt. Der konzeptuelle Bereich, aus dem der metaphorische Ausdruck entnommen wird, um eine Aussage aus einem anderen konzeptuellen Bereich dazustellen, wird »Quellbereich« der Metapher (z. B. Schmitt, 2017, S. 41) genannt. Der konzeptuelle Bereich, aus dem die Aussage stammt, die auf diese Weise dargestellt werden soll, heißt »Zielbereich« der Metapher (ebd.), sodass »to know a metaphor […] means to know the systematic mappings between a source and a target« (Kövecses, 2002, S. 10). Bei der Redefigur »Dein Stern ist im Sinken« wissen wir genau, was wir sagen wollen. Wir wollen einem Menschen zu verstehen geben, dass es mit seiner Karriere abwärtsgeht, vielleicht auch, dass sein Ansehen gefallen ist. In diesem Fall kommen das Darstellende der Metapher aus der Astronomie (Quellbereich) und das metaphorisch Dargestellte aus dem beruflichen Leben (Zielbereich). Das Sinken eines Sterns ist mit der Abwärtsbewegung einer Karriere und dem fallenden Ansehen strukturell identisch, und wir bilden diese Metapher auf der Grundlage eben dieser strukturellen Identität. Daraus geht hervor, dass Metaphern nicht für sich beanspruchen können, Erkenntnisse zu sein. Die Metapher »Achilles ist ein Löwe« for- 12 Vorbemerkung muliert keine Erkenntnis, sondern ist der metaphorische Ausdruck für die Stärke und den Mut des Achilles. Unsere Frage nach der »Auflösungsanweisung« (Drosdowski, 1979, S. 87) einer Metapher, nach dem, was sich in den als Metaphern verstandenen psychoanalytischen Konzepten mystifiziert darstellt, schien mithin gerechtfertigt. Da das metaphorisch Dargestellte von unseren Kollegen mehrheitlich unbestimmt gelassen wurde, konnten die psychoanalytischen Konzepte offensichtlich nicht als Metaphern im gängigen Sinn begriffen werden. Angesichts Samuel Johnsons Definition der Metapher fehlte ihnen die zweite Idee, die im Gewande der ersten Idee ausgedrückt wird. Dieser Mangel legte die Vermutung nahe, dass es sich bei der Gleichsetzung von psychoanalytischen Konzepten und Metaphern um sogenannte »tote« Metaphern (»dead metaphors« Kövecses, 2002, S.  IX) handelt. Gemeint sind damit Metaphern, die durch den repetitiven Gebrauch ihren metaphorischen Charakter verloren haben und nicht mehr als Metaphern, sondern als direkte Bekundungen verstanden werden (wie etwa »Tischbein«, »Handschuh«, »Landzunge«, »messerscharf«, »Organisationszweig«). Kaum jemand denkt bei diesen Wörtern noch an eine Bedeutungsübertragung, etwa bei »Tischbein« an ein Vergleich mit einem menschlichen Bein, bei »Landzunge« an einen Vergleich mit einer menschlichen Zunge, bei »Handschuh« an einen Vergleich mit einem Schuh, bei »messerscharf« an einen Vergleich mit einem scharfen Messer, und bei »Organisationszweig« an einen Vergleich mit den Zweigen eines Baumes. Tote Metaphern sind das Resultat einer semantischen Verschiebung in der Sprachentwicklung. Es ist die Literalisierung einer Metapher, die dem metaphorischen Ausdruck  – in unseren Beispielen »Bein«, »Schuh«, »Zunge«, »Messer«, »Zweig« – neben der ersten Bedeutung im Sinne einer Katachrese2 noch eine gesonderte zweite Bedeutung zuschreibt.3 Die angeführten Beispiele zeigen allerdings, dass tote Metaphern nicht gestorben, sondern in Wirklichkeit nur scheintot sind. Indem der Bedeutungstransfer bewusstgemacht wird, kann der metaphorische Charakter toter Metaphern wieder rekonstruiert werden. Die Annahme, dass es sich 2 »Katachrese« ist die Bezeichnung für den Gebrauch eines Wortes, das eine sprachliche Lücke schließt und nicht mehr als Metapher wahrgenommen wird (Wilbert, 1989, S. 443). 3 Begriffstheoretisch heißt dies, dass die Intension eines Begriffs noch eine weitere extensionale Bestimmung erfährt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 13 Vorbemerkung bei den psychoanalytischen Metaphern um tote Metaphern handelt, kann demzufolge den Verzicht auf die zweite Idee nicht rechtfertigen. Durch die Unbestimmtheit der zweiten Idee werden die psychoanalytischen Konzepte, die als Metaphern verstanden werden, jedenfalls nicht zu toten Metaphern. Vielmehr ähneln sie sich dem an, was Jones (1916a, S. 949) vor Jahren unter dem Titel »eigentliche Symbolik« beschrieben hatte: »In den meisten Benützungsweisen des Wortes ist ein Symbol ein offenbarer Ausdruck für eine Idee, die mehr oder weniger verborgen oder geheim oder im Hintergrund gehalten ist. Der typischste Fall von allen ist es, wenn die Person, die das Symbol verwendet, sich nicht einmal bewusst ist, was es tatsächlich darstellt« (ebd., S. 945f.). Obwohl Jones (1916b, S.  621) Symbol und Metapher unterschieden wissen will  – »[d]er hauptsächlichste Unterschied liegt darin, dass bei der Metapher das ausdrückende Gefühl übersublimiert, bei der Symbolik hingegen untersublimiert ist«4 – würde es sich entsprechend unserer Definition auch bei Jones’ »eigentlicher Symbolik« um Metaphern handeln, weil auch in diesem Fall das Dargestellte und das Darstellende aus unterschiedlichen konzeptuellen Bereichen stammen – dem Unbewussten hier und dem Bewussten dort. Verstanden als Metaphern mit nicht-bewusstem Inhalt, lassen psychoanalytische Konzepte zuallererst an das personale dynamische Unbewusste der Psychoanalytiker denken, das in ihren Lehranalysen kein Bewusstsein gewinnen konnte. Freud (1937c, S. 73) beschrieb diese unbewussten Überbleibsel als neurotische »Resterscheinungen« und Alexander (1956, S. 101) fasste sie später unter den Begriff »residual neurosis« zusammen. Da »die Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft« (Freud, 1915e, S. 256) hieße das, dass Psychoanalytiker ihre Konzepte als Ersatzbildungen, als bewusste Darstellungsformen ihrer unbewussten Überbleibsel verwenden. Wir wollen nicht bestreiten, dass der Psychoanalytiker geneigt ist, »was er in dumpfer Selbstwahrnehmung von den Eigentümlichkeiten seiner 4 Auch Jones (1916b, S. 621) Erläuterung vermag nicht darüber aufzuklären, was er mit über- und untersublimiert genau meint: Das »erstere bezieht sich auf eine Anstrengung, die etwas über ihre Kraft Gehendes versucht hat, das letztere auf einen Versuch, der daran gehindert ist, das Beabsichtigte zu erreichen«. 14 Vorbemerkung eigenen Person erkennt, als allgemeingültige Theorie in die Wissenschaft hinauszuprojizieren« (1912e, S.  383). Gegen Ende werden wir darauf nochmals zurückkommen. Beschränkten wir uns aber auf die Einsicht, dass sich in den psychoanalytischen Konzepten das personale dynamische Unbewusste der Psychoanalytiker wiederfindet, hätten wir uns prinzipiell eine Antwort auf die Frage verstellt, ob sich möglicherweise noch andere Aspekte in diesen Konzepten unerkannt zur Darstellung bringen. Fraglos gehören auch die zentral-nervösen Prozesse, die dem Seelenleben zugrunde liegen, zu den Vorgängen, deren Erkenntnis sich dem psychoanalytischen Verfahren entzieht. Auf diese Vorgänge bezieht sich Traverso (2000). Sie ist der Ansicht, dass die Psychoanalyse, wie Freud sie verstanden habe, Metaphern aus epistemologischen Gründen benötige, weil die neurophysiologischen Prozesse, die in den seelischen Phänomenen abgebildet würden, noch nicht erfasst werden konnten, sodass Freud gezwungen gewesen wäre, in Metaphern zu denken. Dieses Argument verkennt freilich das materielle Substrat seelischer Vorgänge als ihre Quelle. Die Quelle seelischer Prozesse ist, wie Rubinstein (1957, S. 4) schon vor über 60 Jahren zutreffend anmerkte, die Welt, die auf uns einwirkt. Seelische Prozesse reproduzieren nicht das materielle Substrat, das dem psychischen Apparat zugrunde liegt, sondern mit dessen Hilfe die Welt, die auf diesen Apparat einwirkt. Dies ist auch Freuds Verständnis des Seelenlebens, an dem er durchgängig festgehalten hat. Schon 1900 riet er, dass »psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden dürfen« (Freud, 1900a, S. 615), und warnte vor dem Versuch, die im siebten Kapitel der Traumdeutung beschriebene »psychische Lokalität etwa anatomisch zu bestimmen« (ebd., S. 541). Im Laufe seines Lebens wurde diese Auffassung immer wieder in unterschiedlichen Kontexten und mit unterschiedlichen Akzentuierungen wiederholt. Auch 15 Jahre später sah er das Seelenleben nicht in einem kognitiven Verhältnis zu neurophysiologischen Prozessen im Gehirn. Für ihn ist zwar »die seelische Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden« (1915e, S. 273), aber er merkte an, dass man scheitern würde, versuche man »etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der bewussten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde [zu] erkennen und die unbewussten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien [zu] versetzen«. Wie als Bestätigung fügt er an, dass »alle Bemühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu denken und die Erregung auf Nervenfasern wandern zu lassen […] gründlich ge- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 15 Vorbemerkung scheitert« sind (ebd.). Ein Jahr danach notierte er: »[I]ch weiß nichts, was mir für das psychologische Verständnis der Angst gleichgültiger sein könnte als die Kenntnis des Nervenweges, auf dem ihre Erregungen ablaufen« (1916/17a, S. 408). Zehn Jahre danach betonte er, dass für den »topische[n] Gesichtspunkt […] die Gliederung des Unbewussten […] ein Anschluss an die reale Hirnanatomie nicht gesucht wird« (1925d, S. 58), und noch gegen Ende seines Lebens war Freud überzeugt, dass »die psychische Topik nichts mit der Gehirnanatomie zu tun hat« (1939a, S. 204). Das Gehirn wäre »das körperliche Organ und Schauplatz  […] unserer Psyche (Seelenleben)« (1940a, S.  67), aber »eine genaue Lokalisation der Bewusstseinsvorgänge [würde] für deren Verständnis nichts leisten« (ebd.). Und obwohl Freud die Psychoanalyse als Naturwissenschaft (miss-) verstand, begründete er sie als eine eigenständige Wissenschaft, ohne dabei auf das zentralnervöse Substrat seelischer Prozesse zu rekurrieren: »Alle Wissenschaften ruhen auf Beobachtungen und Erfahrungen, die unser psychischer Apparat vermittelt. Da aber unsere Wissenschaft diesen Apparat selbst zum Objekt hat, findet hier die Analogie ein Ende. Wir machen unsere Beobachtungen mittels desselben Wahrnehmungsapparats, gerade mit Hilfe der Lücken im Psychischen, indem wir das Ausgelassene durch nahe liegende Schlussfolgerungen ergänzen und es in bewusstes Material übersetzen. Wir stellen so gleichsam eine bewusste Ergänzungsreihe zum unbewussten Psychischen her. Auf der Verbindlichkeit dieser Schlüsse ruht die relative Sicherheit unserer psychischen Wissenschaft. Wer sich in diese Arbeit vertieft, wird finden, dass unsere Technik jeder Kritik standhält« (ebd., S. 81). Allerdings können sich nicht nur die körperlichen Prozesse dem psychoanalytischen Untersuchungsverfahren entziehen. Dasselbe gilt für die gesellschaftliche Realität, die auf die Seele der Menschen einwirkt. Auch diese Realität kann im sprachgebundenen psychoanalytischen Verfahren – »[i]n der analytischen Behandlung geht nichts anderes vor als ein Austausch von Worten zwischen dem Analysierten und dem Arzt« (1916/17a, S. 9) – nicht an sich, sondern wie die körperlichen Prozesse nur in ihrer subjektiven Erlebnisform erfasst werden. In diesem Fall empfahl jedoch Freud nicht, die gesellschaftliche Realität außer Acht zulassen. Im Gegenteil, will man die Ätiologie der Neurosen aufklären, plädierte er mit seiner Feststellung, dass die Gesellschaft »an der Verursachung der Neurosen selbst einen 16 Vorbemerkung großen Anteil hat« (1910d, S. 111), mit Nachdruck für eine Hinwendung zu eben dieser Realität. Diese Hinwendung scheitert jedoch daran, dass aus den sprachlichen Darstellungen des Patienten die gesellschaftliche Realität in der er lebt, nicht ermittelt werden kann. Sie kann nur erahnt werden, und möglicherweise ist es dieses Ahnen und Nicht-Wissen, das sich in der Gleichsetzung psychoanalytischer Konzepte mit Metaphern abbildet. In den psychoanalytischen Metaphern lässt sich jedenfalls der Inhalt, der metaphorisch dargestellt wird, bislang ebenfalls nur erahnen. Vielleicht ist es auch ein Nicht-Wissen-Wollen, gehört doch zu dem, was nicht direkt erfasst werden kann, das Wesen des psychoanalytischen Gegenstands. Marx und Engels jedenfalls lokalisierten das »menschlichen Wesen« nicht im Menschen, sondern in »seiner Wirklichkeit« im »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx, 1845, S. 6). Im Menschen erscheint es lediglich, sodass in diesem Verständnis psychoanalytische Kategorien in Wirklichkeit nur die seelischen Erscheinungsformen des gesellschaftlichen Wesens in den Individuen ideell abbilden können. Aus dieser Perspektive betrachtet, erscheint die Psychoanalyse als eine wesenlose Wissenschaft, wenn sie sich dazu bekennt, dass sich das Wesen ihres Erkenntnisgegenstands ihrem Untersuchungsverfahren entzieht, und wohl kaum ein Psychoanalytiker möchte sich als Vertreter einer Scheinwissenschaft verstehen. Da wir diese Perspektive teilen, war es für uns naheliegend, darüber nachzudenken, ob sich in dem, in den psychoanalytischen Metaphern bloß Erahnten doch etwas Wesentliches verbirgt, und ob es nicht möglich ist, dem Ungesagten zur Sprache zu verhelfen. Angesichts der Auffassung, dass psychoanalytische Konzepte als Metaphern zu begreifen sind, werden wir uns zunächst mit der sich daraus ergebenden Problemlage auseinandersetzen (Kap. I). Hernach werden wir den als Metaphern verstandenen psychoanalytischen Konzepten Freuds Verwendung der Metapher gegenüberstellen, seine nicht beabsichtigten metaphorischen Darstellungen bereits entwickelter Konzepte sowie die postfreudianischen metaphorischen Duplikate seiner Konzepte exemplarisch diskutieren (Kap. II). In Kapitel III wird das Verständnis psychoanalytischer Konzepte als Metaphern mit dem wissenschaftlichen Anspruch der Psychoanalyse konfrontiert, Wallersteins Versuch erörtert, die Psychoanalyse gleichwohl als Wissenschaft zu behaupten und über den Unterschied von Metapher und Begriff in der Erkenntnisbildung aufgeklärt. Dem folgt die Darstellung des gesellschaftlichen Unbewussten, wie es sich bei Freud 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 17 Vorbemerkung findet und von Devereux, Fromm, Erdheim sowie Hopper und Weinstein vertreten wird (Kap.  IV), von Bourdieus Konzept des kulturellen Unbewussten (Kap. V), des Konzepts des Noch-Nicht-Bewussten von Ernst Bloch (Kap. VI), die allesamt auf Vorstellungen referieren, die den Menschen einer Gesellschaft gemein sind, und des Konzepts des gesellschaftlich Unbewussten, wie es Marx und Engels verstanden (Kap. VII). Wir werden dieses Konzept des gesellschaftlich Unbewussten, das sich auf das kognitive Verhältnis der Mehrheit der Menschen zu gesellschaftlichen Prozessen bezieht, als Noch-Nicht-Bewusstes verstehen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten und des personalen dynamischen Unbewussten ausführlich erörtern (Kap. VIII). Empfohlen wird, Blochs Konzept des Noch-Nicht-Bewussten in das Konzept des Noch-Nicht-Gewussten umzubenennen und das Konzept des »gesellschaftlichen Unbewussten« wie es von Devereux, Erdheim und Hopper und Weinstein vertreten wird, auf überindividuelle Konfliktstrukturen zu beziehen, in denen sich Gesellschaft in den Individuen abbildet. Ferner werden wir vorschlagen, das kulturelle Unbewusste Bourdieus, in dem die Selbstevidenz vorherrschender Ansichten gründen soll, auf psychischer Ebene in eine Verbindung von vorbewussten mit unbewussten Inhalten einer Person aufzulösen. Danach werden wir Freuds Erkenntnisbeziehungen in Augenschein nehmen (Kap. IX), und in Kapitel X erkennen, dass das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste strukturell dem psychoanalytischen Verständnis des personalen dynamischen Unbewussten ähnlich ist und nicht nur im ökonomischen, gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein, sondern auch in den psychoanalytischen Konzepten mystifiziert erscheint. In Kapitel  XI werden wir die psychoanalytischen Konzepte als kategoriale Fassung des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten dechiffrieren. Im letzten Kapitel XII werden wir das Wesentliche zusammenfassen und argumentieren, dass sich in den psychoanalytischen Konzepten das den Menschen äußerliche, aber in ihnen erscheinende gesellschaftliche Wesen solange in ihrem Erkenntnisgegenstand unwissentlich zur Darstellung bringt, wie den Psychoanalytikern die gesellschaftlichen Verhältnisse, die in ihren Konzepten enthalten sind, verborgen bleiben. Des Weiteren werden wir die neurotische Unterfütterung psychoanalytischer Konzepte als einen der Gründe erörtern, die einer Auflösung des metaphorischen Charakters psychoanalytischer Konzepte und ihrer postfreudianischen Fassungen entgegenstehen. In einem Anhang haben wir noch das Verhältnis von Entfremdung und Warenfetischismus zusammenfassend dargestellt, wie es sich aus den Arbei- 18 Vorbemerkung ten von Marx und Engels ergibt und worauf wir uns in unseren Erörterungen beziehen. Entfremdung und Warenfetischismus sowie ihre Beziehung haben bislang keinen Eingang ins gesellschaftliche Alltagsbewusstsein gefunden. Beide und ihre Beziehung werden unterschiedlich verstanden und machen die Darstellung unseres Verständnisses erforderlich. Wir wollten unserer Auffassung nachprüfbar machen, dass das Verhältnis von Ersatz und Ersetztem, wie es von Freud konzeptualisiert ist, das Verhältnis von Entfremdung und Warenfetischismus, wie es Marx und Engels begreifen, mystifiziert zur Darstellung bringt. Zugleich wollten wir verhindern, dass unsere Auffassung mit dem Argument in Zweifel gezogen werden kann, die Entfremdung meine bei Marx und Engels etwas ganz Anderes als wir vertreten. Wie in unserer letzten Arbeit diskutierten wir auch bei dieser Arbeit unsere Überlegungen regelmäßig mit Hermann Kotthoff, Werner Müller, Thierry Simonelli und Burkhard Ullrich. Auch diesmal waren die Debatten kontrovers, aber vom selben Erkenntnisinteresse getragen und halfen uns vorzüglich, unserer Position Kontur zu geben. Siegfried Zepf & Dietmar Seel im Mai 2020 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 19 I Problemlage »Die Soziologie, mit der die Psychoanalyse die meisten Berührungspunkte, aber auch die meisten Gegensätze zu haben scheint, ist der historische Materialismus.« Erich Fromm (1932) Mit dem Ziel aufzuklären, was sich in den psychoanalytischen Konzepten verbirgt und mystifiziert darstellt, fragen wir, ob in diesen Konzepten möglicherweise etwas wiederkehrt, das gesellschaftlich unbewusst ist. Wie eingangs bemerkt, war uns aufgefallen, dass den psychoanalytischen Konzepten in den letzten Jahren zunehmend ein metaphorischer Charakter zugeschrieben wurde, ohne dass man erfahren hätte, was in ihnen zur Darstellung kommt. Zu den Konzepten Freuds, die als Metaphern beurteilt werden und bei denen im Dunkeln bleibt, was mit ihnen dargestellt wird, gehören: ➣ Abwehr (z. B. Desmarais, 2007) ➣ Besetzung (z. B. Modell, 2005; Nersessian, 2015; Pollock, 1980) ➣ Durcharbeiten (z. B. Gedo, 1995; Goldberger, 1995) ➣ Gegenbesetzung (Nersessian, 2015) ➣ Gegenübertragung (z. B. Davidson, 1977) ➣ Ich-Spaltung (z. B. Blum, 1983; Modell, 1975) ➣ Introjektion (z. B. Krystal, 1990) ➣ Kastration (z. B. Gill, 1995) ➣ Libido (z. B. Abrams, 2015; Breger, 1981; Modell, 2005; Wolstein, 1986) ➣ Narzissmus (z. B. Wolstein, 1986) ➣ Ödipuskomplex (z. B. Chessick, 2000; Gentile, 2016; Tobin, 2011; Wallach, 2005) ➣ Penisneid (z. B. Benjamin, 1992; Gill, 1995; Grossman & Stewart, 1976; Mitchell, 1984) ➣ Projektion (z. B. Benjamin, 2006) ➣ Projektive Identifizierung (Diatkine & Simon, 1974) ➣ psychische Energie (z. B. Apfelbaum, 1965; Basch, 1981; Doidge, 2002; Gill, 1995; Wallerstein, 1977) 20 I Problemlage ➣ Regression (z. B. Ricœur, 1977) ➣ Spaltung (z. B. Blum, 1983; Diatkine & Simon, 1974) ➣ Strukturmodell (z. B. Dewald, 1981; Kubie, 1966; Lynch, 2006; Ogden, 2010; Whitehead, 1986) sowie dessen Elemente Es (z. B. Potamianou, 2015), Ich (z. B. Bornstein & Becker-Matero, 2011; Gabriel, 2008; Modell, 1978; Trevi, 1986, zit. n. Connolly, 2003) und Über-Ich (z. B. Trevi, 1986, zit. n. Connolly, 2003) ➣ Todestrieb (z. B. Benjamin, 1995, S. 189; Fonagy, 2013; Thompson, 1991) ➣ Topisches Modell (z. B. Caspi, 2018; Filippini & Ponsi, 1992; Gentile, 2010; Ogden, 2007; H. F. Smith, 2003; Sternbach, 1989) ➣ Trieb (z. B. Avila, 2016; Basch, 1995; Bloom, 1986) ➣ Übertragung (z. B. Chaplan, 2013; Davidson, 1977; Desmarais, 2007) ➣ Urszene (z. B. Aron, 1995; Colman, 2007; Corbett, 2001; Weinstein et al., 2009) ➣ Verdrängung (z. B. André, 2015; Bornstein & Becker-Matero, 2011; Flader, 2000; Ricœur, 1977) ➣ Wiederholungszwang (z. B. Bornstein & Becker-Matero, 2011; Pizer, 2014) ➣ Zensor (z. B. Fonagy, 1982; Johnson, 2006; J. Sandler & A. Sandler, 1983; Whitman, 1974) Aber nicht nur, dass eine Vielzahl von Konzepten als Metaphern verstandenen wurden und werden. Psychoanalytische Theorien werden – wie ebenfalls schon erwähnt  – generell als »scientific metaphors« (Wallerstein, 2011, S. 102) beurteilt, eine Auffassung, die von Bornstein und Becker- Matero (2011), Buchholz (2007), Desmarais (2007), Gabbard (2007), Katz (2011) und Schlesinger und Schuker (1990) geteilt wird. Da das in den psychoanalytischen Konzepten metaphorisch Dargestellte verborgen blieb, könnte man zunächst denken, dass neben dem personalen dynamischen Unbewussten der Psychoanalytiker auch das gesellschaftliche Unbewusste unbemerkt Eingang in diese Konzepte gefunden hat, von dem die Psychoanalytiker handeln. Psychoanalytiker sind gesellschaftlich organisiert und das gesellschaftliche Unbewusste wird in der Psychoanalyse üblicherweise als eine Generalisierung des personalen dynamischen Unbewussten verstanden. Fromm (1962) beispielsweise definiert das gesellschaftliche Unbewusste als den Teil des Unbewussten, der den meisten 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 21 I Problemlage Mitgliedern einer Gesellschaft gemein ist und Devereux (1970; s. auch Adams, 2002; Herron, 1995) erklärt das ethnische Unbewusste in identischer Weise. Auch in Erdheims (1982) Verständnis, der eine klassenspezifische Differenzierung vornimmt, ist das gesellschaftliche Unbewusste der Teil des Unbewussten, der den Mitgliedern einer sozialen Klasse gemein ist. Das Verständnis des gesellschaftlichen Unbewussten als eine Generalisierung des personalen dynamischen scheint ebenso selbstevident wie Buschs (2001) Feststellung, dass eine Gesellschaft kein Bewusstsein und kein Unbewusstes haben kann, schlicht deshalb, weil sie kein Gehirn besitzt (Hopper & Weinstein, 2011). Aus Sicht der Psychoanalyse enthält das personale dynamische Unbewusste die verpönten Wünsche eines Individuums, deren Realisierung in seiner Sozialisation in Konflikte geführt hätte, die bewusst nicht durchzuhalten gewesen wären. Deshalb wurde ihnen mittels Abwehroperationen das Bewusstsein entzogen. Da die Individuen in derselben Gesellschaft sozialisiert wurden, scheint es legitim davon auszugehen, dass ihnen bestimmte Konflikte, die sie zu Abwehroperationen veranlassen, gemein sind. Es scheint nichts dagegen zu sprechen, Bewusstsein auf Individuen und das gesellschaftliche Unbewusste auf jene Wünsche zu begrenzen, die bei den meisten Individuen einer Gesellschaft der Abwehr verfallen sind. Allerdings gibt es außer diesem noch ein anderes Verständnis des gesellschaftlichen Unbewussten. Bourdieu nennt es das »kulturelle Unbewusste«, Ernst Bloch das »Noch-Nicht-Bewusste« und Marx und Engels beziehen »unbewusst« auf gesellschaftliche Prozesse. Beispielsweise heißt es: »Die Bestimmung des Marktwerts der Produkte […] ist ein gesellschaftlicher Akt, wenn auch ein gesellschaftlich unbewusst und unabsichtlich vollzogener, der mit Notwendigkeit auf dem Tauschwert des Produkts beruht« (Marx, 1894b, S. 673; unsere Herv.). Mit »unbewusst« sind hier gesellschaftliche Phänomene gemeint, die wirksam, aber noch unbegriffen sind und sich gleichwohl durchsetzen. Im obigen Zitat wird der Marktwert eines Produkts als Resultat eines gesellschaftlichen Handelns verstanden, das sich sozusagen hinter dem Rücken der Individuen durchsetzt. Zur Frage wird, welches andere Unbewusste als das personale dynamische sich möglicherweise in dem, was in den psychoanalytischen Metaphern nicht gesagt wird, noch insgeheim zur Darstellung bringt. 22 I Problemlage Dieser Frage liegt zugrunde, dass sich sowohl in den materiellen wie auch in den ideellen Produkten die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie produziert wurden, in einer produktspezifischen Weise niederschlagen. Gewiss, die ersten psychoanalytischen Konzepte wurden von Freud verfasst. Aber sie wurden nicht solipsistisch von ihm erdacht. Wie allein schon Freuds Bibliothek und seine Unterstreichungen in den Büchern ausweisen (Davies & Fichter, 2006), dass er sie auch gelesen hat, waren seine Konzepte Produkt seiner Erkenntnisbeziehungen. Mit dem Begriff der »Erkenntnisbeziehungen« meinen wir mit Wittich et al. (1978, S. 102) ein Sich-in-Beziehung-setzen zu vorhandenem Wissen und aus diesen Erkenntnisbeziehungen mittels eigenen Denkens selbst Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn sich in der Erkenntnisbildung Individuen die im gesellschaftlichen Bewusstsein aufbewahrten Erkenntnisse anderer aneignen, verarbeiten und vertiefen, Erkenntnisbildung mithin gesellschaftlich verläuft, lässt sich mit Lektorski (1968, S. 130f.) mit Recht sagen, dass »das gnoseologische Subjekt im strengen Sinne des Wortes nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft« ist und das »individuelle Subjekt […] die Existenzweise des gesellschaftlichen Subjekts« darstellt.1 Nimmt man hinzu, dass die »wirklich wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihre Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf […] die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen, pp.« sind (Marx & Engels, 1845/46, S. 26) und das gesellschaftlich Unbewusste in den gesellschaftlichen Verhältnissen wirksam ist, müsste es sich auch in den von Freud produzierten psychoanalytischen Konzepten wiederfinden. Daraus folgt natürlich nicht, dass wir der Gesellschaft selbst ein Bewusstsein zuschreiben. Wie wir bereits notiert haben, hat die Gesellschaft kein Bewusstsein. Nur Menschen können ein gesellschaftliches Bewusstsein, ein Bewusstsein von der Gesellschaft besitzen. Aber auch wenn die Gesellschaft über kein Bewusstsein ihrer selbst verfügt, indem Menschen sich ein Bewusstsein von etwas schaffen, arbeiten sie gesellschaftlich miteinander. Insofern ist die Gesellschaft das Erkenntnissubjekt, dessen Erkenntnistätigkeit sich mittels der Erkenntnisprozesse der Individuen realisiert. 1 Obwohl Lektorski diese These einst vornehmlich im parteipolitischen Interesse des stalinistischen Sowjetmarxismus formuliert hatte, kann sie eine Allgemeingültigkeit für sich beanspruchen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 23 I Problemlage Wenn der erste Teil der eingangs zitierten Auffassung Fromms zutrifft und die Psychoanalyse in der Tat die meisten Berührungspunkte mit dem Historischen Materialismus besitzt und im Produkt sein Produzent in produktspezifischer Weise erscheint, scheint es gerechtfertigt, davon auszugehen, dass in Freuds Konzepten auch die Gesellschaft erscheint, wie sie in den Kategorien von Marx und Engels abgebildet ist. Dafür spricht, dass die Ideenproduktion der materiellen Güterproduktion in struktureller Hinsicht korrespondiert, wenn man sie auf historischmaterialistischem Hintergrund betrachtet. Erkenntnisbeziehungen sind mit Arbeitsbeziehungen vergleichbar, in denen aus der Verbindung von Arbeitskraft mit Ausgangsmaterialien Waren produziert werden. Wie in der Güterproduktion, in der aus Waren neue Waren produziert werden, werden auch in der Ideenproduktion aus Ideen neue Ideen produziert. Aus Sicht von Marx und Engels eignet sich der Unternehmer die Arbeitskraft derjenigen, die für ihn arbeiten, auch für einen Zeitraum an, der darüber hinausgeht, was für die Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist und legalisiert die Aneignung des in dieser Zeit geschaffenen Mehrwerts durch den Arbeitsvertrag. In derselben Weise eignet sich der Wissenschaftler die Arbeit anderer Wissenschaftler kostenlos an und legitimiert diese Ausbeutung durchs Zitat. Arbeits- und Erkenntnisbeziehungen liegen mithin gesellschaftliche Verhältnisse zugrunde, deren jeweilige Erscheinungsform die differentia specifica des Produkts bestimmt. Im Automobil erscheinen sie ebenso in gegenstandsspezifischer Form wie etwa in der Kleidung. Gegenstandsspezifisch bedeutet für ihre Erscheinung in den psychoanalytischen Konzepten, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in konzeptueller Form in die psychoanalytischen Kategorien eingetragen haben und sich in den psychoanalytischen Erkenntnissen wiederfinden müssten. Versteht man unter historischem Materialismus nicht die Gesellschaftstheorie, wie sie später vom Sowjetmarxismus kodifiziert wurde, sondern die gesellschaftstheoretischen Auffassungen von Marx und Engels, ist dies zwar naheliegend. Aber wir wissen es nicht. Wir wissen jedoch, dass, gleichgültig, ob es sich um das gesellschaftliche Unbewusste handelt, von dem bei Fromm, Devereux, Erdheim, Bloch, Bourdieu oder Marx und Engels die Rede ist, sich dieses gesellschaftlich Unbewusste vom personalen dynamischen Unbewussten unterscheidet und gleichwohl wie das personale dynamische Unbewusste im individuellen gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein der Psychoanalytiker mystifiziert erscheinen müsste, zu dem auch ihre psychoanalytischen Konzepte gehören. 24 I Problemlage Auf den ersten Blick mag diese Sichtweise irritieren. Ist dem so, möchten wir nahelegen, die Möglichkeit nicht gleich zu verwerfen, dass das gesellschaftlich Unbewusste insgeheim Eingang in die psychoanalytischen Konzepte gefunden hat und sich in ihrem manifesten Inhalt verbirgt und darstellt. Über das Gewicht dieser Sichtweise lässt sich immer noch entscheiden, nachdem man sich mit unserer Untersuchung und ihrem Ergebnis vertraut gemacht hat. Dass sich das Gesellschaftliche ihrer Produktion in den psychoanalytischen Konzepten verbirgt, gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man die Bestimmung psychoanalytischer Konzepte als Metaphern ernst nimmt und sich die Struktur des Traumes vergegenwärtigt. Der manifeste Trauminhalt stellt eine Metapher dar, die durch die Traumarbeit aus dem latenten Inhalt entstanden ist und diesen entstellt darstellt. Es scheint also durchaus möglich, dass in der Herstellung der psychoanalytischen Konzepte ein latenter, gesellschaftlicher Inhalt in sie transferiert wurde und sich in Gestalt dieser, als Metaphern verstandene, Konzepte präsentiert. Üblicherweise duplizieren Metaphern einen Sachverhalt in einem übertragenen Sinn, sodass das in psychoanalytischen Metaphern Nicht-Gesagte möglicherweise nicht nur auf das im psychoanalytischen Verfahren prinzipiell Unerkennbare hinweist. Vielleicht informiert es darüber hinaus, dass sich in diesen Metaphern noch etwas darstellt, das Psychoanalytiker zwar wahrnehmen, aber nicht erkennen können. Dem wollen wir nachgehen und versuchen zu klären, ob, und wenn ja, welches gesellschaftlich beziehungsweise gesellschaftliche Unbewusste sich möglicherweise in die psychoanalytischen Konzepte unbemerkt eingeschrieben hat. Wir werden uns also mit den verschiedenen Auffassungen des gesellschaftlich(en) Unbewussten vor allem unter der Frage auseinandersetzen, inwieweit es im Gegensatz zum gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein steht und darin mystifiziert erscheint. Wenn sich das gesellschaftlich(e) und das personale dynamische Unbewusste identisch verhalten, müsste sich das gesellschaftlich(e) Unbewusste auch in den psychoanalytischen Konzepten Freuds in derselben Weise darbieten, in der sich das personale dynamische Unbewusste in Gestalt von Ersatzbildungen im Bewusstsein präsentiert, das die Individuen von sich selbst haben. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 25 II Freuds Verwendung der Metapher »Metapher ist ein sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort (eine Wortgruppe) aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird, ohne dass ein direkter Vergleich die Beziehung zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem verdeutlicht.« Duden (2018) In der Erörterung der Problemlage haben wir eine Reihe von Psychoanalytikern angeführt, die psychoanalytische Konzepte sowie die psychoanalytischen Theorien überhaupt zu Metaphern erklären. In diesem Kapitel wollen wir dieser Auffassung Freuds Verwendung der Metapher gegenüberstellen. Bei ihrer unterschiedlichen Verwendung ist Metaphern eines gemein: Ein Wort oder ein Satz werden nicht im eigentlichen, sondern in einem übertragenen Sinn benutzt. Dieses gemeinsame Moment der unterschiedlichen Bestimmungen bringt die Definition der Metapher im Duden (2018) zum Ausdruck. Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Feststellung: »Dieser Person können wir nicht das Wasser reichen.« Damit sagen wir sinnbildlich, dass wir an die Leistungen dieser Person nicht herankommen, lösen den Satzteil »nicht das Wasser reichen« aus seinem eigentlichen Bedeutungszusammenhang heraus und schreiben ihm eine andere Bedeutung zu. Wir haben das im Duden vorgetragene Verständnis vorangestellt, weil dieses Verständnis von einigen der genannten Autoren (z. B. Bornstein & Becker-Matero, 2011; Desmarais, 2007; Modell, 1997; Wallerstein, 2011; Wurmser 2011) wie auch von anderen Psychoanalytikern (z. B. Aragno, 2009; Bucci, 1997; Buchholz, 2007; Edelson, 1983; Ingram, 1996; Katz, 2010; Sjödin, 2011; White, 2011) explizit geteilt wird. Ferner liegt diese Auffassung, die ebenfalls von Kövecses (2002), Lakoff und Johnson (1980) und Schmitt (2017) vertreten wird, gleichermaßen Freuds wissentlichem und unwissentlichem Gebrauch der Metapher zugrunde. 26 II Freuds Verwendung der Metapher Freuds wissentliche Metaphern1 Ein erstes Beispiel für den wissentlichen Gebrauch einer Metapher ist die metaphorische Darstellung des in der Traumdeutung entwickelten psychischen Apparats. Den Apparat, der »den Seelenleistungen dient«, beschreibt er einmal als »ein zusammengesetztes Mikroskop, einem photographischen Apparat« (1900a, S. 541), und zum anderen mit der Metapher eines Fernrohrs: »Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohr. Die Systeme aber, die selbst nichts Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir berechtigt anzunehmen gleich den Linsen des Fernrohrs, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der Strahlenbrechung beim Übergang in ein neues Medium« (ebd., S. 616). Wozu diese Metaphern dienen, wird ausdrücklich angemerkt. Sie »sollen uns nur bei einem Versuch unterstützen […] uns die Komplikation der psychischen Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung zerlegen, und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Apparats zuweisen« (ebd., S. 541). Im Unterschied zu den Psychoanalytikern, die ihre Konzepte mit Metaphern gleichsetzen und dabei offenlassen, was ihre Metaphern bedeuten, verwendet Freud Metaphern, wenn er sie wissentlich einsetzt, als sinnbildliche Darstellungen theoretischer Konzepte, wobei er immer wusste, was die von ihm benutze Metapher meint. Dies lässt sich anhand weiterer Beispiele zeigen. Die Entwicklung und Rückkehr der Sexualstrebungen auf einen früheren Entwicklungsstand stellt Freud in einer Volks-Metapher dar: »Wenn ein ganzes Volk seine Wohnsitze verlässt, um neue aufzusuchen, wie es in früheren Perioden der Menschengeschichte oftmals geschah, so ist es gewiss nicht in seiner Vollzahl an dem neuen Orte angekommen. Von anderen Verlusten abgesehen, muss es sich regelmäßig zugetragen haben, dass kleine Haufen 1 Freud (1896c, S. 426) bezeichnet seine metaphorischen Darstellungen als »Gleichnis«. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 27 II Freuds Verwendung der Metapher oder Verbände der Wanderer unterwegs Halt machten und sich an diesen Stationen niederließen, während die Hauptmenge weiterzog […] wenn ein Volk in Bewegung starke Abteilungen an den Stationen seiner Wanderung zurückgelassen hat, so wird es den weiter Vorgerückten naheliegen, sich bis zu diesen Stationen zurückzuziehen, wenn sie geschlagen werden oder auf einen überstarken Feind stoßen. Sie werden aber auch umso eher in die Gefahr der Niederlage kommen, je mehr sie von ihrer Anzahl auf der Wanderung zurückgelassen haben« (1916/17a, S. 351ff.). Das analytische Eindringen in die versunkenen Areale der Seele vergleicht Freud mit dem Eindringen in archäologische Ruinen: »Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit verwischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse erweckte. Er kann sich damit begnügen zu beschauen, was frei zutage liegt. dann die in der Nähe hausenden, etwa halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste kundgegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und – weiterreisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken, Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken. Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich selbst; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Falle bilinguen Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und deren Entzifferung und Übersetzung ergibt ungeahnte Aufschlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtnis jene Monumente erbaut worden sind« (1896c, S. 426f.). Wie Parrish und Guttman (1989) meinen, verdeutlicht Freud mit dieser Archäologie-Metapher zugleich, dass das Unbewusste der Vergangenheit angehört. In der Unternehmer-Metapher, in der Freud (1900a, S. 566) das Verhältnis von Tagesrest und Unbewusstem im Traum darstellt, schreibt er: »Es ist sehr wohl möglich, dass ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und 28 II Freuds Verwendung der Metapher den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den Traum beistellt, ist alle Male und unweigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbewussten« (ebd.). Ebenso weiß Freud in der bekannten Telefon-Metapher, in der er die unbewusste Kommunikation von Analytiker und Patient beschreibt, was er damit darstellt: Der Analytiker soll »dem gebenden Unbewussten des Kranken sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Telefons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewusste des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten dieses Unbewusste, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen« (1912e, S. 381f.). Auch die Chirurgen-Metapher, in der Freud (ebd., S. 380) seinen Kollegen empfiehlt, »sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt«, erfüllt die nämliche Funktion. Dies gilt auch für die Spiegelmetapher – »[d]er Arzt soll undurchsichtig für den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird« (ebd., S. 384) – und für Freuds weitere Verwendung von Metaphern. Wir konnten bei ihm keine Metapher finden, mit der sich Traversos (2000) Annahme hätte rechtfertigen lassen, Freud habe in Metaphern neurophysiologischer Prozesse gedacht. Mit seinen Metaphern bringt Freud weder ihm unbekannte seelische, noch ihm unbekannte zentralnervöse Prozesse zum Ausdruck. Wenn er wissentlich Metaphern benutzte, benutzte er sie, um seine ausformulierten theoretischen Konzepte verständlich zu machen. Freuds unwissentliche Metaphern Wenn man genauer hinsieht, finden sich bei Freud allerdings auch Metaphern, die von ihm sicherlich nicht als Metaphern gedacht waren. Objektiv sind es insofern Metaphern, als sie seine eigenen Konzepte in einem ande- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 29 II Freuds Verwendung der Metapher ren Bereich als dem duplizieren, indem sie entstanden sind. Dies gilt beispielsweise für das Konzept der Urhorde, des Lebens- und Todestriebs und auch der Libido. Im Konzept der Urhorde (Quellbereich) wird der Ödipuskomplex (Zielbereich), der in der Ontogenese stattfindet, auf dem Gebiet der Phylogenese nochmals mit anderen Figuren und mit anderen Vorzeichen dargestellt. Hier sind es nicht die Söhne, die dem Vater den Tod wünschen und die Mutter für sich alleine besitzen wollen; es ist der Urvater, der seine Söhne in den Tod schickt und die Mutter für sich alleine besitzen will. In der phylogenetischen Metapher wird der Wunsch Realität und Aktivitäten sind umgekehrt, aber die Struktur – Tötung des gleichgeschlechtlichen Rivalen und alleiniger Besitz des gegengeschlechtlichen Objekts – bleibt gewahrt. Ohne darüber aufzuklären, was ihr Zielbereich ist, wird auch von Fonagy (2013) und Thompson (1991) Freuds Konzept des Lebens- und Todestriebs (Quellbereich), in dem dem Todestrieb »die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende in den leblosen Zustand zurückzuführen« (Freud, 1923b, S. 268), als Metapher verstanden. Durchforscht man Freuds Konzepte, wird sehr schnell erkennbar, dass sein Todestrieb-Konzeptstrukturell seinem Konzept des »primitiven Narzissmus« entspricht (1916/17f, S.  413), den er im »Mutterleibe« (ebd.) verortet, und dass dieses Konzept den Zielbereich der Metapher darstellt. Freud weist darauf hin, dass der Mensch »beim Schlafengehen eine […] Entkleidung seines Psychischen vornimmt, auf die meisten seiner psychischen Erwerbungen verzichtet und so von beiden Seiten her eine außerordentliche Annäherung an die Situation herstellt, welche der Ausgang seiner Lebensentwicklung war. Das Schlafen ist somatisch eine Reaktivierung des Aufenthalts im Mutterleibe mit der Erfüllung der Bedingungen von Ruhelage, Wärme und Reizabhaltung«. Die Rückkehr in diesen Zustand ist ebenso zwingend wie die im Todestrieb gefasste Rückkehr ins Anorganische: »So haben wir mit dem Geborenwerden den Schritt vom absolut selbstgenügsamen Narzissmus zur Wahrnehmung einer veränderlichen Außenwelt und zum Beginn der Objektfindung gemacht, und damit ist verknüpft, dass wir den neuen Zustand nicht dauernd ertragen, dass wir ihn periodisch 30 II Freuds Verwendung der Metapher rückgängig machen und im Schlaf zum früheren Zustand der Reizlosigkeit und Objektvermeidung zurückkehren« (1921c, S. 146). Unter Wahrung ihrer strukturellen Identität findet sich ein psychologisches Konzept in der Gestalt organischer Begriffe wieder. Während der Todestrieb das Organische in das Anorganische zurückführt, aus dem es entstanden ist, führt der primitive Narzissmus den Menschen in den Zustand zurück, aus dem er geboren wurde. Mit »Libido« bezeichnet Freud (1917a, S. 4) »die Kraft, mit welcher der Sexualtrieb im Seelenleben auftritt« und das Verhalten dieser Kraft verdeutlicht er in der bekannten Amöben-Metapher. Er begriff das Ich als »ein großes Reservoir, aus dem die für die Objekte bestimmte Libido ausströmt, und dem sie von den Objekten her wieder zufließt« (ebd., S. 6), und fügt an: »Zur Versinnlichung dieses Verhältnisses denken wir an ein Protoplasmatierchen, dessen zähflüssige Substanz Pseudopodien (Scheinfüßchen) aussendet, Fortsetzungen, in welche sich die Leibessubstanz hineinerstreckt, die aber jederzeit wieder eingezogen werden können, so dass die Form des Protoplasmaklümpchens wieder hergestellt wird« (ebd.). Auch wenn Freud für sein Konzept der Libido Metaphern entwickelt, ist Libido selbst schon eine Metapher (Zepf, 2010). Swanson (1977) und Rosenblatt und Thickstun (1970) beispielsweise argumentieren mit Recht, dass energetische Aussagen tautologischen Charakter haben, dass in ihnen ein motivationaler, durch Gefühle begründeter Sachverhalt lediglich in einer anderen Sprache dupliziert wird. Man beobachtet beispielsweise, dass eine Person nur sich selbst liebt und andere Menschen nicht lieben kann, »erklärt« dies mit einer starken libidinösen Besetzung seiner Selbstrepräsentanz und einer mangelhaften Besetzung der Objektrepräsentanzen und nimmt den gewonnenen Eindruck als Beleg. Mit dem Argument, dass libidinöse Aussagen einen gefühlsbestimmten Sachverhalt verdoppeln, wird ihr metaphorischer Charakter implizit benannt. »Besetzung« ist eine andere Bezeichnung für das Vorhandensein von Gefühlen und insofern deren Metapher. Dies wir auch von Modell (2005) und Pollock (1980) so gesehen. Beide gehören zu den Ausnahmen, die über den Zielbereich der psychoanalytischen Konzepte Auskunft geben, die sie als Metaphern beurteilen. »The term cathexis«, schreibt 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 31 II Freuds Verwendung der Metapher Modell (2005, S. 561), »can be reinterpreted as a potentially free-floating source of attention that invests an object with meaning«, und auch Pollock (1980, S. 8) meint, dass man Besetzung durch »significance or meaning« ersetzen kann. Libido kommt aus dem organischen Quellbereich der Metapher und die Gefühle gehören in ihren psychologischen Zielbereich. In Formulierungen wie »affektbesetzte[.] seelische[.] Vorgänge[.]« (Freud, 1905d, S. 63), »affektbesetzte Vorstellungen und Erinnerungen« (1906c, S. 8), »affektbesetzte Gedanken« (1907b, S. 132), »affektbesetzte Denkvorgänge« (1913a, S. 17) beziehungsweise »affektiv besetzte[.] Vorstellungen« (1926f, S. 301) bringt Freud das mit dem Begriff »Libido« metaphorisch Dargestellte zum Ausdruck. Auffällig ist, dass diese unwissentlichen Metaphern der Konzepte Freuds zwar aus seiner Sicht empirisch substantiiert sind, objektiv aber eines empirischen Substrats entbehren. Habermas (1968, S. 308) wendet gegen das energetische Konzept der Libido mit Recht ein, dass es »nur den Anschein [erzeugt], als würden sich die psychoanalytischen Aussagen auf messbare Energieverwandlungen beziehen« und so gefasst ist, dass »Beobachtbarkeit zwar sprachlich assoziiert, aber tatsächlich nicht eingelöst wird – und nicht eingelöst werden kann«. Im Hinblick auf die Urhorde argumentiert zum Beispiel Wallace (1983), dass sich bisher nirgendwo Anhaltspunkte finden ließen, die eine ubiquitäre Existenz von Freuds Urhorde wahrscheinlich machen konnten. Und in Bezug auf den Todestrieb weisen beispielsweise Brun (1953/54) und Benedek (1973) darauf hin, dass es weder in der humanen noch in der subhumanen Biologie Beobachtungen gibt, die die Annahme eines Todestriebes rechtfertigen könnten und dass diese Annahme in Widerspruch zu sämtlichen biologischen Prinzipien steht. Weitere unwissentliche Metaphern der Konzepte Freuds Dass auch in postfreudianischen Konzepten verschwiegene Anleihen bei Freuds theoretischen Konzepten gemacht und sie in anderen begrifflichen Zusammenhängen verwendet wurden, lässt sich exemplarisch an folgenden Konzepten zeigen. Wie bei Metaphern üblich, weisen auch die anders etikettierten und in andere begriffliche Kontexte einbezogenen Konzepte eine »strukturelle[.] Analogie« (Buhr, 1964, S. 61) mit den Konzepten Freuds auf. 32 II Freuds Verwendung der Metapher Schultz-Henckes Konzept des retentiven Antriebserleben Schultz-Henckes (1951, S. 28) Konzept des »retentive[n], anale[n] Antriebserleben« ist zwar anders begründet, strukturell aber identisch mit dem »Zurückhalten der Exkremente« auf der Grundlage des analen Triebs, das in Freuds (1916/17a, S. 335) Auffassung zeigt, dass das Kind »nach Organlust strebt.« Bowlbys Konzept des eigenständigen Bindungsverhalten Auch das Konzept eines eigenständiges Bindungsverhalten, das Bowlby (1969, S. 30f.) und seine Nachfolger postulieren, ist gleichermaßen anders begründet und ebenfalls, wie Astley (1970, S. 153), Bernardi (1998, S. 801) und A. Freud (1960, S. 55) betonen, mit Freuds (1914c, S. 154) Konzept der Objektbeziehung »nach dem Anlehnungstypus« strukturell identisch. Bions Konzept der avoidance of memory and desire Desgleichen entspricht Bions (1970, S. 34) Auffassung, dass in der psychoanalytischen Behandlung aufseiten des Psychoanalytikers »avoidance of memory and desire« erforderlich sind, strukturell Freuds (1912e, S. 377) Aufforderung zur »gleichschwebende[n] Aufmerksamkeit«. Auch die gleichschwebende Aufmerksamkeit setzt die Abwesenheit von Erinnerungen und Wünschen voraus. Bions Konzept der B-elements Dasselbe gilt für Bions (1963, S. 22) Konzept der »B-elements«. Er definiert sie als »the earliest matrix from which thoughts can be supposed to arise. It partakes of the quality of inanimate object and psychic object without any form of distinction between the two. Thoughts are things, things are thoughts.« Erinnert man sich, dass in Freuds (1920g, S. 68) Auffassung die »Primärvorgänge […] die zeitlich früheren [sind], zu Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen«, und dass im Primärvorgang eine »Ersetzung der 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 33 II Freuds Verwendung der Metapher äußeren Realität durch die psychische« (ebd., S. 286) vorliegt, wird offensichtlich, dass Bion mit seinen »B-elements« Produkte des von ihm zurückgewiesenen Primärvorgangs beschreibt. Kernbergs Konzept der Spaltung Ebenso ist auch das insbesondere von Kernberg (1975) entwickelte Konzept der Spaltung, das sich klinisch (ebd., S. 52f.) in einem Oszillieren zwischen zwei Gefühlszuständen darstellt, mit einem Konzept Freuds strukturell identisch. Wenn sich der Patient bei einer ambivalenten Gefühlslage in einem dieser Gefühlszustände befindet, ist er sich zwar im Klaren, »dass seine momentanen Wahrnehmungen. Gedanken und Gefühle in Bezug auf sich selbst oder andere Personen völlig im Gegensatz zu dem stehen, was er zu anderen Zeiten wahrnahm, dachte, fühlte; aber dieses Wissen hat für ihn keine emotionale Relevanz […] Was der Patient in einem Moment verleugnet, ist etwas, worum er zugleich in anderen Bereichen seines Bewusstseins durchaus weiß, d. h. es werden Emotionen verleugnet, die er schon einmal erlebt hat (woran er sich auch erinnern kann), und es wird die emotionale Relevanz einer bestimmten Realsituation verleugnet, die dem Patient immer bewusst war.« Konsultiert man die Konzepte Freuds, lässt sich schnell entdecken, dass das Konzept der Spaltung Freuds Konzept der Isolierung nachgebildet ist. Das Oszillieren zwischen zwei Gefühlszuständen lässt sich jedenfalls problemlos mithilfe dieses Konzepts begründen. Nachdem Freud bereits 1894 die Isolierung in der Formulierung »die Abwehr der unerträglichen Vorstellung [war] durch Trennung derselben von ihrem Affekt geschehen; die Vorstellung war, wenngleich geschwächt und isoliert, dem Bewusstsein verblieben« (Freud, 1894a, S. 72) der Sache nach erwähnt, wird diese Feststellung 32 Jahre später in die Definition dieses Begriffs als ein Vorgang aufgenommen, in dem ein »Erlebnis […] nicht vergessen, aber […] von seinem Affekt entblößt« wird, sodass es »wie isoliert dasteht« und der Affekt »auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit reproduziert« werden kann (1926d, S. 151). Der Affekt selbst kann dabei in dem Sinne unbewusst werden, dass er auf »eine Ansatzmöglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen durfte«, reduziert wird (1915e, S. 277). 34 II Freuds Verwendung der Metapher Mithilfe der Isolierung lässt sich die Bewältigung der ambivalenten Gefühlslage und ihrer klinischen Erscheinung mithin mit der Annahme begründen, dass die Gefühle der einen oder anderen Seite der Ambivalenz von der mit ihnen verbundenen Selbst- und Objektrepräsentanz isoliert und in dem zuvor beschriebenen Sinne unbewusst werden. Da im Bewusstsein nur mehr die dazu gegenläufigen Gefühle vorliegen, verliert eine bestimmte »Realsituation«, die in mit diesen Gefühlen einherging, teilweise ihre »emotionale Relevanz« (Kernberg, 1975, S. 53). Wurden auf diesem Wege negative Gefühle zum Verschwinden gebracht, herrschen im Bewusstsein die positiven Gefühle vor, die ebenfalls mit der Selbst- und Objektrepräsentanz verbunden waren. Würde in dieser Situation nach dem anderen Bewusstseinszustand gefragt, könnte sich das Individuum zwar noch erinnern, dass es diese negativen Gefühle hatte. Da aber diese Gefühle dem Erleben nicht mehr zugänglich sind, hätte dieses Wissen, wie Kernberg (ebd., S. 52) betont, für das Individuum »keinerlei emotionale Relevanz« mehr. Kohuts Konzept der horizontalen und vertikalen Spaltung Kohut (1971, S. 215) hat noch die Konzepte der »horizontalen« und »vertikalen« Spaltung in die Debatte eingeführt. Die »horizontale Spaltung« bezieht sich auf unbewusste Triebwünsche, die durch die »Verdrängungsschranke« (ebd.) aus dem Bewusstsein ferngehalten werden, und die »vertikale Spaltung« bezieht sich auf narzisstische Grö- ßenfantasien, die »durch Verleugnung aufrechterhalten« werden (ebd.). Wie auch Modell (1986, S. 384) anmerkt, ist dieses Konzept eine »metaphor for Freud’s denial and repression«. Das Konzept der »horizontalen« Spaltung referiert auf das Fernhalten unbewusster Wünsche vom Bewusstsein und dupliziert Freuds (1915d) Konzept der Verdrängung unter Wahrung seiner Struktur in anderen Worten: Das »Wesen« der Verdrängung besteht »nur in der Abweisung und Fernhaltung vom Bewussten« (ebd., S. 250). Das Konzept der »vertikalen« Spaltung wiederum, mit der mittels Größenfantasien die eigene Realität verleugnet wird, verdoppelt Freuds Begriff der Verleugnung, den er durchgehend im Sinne einer Verleugnung einer unlustvollen Realität mittels Ersatzbildungen verwendet (z. B. 1894a, S. 72; 1911b, S. 230; 1916–17f, S. 424f; 1927e, S. 312). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 35 II Freuds Verwendung der Metapher Zusammenfassung Eine Metapher ist ein Gebilde, in dem eine Aussage aus dem Quellbereich der Metapher, in einer anderen Aussage, die aus dem Zielbereich der Metapher stammt, zur Sprache gebracht wird. Einvernehmlich mit diesem Verständnis konnten wir feststellen, dass Freud, indem er seine theoretischen Konzepte in Metaphern darstellt, Metaphern wissentlich nutzt, um ein besseres Verständnis seiner Konzepte zu erreichen und immer weiß, welche Aussage aus dem Zielbereich er in einer anderen Aussage aus dem Quellbereich der Metapher darstellt. Zugleich erwiesen sich bestimmte Konzepte Freuds – Urhorde, Todestrieb, Libido – selbst als metaphorische Darstellungen anderer Konzepte, die er bereits entwickelt hatte. Wie wir exemplarisch an den Konzepten des retentiven Antriebserleben (Schultz- Hencke), eines eigenständigen Bindungsverhalten (Bowlby), der »avoidance of memory and desire« (Bion), der B-elements (Bion), der Spaltung (Kernberg) und der vertikalen und horizontalen Spaltung (Kohut) gezeigt haben, trifft dies auch auf diese postfreudianischen Konzepte zu. 37 III Metapher – Begriff – Erkenntnis »Die Gesamtheit der Merkmale eines Begriffs heißt in der Logik bekanntlich sein ›Inhalt‹, die Gesamtheit der Gegenstände, die er bezeichnet, wird sein ›Umfang‹ genannt.« Moritz Schlick (1918) Bislang haben wir den Begriff »Metapher« erörtert, unser Verständnis der Metapher definiert, Freuds Verwendung der Metapher dargelegt, festgestellt, dass Freud seine theoretischen Konzepte in übertragenem Sinn in Metaphern darstellt, entdeckt, dass er selbst unwissentlich einige seiner Konzepte in anderen Konzepten dupliziert und dass postfreudianische Autoren unwissentlich seine Konzepte selbst metaphorisch verwenden. Gleichgültig, ob er seine Konzepte wissentlich in nicht-psychoanalytischen Metaphern darstellt, sie unwissentlich in anderen psychoanalytischen Konzepten verdoppelt oder ob sie von anderen Autoren unwissentlich metaphorisch dupliziert werden, in allen Fällen ist zu erkennen, was Freud in den Metaphern metaphorisch darstellt beziehungsweise was in ihnen zur Darstellung gebracht wird. Im Licht des Verständnisses der Metapher als strukturell identische Duplikate anderer Aussagen wollen wir die Konsequenzen in Augenschein nehmen, die sich aus der von Psychoanalytikern vorgenommen Gleichsetzung von theoretischen Konzepten mit Metaphern ergeben. Darüber hinaus wollen wir über die Differenz von Metapher und Begriff in der Erkenntnisbildung aufklären. Im Gegensatz zu Freuds wissentlicher Verwendung der Metapher werden mit der Gleichstellung von psychoanalytischen Konzepten und Metaphern durch postfreudianische Psychoanalytiker die psychoanalytischen Konzepte ihres spezifischen Inhalts entleert. Da das in den Metaphern abgebildete Original namenlos und unerkannt bleibt, kann der Wortlaut der Metapher nach eigenem Gutdünken auf Beliebiges bezogen werden. Im Urteil von Edelson (1983) entstellen deshalb die postfreudianischen Metaphern die Wirklichkeit in derselben Weise, in der der manifeste Trauminhalt unsere unbewussten Wünsche verzerrt darstellt. 38 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Da nur das metaphorisch Dargestellte einen Realitätsbezug haben kann, seine metaphorische Darstellung aber keinen solchen Bezug haben muss, die Wahrheitsfrage für Metaphern die Wahrheitsfrage mithin suspendiert ist, wird verständlich, dass die Metaphorisierung psychoanalytischer Konzepte mit der Sorge einherging, die Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse könnte verloren gehen. Rückt man nämlich den damit einhergehenden wahrheitslosen Zustand der Psychoanalyse in die Perspektive von Francis Bacons (1623, zit.  n. Wood, 1893, S.  383) Feststellung »Scientia nihil aliud est quam veritatis imago«,1 wird mit dem Verlust des Anspruchs auf Wahrheit der wissenschaftliche Status der Psychoanalyse infrage gestellt. Dem Einwand, dass ein metaphorisches Unternehmen mit der beanspruchten Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse nur wenig korrespondiert, wurde unter anderem mit Hinweis auf Lakoff und Johnson (1980) entgegnet (z. B. Wallerstein, 2011), dass Metaphern grundlegende und konstruktive Prozesse sind, mit denen wir die Welt konzeptualisieren und unsere Ideen erzeugen. Metaphern könnten »Realitäten schaffen«, meinen Lakoff und Johnson (1980, S. 179), und wir definierten »unsere Realität von Metaphern her. Wir ziehen Schlussfolgerungen, verfolgen Ziele, gehen Verpflichtungen ein und führen Pläne aus. Und das alles geschähe auf der Grundlage dessen, wie wir unsere Erfahrung […] mittels der Metapher partiell strukturieren« (ebd., S. 182). Dasselbe lässt sich auch von Begriffen sagen, sodass Metaphern und Begriffe faktisch gleichgesetzt werden. Für Lakoff und Johnston sind Metaphern Eigenschaften von Begriffen und wie Metaphern einen Sachverhalt in anderen als in den ihm zugehörigen Begriffen zur Sprache bringen, würden wir auch »die meisten Konzepte partiell von anderen Konzepten her verstehen« (ebd., S. 70). Deshalb sei »der größte Teil unseres alltäglich wirksamen Konzeptsystems im Kern metaphorisch angelegt« (ebd., S. 12). Wissenschaft ist an begriffliches Denken gebunden, sodass die Gleichstellung von Begriff und Metapher unter der Bedingung, dass man die genannten Metaphern im Sinne von Lakoff und Johnston versteht, zu erlauben schien, trotz des metaphorischen Charakters psychoanalytischer Konzepte am wissenschaftlichen Status der Psychoanalyse festzuhalten. Denkt man hegelianisch, könnte man Metapher und Begriff durchaus gleichsetzen. Bei näherem Hinsehen wird aber fraglich, ob Begriff und Metapher nur verschiedene Worte für das Nämliche sind und mit ihrer 1 Dt.: »Die Wissenschaft ist nichts als das Abbild der Wahrheit.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Gleichsetzung die Wissenschaftlichkeit eines Unternehmens begründet werden kann, das mit Metaphern operiert. Wie es bei Freuds wissentlichem Gebrauch von Metaphern der Fall war, muss man bei der Verwendung von Metaphern wissen, was metaphorisch dargestellt wird. Sonst könnte man nicht verstehen, was mit einer Metapher gemeint ist. Im Verständnis psychoanalytischer Konzepte als Metaphern, das in der Zeit nach Freud aufkam, bleibt das metaphorisch Dargestellte jedoch unbestimmt, sodass diese Metaphern – wir haben darauf hingewiesen – sich dem anähneln, das Jones (1916, S. 949) unter dem Titel »eigentliche Symbolik« beschrieben hatte. Metapher und Begriff – Gemeinsamkeiten und Unterschiede Des Weiteren verkennt die Gleichsetzung von Metapher und Begriff in der Erkenntnisbildung die wesentliche Differenz zwischen beiden. Worte bedeuten Begriffe und Begriffe bilden die Grundlage der Erkenntnis. Wie aus unserem Eingangszitat hervorgeht, haben Begriffe eine durch Abstraktion gewonnene Intension, einen Inhalt, und eine Extension, einen Umfang. Der Begriffsinhalt ist ein Komplex von Merkmalen, die den Objekten gemein sind, die innerhalb des Umfangs eines Begriffs liegen. Zum Umfang des Begriffs »Tisch« gehören etwa »all the tables that exist or can be thought of, irrespective of their material, shape, color, number of legs, or use. The content of the concept ›table‹ which may be referred to as ›tableness‹, is the elusive common characteristic of all tables. ›Tableness‹ exists nowhere, but still is inherent to all tables« (Rapaport et al., 1968, S. 191). Ohne den Inhalt des Begriffs »Tisch« und ohne das Gemeinsame verschiedener Tische als »Tischhaftigkeit« abstrahiert zu haben, könnte ein bestimmtes wahrgenommenes Objekt – etwa ein Holzbrett mit vier Beinen – nicht als »Tisch« erkannt werden. Grundlegend für die Erkenntnis ist eine abstrakte Identitätsrelation. Kröber (1964, S. 503) beschreibt diesen Sachverhalt so: »Die abstrakte Identität ist unerlässlich, um den identisch-einen Sachverhalt, von dem die Rede sein soll, als diesen identisch-einen Sachverhalt zu 40 III Metapher – Begriff – Erkenntnis charakterisieren. Aufgabe der abstrakten Identitätsrelation ist es […], dass man […] den allgemeinen Sachverhalt […] überall wieder in seinen verschiedenen Erscheinungsformen als diesen identisch-einen allgemeinen Sachverhalt wiedererkennt.« »Etwa begreifen«, sagt Graumann (1965, S. 36), »heißt, etwas Besonderes als zu etwas Allgemeinem gehörig aufzufassen. Etwas als etwas erkennen ist die formale Struktur dieser so alltäglichen […] kognitiven Leistung.« Um also einen Tisch als »Holzbrett mit vier Beinen«, um im Identischen das Verschiedene zu erkennen, muss der Tisch dementsprechend noch als Objekt anderer Abstraktionen, der intensionalen Bestimmungen anderer Begriffe, ausgewiesen werden können, in diesem Fall der intensionalen Bestimmungen der Begriffe »Holzbrett«, »vier« und »Beine«. Während in Begriffen die als Vorstellung repräsentierten Objekte ideell abgebildet werden (Klaus, 1962), wird in Metaphern das begrifflich bereits Abgebildete in anderen Begriffen reproduziert.2 Wie genau die extensionalen Bestimmungen eines metaphorisch verwendeten Begriffs des Quellbereichs diese Bestimmungen des Begriffs des Zielbereichs abbilden, lässt sich beispielsweise an Kövecses’ (2002, S. 8) Metapher »Love is a journey« zeigen, in dem er Elemente, die zu den extensionalen Bestimmungen der Begriffe »Liebe« und »Reise« gehören, gegenüberstellt (ebd., S. 9): »Source: JOURNEY Target: LOVE the travellers → the lovers the vehicle → the love relationship itself [Events on] the journey → events in the relationship the distance covered → the progress made the obstacles encountered → the difficulties experienced decisions about which way to go → choices about what to do the destination of the journey → the goal(s) of the relationship.« 2 Das Grundprinzip der Bildung von Metaphern beschreibt Blank (2001, S. 75) wie folgt: »Ein Konzept (oder ein konkreter Referent) wird mit einem Wort bezeichnet, dessen angestammtes Konzept einem ganz anderen Bereich unseres Weltwissens angehört. Der innovierende Sprecher rückt dabei eine meist periphere, perzeptuelle oder funktionelle oder auch nur (inter)subjektiv empfundene Similarität der beiden Konzeptbereiche ins Rampenlicht. Der dabei stattfindende Vorgang wird in […] der Kognitiven Linguistik als ›domain mapping‹ […] bezeichnet«. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 41 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Wie in unserem eingangs erwähnten Beispiel einer Metapher »Achilles ist ein Löwe« Achilles und Löwe nicht identisch gesetzt sind, werden auch in Kövecses’ Metapher »Liebe« (Zielbereich) und »Reise« (Quellbereich) nicht einander gleichgestellt. Vielmehr wird »Achilles« mit »Löwe« beziehungsweise »Liebe« mit »Reise« prädiziert. Diese Prädikationsstruktur gilt für Metaphern generell: Zwei Konzepte werden in einer Metapher miteinander verbunden, indem Eigenschaften des einen auf das andere bezogen werden (Strauß, 1991, S. 133f.).3 Allerdings werden bei der metaphorischen Verwendung eines Konzepts aus dem Quellbereich, wie Strauß et al. (1989, S. 662) betonen, dem Zielobjekt nicht alle Eigenschaften zugeschrieben, die bei wörtlicher Verwendung dem Konzept aus dem Quellbereich zugeschrieben würden, sondern nur eine oder einige besondere Eigenschaften. Wenn Achilles als Löwe bezeichnet wird, ist damit ebenso wenig gemeint, dass er auf vier Beinen geht, beige-braun behaart ist, brüllt und eine mächtige Mähne besitzt, wie Kövecses’ Metapher bedeutet, dass zur Liebe eine Fahrkarte oder ein Fahrplan benötigt wird. Bei der metaphorischen Verwendung von Löwe werden Achilles nicht alle Eigenschaften eines Löwen zugeschrieben, sondern nur die Eigenschaften »tapfer, »wild«, »mutig« und »Kampf«, und in Kövecses’ Metapher werden der Liebe nicht alle Eigenschaften einer Reise zugesprochen, sondern nur die, die von Kövecses angeführt werden. Neben anderen sind diese speziellen Eigenschaften in der extensionalen Bestimmung des Konzepts aus dem Quellbereich enthalten. Begriffstheoretisch gesehen referieren die Worte »Reise« und »Liebe« auf Begriffe, wie jeder Begriff haben die Begriffe »Reise« und »Liebe« eine intensionale und extensionale Bestimmung und ihre Vorstellungen liegen innerhalb des Umfangs ihres Begriffs. Im Fall der Prädikation von »Liebe« mit »Reise« wird in Kövecses’ Metapher die Intension des Begriffs »Reise« des Quellbereichs mit den von Kövecses angeführten extensionalen Bestimmungen in die Extension des Begriffs »Liebe« des Zielbereichs eingefügt und unter dessen Intension subsumiert. Vermittelt über die Intension des Begriffs »Reise« sind auch die Kövecses angeführten Extensionen dieses Begriffs unter die Intension des Begriffs 3 Dies gilt auch für Harald Klingelhöllers bekannte Metapher »Die Wiese lacht«. Der Zielbereich dieser Metapher ist ein lächelndes Gesicht und in diesem Fall ruft die Wiese im Betrachter dieselbe Gefühlslage – das »Tertium comparatonis« (Freud, 1916–1917a, S. 154) – hervor, den ein lächelndes Gesicht hervorrufen würde. 42 III Metapher – Begriff – Erkenntnis »Liebe« des Zielbereichs subsumiert, sodass »Liebe« in mystifizierter Form in den Begriffen zum Ausdruck gebracht werden kann, die sich auf Aspekte einer Reise beziehen. In der Metapher ist bspw. die Vorstellung der Reisenden, die vermittelt über die Intension des Begriffs »Reise« zu der Extension des Begriffs »Liebe« gehört, zugleich unter der Intension des Begriffs »Reisende« subsumiert, sodass die Vorstellung der Liebenden als Reisende dargestellt werden kann. Bei Metaphern wird ein Wort homonym, das heißt für verschiedene Begriffe benutzt – das Wort »Reise« wird auch für den Begriff »Liebe« gebraucht –, und verschiedene Begriffe werden synonym verwendet, weisen dieselbe Erkenntnis aus und liegen auf derselben Abstraktionsebene. Im erwähnten Beispiel liegen die Begriffe »Liebe« und »Reise« auf derselben Abstraktionsebene, werden synonym verwendet und stellen denselben Sachverhalt dar. In der Erkenntnisbildung hingegen werden Worte nicht homonym und Begriffe nicht synonym verwendet. Auch liegen bei der Anwendung von Begriffen auf Begriffe die Begriffe nicht auf derselben Abstraktionsstufe und duplizieren nicht das in anderen Begriffen schon Begriffene. In diesem Fall referieren unterschiedliche Worte auf unterschiedliche Begriffe und Begriffe, die auf einer höheren Abstraktionsstufe liegen, explizieren die Intension und die Extensionen der Begriffe, auf die sie sich beziehen. Wie andernorts dargelegt (Zepf, 2006), sind Begriffe in einem sich in mehrere Abstraktionsstufen gliedernden System in der Weise verbunden, dass die intensionalen Bestimmungen der Begriffe der tiefer liegenden Abstraktionsstufen die extensionalen Bestimmungen der Begriffe bilden, die auf der nächsthöheren Abstraktionsstufe situiert sind. Diese systematische Verbindung des begrifflichen Systems erlaubt, im Besonderen das Allgemeine und im Allgemeinen das Besondere zu erkennen. Beispielsweise ermöglichen andere Begriffe, die intensionale Bestimmung des Begriffs »Baum« zu erkennen – »hohe Holzpflanze, die meist über drei Meter hochwächst, in der Regel einen aufrechten Stamm entwickelt, der sich gar nicht oder erst in gewisser Höhe verzweigt« (Kompaktlexikon der Biologie, 2018). Die intensionale Bestimmung von »Baum« gestattet in seinen extensionalen Bestimmungen, zu denen die intensionalen Bestimmungen der Begriffe »Fichte«, »Buche«, »Esche« gehören, das Allgemeine in den besonderen Vorstellungen der Fichte, Buche und Esche auf den Begriff »Baum« zu bringen. Die intensionalen Bestimmungen der Begriffe »Fichte«, »Buche«, »Esche«, die in den extensionale Bestimmungen des Begriffs »Baum« liegen, erlauben die einzelnen Vorstellungen der Fichte, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 43 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Buche und Esche als Fall der Allgemeinen, des Baums und zugleich als einzelnen Fall einer »Fichte«, »Buche« oder »Esche« zu erkennen. Analog zu den Metaphern, die aufgrund einer strukturellen Identität das bereits Begriffene in anderen Begriffen verdoppeln, die aus einem anderen Bereich stammen und das Identische im Verschiedenen darstellen, stehen auch die Begriffe, die in der Erkenntnisbildung auf andere Begriffe angewendet werden, auf der Grundlage einer strukturellen Identität miteinander in Beziehung. Im Unterschied zur Metapher gehören aber die Begriffe demselben Bereich an und das in einem Begriff stumm Enthaltene wird nicht dupliziert, sondern expliziert, indem es auf den ihm entsprechenden Begriff gebracht wird. Da den extensionalen Bestimmungen eines Begriffs dessen Intension gemeinsam ist, sind sie bei all ihrer Verschiedenheit in dieser Hinsicht strukturell identisch. Wie wir schon sagten, bringt beispielsweise die Intension des Begriffs »Baum« das Allgemeine der Baumarten Fichte, Buche und Esche zum Vorschein, hinsichtlich dessen sie strukturell identisch sind. Zugleich explizieren die Begriffe »Fichte«, »Buche«, »Esche« die Extensionen des Begriffs »Baum« und bringen im Identischen – dem Baum – das Verschiedene – die Fichte, Buche, Esche –, die je besondere Existenz ihres Identischen zum Vorschein. Begriffstheoretisch erläutert ergibt sich, dass in der Bildung von Metaphern und in der Erkenntnisbildung Worte unterschiedlich verwendet und Begriffe in unterschiedlicher Weise aufeinander bezogen werden. Wir stellen diese unterschiedlichen Verwendungen von Worten und Begriffen nochmals zusammenfassend einander gegenüber: Bildung von Metaphern Erkenntnisbildung Worte werden homonym verwendet werden nicht-homonym verwendet Begriffe werden synonym verwendet werden nicht synonym verwendet liegen auf derselben Abstraktionsebene liegen auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen Intensionen und Extensionen werden noch unter Intensionen subsumiert, die ihnen sachlich nicht zugehören Extensionen werden nur unter Intensionen subsumiert, die ihnen sachlich zugehören duplizieren die intensionalen und extensionalen Bestimmungen anderer Begriffe explizieren die intensionalen und extensionalen Bestimmungen anderer Begriffe sind mit dem Duplizierten strukturell identisch und stellen im Verschiedenen das Identische dar sind mit dem Explizierten strukturell identisch und stellen im Verschiedenen das Identische und im Identischen das Verschiedene dar 44 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Gemessen an diesen Kriterien erweist sich, dass psychoanalytische Konzepte, sofern sie sich innerhalb ihres kategorialen Systems aufeinander beziehen, keine Metaphern sind. »Verdrängung« beispielsweise meint allgemein »etwas von seiner Stelle drängen oder schieben« (Wiktionary, 2018a; intensionale Bestimmung des Begriffs »Verdrängung«). Im psychoanalytischen Verständnis der Verdrängung als »etwas aus dem Bewusstsein drängen« wird mithin ein Fall der intensionalen Bestimmung der »Verdrängung« etwas Spezielles des Allgemeinen formuliert und im Identischen das Verschiedene auf den Begriff gebracht. In diesem Beispiel werden Begriffe nicht synonym gebraucht, wird nicht das in einem Bereich schon Begriffene in den Begriffen eines anderen Bereichs dupliziert. Vielmehr wird aus den vielfältigen Extensionen eines Begriffs eine seiner Extensionen auf einen gesonderten Begriff gebracht. In dem Beispiel der Verdrängung bringt die psychische Verdrängung eine extensionale Bestimmung des allgemeinen Begriffs »Verdrängung« zur Sprache, Dasselbe gilt auch für die Kategorien von Marx und Engels. Nehmen wir die Aussage »die Aneignung des Mehrwerts ist eine Ausbeutung des Menschen« als Beispiel. »Aneignung« meint allgemein »sich etwas zu eigen machen« (intensionale Bestimmung des Begriffs »Aneignung«) und Ausbeutung bedeutet eine »gewissenlose, überzogene, unangemessene Nutzung« (Wiktionary, 2018b). Im obigen Satz spezifiziert somit die Formulierung »Ausbeutung des Menschen« die »Aneignung des Mehrwerts«, die »Aneignung des Mehrwerts« die allgemeine Bestimmung der Aneignung »sich etwas zu eigen machen« und beide fassen das im Identischen Verschiedene in Begriffe. Auch in diesem Beispiel werden Begriffe nicht synonym gebraucht, wird nicht das in einem Bereich schon Begriffene in den Begriffen eines anderen Bereichs dupliziert. Auch hier wird aus den vielfältigen Extensionen eines Begriffs eine seiner Extensionen auf einen gesonderten Begriff gebracht. In diesem Beispiel wird mit »Ausbeutung« eine der extensionalen Bestimmungen des Syntagmas »Aneignung des Mehrwerts« und mit diesem Syntagma eine extensionale Bestimmung der »Aneignung« auf den Begriff gebracht. Aber auch wenn die psychoanalytischen Konzepte in begriffstheoretischer Hinsicht keine Metaphern sind, verhindert dies natürlich nicht, sie gleichwohl als Quellbereich für eine metaphorische Darstellung einer Aussage aus einem anderen Zielbereich in Anspruch zu nehmen. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 45 III Metapher – Begriff – Erkenntnis Zusammenfassung Wir haben über den Unterschied von Begriff und Metapher aufgeklärt und klargestellt, dass psychoanalytische Konzepte per se keine Metaphern sind. Werden sie als Metaphern verstanden, kann der wissenschaftliche Status einer mit konzeptuellen Metaphern arbeitenden Psychoanalyse mit Hinweis auf Lakoff und Johnson (1980) nicht begründet werden. Ebenso wenig lässt sich mit den sogenannten »scientific metaphors« Wallersteins (2011, S. 102) der wissenschaftliche Status der Psychoanalyse rechtfertigen. Augenscheinlich ist auch Wallerstein skeptisch gegenüber der Gleichstellung von Metapher und Begriff. Er meint jedenfalls mit »scientific« nicht eine qualitative Spezifizierung der Metapher, sondern lediglich den Gebrauch von Metaphern in einer Wissenschaft. Für Wallerstein (ebd.) sind Metaphern aus sozialpsychologischen Gründen notwendig, nämlich »to satisfy our variously conditioned needs for closure and coherence and overall theoretical explanation«. Auch wenn Wurmser (1977, S. 477) behauptet, dass »[a]ll science is the systematic use of metaphor« – und Wissenschaft als begriffs- und erkenntnislos und damit für überflüssig erklärt –, charakterisieren Metaphern die Psychoanalyse eher als eine Kunstform und haben in der psychoanalytischen Theorie nichts zu suchen, wenn sie Wissenschaft sein will. Dies ergibt sich auch aus der bereits erwähnten (2002) Aufzählung der Eigenschaften von Metaphern von Kövecses’, die die meisten Menschen in ihrem Alltagsverständnis Metaphern zuschreiben. Dazu gehört das Verständnis von Metaphern als rhetorische oder künstlerische Mittel und als Redewendungen, auf die man ohne Erkenntnisverlust verzichten kann. Da aber psychoanalytische Konzepte als Metaphern verstanden werden, werden wir angesichts des unklaren Inhalts dieser Metaphern den Begriff »Metapher« im Folgenden erweitern und auf das Kriterium »bewusstseinsfähig« für das metaphorisch Dargestellte verzichten. Mit Lakoff und Johnson (1980; s. auch Weinrich, 1967, S. 318) werden wir auch die rhetorischen Differenzierungen – wie Sprichwort, Symbol, Chiffre, Vergleich und Allegorie – außer Acht lassen und den Begriff »Metapher« generell für die Übertragung von Bedeutung von einem Bereich in einen anderen verwenden. Das heißt, wie schon Arlow (2008),4 Beres (1962), Blum 4 In »metaphor, as in dreams, a single phrase or expression may be the conscious representative of unconscious fantasy activity« (Arlow, 2008, S. 27). 46 III Metapher – Begriff – Erkenntnis (1978), Edelson (1983),5 Isaacs (1939) und Levenson (2000) werden auch wir die von Jones (1916, S. 949) beschriebene Darstellung von unbewusstem Material unter diesen Begriff subsumieren und auch Rangell (1987) nicht folgen, der Metapher und Symbol in derselben Weise wie Jones unterscheidet.6 Orientiert man sich bei solchen Metaphern an den von der Psychoanalyse beschriebenen Ersatzbildungen unbewusster Prozesse, kann man gleichwohl festhalten, dass der Bildung von Metaphern eine Prädikationsvorgang zugrunde liegt und berechtigt angenommen werden, dass auch in diesem Fall Metaphern etwas Drittes gemeinsam mit dem Dargestellten besitzen, auch wenn es nicht bekannt ist. Wie den Ersatzbildungen liegt auch der Bildung von Metaphern der »Primärvorgang« (Freud, 1915e, S. 286) zugrunde, der beide Male unter anderem zu Verschiebungen und Verdichtungen führt (z. B. Modell, 2014). Beispielsweise kann auch die Bildung der Pferdephobie des Kleinen Hans als ein Vorgang verstanden werden, in dem der kastrierende Vater mit beißendem Pferd prädiziert wird, und das Pferd, von dem der Kleine Hans befürchtet, dass es einen seiner Finger abbeißt, ist mit dem kastrierenden Vater, den es symbolisiert, hinsichtlich des Wegnehmens strukturell identisch. Dieses Verständnis erlaubt, auch Freuds Konzepte unabhängig davon, ob sie für Metaphern gehalten werden oder nicht, wie Ersatzbildungen zu behandeln, und zu prüfen, ob sie außer den seelischen Prozessen, die sie in Begriffe transferieren, insgeheim noch etwas Anderes zur Sprache bringen. 5 Jede »metaphor may be said to mediate an analogy or structural correspondence« und: »Condensation in the dream works like a metaphor« (Edelson, 1983, S. 26f.). 6 Rangell (1987, S. 9) unterscheidet Metapher und Symbol folgendermaßen: »Symbolization is a final means of expressing repressed material. Symbols represent in the conscious mind unconscious mental content that would not otherwise be allowed to enter consciousness. A symbol is related to simile, metaphor, allusion, and so on, but is distinguished from all of these.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 47 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) »Als das ›gesellschaftliche Unbewusste‹ möchte ich jene Bereiche der Verdrängung bezeichnen, welche bei den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft anzutreffen sind.« Erich Fromm (1962) Den verschiedenen psychoanalytischen Konzeptualisierungen des gesellschaftlichen Unbewussten ist gemein, dass es als etwas verstanden wird, das gesellschaftlich begründet und dem Unbewussten verschiedener Individuen gemein ist. Wir werden die Konzeptualisierungen verschiedener Autoren getrennt betrachten und die Probleme erörtern, die ihnen innewohnen. Sigmund Freud Wenn auch nicht namentlich, so findet sich bereits bei Freud der Gedanke eines Unbewussten, das den Mitgliedern einer Gesellschaft gemein ist. Er ist der Ansicht, dass der Ödipuskomplex in der Phylogenese in der Szenerie der Urhorde gründet. In Freuds (1912/13a) Konzept beansprucht der Urvater der Urhorde die Frauen seiner Horde für sich allein und vertreibt seine Söhne. Die frustrierten Söhne rotten sich zusammen, töten den Urvater, fühlen sich aufgrund dieser Tat schuldig und verzichten darauf, ihre inzestuösen Wünsche zu realisieren. Die Reaktion auf diese Tat, deren Erinnerungsspuren Freud als »archaische Erbschaft« (1925d, S. 95) in die Menschheit eingegraben sieht, begründet in seiner Sicht die Ubiquität des Ödipuskomplexes sowie die Anfänge von Religion (und Kultur). Da »die archaische Erbschaft des Menschen nicht nur Dispositionen, sondern auch Inhalte umfasst, Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen« (1939a, S. 206) und die »Ontogenese […] eine Wiederholung der Phylogenese« (1915h, S. 29) darstellt, erscheint das allen gemeinsame gesellschaftliche Unbewusste im je personalen Unbewussten des einzelnen Individuums: »Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose verfallen« (1905d, S. 127). 48 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Sandner (2018, S. 17) ist der Ansicht, dass sich die in der Urhorde beschriebene Szenerie – »Rivalität, Neid, Missgunst zwischen den Gruppenmitgliedern und das Bedürfnis, den Gruppenleiter madig und schlecht zu machen« – in der Gesellschaft wiederhole und illustriert dies am Beispiel der Geschichte der Psychoanalyse. Sie zeige eine Geschichte ständiger Rivalitäten, Abspaltungen, Ausschlüssen und Herabsetzen andersartiger Auffassungen. Diese Erklärung der Rivalität, des Neids und der Missgunst der Mitglieder einer psychoanalytischen Organisation lässt sich nicht aufrechterhalten. Wir haben die sachlichen Einwände gegen Freuds Konzept der Urhorde erwähnt und dieses Konzept als Metapher des Ödipuskomplexes verstanden. Auch reichen für eine psychodynamische Begründung der von Sandner beschriebenen Phänomene die in den Lehranalysen nicht aufgelösten Reste ödipaler Konflikte aus, die nicht zwingend Erinnerungsspuren an das Erleben früherer Generationen voraussetzen. Die These eines gesellschaftlichen Unbewussten, das aus einer archaischen Erbschaft besteht, die sich über Erinnerungsspuren tradiert, ist jedenfalls nicht haltbar. Die Annahme einer Veränderung der DNA-Struktur durch seelische Inhalte, durch psychische Erfahrungen der Menschheit und ihre Weitergabe in der Generationenfolge war schon zu Zeiten Freuds strittig (z. B. Mitchell, 1982; Schur, 1972) und ist inzwischen aufgegeben worden (z. B. Moore & Fine, 1990, S. 147). Erich Fromm Wie aus dem vorangestellten Zitat hervorgeht, definiert Fromm (1962, S. 96) das gesellschaftliche Unbewusste als jenen Bereich des Verdrängten, den die meisten Mitglieder einer Gesellschaft gemeinsam aufweisen. Er fügt an: »Bei diesen von der Allgemeinheit verdrängten Elementen handelt es sich um Inhalte, die den Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft nicht bewusstwerden dürfen, wenn diese Gesellschaft mit ihren spezifischen Widersprüchen reibungslos funktionieren soll.« Fromm ist der Ansicht, dass sich auch Freud mit dem gesellschaftlichen Unbewussten befasst habe und verweist auf dessen Ansicht, dass die Verdrängung inzestuöser Wünsche für jede Zivilisation kennzeichnend ist. Während bei Freud, wie das Beispiel des Ödipuskomplexes zeigt, das individuelle Unbewusste eine Erscheinungsform des gesellschaftlichen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 49 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Unbewussten ist, grenzt Fromm das individuelle Unbewusste vom gesellschaftlichen Unbewussten ab: »Das individuelle Unbewusste, mit dem sich Freud befasst, bezieht sich auf Inhalte, die ein Einzelmensch aufgrund der individuellen Gegebenheiten seiner persönlichen Lebenssituation verdrängt« (ebd.). Er betont weiter: »Das gesellschaftliche und das individuelle Unbewusste stehen miteinander in Beziehung und befinden sich in einer ständigen Wechselwirkung« (ebd., S. 122). Wie man nach dem Hinweis auf Freuds, für jede Gesellschaft geltendes Inzestverbot zunächst denken könnte, handelt es sich beim gesellschaftlichen Unbewussten jedoch nicht um gemeinsam verdrängte Triebwünsche, sondern um die gemeinsame Verdrängung gesellschaftlicher Sachverhalte. Als ein Beispiel führt Fromm das Phänomen an, dass Millionen Deutsche behaupten, von den schlimmsten Gräueltaten der Nazi nichts gewusst zu haben und sieht dieses Nichtwissen der Verdrängung geschuldet. Ein weiteres Beispiel für das gesellschaftliche Unbewusste ist die Verdrängung der moralischen Bedeutung einer Handlung. So würden die im Krieg von den Feinden begangenen Grausamkeiten als Beweis ihrer Bösartigkeit gewertet, während die Grausamkeiten der eigenen Seite vielleicht noch als bedauerlich, aber im Grunde doch für gerechtfertigt erachtet werden. Generell handelt es sich bei dem gesellschaftlichen Unbewussten »um die Verdrängung der gesellschaftlichen Widersprüche, um die Verdrängung des durch die Gesellschaft verursachten Leidens« (ebd., S. 123). Darüber hinaus repräsentiere das Unbewusste den ganzen Menschen: »Das Unbewusste ist der ganze Mensch – außer dem Teil von ihm, welcher seiner Gesellschaft entspricht. Das Bewusstsein repräsentiert den Menschen als Angehörigen der Gesellschaft, der zufälligen Grenzen, die durch die historische Situation gegeben sind, in die der einzelne hinein geworfen wird. Das Unbewusste repräsentiert den universalen Menschen, den ganzen Menschen, der im Kosmos verwurzelt ist; es repräsentiert die Pflanze in ihm, das Tier in ihm, den Geist in ihm; es repräsentiert seine Vergangenheit bis hinab ins Morgengrauen der menschlichen Existenz, und es repräsentiert seine Zukunft bis hinauf zu dem Tag, wo der Mensch ganz menschlich geworden ist und die Natur humanisiert und der Mensch ›naturalisiert‹ sein wird« (ebd., S. 121). Das stärkste Motiv der gesellschaftlichen Verdrängung ist »die Angst vor der Isolation und vor der Ächtung« (ebd., S. 119). Fromm führt dies darauf 50 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) zurück, dass der »Mensch eine Einheit mit anderen finden [muss], um seine geistige Gesundheit zu behalten«, und dass »das Bedürfnis, mit anderen Menschen eins zu sein […] seine stärkste Leidenschaft [ist] stärker als Sexualität und oft sogar stärker als der Wunsch zu leben« (ebd.). Fromms Auffassung sind mehrere Probleme inhärent. Er bezieht das gesellschaftliche Unbewusste auf Verallgemeinerungsfähiges und das Personale auf Inhalte, die nicht generalisiert werden können. Damit unterscheidet er explizit das gesellschaftliche von einem personalen Unbewussten, das er als ein nicht-gesellschaftliches, sozusagen privates Unbewusstes unterstellt. Zwar informiert Fromm, dass das gesellschaftliche Unbewusste durch Verdrängungen entsteht. Fraglich ist allerdings, inwieweit nicht wahrgenommene gesellschaftliche Phänomene als verdrängt aufgefasst werden müssen. Wenn wir zum einen an die Einsiedler denken, die mit Beginn des 11. Jahrhunderts bis heute in völliger Einsamkeit in den Höhlen der Felsen von Meteora leben, wirkt Fromms Begründung der Verdrängung sozialer Sachverhalte sehr brüchig. Denn Fromm begründet die Wirksamkeit der Angst vor sozialer Ächtung, die die Verdrängungen auslöst, damit, dass der Wunsch, mit anderen Menschen eins zu sein, die stärkste Leidenschaft des Menschen und oft sogar stärker als der Wunsch zu leben sei. Zum andern könnte man in diesem Zusammenhang erst von Verdrängung reden, wenn es sich bei diesen gesellschaftlichen Phänomenen um Ersatzbildungen handeln würde, in denen sich unbewusste Wünsche entstellt darstellen. Dann würde es sich bei den Verdrängungen, die Fromm erwähnt, um sogenannte Nachverdrängungen handeln, die ebenfalls mit neuen Ersatzbildungen der nachverdrängten Ersatzbildungen einhergehen müssten. Dieser Nachweis unterbleibt. Uns scheint es plausibler, für das Ausblenden dieser Phänomene eine ideologisch begründete »selektive Unaufmerksamkeit« (Sullivan, 1953, S. 357) verantwortlich zu machen. Das heißt: »One simply does not know what one does not wish to know« (Auchincloss & Samberg, 2012).1 1 Auch Fromm (1962, S. 103) erwähnt in diesem Zusammenhang Sullivans Konzept der »selektiven Unaufmerksamkeit« und sieht darin eine Form der Verdrängung. Das ist aber mit Sullivans Konzept nicht gemeint. Läge eine Verdrängung vor, hätte man vor der Verdrängung von dem Verdrängten gewusst, es verdrängt und hätte nach der Verdrängung nichts mehr davon gewusst. »Selektiven Unaufmerksamkeit« hingegen »is not an active exclusion of experience from awareness. Instead, the experience never enters conscious awarness in the first place« (Auchincloss & Samberg, 2012). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 51 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Seine Gliederung des Unbewussten in ein individuelles, ein gesellschaftliches und eines, in dem die ganzen Möglichkeiten des Menschen aufbewahrt sind, dupliziert die ebenso spekulative und ahistorische Dreifachschichtung der Persönlichkeit, die W. Reich vorgenommen hat. Der Mensch, schrieb Reich (1942, S. 202; Herv. aufgehoben), wäre ein »dreifach geschichtetes Lebewesen«: Die äußere Schicht sei eine kulturelle, durch die »patriarchalisch autoritäre Ära der Menschengeschichte« erzwungene Maske falscher Sozialität. Die mittlere Schicht sei Freuds Unbewusstes, in dem die asozialen menschlichen Regungen wie Sadismus, Neid, Gier etc. wüteten. Der biologische Kern des Menschen hingegen berge das Gute, Eigentliche, das Wesen des Menschen. Dort »wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit […] Diese letzte und dritte Schicht […] ist gleichzeitig die einzig reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen.« Auch stimmt Fromm C. G. Jung zu, den er folgendermaßen zitiert: Jung habe ebenfalls die Ansicht vertreten, »dass es außer dem persönlichen Unbewussten noch eine tiefere Schicht gebe: ›Diese tiefere Schicht ist das sogenannte kollektive Unbewusste. Ich habe den Ausdruck kollektiv gewählt, weil dieses Unbewusste nicht individueller, sondern allgemeiner Natur ist, das heißt es hat im Gegensatz zur persönlichen Psyche Inhalte und Verhaltensweisen, welche überall und in allen Individuen cum grano salis dieselben sind. Es ist mit anderen Worten, in allen Menschen sich selbst identisch und bildet damit eine in jedermann vorhandene allgemeine seelische Grundlage überpersönlicher Natur‹« (ebd., S. 112). Fromm stimmt mit Jung überein, dass Menschen eine bestimmte »psychische Substanz« (ebd.) allgemein ist und trägt in Jungs Gleichsetzung des »kollektiven Unbewussten« mit der »universalen Psyche« (ebd.) lediglich eine Differenzierung ein: »Der Begriff des gesellschaftlichen Unbewussten […] bezieht sich auf den spezifischen Teil menschlicher Erfahrung, welchen eine bestimmte Gesellschaft am Bewusstwerden hindert […] das gesellschaftlich verdrängte Unbewusste ist der von der Gesellschaft verdrängte Teil der universalen Psyche« (ebd.). Damit wird deutlich, dass in Fromms Konzeptualisierung des Unbewussten wie in W. Reichs und Jungs Konzeptualisierung Gesellschaft nur 52 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) für die Erscheinungsformen einer dem Menschen inhärenten, ahistorischurzeitlichen und durchschnittlichen »Massenseele« (Freud, 1921c, S. 84) verantwortlich ist. Sozusagen in Parenthese wollen wir noch Fromms (1962, S. 106f.) Annahme korrigieren, er befände sich mit seiner Bestimmung des gesellschaftlichen Unbewussten in Einvernehmen mit Marx und Engels. Ausgehend von einer Formulierung von Marx und Engels (1845/46, S. 246), in der von einer »Verdrängung der gewöhnlichen natürlichen Begierde« die Rede ist, schließt Fromm, dass auch im Verständnis von Marx und Engels das Unbewusste seelischer Natur ist. Mit dieser Auffassung irrt Fromm. Es ist richtig, dass Marx und Engels von »Verdrängung« reden, und zwar nicht nur im Zusammenhang mit Begierden, sondern in ganz unterschiedlichen Kontexten. Aber in keinem dieser Kontexte wird Verdrängung im Sinne Freuds verwendet. Bei Marx und Engels bedeutet dieser Begriff nicht eine innerpsychische Operation, sondern durchgängig auf das Ersetzen von etwas Realem durch ein anderes Reales im Sinne von »beiseiteschieben« beziehungsweise »an dessen Stelle treten«. Beispielsweise heißt es: ➣ »Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst Arbeiter verdrängt, so verdrängt sie jetzt den Kapitalisten« (Engels, 1878, S.  259f.; unsere Herv.). ➣ »Bei der Bildung von ZnSO4 wird aber eine Energiemenge entwickelt, die nicht nur zur Verdrängung und Freisetzung des Wasserstoffs der Schwefelsäure hinreicht« (ebd., S. 417). ➣ »Der ›primäre‹ Vorgang ist die Verdrängung des Natriums aus der Chlorverbindung durch Zink« (ebd., S. 425).2 Dies gilt auch für die Aussage, die Fromm zitiert. Gemeint ist hier, dass bei einem Individuum, dessen Leben nicht »einen großen Umkreis mannigfaltiger Tätigkeiten und praktischer Beziehungen zur Welt umfasst«, die unkultivierten, aus der menschlichen Leibeskonstitution hervorgehen Begierden an die Stelle der gewöhnlichen, natürlichen Begierde treten (Marx & Engels, 1845/46, S. 245f.). Fromm (1962, S. 111) ist zwar überzeugt, dass sowohl Marx als auch Freud glauben, »dass der größte Teil dessen, was der Mensch bewusst 2 Weitere Beispiele bei Engels (1878, S. 150, 255; 1884, S. 83, 52, 107), Marx (1867, S. 407, 453, 466, 665; 1894b, S. 735), sowie Marx und Engels (1845/46, S. 54). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 53 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) denkt, von Kräften bestimmt wird, die hinter seinem Rücken, das heißt ohne sein Wissen wirken«, und dass Freud die den Menschen bestimmenden Kräfte in der biologischen Natur verorte, während sie für Marx sozialer Natur sind. Aber obwohl Fromm auch die gesellschaftlichen Kräfte als unbewusst wirksam sieht, bezieht er seinen Begriff des »gesellschaftlichen Unbewussten« nicht auf diese sozialen Kräfte, sondern auf Inhalte, die die Mitglieder einer Gesellschaft verdrängen müssen, weil die Gesellschaft sonst nicht reibungslos funktionieren kann. Georges Devereux Auch Devereux (1970, S. 11) teilt das Unbewusste auf: »Das Unbewusste setzt sich aus zwei Elementen zusammen: dem, was niemals bewusst war – den psychischen Repräsentanzen des Es, zu dem auch jene der Triebkräfte gehören – und dem, was zuvor bewusst war, aber verdrängt wurde.« Das Verdrängte unterteilt er ebenfalls in zwei Gruppen, den »unbewussten Sektor der ethnischen Persönlichkeit« und das »idiosynkratische Unbewusste« (ebd.). Das ethnisch Unbewusste eines Individuums »ist jener Teil seines gesamten Unbewussten, den er gemeinsam mit den Mitgliedern seiner Kultur besitzt« (ebd.). Es enthält  – »Phantasien, Triebe« –, »was jede Generation entsprechend den fundamentalen Anforderungen ihrer Kultur, selbst zu verdrängen lernt […] Dies ist der Grund, warum allen Mitgliedern ein und derselben Kultur eine gewisse Anzahl unbewusster Konflikte gemeinsam ist« (ebd., S. 12). Das idiosynkratische Unbewusste wiederum enthält »jene Elemente, welche das Individuum unter der Einwirkung von einzigartigen und spezifischen Belastungen […] zu verdrängen gezwungen war« (ebd., S. 14). Außer der Dreiteilung des Unbewussten, die sich auch bei Fromm findet, trennt Devereux (1970) das ideosynkratische vom ethnisch-kulturellen Unbewussten in ähnlicher Weise wie Fromm das individuelle vom gesellschaftlichen Unbewussten unterscheidet. Das ideosynkratische Unbewusste definiert er so, wie Fromm das individuelle Unbewusste bestimmt. Es verdankt sich den »einzigartigen und spezifischen Belastungen« (ebd., S. 14), die das Individuum zu erleiden hatte und impliziert damit wie Fromm auch das Vorhandensein eines nicht-gesellschaftlichen Unbewussten. Damit liegt auch seine Auffassung unterhalb des psychoanalytischen Erkenntnisstandes, sein Verständnis des Unbewussten – hier der 54 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) niemals bewussten »psychischen Repräsentanzen des Es« (ebd., S. 11) – ist ebenso ahistorisch wie Fromms Bestimmung, und auch für ihn ist die Gesellschaft nur noch für seine Erscheinungsformen verantwortlich. Mario Erdheim Erdheim (1982) argumentiert in ähnlicher Weise wie Freud in seinen kulturtheoretischen Arbeiten. Um die Herrschaftsverhältnisse zu sichern, müsse jede Gesellschaft die Triebwünsche ihrer Mitglieder außerhalb ihres Bewusstseins halten und sie darüber hinaus daran hindern, in der äußeren Realität Hinweise wahrzunehmen, die auf Herrschaft hindeuteten. Das vom Bewusstsein Ferngehaltene sammele sich im gesellschaftlichen unbewussten Teil der Persönlichkeit, den er vom ethnisch Unbewussten Devereuxs unterscheiden will, weil sich gesellschaftlich besser in Klassen differenzieren ließe. Für ihn ist das »gesellschaftliche Unbewusste« jenes Unbewusste, das ein Individuum mit den Mitgliedern seiner sozialen Klasse teilt (ebd., S. 220). Wie die anderen Autoren impliziert auch Erdheim mit seiner Bestimmung des klassenspezifischen gesellschaftlichen Unbewussten als einem »Teil des Unbewussten eines Individuums« (ebd.) noch die Existenz eines anderen, nicht-gesellschaftlich bestimmten unbewussten Teils. Das klassenspezifische Unbewusste ist Angehörigen einer gesellschaftlichen Klasse gemein und verdankt sich gesellschaftsspezifischen Prozessen, mit denen etwas unbewusst gemacht wird. Mit dieser Bestimmung rückt Erdheim in die Nähe von Annahmen, die zwar von der Kulturanthropologie und Soziologie seit Langem vertreten werden, aber nicht haltbar sind, wie dem Konzept der »›Basic Personality‹ (Linton), der ›Modalpersönlichkeit‹ (Parsons) und der ›kulturellen Persönlichkeit‹ (Claessens)« (Busch, 2001, S. 398). Wohl deshalb bleibt auch der materielle Unterschied zwischen der beherrschenden Minderheit und der von ihr beherrschten Mehrheit, den Freud betont, relativ vage. Man erfährt etwas über die Verwendung des Unbewussten zur Aufrechterhaltung der Aufgabenteilung für Männer und Frauen bei den Selk’nam, die schon vor der Weltumsegelung Magellans 1520 in Feuerland lebten und der Herrschaft der Krieger und Priester bei den Azteken, die nach der Legende im 14. Jahrhundert am Texoco-See in Zentralmexiko siedelten. Praktisch nichts erfährt man über die Nutzung des Unbewussten bei der Klassenteilung im Kapitalismus. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 55 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Des Weiteren ist mit gesellschaftlicher Produktion des Unbewussten nicht die genuine gesellschaftliche Erzeugung, sondern lediglich die institutionelle Abstützung vorhandener Abwehrmechanismen gemeint. Bezüglich der Abwehrmechanismen beruft sich Erdheim (1982) auf Moser (1964), sieht sie auf Angstsignale hin in Tätigkeit gesetzt und merkt an: »Bei dieser Aufgabe kann das Individuum von der Gesellschaft unterstützt werden« (ebd., S. 218). Die Gesellschaft ist mithin nicht für den Inhalt der Konflikte verantwortlich, sondern unterstützt nur die Form, in der die unbewussten Konflikte erscheinen. Earl Hopper und Chaim Weinberg Im Verständnis von Hopper und Weinberg (2011, S. XXX) bezieht sich »social unconscious« im Sinne von »unaware« auf alles, was von der Außenwelt nicht bewusst ist. Dieses gesellschaftliche Unbewusste betrifft »the ›non-conscious‹, the ›dynamic unconscious‹ of the ›repressed‹, and the ›split-off‹, and the ›preconscious‹ with respect to the external world and the internal representations of it«. Auf der Gegenstandsseite sind es »systems and structures and their various manifestations, such as, in case of societies their specific institutions and organizations, and […] their various subsystems, such as the political, economic, educational etc.« (ebd.), die nicht bewusst sind. Für die Bildung des gesellschaftlichen Unbewussten der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaftsformation sind besonders bedeutsam »collective assumptions about social reality, disavowals, social defences, and forms of structural oppression […] Anxieties, defences, fantasies, myth, and collective memories […] language and communication systems in general« (ebd., S. XXXVIIf.). Zugleich bezieht sich unbewusst auch auf die Aspekte selbst, die für die Menschen unbewusst sind: »›Unconscious‹ refers both to the fact that people are unconscious of a variety of biological and, subsequently, a variety of psychological factors and forces, and to those biological and psychological factors and forces of which they are unconscious« (ebd., S. XXIX). Hopper und Weinberg verwenden den Ausdruck »gesellschaftliches Unbewusstes« lediglich deskriptiv und zwar als eine Art Omnibusbegriff, in dem sie qualitativ ganz Unterschiedliches unterbringen, das den Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam nicht bewusst ist. Gänzlich verborgen 56 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) bleibt aber, wie das Nichtbewusste, insbesondere das dynamisch Unbewusste als Teil des Nichtbewussten, gesellschaftlich hergestellt wird. Hopper und Weinberg beschreiben den Transfer von Äußerem in Inneres als Internalisierung (unsere Herv.): »Socio-cultural patters are internalized« (ebd., S. XXV). »With respect to the process of internalizing, the social unconscious always refers to the unconscious constraints of social objects that have been internalized« (ebd., S. XXXI). »the internalization of social, cultural, and communicational arrangements is based on many neurobiological processes« (ebd., S. XXXIII). »Social objects are internalized through positive processes involving identifications« (ebd., S. XXXIV). »the members of particular social systems are likely to have internalized the same social objects« (ebd., S. XXXVII). Zunächst bleibt unklar, was mit »social objects« gemeint ist – Personen, Dinge, Institutionen, Verhältnisse? – und wie Muster, Arrangements und Kräfte internalisiert werden können. Des Weiteren bezeichnet Internalisierung keinen konkreten Vorgang, sondern das Gemeinsame von Prozessen, in dem Elemente der äußeren Welt in die Binnenwelt eines Organismus aufgenommen werden (z. B. Seidler, 2014). Zwar wird der Begriff einmal als Oberbegriff verwendet und durch den Begriff der Identifizierung spezifiziert. In den anderen Fällen nehmen wir an, dass mit Internalisierung nicht Essen oder Trinken, sondern die Bildung psychischer Repräsentanzen gemeint ist. Dann ergibt sich aber sofort die Frage, wie sich das Nichtbewusste generiert – werden in diesem Fall keine Repräsentanzen gebildet? –, wie die Ersatzbildungen des verdrängten gesellschaftlichen Unbewussten und die Spaltungen aussehen und warum in einem Fall lediglich Nichtbewusstes, in anderen Fällen aber Vorbewusstes, Verdrängungen oder Spaltungen entstehen kann. Wenn ferner die Aspekte unabhängig vom menschlichen Bewusstsein selbst unbewusst sein können, unbewusst aber immer nur in Relation zum Bewusstsein bestimmt werden kann, setzt diese Verwendung des Begriffs 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 57 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) »unbewusst« noch ein anderes Bewusstsein als das der Menschen voraus. Obwohl Hopper, der in diesem Punkt nicht mit Weinberg übereinstimmt, argumentiert, dass ein System ein Gehirn besitzen muss, wenn es ein Bewusstsein haben soll, gesellschaftliche Systeme kein Gehirn haben und deshalb auch kein Bewusstsein besitzen können, setzt seine Verwendung des Ausdrucks »unbewusst« ein solches Bewusstsein der Systeme voraus. Außer der tautologischen Einsicht, dass das gesellschaftliche Unbewusste nicht bewusst ist, lassen sich der Arbeit von Hopper und Weinberg keine weiteren Erkenntnisse entnehmen.3 Zusammenfassung Wenn die meisten Autoren das gesellschaftliche oder ethnische Unbewusste als etwas verstehen, das dem Unbewussten verschiedener Individuen gemein ist, ist klar, dass mit diesem Verständnis auch das gesellschaftliche Bewusstsein als eine Verallgemeinerung des Individuellen zu verstehen ist. Zum Problem wird dann, dass das gesellschaftliche Bewusstsein Eigenschaften besitzt, die das individuelle Bewusstsein transzendieren. Das individuelle Bewusstsein ist das Produkt eines Einzelnen, bildet sich in dessen Praxis, wird von jedem neu gebildet und verschwindet mit dessen Tod. Hingegen ist das gesellschaftliche Bewusstsein die »ideelle […] Form«, in der »die Vorstellungswelt, die Wissenschaft, die gesellschaftliche Erfahrung, die gesellschaftliche Praxis der Menschheit enthalten ist« (Leontjew, 1959, S. 181). Dieses Bewusstsein ist überindividuell und stirbt nicht mit dem Tode eines Einzelnen. Es wird von einer Generation an die nachfolgende in einem Vorgang tradiert, in dem es nicht neu geschaffen, sondern verändert wird. Das zentrale Problem der meisten vorgetragenen Auffassungen ist jedoch, dass das gesellschaftliche Unbewusste auf generalisierbare und das individuelle Unbewusste auf Inhalte bezogen wird, die nicht verallgemeinerungsfähig sind. Damit wird das gesellschaftliche von einem individuellen Unbewussten unterschieden, das als ein nicht-gesellschaftliches, sozusagen privates Unbewusstes behauptet wird. 3 Es ist schon verwunderlich, dass Fonagy auf dem Buchcover voll des Lobes ist: »The clearest and most definite statement about unconscious processes in social groups to date. A momentous volume that will define the field for decades to come; essential reading for all of us.« 58 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Diese Auftrennung ist weder methodisch noch sozialisationstheoretisch zu rechtfertigen. In methodologischer Hinsicht sind ein privates, nicht gesellschaftlich bedingtes und ein gesellschaftlich bedingtes Unbewusstes im Erleben des Individuums nicht voneinander zu trennen und auch nicht separat zu erfassen. Im Unbewussten herrschen die »Primärvorgänge« (Freud, 1920g, S. 68), unter deren Regie Verschiedenes »wie identisch behandelt« (1940a, S. 91) wird und »Widerspruchslosigkeit […] Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische« vorliegen (1915e, S. 286). Rapaport (1951, S. 708) fasst die Eigenschaften des Primärvorgangs so zusammen: »Everything belongs with everything that shares an attribute of it (conceptualized as ›participation‹) […] ideas merge with each other and with percepts in disregard of the rule of the ›excluded third‹ (conceptualized as ›syncretism‹); reasoning does not move inductively from the parts to the whole, or deductively from the whole to its parts, but from part to part (conceptualized as ›transduction‹).« Auch setzt das psychoanalytische Verfahren nicht an der äußeren Realität, sondern an ihrem subjektiven Erleben an, sodass beide Bereiche in diesem sprachgebundenen Verfahren nicht voneinander zu isolieren sind. Freud ist da ganz eindeutig geblieben. Nach seiner Feststellung von 1916/17, dass in der analytischen Behandlung nur miteinander geredet wird, schreibt er zehn Jahre später: »Der Analytiker bestellt den Patienten zu einer bestimmten Stunde des Tages, lässt ihn reden, hört ihn an, spricht dann zu ihm und lässt ihn zuhören  […] Weiter nichts als das? Worte, Worte und wiederum Worte, wie Prinz Hamlet sagt« (Freud, 1926e, S. 213f.). Worten allein lässt sich nicht entnehmen, ob das mit ihnen Dargestellte korrekt wiedergegeben wird, sodass in diesem Verfahren nicht ermittelt werden kann, ob das Unbewusste privat oder gesellschaftlich bestimmt ist. In sozialisationstheoretischer Hinsicht liegt diese Auffassung quer zum psychoanalytischen Kenntnisstand. Wie Busch (2001) feststellt, gehört die durchgängig gesellschaftlich bestimmte Bildung auch der unbewussten Persönlichkeitsstrukturen inzwischen zum Kernbestand psychoanalytischer Erkenntnisse. Da sich die Bildung dieser Strukturen in den Familien realisiert, würden sie »zu Recht als Agenturen der Gesellschaft« begriffen (ebd., S. 398). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 59 IV Das gesellschaftliche Unbewusste (Freud, Fromm, Devereux, Erdheim, Hopper & Weinstein) Die Konsequenz ist, dass eine Auftrennung des Unbewussten einer Person in ein individuelles und gesellschaftliches weder methodologisch noch sozialisationstheoretisch zu rechtfertigen ist und mithin nicht zu einem Zugewinn an Erkenntnis führen kann. Wie andernorts dargelegt (Zepf, 2007), liegen die gesellschaftlich bedingten unbewussten Erfahrungen nicht neben, sondern in den individuell einmaligen Erfahrungen des Einzelnen. Alle unbewusst gewordenen Erfahrungen sind gesellschaftlich bedingt und individuell. Analytisch gesehen findet sich die allgemeine Bestimmung im Besonderen, findet sich die allgemeine gesellschaftliche Verursachung der besonderen unbewussten Konflikte einzelner Individuen nicht in ihren konkreten Konflikten, sondern in den überindividuellen Konfliktstrukturen. Das Substrat von Sandners (2018, S. 2) Fassung von Freuds Urhorde als »unbewusste gesellschaftliche Struktur«, von Erdheims »gesellschaftlichem Unbewussten« und Devereux’ »ethnisch Unbewusstem« existiert in der Gestalt von Konfliktstrukturen, die für eine Ethnie, Kultur beziehungsweise Gesellschaft spezifisch sind. Die konkreten Besonderheiten des »individuellen Unbewussten« Fromms und Erdheims beziehungsweise des »idiosynkratisch Unbewussten« Devereux’ entschlüsseln sich als je besondere Erscheinungsformen des für ihre Entstehung wesentlichen Allgemeinen. Anders ausgedrückt: Es ist der Verdienst von Devereux, Erdheim, Hopper und Weinberg und Sandners Fassung von Freuds Urhorde, dass ihre Konzeptualisierungen des gesellschaftlichen Unbewussten die Einsicht ermöglichen, dass sich Gesellschaft in den Individuen nicht in konkreten Konflikten, sondern in überindividuellen Konfliktstrukturen abbildet, die in individualspezifischer Weise inhaltlich ausgestaltet sind. Da das gesamte individuelle Unbewusste als gesellschaftlich hergestellt zu begreifen ist, geht das gesellschaftliche Unbewusste, wie es die Psychoanalyse versteht, mit dem personalen Unbewussten der Psychoanalytiker, das in ihrer Lehranalyse nicht aufgearbeitet wurde, auch in die psychoanalytischen Konzepte mit ein. 61 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) »Le système des schèmes cognitifs qui sont au principe de la construction de la réalité et qui sont communs à l’ensemble d’une société, à un moment donné, constitue l’inconscient culturel ou, mieux le ›transcendantal historique‹ qui fonde le sens commun (ou la doxa), c’est-à-dire tout ce qui est taken for granted, qui va de soi, qui va sans dire.«1 Pierre Bourdieu (2000) Eine weitere Abgrenzung des gesellschaftlich Unbewussten ist von Bourdieus kulturellem Unbewussten erforderlich. Wie das gesellschaftliche Unbewusste, wie es die Psychoanalyse versteht, kann auch Bourdieus soziologisches Konzept eines kulturellen Unbewussten psychologisch anders konzeptualisiert werden. Ohne auf das Gesamtwerk Bourdieus näher einzugehen und obwohl Bourdieus Begriff des »kulturellen Unbewussten« mit dem psychoanalytischen Verständnis des gesellschaftlichen Unbewussten nichts zu tun hat, der Vollständigkeit halber ein paar Sätze zu diesem Konzept: Bourdieu verwendet den Ausdruck »unbewusst« in einer sehr speziellen Weise. Mit kulturellem Unbewussten meint Bourdieu (1970) nicht ein generalisiertes personales Unbewusstes wie Fromm und andere, sondern die Grundlage der Doxa, die er von Orthodoxie und Heterodoxie unterscheidet (1985). Beide referieren gemeinsam auf gesellschaftlich vorherrschende Überzeugungen in bestimmten sozialen Feldern. Heterodoxie meint Meinungen und Sichtweisen, die kontrovers debattiert werden. Orthodoxie bezeichnet Ansichten, von denen die überwiegende Mehrheit zwar überzeugt ist, die aber noch gelegentlich infrage gestellt werden; Doxa, das in der griechischen Philosophie für ein Für-wahr-Halten steht, meint Wirklichkeitsüberzeugungen, die als selbstevident gelten, kaum noch kritisch befragt und in 1 Dt.: »Das System der kognitiven Schemata, das den Grund der Konstruktion der Realität ausmacht und das der gesamten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt gemein ist, bildet das kulturelle Unbewusste oder besser das ›historisch Transzendentale‹, auf dem der Gemeinsinn [der gesunde Menschenverstand] (oder Doxa) basiert, das heißt, alles, was taken for granted, was selbstverständlich ist« (unsere Übers.). 62 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) diesem Feld auch nicht mehr öffentlich diskutiert werden. Zu ihnen zählt Bourdieu die als selbstverständlich wahrgenommenen »Haltungen, Fähigkeiten, Kenntnisse, Themen und Probleme« (1970, S. 247), die beim Durchlaufen der Bildungssysteme einer bestimmten Gesellschaft von den Absolventen gemeinsam erworben werden (2000). Sie basieren auf ➣ »implizit gesetzte[n] Postulate[n] und Axiome[n]« (1970, S. 243). ➣ »Denkkategorien, die die Grundlage unseres allgemeinen Weltverständnisses bilden« (ebd., S. 245). ➣ dem »erworbene[n] System von Denk- und Wahrnehmungskategorien« (ebd., S. 247). ➣ »kognitiven Schemata« (2000, S. 3; unsere Übers.). ➣ »Verhaltensmuster[n]« (ebd., S. 246). ➣ einer allgemeinen »Disposition, die als […] in den verschiedenen Bereichen des Denkens und Handelns applikabler Schemata ein kultivierter Habitus genannt werden kann« (ebd., S. 252). Diese Schemata des Denkens, Wahrnehmens und Verhaltens sind geschichtlich entstanden.2 Sie bilden die nicht mehr reflektierte Grundlage der Doxa, sodass die Meinungen, Gesinnungen und Urteile, in denen sie sich äußern, so selbstevident erscheinen und unbefragt bleiben wie die Feststellung, dass morgens die Sonne aufgeht. Weil diese Schemata nicht mehr reflektiert werden, bezeichnet Bourdieu sie als »unbewusst«. Betrachtet man diese Konzeption genauer, wird ersichtlich, dass die nicht reflektierten und als unbewusst deklarierten Schemata zwar ein Allgemeines kennzeichnen, das den Mitgliedern eines sozialen Feldes innewohnt. Mit dem Hervorheben des empirisch Allgemeinen ist aber nicht schon das Wesentliche begriffen. Marx (1857, S. 620) schreibt am Beispiel der Produktion: »Es gibt allen Produktionsstufen gemeinsame Bedingungen, die vom Denken als allgemeines fixiert werden; aber die sogenannten allgemeinen Bedingungen aller Produktion sind nichts als diese abstrakten Momente, mit denen keine wirkliche geschichtliche Produktionsstufe begriffen ist.« Im Kapital expliziert er dies in folgender Weise: 2 »L’inconscient, c’est l’histoire – l’histoire collective qui a produit nos catégories de pensée et l’histoire individuelle à travers laquelle elles nous ont été inculquées« (Bourdieu, 1997, S. 21). [Dt.: »Das Unbewusste ist die Geschichte – die kollektive Geschichte, die unsere Kategorien des Denkens hervorbrachte und die individuelle Geschichte, in der sie in uns eingetragen wurde« (unsere Übers.). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 63 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) »Warenproduktion und Warenzirkulation sind  […] Phänomene, die den verschiedensten Produktionsweisen angehören, wenn auch in verschiednem Umfang und Tragweite. Man weiß also noch nichts von der differentia specifica dieser Produktionsweise und kann sie daher nicht beurteilen, wenn man nur die ihnen gemeinschaftlichen, abstrakten Kategorien der Warenzirkulation kennt« (1867, S.128). Diese Erläuterung besagt dasselbe, was Marx schon 1843 verallgemeinert so ausdrückte: »Eine Erklärung, die aber nicht die differentia specifica gibt, ist keine Erklärung« (1843, S. 210). Bei der von Bourdieu vorgenommenen Verallgemeinerung handelt es sich um dieselbe elementare empirische Verallgemeinerung im Sinn von Locke, von der auch in den Marx-Zitaten die Rede ist. Sie ist Ergebnis des Vergleichens und Ermittelns jener gemeinsamen Eigenschaften, in denen Erscheinungen einander gleichen. Eine solche Verallgemeinerung garantiert aber nicht, dass das abstrahierte Allgemeine für die betreffenden Erscheinungen zugleich das Wesentliche, die wesentliche Determinationsgröße ist. Sicherlich, das Wesentliche ist den Erscheinungen allgemein; aber nicht jedes Allgemeine ist für die Erscheinungen wesentlich (s. z. B. Rubinstein, 1957, S.  165). Beispielsweise ist Äpfeln, Blättern, Wiesen und bestimmten Autos die Farbe Grün gemein. Die Farbe Grün ist aber für diese Objekte nicht wesentlich. Wesentlich für sie ist das, was sie zu Äpfeln, Blätter, Wiesen und Autos macht. Wesentlich ist ihre differentia specifica, und Bourdieu verabsäumt zu zeigen, dass die als differentia specifica aufgefassten kognitiven Schemata für den selbstevidenten Charakter der Ansichten der Mehrheit eines sozialen Felds wirklich verantwortlich sind. Fragt man nach der psychischen Existenzweise dieser soziologischen Konzeption eines kulturellen Unbewussten, wird ersichtlich, dass für Bourdieu das Leben Erscheinungsformen eines in falscher Konkretion in die Psyche implantierten Abstraktums ist. Beispielsweise heißt es, dass nicht der Mensch die Bildung besitzt, sondern dass »die Bildung, die er besitzt, ihn besitzt« (Bourdieu, 1970, S. 247f.). In unterschiedlichen Ausformungen haben solch Kopfgeburten eine ebensolche Tradition wie die Kritik, die an ihnen geübt wurde. Im Grunde werden bei einer solch falschen Konkretion des Abstrakten reale Prozesse mit ihrem Erkenntnisprozess verwechselt. Die »Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen«, informiert Marx (1857, S. 632), ist aber »nur die Art für das Denken […] 64 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) sich das Konkrete anzueignen […] Keineswegs aber der Entstehungsprozess des Konkreten selbst«.3 Auch lässt sich nicht genau ermitteln, wie »unbewusst« in diesem Zusammenhang zu verstehen ist. Im Versuch aufzuklären, wie Bourdieu diesen Terminus verwendet, erfährt man, dass sich die allgemeinen Schemata nicht prinzipiell der Reflektion entziehen. Wie man über die Gründe des morgendlichen Sonnenaufgangs reflektieren kann, der jeden Tag wie selbstverständlich auftritt, kann man auch über diese allgemeinen Schemata nachdenken, die die Selbstevidenz der Überzeugungen und des Verhaltens begründen sollen. Beim Durchlaufen der Bildungsinstitutionen einer Gesellschaft werden sie sicherlich nicht nur bewusstlos erworben und selbst Bourdieu hält es für möglich, dass ein Teil der Menschen eines bestimmten sozialen Felds über sie noch nachdenken kann. Allerdings sind in derselben Weise, in der ein Neurotiker nur neurotisch über sich nachdenken und sich nicht von seiner Neurose befreien kann, die Kategorien, mit denen über diese allgemeinen Schemata nachgedacht wird, von denselben allgemeinen Schemata durchtränkt, sodass diese Schemata nur scheinbar infrage gestellt und kritisch gewürdigt werden können.4 Unter den von Bourdieu beschriebenen Umständen gilt Schopenhauers (1813, §41) Erkenntnis vollumfänglich, nämlich dass es »kein Erkennen des Erkennens« gibt. Betrachtet man die Existenzweise der kognitiven Schemata im Seelenleben des Menschen, erweisen sie sich aus psychoanalytischer Sicht nicht im dynamischen, sondern im deskriptiven Sinne unbewusst. Sie sind nicht als ein generalisiertes Unbewusstes, sondern als etwas aufzufassen, von dem man nicht weiß, von dem man aber wissen könnte. Aus psychoanalytischer Sicht wären sie als vorbewusst zu klassifizieren. Dies wiederum führt zur Frage, warum diese Schemata mehrheitlich aus der Reflexion der Mehrheit ausgespart bleiben, obwohl man auf sie reflektieren könnte. Die Idee, dass gemeinsame Überzeugungen keiner weiteren 3 Wir wollen diese Kritik nicht weiter detaillieren, aber doch Thomä (1963, S. 102) zu Wort kommen lassen. Gegen Schultz-Henckes Kategorie des »retentiven Antriebserleben«, die ebenso abstrakt ist wie die Schemata Bourdieus, wendet er ein, »dass der Säugling weder nach dieser Kategorie lebt noch sie erlebt, sondern den Stuhlgang unter sich lässt«. 4 »Vielleicht könnte man das […] so formulieren, dass wir uns immer in diesem Kreis von Geschichte und Gesellschaft drehen und nie aus ihn heraus kommen. Nur dass es verschiedene Arten gibt sich in diesem Kreis zu drehen« (Simonelli, 2019). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 65 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) Begründung bedürfen, weil sie von der Mehrheit der in einem sozialen Feld Tätigen geteilt werden, ließe nur weitere Fragen entstehen. Diese Fragen bleiben ebenso unbeantwortet wie die, die aus dem Hinweis Zembylas’ (2004, S. 39) entsteht, nämlich, dass Bourdieu das kulturelle Unbewusste dem Habitus gleichsetzt und es durch das »permanente Eindringen der sozialen Welt in das Individuum« zustande kommen sieht und es sich um »Internalisierungen der objektiven Kultur einer Gesellschaft« handelt (Bourdieu, 1970, S. 243). Zusammenfassung Bourdieus Begriff des kulturellen Unbewussten will ein soziologisches Konzept sein, das sich auf nicht reflektierte, aber prinzipiell der Reflektion zugängliche, historisch entstandene Schemata des Denkens, Wahrnehmens und Verhaltens bezieht, die den Menschen eines sozialen Felds gemeinsam sind und die für die Selbstevidenz der Überzeugungen und Verhaltensweisen der Mehrheit dieser Menschen verantwortlich sein sollen. Insofern existiert es in den Individuen und ist damit auch Objekt der Psychoanalyse. Aus deren Sicht sind diese Schemata nicht unbewusst in dynamischem Sinn, sondern vorbewusst und der Möglichkeit nach der Reflexion zugänglich. Darüber hinaus bleibt auch Bourdieu im Abstrakten hängen, setzt den realen Prozess mit dem Erkenntnisprozess gleich – dem Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten. Weil der Aufklärungsversuch Bourdieus nicht radikal genug ist, endet er in Mythologie. Aber auch wenn Bourdieus konzeptuelle Grundlegung der Selbstevidenz bestimmter Überzeugungen und Verhaltensweisen diese nicht wirklich begründen kann, erweitert sein Konzept die Erkenntnis. Bourdieus Konzept gemeinsamer und feldspezifischer Schemata informiert, dass in den Menschen eines sozialen Felds Möglichkeiten vorliegen, die vorbewusst sind und die sie nutzen, wenn sie mit den Produkten umgehen, die von der Bewusstseins- und Kulturindustrie der Gesellschaft vorgefertigt sind und ihnen vorgesetzt werden. Die Selbstevidenz ihrer Überzeugungen und ihrer Verhaltensweisen, die historisch entstanden sind und ihnen in ihrer Sozialisation vermittelt wurden, lässt sich auf deren irrationale Verankerung in ihrem personalen Unbewussten zurückführen, wodurch die Individuen den von Bourdieu beschriebenen Habitus gewinnen und sich zugleich in eine jener »habituellen Massenbildungen« einbin- 66 V Das kulturelle Unbewusste (Pierre Bourdieu) den, die Freud (1921c, S. 159) am Beispiel der Religion beschreibt. Wegen dieser irrationalen Einbettung können jedenfalls die Überzeugungen und Verhaltensweisen der Mehrheit der Menschen eines sozialen Felds, von denen Bourdieu (1970) spricht, durch Argumente oder durch die Realität nur scheinbar infrage gestellt werden. Mit diesem Zugewinn an Erkenntnis wird zugleich die offene Frage – warum bleiben die kognitiven Schemata im Menschen unreflektiert? – beantwortet und die epistemischen Probleme dieses Konzepts – »progressus ad infinitum« (Booms, 2003, S. 201), Verwechslung von empirischem und wesentlichem Allgemeinen und von Erkenntnisprozessen und realen Prozessen – werden vermieden. Legt man dieses psychoanalytische Verständnis Bourdieus Konzept des kulturellen Unbewussten zugrunde, wird ersichtlich, dass das kulturelle Unbewusste zwar nicht inhaltlich in die psychoanalytischen Konzepte eingeht, aber in der Gruppe der Psychoanalytiker doch im Umgang mit ihren Kategorien wirksam sein kann. Die Psychoanalytiker gehören einem bestimmten sozialen Feld an, haben gemeinsam das nämliche, in ähnlicher Weise strukturierte Ausbildungssystem durchlaufen und sich mehrheitlich bestimmte kognitive Schemata und einen bestimmten Habitus angeeignet, sodass nichts gegen die Annahme spricht, dass auch ihrem Alltagsbewusstsein Kategorien gemein sind, die für ihr nicht mehr reflektiertes »allgemeine[s] Weltverständnis[.]« (Bourdieu, 1970, S. 245) grundlegend sind. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 67 VI Das Noch-Nicht-Bewusste (Ernst Bloch) »Das Noch-Nicht-Bewusste ist […] ein ebenso schwieriges und Widerstand leistendes Unbewusstes wie das der Verdrängtheit. Aber ihm ist keinesfalls das heutige, manifeste Bewusstsein übergeordnet, sondern ein künftiges, erst heraufkommendes. Das Noch-Nicht-Bewusste ist […] der psychische Geburtsort des Neuen […]. Das Subjekt wittert hier keinen Kellergeruch, sondern Morgenluft.« Ernst Bloch (1959) Bloch (1959, S.  61) beschreibt ein Noch-Nicht-Bewusstes, das er von personalen dynamischen Unbewussten bei Freud durch seine utopische Ausrichtung unterscheidet: »Das Unbewusste ist bei Freud  […] eines, in das  […] etwas zurückgeschoben werden kann. Das Unbewusste der Psychoanalyse ist […] niemals ein Noch-Nicht-Bewusstes, ein Element der Progression; es besteht vielmehr aus Regressionen.« Das personale dynamische Unbewusste sei »ausschließlich Nicht- Mehr-Bewusstes […] bevölkert […] einzig die Mondlandschaft des zerebralen Verlusts« (ebd., S. 130). Bloch (ebd., S. 61) urteilt bündig: Im »Freudschen Unbewusstsein ist nichts Neues«, und präzisiert den Unterschied dahingehend, dass »das Bewusstwerden dieses Unbewussten nur Gewesenes kenntlich« mache (ebd.), während das »Noch-Nicht-Bewusste das Vorbewusste des Kommenden, der psychische Geburtsort des Neuen« darstelle (ebd., S. 132). Dieses Neue sei »bis jetzt gänzlich außer Begriff geblieben« (ebd., S.  131), sei »ein aus der Zukunft erst heraufdämmernder Bewusstseinsinhalt«, »ein Traum nach vorwärts disponiert«, die »Bewusstseinsweise eines Anrückenden« (ebd., S. 132). Allerdings kann diese Differenzierung von Blochs Noch-Nicht-Bewussten und Freuds personalen dynamischen Unbewussten nicht aufrechterhalten werden. Für Lorenzer (1984, S. 65) schießt »Blochs Angriff auf Freuds Begriff vom Unbewussten […] übers Ziel hinaus und das heißt: daneben«, und Stiller (2017, S. 39) wendet ein, es sei erkennbar falsch, »dass es nach Freud durch das zum Ausdruck drängende Unbewusste kein Neues geben könnte«. Im Gegenteil, Freud betone, dass jeder bewusste Gedanke eine unbewusste Vorstufe habe und verweise auf 68 VI Das Noch-Nicht-Bewusste (Ernst Bloch) die wertvollen Einfälle, die ans Licht des Bewusstseins gefördert werden können: »Wir neigen wahrscheinlich in viel zu hohem Maße zur Überschätzung des bewussten Charakters auch der intellektuellen und künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen einiger höchstproduktiven Menschen, wie Goethe und Helmholtz, erfahren wir doch eher, dass das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfungen ihnen einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam« (Freud, 1900a, S. 618). Genauer besehen greift Stillers Einwand noch zu kurz. Sein Argument, Freuds Unbewusstes enthalte nicht Neues und keine Utopie, argumentiert nicht nur an Freuds Texten vorbei, sondern verkennt auch den prinzipiellen Charakter des personalen dynamischen Unbewussten. Die Zone des Unbewussten ist Resultat einer Brechung der sich bildenden subjektiven Strukturen, in der das zurückbleibt, was in den Sozialisationen zwar hergestellt wurde, aber auf der Strecke blieb. »Die Ungleichzeitigkeit von Unbewusstem und Bewusstem«, schreibt Adorno (1955, S. 61), »ist selbst ein Stigma der widerspruchsvollen gesellschaftlichen Entwicklung. Im Unbewussten sedimentierte sich, was immer im Subjekt nicht mitkommt, was die Zeche von Fortschritt und Aufklärung zu bezahlen hat«. Diese Zone stellt ein Störmoment für die Gesellschaft dar. Sie stempelt die Menschen zu virtuellen Feinden der Gesellschaft, weil sie sich selbst in der Gesellschaft nicht mehr in Gänze wiedererkennen können. Weil auch die Zone des Unbewussten über sich selbst hinausweist, beheimatet das personale dynamische Unbewusste auch eine Utopie. Wie das Noch- Nicht-Bewusste Blochs antizipiert auch das personale dynamische Unbewusste einen künftigen Zustand. Es ist ein Zustand, in dem es ins Bewusstsein eingelassen und es negiert wird, das heißt selbst nicht mehr vorhanden ist, sodass auch in diesem Fall nicht das aktuelle Bewusstsein, »sondern ein künftiges, erst heraufkommendes« (Bloch, 1959, S. 131) das dynamisch Unbewusste verschwinden ließe. Eine weitere Unterscheidung zum dynamischen Unbewussten bestünde darin, dass das Noch-Nicht-Bewusste in einem ganz besonderen Sinne vorbewusst sei. Bloch meint, dass Freud (1923b, S. 244) in seinen Formulierungen »Wenn wir uns so vor der Nötigung sehen, ein drittes, nicht verdrängtes Ubw aufzustellen« und: »Auch ein Teil des Ichs, ein Gott weiß wie wichtiger Teil des Ichs, kann ubw sein, ist sicher ubw« jenes »Vorbewusste gestreift« habe, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 69 VI Das Noch-Nicht-Bewusste (Ernst Bloch) »das überhaupt nicht in Freuds Konzept passt, das Vorbewusste in der anderen Bedeutung, nach der anderen Seite, in dem kein Verdrängtes, sondern ein Heraufkommendes zu klären ist« (Bloch, 1959, S. 131). Diese Inanspruchnahme Freuds ist nicht gerechtfertigt. Sie greift an Freuds Überlegungen vorbei. Mit seiner Formulierung, dass ein Teil des Ichs unbewusst sein kann, verweist Freud nicht auf Utopisches, sondern darauf, dass entgegen seiner bisherigen Auffassung das Ich für die Abwehr verantwortlich ist. Diese Einsicht war der Grund, warum er die topische Theorie, die den psychischen Apparat in die Systeme Bw, Vbw und Ubw gliedert, durch die Strukturtheorie ersetzte. Sie differenzierte den psychischen Apparat in Über-Ich und Ich-Idel, Ich und Es und wandelte die Kategorien »bewusst«, »vorbewusst« und »unbewusst« von Substantiva in Adjektiva. Wir vervollständigen das Eingangszitat um die Auslassungen, in dem Bloch (ebd., S. 132) dieses Vorbewusste beschreibt. Das Noch-Nicht-Bewusste ist »das Vorbewusste des Kommenden, der psychische Geburtsort des Neuen. Und es hält sich vor allem deshalb vorbewusst, weil eben in ihm selber ein noch nicht ganz manifest gewordener, ein aus der Zukunft erst heraufdämmernder Bewusstseinsinhalt vorliegt. Gegebenenfalls ein erst objektiv in der Welt entstehender; so in allen produktiven Zuständen, die mit nie Dagewesenem in Geburt stehen«. Vorbewusst verweist hier auf die »Bewusstseinsweise eines Anrückenden« (ebd.), mithin auf etwas, das es noch nicht gibt, aber angestrebt wird. Es könnte erst benannt werden, nachdem es eingetreten ist. Der bei Bloch als vorbewusst antizipierte Zustand ist deckungsgleich mit dem, der aus dem dynamisch Unbewussten erwächst. In diesem Fall wird ebenfalls ein Zustand antizipiert, der über den bestehenden hinausweist, aber nicht benannt werden kann, weil das Unbewusste nicht bewusst ist. Auch hierzu müsste das Unbewusste erst bewusstgeworden sein. Zusammenfassung Da es Blochs Noch-Nicht-Bewusstes nicht gibt, wird man es auch nicht als ein inhaltlich bestimmtes gesellschaftliches Unbewusstes in den psycho- 70 VI Das Noch-Nicht-Bewusste (Ernst Bloch) analytischen Konzepten mystifiziert wiederfinden können. Nun hat Gekle (1986) vorgeschlagen, sich von Blochs entstellendem Freud Verständnis zu verabschieden und unter anderem Blochs Noch-Nicht-Bewusstes unabhängig von Freuds Überlegungen und ebenso unabhängig von Blochs Urteil über Freud zu betrachten. Aber auch wenn man Gekles (1986) Empfehlung folgt und glaubt, dass es vor dem Bewusstsein liegende, das heißt noch bewusstlose Ahnungen des Künftigen gibt, eine Art nicht formulierbaren Prophezeiung, könnte man Blochs Noch-Nicht-Bewusstes bestenfalls als »Bauchgefühl« des Psychoanalytikers über den Ausgang einer Behandlung, aber nicht als unbewusste Eintragung in die psychoanalytischen Konzepte verstehen, mit denen er arbeitet. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 71 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) »Marx  […] Originalität macht auch nicht aus, dass Marx  […] die kapitalistische Vergesellschaftung in ihren negativen Auswirkungen auf die soziale Infrastruktur aufgefasst hat – nämlich als Gemeinschaftsverlust. Vielmehr besteht seine Originalität darin, den Fehler in der atomistischen Tiefengrammatik der hier zugrunde liegenden Sozialtheorie aufgespürt zu haben […].« Rahel Jaeggi & Daniel Loik (2013) Nachdem wir das gesellschaftliche Unbewusste, wie es die Psychoanalyse versteht, Pierre Bourdieus kulturelles Unbewusstes sowie das Noch-Nicht-Bewusste Ernst Blochs dargestellt haben, werden wir uns in diesem Kapitel das gesellschaftlich Unbewusste vergegenwärtigen, von dem bei Marx und Engels die Rede ist. Vor dem Hintergrund, dass der Terminus »unbewusst« in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkam, kann es nicht verwundern, wenn dieser Ausdruck auch von Marx und Engels benutzt wurde. In ihren Werken erscheint der Terminus »unbewusst« gut 50 Mal in unterschiedlichen Kontexten, meistens im Sinn von unwissentlich, beziehungsweise nicht bewusst und meist auf Phänomene bezogen, die auf der gesellschaftlichen Dimension liegen. So ist bei Marx und Engels nicht nur im eingangs erwähnten Zitat, das sich auf die unbewusste Herstellung des Marktpreises eines Produkts bezieht, sondern auch in weiteren Passagen von unbewussten gesellschaftlichen Prozessen die Rede. Wir nennen diese Passagen, in denen Marx und Engels von unbewussten gesellschaftlichen Prozessen sprechen (jeweils unsere Herv.): »Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewusst die materiellen Bedingungen einer höheren Produktionsform« (Marx, 1894b, S. 269). »Wenn wir nun aber sehn, dass die drei Klassen der modernen Gesellschaft, die Feudalaristokratie, die Bourgeoisie und das Proletariat jede ihre besondre 72 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) Moral haben, so können wir daraus nur den Schluss ziehn, dass die Menschen, bewusst oder unbewusst, ihre sittlichen Anschauungen in letzter Instanz aus den praktischen Verhältnissen schöpfen, in denen ihre Klassenlage begründet ist – aus den ökonomischen Verhältnissen, in denen sie produzieren und austauschen« (Engels, 1878, S. 87). »Und endlich fand die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller menschlichen Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeiten überhaupt sind, ihren unbewussten, aber stärksten Ausdruck im Wertgesetz der modernen bürgerlichen Ökonomie, wonach der Wert einer Ware gemessen wird durch die in ihr enthaltene gesellschaftlich notwendige Arbeit« (ebd., S. 97f.). »Wenn es also darauf ankommt, die treibenden Mächte zu erforschen, die […] sehr häufig unbewusst […] hinter den Beweggründen der geschichtlich handelnden Menschen stehn und die eigentlichen letzten Triebkräfte der Geschichte ausmachen, so kann es sich nicht so sehr um die Beweggründe bei einzelnen […] handeln« (1886, S. 298). »Dass die materiellen Lebensbedingungen der Menschen, in deren Köpfen dieser Gedankenprozess vor sich geht, den Verlauf dieses Prozesses schließlich bestimmen, bleibt diesen Menschen notwendig unbewusst, denn sonst wäre es mit der ganzen Ideologie am Ende« (ebd., S. 303). Generalisiert heißt das, dass die innere Struktur der Gesellschaft, das »innere Getriebe« (Marx, 1885, S. 218), die beziehungsweise das die gesellschaftlichen Abläufe wesentlich bestimmt, den Menschen unbewusst ist. »Die Menschen«, argumentiert Lefèbvre (1958, S.  80), »sind sich ihres wirklichen Lebens nicht voll bewusst; sie kennen es nicht.« Zur Frage wird, wie es möglich ist, dass gesellschaftliche Phänomene unbewusst sein können. Versteht man mit Tugarinow (1974) die gesellschaftlichen Verhältnisse als einen Gegenstand des gesellschaftlichen Bewusstseins und dieses Bewusstsein als die Gesamtheit des geistigen Lebens und Wissen einer Gesellschaft in allen seinen Formen und Inhalten, scheint die Annahme unbewusster gesellschaftlicher Prozesse höchst problematisch. Das gesellschaftliche Bewusstsein liegt in Büchern, Museen etc. vor und die Konzeption von Marx und Engels ist fraglos in Büchern verfügbar. Das Unbewusste, von dem bei Marx und Engels die Rede ist, kann sich mithin nicht außerhalb des gesellschaftlichen Bewusstseins befinden. Ist bewusst, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 73 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) dass ein Zusammenhang unbewusst ist, kann der Zusammenhang selbst nicht mehr unbewusst sein. Es scheint also, als könne das von Marx und Engels beschriebene gesellschaftliche Unbewusste gar nicht vorkommen. Ehe wir aber die Annahme eines solchen gesellschaftlichen Unbewussten verwerfen, sollten wir uns vergewissern, ob dieser Einwand fortbesteht, wenn die Gründe für das gesellschaftliche Handeln, die Marx und Engels als unbewusst beschreiben, in ihrer Beziehung zum Alltagsbewusstsein betrachtet werden, das Menschen von der Gesellschaft haben. Deshalb werden wir die Gemeinsamkeiten und Unterschiede vom gesellschaftlichen Bewusstsein und gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein, die wir andernorts schon untersucht haben (Zepf & Seel, 2019), vorab nochmals darstellen und um ihren ideologischen Charakter ergänzen. Gesellschaftliches Bewusstsein, Ideologie und Alltagsbewusstsein Im Verständnis von Marx und Engels gilt generell, dass das Bewusstsein die materielle Wirklichkeit widerspiegelt, womit das Syntagma »gesellschaftliches Bewusstsein« als ein spezieller Fall des Allgemeinen zu verstehen ist. Diese abstrakte These verweist auf die historische Kontinuität der materialistischen Bewusstseinstheorie und die zweite These referiert auf die Gesellschaft als ein spezifisches materielles Objekt des Bewusstseins.1 Die von Marx und Engels beschriebenen Eigentümlichkeiten der Warengesellschaft und des Kapitalismus liegen ebenso im gesellschaftlichen Bewusstsein vor wie die Begründungen des Neoliberalismus oder die Überlegungen Sigmund Freuds. Wir sind uns mit Uledow (1968, S. 30) und Wittich (1968) einig, dass das gesellschaftliche Bewusstsein das Resultat gesellschaftlicher Erkenntnistätigkeit ist. Zwar gründet es in der Erkenntnistätigkeit einzelner Individuen. Aber kein Individuum erkennt die Welt wie ein als Kind auf eine unbewohnte Insel verschlagener Robinson. Ehe Individuen Erkenntnisse produzieren können, müssen sie sich zunächst die Begriffe ihrer wissenschaftlichen Disziplin aneignen, in denen frühere Erkenntnisse aufbewahrt sind und die 1 »Das Bewusstsein widerspiegelt überhaupt das Sein – das ist eine allgemeine These des gesamten Materialismus. Ihren direkten und untrennbaren Zusammenhang mit der These des Historischen Materialismus, dass das gesellschaftliche Bewusstsein das gesellschaftliche Sein widerspiegelt nicht zu sehen, ist unmöglich« (Lenin, 1909, S. 334). 74 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) in das gesellschaftliche Bewusstsein Eingang gefunden haben. Die im gesellschaftlichen Bewusstsein enthaltenen Einsichten wiederum sind ebenso wenig das Produkt verschiedener, solipsistisch vor sich hinarbeitender Individuen wie die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und die Produktion neuer Ideen, die auf ihrer Grundlage erfolgen. Weil die Individuen schon in der Aneignung und insbesondere in der Produktion von Erkenntnissen gesellschaftliche »Erkenntnisbeziehungen« eingehen (Wittich et al., 1978, S. 102) – wir haben auf sie bei Freuds Erfindung psychoanalytischer Konzepte hingewiesen –, in denen sie miteinander teils kooperieren und sich zumindest über Publikationen austauschen, sind sowohl bestehende wie auch neue Erkenntnisse gesellschaftlich bestimmt. Nur auf dieser Grundlage und nur im Zusammenwirken mit anderen können Individuen ihr Erkenntnisvermögen entwickeln. Als Voraussetzung ihrer Erkenntnistätigkeit eignen sich Individuen die im gesellschaftlichen Bewusstsein aufbewahrten Erkenntnisse ihres Interessengebietes an, verarbeiten und vertiefen sie in Kooperation miteinander und die Resultate ihrer Erkenntnistätigkeit können wieder Eingang ins gesellschaftliche Bewusstsein finden. Folgt man Leontjew (1959), ist das gesellschaftliche Bewusstsein die ideelle Form, in der die gesellschaftliche Erfahrung, die gesellschaftliche Praxis der Menschen aufbewahrt ist. Inhaltlich besteht es aus verschiedenen Ideen, in denen unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abgebildet sind. Dementsprechend lässt es sich beispielsweise gliedern in ein sittliches, wissenschaftliches, juristisches, politisches, religiöses, ökonomisches und ideologisches Bewusstsein. Auf der Grundlage des allgemein verfügbaren gesellschaftlichen Bewusstseins bildet sich das individuelle gesellschaftliche Bewusstsein. Neben den einmaligen Zügen, die aus den besonderen Lebensbedingungen erwachsen, hat das individuelle gesellschaftliche Bewusstsein Gemeinsamkeiten, die sich auf der Grundlage gleichartiger sozialer Beziehungen und Interessen herausbilden und die es mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein anderer Individuen verbindet. Auf dieses gesellschaftliche Bewusstsein, das Individuen gemein ist, bezieht sich der Begriff des »gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein[s]«. Das Konzept des »Alltagsbewusstseins«, das Engels (1859, S. 473) im Begriff des »bürgerlichen Alltagsverstandes« vorweggenommen hat, wurde von Lefèbvre (1972), der sich aber vorzugsweise mit dem Alltagsleben beschäftigt, und vor allem von Leithäuser (1976) wieder in die sozialpolitische Diskussion eingeführt. Zum Alltagsbewusstsein, Gramscis Alltagsverstand, gehören 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 75 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) alle Gedanken über die gesellschaftlichen Erscheinungen auf verschiedenen Abstraktionsstufen in den Köpfen der Individuen, die Gesellschaftstheorien vergangener und gegenwärtiger Soziologen ebenso wie die Meinung der Bildzeitung, der Friseurin über Angela Merkel, der Arbeiter oder Hartz-IV-Empfänger über die Marktpreise. Mit Leithäuser verstehen wir darunter noch bestimmte Inhalte sowie Formen, die sich in Verfahrensregeln darstellen. Diese Regeln werden durch die Erziehungsprozeduren in der Familie, Kindertagesstätten, Schule, Ausbildungsinstitutionen und Arbeit erlernt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen der Vergesellschaftung werden die allgemeinen Erfahrungsmodi des Alltagsbewusstseins, die sich personaler Sozialisationsinstanzen verdanken, wesentlich von der »Bewusstseins-Industrie« (Enzensberger, 1976, S. 3) bestimmt. Inzwischen führt jedenfalls die Medienindustrie Regie in der Herstellung dieser allgemeinen Erfahrungsmodi. Diese Modi entscheiden, welche Erfahrungen in das Alltagsbewusstsein eingelassen und welche nicht zugelassen werden, was gut und was schlecht ist, welche Unterscheidungen an Dingen und Menschen vorgenommen werden. Es ist ein Bereich, durch den und in dem sich die Individuen ohne große und schwerwiegende Problematisierungen verstehen und verständigen können; er konstituiert eine gemeinsame Welt, die allen bekannt und vertraut ist. Gesellschaftliches Alltagsbewusstsein ist der jeweils individualisierte Ausdruck allgemeiner und öffentlicher gesellschaftlicher Erfahrungen. Selbst wenn man auch das Alltagsbewusstsein in ein sittliches, wissenschaftliches, juristisches, politisches, religiöses und ökonomisches Bewusstsein gliedert, wird noch nicht erkennbar, dass es im Vergleich mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein in einem anderen Verhältnis zum gesellschaftlich Unbewussten steht. Dieses andere Verhältnis offenbart sich erst, nachdem man sich über den ideologischen Charakter beider Bewusstseinsformen aufgeklärt hat. Dann wird erkennbar, dass sich Marx’ Warenanalyse zwar im gesellschaftlichen Bewusstsein befindet – man könnte sich über sie informieren –, aber aus ideologischen Gründen verhindert wird, dass sie auch im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein der Mehrheit erscheint. Bewusstsein und Ideologie Gemessen am historisch-materialistischen Ideologieverständnis haben sowohl das gesellschaftliche Bewusstsein wie auch das gesellschaftliche All- 76 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) tagsbewusstsein ideologischen Charakter. Ideologie wird als Widerspiegelung des gesellschaftlichen Seins durch das Prisma von Partialinteressen verstanden, deren Durchsetzung sie dient. Dieses Ideologieverständnis wurzelt in der bekannten Feststellung von Marx und Engels (1845/46, S.  46): »Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.« Da auch die Beherrschten Interessen haben, enthält das gesellschaftliche Bewusstsein neben der Ideologie der Herrschenden auch die Überlegungen von Marx und Engels. Mit der Unterscheidung von gesellschaftlichem Bewusstsein und gesellschaftlichem Alltagsbewusstsein löst sich der Widerspruch, der zwischen der Annahme unbewusster gesellschaftlicher Prozesse und gesellschaftlichem Bewusstsein zu bestehen schien. Während im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein die vorherrschende Ideologie verhindert, dass diese Prozesse Bewusstsein gewinnen, liegen sie im gesellschaftlichen Bewusstsein in bewusster Form vor. Auch der Einwand, den Muntschajew (1981) gegen die Auffassung des gesellschaftlichen Bewusstseins als Widerspiegelung der gesellschaftlichen Praxis richtet, wird mit dieser Unterscheidung hinfällig. Muntschajew (1981) argumentiert, dass Uledow (1968) und Wittich (1968) bei der Darstellung der politischen Interessen, von denen die Bewusstseinserscheinungen immer durchdrungen sind, selbst in der von ihnen kritisierten engen Fassung des gesellschaftlichen Bewusstseins – seiner Beschränkung auf die ideologische Abbildung der gesellschaftlichen Verhältnisse – enden. Wir wollen nicht bestreiten, dass sich das spezifisch Gesellschaftliche am deutlichsten in den ideologischen Anschauungen und in den Gesellschaftswissenschaften zur Darstellung bringt und alle Formen der geistigen Produktion des Austauschs der Organisation der Wissenschaft und der Bildung durchdringt. Aber dieses Spezifische umfasst nicht das ganz gesellschaftliche Bewusstsein und durchdringt nicht das gesamte gesellschaftliche Bewusstsein. Es ist ein Teil von ihm und liegt in ihm von anderen Teilen getrennt vor. So ist im gesellschaftlichen Bewusstsein außer der herrschenden Ideologie noch der Historische Materialismus enthalten, während im Alltagsbewusstsein mehrheitlich die Ideologie der Herrschenden vorherrscht und alles durchringt. Diese Dominanz ist für das Verhalten entscheidend. Das gesellschaftliche Bewusstsein ist sozusagen der Ort, an dem die herrschende Ideologie und der Historische Materialismus aufbewahrt und zur 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 77 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) Verfügung gestellt werden, aber noch wirkungslos bleiben. Zur Wirkung gelangen sie erst, wenn sie im Alltagsbewusstsein der Menschen vorliegen. Deshalb sorgen die herrschenden Interessen, deren Durchsetzung die herrschende Ideologie dient, nicht nur dafür, dass bestimmte Inhalte im Alltagsbewusstsein der Mehrheit erscheinen, sondern auch, dass bestimmte Inhalte des gesellschaftlichen Bewusstseins nicht ins gesellschaftliche Alltagsbewusstsein der Mehrheit gelangen. Da die herrschende Ideologie in allen Formen und Ausprägungen des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins vorhanden ist, spielt sie natürlich auch im Wissenschaftsbetrieb eine Rolle. Dies führt zur Frage nach dem Zusammenhang von Ideologie und Erkenntnis. Antworten auf diese Frage sind ebenso kontrovers wie die auf die Frage, was Ideologie ist. Mit einigen von ihnen haben wir uns anderorts exemplarisch auseinandergesetzt (siehe Zepf & S. Hartmann, 1989) und greifen im Folgenden auf frühere Überlegungen zurück. Für Geiger (1968) etwa ist der Zusammenhang von Werturteilen und Ideologie zentral. Nach seiner Auffassung beruhen Werturteile auf Gefühlsverhältnisse von Personen zu einem Gegenstand, die in Eigenschaften des Gegenstandes umgedeutet und so objektiviert werden. Nicht die Bewertung selbst sei illegitim, sondern die Verdinglichung des in der Bewertung sich darstellenden subjektiven Verhältnisses zum Gegenstand, indem es im Aussagebestandteil des Satzes die Form einer theoretischen Sachaussage annimmt. Für Geiger sind all jene Aussagen ideologisch, »die ihrer sprachlichen Form und dem in ihnen ausgedrückten Sinne nach sich als theoretische Sachaussagen geben, die aber a-theoretische, nicht der objektiven Erkenntniswirklichkeit zugehörende Bestandteil enthalten« (ebd., S. 58). Erkenntnistheoretisch unterscheidet Geiger (ebd., S. 30, 42, 44) zwei Arten von Wirklichkeit, die sogenannte »Erkenntniswirklichkeit« und die »Existentialwirklichkeit«. Erkenntniswirklichkeit bezieht sich auf die Gegenstände, die mit unseren Sinnen – unmittelbar oder mittelbar – wahrgenommen werden können. Existentialwirklichkeit sei hingegen eine subjektiv gesetzte Realität, das Ergebnis einer pragmatischen Interpretation ihrer Daseinsform. Erkenntniswirklichkeit meint all das, worüber Aussagen gemacht werden können, die »als die Verarbeitung von Beobachtungen nach den Regeln der Logik« erfolgt (ebd., S. 42). All das, was sich Aussagen dieser Art entzieht, gehört zur Existentialwirklichkeit und ist »in der raumzeitli- 78 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) chen Wirklichkeit nicht auffindbar« (ebd., S. 48, 55). Ideologische Aussagen enthalten Elemente dieser Existenzialwirklichkeit. Dazu gehören etwa Aussagen über gesellschaftliche Verhältnisse oder Gesetzmäßigkeiten der Geschichte. Ebenso bezeichne das Wort »Freiheit […] nichts in der raumzeitlichen Welt Vorfindbares« (ebd., S. 44f.), und »Produktionsverhältnisse« oder »materielle Zustände« wären »metaphysische Setzungen« (ebd., S. 64). Auch für Albert (1972, S. 62f.) sind Wertungen ein zentraler Bestandteil von Ideologien. Ideologisch würde man denken, wenn Werturteile als Bestandteile einer Wissenschaft ausgegeben und als Erkenntnisse deklariert werden. Auf diese Weise würden Werturteile einer kritischen Untersuchung entzogen. Wissenschaft könne zwar Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, aber Entscheidungen nicht begründen. Durch Ideologiesierung würde dieses Problem umgangen, weil sie Entscheidungen als Wertungen in Form von Aussagen anbieten und »die Natur der Sache, das Wesen der Dinge widerzuspiegeln« zu sein scheinen (ebd., S. 62). Im Unterschied zu Geiger betont Albert insbesondere die ideologische Aussteuerung sachlich-informativer Aussagen. Dies führe zum Problem des sozialen Kontexts der Wissenschaften. Analysiere man Aussagen in ihrem sozialen und motivationalen Kontext, würde die Unterscheidung von Wissenschaft und Ideologie problematisch. Für ihre Unterscheidung fordert Albert, dass man die betreffenden Aussagen »so formuliert, dass sie dem Risiko des Scheiterns an den Tatsachen ausgesetzt sind, und sie strengen Prüfungsversuchen unterwirft, oder dass man sie auf andere Weise der kritischen Diskussion zugänglich macht« (ebd., S. 64). Barion (1974, S. 73) wiederum kritisiert Geiger, weil er aus einem positivistischen Vorurteil heraus alle Werturteile als ideologisch hinstelle. Zwar würden Werte nicht einer raumzeitlich bestimmten und daher unmittelbar oder mittelbar wahrnehmbaren Welt der Erscheinungen angehören; sie seien vielmehr der Sphäre der idealen Wirklichkeit zuzurechnen. »Werte sind objektive Qualitäten eigener Art. Wir verstehen unter Wert jene Gegenständlichkeit, auf die unsere Werturteile gerichtet sind, und von deren Erfassung die Wahrheit oder Falschheit solcher Urteile abhängt« (ebd., S. 74f.). Ob ein Werturteil wahr oder ideologisch ist, würde danach entschieden, ob es mit der objektiven Wertqualität übereinstimmt oder nicht. Dabei deutet der Ideologe »Wertgehalte unter dem Gesichtspunkt ihrer Dienlichkeit für bestimmte Eigeninteressen in bestimmte Handlungen und Ver- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 79 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) haltensweisen hinein«, wobei die »Wertwirklichkeit […] bewusst oder unbewusst, verdeckt« wird (ebd., S. 72). Trotz ihrer Verschiedenheit haben die Auffassungen von Geiger, Albert und Barion Gemeinsames. Zum einen mangelt ihnen gemeinsam die Aufklärung der gesellschaftlichen Genese und Funktion von Ideologie. Geiger versteht kollektiv gleichartige ideologische Wertungen als Ergebnis von Ausleseprozessen aus individuellen Wertungen durch Einflüsse der öffentlichen Meinung, Kultur und Erziehung. Ausgangspunkt der Produktion von Ideologie sind in seiner Konzeption die Subjekte aufgrund einer falschen Wahrnehmung. Da man aber in seinem Konzept nicht wissen kann, ob subjektive Konstruktionen, auch wenn sie nach den Regeln der Logik verfasst sind, die Wirklichkeit abbilden, wird die Erkenntniswirklichkeit selbst zu einer Existentialwirklichkeit und, weil ohne Realobjekt, im Rahmen des eigenen Verständnisses selbst zur Ideologie. Zwar erlaubt das Konzept von Albert der Möglichkeit nach eine kritische Befragung von Ideologien, schließt aber eine wissenschaftliche Erforschung ihres Begründungszusammenhangs aus. Albert klassifiziert das methodische Prinzip der zureichenden Begründung als ideologisch, weil damit immer auf eine dogmatische Grundlage Bezug genommen würde, deren Autorität feststehe. Des Weiteren betont Albert, dass Entscheidungen, die einer Wissenschaft zugrunde liegen  – wie ihre Definition, ihre Aufgaben, ihr Objektbereich, ihre Problemstellungen, ihre Spielregeln und die Festlegung des Wahrheitskriteriums  – Willensentscheidungen sind und kein Erkenntnisproblem darstellen. Wie also diese Entscheidungen zustande kommen, ist wissenschaftlich nicht begründbar. Hahn (1978) merkt dazu an, dass durch den Verzicht auf eine wissenschaftliche Begründung von Werturteilen auch die Kritik an den praktischen Grundlagen von Wertungen ausgespart wird und die faktisch herrschenden Wertungen unangetastet bleiben. Ebenso klärt auch Barions Konzeption nicht über eine gesellschaftliche Bedingtheit des ideologischen Verfehlens objektiver Werte und deren Entstehung auf. Zum anderen wird in den Konzepten von Geiger, Albert und Barion Ideologie gemeinsam als falsches Bewusstsein verstanden und von Wissenschaft getrennt. In Geigers Konzept bezieht sich Ideologie und Wissenschaft auf verschiedene Objekte, Ideologie auf die Existentialwirklichkeit und Wissenschaft auf die Erkenntniswirklichkeit. Für Albert beziehen sich beide zwar auf denselben Gegenstand, dem aber im Falle von Ideologie 80 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) Werte zugeschrieben werden, die er nicht besitzt. Bei Barion erkennt Wissenschaft die objektiven Werte des Untersuchungsgegenstands, während die Ideologie sie verfehlt. Ganz grundsätzlich gilt für diese Auffassungen die Alternative, dass Erkenntnis interessengeleitet, zielgerichtet, parteilich oder objektiv, unparteilich und wissenschaftlich ist. Barion (1974, S. 106) bringt dies in folgender These unmissverständlich zum Ausdruck: »Ideologie fordert Bekenntnis, Wissenschaft ist fortschreitendes Bemühen um Erkenntnis. Ideologie und Wissenschaft bleiben in ihrer Grundhaltung unversöhnliche Gegensätze.« Während also für Geiger, Albert und Barion Ideologie und wissenschaftliche Erkenntnis strikt getrennt sind, Geigers Ideologieverständnis ein Positivismus, Alberts Ideologiebegriff ein subjektiver und Barions Ideologiedefinition ein objektiver Idealismus zugrunde liegt, ist Ideologie im Verständnis des Historischen Materialismus nicht von Erkenntnis getrennt. Gleichwohl stimmt die Auffassung von Geiger, Albert und Barion mit dem Historischen Materialismus darin überein, dass Ideologie ein falsches Bewusstsein ist, allerdings nicht, weil Erkenntnis von Werturteilen, subjektiver Willkür oder Ähnlichem in die Irre geleitet wird, sondern weil die Stellung der Herrschenden im Produktionsprozess in die Erkenntnis eine Barriere einzieht, die der ökonomischen Struktur der Gesellschaft geschuldet ist. Da sich, einem Wort Engels (1872, S. 275) zufolge, die »ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft […] als Interessen« darstellen und diese Interessen in einer kapitalistischen Gesellschaftsformation die der ökonomisch Herrschenden sind, ist dieses falsche Bewusstsein ein notwendig falsches Bewusstsein insofern, als es sich auf die Bewahrung der gesellschaftlichen Verhältnisse beschränkt, die die Verfügung der Herrschenden über die materielle Produktion weiter garantieren. Es ist gewiss unstreitig, dass ein Gegenstand nur zum Objekt der theoretischen Aneignung wird, wenn er für die gesellschaftliche Praxis von Bedeutung ist. Das gesellschaftliche Interesse stellt sich im Auswählen dar, im Bevorzugen gerade dieser oder jener Gegenstände aus der Menge der uns umgebenden Gegenstände. Wenn nun »das ideologische Moment in allen  […] Formen und Ausprägungen des gesellschaftlichen Bewusstseins vorhanden ist« (Tugarinow, 1974, S. 123), heißt dies für den Wissenschaftsbetrieb einer kapitalistischen Gesellschaft, dass die herrschende Ideologie im Wesentlichen bestimmt, welche Gegenstände wie und wie tief untersucht werden und wie mit den gewonnenen Erkenntnissen gesellschaftlich umgegangen wird. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 81 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) Ideologie steht mithin nicht in einem prinzipiellen Widerspruch zur Erkenntnis, sondern nur insofern, als sie Erkenntnis behindert. Erkenntniskritisch betrachtet ist die herrschende Ideologie verantwortlich für das Zurückbleiben des jeweils erreichten Erkenntnisstandes hinter dem gesellschaftlich möglichen. Als Ausdruck von Produktionsverhältnissen, der »Gesamtheit der Bedingungen und Formen der Aneignung und der Kontrolle der Produktivkräfte und des Sozialprodukts«, die von der Entwicklung der Produktivkräfte – einem »strukturiertem Komplex von Beziehungen zwischen den Mitgliedern dieser Gesellschaft und der Natur« (Godelier, 1973, S. 179) –, zielt das herrschende ideologische Bewusstsein auf die Aufrechterhaltung des Bestehenden. Deshalb wird von der herrschenden Ideologie Sorge getragen, dass das »innere Getriebe« (Marx, 1885, S. 218) der Gesellschaft nicht im Alltagsbewusstsein erscheint. Das heißt, bei der Bestimmung des gesellschaftlichen Unbewussten, wie Marx und Engels diesen Terminus verwenden, kann nicht Freuds Verständnis des personalen dynamischen Unbewussten zugrunde gelegt werden. Vielmehr ist der Terminus »unbewusst« hier umgangssprachlich im Sinne von noch-nicht-bewusst zu verstehen und auf gesellschaftliche Prozesse zu beziehen, die Marx und Engels in ihren Überlegungen zwar abgebildet haben, die real vorhanden und wirksam sind, aber bislang ohne Bewusstsein der Mehrheit der Individuen sich vollziehen. Als Unterstützung der Auffassung, dass das Unbewusste bei Marx und Engels ein Noch-Nicht-Bewusstes meint, lässt sich die Beschreibung des Umgangs der Menschen mit ihren Arbeitsprodukten heranziehen. Die Menschen, so Marx (1867, S. 89), beziehen »ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich«. Und Marx (ebd., S. 88; unsere Herv.) fügt an: »Sie wissen das nicht, aber sie tun es.« Klar ist aber auch, dass die herrschende Ideologie nicht als gänzlich falsches Bewusstsein denunziert werden kann, das mit der Wirklichkeit in keiner Weise übereinstimmt. Wäre dem so, könnte nicht mehr gehandelt 82 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) werden. Während aber das Interesse an der Veränderung der wirklichen Verhältnisse die Beherrschten dazu auffordert, ihre Erkenntnisbewegungen bis zur Einsicht in die objektive Entwicklungslogik des Gesellschaftsprozesses vorantreiben, verbietet das Erkenntnisinteresse den Herrschenden, bis in jene Tiefe vorzudringen, in die die Beherrschten vordringen müssen. Weil damit die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse problematisiert würden, kann die bürgerliche Ökonomie nicht daran interessiert sein, zu enthüllen, woher der Mehrwert stammt – indem sie etwa zeigt, dass der Kapitalist keineswegs den Wert der Arbeit, sondern nur den Wert der Arbeitskraft bezahlt. Dem herrschenden Interesse genügt die Konstatierung objektiver Erscheinungen, wenn sich aus ihnen ein Handlungswissen, verbunden mit einem an der Kapitalverwertung orientierten technokratischen Umgang mit den Gegenständen, entwickeln lässt, das die selbst produzierten Widersprüche des gesellschaftlichen Systems so weit zu entproblematisieren hilft, dass sie nicht mehr auf das System selbst zurückschlagen. In der herrschenden Ideologie wird Realität so verkannt, wie sie verkürzt wird. Dies gründet einmal im Faktum, dass gesellschaftliche Oberflächenphänomene ihre innere Organisation verdecken, die in ihnen »wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheint« (Marx & Engels, 1845/46, S. 26) und zum anderen in der objektiven Nötigung, die von der Organisation der Gesellschaft selbst ausgeht und dazu zwingt, auf eben der Ebene objektiver Erscheinungen zu verharren. Der ideologische Charakter des Alltagsbewusstseins zeigt sich beispielsweise darin, dass Phänomene, die gesellschaftlich wirksam und in den historisch-materialistischen Kategorien im gesellschaftlichen Bewusstsein enthalten sind, im ökonomischen Alltagsbewusstsein der Mehrheit nur in entstellter Weise erscheinen. Außerhalb des ökonomischen Alltagsbewusstseins der Mehrheit bleiben nicht nur die gesellschaftlichen Prozesse, die Marx und Engels als unbewusst beschreiben. Ausgeschlossen bleibt auch die systematische Wirkung der in bestimmter Weise strukturierten gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. In einer kapitalistischen Gesellschaftsformation zeichnen sich diese Verhältnisse dadurch aus, dass eine Minderheit über die Produktionsmittel verfügt und die Mehrheit jene bilden, die von ihrem Besitz ausgeschlossen sind. Diese Mehrheit hat nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen, eine Arbeitskraft, die mehr Wert produziert, als ihr eigener Marktpreis beträgt. Der Mehrwert wird von der Minderheit angeeignet. Der Widerspruch dieses Gesellschaftssystems, auf den Marx und Engels aufmerksam 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 83 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) machen und dessen Folgen ebenfalls außerhalb des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins bleiben, liegt zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung des gesellschaftlich erwirtschafteten Mehrwerts. Wie die Arbeiten bürgerlicher Ökonomen erkennen lassen, erscheint im allgemeinen ökonomischen gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein und in unterschiedlichen privaten Ausformungen im individuellen ökonomischen gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein der Mehrheit anstatt der Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse »die fertige Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt« (Marx, 1894b, S. 219). Dies ist eine Gestalt, die »sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich zu ihrer inneren, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr entsprechenden Begriff« ist. Während im gesellschaftlichen Bewusstsein sowohl die Oberflächengestalt wie auch die Kerngestalt enthalten sind, findet sich im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein der Mehrheit nur die Oberflächengestalt wieder. Und dies deshalb, weil die herrschende Ideologie die der Besitzer der Produktionsmittel ist und diese kein Interesse haben, die Kerngestalt, die in dieser Ideologie verhüllt ist, in den ihr entsprechenden Begriffen im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein sichtbar werden zu lassen. Wie diese Kerngestalt, deren Begrifflichkeit auf ihre geschichtliche Herkunft und immer auch über sie hinausweist, verschleiert wird, lassen begriffliche Verkürzungen erkennen. Die Kontinuität von Vergangenem und über die aktuelle geschichtliche Stunde Hinausweisendem wird dadurch aufgelöst, dass Begriffe unter Verlust ihrer allgemeinen Bestimmung lediglich noch durch die Funktionen und Operationen definiert werden, die gegenwärtig mit den Objekten durchgeführt werden, auf die sie sich beziehen. Wir erläutern dies am Beispiel des Arbeitsbegriffs. Marx (1867, S. 198) definiert Arbeit als »allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam«, als einen bewussten, aktiven und zielgerichteten Prozess, in dem die menschlichen Individuen über Werkzeuge im Akt der sie gesellschaftlich miteinander verbindenden Kooperation auf die Natur einwirken, ihre Existenzbedingungen selbst produzieren und sich in dieser Produktion selbst verwirklichen. In diesem Arbeitsbegriff sind nicht nur die vergangenen, sondern der Möglichkeit nach auch alle künftigen Formen menschlicher Arbeit enthalten. Diese kategoriale 84 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) Fassung der Arbeit erlaubt unter Wahrung ihrer Identität, die differentia specifica verschiedener Arbeitsformen einzutragen, die historische Entwicklung dieser Formen im Zusammenspiel mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu rekonstruieren, sowie die Formen zu bestimmen, die auf der Grundlage der vorliegenden, historisch-spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisse möglich und notwendig geworden sind. Sie zwingt ferner zu einer Kritik an diesen Verhältnissen und zu ihrer qualitativen Veränderung, wenn sich das in ihnen möglich Gewordene – etwa ein bestimmtes Maß an Selbstverwirklichung – dennoch nicht verwirklichen lässt. Anders ist die Sachlage, wenn man bei der Definition von »Arbeit« davon absieht, dass Arbeit ein gesellschaftliches Verhältnis ist, das sie dem Wesen nach bestimmt und sie nur funktional definiert. Etwa als ein »[b] ewusster, ziel- und zweckgerichteter Einsatz körperlicher und geistig-seelischer Kräfte des Menschen, der sich in Arbeitsergebnissen vergegenständlicht (Güter, Dienstleistungen, geistig-künstlerische Werke), die der Befriedigung materieller und ideeller Bedürfnisse dienen« (Digel & Kwiatkowski, 1992, S. 84), als »Tätigkeit, bei der man geistige oder/und körperliche Kräfte einsetzt und mit der man einen bestimmten Zweck verfolgt« (Enzyklopädie Encarta 98), oder als eine »activity« definiert, »in which one exerts strength or faculties to do or perform something« (Enzyclopaedia Britannica 99). Mit diesen Definitionen wird eine extensionale Bestimmung der Arbeit, eine ihrer historisch-spezifischen Erscheinungsformen zu ihrem intensionalen, allgemeinen Bestimmungsmoment erhoben. Der Begriff »Arbeit« bezieht sich nur noch auf die Arbeit, die heute als Arbeit erscheint, und nicht mehr darauf, was Arbeit früher einmal war und in der Zukunft sein könnte. Wenn man das Substantiv eines Satzes mit dem Prädikat gleichsetzt, sind »die Namen der Dinge […] nicht nur ›hinweisend auf ihre Funktionsweise‹, sondern ihre (tatsächliche) Funktionsweise bestimmt und ›umschließt‹ den Sinn des Dings, indem sie andere Funktionsweisen ausschließt« (Marcuse, 1964, S. 106). Indem das historisch Besondere zum Allgemeinen wird, zerreißt im Denken die inhaltliche Verbindung zwischen den besonderen Erscheinungsformen des Allgemeinen. Ein Denken in operationalen Begriffen bleibt immer auf das Gegenwärtige beschränkt und isoliert es sowohl von der vergangenen gesellschaftlichen Praxis der Menschheit, aus dem es entstanden ist, wie auch von der zukünftigen, in die es sich entwickeln könnte. Die historische Rekonstruktion des Gegebenen, die zugleich über die in ihm vorhandenen weiteren Entwicklungsmöglichkeiten Auskunft 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 85 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) gibt, ist nur mit Begriffen zu leisten, deren Intensionen nicht operational zu rechtgestutzt sind. Weder bedeuten die operationalen Verkürzungen der ins gesellschaftliche Bewusstsein und der Möglichkeit nach ins Alltagsbewusstsein eingelassenen Erkenntnisse noch ihr ideologischer Charakter, dass sie mit der sozialen Wirklichkeit in keiner Weise mehr übereinstimmen. Sie dringen jedoch in gesellschaftliche Phänomene nur soweit ein, dass durch die gewonnenen Einsichten die herrschende gesellschaftliche Organisationsform nicht problematisiert wird. Die Erkenntnisse bleiben der Oberflächengestalt verhaftet, in der sich die gesellschaftlichen Verhältnisse präsentieren. Die herrschende Ideologie bildet die Wirklichkeit verkürzt ab, gibt sie verstümmelt wieder und ihre Begrifflichkeit verhindert die Erkenntnis dessen, was sich in ihr darstellt. Beispielsweise werden »Arbeitslohn«, »Profit« oder »zinstragendes Kapital« so betrachtet, wie sie erscheinen: Arbeitslohn als Lohn für die konkret geleistete Arbeit, Profit als Sonderfall des Arbeitslohns und Zins als vom Kapital produziert. Diese empirisch erfahrbaren Erscheinungsformen verhüllen jedoch den wesentlichen Inhalt, der in ihnen in entfremdeter Form zugleich erscheint. In Wirklichkeit ist der Profit eine reale Erscheinungsform des Mehrwerts, wobei »in dieser seiner verwandelten Gestalt als Profit der Mehrwert selbst seinen Ursprung verleugnet, unerkennbar geworden ist« (Marx, 1894b, S. 177). Ebenso ist auch der Zins, den das verliehene Geld, das beim Schuldner als Kapital produktiv verwendet wird, ein Teil des mittels des Kapitals erwirtschafteten Mehrwerts, »eine verwandelte Form des Mehrwerts, eine Form, worin sein Ursprung und das Geheimnis seines Daseins verschleiert und ausgelöscht ist« (ebd., S. 58). Kategorien wie »Wert der Arbeit« sind »Kategorien für die Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse« (1867, S. 559), in denen sich diese darstellen und verbergen. Damit ist nicht nur diese Kategorie gemeint: »Übrigens gilt von der Erscheinungsform ›Wert und Preis der Arbeit‹ oder ›Arbeitslohn‹, im Unterschied zum wesentlichen Verhältnis, welches erscheint, dem Wert und Preis der Arbeitskraft, dasselbe, was von allen Erscheinungsformen und ihrem verborgenen Hintergrund« (ebd., S. 564). Aus der Perspektive des Alltagsbewusstseins betrachtet sind diese Erscheinungsformen nicht zufällig, sondern für das Fortbestehen der Gesellschaftsformation notwendig. Beispielsweise erscheint auf »der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft […] der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, als ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quan- 86 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) tum Arbeit gezahlt wird«. Marx (ebd., S. 557–562) fügt an, dass genau diese »Form des Arbeitslohns […] jede Spur der Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit und Mehrarbeit, in bezahlte und unbezahlte Arbeit aus[löscht]«, sodass »[a]lle Arbeit  […] als bezahlte Arbeit« erscheint. Damit sich die Grundstruktur der Mehrwertakkumulation reproduzieren und aufrechterhalten kann, müssen sich aber diejenigen, deren Mehrarbeit sich der Mehrwert verdankt, in dieser Erscheinungsform, »in den Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse« bewegen. Würden sie nicht glauben, dass ihre ganze Arbeit bezahlt wird, würden sie das Wesen ihrer Ausbeutung verstehen, wären sie auch eher bereit, die Verhältnisse, unter denen sie arbeiten, zu verändern. Marx (ebd., S. 562) formulierte dies folgendermaßen: »Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen […].« Dass diese Freiheit illusionär ist, begründet Marx (ebd., S. 122) folgendermaßen: »Unsre Warenbesitzer entdecken […] dass dieselbe Teilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Privatproduzenten, den gesellschaftlichen Produktionsprozess und ihre Verhältnisse in diesem Prozess von ihnen selbst unabhängig macht, dass die Unabhängigkeit der Personen voneinander sich in einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt.« Die Unabhängigkeit der Privatproduzenten lässt ein System von Strukturen entstehen, das unabhängig von der Kontrolle der Einzelnen existiert und die Einzelnen reproduzieren die von ihrem Willen unabhängige Struktur ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, die die wirklichen Beziehungen des Systems bilden. Individuelle Freiheit erweist sich als Erscheinungsform der Machtlosigkeit, die der Reproduktion von Herrschaft dient. Wie die nicht vollständig bezahlte Arbeit im Arbeitslohn als vollständig bezahlt erscheint, erscheint auch die Unfreiheit fälschlicherweise als individuelle Freiheit. Arbeiter wie Kapitalist unterliegen denselben »Katego- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 87 VII Das gesellschaftlich Unbewusste (Marx und Engels) rien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse«. Die Kategorien dieser Erscheinungsformen, die die wirklichen Verhältnisse umkehren und verdecken, konstituieren die allgegenwärtigen Formen des Alltagsbewusstseins der Mehrheit der Individuen, die Welt bürgerlicher Illusionen. Zusammenfassung Das gesellschaftlich Unbewusste, wie es von Marx und Engels verstanden wird, bezieht sich auf gesellschaftliche Prozesse, die wirksam, aber noch-nicht-bewusst sind. Sie werden aktiv aus dem Alltagsbewusstsein der Menschen ferngehalten und können innerhalb des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins nur ein entstelltes Bewusstsein gewinnen. Da das gesellschaftliche Alltagsbewusstsein die ideologisch verfasste Form des gesellschaftlichen Bewusstseins ist, verbirgt und erscheint das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste darin mystifiziert, das heißt in Bewusstseinsformen, die mit der herrschenden Ideologie konform sind. 89 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste »Ich will davon nichts wissen! Fort! Gib ihn unten in dem Vorsaal ab.« Heinrich von Kleist (1810) Wir haben das gesellschaftlich Unbewusste, wie es von Marx und Engels verstanden wird, als das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste begriffen und wollen kurz die Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutieren, die zwischen dem gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten, dem Noch-Nicht- Bewussten Blochs, dem kulturellen Unbewussten Bourdieus und dem gesellschaftlichen und personalen Unbewussten bestehen, wie sie von der Psychoanalyse verstanden werden. Fokussiert man auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Blochs Noch-Nicht-Bewusstem und dem gesellschaftlich Noch-Nicht Bewussten von Marx und Engels, wird ersichtlich, dass beide insofern identisch sind, dass sie sich gleichermaßen vom personalen dynamischen Unbewussten dadurch unterscheiden, dass sie noch-nicht-bewusst waren. Des Weiteren weisen beide einen utopischen Charakter auf. Ein Unterschied zu Blochs Noch-Nicht-Bewussten liegt darin, dass Marx und Engels’ Noch-Nicht-Bewusstes nicht den vorbewussten Charakter besitzt, den Bloch dem Noch- Nicht-Bewussten zuschreibt. Beide unterscheiden sich ferner darin, dass die Utopie von Blochs Noch-Nicht-Bewussten im Numinosen, in der inhaltslosen Ahnung eines Besseren in der Zukunft gründet, während die Utopie bei Marx und Engels’ Noch-Nicht-Bewusstem inhaltlich bestimmt ist und aus der Negation des Bestehenden erwächst. Obwohl das von Marx und Engels’ beschriebene gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste keine dumpfe, noch begriffslose Vorahnung des Künftigen darstellt, sondern in falschen Begriffen im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein erscheint – darin liegt ein weiterer Unterschied zu Blochs Noch-Nicht-Bewusstem –, wohnt auch ihm ein utopischer Charakter inne. Wie das Noch-Nicht-Bewusste Blochs weist auch das von Marx und Engels beschriebene gesellschaftlich Noch- Nicht-Bewusste über den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand hinaus. Analog dem personalen dynamischen Unbewussten antizipiert auch das 90 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste einen gesellschaftlichen Zustand, in dem die Menschen voll umfänglich wissen, was sie tun und in dem das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste im Bewusstsein negiert ist. Um den Unterschied zu dem von Marx und Engels beschriebenen Noch- Nicht-Bewussten auch sprachlich zu kennzeichnen, empfehlen wir, das von Bloch eingeführte Noch-Nicht-Bewusste als das Noch-Nicht-Gewusste zu bezeichnen und fortan den Begriff des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten für das von Marx und Engels beschriebene gesellschaftlich Unbewusste zu reservieren. Bourdieus kulturellem Unbewussten und dem gesellschaftlichen Noch- Nicht-Bewussten von Marx und Engels ist lediglich gemein, dass beide nicht reflektiert werden, aber prinzipiell der Reflexion zugänglich sind. Hier überwiegen die Unterschiede. Das kulturelle Unbewusste ist psychologischer Natur, eine Struktur und spezifisch für die Menschen eines bestimmten sozialen Feldes. Es erscheint nicht in Ersatzbildungen im Alltagsbewusstsein der Menschen und wird nicht aus ideologischen Gründen daraus ferngehalten, sondern ist selbst ideologischer Natur. Hingegen ist das gesellschaftliche Noch-Nicht-Bewusste gesellschaftlicher Natur, keine Struktur, sondern inhaltlich. Es ist nicht spezifisch für bestimmte gesellschaftliche Felder, sondern gilt für die gesamte Gesellschaft, erscheint in Ersatzbildungen im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein der Menschen und wird aus ideologischen Gründen in diese Bewusstseinsform gezwungen. Ein wesentlicher Unterschied sowohl zu Bourdieus kulturellem Unbewussten, Blochs Noch-Nicht-Bewussten, zum gesellschaftlichen wie auch zum personalen dynamischen Unbewussten, wie sie von der Psychoanalyse verstanden werden, besteht darin, dass in dieses Verständnis das Unbewusste auf das Individuum bezogen ist. Hingegen bezieht sich das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste, wie es von Marx und Engels definiert wird, auf die Gesellschaft. Darauf bezieht sich auch Fromms Begriff des gesellschaftlichen Unbewussten. Allerdings referiert Fromm damit nicht auf das noch-nicht-bewusste »innere Getriebe« (Marx, 1885, S. 218) der Gesellschaft, sondern auf dessen Oberflächenphänomene, die von den Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam nicht wahrgenommen werden. Der Begriff des gesellschaftlichen Unbewussten wiederum, wie er von Devereux, Erdheim, Hopper, Weinberg und auch Sandner vertreten wird, wäre lediglich auf das Gemeinsame im personalen dynamischen Unbe- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 91 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste wussten der Menschen zu beziehen, auf die Konfliktstrukturen. In seiner Bezogenheit auf die Gesellschaft wäre der Ausdruck des »gesellschaftlichen Unbewussten« durch den Begriff des »gesellschaftlich Noch-Nicht- Bewussten« zu ersetzen und ihn gegenstandsbezogen auf die innere Struktur der Gesellschaft, auf die Gesetzmäßigkeiten zu beziehen, die aus den ökonomischen Verhältnisse folgen und außerhalb des Alltagsbewusstsein der Menschen liegen. Ganz offensichtlich unterscheiden sich das gesellschaftlich Noch-Nicht- Bewusste und das personale dynamische Unbewusste nicht nur inhaltlich. Auch ihre Genese ist unterschiedlich. Während sich das personale dynamische Unbewusste auf personale Beziehungen bezieht, die einst bewusst waren und nach der Verdrängung nicht mehr bewusst sind, referiert das gesellschaftlich Unbewusste, von dem Marx und Engels sprechen, auf gesellschaftliche Prozesse, die noch-nicht-bewusst wurden. Auf den ersten Blick scheint es, als müsste das Noch-Nicht-Bewusste im Unterschied zum personalen dynamischen Unbewussten als vorbewusst klassifiziert werden. Während das personale dynamisch-seelische Unbewusste einst bewusst war und auch mit größten Anstrengungen nicht ins Bewusstsein zurückgerufen werden kann, ist das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein in Mystifikationen – wie beispielsweise in den Begriffen »Lohn«, »Profit« und »Zins« – enthalten, und könnte durch Nachdenken mithilfe von Marx’ Kapital aus diesen Mystifikationen herausgeschält und in das Alltagsbewusstsein der Mehrheit eingeholt werden. Da das gesellschaftlich Noch- Nicht-Bewusste prinzipiell erkennbar ist, hat es in der Tat den Anschein, als wäre das von Marx und Engels als unbewusst im Sinne von noch-nichtbewusst Beschriebene in psychoanalytischem Verständnis lediglich im deskriptiven Sinn unbewusst und müsste deshalb als vorbewusst klassifiziert werden. Bekanntlich unterscheidet Freud in seiner topischen Theorie bewusst, vorbewusst und unbewusst als Systeme, die er durch Zensuren voneinander getrennt sieht. Das System Ubw ist durch Sachvorstellungen allein und das System Vbw durch eine Verbindung von Sach- mit Wortvorstellungen (Freud, 1915e, S. 300f.) charakterisiert, die mittels einer »Aufmerksamkeitsbesetzung« (1900a, S. 621) bewusstwerden können. Gegen die Annahme, dass das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste nur deskriptiv unbewusst ist und vorbewussten Charakter hat, sprechen jedoch einige Argumente. Einmal besteht »die für das Bewusstwerden entschei- 92 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste dende Zensur zwischen [den] Systeme[n] Ubw und Vbw« (1915e, S. 290) und die Zensur zwischen den Systemen Bw und Vbw richtet sich lediglich »gegen die vbw Abkömmlinge« (ebd., S. 292) insofern sie als »Abkömmling des Ubw« (ebd.) erkannt werden. Die Zensur zwischen den Systemen Bw und Vbw ist mithin nicht für die Entstellungen, sondern nur für deren Kontrolle verantwortlich und soll lediglich verhindern, dass nicht ausreichend entstellte Abkömmlinge des System Ubw ins Bewusstsein eintreten können. Eine Entstellung der Inhalte des Ubw im System Bw setzt eine Zensur zwischen dem Systemen Vbw und Ubw voraus, sodass mit dieser Annahme unklar bleibt, warum sich das gesellschaftlich Unbewusste in Gestalt von Ersatzbildungen im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein darstellen kann.1 Zum anderen müssten die von Marx und Engels als noch-nicht-bewusst klassifizierten gesellschaftlichen Phänomene im individuellen gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein in der »Zone des Vorbewussten«, wie Busch (2001, S. 415) annimmt, vorliegen und durch eine Aufmerksamkeitszuwendung bewusstwerden können. In dieser Zone des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins liegen aber die Überlegungen von Marx und Engels nur bei den Wenigen vor, die sich mit ihnen auseinandergesetzt haben. Bei der Mehrheit werden jedenfalls die Überlegungen von Marx und Engels in dieser Zone nicht auffindbar sein. Zwar liegen diese Überlegungen in Büchern vor, wären auch im Internet verfügbar und könnten mittels einer Aufmerksamkeitszuwendung auch ins ökonomische Alltagsbewusstsein eingeholt und bewusst werden; solange sie aber im ökonomischen Alltagsbewusstsein der Mehrheit nicht enthalten sind, können sie auch nicht in ihrer vorbewussten Zone lokalisiert werden. Das Verständnis des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten als unbewusst im dynamischem Sinn steht in Widerspruch zu der Auffassung, dass es durch eine »Aufmerksamkeitsbesetzung« (Freud, 1900a, S. 621) bewusstwerden kann; sein Verständnis als vorbewusst steht im Widerspruch zu der Ansicht, dass es in entstellten Ersatzbildungen im Alltagsbewusstsein erscheint. Das heißt, bei der Bestimmung des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten als unbewusst, wie Marx und Engels diesen Terminus verwenden, kann 1 Auch nach der Einführung der Strukturtheorie bleibt die nämliche Zensur zwischen Ubw, Vbw und Bw erhalten. Ubw, Vbw und Bw wandeln sich lediglich von Substantiva in Adjektiva. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 93 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste weder allein Freuds Verständnis des personalen dynamischen Unbewussten noch seine Auffassung des Vorbewussten zugrunde gelegt werden. Es ist ein eigenständiges Phänomen, in dem Eigenschaften des dynamisch Unbewussten und des Vorbewussten des Individuums vereinigt sind. Natürlich besteht die Möglichkeit, diese noch noch-nicht-bewussten realen Prozesse zu erkennen. Würde man dies mit Hinweis auf das psychoanalytische Verständnis des Vorbewussten bestreiten und sich der Annahme verschreiben, dass Erkenntnis nur am Vorbewussten ansetzen und nur Vorbewusstes mittels einer Aufmerksamkeitsbesetzung ins Bewusstsein gerufen werden kann, hieße das, dass nur schon bewusst Erkanntes wieder bewusst erkannt werden kann. Gänzlich im Verborgenen bliebe, wie Erkenntnis der Außenwelt überhaupt möglich ist. Der Zensur zwischen Ubw und Vbw, der im individuellen Seelenleben das Bestreben zugrunde liegt, Unlust zu vermeiden und den unbewussten Inhalten nur in Form von Ersatzbildungen Eingang ins Bewusstsein gewährt, entspricht in der Betrachtung des gesellschaftlichen Lebens eine Zensur zwischen der Wahrnehmung der von Marx und Engels erkannten ökonomischen Gesetzmä- ßigkeiten und dem gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein. In dieser Zensur sorgt die von ökonomischen Partialinteressen motivierte »Bewusstseins- Industrie« (Enzensberger, 1976, S. 3) dafür, dass die innere Struktur der Gesellschaft nur in Vorstellungen ins gesellschaftliche Alltagsbewusstsein der Individuen gelangen kann, in denen sich ihre Kerngestalt unerkennbar verbergen lässt. Obwohl das gesellschaftlich Unbewusste, das Marx und Engels beschreiben, nicht in Freuds Sinn dynamisch unbewusst, sondern noch-nicht-bewusst geworden ist, korrespondiert es in einigen seiner Eigenschaften mit dem personalen dynamischen Unbewussten der Psychoanalyse. Sowohl das personale dynamische Unbewusste wie auch das gesellschaftlich Noch- Nicht-Bewusste schaffen die Voraussetzung für ein irrationales Verhalten. Aus der Sicht des Historischen Materialismus und im Verständnis der Psychoanalyse gründet die Irrationalität des Verhaltens in einer »Bewusstlosigkeit der Beteiligten« (Engels, 1844, S. 515), wodurch »Antriebe« und »Kräfte« wie Naturgesetze wirken, und für beide Wissenschaften ist es das Ziel, die Bedingung des Wirkens dieser scheinbaren Naturgesetze aufzuheben. In beiden Fällen wird aktiv verhindert, dass sich Bewusstsein bildet und beiden ist eine Utopie gemein. Während der Unlustvermeidung dienende Interessen im Individuum das personale dynamische Unbewusste unterhalb seines Horizonts halten, sind es in der gesellschaftlichen Realität aus öko- 94 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste nomischen Partialinteressen geborene soziale Kräfte, die die innere Struktur der Gesellschaft aus dem gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein verbannen. Und wie sich die eigene, unbewusste Lebensgeschichte im Bewusstsein des Individuums in entstellten Formen darstellt und verbirgt, erscheint und maskiert sich das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste im Alltagsbewusstsein der Menschen, das sie von der Gesellschaft haben, in anderer Gestalt. Seit Freuds Erkenntnis des Unbewussten weiß man zwar, dass es dieses gibt, diese Erkenntnis führte aber nicht dazu, dass es in seiner ursprünglichen Gestalt ins individuelle Bewusstsein aufgenommen wurde. Es wissen zwar Einzelne vom gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten, von den Gegebenheiten, die unerkannt in der gesellschaftlichen Welt vorhanden und wirksam sind, aber auch in diesem Fall haben ihre Erkenntnisse keinen Eingang in das gesellschaftliche Alltagsbewusstsein der Mehrheit gefunden. Zusammenfassung Das von Marx und Engels beschrieben gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste unterscheidet sich von Blochs Noch-Nicht-Bewussten, Bourdieus kulturellem Unbewussten und dem gesellschaftlichen Unbewussten, wie es von Fromm, Devereux und anderen verstanden wird, in vielfacher Hinsicht. Vom personalen dynamischen Unbewussten, von dem die Psychoanalyse handelt, unterscheidet es sich inhaltlich und formal darin, dass das personale dynamische Unbewusste nicht mehr bewusst ist, während das gesellschaftlich Unbewusste noch-nicht-bewusst war, aber prinzipiell bewusstseinsfähig ist. Schiller (2017, S. 181) vergleicht das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste mit dem dynamisch Unbewussten in der Psychoanalyse folgendermaßen: »Die Denkform Ware oder Wertding ist ein Unbewusstes der gesellschaftlichen Praxis, ein sozial Unbewusstes […], d. h. ein kategorial Unbewusstes der gesellschaftlichen Praxis. […] Der Unterschied zum eigentlich Freud’schen Unbewussten liegt auf der Hand: Es handelt sich bei Marx um ein kognitives Unbewusstes, das (analog etwa den grammatischen Regeln oder dem Kantischen Schematismus) in der normalen Praxis nicht zugänglich ist, während das Freud’sche Unbewusste durch seine Trieb- oder Wunschbezogenheit, durch seine affektive oder eben ›dynamische‹ Eigenschaft wesentlich bestimmt ist.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 95 VIII Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste Schiller übersieht jedoch, dass das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste in seinen sonstigen Eigenschaften mit dem personalen Unbewussten identisch ist. Beide Male wollen die Menschen »nichts davon wissen«, wie Heinrich von Kleist (1810, S. 112) den Grafen vom Strahl sagen lässt, als Käthchen ihn über einen Brief informieren will, nichts mehr von bestimmten individuellen Erfahrungen und noch nichts vom Selbstverwertungsprozess des Kapitals, das ihrem gesellschaftlichen Leben zugrunde liegt. In ihrer Abschaffung enthalten ferner beide die Utopie einer besseren Zukunft – wir werden darauf noch zu sprechen kommen – und das gesellschaftliche Noch- Nicht-Bewusste hat im Hinblick auf das gesellschaftliche Alltagsbewusstsein denselben Status, der in der Psychoanalyse dem personalen dynamischen Unbewussten zukommt. Das von Marx und Engels konzeptualisierte gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste erscheint im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein in derselben Weise getarnt, in der die eigene, unbewusste Lebensgeschichte sich im individuellen Bewusstsein in ihr nicht zughörigen Kategorien verhüllt darstellt. 97 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen »Nach der Romantik verwendeten die Philosophie, die Psychologie, die Psychiatrie mehr und mehr und zwar in einer dynamischen Perspektive, den Begriff des Unbewussten.« Didier Anzieu (1986) Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste präsentiert sich in den ökonomischen Kategorien des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins in derselben Weise maskiert, in der sich unbewusste Lebensgeschichten im individuellen Bewusstsein in Kategorien verbergen und darstellen, die ihnen nicht zugehören. Da diese Kategorien gesellschaftlich hergestellt wurden und die psychoanalytischen Kategorien zwar von Freud verfasst, aber letztendlich ebenfalls gesellschaftlich produziert wurden, müsste sich das gesellschaftlich Noch- Nicht-Bewusste auch in diesen Konzepten wiederfinden, die zum beruflichen Alltagsbewusstsein der Psychoanalytiker gehören. Erkenntnisse entstehen aus Erkenntnisbeziehungen und Erkenntnisbeziehungen sind mit Arbeitsbeziehungen vergleichbar, in denen aus der Verbindung von Arbeitskraft mit Ausgangsmaterialien Waren produziert werden. Während im Erkenntnisprozess aus Ideen neue Ideen produziert werden, werden im Arbeitsprozess aus Waren neue Waren produziert. Dabei eignet sich aus Sicht von Marx und Engels der Unternehmer die Arbeitskraft derjenigen, die bei ihm arbeiten, auch für einen Zeitraum an, der über den hinausgeht, welcher für die Reproduktion der Arbeitskraft nötig ist, und legalisiert die Aneignung des in dieser Zeit geschaffenen Mehrwerts durch den Arbeitsvertrag. In derselben Weise eignet sich der Wissenschaftler die Arbeit anderer Wissenschaftler kostenlos an und legitimiert diese Ausbeutung durchs Zitat. Ebenso unterliegt die Produktion von Ideen Marx’ Arbeitswertgesetz. Auch in der Ideenproduktion verantwortet der Zeitaufwand, den man im gesellschaftlichen Durchschnitt für ihre Herstellung benötigt, die sogenannte abstrakte Arbeit.1 Ihr Tauschwert und der Gebrauchswert der Idee wird ebenso 1 »Wir wissen, dass der Wert jeder Ware bestimmt ist durch das Quantum der in ihrem Gebrauchswert materialisierten Arbeit, durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« (Marx, 1867, S. 201). 98 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen als Vergegenständlichung konkreter Arbeit verstanden, wie die Herstellung und Reproduktion der Arbeitskraft, die bei der Ideenproduktion benutzt wird.2 Für die Einsicht, dass nicht nur materielle, sondern auch ideelle Produkte als Kristallisationspunkte der Verhältnisse aufzufassen sind, in denen sie entstanden, müssen wir die Sachlage nicht weiter detaillieren. Wir können festhalten: Aus historisch-materialistischer Perspektive korrespondiert in struktureller Hinsicht die Produktion von Ideen der Produktion materieller Güter. Arbeits- und Erkenntnisbeziehungen liegen dieselben gesellschaftlichen Verhältnisse zugrunde, sodass diese sich auch in den Erkenntnissen wiederfinden lassen müssten. In diesem Kapitel wollen wir zunächst zeigen, dass Freuds Konzepte in der Tat in gesellschaftlichen Erkenntnisbeziehungen gründen. Es ist unstreitig, dass Freud solche »Erkenntnisbeziehungen«, wie sie von Wittich et al. (1978, S. 102) genannt werden, zu den Arbeiten vieler Personen hatte. Dazu gehörten die Arbeiten von Franz Brentano, Carus, Constans, Dostojewski (erwähnt in Freud, 1928b, S. 399), Descartes, J. H. Fichte, Hegel, Herbart, Hume, Kant, Leibnitz, Locke, Lotze, Nietzsche, Schelling (erwähnt im Brief an Silberstein vom 13.3.1875, 1989a, S.  101–104), Schiller (erwähnt im Brief an Silberstein vom 16.8.1873, ebd., S. 41), Lipps (erwähnt im Brief vom 26.8.1898 an Fließ, 1985c, S. 354), Leonardo da Vinci (erwähnt in 1905a, S. 17), Schopenhauer (erwähnt in 1900a, S. 39), Homer, Dante, Shakespeare (erwähnt in ebd., S. 478), Sophokles (erwähnt in ebd., S. 268). Freuds Erkenntnisbeziehungen lassen sich exemplarisch am Begriff des »Unbewussten« aufweisen. Theodor Lipps, Professor für Psychologie in München und Gründer des dortigen Psychologischen Instituts, hatte 1896 unter anderem geschrieben: »Es gibt keinen Begriff des Psychischen und keine mögliche Definition des Psychischen, ohne das unbewusst Psychische« (Lipps, 1896, S. 10). 2 »Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem jeder anderen Ware, ist bestimmt durch zur Produktion, als auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendigen Arbeitszeit. Soweit sie Wert, repräsentiert die Arbeitskraft selbst nur ein bestimmtes Quantum in ihr vergegenständlichter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit. Die Arbeitskraft existiert nur als Anlage des lebendigen Individuums. Ihre Produktion setzt also seine Existenz voraus. Die Existenz des Individuums gegeben, besteht die Produktion der Arbeitskraft in seiner eigenen Reproduktion oder Erhaltung« (Marx, 1867, S. 184f.). 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 99 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen »[U]nbewusste[.] Vorstellungen […] sind Momente in dem psychischen Erregungsprozess, des Endziel die bewussten Vorstellungen darstellen« (ebd., S. 12). »Der […] psychologische Begriff des Unbewussten ist […] der Ausdruck für Thatsachen« (ebd.).3 Freud (1900a, S. 615) schreibt unter Hinweis auf Lipps, dass »unbewusste psychische Vorgänge […] ›der zweckmäßige und wohlberechtigte Ausdruck für eine feststehende Tatsache‹« sind, und »[d]as Unbewusste muss nach dem Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen werden. Das Unbewusste ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewussten in sich einschließt; alles Bewusste hat eine unbewusste Vorstufe« (ebd., S. 617). In einem Brief vom 26.8.1898 an Fließ bekundet Freud (1985c, S. 354): »Ich habe mir die Aufgabe gestellt, zwischen meiner keimenden Metapsychologie und der in Büchern enthaltenen die Brücke herzustellen und mich darum in das Studium von Lipps versenkt, in dem ich den klarsten Kopf unter den heutigen philosophischen Schriftstellern ahne.« Fünf Tage später stellt er fest: »Bei Lipps habe ich die Grundzüge meiner Einsicht ganz klar wiedergefunden, vielleicht etwas mehr, als mir recht ist. ›Der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte‹. Das Bewusstsein nur Sinnesorgan, aller psychischer Inhalt nur Vorstellung, die seelischen Vorgänge sämtlich unbewusst. Auch in den Einzelheiten ist die Übereinstimmung groß« (ebd., S. 356). Jones (1953, S. 458) merkt an, dass im Exemplar des Buches von Lipps Grundtatsachen des Seelenlebens, das in Freuds Bibliothek stand, unter anderem folgende Passage angestrichen war: »Wir behaupten nicht nur die Existenz unbewusster seelischer Vorgänge neben den bewussten. Wir nehmen vielmehr an, dass unbewusste Vorgänge 3 Bei Lipps (1896, S. 11) findet sich auch Freuds Begriff (z. B. 1900a, S. 571) der »Gedächtnisspur«. 100 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen allen bewussten zu Grunde liegen und sie begleiten. Aus dem Unbewussten erhebt sich, wie wir schon sagten, das Bewusste, wenn nämlich das Glück günstig ist, und sinkt dann wieder ins Unbewusste zurück.« In schriftlicher Form erschien der Ausdruck »unbewusst« vermutlich erstmals in der letzten Strophe der ersten Fassung des Gedichts An den Mond von Goethe (1777): »Was den Menschen unbewusst/Oder wohl veracht’/ Durch das Labyrinth der Brust/Wandelt in der Nacht.«4 J. G. Fichte (1794, S. 284; unsere Herv.), von dem Freud die gleichschwebende Aufmerksamkeit entlieh (Danckwardt, 2010), erwähnte den Ausdruck »unbewusst« in folgendem Zusammenhang: »[D]enken sie sich […] die liebliche Sängerin der Nacht […] die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein Streben, den vollkommensten Akkord zu bilden. Und ihre einzelnen Töne als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und herab treibt die Sängerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres Geistes […].« Rand (2004) ist der Ansicht, dass J. H. Fichte, Schelling und Kant großen Einfluss auf Freuds Denken ausgeübt haben. Bei Franz Brentano (1874, S. 143), Philosoph, Psychologe und Begründer der sogenannten »Aktpsychologie«, findet sich unter anderem der Begriff »unbewusstes Bewusstsein«. Thomas Mann (1936, S. 262) sah Freuds Lehre vom Unbewussten im Einvernehmen mit Schopenhauers Willenslehre, die Freud (1905d) unter anderem in den Drei Abhandlungen zitiert: »Wie nahe verwandt ist seine Revolution nach ihren Inhalten, aber auch nach ihrer moralischen Gesinnung der Schopenhauerschen! Seine Entdeckung der ungeheueren Rolle, die das Unbewusste, das ›Es‹ im Seelenleben des Menschen spielt, besaß und besitzt für die klassische Psychologie, der Bewusstheit und Seelenleben ein und dasselbe ist, die gleiche Anstößigkeit, die Schopenhauers Willenslehre für alle philosophische Vernunft und Geistgläubigkeit besaß« (Mann, 1936, S. 262). 4 Freud (1930d, S. 548) zitiert diese Strophe aus der zweiten Version dieses Gedichts mit dem Hinweis, dass Goethe den Inhalt des Traumlebens stimmungsvoll umschreibe: »Was von Menschen nicht gewusst/Oder nicht bedacht/Durch das Labyrinth der Brust/Wandelt in der Nacht.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 101 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen 1846 erschien das Buch Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele von Carl Gustav Carus, Maler und Leibarzt der sächsischen Könige Anton von Sachsen und Friedrich August II, dem Ellenberger (1970) und Galdston (1956) ebenfalls einen großen Einfluss auf Freud zubilligten. Carus wird nicht von Freud, aber von C. G. Jung (Bishop, 2012) und E. von Hartmann zitiert (Thomä, 1963), dessen Bücher sich in Freuds Bibliothek ebenso finden wie das Buch von Constans (1881; vgl. Davies & Fichter, 2006), mit dem sich Freud über die Ödipus-Mythen informierte (Armstrong, 2007). Carus Buch war wohl der erste Versuch, eine Theorie des unbewussten Seelenlebens aufzustellen, und beginnt so: »Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewussten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewusstseins […] Wäre es eine absolute Unmöglichkeit im Bewussten das Unbewusste zu finden, so müsste der Mensch verzweifeln zum Erkennen einer Seele, d. h. zur eigentlichen Selbsterkenntnis zu gelangen. Ist diese Unmöglichkeit nur eine scheinbare, so ist es die erste Aufgabe der Wissenschaft von der Seele, darzulegen, auf welche Weise der Geist des Menschen in diese Tiefen hinabzusteigen vermöge« (Carus, 1846, S. 1). Diese Idee finden sich folgenden Formulierungen Freuds (1915e, S. 270) wieder: »Es bleibt uns in der Psychoanalyse gar nichts anderes übrig, als die seelischen Vorgänge für an sich unbewusst zu erklären«, und dass »die Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft« (1915d, S. 256), in der das Unbewusste wieder entstellt im Bewusstsein erscheint. 23  Jahre nach Carus erschien die von Freud (1900a, S. 139) zitierte Philosophie des Unbewussten von E. von Hartmann (1869). Hier findet sich beispielsweise folgende Charakterisierung des Unbewussten: »Das Unbewusste schwankt und zweifelt nicht, es braucht keine Zeit zur Überlegung, sondern erfasst momentan das Resultat in demselben Moment, wo es den ganzen logischen Prozess, der das Resultat erzeugt, auf einmal und nicht nach einander denkt, sondern in einander denkt […]. Wenn wir nun annehmen dürfen, dass das Unbewusste jeden Denkprozess mit dem Resultat […] in Null-Zeit zusammenfasst, so ist das unbewusste Denken zeitlos […]. Das Unbewusste irrt nicht […]. Im Unbewussten ist Wille und Vorstellung in untrennbarer Einheit verbunden, es kann nichts gewollt werden, was nicht vorgestellt wird, und nichts vorgestellt werden, was nicht gewollt wird« (ebd., 1869, S. 5–10). 102 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen Es dürfte nicht schwerfallen, E.  von Hartmanns Charakterisierung des Unbewussten in den Eigenschaften wiederzuerkennen, die Freud (1915e, S. 285f.; unsere Herv.) dem Unbewussten zuschreibt: »Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, keine Grade von Sicherheit […]. Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert […]. Ebensowenig kennen die Ubw-Vorgänge eine Rücksicht auf die Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr Schicksal hängt nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die Anforderungen der Lust-Unlustregulierung erfüllen […]. Widerspruchslosigkeit […], Zeitlosigkeit und Ersetzung der äußeren Realität durch die psychische sind die Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen Vorgängen zu finden erwarten dürfen.« Später fügt er hinzu: »Die entscheidenden Regeln der Logik haben im Unbewussten keine Geltung, man kann sagen, es ist das Reich der Unlogik. Strebungen mit entgegengesetzten Zielen bestehen im Unbewussten nebeneinander, ohne dass ein Bedürfnis nach deren Abgleichung sich regte. Entweder sie beeinflussen einander überhaupt nicht oder wenn, so kommt keine Entscheidung, sondern ein Kompromiss zustande, das unsinnig wird, weil es miteinander unverträgliche Einzelheiten einschließt. Dem steht nahe, dass Gegensätze nicht auseinandergehalten, sondern wie identisch behandelt werden« (1940a, S. 191).5 Es ist wohl kaum zu bestreiten, dass auch Freud sich die im gesellschaftlichen Bewusstsein aufbewahrten Erkenntnisse anderer aneignete, verarbeitete und vertiefte. Dies gilt etwa auch für den Begriff der Sublimierung, den Jones (1953, S. 371) zufolge Freud von Fließ übernommen hat.6 Freuds Erkenntnisbildung verlief mithin gesellschaftlich, sodass auch in 5 Wir wollen Freud nicht des Plagiats beschuldigen. Vielmehr sind wir uns mit Lütkehaus (1989) einig, der außer den von uns Genannten noch Fechner, K. Fortlage, Herbart, Nietzsche und Jean Paul als für die Entdeckung des Unbewussten bedeutsam erwähnt, und betont, dass Freuds Konzeption des Unbewussten weniger Anfangs- und mehr End- und Höhepunkt in der Entwicklungsgeschichte des Unbewussten war. 6 Nach Ellenberger (1970, S. 697) waren Begriff und Konzept der Sublimierung zu Zeiten Freuds wohlbekannt und schon von Novalis, Schopenhauer und besonders von Nietzsche verwendet worden. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 103 IX Freuds Erkenntnisbeziehungen seinem Fall das eigentliche gnoseologische Subjekt die Gesellschaft und er als dessen individuelle Existenzweise anzusehen ist. In diesen Zusammenhang gehört auch, »dass die Entdeckung der Psychoanalyse um 1895 in der Luft lag. Seit 1890 erfreuten sich der Traum, die Hypnose, die Verdoppelung der Persönlichkeit und, seit 1880, die infantile Sexualität, sowie die sexuellen Perversionen der Erwachsenen eines wachsenden Interesses« (Anzieu, 1986, S. 515f.). Wenn bestimmte gesellschaftliche Phänomene zwar noch unbegriffen, aber doch wirksam waren (und sind), ist die Annahme nicht unbegründet, dass sich – vermittelt über Freuds Erkenntnisbeziehungen – in den psychoanalytischen Konzepten nicht irgendwelche, sondern eben diese noch unbegriffenen gesellschaftlichen Phänomene wiederfinden lassen müssten. 105 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten »Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, dass er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewusster Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muss sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.« Karl Marx (1873) Wir haben dargelegt, dass sich das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste, das Marx und Engels beschreiben, sowohl vom gesellschaftlichen Unbewussten der Psychoanalyse, vom kulturellen Unbewussten Bourdieus sowie vom Noch-Nicht-Bewussten Blochs unterscheidet und strukturell dem personalen dynamischen Unbewussten der Psychoanalyse korrespondiert. Wie sich das personale dynamische Unbewusste im individuellen Bewusstsein des Individuums entstellt darstellt und verbirgt, kann auch das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste in ihm fremden Begriffen im Alltagsbewusstsein der Individuen erscheinen, das sie von der Gesellschaft haben. Mit Lektorski (1968, S. 130f.) haben wir unterstrichen, dass in der Erkenntnisproduktion das eigentliche gnoseologische Subjekt die Gesellschaft ist, das einzelne Subjekt die Existenzweise des gesellschaftlichen Subjekts darstellt, und wir haben exemplarisch am Konzept des »Unbewussten« aufgewiesen, dass auch Freuds Konzepte gesellschaftlich hergestellt wurden. Da im Produkt immer auch die Produktionsbedingungen in produktspezifischer Weise erscheinen, lässt sich berechtigterweise vermuten, dass sich auch in der psychoanalytischen Begrifflichkeit in konzeptueller Form Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse präsentieren, in denen diese Begrifflichkeit produziert wurde und die außerhalb des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins gehalten werden. Das Konzept des personalen dynamischen Unbewussten Zunächst wollen wir Freuds Konfliktmodell in Augenschein nehmen. Wir haben angemerkt, dass Freud das Unbewusste in ein deskriptives – das Vor- 106 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten bewusste – und in ein dynamisch Unbewusstes gliedert. Während vorbewusste Inhalte im Moment nicht bewusst, aber doch prinzipiell bewusstseinsfähig sind, ist das in dynamischem Sinne Unbewusste nicht mehr unmittelbar bewusstseinsfähig. Weil seine Bewusstwerdung mit Unlust einherginge, wird ihm ein Widerstand entgegengesetzt. Auch nach Umwandlung der topischen in die Strukturtheorie wird diese Unterscheidung beibehalten (z. B. 1923b, S. 241; 1933a, S. 78; 1939a, S. 202). Freud zufolge besteht das personale dynamische Unbewusste aus abgewehrten sexuellen Triebwünschen. Sie wurden verdrängt, weil bei ihrer Realisierung »das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust« (1915d, S. 249). Die Verdrängung ist nur ein erster Schritt einer Abwehroperation. Da »in der Regel die Verdrängung eine Ersatzbildung schafft« (ebd., S. 256), erscheinen die unbewusst gewordenen Triebwünsche in einem zweiten Schritt wieder in Gestalt von Ersatzbildungen in entstellter Weise im Bewusstsein. In Freuds Auffassung werden diese Ersatzbildungen aus ökonomischen Gründen notwendig. Den verdrängten Inhalten wird ein Teil ihrer libidinösen Besetzung entzogen, entlang von Assoziationsketten auf eine Ersatzbildung transferiert und der verbleibenden libidinösen Besetzung des verdrängten Inhalts entgegengesetzt. Zwar wird dadurch verhindert, dass das Verdrängte ins Bewusstsein eindringen kann; gleichwohl bleibt der Impuls eines verdrängten Wunsches erhalten, der sich nun in der Gestalt von Ersatzbildungen im Wiederholungszwang im Handeln immer wieder durchsetzt. Die Ersatzbildungen verdrängter Inhalte werden nicht schon durch die Verdrängung hergestellt.1 Freud (1915d, S. 257) betont, »dass es nicht die Verdrängung selbst ist, welche Ersatzbildungen […] schafft, sondern dass diese letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten ganz anderen Vorgängen ihr Entstehen verdanken«. Freud weist darauf hin, dass es »sehr verschiedene Mechanismen der Ersatzbildung gibt« (ebd.), und unterstreicht, dass »die Verdrängung […] von diesen anderen Mechanis- 1 Ersatzbildungen des Verdrängten sind von Verdrängten inhaltlich verschieden, bleiben aber strukturell mit ihm identisch. Als Beispiel einer Ersatzbildung führt Freud (1915e, S. 299) unter anderem einen zwangsneurotischen Patienten an, der beim »Strumpfanziehen« verweilte, und bei dem sich nach Überwindung der Widerstände herausstellte, dass der »Fuß ein Penissymbol« und das »Überziehen des Strumpfes ein onanistischer Akt« war. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 107 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten men schärfer geschieden ist, als diese untereinander« (1937c, S. 81). Die Differenz zwischen der Verdrängung und diesen Mechanismen, zu denen beispielsweise Verschiebung, Projektion, Rationalisierung und Reaktionsbildung gehören, erläutert er mit der Metapher eines Buches aus der Zeit, als es nur ein einzelnes Exemplar gab. Unerwünschte Textstellen wurden von der amtlichen Zensur durchgestrichen, und um »den Hinweis auf die Verstümmelung des Textes [zu] vermeiden, [ging man] dazu über, den Text zu entstellen. Man ließ einzelne Worte aus oder ersetzte sie durch andere, man schaltete neue Sätze ein; am besten strich man die ganze Stelle heraus und fügte an ihrer statt eine andere ein, die das genaue Gegenteil besagte. Der nächste Abschreiber des Buches konnte dann einen unverdächtigen Text herstellen, der aber verfälscht war; er enthielt nicht mehr, was der Autor hatte mitteilen wollen« (ebd., S. 81f.). In diesem Beispiel verhält sich »die Verdrängung  […] zu den anderen Abwehrmethoden wie die Auslassung zur Textentstellung« und ihre Resultate, die »verschiedenen Formen der Verfälschung« (ebd., S. 82), entsprechen den Ersatzbildungen, deren »auszeichnender Charakter […] die weitgehende Entstellung [ist], die das Wiederkehrende im Vergleich zum Ursprünglichen erfahren hat« (1939a, S. 236). Mit »Verdrängung« hat Freud (z. B. 1926d, S. 195f.) jedoch nicht nur einen unbewussten Abwehrmechanismus bezeichnet, sodass es fraglich ist, ob die hier vorgestellte Konzeption wirklich Freuds Auffassung korrekt wiedergibt. Wir haben uns an anderer Stelle (Zepf, 2012) mit dem Verhältnis von Abwehr, Verdrängung und Ersatzbildung auseinandergesetzt, wie es sich in den Schriften Freuds darstellt. Wir kamen zum Schluss, dass Freud »Verdrängung« nicht nur zur Bezeichnung eines unbewussten Abwehrmechanismus verwendet, sondern diesen Ausdruck auch synonym mit Abwehr überhaupt gebraucht (z. B. 1896b, S. 379; 1906a, S. 156) und damit auch das Resultat von Abwehrmechanismen bezeichnet, die zu Ersatzbildungen führen. So ist von verschiedenen Mechanismen der Verdrängung die Rede (1907a, S. 60; Freud am 2.6.1909, Nunberg & Federn 1967, S. 242; Brief an Ferenczi vom 13.2.1910, 1992g, S. 213; 1911c, S. 305; 1915d, S. 257). Es gibt Verdrängung durch Ersatzbildungen (1907a, S. 60), durch Identifizierung (1910c, S. 170), Isolierung (1915e, S. 276; 1926d, S. 149), Konversion (1905d, S. 63), Projektion (1896b, S. 401), Reaktionsbildung (1915d, S. 260; 1915e, S. 285; 1926d, S. 130, S. 260), Ungeschehenmachen (1926d, S. 149), 108 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten Verschiebung (1950c, S.  441) und Verwandlung ins Gegenteil (1926d, S. 134). Wir (Zepf, 2012) argumentierten, dass die Umkehrung des Satzes »Die Verdrängung schafft in der Regel eine Ersatzbildung« in »Die Mechanismen der Ersatzbildung schaffen in der Regel eine Verdrängung« dem Abwehrvorgang, wie ihn Freud konzipiert, besser entspricht. Es ist nicht zu verkennen, dass sowohl das Motiv, das in Freuds (1915d, S. 249) Auffassung die Verdrängung veranlasst, nämlich »dass das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust«, wie auch die »Abweisung und Fernhaltung vom Bewussten« (ebd.), die er als Wesen der Verdrängung versteht, für jede Abwehr zutrifft. Dieser Sachverhalt findet sich auch in Freuds synonymer Verwendung von Verdrängung und Abwehr wieder. Auch alle anderen zu Ersatzbildungen führenden Abwehrmechanismen werden unter der für die Verdrängung angeführten Bedingung eingesetzt und auch sie dienen dazu, das Verpönte aus dem Bewusstsein fernzuhalten. Wenn all das, was Freud der Verdrängung zuschreibt, auch von anderen Abwehrmechanismen geleistet werden kann, verliert die Verdrängung ihre Besonderheit als Abwehrmechanismus und wird zum Kennzeichen des Allgemeinen jeder Abwehr. Der Ausschluss aus dem Bewusstsein kennzeichnet jede Ersatzbildung, sodass in Freuds Buch-Metapher das in einem Vorgang zusammenzufassen ist, was Freud in zwei Schritten auseinandergelegt hat. Der Originaltext wird nicht erst durchgestrichen und danach durch einen anderen Text ersetzt. Vielmehr wird der Originaltext unmittelbar unleserlich gemacht, indem er mit einem anderen Text überschrieben wird. Das personale dynamische Unbewusste geht also »in der Regel« im Bewusstsein mit einer »Ersatzbildung« einher (ebd., S. 256). Das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste wiederum, das bei Marx und Engels kein seelisches, sondern ein soziales Geschehen meint, ein Geschehen, das in gesellschaftlichen Beziehungen zwar wirksam ist, von dem die Menschen aber nichts wissen, erscheint ebenfalls in ökonomischen Mystifikation im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein. Es ist mithin auch verdächtig, insgeheim Eingang in die Kategorien des psychoanalytischen Alltagsbewusstseins gefunden zu haben und sie als eine Art Ersatzbildung zu benutzen. Das Konzept der Ersatzbildung Vergleicht man Freuds korrigierte Konzeption des personalen dynamischen Unbewussten mit dem von Marx und Engels konzeptualisierten ge- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 109 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten sellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten wird nicht nur ersichtlich, dass beiden der Zugang zum Bewusstsein verwehrt ist. Das personale dynamische Unbewusste war einst bewusst, bleibt nun aber aus dem personalen Bewusstsein der Individuen ausgeschlossen und findet sich darin aber in Ersatzbildungen wieder. Zwar sind die noch-nicht-bewussten gesellschaftlichen Phänomene im gesellschaftlichen Bewusstsein enthalten, haben aber keine Aufnahme ins ökonomische gesellschaftliche Alltagsbewusstsein gefunden und finden sich darin ebenfalls in einer Art von Ersatzbildungen. Es erstaunt darüber hinaus, wie genau das Verhältnis Entfremdung und Warenfetischismus im Historischen Materialismus im Verhältnis von unbewusst und Ersatzbildung gespiegelt ist. Unter der Bedingung des Privatbesitzes der Produktionsmittel wie im Kapitalismus, meint Entfremdung die Entfremdung des Lohnabhängigen und des Kapitalisten vom Produkt ihrer Tätigkeit – der Ware hier und dem Kapital dort. Im Kapitalismus generiert sich das Kapital aus dem Mehrwert, dem Wert, der über den hinausgeht, den der Lohnabhängige zur Reproduktion seiner Arbeitskraft zugestanden wird. Dieser Mehrwert ist im Wert der produzierten Ware vergegenständlicht, wird beim Verkauf realisiert und vom Besitzer der Produktionsmittel angeeignet, der die Arbeitskraft des Lohnabhängigen einkaufte und über sie verfügt. Der Lohnabhängige ist von seiner Tätigkeit entfremdet, weil er weder über sein Produkt, die Ware, noch über das Kapital verfügen kann, das er durch seine Mehrarbeit schafft, der Kapitalist ist von seiner Tätigkeit entfremdet, weil sie im Dienst des Kapitals steht und er sich bei Strafe des eignen Untergangs den Mehrwert aneignen muss. Obwohl Ware und Kapital Produkte der Menschen sind, treten sie ihnen als fremde, sie beherrschende Mächte gegenüber. Marx (1867, S. 86) beschreibt diese Mächte unter dem Titel »Warenfetischismus«:2 »Das Geheimnisvolle der Warenform besteht […] darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt […].« Die folgende Textstelle von Marx und Engels und Freuds (1926d, S. 124; unsere Herv.) Lokalisierung des Unbewussten »außerhalb der Ichorgani- 2 Wir werden die Beziehung von Entfremdung und Warenfetischismus, wie sie unseres Erachtens von Marx und Engels verstanden wird, in einem Anhang noch sorgfältiger erörtern. 110 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten sation und unabhängig von ihr« zeigen ihre strukturelle Verwandtschaft unmittelbar: »Dieses Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unsres eignen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unsrer Kontrolle entwächst, unsre Erwartungen durchkreuzt, unsre Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung […]. Die soziale Macht, d. h. die vervielfachte Produktionskraft […] erscheint diesen Individuen […] nicht als ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt, von der sie nicht wissen woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können« (Marx & Engels, 1845/46, S. 34). Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass Freud die Exterritorialität des Unbewussten nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen betont. Ein paar Beispiele: ➣ Eine Person wird Vorstellungen, wenn »sie dauernd unbewusst« waren, »als ihm fremd verleugnen« (Freud, 1933a, S. 77). ➣ Vom Unbewussten »kommen Impulse, die wie die eines Fremden sind […]. Das Ich sagt sich, das ist […] eine fremde Invasion« (1917a, S. 9). ➣ In »gewissen Krankheiten tauchen plötzlich Gedanken auf, von denen man nicht weiß, woher sie kommen« (ebd.). ➣ Diese »fremden Gäste scheinen selbst mächtiger zu sein als die dem Ich unterworfenen« (ebd.). ➣ Die »pathogene Organisation verhält sich  […] wie ein Infiltrat« (1895d, S. 295). ➣ So »fremd sind aber unserem Bewusstsein die Dinge, von denen unser unbewusstes Seelenleben beherrscht wird« (1928b, S. 408). ➣ Dem »Bewusstsein« ist »regelmäßig selbst die Existenz der gefährlichen Triebquellen fremd« (1932c, S. 263). ➣ Das Unbewusste ist »für das Ich Ausland, inneres Ausland« (ebd.; s. auch Laplanche, 1992a, S. 20). Die strukturelle Gleichartigkeit von Entfremdung und verdrängtem Unbewussten liegt darin, dass beide gleichermaßen von den Individuen, ohne es zu wissen, selbst hergestellt werden, die Vergangenheit die Gegenwart beherrscht und Schicksal wird, weil sie beide Male ihre Ge- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 111 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten schichte nicht verstehen und ihre Vergangenheit verdinglicht aus ihrer Zeit fällt. In Freuds Konzept des personalen dynamischen Unbewussten kann ferner die gesellschaftliche Personifizierung von Dingen und Verdinglichung von Personen im Warenfetischismus entdeckt werden. »In der bürgerlichen Gesellschaft«, stellten Marx und Engel (1847/48, S. 476) fest, »ist das Kapital selbstständig und persönlich, während das tätige Individuum unselbstständig und unpersönlich ist.« Das soll heißen, dass die »Selbstverwertung« des Kapitals das eigentliche »Subjekt« ist, das gesellschaftliches Handeln bestimmt (Marx, 1867, S. 169). Die Verdinglichung des Menschen bringt Marx im nicht publizierten Aufsatz zur Sprache, der ursprünglich als sechstes Kapitel im ersten Band des Kapitals gedacht war: »Die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter ist […] die Herrschaft der Sache über den Menschen, der toten Arbeit über die lebendige, des Produkts über den Produzenten, da ja in der Tat die Waren, die zu Herrschaftsmitteln (aber bloß als Mittel der Herrschaft des Kapitals selbst) über die Arbeiter werden, bloße Resultate des Produktionsprozesses, die Produkte desselben sind. Es ist […] die Verkehrung des Subjekts in das Objekt und umgekehrt« (1863/64, S. 85). »Die Funktionen, die der Kapitalist ausübt«, heißt es dort (ebd.), »sind nur die mit Bewusstsein und Willen ausgeübten Funktionen des Kapitals […]. Der Kapitalist funktioniert nur als personifiziertes Kapital, das Kapital als Person, wie der Arbeiter nur als die personifizierte Arbeit.« Im Kapital selbst bringt er die Verdinglichung unter anderem in den Formulierungen zum Ausdruck, dass der Arbeiter als »lebendige Maschinerie« fungiert (1867, S.  601), »Verwertungsmittel des Kapitals« (ebd., S. 532) beziehungsweise »Maschine zur Produktion von Mehrwert« ist (ebd., S.  621). Wie der Arbeiter nur personifizierte Arbeitskraft ist, ist der Mensch als Kapitalist eine »Maschine zur Verwandlung dieses Mehrwerts in Mehrkapital« (ebd.), »nur personifiziertes Kapital« und seine »Seele […] die Kapitalistenseele« (ebd., S. 247). Diese Subjektivierung des Dinglichen und Verdinglichung des Menschen wird in Freuds Konzept des personalen dynamischen Unbewussten in der Formulierung dargestellt, dass Menschen von ihrem Unbewussten gelebt werden, »von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten« (Freud, 1923c, S. 251). Diese Formulierung bringt in entstellter Weise zum Ausdruck, dass 112 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten das personale dynamische Unbewusste das eigentliche Subjekt menschlichen Handelns ist und die Menschen nur dessen ausführende Organe sind. Das Konzept des Wiederholungszwangs Auch die Konsequenzen, die aus den entfremdeten gesellschaftlich hergestellten Produkten und dem verdrängten Unbewussten resultieren, sind die nämlichen. Weil beide Male eine »Bewusstlosigkeit der Beteiligten« besteht (Engels, 1844, S. 515), unterstreicht Dahmer (1973, S. 379f.), setzt sich in der Praxis der Menschen das, »was sich dem Bewusstsein entzieht […] mit Naturgewalt durch«, und die »Individuen unterliegen den Gesetzen ihrer bewusstlos erzeugten (psychischen) oder sozialen zweiten Natur, als wären es Naturgesetze«. Für die Psychoanalyse beruht dies auf dem Wiederholungszwang, dem das Unbewusste unterworfen ist. Sofern ein »szenischer Auslösereiz« vorliegt (Lorenzer, 1970, S. 81f.), setzen sich die im Zuge von Abwehrvorgängen unbewusst gewordenen Beziehungsmuster im Wiederholungszwang mit derselben Folgerichtigkeit durch, mit der sich Naturgesetze durchsetzen. Schon vor über 150 Jahren hat Mill darauf hingewiesen, dass sich die »Regelmäßigkeiten der Natur« (Mill, 1862, S. 396) durchsetzen, wenn »gewisse Ursachen vorhanden sind« (ebd., S. 392). Die strukturelle Ähnlichkeit des Wirkens von Naturgesetzen und des Unbewussten wird noch deutlicher, wenn man hinzunimmt, dass die abgewehrten szenischen Muster im Bewusstsein in Gestalt von Ersatzbildungen erscheinen, sich darin verbergen und so wirksam bleiben wie die »Regelmäßigkeiten der Natur« (ebd., S. 396) »beim ersten Anblick« im »Chaos« (ebd., S. 473f.) nicht erkennbar, aber wirksam sind. Da die Individuen nicht wissen, was sie tun, wirken ihre unbewussten Motive wie Naturkräfte, und erwecken den Eindruck, als wäre ihr Verhalten von »Naturgesetzen« beherrscht. Das befremdliche Verhalten eines zwangsneurotischen Patienten wird damit ebenso vorhersagbar wie etwa das Fallen eines Steins, wenn man ihn vom Tisch stößt. Unter Bezug auf Engels (1844, S. 515) Aussage »Es ist […] ein Naturgesetz, das auf der Bewusstlosigkeit der Beteiligten beruht«, beschreibt Marx (1867, S. 89; unsere Herv.) einen eben solchen scheinbar naturhaften Zusammenhang im gesellschaftlichen Leben: »Es bedarf vollständig entwickelter Warenproduktion, bevor aus der Erfahrung selbst die wissenschaftliche Einsicht herauswächst, dass die unabhängig 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 113 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten voneinander betriebenen, aber als naturwüchsige Glieder der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit allseitig voneinander abhängigen Privatarbeiten fortwährend auf ihr gesellschaftlich proportionelles Maß reduziert werden, weil sich in den zufälligen und stets schwankenden Austauschverhältnissen ihrer Produkte die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit als regelndes Naturgesetz gewaltsam durchsetzt, wie etwa das Gesetz der Schwere, wenn einem das Haus über dem Kopf zusammenpurzelt.« Während sich aus Sicht der Psychoanalyse die unbewusst gewordenen personalen Beziehungsmuster im Wiederholungszwang in Gestalt eines Naturgesetzes durchsetzen, setzen sich in der Gesellschaft die noch nicht bewussten Zusammenhänge in einer ebensolchen Gestalt durch. Im Kapital beispielsweise spricht Marx (ebd., S. 649) von einem »in ein Naturgesetz mystifizierte[s] Gesetz der kapitalistischen Akkumulation«. Und sowohl im Historischen Materialismus als auch in der Psychoanalyse ist es das erklärte Ziel, die Bewusstlosigkeit, die Bedingung des Wirkens scheinbarer Naturgesetze aufzuheben. Für die Psychoanalyse stellt Freud (1905d, S. 90) fest, dass es durch »die psychoanalytische Erforschung gelingt, das Vergessene bewusst zu machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom unbewussten psychischen Material ausgeht«, womit, wie Habermas (1968, S. 330) ergänzt, »analytische Einsicht die Kausalität des Unbewussten als solche« trifft und die Therapie »ihre Wirksamkeit der Aufhebung der Kausalzusammenhänge« verdankt. Bezüglich der gesellschaftlichen »Naturgesetze« notierte Adorno (1959/66, S. 348f.): »Die Naturgesetzlichkeit der Gesellschaft ist Ideologie, soweit sie als unverbrüchliche Naturgegebenheit hypostasiert wird. Real aber ist die Naturgesetzlichkeit als Bewegungsgesetz der bewusstlosen Gesellschaft. Dass die Annahme von Naturgesetzen nicht […] zu ontologisieren sei, dafür spricht das stärkste Motiv der Marxschen Theorie überhaupt, das der Abschaffbarkeit jener Gesetze. Wo das Reich der Freiheit begönne, gälten sie nicht mehr.« Engels (1880, S. 226) hatte geschrieben: »Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und die Herrschaft des Produkts über den Produzenten […]. Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher 114 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann vom Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht […]. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Menschen selbst  […]. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.« Bedenkt man, dass sich im Wiederholungszwang unbewusst gewordene Triebwünsche immer wieder aufs Neue in Ersatzbildungen durchsetzen, wird erkennbar, dass in ihm auch die Selbstverwertung des Kapitals erscheint. Im individuellen Handeln zwingt das personale dynamische Unbewusste die Individuen zur beständigen Wiederholung der gleichen, mit Naturgewalt sich hinter ihrem Rücken durchsetzende Beziehungsmuster, während im gesellschaftlichen Handeln sich die Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaftsform mit Naturgewalt solange durchsetzen, wie sie bewusstlos bleiben. Was sich dem Alltagsbewusstsein der Individuen in einer, auf dem Privatbesitz der Produktionsmittel gründenden Gesellschaftsformation nicht mehr unmittelbar erschließt, ist der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem sie handeln und ihre Produkte herstellen. Ihre Tätigkeiten sind vielmehr durch das Prinzip »Jeder wirtschaftet in die eigene Tasche« bestimmt und der gesellschaftliche Zusammenhang stellt sich erst nachträglich im Warentausch her. Marx (1867, S. 87) formulierte es so: »Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind. Der Komplex dieser Privatarbeiten bildet die gesellschaftliche Gesamtarbeit. Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifischen gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d. h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.« Der Warentausch wird so zu einem blinden Sachzwang, zu einem scheinbar naturgesetzlich ablaufenden Prozess, der der Kapitalverwertung dient 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 115 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten und die eigenen Tätigkeiten unter sich subsumiert. Soweit die Menschen nicht wissen, was sie tun, haftet dem Ergebnis ihrer Tätigkeiten der Schein des Naturhaften an. Obgleich die Verhältnisse allein aus ihren eigenen Tätigkeiten resultieren, unterliegen so die Individuen im Warenfetischismus den Gesetzen ihrer bewusstlos erzeugten Gesellschaftsform, als wären es wirklich Naturgesetze: »Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht kennen und nicht mit ihnen rechnen« (Engels, 1880, S. 222). Das im Wiederholungszwang beschriebene Phänomen, in dem sich individuelle Sachverhalte als Folge der Abwehr mit scheinbar naturgesetzlicher Gewalt im individuellen Handeln durchsetzen, ist mithin analog der blinden Durchsetzung noch unerkannter Kapitalinteressen im gesellschaftlichen Handeln konzipiert, dem als Folge der Entfremdung eine ebensolche Unerbittlichkeit von Naturgesetzen zugrunde liegt. Auch im schon erwähnten befremdlich-regelhaften Verhalten eines Zwangsneurotikers oder phobischen Patienten kann man soziale Sachverhalte – wie die Monopolisierung des Kapitals, die systematisch auftretenden Konjunkturzyklen, den tendenziellen Fall der Profitrate oder das periodische Auftreten von Krisen und Arbeitslosigkeit – erkennen. Solange jedenfalls eine Bewusstlosigkeit der Beteiligten besteht, sind die individuellen und gesellschaftlichen Sachverhalte gleichermaßen prognostizierbar. Im Wiedererscheinen des personalen dynamischen Unbewussten in Gestalt von Ersatzbildungen wiederum kann ohne Schwierigkeiten der Fetischcharakter der Waren erkannt werden. Das gesellschaftliche Verhältnis, in dem die Waren produziert werden, hat mit dem dinglichen Verhältnis, in dem die Waren ausgetauscht werden und in dem das gesellschaftliche Verhältnis erscheint, in Gestalt der abstrakten Arbeit ein Gemeinsames, das sich in der Produktion als Arbeitszeit und im Tausch als Wert präsentiert. Eine ebensolche abstrakte Gemeinsamkeit hat das verdrängte Unbewusste und die Ersatzbildung, in der es wieder im Bewusstsein erscheint. Im Beispiel der Pferdephobie des Kleinen Hans etwa stellt sich die Angst vor dem kastrierenden Vater in der Angst vor beißenden Pferden dar. Des Weiteren verbergen beide Male die Erscheinungen das in ihnen Erscheinende und lassen nur noch sich selbst als Erkenntnis gelten. Erkennbar wird auch, dass sich in der Psychoanalyse die unbewusste Lebensgeschichte im individuellen Bewusstsein in derselben Weise in Ersatzbildungen präsentiert und verbirgt, wie sich das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein maskiert 116 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten darstellt. Während im Individuum der Unlustvermeidung dienende Interessen das im dynamischen Sinn personale Unbewusste unterhalb seines Horizonts halten, sind es in der gesellschaftlichen Realität die aus ökonomischen Partialinteressen geborene soziale Kräfte, die die innere Struktur der Gesellschaft außerhalb des gesellschaftlichen Alltagsbewusstseins halten. Ferner sind die ökonomischen Kategorien der Oberflächengestalt für den Fortbestand der Gesellschaft notwendig, weil sie die wirklichen Verhältnisse so auf Begriffe bringen, wie sie in der Wirklichkeit erscheinen, aber in Wirklichkeit nicht sind, und sich die »Träger und Agenten« der »ökonomischen […] Verhältnisse« nur in diesen, ihrer Oberflächengestalt verpflichteten Vorstellungen »über dieselben klarzuwerden suchen« können (Marx, 1894b, S. 219). Wir haben bereits erwähnt, dass beispielsweise der Profit in Wirklichkeit eine reale Erscheinungsform des Mehrwerts ist, aber »in dieser seiner verwandelten Gestalt als Profit der Mehrwert selbst seinen Ursprung verleugnet, unerkennbar geworden ist« (ebd., S. 177). In derselben Weise sind die individuellen Ersatzbildungen für das weitere Funktionieren des seelischen Apparates notwendig, weil sie die wirkliche Sachlage verleugnen und so darstellen, wie sie in Wirklichkeit nicht ist, aber in Wirklichkeit erscheint, und sich die Individuen nur mittels Ersatzvorstellungen über sich selbst aufklären können. Auch lässt sich beide Male das wirkliche Wesen der bewussten Erscheinungsformen nicht der unmittelbaren empirischen Erfahrung entnehmen, sondern kann nur in einer logisch-historischen Analyse ermittelt werden. Das Konzept des Primärvorgangs Auch im Konzept des Primärvorgangs ist Gesellschaftliches enthalten. Wie bereits angeführt, wird im Primärvorgang unter der Herrschaft des Lustprinzips Verschiedenes »wie identisch behandelt« (Freud, 1940a, S. 91). In ihrer Struktur korrespondiert diese Auffassung der Selbstverwertung des Kapitals, dem vorrangigen Interesse des Kapitals am Tauschwert, seiner Realisation und der Gleichgültigkeit gegenüber den Gebrauchswerten einzelner Waren. Das Interesse an der Tauschrealisation und die Gleichgültigkeit gegenüber den Gebrauchswerten der Waren setzen sich ebenso unabhängig von den Menschen durch wie sich der Primärvorgang unabhängig von den Intentionen des Subjekts durchsetzt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 117 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten Die Konzepte der gleichwebenden Aufmerksamkeit und der freien Assoziation In den Konzepten der gleichwebenden Aufmerksamkeit aufseiten des Psychoanalytikers, die der freien Assoziation des Patienten entspricht, die beide die Differenz des Besonderen einebnen, lässt sich ebenfalls die Indifferenz der Selbstverwertung des Kapitals gegenüber den besonderen Gebrauchswerten der Waren erkennen. Das Konzept der Abwehrmechanismen Auch weitere psychoanalytische Abwehrmechanismen, die zu Ersatzbildungen führen, scheinen Aspekten nachgebildet, die sich im Verhältnis von gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusstem und gesellschaftlichem Alltagsbewusstsein finden. Die Projektion, die Verlagerung von etwas, das innerhalb einer Person zu ihrer Selbstrepräsentanz gehört, auf eine Objektrepräsentanz, kann ebenfalls als Darstellungsform der Entfremdung verstanden werden. Dies gilt auch für andere Abwehrmechanismen, mit denen Bewusstes unbewusst und in anderen Formen wieder bewusst wird. Sie lassen sich ebenso als Darstellungen des Prozesses der Entfremdung begreifen. Die Verschiebung beispielsweise, der Transfer einer Objektbeziehung auf die Repräsentanz eines anderen Objekts, ist dem Prozess nachgebildet, der im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein Mehrwert und Wert der Arbeitskraft in ihnen in entfremdeter Form als Profit und Arbeitslohn erscheinen lässt. In der Reaktionsbildung wiederum, durch die im Bewusstsein das Gegenteil von dem erscheint, was unbewusst gemeint ist, findet sich zum einen der Sachverhalt wieder, dass für den Warenproduzenten der Gebrauchswert der von ihm produzierten Ware in ihren Tauschwert liegt. Zum anderen kopiert dieses Konzept auch Vorgänge, in denen im gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein beispielsweise der Unternehmer zum »Arbeitgeber« und der Arbeiter zum »Arbeitnehmer« wird, während in Wirklichkeit die Arbeiter ihre Arbeit geben und die Unternehmer diejenigen sind, die deren Arbeit nehmen, indem sie die Arbeitskraft der Arbeiter käuflich erwerben. Ulmann (1975, S. 103) verweist auf die Folgen dieser Umdefinition: »Da das Wort ›Geber‹ Eigenschaften definiert, auf die auch die Wörter ›Wohltäter‹, ›Helfer‹ etc. verweisen, während das Wort ›Nehmer‹ eher 118 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten die Bedeutung von ›Almosenempfänger‹ oder gar ›Dieb‹, ›Räuber‹ […] hat, [erscheint] ein […] Arbeitgeber als ›Sonderfall‹ der […] Wohltäter […] nicht aber als Räuber; und ein […] Arbeitnehmer kann nicht als Wohltäter, sondern […] immer nur als Fall eines Nehmers (im Sinne eines Almosenempfängers oder Räubers etc.) gesehen werden.« Der Begriff »Reform« bezeichnet üblicherweise eine Veränderung des Bestehenden zum Besseren. Wie die sogenannte Rentenreform, Arbeitsmarktreform oder Gesundheitsreform zeigen, die zu einer Verschlechterung der Bezüge der Rentner, der Arbeitslosen, der Krankenbehandlung und zu einer Erhöhung der Kosten für die Versicherten führen, wird damit heute allerdings eher eine Verschlechterung als Verbesserung deklariert. Weitere eindrucksvolle Beispiele der gesellschaftlichen Vorläufer individueller Reaktionsbildungen gibt Bresser (1992, S. 16) in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache an H. J. Friedrichs: »Was wurden nicht alles für Worte erfunden, als es im Wirtschaftswunderland einmal nicht mehr aufwärts ging: Vom Null-Wachstum war da die Rede, auch von negativen Zuwachsraten, von freisetzen, von abbauen, rationalisieren. Die Sozialpartner (auch so ein schönes Wort) hatten sogar mit Abwachsraten fertig zu werden […]. Kosten wurden schon lange nicht mehr gesenkt, sondern gedämpft, Mieter nicht mit rüden Methoden vor die Tür gesetzt, sondern Häuser entmietet  […]. Noch bevor das erste Atomkraftwerk in Deutschland ans Netz ging, wurde das besänftigende Vokabular in die öffentliche Diskussion eingespeist: Um saubere Energie handele es sich, allenfalls mit einem theoretischen Restrisiko […] der atomare Müll wurde – sprachlich elegant – entsorgt. Und wo? Krönung verbaler Verharmlosung: im Entsorgungspark […]. Gift wird nicht in Luft, Wasser und Boden geleitet, Salzsäure nicht ins Meer gekippt […] die hauptberuflichen Beschwichter sprechen von Schadstoff-Emission und Dünnsäure-Verklappung […]. Um das gewaltsam klingende Wort Abtreibung zu vermeiden, erfand man die Schwangerschafts-Unterbrechung, die in Wirklichkeit die Schwangerschaft beendet, abbricht. Der gezielte Todesschuss der Polizei wurde zum finalen Rettungsschuss umformuliert. Die Bürger aus den neuen Bundesländern hören [d]as Wort abwickeln  […] wo doch stilllegen, auflösen, dichtmachen gemeint ist. Abgewickelte Arbeiter und Angestellte werden nicht entlassen, sondern dem Arbeitsmarkt zugeführt […]. Andere machen unterdessen 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 119 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten Kurzarbeit, genauer Kurzarbeit null, und, das muss der neue Bundesbürger ja auch erst lernen: Da wird nicht kurz, sondern gar nicht gearbeitet.« Wenn die in das ökonomische gesellschaftliche Alltagsbewusstsein eingelassenen Erkenntnisse die innere Struktur der Gesellschaft zwar latent enthalten, sich aber ihrem manifesten Inhalt nach nur auf die Oberflächengestalt der Gesellschaft beziehen, wird ferner erkennbar, dass auch das psychoanalytische Konzept der Rationalisierung strukturell diesem gesellschaftlichen Alltagsbewusstsein entspricht. Rationalisierung – ein Terminus, den Jones (1908) in die Psychoanalyse einführte – bezieht sich auf die Versuche, unbewusste Triebregungen, die Ersatzhandlungen motivierten, mit logisch-kohärente Begründungen, die mit gesellschaftlich approbierten Erklärungen für das Verhalten konsistent sind, außerhalb des Bewusstseins zu halten. Analog den gesellschaftlichen Erkenntnissen meinen auch psychische Rationalisierungen immer mehr, als sie sagen. Ebenso wie sich in den gesellschaftlichen Erkenntnissen etwas mystifiziert darstellt, das nicht ins gesellschaftliche Alltagsbewusstsein eindringen soll, verbirgt sich in Rationalisierungen im psychologischen Bereich das abgewehrte Motiv. In scheinbar rationaler Form erfüllen beide dieselbe Funktion – jene verschleiert das Wesentliche in der Wahrnehmung der äußeren, gesellschaftlichen Realität, die andere verdeckt es im Seelenleben des Individuums. Beide sind wahr und falsch zugleich, je nachdem, ob sie an den Erscheinungen oder am gesellschaftlichen beziehungsweise seelischen Gesamtgefüge gemessen werden und in beiden wird ihr Gegenstand so verkannt, wie er verkürzt wird. In Falle einer Rationalisierung gesellschaftlicher Phänomene liegt die Verkürzung darin, dass sie den gesellschaftlichen Oberflächenphänomenen verhaftet bleiben und in der objektiven Nötigung gründen, die von der inneren Organisation der Gesellschaft selbst ausgeht und dazu zwingt, auf eben der Ebene objektiver Erscheinungen zu verharren, wenn sich ihre Grundstruktur erhalten soll. Bei einer Rationalisierung psychologischer Phänomene liegt der Verkürzung zugrunde, dass Unbewusstes nur in entstellter Weise im Bewusstsein erscheinen und sich das Individuum aufgrund seiner inneren Organisation nur in den bewussten Erscheinungsformen seiner unbewussten Inhalte bewegen kann und muss. Beide Male erscheinen Inhalte im Bewusstsein und bleiben gleichwohl außerhalb des Gesichtsfelds, beide Male sind sie eingesperrt in Rationalisierungen des Bestehenden – des Subjektiven hier und des Gesellschaftlichen dort –, und beide Male werden objektive und notwendige Erscheinungen à la lettre genommen und als deren Wesen verkannt. 120 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten In der Isolierung wiederum, wodurch ein »Erlebnis  […] von seinem Affekt entblößt« wird (1926d, S. 151), präsentiert sich das enthumanisierte Selbstverwertungsinteresse des Kapitals, und auch in Freuds Konzept der Verkehrung ins Gegenteil, das sich etwa auf die Verwandlung einer sadistischen Triebregung in eine masochistische bezieht, findet sich Gesellschaftliches wieder. Auch hier entfremdet sich das Verkehrte vom Gegenteil. Engels (1880, S. 192f.) beschreibt es am Beispiel der Parole der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und was aus ihr geworden ist. »Jetzt zur Wahrheit gewordne ›Freiheit des Eigentums‹ von feudalen Fesseln stellte sich heraus für den Kleinbürger und Kleinbauern als die Freiheit, dies von der übermächtigen Konkurrenz des Großkapitals und des Großgrundbesitzes erdrückte kleine Eigentum an eben diese große Herren zu verkaufen und so für den Kleinbürger und Kleinbauern sich zu verwandeln in die Freiheit vom Eigentum […]. Die ›Brüderlichkeit‹ der revolutionären Devise verwirklichte sich in Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfes […]. Kurzum, verglichen mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die durch den ›Sieg der Vernunft‹ hergestellten gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttäuschende Zerrbilder.« Das Verhältnis von Warenfetischismus und Ersatzbildung lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass die verschiedenen Mechanismen der Ersatzbildung das Subjekt vom ersetzten Unbewussten entfremden und der Ersatz verhindert, dass diese Entfremdung vom Unbewussten wahrgenommen werden kann. Wie der Warenfetischismus in Gestalt dinglicher Verhältnisse, die die Verhältnisse von Personen in dieser Form darstellen, die Entfremdung von ihnen verschleiert, verschleiert auch die Ersatzbildung das ersetzte Unbewusste und stellt es zugleich dar. Beide Male erscheint die Wirklichkeit den Menschen, wie sie in Wirklichkeit nicht ist. Das Konzept der Übertragung Damit nicht genug. In der Auffassung von Lichtman (1982, S. 39f.) ist der Warenfetischismus noch mit dem psychoanalytischen Konzept der Übertragung strukturell verwandt. In beiden Phänomenen werden die Wesens- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 121 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten merkmale einer Situation fälschlicherweise auf eine andere transferiert, deren Wirklichkeit eine andere ist. Der mysteriöse Charakter der Ware ergibt sich aus der Zuschreibung der Beziehungen zwischen den Produzenten zu den Produkten selbst, die sie selbst produziert haben. Im Falle der Übertragung schreibt der Patient dem Psychoanalytiker Eigenschaften zu, die nicht seine sind und die in Wirklichkeit bedeutsamen Kindheitspersonen zukommen. In beiden Fällen entzieht sich die Vergangenheit dem Bewusstsein und die Gegenwart erscheint als naturgegeben. Das Konzept des Über-Ichs Lichtman (1962, S. 35ff.) verweist auf zwei weitere Parallelen. Zum einen, so wenig wie bei Marx die herrschende Klasse kann bei Freud das herrschende Über-Ich zulassen, dass die gefährlichen Bestrebungen sich unverhüllt zeigen. Zum andern wird die spiralförmige Entwicklung der kapitalistischen Produktion durch den Mechanismus bewerkstelligt, der Kapital in Mehrwert und Mehrwert in Kapital verwandelt, und Freud (1930a, S. 488) beschreibt, strukturell gesehen, denselben Prozess im Verhältnis von Über-Ich und Triebverzicht: »[A]nfangs ist zwar das Gewissen (richtiger: die Angst, die später Gewissen wird) Ursache des Triebverzichts, aber später kehrt sich das Verhältnis um. Jeder Triebverzicht wird nun eine dynamische Quelle des Gewissens, jeder neue Verzicht steigert dessen Strenge und Intoleranz […]. Das Gewissen ist die Folge des Triebverzichts; oder: Der (uns von außen auferlegte) Triebverzicht schafft das Gewissen, das dann weiteren Triebverzicht fordert.« Das Konzept der Strukturtheorie Desgleichen reproduziert sich auch in Freuds Strukturtheorie die Entfremdung. Im Verhältnis von Ich und Über-Ich kann man die Beherrschung des Subjekts von seiner entfremdeten Vergangenheit, in der Beziehung von Ich und Es die Beherrschung des Subjekts vom ihm entfremdeten Selbstverwertungsprozess des Kapitals und im Konzept der »Ichspaltung« (Freud, 1940e, S. 57; unsere Herv.) die Entfremdung des Subjekts von sich selbst entdecken. 122 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten Das Konzept des Ödipuskomplexes Ohne größere Schwierigkeiten lässt sich auch das »Gemeinsame, das Tertium comparationis« (1916–1917a, S. 154) in Freuds Konzept des Ödipuskomplexes und dem kapitalistischen Produktionsprozess erkennen. In Freuds Konzept beansprucht der Vater die Mutter des Sohns als Sexualobjekt für sich alleine und hält den Sohn von der Realisierung seiner Inzestwünsche ab. Der Sohn identifiziert sich mit dem Über-Ich des Vaters, verzichtet auf dessen Beseitigung und auf die Realisierung seiner inzestuösen Wünsche. Auch hier erstaunt die strukturelle Ähnlichkeit. Der kapitalistische Produktionsprozess ist den Menschen so entfremdet, wie die Kindheit vom Erwachsenen entfernt ist. Wenn der Mensch als »Kapitalist […] nur personifiziertes Kapital« ist (Marx, 1867, S. 247), Frauen, die Kinder gebären, als Produktionsmittel, als »bloßes Werkzeug der Kinderzeugung« (Engels, 1884, S. 61) begriffen werden, kann der Vater, der die Mutter monopolisiert und den Sohn vom Inzest abhält, den Eigentümer der Produktionsmittel repräsentieren und als Personifikation des Selbstverwertungsprozesses des Kapitals verstanden werden. Im Sohn finden sich die Lohnabhängigen wieder, die das im Vater personifizierte Kapital abschaffen und dem Kapitalisten die Produktionsmittel enteignen. In affirmativer Wendung im Interesse der Herrschenden verbieten sich die Lohnabhängigen in Gestalt des Sohns ihre intendierten Handlungen. Das Konzept der Kastration Es scheint, als würden in den psychoanalytischen Kategorien nicht nur bestimmte Aspekte der gesellschaftlichen Entfremdung, sondern auch deren Gründe zur Abbildung gebracht. Die Aneignung der Arbeitskraft des Lohnarbeiters durch den Kapitalisten im Produktionsprozess spiegelt sich Schneider (1973, S. 220) zufolge in der Kastration wider. Mit der Trennung des Arbeitsvermögens von den Bedingungen, unter denen es verwirklicht wird, werden auch die in den Arbeitsprodukten vergegenständlichten Fähigkeiten und Potenzen von dem getrennt, dem sie angehören. Dieser Verlust der eigenen Fähigkeiten und Potenzen werden als soziale Kastration begriffen und in der psychologischen Kastration dargestellt. Marx (1844a, S. 515; unsere Herv.) selbst drückt 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 123 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten die Entfremdung im Produktionsprozess in psychologischen Termini aus: »Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion […] ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht zugehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters […] als eine […] ihn nicht gehörende Tätigkeit.« Nimmt man hinzu, dass eine »gewisse geistige und körperliche Verkrüppelung […] unzertrennlich selbst von der Teilung der Arbeit in ganzen und großen der Gesellschaft« ist (1867, S. 384), wird die strukturelle Identität der Trennung der Arbeitskraft vom Arbeiter und einer Kastration unübersehbar. Resultat dieser »Entmannung« ist »die dem Kapitalverhältnis immanente Mystifikation«: »Die werterhaltende Kraft der Arbeit erscheint als Selbsterhaltungskraft des Kapitals, die wertschöpferische Kraft der Arbeit als selbstverwertende Kraft des Kapitals, und im Ganzen dem Begriff nach, die vergegenständlichte Arbeit als Anwender der lebendigen« (1863/64, S. 120f.). Da in Freuds Auffassung der Ödipuskomplex der Kastration ursächlich ist, kann man nicht umhin festzustellen, dass Freud mit seiner Bezeichnung des Ödipuskomplexes als den »Kernkomplex einer jeden Neurose« (Freud, 1910a, S. 50) im Grunde den Kern formuliert, die allgemeine Bedingung der Entfremdung, die im Subjekt erscheint. Die Metapher des Todestriebs Auch in Freuds unwissentlichen Metaphern kommt das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste zur Darstellung. So reflektiert die Lebens- und Todestriebhypothese die Versachlichung des Menschen durch das Kapital, das darin abgebildet wird. Marx (1867, S. 247) schreibt: »Das Kapital hat […] einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln, die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt. Die Zeit 124 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten während der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während derer der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitszeit konsumiert.« Bei Freud (1920g, S. 40) ist das Ziel des Lebens der Tod: »Wenn wir es als ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, dass alles Lebende aus inneren Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen: Das Ziel alles Lebens ist der Tod […].« Im Verständnis von Marx ist der Tod der lebendigen Arbeit das Ziel des Kapitals. Die Feststellung Freuds, dass das Ziel allen Lebens der Tod ist, spiegelt den von Marx beschriebenen ökonomischen Prozess wider, in dem der Arbeiter seine Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit an das Kapital verkauft, seine lebendige Arbeitskraft in dieser Zeit vom Kapital konsumiert und in tote Arbeit verwandelt wird. Die Kongruenz beider Aussagen ist verblüffend. Auch gibt es weder bei Marx und Engels noch bei Freud eine Umkehrung dergestalt, dass aus dem Kapital, der toten Arbeit, die lebendige Arbeit des Arbeiters entsteht beziehungsweise der Todestrieb zum Leben führt. Dies spricht ebenfalls für die These, dass im Lebens- und Todestriebkonzept Freuds dieser ökonomische Sachverhalt insgeheim zur Darstellung gebracht wird. Die Metapher der Urhorde Ohne größere Schwierigkeiten lässt sich auch das »Gemeinsame, das Tertium comparationis« (1916–1917a, S. 154), von Freuds Urhorde und dem kapitalistischen Produktionsprozess erkennen. In Freuds (1912/13a) Konzept monopolisiert der Urvater der Urhorde die Frauen seiner Horde, hält die Söhne von Inzest ab und vertreibt sie. Nach einiger Zeit rotten sich die frustrierten Söhne zusammen und töten den Urvater, fühlen sich aufgrund dieser Tat schuldig und verzichten darauf, ihre inzestuösen Wünsche zu realisieren. Die Reaktion auf diese Tat, deren Erinnerungsspuren Freud als »archaische Erbschaft« (1925d, S. 95) in die Menschheit eingegraben sieht, begründet in seiner Sicht die Anfänge von Religion (und Kultur). Auch hier erstaunt die strukturelle Ähnlichkeit. Der kapitalistische Produktionsprozess ist den Menschen so entfremdet, wie die Prozesse in der Urhorde von den gegenwärtigen Individuen entfernt sind. Wenn der Mensch als »Kapitalist […] nur personifiziertes Kapital« ist (Marx, 1867, S. 247), Frauen, die Kinder gebären, als deren Produktionsmittel, 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 125 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten als »bloßes Werkzeug der Kinderzeugung« (Engels, 1884, S. 61) begriffen werden, kann der Urvater, der die Frauen monopolisiert und die Söhne vom Inzest abhält, die Eigentümer der Produktionsmittel repräsentieren und als Personifikation des Selbstverwertungsprozesses des Kapitals verstanden werden. In den Brüdern wiederum finden sich die Lohnabhängigen wieder, die in solidarischer Aktion das im Urvater personifizierte Kapital abschaffen und dem Kapitalisten die Produktionsmittel enteignen. In affirmativer Wendung im Interesse der Herrschenden widerrufen die Lohnabhängigen in Gestalt der Brüder ihre Handlung und verbieten auch künftig »ihre Tat, indem sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und […] auf deren Früchte [verzichteten], indem sie sich die freigewordenen Frauen versagten« (Freud, 1912/13a, S. 173). Die Metapher der Libido Freuds Metapher der Libido wird ebenfalls mit dem Kapital strukturell identisch beschrieben. Schon vor Jahren war Dieter Wyss (1961, S. 50) die strukturelle Ähnlichkeit von Marx’ Kapital und Libido als einer quantifizierbaren seelischen Energie aufgefallen: »Die Analogie zwischen Libido und Kapital ist auffallend, jene galt als Hauptmotor der Person, dieses als der der Wirtschaft. Beide sammeln sich an, können abgeführt werden oder konvertieren. Die Verschiebung der Erregungssumme längs der Vorstellungsreihe entspricht den Möglichkeiten der Kapitalanlage.« Die postfreudianischen Metaphern der Konzepte Freuds Die Besonderheit der postfreudianischen Konzeptualisierungen liegt darin, dass sie sich der Psychoanalyse Freuds bedienten. Ihnen liegen Erkenntnisbeziehungen zu Freuds psychoanalytischen Konzepten zugrunde, sodass in den Erkenntnisprodukten, die Freuds Konzepte in einer anderen Sprache duplizieren, sich die noch-nicht-bewussten gesellschaftlichen Prozesse, in denen sie entstanden sind, in derselben Weise darstellen müssten, wie sie sich auch mystifiziert in den unwissentlichen Duplikaten seiner Konzepte präsentieren. Wenn also Lektorskis (1968, S. 130f.) These stimmt, dass die Gesellschaft das eigentliche gnoseologische Subjekt ist und das Individuum 126 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten dessen Erscheinungsform darstellt, müssten sich wie bei Freuds eigenen metaphorischen Duplikaten auch in den Metaphern von Freuds Konzepten, die von anderen stammen, Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse transferieren haben. Betrachtet aus dieser Perspektive entdecken wir, ➣ dass sich die Verdinglichung des Subjekts in der von ihm selbst hergestellten und entfremdeten Wirklichkeit des Kapitals in dem von Menschen – hier Schultz-Hencke und Bowlby – geschaffenen Abstraktionen des retentiven Antriebserlebens beziehungsweise eines eigenständigen Bindungsverhaltens wiederfindet; ➣ die Gleichgültigkeit der Selbstverwertung des Kapitals gegenüber den Gebrauchswerten sich in Bions Konzept der Vermeidung von Erinnerung und Wunsch beim Zuhören des Psychoanalytikers und in seinem Konzept der B-Elemente entdecken lässt; ➣ die Klasseneinteilung der Gesellschaft sich in Kernbergs Konzept der Spaltung und ➣ der Prozess der Entfremdung und das Entfremdete sich in Kohuts Konzept der horizontalen Spaltung präsentiert. Zusammenfassung Nach dem Dargelegten ist offensichtlich, dass nicht nur Freuds psychoanalytische Konzepte, sondern auch ihre metaphorischen Duplikate – Todestrieb, Urhorde, Libido – zugleich als Metaphern des von Marx und Engels als gesellschaftlich unbewusst Beschriebenen zu verstehen sind. Sie konstituieren den Quellbereich für die metaphorische Darstellung der dem Zielbereich einer Metapher angehörenden Aspekte des Gesellschaftlichen, das wir als gesellschaftlich noch-nicht-bewusst beschrieben haben. Zu dem Quellbereich, aus dem die Konzepte für die metaphorische Darstellung entnommen werden, gehören: das personale dynamische Unbewusste, das Über-Ich, der Triebverzicht, die Ersatzbildung, die Übertragung, die Abwehrmechanismen, der Primärvorgang, die freie Assoziation, die gleichschwebende Aufmerksamkeit, der Wiederholungszwang, die Kastration, der Ödipuskomplex. Zu den Konzepten aus dem Zielbereich einer Metapher, die in Konzepten des Quellbereichs zur Darstellung gebracht werden, gehören unter anderem: das Kapital, dessen Verhältnis zu Mehrwert und dessen Selbstverwertung, die Entfremdung, der Prozess der Entfremdung. Wir fassen deren Darstellung in den psychoanalytischen Konzepten nochmals exemplarisch zusammen: 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 127 X Psychoanalytische Konzepte – Metaphern des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten ➣ Die Sequenz Kapital → Mehrwert → mehr Kapital dupliziert sich in der Sequenz Triebverzicht → Gewissen → größerer Triebverzicht. ➣ Die Gleichgültigkeit der Selbstverwertung des Kapitals gegenüber den Menschen reproduziert sich in der Gleichgültigkeit des Primärvorgangs, der Isolierung, der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit gegenüber Inhalten. ➣ Die naturhafte Gewalt der Gesetze des Kapitalismus, die an die Bewusstlosigkeit der Beteiligten gebunden ist, entspricht in struktureller Hinsicht der naturhaften Gewalt, mit der sich im Wiederholungszwang hinter dem Rücken des Subjekts seine unbewusst gewordenen Wünsche durchsetzen. ➣ Die verschiedenen Investitionsmöglichkeiten des Kapitals präsentieren sich in der Verschiebbarkeit der Libido. ➣ Dem Verhältnis von Entfremdung und Warenfetischismus entspricht die Beziehung von dynamisch Unbewussten und seinen Ersatzbildungen. ➣ Dem Entfremdeten im gesellschaftlichen Leben korrespondiert im Seelenleben das personale dynamisch Unbewusste. ➣ Die mit Kapital als dem eigentlichen Subjekt des gesellschaftlichen Handelns einhergehende Personifizierung menschlicher Produkte und Verdinglichung des Menschen findet sich im Seelenleben im Konzept des dynamisch Unbewussten wieder, das die Menschen selbst geschaffen haben, sie zu seinen Produkten werden und in seinem Auftrag handeln lässt. Auch in den postfreudianischen Konzepten, die Freuds Konzepte duplizieren, findet sich die Verdinglichung des Subjekts in der von ihm selbst hergestellten und entfremdeten Wirklichkeit des Kapitals in dem von Menschen – hier Schultz-Hencke und Bowlby – geschaffenen Abstraktionen des retentiven Antriebserleben beziehungsweise eines eigenständigen Bindungsverhaltens wieder. Die Gleichgültigkeit der Selbstverwertung des Kapitals gegenüber den Gebrauchswerten lässt sich in Bions Konzept der Vermeidung von Erinnerung und Wunsch beim Zuhören des Psychoanalytikers und in seinem Konzept der B-Elemente entdecken. Die Klasseneinteilung der Gesellschaft präsentiert sich in Kernbergs Konzept der Spaltung und der Prozess der Entfremdung und das Entfremdete in Kohuts Konzept der horizontalen und vertikalen Spaltung. 129 XI Psychoanalytische Konzepte – entmystifiziert »While the psychoanalytic system comes closer to a truly scientific theory than most observers realize, psychoanalysis still contains many metaphors, analogies, and confusions between construct and fact which must in the end be eliminated.« Else Frenkel-Brunswik (1954) Es scheint mithin, dass in die angeführten psychoanalytischen Konzepte Gesellschaftliches eingegangen ist und das Gesellschaftliche in den psychoanalytischen Konzepten in derselben Weise metaphorisch zur Darstellung kommt wie etwa der Mehrwert im Profit oder bei der Pferdephobie des Kleinen Hans in Form des kastrierenden Vaters im beißenden Pferd. Insofern ist den Psychoanalytikern zuzustimmen, die die psychoanalytischen Konzepte als Metaphern verstanden haben. Um uns des behaupteten Zielbereichs psychoanalytischer Metaphern zu versichern, wollen wir zunächst prüfen, ob unsere Annahme zutrifft. Wenn es stimmt, dass sich Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer konzeptuellen Form in die ideellen Produkte transferieren, die in ihnen entstanden sind, müssten sie nicht nur in den psychoanalytischen Konzepten und deren unwissentlichen Metaphern, sondern auch in anderen Konzepten enthalten sein, etwa in den Konzepten des gesellschaftlichen Unbewussten, die wir vorgestellt haben. Sieht man sich diese Konzepte genauer an, lässt sich in der Tat erkennen, dass sich im Gewand des Konzepts des gesellschaftlichen Unbewussten, wie es von Fromm, Devereux, Erdheim und Hopper und Weinberg vertreten wird, das Entfremdete zur Darstellung bringt, dem der Mensch in den gesellschaftlichen Verhältnissen unterliegt. Auch in diesem Konzept ist der Mensch in derselben Weise als ein Objekt konzeptualisiert, das von einer selbstgeschaffenen, entfremdeten Abstraktion bestimmt ist, in der er in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verdinglicht und vom Kapital abhängig ist, dem eigentlichen »Subjekt« (Marx, 1867, S. 169) gesellschaftlicher Prozesse, das er wie das gesellschaftliche Unbewusste selbst geschaffen hat. Ebenso wird in Bourdieus Konzept des kulturellen Unbewussten der Mensch als Objekt selbstgeschaffener Abstraktionen begriffen – hier kog- 130 XI Psychoanalytische Konzepte – entmystifiziert nitiver Schemata –, sodass in diesem Konzept ebenfalls die Verdinglichung des Subjekts in der von ihm selbst hergestellten und entfremdeten Wirklichkeit des Kapitals abgebildet ist. In Blochs Konzept des Noch-Nicht-Bewussten wiederum, in dem das utopisch Neue »bis jetzt gänzlich außer Begriff geblieben« (Bloch, 1959, S. 131) ist, verbirgt sich die Entfremdung ebenfalls und stellt sich zugleich mystifiziert dar. Wie in Blochs Konzept die Utopie noch begriffslos daherkommt, ist im gesellschaftlichen Leben die Entfremdung noch ohne Begriff, und wie die Utopie Realität werden könnte, wenn sie erkannt ist, könnte sich mit dem Erkennen der Entfremdung die Utopie einer nichtentfremdeten Gesellschaft entfalten. Als Metaphern können die psychoanalytischen Konzepte allerdings nur solange gelten, wie man sie nicht in ihren Quell- und Zielbereich analytisch zerlegt und die historisch-materialistischen Kategorien des Zielbereichs zu den psychoanalytischen Kategorien des Quellbereichs in eine bewusste Beziehung setzt. Enträtselt man den Zielbereich in dieser Weise, lässt sich einvernehmlich mit Marx’ (1857, S. 632) Verständnis der Erkenntnisbildung, dem Aufsteigen vom »Abstrakten zum Konkreten« mit Hilfe der historisch-materialistischen Begriffe des Zielbereichs und der psychoanalytischen Begriffe des Quellbereichs, die seelische Erscheinungsform des Gesellschaftlichen in den Subjekten als Fall des Gesellschaftlichen erkennen. Löst man nämlich die Verdichtung beider Bereiche in den Metaphern auf, wandeln sich die angeführten Konzepte Freuds von Metaphern in Begriffe. Gemessen an den in Kapitel III vorgetragenen Kriterien der Metapher, erweist sich, dass unter diesen Umständen psychoanalytische Konzepte die Kriterien einer Metapher nicht mehr erfüllen. Sie duplizieren nicht länger das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste, sondern referieren auf seine seelischen Erscheinungsformen in den Subjekten. Da, wie dargelegt, die Produktion der Erkenntnismittel der Produktion des Erkenntnisgegenstands, des Subjekts, korrespondiert, und das Subjekt als eine Kristallisation, das heißt als ein Fall der Verhältnisse zu begreifen ist unter denen es produziert wurde, sind auch die Erkenntnismittel als Fall der gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen, in denen sie entstanden sind. Begriffstheoretisch gewendet heißt das, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr, wie bei es bei Metaphern der Fall ist, in den Extensionen psychoanalytischer Konzepte verdoppeln und zu einem Fall der intensionalen Bestimmung psychoanalytischer Konzepte werden. Indem das 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 131 XI Psychoanalytische Konzepte – entmystifiziert psychoanalytische Kategoriensystem in die Extensionen gesellschaftstheoretischer Kategorien eingefügt und unter deren Intensionen subsumiert wird, wird es vielmehr vom Kopf auf die Füße gestellt. Indem das Syntagma »personales dynamisches Unbewusstes« beispielsweise unter die Intension des Begriffs der »gesellschaftlichen Entfremdung« gefasst wird – er bezeichnet einen »gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Mensch und Arbeit, Mensch und dem Produkt ihrer Arbeit sowie […] zur Natur […]) aufgehoben« ist (Wikipedia, 2019) –, enthält dieser Begriff die intensionale Bestimmung der gesellschaftlichen Entfremdung. Er erlaubt damit nicht nur im Identischen das Verschiedene, sondern auch im Verschiedenen das Identische zu erkennen. Außer dem gesellschaftlich Entfremdeten, das sich im Subjekt im Syntagma des »personalen dynamischen Unbewussten« wiederfindet, lässt sich im seelischen Leben des Subjekts der Prozess der Entfremdung in den Abwehrmechanismen und die naturhafte Gewalt, mit der sich das Entfremdete im gesellschaftlichen Leben durchsetzt, im Wiederholungszwang erkennen. Der Fetischcharakter der Ware existiert im Subjekt in den Ersatzbildungen wie der Übertragung, dem Wiedererscheinen des personalen Unbewussten im Bewusstsein und die Funktion, die die ökonomischen Kategorien der Oberfläche für das ungestörte gesellschaftliche Zusammenleben haben, existiert in der Funktion, die Ersatzbildungen im psychischen Leben des Individuums besitzt. Die Verdinglichung des Menschen in der Beziehung zum Kapital wiederum lässt sich im Subjekt in der Beziehung zu seinem personalen Unbewussten entdecken und die soziale Kastration, in der das Arbeitsvermögen des Arbeiters von ihm getrennt und vom Kapitalisten angeeignet wird, findet sich im psychischen Kastrationskomplex wieder. Die Selbstverwertung des Kapitals präsentiert sich in den Konzepten des Primärvorgangs, der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit, während sich kapitalistische Produktion im Ödipuskomplex zeigt. Die Beurteilung psychoanalytischer Konzepte als Metaphern dokumentiert mithin die richtige Ahnung, dass psychoanalytische Konzepte noch etwas anderes enthalten, und zugleich die Unkenntnis der Psychoanalytiker, dass es sich dabei um die Bedingungen ihres Entstehens handelt, dass ihre Entstehung mit der gesellschaftlichen Produktion ihres Gegenstandes korrespondiert und dass mithilfe psychoanalytischer Konzepte die seelische Erscheinungsform des Gesellschaftlichen in den Subjekten erkannt 132 XI Psychoanalytische Konzepte – entmystifiziert werden kann. Auch in der Pferdephobie des Kleinen Hans sind beißende Pferde nur solange eine Metapher, wie man nicht weiß, woraus sie entstanden ist und dass sie den kastrierenden Vater darstellen. Sie verlieren ihren metaphorischen Charakter, nachdem erkannt wurde, dass sie aus dem kastrierenden Vater entstanden sind, ihn in Sonderheit zur Darstellung brachten und mit dieser Erkenntnis Pferde ihre unbewusste Darstellungsfunktion verlieren. Zusammenfassung Es dürfte einsichtig geworden sein, dass Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die psychoanalytischen Konzepte entstanden sind, in diesen Konzepten metaphorisch dargestellt werden. Werden Quell- und Zielbereich psychoanalytischer konzeptueller Metaphern voneinander getrennt, verlieren die psychoanalytischen Konzepte ihren metaphorischen Charakter und werden zu Begriffen. Setzt man sie in Beziehung zu den Konzepten des Historischen Materialismus, wird erkennbar, dass der Erkenntnisprozess mit dem Herstellungsprozess des Erkenntnisgegenstands korrespondiert, psychoanalytische Konzepte – einvernehmlich mit Marx’ Erkenntnisprinzip als Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten – als Extensionen unter den Intensionen historisch-materialistischer Kategorien subsumiert sind und auf die seelische Erscheinungsform des Gesellschaftlichen in den Subjekten verweisen. Aspekte der gesellschaftlichen Verhältnisse existieren in den Subjekten in anderer Weise, werden dort mit den psychoanalytischen Kategorien in derselben Weise begriffen, in der beispielsweise mit den Kategorien »Gebrauchswert« und »Tauschwert« die Existenzweise der konkreten und abstrakten Arbeit in der Produktion und in der Konsumtion erfasst wird. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 133 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus »Neurosen sind soziale Erkrankungen […] sind das Ergebnis gesellschaftlich bedingter ungünstiger Erziehungsmaßnahmen, die einem bestimmten historisch entwickelten Gesellschaftszusammenhang entsprechen und mit einiger Notwendigkeit aus ihm hervorgehen. Sie können nicht ohne eine Veränderung dieses gesellschaftlichen Zusammenhangs geändert werden.« Otto Fenichel (1945) Wir haben erfahren, dass sich das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste zwar in Freuds psychoanalytischen Kategorien zur Darstellung bringt, im Subjekt aber nur seine seelischen Erscheinungsformen begriffen werden können. Im Subjekt präsentiert sich die innere Organisation der Gesellschaft als ein individuelles Phänomen, das im manifesten Inhalt der Konzepte abgebildet wird. Damit ergibt sich auch eine Antwort auf die ungelöste epistemologische Frage, auf die, wie die vielfältigen Dokumentationen (z. B. Dahmer, 1973; Gente, 1970; Lichtman, 1982; Nitzschke, 1989; Sandkühler, 1970) der gescheiteren Vermittlungsversuche informieren, das Verhältnis von historischem Materialismus und Psychoanalyse reduziert in der Geschichte lagert: Welche der beiden Wissenschaften erfasst das Wesen des Menschen und welche dessen Erscheinungsformen? Die Antwort: Gegenstand der Psychoanalyse sind die seelischen Erscheinungsformen des gesellschaftlichen menschlichen Wesens im Subjekt, das Marx und Engels auf den Begriff gebracht haben. Ferner haben wir festgestellt, dass psychoanalytische Konzepte nur solange als Metaphern verstanden werden können, wie verborgen bleibt, was aus ihrem Zielbereich in ihrem Quellbereich zur Darstellung gebracht wird. Zur Erinnerung: Der Mehrwert erscheint in den gesellschaftlichen Oberflächenphänomenen solange als Profit, den ein Unternehmen erwirtschaftet und dem Kapital in Gestalt der Manager und seiner Eigner für die organisatorische Tätigkeit zusteht, wie man nicht weiß, dass er aus dem Mehrwert stammt. Und die innere Organisation der Gesellschaft erscheint in den psychoanalytischen Konzepten solange mystifiziert und als ein bloß individuelles Phänomen, wie nicht erkannt wird, dass sie in Wirklichkeit 134 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus die seelische Erscheinungsform des Gesellschaftlichen in den Subjekten zur Darstellung bringen. Verzichtet man auf die Enträtslung des Zielbereichs psychoanalytischer Metaphern, auf die Bewusstmachung des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten, unterlässt man die Dechiffrierung psychoanalytischer Kategorien als dessen Darstellungsform, kann der psychoanalytische Erkenntnisgegenstand auch nicht als das begriffen werden, was er ist: die seelische Erscheinungsform des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten. Glaubt man gleichwohl, im psychoanalytischen Untersuchungsverfahren »im Innersten der Individuen Gesellschaftliches« zu entdecken ( Jacoby, 1975, S. 966), obgleich sich Gesellschaftliches aus methodischen Gründen dem psychoanalytischen Untersuchungsverfahren entzieht, entdeckt man im Gegenstand Projektionen dessen, was in den psychoanalytischen Kategorien insgeheim enthalten ist. Wenn man also die seelischen Erscheinungsformen des Gesellschaftlichen auch als solche im Gegenstand erkennen will, setzt dies voraus, das Gesellschaftliche aus seinen psychoanalytischen Mystifikationen heraus zu präparieren und zu seinen Erscheinungsformen im Seelenleben der Subjekte in Beziehung zu setzen. Erscheinungsformen sind immer auch Erkenntnismittel für das Wesen, das in ihnen erscheint. Entsprechend dem manifesten Trauminhalt, der in entstellter Weise über den latenten Trauminhalt informiert, geben auch Freuds psychoanalytische Kategorien insgeheim Auskunft über sich selbst als gesellschaftlich hergestelltes Produkt. Wie in der Pferdephobie des Kleinen Hans der Begriff »Pferd« in der Behandlung zum Erkenntnismittel der Beziehung von Hans und seinem Vater wird und Auskunft über seine Herkunft gibt, können auch psychoanalytische Kategorien als Erkenntnismittel für das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste Verwendung finden, unter dessen Bedingung sie entstanden sind. Nachdem man weiß, dass psychoanalytische Kategorien das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste enthalten, hat es den Anschein, als wäre es ein Leichtes, psychoanalytische Kategorien als Erkenntnismittel für das in ihnen Erscheinende zu benutzen und das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste in eine bewusste Beziehung zu seinen seelischen Erscheinungsformen im Subjekt zu setzen. Aufgrund ihrer Praxis sind Psychoanalytiker ständig mit Metaphern konfrontiert – in den Ersatzbildungen des personalen dynamischen Unbewussten ihrer Patienten, die es durchzuarbeiten gilt, wird dieses Unbewusste metaphorisch dargestellt –, sodass sie auch 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 135 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus mit dem strukturellen Denken ausreichend vertraut sein müssten. Für eine Herauslösung des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten aus den psychoanalytischen Konzepten scheint mithin nur noch erforderlich zu sein, dass man die Psychoanalytiker darüber informiert. Eingedenk der Feststellung Hartmanns (1950, S. 391) »We cannot understand human beings independently of the reality in which they live«, und insofern, als sich das Individuum in gesellschaftlich bestimmten Bildungsprozessen entwickelt, seine Seele sich unter dem Zugriff des Gesellschaftlichen auf Krankheit zurichtet und die psychoanalytische Behandlung »notwendig praktische Gesellschaftskritik« ist (Lorenzer, 2001, S. 105), scheint es, als könnte man Psychoanalytikern generell auch ein solches Erkenntnisinteresse an der gesellschaftlichen Realität unterstellen, in der ihr Gegenstand – das Subjekt – lebt. Dieser Schein trügt. Zum einen, weil mit der Gesellschaftskritik, die Marx und Engels üben, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse problematisiert würden, in denen Psychoanalytiker ganz gut leben können. Da die Gedanken der Herrschenden auch in ihrem Kopf wie in den Köpfen der anderen meistens die herrschenden Gedanken sind, kann kein Interesse angenommen werden, der Gesellschaft nachzuweisen, »dass sie an der Verursachung der Neurosen selbst einen großen Anteil hat« (Freud, 1910d, S. 111). Dem herrschenden Interesse genügt die bloße Feststellung von Krankheitsbildern, solange sich daraus ein Handlungswissen und ein an der Kapitalverwertung orientierter Umgang mit den Erkrankungen entwickeln lassen. Zum anderen hat sich die Psychoanalyse inzwischen in ganz verschiedene und sich widersprechende Konzeptualisierungen zerfasert, etwa in die Theorien der späteren orthodoxen Freudianer, Jungianer, Adlerianer, Lacanianer, Neo-, Post- und zeitgenössische Kleinianer, Ich-Psychologen, Selbstpsychologen, diversen Bindungs- oder Objektbeziehungstheoretikern, Intersubjektivisten, Interpersonalisten, psychoanalytischen Postmodernisten mit ihren relationalen, sozialkonstruktivistischen und systemischen Ansätzen. Sie alle firmieren heute unter dem Namen »Psychoanalyse«. Seit fast 50 Jahren wird die Diversifizierung psychoanalytischer Konzepte beklagt (z. B. A. Freud, 1970; Holt, 1981; Abend, 1990; Brenner, 2000; Frank, 2000; Kirsner, 2000; Pine, 2011; Zepf, 2011), ohne dass sich etwas geändert hätte. Im Gegenteil, anstatt dass sich mit den Jahren ein »common ground« herausgebildet hätte, entwickelte sich die konzeptuelle Vielfalt noch weiter in die Breite. 136 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus Für diese Entwicklung wurden verschiedene Gründe angeführt. Es wurde argumentiert, dass in jeder Wissenschaft unterschiedliche Sichtweisen vorliegen. Dieser Begründung trifft zu, ihr steht freilich entgegen, dass in den anderen Wissenschaften strittig diskutiert wird, welche der herrschenden Sichtweisen der Wahrheit am nächsten kommt, während in der Psychoanalyse, wie Green (2005, S. 629) feststellt, solche Diskussionen »have never in fact taken place«.1 Stattdessen wurde empfohlen, die Verschiedenheit zu akzeptieren und die unvereinbaren Ansichten nebeneinander bestehen zu lassen (z. B. Lussier, 1991; Richards, 1990; Schafer, 1990; Wallerstein, 1988). Inzwischen fransten die Sichtweisen im Verlauf ihrer Entwicklung immer mehr in ganz verschiedene aus. Kernberg (1999) und Thomä (1999) wollen darin ein Dokument der Vitalität der Psychoanalyse und Kreativität der Psychoanalytiker erblicken. Uns dokumentiert die konzeptuelle Vielfalt eher einen Theorieverfall, der fatal an die leere Bewegung und Dynamik in einem Hamsterrad erinnert, die ohne Fortentwicklung auf der Stelle tritt. »[W]hen anything goes«, sagt Holt (1981, S. 136) bündig, »nothing goes anywhere«. Ob die konzeptuellen Neuerungen in der Psychoanalyse Kreativität für sich beanspruchen können, steht jedenfalls im Zweifel. In anderen Wissenschaften dürften Thesen wie »Für den Sauerstofftransport im Blut des Menschen sind Erythrozyten nicht erforderlich«, oder »Zum Wachsen bedürfen die Bäume keinerlei Wurzeln«, die beide so abwegig sind wie etwa Bions (1970, S. 104) These, dass es »thought without a thinker« gibt,2 jedenfalls kaum als kreativ angesehen werden. In Bions Fall wird logischer Unsinn als Tiefe missverstanden.3 1 Dass dies auch heute noch zutrifft, mag folgende Episode zeigen: Gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung hatte uns in Saarbrücken die Buchhandlung St. Johann zu einer Lesung aus unserem kürzlich erschienen Buch Psychoanalyse und politische Ökonomie eingeladen. Die Veranstaltung war mit circa 60 Personen gut besucht. Aus dem psychoanalytischen Institut jedoch, in dem wir viele Jahre gearbeitet haben, waren nur die Mitglieder gekommen, die in der Zwischenzeit ausgetreten waren. 2 Die Absurdität dieser Auffassung zeigt sich sehr schnell, wenn man hinzunimmt, dass »true thought […] does not require a thinker« und »only thoughts to which a thinker is absolutely essential are lies« (Bion, 1970, S. 102f.). Nimmt man beide Feststellungen zusammen, ergibt sich aus Bions Logik, dass seine Feststellungen selbst Lügen sind. 3 Im Verständnis von Grotstein (1981, S. 502), Hedges (2002, S. 447), Ferro 2002, S. 981) und Lawrence et al. (1996, S. 30) war Bion ein »genius«. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 137 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Kreativität die Gedankenfreiheit bis zur Unabhängigkeit vom Verstand voranzutreiben hat und durch Neuigkeit garantiert ist. Ist es wirklich ein kreativer Fortschritt von Freud zu Klein, Horney, Fonagy, Kernberg oder Kohut? Nicht alles, was neu ist, ist zwingend kreativ. Kreativ sind Überlegungen, in denen vorliegende Daten in neue, über das bisherige Wissen hinausgehende Zusammenhänge gestellt werden, deren Erklärungskraft weiterreicht als die bestehenden. Dies trifft beispielsweise auf Galileos Weltbild, Einsteins Relativitätstheorie oder Freuds Traumdeutung zu. Sie waren nicht nur neu, sondern auch kreativ. Des Weiteren wurde in Diskussionen mit Kollegen die Komplexität der menschlichen Seele für die Heterogenität der Konzepte angeschuldigt. Für eine Wissenschaft kann es jedoch nicht genügen, die Komplexität ihres Gegenstandes nur in widersprüchlichen Konzepten blind zu spiegeln. Im Gegenteil, wie Brenner (2000) anmerkt sollte wie in jeder Wissenschaft auch in der Psychoanalyse eine einheitliche Theorie das Ziel sein, die die bekannten Phänomene konsistent und am besten zu erklären in der Lage ist. Wissenschaft hat den Gegenstand zu begreifen, ihn analytisch zu zergliedern und in seinen Erscheinungen die wesentlichen Bestimmungen zu erkennen, ihn wieder synthetisch zusammenzusetzen und aufzuklären, wie und warum sie zu den Erscheinungen führten, in denen sie auftreten. Bedenkt man, dass die Entwicklung in die Breite anstatt in die Tiefe rational nicht zu begründen ist, dem wissenschaftlichen Anspruch der Psychoanalyse zuwiderläuft und darüber hinaus noch an den widersprüchlichen Konzeptionen diskussionslos festgehalten wird, ist die Annahme nicht abwegig, dass diese Entwicklung irrationalen Gründen geschuldet ist. Analog den religiösen Vorstellungen, bei denen durch eine scheinrationale Unterfütterung Entmystifizierungen verhindert werden, scheint dies auch bei den psychoanalytischen Konzepten der Fall zu sein. Wenn die bewussten theoretischen Konzepte der Psychoanalyse, in denen sich die Erscheinungsform des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten in den Subjekten präsentiert, noch in ihrem personalen Unbewussten verankert sind, werden jedenfalls auch die psychoanalytischen Konzepte für Psychoanalytiker zu Metaphern, die ihnen als »a waking substitute« (Spence, 1980, S. 128) ihres Unbewussten dienlich sind. Gegen die Annahme einer solchen irrationalen Unterfütterung psychoanalytischer Begriffe scheint zu sprechen, dass in der Lehranalyse der Psychoanalytiker »zur Befreiung und Vollendung seines eigenen Wesens« erzogen wird (Freud, 1919a, S. 190). Es sollen »unabhängige, autonome 138 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus Menschen« geschaffen werden (Cremerius, 1989, S. 190), mündige Subjekte, deren Gegenwart nicht von ihrer Vergangenheit, sondern allein von Einsicht in die Realität bestimmt ist (z. B. Eissler, 1953), sodass der Annahme einer irrationalen Einbettung psychoanalytischer Konzepte ins Unbewusste der Psychoanalytiker der Boden entzogen wäre. Aber wie anderorts (Zepf & S. Hartmann, 2005; Zepf & Seel, 2019) ausführlich dargelegt und begründet, werden in den Lehranalysen lediglich die lebensgeschichtlich entstandenen Ersatzbildungen des Analysanden durch andere substituiert, während die unbewussten Grundpfeiler des neurotischen Gebäudes meistens bestehen bleiben. Zu diesen neuen Fassaden, die die unbewussten Grundpfeiler der Neurosen der angehenden Psychoanalytiker gewinnen, gehören auch die Theorien, die im Verlauf der Ausbildung aneignet werden. In der Auffassung von Israël (1994), Franklin (1990) und Pöstényi (1980) passen jedenfalls die von den Psychoanalytikern bevorzugten psychoanalytischen Theorien zu den unbewussten Grundpfeilern ihrer Restneurose. Oft werden die Theoriestücke, die zu ihrer Neurose passen, den Psychoanalytikern in ihren Lehranalysen direkt vermittelt. Schon Rank war der Ansicht, dass es in der Lehranalyse legitim ist, den Ausbildungskandidaten auf der Identifizierungsstufe mit dem Lehranalytiker zu entlassen. Es sei ja das eingestandene Ziel ist, dass er seinem Lehranalytiker ähnlich werde (Cremerius, 1989), und – wie H. Hartmann berichtet – wie Freud ihm vorschlug, die Lehranalyse als Methode zu verwenden, seine Ideen einer Gruppe junger Analytiker zu vermitteln, die sie dann an andere weitergeben sollten (Rowntree, 1985). Außer McLaughlin (1967) urteilen beispielsweise auch Balint (1947) und A. Freud (1950), dass Lehranalysen für eine Propagierung theoretischer Vorlieben genutzt werden, und Arlow (1982), Baudry (1991), Ekstein (1965) und Shapiro (1976) betonen, dass sich die angehenden Analytiker mit ihren Lehranalytikern identifizieren sollen. Zwischen den psychoanalytischen Theoriefiguren und den Bewusstseinsformen ihrer Neurosen im Psychoanalytiker bestehen mithin zwei Arten von Zusammenhängen. Zum einen liegt ein funktionaler Zusammenhang insofern vor, als die theoretischen Konzeptionen argumentativ helfen, das eigene personale Unbewusste unbewusst zu halten. Zum andern können die Theoriefiguren selbst als bewusste Darstellungsformen von Aspekten unbewusst gewordener Beziehungen genutzt werden. Aufgrund ihrer strukturellen Identität mit dem Abgewehrten eignen sich die Beziehungen »Es« – »Ich«, »Ich« – »Über-Ich«, »unbewusst« – »be- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 139 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus wusst« als bewusste Darstellungsformen unbewusst gewordener Aspekte der Beziehung, in der Psychoanalytiker zu ihren Eltern waren, ebenso wie sich die Konzepte »Todestrieb«, »Introjektion« und »narzisstische Identifikation« als Ersatzbildungen eignen, unbewusste, auf die Eltern gerichtete Vernichtungswünsche im Bewusstsein darzustellen. Auch Konzepte wie »Verdrängung«, »Verschiebung« oder »Projektion« können genutzt werden, um Aspekte darzustellen, die Psychoanalytiker aus der Beziehung zu ihren Eltern entfernt haben, und in den Konzepten »Reaktionsbildung« und »Verkehrung ins Gegenteil« kann die Ersetzung eines Aspekts dieser Beziehung durch sein Gegenteil zur Darstellung gebracht werden. Dies deckt sich mit der Feststellung Wallersteins (2011, S. 102), dass die von einzelnen Psychoanalytikern bevorzugten psychoanalytischen Theorien nichts anderes sind als ein »individually chosen array of metaphor«. Wallersteins (1996; 2011) Bestimmung der Theoriefiguren der Psychoanalyse als wissenschaftliche Metaphern ist nicht dadurch gerechtfertigt, dass sie das gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewusste zur Darstellung bringen, sondern dass sie sich der »eigentlichen Symbolik« von Jones (1916, S. 949) anähneln und sie insgeheim das personale dynamische Unbewusste der Psychoanalytiker metaphorisch darstellen. Damit wird verständlich, warum in der Psychoanalyse »metaphors are employed without even halfway definite rules for expanding them«, dass »admitted metaphors […] have no specific content and can be filled in to suit one’s fancy« (Nagel, 1959, S. 41) und Psychoanalytiker nicht nach dem fragen, was sich in ihren Konzepten metaphorisch darstellt. Wenn »no analyst is finally and perfectly analyzed, and neurotic residuals remain« (Heimann, 1960, S. 14; s. auch Israël, 1994; Kernberg, 1965; Silverman, 1987; Tower, 1956) wird die Wahl seiner Theorie davon abhängen, ob sie sich als Rationalisierung der bewussten Ersatzbildungen oder selbst als bewusste Darstellungsform seines personalen Unbewussten eignet. Dies lässt verständlich werden, warum verschiedene theoretische Ideen und technische Regeln für die Einzelnen absolutistischen Charakter haben (Hanly, 1983) und an ihnen von ihren jeweiligen Vertretern im Sinne einer Ideologisierung so beharrlich festgehalten wird. Auch der seit A. Freud (1970) immer wieder kritisierte heterogene Meinungspluralismus auf theoretischer Ebene, die von Hamilton (1996) festgestellte eklektizistische Handhabung behandlungstechnischer Regeln wie auch die vergebliche Suche nach einem »consensual common ground« (Wallerstein, 1998, S. 1041) sprechen ebenfalls für eine enge Verklammerung von Theorien 140 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus und Neurosen aufseiten der Psychoanalytiker. Ebenso bestätigen die Feststellungen Michels (1981) und Marmors (1962) einen solchen Zusammenhang von Theorie und Neurose. »Different psychoanalysts with different theories«, sagt Michels (1981, zit. n. Hurwitz, 1986, S. 441), »can construct quite different analysands out of what began as the same patient and confirm their theories in the process«, und Marmor (1962, S. 280) schreibt: »Depending upon the point of view of the analyst, the patients of each school seem to bring up precisely the kind of phenomenological data which confirm the theories and interpretation of their analysts.« Wir haben schon eingangs darauf hingewiesen, dass sich »Eigentümlichkeiten« der Psychoanalytiker in ihrer jeweiligen »Theorie« (Freud, 1912e, S. 383) wiederfinden. Zum fehlenden Interesse an der Aufklärung der gesellschaftlichen Verursachung neurotischer Erkrankungen und der ideologischen Borniertheit, die eine Entmystifizierung erschweren, kommt mithin eine weitere Schwierigkeit hinzu. Diese besteht darin, dass ihre theoretischen Überzeugungen die Psychoanalytiker vor dem Bewusstwerden ihrer unbewussten Strebungen in derselben Weise schützen, in der sich andere mit religiösen Überzeugungen davor abschirmen. Sie schützen sie zum einen, weil sie ihnen helfen, Ersatzbildungen ihres personalen Unbewussten als unverfängliche Bewusstseinsformen rationalisierend zu begründen und zum andern, weil sie selbst als Ersatzbildungen dienlich sind. Ehe vermittelt werden könnte, müssten also nicht nur Freuds Begrifflichkeit, sondern auch die verschiedenen metaphorischen psychoanalytischen Fassungen der Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Verhältnisse im Menschen entmystifiziert und zu den Kategorien des Historischen Materialismus in Beziehung gesetzt werden. Es dürfte aber klargeworden sein, dass dieses Vorgehen für die Erkenntnis des Zusammenhangs von Individuum und Gesellschaft wenig förderlich wäre. Denn würde man die verschiedenen psychoanalytischen Konzeptualisierungen mit dem Historischen Materialismus verbinden, hätte man Erkenntnis bloß suggeriert und im Grunde nur die Erkenntnislosigkeit der gegenwärtigen Psychoanalyse in die Verbindung transportiert. Wenn kein manifester Inhalt der vielfältigen und sich widersprechenden theoretischen Metaphern als unwahr angesehen wird, kann auch keiner mehr als wahr gelten. Nach ihrer Entmystifizierung hätten wir nur verschiedene Sichtweisen auf die innerseelischen Prozesse erhalten, mit denen sich das gesellschaftliche Wesen des Menschen in seine Erscheinungsformen trans- 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 141 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus feriert und wüssten nicht, in welcher seelischen Erscheinungsform sich die gesellschaftlichen Verhältnisse im Menschen entfalten. Eine ernsthafte Vermittlung der gegenwärtigen Psychoanalyse mit der Begrifflichkeit von Marx und Engels setzt mithin zuvorderst die Beseitigung der gegenwärtigen Erkenntnislosigkeit auf psychoanalytischer Seite voraus. Um Unkenntnis in Kenntnis wandeln zu können, muss man sich zunächst die Besonderheit der postfreudianischen Konzeptualisierungen vergegenwärtigen, sie mit Freuds Kategorien in Beziehung setzen, klären, ob sie einen Erkenntnisgewinn darstellen und dort, wo dies nicht der Fall ist, sie als lediglich sprachliche Umformungen von Freuds Konzepten entlarven. Auch die neueren Konzepte, denen ein Erkenntnisgewinn eigen ist, gehörten – begriffstheoretisch gesehen – wie die psychoanalytischen Konzepte unter die Begriffe beziehungsweise Syntagmen von Marx und Engels subsumiert. Wie bei den verschiedenen Konzepten des gesellschaftlichen Unbewussten heißt das auch hier für ihre Erkenntnisfunktion, dass sie erlauben, die seelische Erscheinungsform der Gesellschaft in den Subjekten mystifiziert zu erkennen. Nicht nur angesichts des begrenzten Werts von Irrtümern – nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika, meinte Erich Kästner  –, sondern auch, weil das in Metaphern Dargestellte selbst verfügbar ist, machen solche Begriffsverdopplungen wenig Sinn. Um den »consensual common ground« (Wallerstein, 1998, S. 1041) zu erreichen, nachdem unsere Einsichten fragen, ist »harte begriffliche Arbeit vonnöten« (Ryle, 1953, S. 466), und zwar auf einem Weg, auf den unsere Einsichten ebenfalls verweisen: Den Weg einer entmystifizierenden Zurückführung postfreudianischer psychoanalytischer Konzepte auf eine einheitliche Konzeption.4 Ob sich diese Metaphern entschleiern lassen und eine Entmystifizierung der Konzepte Freuds gelingen kann, ist fraglich. Da die derzeit benutzten Metaphern von den unbewussten Überbleibseln unterfüttert sind, die die Lehranalysen der Psychoanalytiker überdauerten, werden sie argumentativ kaum zugänglich sein, sodass sich eine solche Entmystifizierung als äußert schwierig gestalten wird. Ihre irrationale Verankerung wird sich nicht auflösen lassen, sodass eine einheitliche Konzeption nur möglich scheint, 4 Dazu würde natürlich auch die Entfernung der Metaphern gehören, in denen Freud unwissentlich seine eigenen Konzepte dupliziert, wie etwa im Konzept der Urhorde, des Todestriebs und der Libido. 142 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus indem diese unbewussten Reste auf eben diese einheitliche Konzeption verschoben werden, etwa dadurch, dass die Tauglichkeit der Analogien von Freuds Konzepten als Instrumente einer »habituellen Massenbildung« (Freud, 1921c, S. 159) unter den Psychoanalytikern durch eine permanente Kritik infrage gestellt wird. Würden sich die Psychoanalytiker dadurch auf eine einheitliche Konzeption – etwa auf die Begrifflichkeit Freuds – verständigen, blieben aber auch diesem Fall die psychoanalytischen Konzepte mit den unbewussten Überbleibseln der Psychoanalytiker in einer Melange verdichtet, die sie mit den Konzepten, die in den Überlegungen der Psychoanalytiker ihre Ursachen abbilden, praktisch unauflöslich verklebt. Begriffstheoretisch betrachtet, verharrten unter dieser Bedingung Konzepte wie die »Verdrängung« als Extension unter der Intension des Begriffs »Triebangst«, beziehungsweise des »Objektverlusts«, der »Kastrationsangst« oder der Intension eines anderen Begriffs, und ließen sich wohl kaum als Extension unter die Intension des Syntagmas »gesellschaftliche Entfremdung« subsumieren und als Fall der gesellschaftlichen Entfremdung begreifen. Außer einer Entmystifizierung psychoanalytischer Konzepte in Herstellung einer konsensfähigen theoretischen Grundlegung der Psychoanalyse gehört dazu vor allem eine Dechiffrierung von Freuds Triebbegriff, an dem die bisherigen Vermittlungsversuche von Historischem Materialismus scheiterten. Konträr zum Historischen Materialismus, in dem das menschliche Wesen in den gesellschaftlichen Verhältnissen zuhause war und in den Menschen erschien, erwies sich im Kontext des Triebbegriffs das menschliche Wesen als triebbestimmt und dessen Erscheinungsformen gesellschaftlich bestimmt. Das heißt, um im Einvernehmen mit den Erkenntnissen von Marx und Engels und mit psychoanalytischen Einsichten zu bleiben, ist der Triebbegriff als etwas zu entziffern, das im Menschen gesellschaftlich hergestellt wird, kein Trieb ist, aber wie ein Trieb wirkt. In dieser Weise hat Laplanche Freuds Triebbegriff problematisiert und ihn als eine Erscheinungsform des Unbewussten der Eltern ausgewiesen, das sich über enigmatische Botschaften verbaler und nonverbaler Natur ins kindliche Seelenleben transplantiert. Wir haben die Absicht, in einer weiteren Arbeit das Vermittlungsproblem von Psychoanalyse erneut zu thematisieren und mithilfe von Laplanches Konzept einer Lösung näherzubringen. Abschließend wollen wir noch unterstreichen: Zwar haben wir argumentativ den Nachweis geführt, dass in Freuds psychoanalytischen Konzepten das gesellschaftlich Unbewusste, wie es von Marx und Engels gefasst 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 143 XII Psychoanalyse und Historischer Materialismus wurde, in mystifizierter Form in Erscheinung tritt. Um Missverständnissen vorzubeugen, wollen wir aber betonen, dass sich die Wahrheit unserer Einsichten ebenso wenig wie die Wahrheit psychoanalytischer Deutungen des Unbewussten an nomologischen Kriterien messen lässt. Analog dem Psychoanalytiker, der seine Deutungen im Rahmen der Lebensgeschichte des Patienten am Kriterium des Sinns orientiert, überantworten auch wir unsere Überlegungen demselben Kriterium im Rahmen der Entstehungsgeschichte psychoanalytischer Konzepte. Erscheinen sie sinnvoll, wäre es sicher ratsam, im Interesse eines tieferen Begreifens der Beziehung von Individuum und Gesellschaft Freuds (1900a, S. 614) Aufforderung nachzukommen und »Gleichnisse« durch den »realen Sachverhalt« zu ersetzen, den sie metaphorisch ausdrücken. Es wäre mithin empfehlenswert, das im kategorialen psychoanalytischen Wissen metaphorisch dargestellte gesellschaftliche Wesen des psychoanalytischen Gegenstands zu dechiffrieren, es auf die ihm entsprechenden Begriffe zu bringen und das Vermittlungsproblem von Psychoanalyse und Historischem Materialismus, das in der Geschichte zurückgelassen wurde, abermals aufzugreifen. Dann könnte »die subjektive Strukturanalyse einer objektiven Analyse vermittelt« (Lorenzer, 1974, S. 278), Sozialisation als gesellschaftliche Vermenschlichung und das Innenleben des Individuums als seelische Erscheinungsform des Gesellschaftlichen begriffen werden. 145 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus Auf die Frage »Was entfremdet den Menschen?« gibt es unterschiedliche Antworten. Angeschuldigt werden unter anderem die Konsumgesellschaft, Werbung, Bürokratie, partikularisierte Arbeit, der Egoismus, die instrumentelle Beziehung zum Nächsten. Zwar verbergen diese Auffassungen die grundlegenden Erkenntnisse, die in Marx’ Entfremdungsbegriff enthalten sind, sagen aber doch im Einvernehmen mit Marx, wie beispielsweise Diem-Wille (1996) meint, dass Lohnabhängige und Kapitalisten gleichermaßen von der Entfremdung betroffen sind. Dieser Auffassung scheint zu widersprechen, dass es bei Marx das entfremdete Verhältnis des Lohnarbeiters zu seinem Arbeitsprodukt ist, das das Verhältnis des Kapitalisten zu diesem Produkt schafft: »Also durch die entfremdete, entäußerte Arbeit erzeugt der Arbeiter das Verhältnis eines der Arbeit fremden und außer ihr stehenden Menschen zu dieser Arbeit. Das Verhältnis des Arbeiters zur Arbeit erzeugt das Verhältnis des Kapitalisten zu derselben« (Marx, 1844a, S. 519). Außer dem Arbeiter setzt die Entfremdung voraus, dass es den Kapitalisten als »einen der Arbeit fremden und außer ihr stehenden Menschen zu dieser Arbeit« gibt, wie es etwa beim Privatbesitz der Produktionsmittel der Fall ist (ebd., S. 519f.). Ohne Frage erlauben diese Bedingungen der Entfremdung den Schluss, dass der Lohnarbeiter von seinem Produkt und vom Kapitalisten und dieser vom Lohnarbeiter entfremdet ist. Sie scheinen aber nicht die Folgerung zu gestatten, dass das Verhältnis des Kapitalisten zum Arbeitsprodukt ebenso entfremdet ist wie das des Lohnarbeiters. Vielmehr heißt es: »Wie er [der Arbeiter] seine eigne Tätigkeit sich entfremdet, so eignet er dem Fremden die ihm nicht eigne Tätigkeit an« (ebd., S. 519). Im Hinblick auf die Auffassung, dass sowohl Arbeiter als auch Kapitalist entfremdet sind, ist zunächst klar, dass der Verlust und die Aneig- 146 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus nung des übereigneten Arbeitsprodukts durch den Kapitalisten nicht in demselben Sinn als Entfremdung vom Arbeitsprodukt verstanden werden können. Vielmehr ist das eine Bedingung des anderen und beides Bedingung der Entfremdung des Lohnarbeiters von seinem Produkt. Auch mit der nachfolgenden Bestimmung, dass das Privateigentum »die notwendige Konsequenz der entäußerten Arbeit, des äußerlichen Verhältnisses des Arbeiters zu der Natur und zu sich selbst« (ebd., S. 520) ist, und sich »durch Analyse aus dem Begriff der entäußerten Arbeit, d. i. des entäußerten Menschen, der entfremdeten Arbeit, des entfremdeten Lebens, des entfremdeten Menschen« (ebd.) ergibt, kann nicht verständlich gemacht werden, dass auch der Kapitalist entfremdet ist. Ein anderer strittiger Punkt ist das Verhältnis von Warenfetischismus und Entfremdung. Münch (2008, S. 119) beispielsweise ist der Ansicht, dass Marx den Entfremdungsbegriff im Kapital gänzlich aufgegeben und durch den Begriff des »Warenfetischismus« ersetzt habe, und Entfremdung und Warenfetischismus dasselbe meinen würden. Schaff (1970, S. 65) hingegen ist der Auffassung, dass Marx zwar im Kapital auf den ihm »früher so teuren Terminus« verzichtet hätte, weil er von anderen in vielen unterschiedlichen Kontexten verwendet wurde, die bis an die Grenze der Mystik reichten. Inhaltlich hätte Marx aber die Idee beibehalten, dass die ökonomische Entfremdung die Grundlage aller Formen der Entfremdung ist. Da der Warenfetischismus eng mit dem Entfremdungskonzept zusammenhängt und wir uns auf sicherem Boden wissen wollen, scheint es ratsam, diese Widersprüche aufzuklären und Marx’ Entfremdungsbegriff genauer auszuleuchten. Da der Gebrauch dieses Terminus inflationär geworden ist, meinte auch Tomberg (1969, S. 149) schon vor mehr als 40 Jahren, ist es notwendig, diesem Begriff seine präzise Bedeutung zurückzugeben, die er im Werk von Marx und Engels hat. Zunächst ist klar, dass der Privatbesitz der Produktionsmittel auch bei der Entfremdung in Marx Überlegungen eine zentrale Rolle spielt. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Produktionsmittel und Entfremdung widersprüchlich. Denn der Privatbesitz der Produktionsmittel ist »einerseits […] das Produkt der entäußerten Arbeit, und zweitens […] das Mittel […] durch welches sich die Arbeit entäußert, die Realisation dieser Entäußerung« (Marx, 1844a, S. 520). Der Widerspruch, der darin besteht, dass dieser Privatbesitz zugleich Bedingung und Folge der Entfremdung ist, löst Marx, indem er ihn in eine historische Perspektive rückt. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 147 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus Allgemeine Entfremdung In dieser historischen Perspektive wird die Entfremdung auch von Tomberg (1969, S. 150–156) erörtert, dem wir hier ein Stück weit folgen. Vorläufer und Bedingung des Privateigentums sieht er in der Arbeitsteilung, dem »Zusammenwirken mehrerer Individuen, gleichviel unter welchen Bedingungen, auf welche Weise und zu welchem Zweck« (Marx & Engels, 1845/46, S. 30). Tomberg (ebd.) argumentiert, dass die Arbeitsteilung den Menschen von seiner »Vergegenständlichung des Gattungslebens« (Marx, 1844a, S. 571) von dem Moment an entfremdet, an dem die Arbeitsteilung zur Warenproduktion führt. Was mit »Gattungsleben« genau gemeint ist, ist nicht sofort ersichtlich, denn Marx verwendet die Begriffe »Gattung« und »Gattungswesen« in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Ehe wir weiter diskutieren, wollen wir diese unterschiedlichen Kontexte kurz betrachten: ➣ Marx verwendet diese Begriffe synonym mit Gesellschaft: »Die Einheit der Menschen mit dem Menschen, die auf dem realen Unterschied der Menschen begründet ist, der Begriff der Menschengattung aus dem Himmel der Abstraktionen auf die wirkliche Erde herabgezogen, was ist er anderes als der Begriff der Gesellschaft!« (Marx, 1844b, S. 425). Aus diesem Zitat geht hervor, dass Marx, wenn er im Hinblick auf den Menschen von »Gattung« spricht, »Gesellschaft« meint, und wenn er vom Menschen als »Gattungswesen« redet, das »gesellschaftliche Individuum« im Blick hat. ➣ Marx gebraucht diese Begriffe, um auf die biologische Zugehörigkeit des Menschen hinzuweisen: »Der Mensch vereinzelt sich erst durch den historischen Prozess. Er erscheint ursprünglich als Gattungswesen, Stammwesen, Herdentier« (Marx, 1857/58, S. 404). ➣ Ferner dienen die Begriffe auch als Bezeichnung eines Wesens, das bewusst seine Lebenstätigkeit aufnimmt: »Die bewusste Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit. Eben nur dadurch ist er ein Gattungswesen. Oder er ist nur ein bewusstes Wesen, d. h., sein eignes Leben ist ihm Gegenstand, eben weil er ein Gattungswesen ist« (1844a, S. 516). ➣ Schließlich geben diese Termini auch noch den Namen für ein Wesen, das sich zu seinem Gattungswesen verhält: Die »Bearbeitung der unorganischen Natur ist die Bewährung des Menschen als eines 148 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus bewussten Gattungswesens, d. h. eines Wesens, das sich zu der Gattung als seinem eignen Wesen oder zu sich als Gattungswesen verhält« (ebd., S. 516f.). Aufgrund einer semantischen Analyse kommt Schaff (1970, S. 42) ebenfalls zum Schluss, dass Marx den Terminus »Gattungswesen« in mindestens vierfacher Bedeutung verwendet: synonym mit »gesellschaftliches Wesen«, mit »Wesen, das ein Exemplar der Gattung bildet«, mit »Wesen, das bewusst Lebenstätigkeit aufnimmt« und mit »Wesen, das dem Modell des Menschen entspricht«. Wenn man sich das Zitat, dem wir die zuvor erwähnte Formulierung entnommen haben, in Gänze anschaut, wird klar, dass der Begriff Gattung hier auf den Menschen als Exemplar einer biologischen Art Bezug nimmt, das gewisse allgemeine Eigenschaften mit anderen Exemplaren dieser Gattung teilt: »Eben in der Bearbeitung der gegenständlichen Welt bewährt sich der Mensch daher erst wirklich als ein Gattungswesen. Diese Produktion ist sein werktätiges Gattungsleben. Durch sie erscheint die Natur als sein Werk und seine Wirklichkeit. Der Gegenstand der Arbeit ist daher die Vergegenständlichung des Gattungslebens des Menschen: indem er sich […] werktätig, wirklich verdoppelt und sich selbst daher in einer von ihm geschaffnen Welt anschaut« (Marx, 1844a, S. 517). In der Arbeitsfähigkeit sehen Marx und Engels (1845/46, S. 21) die differentia specifica des Menschen. Sie ist vorausgesetzt, wenn Marx (1844a, S. 574) den »wirklichen Menschen als Resultat seiner eignen Arbeit begreift«, der sein Gattungsleben in der Bearbeitung der äußeren Natur verwirklicht. Aus den Überlegungen von Marx und Engels schließt Tomberg (1969, S. 150), dass Menschen anfänglich als Teil eines Gemeinwesens lebten, in dem sie die Natur, die »Bedingungen ihrer Wirklichkeit«, insofern gemeinsam besaßen, als sie die Natur gemeinsam bearbeiteten und in den Arbeitsprodukten ihr Gattungsleben verwirklichten. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte wandelte sich das Verhältnis der Individuen zueinander, bis schließlich das ursprüngliche Gemeinwesen in einzelne Gruppierungen zerfiel, die das für ihre Selbsterhaltung Notwendige allein produzieren konnten. Die private Hauswirtschaft einzelner Familien wurde zur 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 149 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus ökonomischen Realität. Das Eigentum solcher Gruppierungen war nun nicht mehr durch die Gemeinde vermittelt, sondern die Gemeinde wurde jetzt durch die Beziehung solcher selbstständiger und Eigentum besitzender Gruppierungen zueinander vermittelt. Die Beziehung dieser selbstständig produzierenden Gruppierungen war aber nicht von vornherein gegeben, sondern musste erst hergestellt werden. Hergestellt wurde diese Beziehung durch den Warentausch. Dieser Tausch wurde notwendig, weil die in solchen Gruppierungen organisierten Individuen anfingen, ausschließlich bestimmte Güter und zwar in einer bestimmten Menge zu produzieren, die sie sie selbst nicht verbrauchen konnten. Dadurch wurden sie genötigt, die Güter, die für ihr Leben ebenfalls notwendig waren, von anderen Produzenten zu beziehen, die in derselben Weise wie sie ebenfalls besondere Produkte für den Tausch produzierten. Die Folge war, dass ohne Tausch niemand mehr das bekommen konnte, was er für sein Leben benötigte. Die voneinander isolierten Warenproduzenten, die ihren Privatinteressen nachgingen, traten über den Markt in ein gesellschaftliches Verhältnis von Waren ein, »das sie nicht durchschauen, das ihnen daher fremd ist, obschon es doch ihr eigenes Verhältnis ist, von dem ihre materielle Existenz abhängt« (ebd., S. 155). Allgemein bezeichnet Entfremdung mithin ein Phänomen, das unter der Bedingung lebensnotwendiger Tauschbeziehungen unter Privatproduzenten zwingend auftritt. Deshalb, stellt Tomberg (ebd., S. 156) fest, »kann überall dort allgemein von Entfremdung gesprochen werden, wo Menschen ein ihnen Eigenes, Zugehöriges sich selbst als fremde Macht entgegensetzen«. Mit der Entfremdung vom gesellschaftlichen Produkt der Arbeitsteilung geht aber noch eine andere Entfremdung einher. Während sich früher die allseitige Entfaltung des Einzelnen über das Gemeinwesen vermittelte, dessen Teil er war, ist es den selbstständigen Einzelproduzenten nicht mehr möglich, sich in ihren Arbeitsprodukten mit all ihren Fähigkeiten zu verwirklichen. Jeder hat nun »einen bestimmten ausschließenden Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann« (Marx & Engels, 1845/46, S. 33). Unter dieser Bedingung ist die Arbeit entfremdet, weil sie »die Selbsttätigkeit, die freie Tätigkeit zum Mittel herabsetzt« und »sie das Gattungsleben des Menschen zum Mittel seiner physischen Existenz« macht (Marx, 1844a, S. 517). Heller (1972) unterstreicht, dass Entfremdung in diesem Zusammenhang nicht bedeutet, dass die Fähigkeiten von Individuen unentwickelt bleiben. Entfremdung meint 150 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus vielmehr, dass sich die Fähigkeiten, bedingt durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung, nur einseitig entwickeln können, und die »meisten Menschen keine Möglichkeit zur Entfaltung bestimmter Fähigkeiten haben« (ebd., S. 12). Entfremdung im Kapitalismus Die allgemeine Entfremdung von der Vergegenständlichung des Gattungslebens und vom Gattungsleben selbst wird zu einer besonderen, nachdem sich die ursprüngliche Einheit von Arbeit und Eigentum im Warenproduzenten mit der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte auflöste. Wie Marx (1867) im Kapital darlegt, wandelte sich Geld, das allgemeinen Äquivalent im Warentausch, in Kapital mit der Konsequenz, dass sich die Gesellschaft in Klassen teilte. Die eine Klasse besaß die zur Warenproduktion notwendigen Produktionsmittel, die andere hatte nichts weiter als ihre Arbeitskraft, und das Kapital generierte sich aus dem abgeschöpften Mehrwert, den die von Besitzern der Produktionsmittel gekaufte Arbeitskraft des Arbeiters in der Zeit produzierte, die über die Arbeitszeit hinausging, die für die Reproduktion der Arbeitskraft des Arbeiters notwendig war. Die allgemeine Entfremdung vom Warentausch entwickelte sich für den Arbeiter zur Entfremdung vom Kapital, das sich seiner Arbeit verdankte, während sich die Entfremdung vom Gattungsleben zur Reduzierung des Arbeiters auf seine abstrakte, Tauschwert produzierende Arbeit entwickelte. Aber nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Kapitalist ist von seinem Produkt, dem Kapital, entfremdet. Auch das Handeln des Kapitalisten ist nicht von ihm, sondern vom Selbstverwertungsprozess seines Produkts, des Kapitals bestimmt, sodass auch seine Tätigkeit, wie von Diem-Wille (1996) angenommen, fremdbestimmt ist. Sie argumentiert, dass sowohl der Lohnarbeiter als auch der Kapitalist entfremdet sind, der Lohnarbeiter, weil er von den Entscheidungsprozessen, die seine Arbeit betreffen, ausgeschlossen ist und der Kapitalist, weil er den Gesetzmäßigkeiten des Warentauschs und der Notwendigkeit der Kapitalakkumulation unterworfen ist. Marx (1863/64, S. 86) bringt dies beispielsweise im unveröffentlichten sechsten Kapitel des Kapitals zum Ausdruck: »Die Selbstverwertung des Kapitals – die Schöpfung von Mehrwert – ist […] der bestimmende, beherrschende und übergreifende Zweck des Kapitalisten, der absolute Trieb und Inhalt seines Tuns.« 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 151 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus Mit der Feststellung, dass sich die Lebenstätigkeit des Kapitalisten auf die Schöpfung von Mehrwert reduziert, spricht Marx zugleich die Vereinseitigung des Kapitalisten an, die ihn von seinem Gattungsleben entfremdet. Allerdings hat die Entfremdung für den Kapitalisten andere Konsequenzen als für den Arbeiter: »Die besitzende Klasse und die Klasse des Proletariats stellen dieselbe menschliche Selbstentfremdung dar. Aber die erste Klasse fühlt sich in dieser Selbstentfremdung wohl und bestätigt, weiß die Entfremdung als ihre eigne Macht und besitzt in ihr den Schein einer menschlichen Existenz; die zweite fühlt sich in der Entfremdung vernichtet, erblickt in ihr ihre Ohnmacht und die Wirklichkeit einer unmenschlichen Existenz« (Engels & Marx, 1845, S. 37). Die von Tomberg als allgemein beschriebene Entfremdung wird in der Entwicklung in der besonderen Entfremdung dialektisch negiert und aufgehoben. Im Kapitalismus wird die allgemeine Entfremdung von der Vergegenständlichung des Gattungslebens, dem Warentausch, zur Folge und Erscheinungsform der Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit im Produktionsprozess und der des Kapitalisten vom Kapital. Die Reduzierung der Menschen auf die Herstellung eines bestimmten Gebrauchswerts im Zuge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung wiederum wird zur Folge und Darstellungsform der Gebrauchswerte, die Arbeiter und Kapitalist für das Kapital haben: Der Arbeiter als Produzent von Mehrwert, das im Kapitalisten personifizierte Kapital, das diesen Mehrwert für sich selbst einheimst. Mit der Entwicklung ihrer Grundlage entwickelt sich auch die Entfremdung weiter. Während der Mehrwert zunächst aus dem sogenannten »absoluten Mehrwert« resultierte, generierte sich im Lauf der Zeit das Kapital mehr und mehr aus dem »relativen Mehrwert«. Marx (1867, S. 334) unterscheidet beide folgendermaßen: »Durch Verlängerung des Arbeitstags produzierten Mehrwert nenne ich absoluten Mehrwert; den Mehrwert dagegen, der aus Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entsprechender Veränderung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt – relativen Mehrwert.« Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass der absolute Mehrwert aus der Arbeitszeit resultiert, die über die Arbeitszeit hinausgeht, die für die Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist, und der relative Mehrwert aus einer Steigerung der Arbeitsproduktivität erwächst, die in Relation zur Gesamtarbeitszeit mit der Verkürzung der für die Reproduktion der Arbeitskraft not- 152 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus wendigen Arbeitszeit einhergeht. Während zur Zeit von Marx das Leben der Arbeiter entmenschlicht und zur Steigerung der Mehrwertsrate eine Verlängerung der Gesamtarbeitszeit erforderlich war, gestattete die Produktivitätssteigerung, die Arbeitszeit zu verkürzen und die Mehrwertsrate aufrechtzuerhalten oder sogar noch zu steigern. In der Konsequenz führte dies zu einer »Erhöhung des Lebensniveaus« der Lohnabhängigen und eröffnete ihnen die Möglichkeit »eines sinnvollen Lebens« (Lukács, 1966, S. 267f.). Allerdings nur scheinbar. Denn in der Zeit, in der nicht gearbeitet wurde, wurden die Menschen in eine Welt eingebunden, die ihnen den »Konsum als lebenserfüllenden Selbstzweck insinuiert« (ebd., S. 267). Als wichtiger Faktor für die Realisation des Mehrwerts im Konsum, wurde mit der Dominanz des relativen Mehrwerts nicht nur die »Arbeit«, wie Marx (1867, S. 533) dachte, sondern praktisch die ganze Lebenszeit des Menschen unter das Selbstverwertungsinteresse des Kapitals reell subsumiert. Anstatt eines sinnvollen Lebens totalisiert die ökonomische Verbesserung ihres Lebensniveaus die Entfremdung der Menschen von ihrem Produkt. Diese Entwicklung der Entfremdung ist in der Teilung der Arbeit angelegt. Denn mit ihr »ist schon von vornherein die Teilung auch der Arbeitsbedingungen, Werkzeuge und Materialien gegeben« (Marx & Engels, 1845/46, S. 66). Das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist mithin als Produkt der durch die Arbeitsteilung bedingten, vom Gattungsleben allgemein entfremdeten Arbeit (siehe Marx, 1844a, S. 520) zu verstehen, das, einmal entstanden, selbst zur Bedingung der besonderen Entfremdung wird. Obgleich Marx vorwiegend von den Konsequenzen spricht, die die Entfremdung für den Arbeiter hat, müssen auch die Kapitalisten als entfremdet nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im besonderen Sinn angesehen werden. Gegen die Schlussfolgerung, dass beide, Kapitalist und Lohnarbeiter, entfremdet sind, ließe sich einwenden, dass in der sechsten Feuerbach-These an die Stelle des Gattungswesens des Menschen ein historisch bestimmtes Wesen tritt und damit ein Entfremdungsbegriff, der sich auf eben dieses Gattungswesen bezieht, hinfällig wird. Dieser Einwand hat jedoch nur Substanz, wenn man unterstellen könnte, dass Marx den Menschen als den homo sociologicus der modernen Soziologie versteht, der gesellschaftlich vorgegebene Rollen lernt und verinnerlicht, die dann seine Handlungsdispositionen und seine Persönlichkeit begründen. Dagegen steht freilich, dass Marx den Menschen nicht nur als ein passives Wesen versteht und mit dieser These die Selbsterzeugung des 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 153 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus Menschen »als Resultat seiner eignen Arbeit« (ebd., S. 574) nicht außer Kraft setzt. Eine Reihe von Textstellen, auf die wir bereits verwiesen haben, zeigen, dass Marx und Engels den Menschen auch in der sechsten Feuerbach-These und danach als ein aktives Wesen begreifen. Ein passives Objekt ist der Mensch insofern, als er zwar handelt, sein konkretes Handeln aber nicht aus ihm entspringt. Im Menschen liegen Handlungsmöglichkeiten vor, die aufgrund sozialer Einflüsse verwirklicht werden. Diese Einflüsse lassen aus dem abstrakten Gattungswesen das historisch bestimmte, konkrete Wesen des Menschen werden. Zwar ist die Existenz wirklich handelnder Individuen die erste Voraussetzung (Marx & Engels, 1845/46, S. 20). Aber die Menschen machen ihre eigene Geschichte, »nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen« (Marx, 1852, S. 115). Mit der dialektischen Negation des Gattungswesens in der sechsten Feuerbach-These wird weder die Entfremdung des Lohnarbeiters noch die des Kapitalisten negiert. Die Entfremdung bleibt für beide erhalten. Das Privateigentum der Produktionsmittel, ehemals das Resultat entfremdeter Arbeit im Zusammenhang mit der Teilung der Arbeit, wandelt sich in die alleinige Ursache der Entfremdung. So ist auch in folgendem Zitat aus dem Kapital von der Entfremdung als Folge des Privatbesitzes der Produktionsmittel die Rede: »[A]lle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten, verstümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entwürdigen ihn zum Anhängsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses im selben Maße, worin letzterem die Wissenschaft als selbstständige Potenz einverleibt wird; sie verunstalten die Bedingungen, innerhalb deren er arbeitet, unterwerfen ihn während des Arbeitsprozesses der kleinlichst gehässigen Despotie, verwandeln seine Lebenszeit in Arbeitszeit« (Marx, 1867, S. 674; unsere Herv.). Entfremdung und Warenfetischismus Dass auch im Kapital noch von Entfremdung die Rede ist, steht zum Beispiel quer zu der von Münch (2008, S. 119) vertretenen und bereits er- 154 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus wähnten Ansicht, dass Marx den Entfremdungsbegriff im Kapital gänzlich aufgegeben und durch den Begriff des »Warenfetischismus« ersetzt habe. Zur Erinnerung: Der Warenfetischismus beschreibt eine Eigenschaft der Waren, die sie nur scheinbar haben. Diese scheinbare Eigenschaft entspringt der Warenform der Arbeitsprodukte. In gegenständlicher Form verkörpert der Wert der Waren das Identische menschlicher Arbeit. Er ist das Maß für die Zeit, in der menschliche Arbeitskraft für die Herstellung einer Ware verwendet wurde, und repräsentiert in der Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses ihrer Arbeitsprodukte das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten der Arbeitsprodukte. Diesen gesellschaftlichen Charakter ihrer Arbeit spiegelt die Warenform »als gegenständliche Charaktere ihrer Arbeitsprodukte, als gesellschaftliche Natureigenschaften« zurück (Marx, 1867, S. 86), sodass beispielsweise der Rock als Ware »seine Eigenschaft unmittelbarer Austauschbarkeit ebenso sehr von Natur zu besitzen wie seine Eigenschaft, schwer zu sein oder warm zu halten« (ebd., S. 71f.). Den Vorgang, in dem diese scheinbare Eigenschaft der Waren entsteht, vergleicht Marx mit der Religion: »Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist« (ebd., S. 86). Schaff (1970, S. 65) zufolge beruht die Ansicht, Marx habe den Entfremdungsbegriff durch den Begriff des »Warenfetischismus« ersetzt, »auf einem Missverständnis«. Inhaltlich habe Marx die Idee beibehalten, dass die ökonomische Entfremdung die Grundlage aller Formen der Entfremdung ist. Dies liest sich in den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844« folgendermaßen: »Die positive Aufhebung des Privateigentums als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus der Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d. h. gesellschaftliches Dasein« (Marx, 1844a, S. 537). Im Kapital wird dieselbe Idee so formuliert: »Wie 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 155 Anhang: Entfremdung und Warenfetischismus der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht« (1867, S. 649). So zeigen auch die zuvor angeführten Zitate, dass mit der Warenanalyse die Entfremdung inhaltlich nicht aus den Überlegungen von Marx verschwunden ist. Aber auch Schaff (1970) irrt, wenn er argumentiert, dass der Begriff der »Entfremdung« bei Marx verloren gegangen sei. In demselben Sinn, in dem dieser Begriff früher verwendet wurde, erscheint er in den Theorien über den Mehrwert (z. B. Marx, 1861/63a, S. 21, 64; 1861/63b, S. 418; 1861/63c, S.  255, 260, 268, 290, 308, 484) wie auch im Kapital selbst noch an anderen Stellen als den zuvor zitierten (z. B. 1867, S. 455, 596, 635; 1894b, S. 274, 610, 832). Zwar trifft es zu, dass der Warenfetischismus eng mit der als »Entfremdung« bezeichneten Idee verbunden ist. Aber beide Termini sind nicht deckungsgleiche Begriffe, die einander ersetzen könnten. Der Warenfetischismus entsteht mit der Entfremdung. Ein Beispiel für einen derartigen Zusammenhang ist die in der Ökonomie vorherrschende Auffassung, dass das Kapital eigenständig Wert zu produzieren vermag, womit das Kapital fetischisiert und zugleich als das erkannt wird, zu dem es in Wirklichkeit geworden ist: das eigentliche Subjekt in unserer Gesellschaftsformation. Mit der Entfremdung der Menschen von ihren Produkten, die sie als unabhängig von ihren Erzeugern erscheinen lassen, entsteht die Situation, dass an der Oberfläche der Erscheinungen sachliche Beziehungen mit Umkehrung der Subjektfunktion als menschliche Beziehungen und menschliche Beziehungen als Verhältnisse zwischen Sachen auftreten. Diese Erscheinungen verschleiern wiederum die Entfremdung und verhindern, dass Menschen ihre Entfremdung unmittelbar erfahren können. 157 Literatur Abend, S. M. (1990). The psychoanalytic process: Motives and obstacles in the search for clarification. Psychoanal. Quart., 59, 532–549. Abrams, S.  (2015). Pernicious residues of foundational postulates: Their impact on women. Psychoanal. Stud. Child, 69, 41–58. Adams, M. V. (2002). African American dreaming and the beast of Racism. Psychoanal. Psychol., 19, 182–198. Adler, N. & Benveniste, D. (2012). Conversations with clinicians. Fort Da, 18, 58–76. Adorno, T. W. (1955). Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie. Gesammelte Schriften, Bd. 8 (S. 42–85). Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1990. — (1959/66). Negative Dialektik. Gesammelte Schriften, Bd. 6 (S. 7–295). Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1990. Albert, H. (1972). Konstruktion und Kritik. Hamburg: Hoffmann & Campe. Alexander, F. (1956). 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Gießen: Psychosozial-Verlag. 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 2019 · 225 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2873-0 »Truth cannot, even with a pragmatist, be what brings money.« Sigmund Freud, 1913 Mit dieser Streitschrift untersuchen Siegfried Zepf und Dietmar Seel die psychoanalytische Praxis und die psychoanalytische Ausbildung aus der Perspektive der Marx’schen Warenanalyse. Aus dem Warencharakter psychoanalytischer Dienstleistungen leiten die Autoren ab, dass Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker als kleinbürgerliches »Mittelding zwischen Kapitalist und Arbeiter« (Marx) aufzufassen sind. Ihr vorrangiges Interesse an der Tauschwertrealisierung ihrer Dienstleistung führt dazu, dass sie auf sozialkritische Fragen verzichten. Kritisch betrachtet wird auch die zunftartige Organisation psychoanalytischer Ausbildungsinstitute, in denen die Kandidatinnen und Kandidaten nicht mehr in Psychoanalyse ausgebildet werden, sondern in »analytischer Psychotherapie« – der Form, in der sich ihr Tauschwert am besten realisieren lässt. Diese Neuausrichtung der Ausbildung führt dazu, dass die originär psychoanalytische Methode, das eigene Unbewusste als Erkenntnisinstrument zu nutzen, in den Hintergrund rückt und stattdessen eine »déformation professionnelle« erzeugt wird, so die Autoren. Der Tauschwert der Psychoanalyse wird im Einvernehmen mit der vorherrschenden neoliberalen Ideologie realisiert. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Siegfried Zepf, Dietmar Seel Psychoanalyse und politische Ökonomie Kritik der psychoanalytischen Praxis und Ausbildung 2014 · 130 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2379-7 Hatte Ödipus einen Ödipuskomplex? Die Ödipusmythen werden heute von Freuds Konzept des Ödipuskomplexes überschattet. Diese Art der Auslegung drehen die Autoren um. Sie nutzen die Mythen zur Interpretation des Ödipuskomplexes und zeigen dessen verborgene Inhalte auf. So wird der Komplex als ein Drama entlarvt, das nicht von den Kindern inszeniert wird: Nicht Sohn oder Tochter beginnen, mit Vater oder Mutter zu rivalisieren, es sind vielmehr die Eltern, die mit ihrem Kind um den Partner in Konkurrenz treten. Die Autoren zeigen Aspekte der Mythen auf, die Freud in seiner Konzeption des Ödipuskomplexes nicht berücksichtigt hat, wie die Entstehung des ödipalen Dramas und seine transgenerationale Weitergabe. Sie kommen zu der überzeugenden Einsicht, dass Ödipus keinen Ödipuskomplex hatte. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Siegfried Zepf, Florian Daniel Zepf, Burkhard Ullrich, Dietmar Seel Ödipus und der Ödipuskomplex Eine Revision 2015 · 248 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2502-9 Das Buch bietet einen einzigartigen Einblick in Entstehung und Denkfi guren der Freud’schen Psychoanalyse. Im Spiegel ausgewählter Metaphertheorien zeigt der Autor, wie sich Freud in den Krankendarstellungen die heuristische Erkenntnisfunktion des Metaphorischen zu Nutze macht. Am Anfang der Psychoanalyse steht eine grundlegende Beobachtung Freuds: Seine hysterischen Patientinnen leiden unter schmerzhaften Symptomen, die sich in einer eigentümlichen Bildhaftigkeit ausdrücken. Auf diese Weise bleiben ihre Vorgeschichten zunächst verborgen und zeichnen sich weder im Bewusstsein der Patientinnen noch in Freuds Krankendarstellungen ab. Erst durch angemessene Sprachbilder für das Unbewusste gelingt die Aufdeckung des Verborgenen. Dieses Bewusstwerden des Zusammenwirkens von Rede und Bild, Wort und Vorstellung geschieht durch den impliziten Rückgriff auf die rhetorische Figur der Metapher. Im vorliegenden Buch werden die Parallelen zwischen der Erkenntnisfunktion des Metaphorischen und der Psychoanalyse Freuds nachgezeichnet. Im Rückgriff auf Metapherntheorien sowie ausgewählte Texte aus der Frühphase der Psychoanalyse erklärt der Autor in seiner kulturwissenschaftlichen Untersuchung das metaphorologische Verfahren Freuds. Dabei erforscht er zugleich die erkenntnistheoretischen Bedingungen des Freud’schen Paradigmas am Schnittpunkt von Physiologie und Semiotik. Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Moritz Senarclens de Grancy Sprachbilder des Unbewussten Die Rolle der Metaphorik bei Freud 2015 · 265 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2538-8 Die moderne Metapherntheorie ist eine unerschöpfl iche Fundgrube für die therapeutische Behandlung, oft können wir einen Vorgang erst in den Begriff en eines anderen Vorgangs verstehen und erfahren. Unser gesamtes Denken, unsere Wissensorganisation, unsere Medien und unsere tägliche Konversation, zu der auch Mimik und Gestik zählen, sind durchzogen von Sprachbildern. Diese Erkenntnis macht eine »multimodale« Analyse von Metaphern un umgänglich. Obwohl bereits Freud den Zusammenhang von Körper und Psyche erkannte, im psychoanalytischen Gespräch auch nonverbale Sprache detektivisch präzise beschrieb und auf diese Weise zahlreiche Metaphern aufdeckte und erschuf, sind diese komplexen sprachlichen Figuren im therapeutischen Dialog kaum erforscht. Die Beiträgerinnen und Beiträger beleuchten die alltägliche Macht der Metapher und erläutern, wie Probleme oft nur mithilfe von Sprachbildern zum Ausdruck kommen, wie sie bewusstes und unbewusstes Erleben organisieren und wie ihr Verständnis dazu beitragen kann, kulturelle Unterschiede zu verstehen und zwischen verschiedenen Kulturen zu vermitteln. Insgesamt zeigt sich, wie moderne Metapherntheorie und Psychotherapie einander neue Wege des Verständnisses erschließen können. Mit Beiträgen von M. B. Buchholz, M. Dwairy, D. Eckstein, G. Gödde, A. Hamburger, A. M. Jacobs, S. King, T. Levold, J. Oberschmidt, P. Rober, H. Ulmen, H. Van Parys und J. Wirth Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Michael B. Buchholz (Hg.) Die Macht der Metapher in Psyche und Kultur Interdisziplinäre Perspektiven

Zusammenfassung

Siegfried Zepf und Dietmar Seel sind sich mit Marx und Engels einig, dass das menschliche Wesen im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse zu suchen ist. Sie plädieren dafür, das gesellschaftlich Unbewusste, das sich nach Marx und Engels auf gesellschaftliche Prozesse bezieht, vom gesellschaftlichen Unbewussten, wie es sich bei Freud, Fromm und anderen finden lässt, zu differenzieren.

Die Autoren kritisieren das Verständnis psychoanalytischer Konzepte als Metaphern, das sie Freuds Verwendung der Metapher gegenüberstellen. Sie reflektieren die Positionen Fromms, Devereux’, Erdheims, Hoppers und Weinsteins, Bourdieus und Blochs hinsichtlich des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten und diskutieren schließlich Konsequenzen, die sich aus dem gesellschaftlich Unbewussten, wie es im historischen Materialismus verstanden und von Marx und Engels vertreten wird, für die Psychoanalyse ergeben. In diesem Zusammenhang betonen sie, dass es nur so lange gerechtfertigt ist, psychoanalytische Konzepte als Metaphern zu bezeichnen, wie verborgen bleibt, dass sich in diesen Konzepten die gesellschaftlichen Verhältnisse in mystifizierter Form präsentieren.

Schlagworte

Friedrich Engels, Freud, Erich Fromm, Metapher, Demystifizierung, Entfremdung, Erkenntnisbeziehungen, Psychoanalyse, gesellschaftlich unbewusst, Noch-nicht-Bewusst Friedrich Engels, Freud, Erich Fromm, Metapher, Demystifizierung, Entfremdung, Erkenntnisbeziehungen, Psychoanalyse, gesellschaftlich unbewusst, Noch-nicht-Bewusst

References

Zusammenfassung

Siegfried Zepf und Dietmar Seel sind sich mit Marx und Engels einig, dass das menschliche Wesen im Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse zu suchen ist. Sie plädieren dafür, das gesellschaftlich Unbewusste, das sich nach Marx und Engels auf gesellschaftliche Prozesse bezieht, vom gesellschaftlichen Unbewussten, wie es sich bei Freud, Fromm und anderen finden lässt, zu differenzieren.

Die Autoren kritisieren das Verständnis psychoanalytischer Konzepte als Metaphern, das sie Freuds Verwendung der Metapher gegenüberstellen. Sie reflektieren die Positionen Fromms, Devereux’, Erdheims, Hoppers und Weinsteins, Bourdieus und Blochs hinsichtlich des gesellschaftlich Noch-Nicht-Bewussten und diskutieren schließlich Konsequenzen, die sich aus dem gesellschaftlich Unbewussten, wie es im historischen Materialismus verstanden und von Marx und Engels vertreten wird, für die Psychoanalyse ergeben. In diesem Zusammenhang betonen sie, dass es nur so lange gerechtfertigt ist, psychoanalytische Konzepte als Metaphern zu bezeichnen, wie verborgen bleibt, dass sich in diesen Konzepten die gesellschaftlichen Verhältnisse in mystifizierter Form präsentieren.

Schlagworte

Friedrich Engels, Freud, Erich Fromm, Metapher, Demystifizierung, Entfremdung, Erkenntnisbeziehungen, Psychoanalyse, gesellschaftlich unbewusst, Noch-nicht-Bewusst