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Oliver Decker, Christoph Türcke (Ed.)

Autoritarismus

Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8379-2870-9, ISBN online: 978-3-8379-7491-1, https://doi.org/10.30820/9783837974911

Series: Psyche und Gesellschaft

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Oliver Decker, Christoph Türcke (Hg.) Autoritarismus FolgendeTitelsindu. a. inderReihe»PsycheundGesellschaft«erschienen: Johann August Schülein, Hans-Jürgen Wirth (Hg.): Analytische Sozialpsychologie. Klassische und neuere Perspektiven. 2011. Antje Haag: Versuch über die moderne Seele Chinas. Eindrücke einer Psychoanalytikerin. 2011. Tomas Böhm, Suzanne Kaplan: Rache. Zur Psychodynamik einer unheimlichen Lust und ihrer Zähmung. 2., ergänzte Auflage 2012. Markus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl, Marc Schwietring, Sebastian Winter (Hg.): Politische Psychologie heute? Themen, Theorien und Perspektiven der psychoanalytischen Sozialforschung. 2012. Thomas Auchter: Brennende Zeiten. Zur Psychoanalyse sozialer und politischer Konflikte. 2012. HartmutRadebold (Hg.):Kindheiten imZweitenWeltkrieg und ihre Folgen. 3. Auflage 2012. Helmut Dahmer (Hg.): Analytische Sozialpsychologie. Texte aus den Jahren 1910–1980, 2 Bände. 2013. David Tuckett:Die verborgenen psychologischenDimensionen der Finanzmärkte. Eine Einführung in die Theorie der emotionalen Finanzwirtschaft. 2013. Lea Schumacher, Oliver Decker (Hg.): Körperökonomien. Der Körper im Zeitalter seiner Handelbarkeit. 2014. Burkard Sievers (Hg.): Sozioanalyse und psychosoziale Dynamik von Organisationen. 2015. Uli Reiter: Form und Funktion des Krankhaften. Pathologie als Modalmedium. 2016. Dieter Flader: Vom Mobbing bis zur Klimadebatte. Wie das Unbewusste soziales Handeln bestimmt. 2016. Fritz Redlich: Hitler – Diagnose des destruktiven Propheten. 2016. Johann August Schülein: Gesellschaft und Subjektivität. Psychoanalytische Beiträge zur Soziologie. 2016. TobiasGrave,OliverDecker, HannesGießler, ChristophTürcke (Hg.):Opfer. Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis. 2017. Felix Brauner:Mentalisieren und Fremdenfeindlichkeit. Psychoanalyse und Kritische Theorie im Paradigma der Intersubjektivität. 2018. Ulrich Bahrke, Rolf Haubl, Tomas Plänkers (Hg.): Utopisches Denken – Destruktivität – Demokratiefähigkeit. 100 Jahre »Russische Oktoberrevolution«. 2018. Bandy X. Lee (Hg.): Wie gefährlich ist Donald Trump? 27 Stellungnahmen aus Psychiatrie und Psychologie. 2018. Oliver Decker, Christoph Türcke (Hg.): Ritual. Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis. 2019. Psyche und Gesellschaft Herausgegeben von Johann August Schülein undHans-JürgenWirth Oliver Decker, Christoph Türcke (Hg.) Autoritarismus Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis Mit Beiträgen von Wolfgang Bock, Micha Böhme, Johannes Buchholz, Matthias Burchardt, Mahrokh Charlier, Helmut Dahmer, Oliver Decker, Lutz Eichler, Angelika Ebrecht-Laermann, Steffen Elsner, Philipp Lenhard, Jérôme Seeburger und Christoph Türcke Psychosozial-Verlag Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Originalausgabe © 2019 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil desWerkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Lektorat: Barbara Handke, Leipzig, centralbuero.de Umschlagabbildung: Paul Klee, Soldat, 1938 Umschlaggestaltung & Innenlayout nach Entwürfen von Hanspeter Ludwig, Wetzlar Satz: metiTec-Software, me-ti GmbH, Berlin www.me-ti.de ISBN 978-3-8379-2870-9 (Print) ISBN 978-3-8379-7491-1 (E-Book-PDF) Inhalt Vorwort 7 Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 13 Helmut Dahmer Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 29 Angelika Ebrecht-Laermann Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 49 Kommentar zum Beitrag von Angelika Ebrecht-Laermann Steffen Elsner Autorität und Postmigranten 67 Mahrokh Charlier Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition 81 Kommentar zum Beitrag von Mahrokh Charlier Micha Böhme Falsche Propheten 91 Zur Aktualität der Demagogiestudien von Leo Löwenthal und Norbert Guterman Philipp Lenhard 5 Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« 113 Kommentar zum Beitrag von Philipp Lenhard Johannes Buchholz Vater Staat undMutterland 123 Autoritarismus als gescheiterte adoleszente Triangulierung Lutz Eichler Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie 153 Kommentar zum Beitrag von Lutz Eichler Jérôme Seeburger Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 163 Versuch über den pädotechnologischen Autoritarismus Matthias Burchardt Autoritarismus in Deutschland 177 Das Gruppenexperiment 1950–1955 Wolfgang Bock Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 199 MitWolfgang Bock, Helmut Dahmer, Oliver Decker & Angelika Ebrecht-Laermann, geführt von Christoph Türcke Inhalt 6 Vorwort Seit unserer ersten Tagung »Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis« im Jahr 2005 haben wir stets unterschiedliche Themenschwerpunkte gewählt. Zu dieser, unserer sechsten Tagung, auf der der vorliegende Band aufbaut, fiel die Entscheidung darauf, die Auseinandersetzung mit dem Autoritarismus zu führen. Kaum eines unserer bisherigen Themen war wohl derart mit den aktuellen politischen Entwicklungen verbunden wie dieses. Ob in West- oder Osteuropa oder jenseits des Atlantiks, rassistische und rechtsextreme Forderungen sind immer lauter geworden, und in einigen Ländern sind wieder mit solchen Parolen Wahlen gewonnen worden. Auch in Deutschland ist mit der AfD eine Partei in viele Landesparlamente und in den Bundestag eingezogen, die mit Vorurteilen und Ressentiments für sich wirbt. Wir wissen aus Einstellungsuntersuchungen, dass diese Wahlentscheidungen kein Missverständnis sind, dass ressentimentgeladene politische Ziele tatsächlich von vielen begrüßt werden. Schon bei den ersten Demonstrationen der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA) im Jahr 2014 fiel auf, dass ihre Forderungen – wenn sie denn von den DemonstrantInnen einmal artikuliert wurden – von der Abwertung anderer geprägt waren, von der Wut auf sogenannte »Volksverräter« und der Verehrung von vermeintlich »starken Führern«. Mit dem Begriff des Autoritarismus wird ein Phänomen erfasst, das manchmal am Bild eines Radfahrers veranschaulicht wird: nach oben buckeln, nach unten treten und zudem immer in den eingefahrenen Bahnen der Konventionen bleiben. Kurz, beim Autoritarismus geht es um denWunsch nach eigener Unterwerfung unter eine Autorität, um Aggression gegen Schwäche und Abweichung und die Betonung der Konventionen. 7 Die Sozialforschung entwickelte das Konzept der autoritären Dynamik zunächst als Versuch, den aufkommendenFaschismus zumEnde der 1920er Jahre zu verstehen und damit durchaus auch politische Handlungsfähigkeit zu erlangen. Der Autoritarismus war auch das erste und prominente Forschungsfeld des 1930 vonMaxHorkheimer übernommenen Instituts für Sozialforschung. Die Studien über Autorität und Familie, 1930/1931 durchgeführt und erst im Exil publiziert, waren die Konkretisierung des Arbeitsprogramms der Kritischen Theorie. Und diese kam ohne die »moderne Tiefenpsychologie«, wie es Max Horkheimer seinerzeit ausdrückte, nicht aus (Horkheimer, 1936a, S. 398). Die Psychoanalyse Sigmund Freuds war für ein kritisches Begreifen des aufziehenden Faschismus unerlässlich, zentral ihre Einsicht in die Ambivalenz von Autorität. Autorität ist nie nur außen; sie wird auch verinnerlicht. Man kann sich aber nicht mit ihr identifizieren, ohne sich ihr zu unterwerfen, und die Aggressionen, die diese Unterwerfung anstaut, suchen sich wiederum Ventile. Gewöhnlich richten sie sich gegen Schwächere. Von dieser Einsicht aus entwickelte der Psychoanalytiker Erich Fromm noch in der Weimarer Republik das Konzept des autoritären Charakters (Fromm, 1936).Mithilfe der Psychoanalyse sollte das programmatische Ziel der Kritischen Theorie verfolgt werden, Erkenntnisse zu gewinnen über dieWirkung derGesellschaft auf die in ihr lebenden Menschen. Die Psychoanalyse sollte ermöglichen, den Prozess der Vergesellschaftung nachzuzeichnen, an erster Stelle in der frühen Kindheit, doch nicht auf sie beschränkt, denn dieGesellschaft hinterlässt über die gesamte Lebensspanne ihre Spuren im Subjekt. Diese Spuren machen den autoritären Charakter aus, nach dem später die Studie The Authoritarian Personality der Berkeley-Group unter Beteiligung von Theodor W. Adorno benannt wurde (Adorno et al., 1950). Heute ist oft nur noch von »Autoritarismus« die Rede. An sich ist gegen ein solches Kürzel für autoritäre Konstellationen nichts einzuwenden, aber oft zeigt seine Verwendung an, dass man sich weder auf Psychoanalyse beziehen will noch auf Kritische Theorie. Dabei waren die Studien über Autorität und Familie der Beginn der Autoritarismusforschung. Pate standen dabei sowohl Persönlichkeitspsychologie, Sozialpsychologie als auchSozialphilosophie.Denn auf die Idee, sich überhaupt mit Autorität zu beschäftigen, kamen die Institutsmitglieder umMax Horkheimer, Erich Fromm und Herbert Marcuse – als drittem Projektleiter – nicht etwa durch empirische Untersuchungen. Zunächst waren es vielmehr »seminarartige Besprechungen«, wie Horkheimer berichtete (Horkheimer, 1936b, S. 331), die zu der Annahme führten, dass das Verhältnis des Individuums zur Vorwort 8 Autorität die zentrale Größe zum Verständnis von Gesellschaft ist. Diese Idee war natürlich nicht vom Himmel gefallen: Frühere Soziologen hatten Vorarbeit geleistet, etwa MaxWeber mit seinen Analysen der Legitimation von Herrschaft (Weber, 1922) oder Georg Simmel: »Was man z.B. ›Autorität‹ nennt, setzt in höherem Maße, als man anzuerkennen pflegt, eine Freiheit des der Autorität Unterworfenen voraus, sie ist selbst, wo sie diesen zu ›erdrücken‹ scheint, nicht auf einen Zwang und ein bloßes Sich-Fügen- Müssen gestellt« (Simmel, 1908, S. 102). Schon vor dem Faschismus sah Simmel, dass eine demokratische Gesellschaft nicht etwa bloß von außen zu Ressentiment oder Diktatur verführt wird. Es muss ein Echo im Subjekt geben, denWunsch nach Identifikation mit Stärke und Macht, mit einem Führer. Das war beim Faschismus so und hat auch bei heutigen Massenbewegungen nicht einfach aufgehört. Die Kritische Theorie blieb aber nicht bei der individuellen Psyche stehen. In der Studie The Authoritarian Personality, die von den Institutsmitgliedern um Theodor W. Adorno im US-amerikanischen Exil durchgeführt wurde, stellten die Sozialforscher deutlich heraus, was ihre Formulierung vom »autoritären Charakter« bedeute: Er sei als »critical typology« zu verstehen, wie Adorno es formulierte (Adorno, 1950). Der autoritäre Charakter ist demnach eine Typologie, eine Gerinnungsform der verstehenden Sozialforschung, die aufMaxWebers Idealtypus zurückgeht. Er ist ein Typus, der Funktion und Sinn eines psychosozialen Phänomens beschreibt. »Critical« war diese Typologie vor allem, weil damit nicht etwa einzelne Individuen, sondern die Gesellschaft kritisiert wurde, die solcherart Subjektivität hervorbringt. Auch die Kritik brauchte die Psychoanalyse, weil über das »Seelenende« der Gesellschaft – um das bekannte Wort von Sigmund Freud zu bemühen – ganz vortrefflich Auskunft über die Gesellschaft selbst eingeholt werden kann (Freud, 1986, S. 294). Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, autoritäre Dynamiken nur dort am Werk zu sehen, womächtige Führer Unterwerfung fordern und den Ihren Schutz versprechen. Autorität war von Horkheimer nicht umsonst als eine historisch übergreifende Größe gedacht worden (Horkheimer, 1936a). Sowenig der autoritäre Vater zu Freuds Zeit noch so bestimmend war, wie seine Theorie es gelegentlich unterstellt, sowenig hat mit der nachhaltigen Schwächung der väterlichen Autorität die Eingliederung in autoritäre Strukturen aufgehört. Was zur Anpassung an gesellschaftliche Normen zwingt, ist heute nur weit weniger sichtbar. Vorwort 9 Dennoch sehen wir die autoritäre Dynamik, angetrieben vomWunsch nach eigener Unterwerfung und dem Hass auf Schwächere und Abweichende, wieder in vollem Gange. Deshalb ist es so dringend, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Die Erkenntnisse der frühen Studien der Frankfurter Schule sind nicht umstandslos in die Gegenwart zu transferieren. Den Titel von Marcuses berühmtem Aufsatz »Veralten der Psychoanalyse« variierend, könnte man vom »Veralten des autoritären Charakters« sprechen (Marcuse, 1963/1970): Er ist veraltet, weil sich die seinerzeit beschriebene Sozialisation heute so nicht mehr vollzieht, und doch ist er aktuell, weil sich die soziale Dynamik des autoritären Charakters gerade jetzt wie nur selten in den letzten 70 Jahren zeigt (Decker, 2015). Die Tagung diente dem Ziel, die psychoanalytischen Annahmen der Kritischen Theorie zur gewaltsamen Sozialisation zu überprüfen und für die Gegenwart erneut fruchtbar zu machen.1 Leipzig imMai 2018 Die Herausgeber Literatur Adorno, T.W. (1950). Types and Syndroms. In T.W. Adorno, E. Frenkel-Brunswik, D. J. Levinson, D. J. Sandford & R.N. Sandford (Hrsg.), The Authoritarian Personality (S. 744–783). New York: Harper. Adorno, T.W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson,D. J. & Sandford, R.N. (Hrsg.). (1950).TheAuthoritarian Personality. New York: Harper. Decker, O. (2015). Narzisstische Plombe und sekundärer Autoritarismus. In O. Decker, J. Kiess & E. Brähler (Hrsg.), Rechtsextremismus der Mitte und sekundärer Autoritarismus (S. 21–34). Gießen: Psychosozial-Verlag. Freud, S. (1986). Briefe anWilhem Fließ. 1887–1904. Frankfurt/Main: Fischer. Fromm, E. (1936). Studien über Autorität und Familie. Sozialpsychologischer Teil. In ders. (Hrsg.), Gesamtausgabe, Band 1 (S. 139–187). Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt. 1 FürdenerkranktenRobertHullot-KentorwarkurzfristigWolfgangBockeingesprungen, weswegen für seinen Vortrag kein Koreferat vorbereitet werden konnte. Stattdessen dokumentieren wir hier die anschließende Diskussion, für deren Lektorat wie auch das des gesamten Buches wir Barbara Handke danken. Der entfallene Vortrag wurde in überarbeiteter Form an anderer Stelle veröffentlicht (vgl. Hullot-Kentor, 2018). Vorwort 10 Horkheimer, M. (1936a). Autorität und Familie. In G. Schmid Noerr (Hrsg.), Max Horkheimer. GS III: Schriften 1931–1936 (S. 336–417). Frankfurt/Main: Fischer. Horkheimer, M. (1936b). Vorwort (zu den Studien über Autorität und Familie). In G. Schmid Noerr (Hrsg.),MaxHorkheimer. GS III: Schriften 1931–1936 (S. 329–336). Frankfurt/Main: Fischer. Hullot-Kentor, R. (2018). Metric of Rebarbarization. Real Time in The Authoritarian Personality. South Atlantic Quarterly, 118(4), 721–756. Marcuse, H. (1963/1970). Das Veralten der Psychoanalyse. In ders. (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft 2 (S. 85–106). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Simmel, G. (1908). Soziologie. Über die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Six, B. (1997). Autoritarismusforschung. Zwischen Tradition und Emanzipation. Gruppendynamik, 28, 223–238. Weber, M. (1922). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundzüge der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr. Die Herausgeber Oliver Decker, PD Dr., ist Leiter des Forschungsbereichs sozialer und medizinischer Wandel an der Medizinischen Fakultät und Direktor des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Er hat Forschungsschwerpunkte im Bereich der Kritischen Theorie und psychoanalytischen Sozialpsychologie, insbesondere zu Transformationsprozessen und Subjektivierung in Gesellschaften derModerne. Seit 2002 leitet er zusammen mit Elmar Brähler die Leipzig-Studien zu Autoritarismus in Deutschland (bekannt geworden als Leipziger »Mitte«-Studien). 2018 erschien in dieser Studienreihe Flucht ins Autoritäre im Psychosozial-Verlag. Im selben Jahr veröffentlichte er das zweibändige Lehrbuch Sozialpsychologie und Sozialtheorie im Springer-Verlag. Christoph Türcke, Prof. em., hatte den Lehrstuhl für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig inne. Er ist Autor und wurde 2009 mit dem Sigmund-Freud-Kulturpreis ausgezeichnet. Vorwort 11 Autoritärer Charakter und autoritärer Staat Helmut Dahmer Vom »Autoritären Charakter« ist in den Sozialwissenschaften seit 1950 die Rede, seit der Rückkehr der vor den Nazis in die USA geflohenen, marxistisch geprägten Frankfurter Sozialphilosophen Horkheimer und Adorno nach Westdeutschland und seit der Publikation ihrer großen empirischen Studie The Authoritarian Personality (Adorno et al., 1950). Die theoretischen Grundlagen dieser Attitüden- oder Mentalitätsforschung hatten sie im Laufe der 1940er Jahre erarbeitet und in Gestalt von »Philosophischen Fragmenten« 1947 in Amsterdam drucken lassen (Adorno & Horkheimer, 1947/1987). Politisch wirksam wurde die von Adorno im 19. Kapitel der Authoritarian Personality (Adorno et al., 1950) entwickelte Typologie von sechs »vorurteilsvollen« und fünf vorurteilsfreien Charakteren, als sich die »antiautoritäre« Studenten- und Schüler-Protestbewegung imWestdeutschland der 1960er Jahre in ihrer Revolte gegen »autoritäre« Institutionen (Familie, Schule, Betrieb, Universität und Staat) und deren Personal – die verbissen schweigenden Akteure und Mitläufer der NS-Bewegung und der Menschenfresser-Diktatur – an der »Frankfurter« Sozialphilosophie, an der linksfreudianischen (Reich, Fenichel, Marcuse), an der antistalinistischen (Korsch, Trotzki) und an der anarchistischen Literatur orientierten. (Der »Sowjet-Mythos« war bereits erloschen, und die von vielen Linken dann als antiautoritär missverstandene chinesische »Kulturrevolution« hatte eben erst begonnen.) Im Frankfurter Institut für Sozialforschungwar eine Teilübersetzung derAuthoritarian Personality angefertigt worden, die den Soziologie-Studenten und Mitgliedern des »Sozialistischen Studentenbunds« – dem Kern der damaligen »Außerparlamentarischen Opposition« – zugänglich war und später im Suhrkamp Verlag als Taschenbuch erschien (Adorno, 1973). Die internationale Rebellion der 13 Nachkriegsjugend in den 1960er Jahren war eine verspätete Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und seine Gräuel und ein Protest gegen die Nachkriegsordnung, den»Kalten Krieg« und die Stellvertreterkriege, die imOstblock wie im Westblock zur Lähmung der gesellschaftlichen Opposition führten, also derjenigen Kräfte, die im Osten an demokratischer Kontrolle der bürokratischen Planwirtschaften und im Westen an der Erweiterung der parlamentarischen zu einer Wirtschaftsdemokratie interessiert waren. Was die Proteststudenten an den (damals nur in wenigen Bibliotheken zugänglichen) Horkheimer- Schriften der 1930er Jahre1 und denjenigen des um ihn versammelten Kreises nonkonformer Emigranten in der Kriegs- und Nachkriegszeit faszinierte, war der unverkennbar »antiautoritäre« Impuls der libertär-marxistischen »Kritischen Theorie«, der besonders für die in den 1960er Jahren geschriebenen und sogleich auch ins Deutsche übersetzten Schriften Herbert Marcuses (Marcuse, 1964/1967, 1969, 1972/1973) charakteristisch war und schon seine 1955 ver- öffentlichte Freud-Interpretation (Marcuse, 1955/1957) ausgezeichnet hatte. »Anamnesis gegen Amnesie« hätte die Parole der studentischen Protestbewegung lauten können, mit der von den »Frankfurtern« nur Herbert Marcuse sich ohne Vorbehalt solidarisierte. Anders steht es mit Horkheimers im Frühjahr 1940 verfassten Artikel »Autoritärer Staat«, der 1942 in der institutsinternen Gedächtnisschrift für Walter Benjamin veröffentlicht wurde. Wie der 1938/39 geschriebene und 1939 in der Zeitschrift für Sozialforschung publizierte Essay »Die Juden und Europa« (Horkheimer, 1939) wurde auch der komplementäre Nachfolgetext »Autoritärer Staat« in den 1960er Jahren von Studenten »raubgedruckt«, die empört darüber waren, dass Horkheimer zunächst zögerte, einem Nachdruck seiner revolutionären Traktate aus den 1930er Jahren zuzustimmen. Der Titel »Autoritärer Staat« erinnert an Bakunin (für den freilich jeder Staat »autoritär« war). Horkheimers Text wurde oft als ein Seitenstück zur »klassischen« Darstellung der politischen Ökonomie, der Sozialstruktur und der Ideologie Hitlerdeutschlands verstanden, die in den Jahren 1939 bis 1941 Franz L. Neumann und seine Mitarbeiter (Arkadij Gurland und Otto Kirchheimer) – im Rahmen des von der New Yorker Columbia Universität »adoptierten« Horkheimer-Instituts für Sozialforschung in New York – erarbeitet hatten (Neumann, 1941, 1944/1977). Bezeichnete Rudolf Hilferding zur glei- 1 Die in den Jahren 1932 bis 1941 erschienene, von Horkheimer herausgegebene Zeitschrift für Sozialforschung wurde 1970 in neun Bänden im Münchener Kösel-Verlag nachgedruckt. Helmut Dahmer 14 chen Zeit die Sowjetwirtschaft als »totalitäre Staatswirtschaft« (Hilferding, 1940/1982, S. 291), statt sie, wie Pollock, als eine Spielart des (universell sich ausbreitenden) »Staatskapitalismus« zu deuten, so charakterisierte Neumann – ebenfalls im Gegensatz zu Pollock und in Übereinstimmung mit (dem von ihm nicht genannten) Trotzki (vgl. Trotzki, 1929–1940/1971)2 – das Wirtschaftssystem des »Dritten Reichs« als »totalitären Monopolkapitalismus«.3 Pollock hingegen, der sich eingehend mit dem sowjetischen Experiment, mithilfe einer bürokratisch geleiteten Planwirtschaft eine nachholende, beschleunigte Industrialisierung in die Wege zu leiten, beschäftigt hatte (Pollock, 1929), glaubte, es handele sich dabei um den Prototyp der sich bereits abzeichnenden weiteren Entwicklung sämtlichermoderner Industriegesellschaften, gleichviel, ob in ihnen das Privateigentum an Produktionsmitteln erhalten, beschränkt oder beseitigt und, dem entsprechend,Markt (und Profitmotiv) durch staatlicheWirtschaftsorganisation (und das »Machtmotiv«) ersetzt worden sei, gleichviel auch, ob es sich bei dem jeweiligen Staat um eine parlamentarische Demokratie, um Stalins Despotie oder um einen faschistischen Terrorstaat handele.4 Er übertrug das von ihm herausgearbeitete Modell der sowjetischen Planwirtschaft auf die NS-Rüstungs- und Kriegswirtschaft und taufte es – in vager Anknüpfung an die Verwendung dieses Terminus in einigen Schriften von Engels, Lenin und Bucharin – »Staatskapitalismus«: 2 Schriften über Deutschland (1929–1940/1971). Vgl. auch Trotzkis Auseinandersetzung mit Hugo Urbahns, dem Leiter des »Leninbunds«, der die nachrevolutionäre Wirtschaftsgesellschaft der Sowjetunionals »staatskapitalistisch«bezeichnethatte (Trotzki, 1933/1988, S. 476). 3 In einem Brief an Horkheimer (vom 23.07.1941) schrieb Neumann: »Ich tue seit einem Jahr nichts anderes[,] als die ökonomischen Prozesse in Deutschland zu studieren[,] und ich habe bisher nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür gefunden, daß sich Deutschland auch nur annähernd in einem staatskapitalistischen Zustand befindet« (Neumann, 1941/1996, S. 104). In seinem Behemoth schrieb er dann, die bestimmende Kraft auch der NS-Wirtschaft sei nicht das Macht-, sondern das Gewinnstreben. »Doch in einemMonopolsystem können Gewinne ohne totalitäre Macht nicht erworben und erhalten werden, und dies ist das unterscheidende Merkmal des Nationalsozialismus« (Neumann, 1941, 1944/1977, S. 414). 4 Pollocks Konzeption ähnelte der (kurz zuvor veröffentlichten) Theorie Bruno Rizzis, der zufolge sich eine neuartige, nachkapitalistische Gesellschaftsformation herausbilde, der »bürokratische Kollektivismus«, der auf unabsehbare Zeit zwischen demMarkt-Kapitalismus von gestern und dem Sozialismus der Zukunft existieren werde (vgl. Rizzi, 1929/1985). Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 15 »Die Ersetzung der wirtschaftlichen Mittel durch politische als letzter Garantie der Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens ändert den ganzen Charakter der geschichtlichen Periode. Sie bedeutet denÜbergang von einer vorwiegendwirtschaftlichen zu einer imWesentlichen politischenÄra. […]Unter dem Staatskapitalismus treten die Menschen als Kommandierende oder Kommandierte in Erscheinung. […] Eine andere Seite der veränderten Lage unter dem Staatkapitalismus ist die Ersetzung des Gewinnmotivs durch das Machtmotiv« (Pollock, 1941/1975, S. 80). Pollock war überzeugt, dass die »staatskapitalistisch« organisierten Gesellschaften (Hitlerdeutschland, Stalin-Russland und New Deal-Amerika) äußerst effizient und krisenfrei funktionierten und dass die »demokratische«, also die US- Variante, den Sieg über ihre Konkurrenten davontragen werde, weil nur sie in der Lage sei, auch den Lebensstandard der Massen zu erhöhen (Pollock, 1941/1975, S. 95). Trotz der scharfen Kritik Neumanns (Neumann, 1941, 1944/1977)5 an der Pollock’schen Konzeption, die auch Adorno als eine geradezu »ägyptische Vision« (Adorno & Horkheimer, 2004, S. 161) charakterisierte, machte Horkheimer sie sich in seinem Artikel über den »Autoritären Staat« (Horkheimer, 1940/1942/1987) im Wesentlichen zu eigen. Fasziniert haben dürfte ihn an Pollocks Überlegungen, dass sie – wenn auch unzureichend – eine Entwicklungstendenz markierten, die von Markt- zu Planwirtschaft führte und von der er annahm, sie werde sich in den verschiedenartigen demokratisch oder totalitär verfassten Industriegesellschaften durchsetzen. Das gab Horkheimer die Möglichkeit, unter dem Titel »Autoritärer Staat« nicht nur von Hitlerdeutschland, sondern– unter demNamen»integraler Etatismus oder Staatssozialismus« (ebd., S. 300ff.) – zugleich auch von der stalinistischen Sowjetunion zu sprechen, über die er sich ansonsten ausschwieg, wie die meisten Intellektuellen auch seines Kreises auf Selbsterhaltung bedacht. Trotzki, der sich 1939 in seinem mexikanischen Exil zwar nicht mit den (ihm unbekannten) »Staatskapitalismus«- Artikeln Pollocks und Horkheimers, wohl aber mit dem ähnlich gerichteten Buch von Rizzi auseinandersetzte, bemerkte dazu, falls es sich tatsächlich herausstellen sollte, dass »das Stalinsche Regime […] die erste Etappe einer neuen ausbeuterischenGesellschaft« sei, dannwäre»einneues ›minimales‹Programm 5 In dem bereits erwähnten Brief an Horkheimer schrieb Neumann (am 23.07.1941): »Der Aufsatz dokumentiert […] eine vollkommeneHoffnungslosigkeit. Der Staatskapitalismus, wie ihn Pollock konzipiert, kann das Millennium werden. Zusammenfassend möchte ich sagen, daß der Aufsatz den Abschied an denMarxismus eindeutig enthält« (Neumann, 1941/1996, S. 107). Helmut Dahmer 16 notwendig – zum Schutz der Interessen der Sklaven einer totalitären bürokratischen Gesellschaft« (Trotzki, 1939/1988, S. 1280f.). Horkheimer hoffte, »das Entsetzen in der Erwartung einer autoritären Weltepoche« werde den Widerstand gegen eine solche Entwicklung nicht verhindern, und setzte gar auf die autoritären»Gefolgschaften«, von denen er damals glaubte, sie stellten»für den autoritären Staat keine geringere Gefahr« dar als (einst) die freien Lohnarbeiter für den Kapitalismus der liberalen Ära (Horkheimer, 1940/1982, S. 313ff.). Auf der Suche nach einem angemessenen Begriff für die dominante Entwicklungstendenz politisch unterschiedlich organisiertermodernerWirtschaftsgesellschaften, wie sie sich ihnen zu Beginn des ZweitenWeltkriegs darboten, sprachen Pollock und Horkheimer zunächst also tentativ von »Staatskapitalismus« oder vom»Autoritären Staat«.Doch diese problematischen, auf bestimmte politische Regime bezogenen Termini wurden bald von der quasi-rizzianischen Theorie einer »Bürokratisierung der Welt« abgelöst, wie sie den späteren Horkheimer- Schriften zugrunde liegt (und für die auch Max Weber Pate gestanden hatte). »Die immanente Logik des ökonomischen Prozesses ist die Tendenz zur absoluten Verwaltung«, formulierte Horkheimer (1969) in einem unter dem Titel »Verwaltete Welt« publizierten Gespräch mit Otmar Hersche; »die Verwaltung [werde] in der gesamten Gesellschaft, schließlich vielleicht sogar einmal in der gesamten Welt […] eine immer entscheidendere Macht« darstellen (Horkheimer, 1970, S. 377). Die Leitung der Bürokratien aber werde – auf allen gesellschaftlichen Ebenen (Konzernleitungen, Bankvorständen, Gewerkschaftszentralen, Experten-Gruppen oderVerbrechersyndikaten) –»Rackets« zufallen, »abgefeimten Eliten« (Horkheimer, 1942/1985, S. 255), die miteinander konkurrieren und sich gegeneinander abschotten, Herrschaftscliquen oder Gangs.6 Horkheimer und sein Kreis von aus Hitlerdeutschland entkommenen Sozialwissenschaftlern waren Zeuge gewesen, wie im Gefolge der großen Wirtschaftskrise von 1929 die der Bürokratisierung der Welt politisch entsprechende Tendenz zum starken (Interventions-)Staat – oder zur Vormacht der Exekutive – den parlamentarischen Demokratien in Europa, einer nach der anderen, das Lebenslicht ausgeblasen hatte. Und sie hatten erfahren, dass, nachdem sich die organisierte Arbeiterbewegung (nicht nur in Deutschland) als unfähig erwiesen hatte, sich gegenüber der bestehenden Staats- undWirtschaftsmacht durchzuset- 6 In 1942/43 entstandenen Entwürfen spricht Horkheimer vom »Racket« als der »Grundform von Herrschaft« (nicht nur im Zeitalter der Monopole, sondern in der gesamten Geschichte). Vgl. dazu »Die Rackets und der Geist« (1936/1937/1985, S. 287–291) und »Zur Soziologie der Klassenverhältnisse« (ebd., S. 75–104). Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 17 zen und sie sich unterzuordnen,Millionen vonMenschen bereit waren, neuartige Gefolgschaften (»massenfeindlicheMassen«) zu bilden und den Status quo mit Stimmen und Fäusten gegen das Gespenst der Freiheit zu verteidigen. »Der Widerspruch zwischen dem Bewußtsein der Freiheit und faktischer Abhängigkeit von den verschiedensten gesellschaftlichen Mächten kommt auch in der widerspruchsvollen Persönlichkeit des modernen Menschen zum Ausdruck. Aus der Unsicherheit seiner Existenz folgt schließlich das psychische Bedürfnis nach Unterordnung und Geborgensein in einer Macht, mit der er sich identifizieren kann« (Horkheimer, 1936/1937, S. 67). Um zu verstehen, was den Emigranten und den Millionen von Opfern der autoritären, menschenverschlingenden Regime widerfahren war, bedurfte es der Erforschung der spezifischen Formen von »Autorität« in der modernen Wirtschaftsgesellschaft und in den politischen Regimen, die sie hervorbringt, auf der einenSeite, im seelischenHaushalt der vergesellschafteten Individuen auf der anderen.Horkheimer und seinKreismachten es sich zurAufgabe, das Rätsel autoritärer Herrschaft und autoritärer Gefolgschaften der Gegenwart zu lösen. Das Resultat: ➢ Der autoritäre Staat ist auf Familien angewiesen, in denen die elterliche Autorität nur noch eine formelle ist. ➢ Kein Führerkult gedeiht ohne autoritätshörige Gefolgschaften, die sich bereitwillig zu Pogromhorden und Vernichtungskriegs-Armeen formieren lassen. ➢ Ein jeder »Behemoth« oder »Leviathan« setzt sich, wie das berühmte Titelkupfer zumHauptwerk des Thomas Hobbes zeigt, aus Millionen von »authoritarian personalities« zusammen. ➢ Und auch die Feier des »Seins«, Heideggers faschistische Ersatzreligion, fände kein Echo, wäre da nicht das um sich greifende, ungestillte »ontologische Bedürfnis«7. 7 »Gesellschaftlich ist das Bewußtsein der Menschen zu geschwächt, um die Invarianten, in die es eingekerkert ist, zu sprengen. […] Die Gestalt von Invarianz als solcher ist die Projektion des Erstarrten jenes Bewußtseins. Unfähig zur Erfahrung eines jeglichen, das nicht bereits im Repertoire der Immergleichheit enthalten wäre, münzt es die Unveränderlichkeit um in die Idee eines Ewigen, die von Transzendenz. […] Das Bedürfnis nach Halt, nach dem vermeintlich Substantiellen[,] ist nicht derart substantiell, wie seine Selbstgerechtigkeit es möchte; vielmehr Signatur der Schwäche des Ichs, der Psychologie bekannt als gegenwärtig typische Beschädigung der Menschen« (Adorno, 1966/1973, S. 102). Helmut Dahmer 18 Autorität wird nur denen, die sich gegen sie auflehnen, zum Problem, so wie nur Revolutionäre die Übermacht der »Tradition aller toten Geschlechter«, die »wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden [lastet]« (Marx, 1852/1960, S. 115), als einen solchen wahrnehmen. Das verbindet die Frankfurter Sozialphilosophen – libertäre Sozialisten – zum einen mit Marx und Bakunin, Marxens donquichottischem Widerpart in der I. Internationale, zum andern mit Freud, der, als ein neuer Ödipus, auf der Suche nach einer Kultur, die »keinen mehr erdrückt« (Freud, 1927c/1963, S. 374), der Sphinx des »Wiederholungszwangs« begegnet ist.Mit demAnarchismus, demSelbstverwaltungs-Korrektiv der»jakobinischen«Konzeption der revolutionären Partei und des (nach-)revolutionären Staats, habenHorkheimer undAdorno –wie Benjamin – sympathisiert, doch hat ihre Lektüre anarchistischer Theoretiker in ihren Schriften kaum einen Niederschlag gefunden.8 Ihre Einschätzung der verschiedenen anarchistischenTheoretiker dürfte etwa derjenigen vonHenrykGrossmann undHansMayer entsprochen haben (Grossmann, 1931; Mayer, 1936; vgl. Adorno 1964/1965/2001; vgl. Wallat, 2012). 1968 schrieb Horkheimer: »In seinemPostulat der Klassenlosigkeit der Zukunft hatMarx die bürgerliche Philosophie wie ihre Konsequenz, die bürgerliche Revolution, zu Ende gedacht. Selbst die ihm konträre revolutionäre Richtung, der Anarchismus, ist in seiner Forderung miteingeschlossen.Wie selten immer die Begründer des modernen Sozialismus auf Beschreibungen des Endzustands sich eingelassen haben, mit Herrschaft jedenfalls sollte künftige Verwaltung nichts mehr zu tun haben. Nicht unähnlich den Anarchisten geht es [ihnen] um ein Reich der Freiheit, in dem jeder seine Kräfte positiv entfalten kann« (Horkheimer, 1968/1985, S. 313). Maximilien Rubel stimmt mit Horkheimer darin überein, dass Marx »das Ideal und das Ziel des Anarchismus geteilt hat: das Verschwinden des Staates« (Rubel, 1983/1996, S. 71), und fügt hinzu: 8 Alfred Schmidt berichtet über prägende Lektüren des jungen Horkheimer: »Die Kraussche Fackel und, bis 1917, Pfemferts berühmte Aktion [gehörten zu seiner] ständigen Lektüre. […]Obwohl Horkheimer sich erst als Student nähermit derMarx-Engelsschen Lehre beschäftigt hat, war er […] mit dem weltanschaulich-politischen Für und Wider der Diskussionen um den Sozialismus recht vertraut. Namentlich dessen ethischlibertärer, radikal staatsfeindlicher, dem Rätegedanken zugetaner Flügel scheint ihn fasziniert zu haben; der Anarchismus Kropotkins, Mühsams, Eisners und Landauers, aber auch Tolstois unermüdlicher Appell an den Geist, seine Predigt der Gewaltlosigkeit, der Askese und allumfassenden Liebe« (Schmidt, 1974, S. 363). Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 19 »Es sei daran erinnert, dass Marx sich auf Anhieb eher in die Tradition des Anarchismus als in die des Sozialismus oder Kommunismus gestellt hat, als er die Sache derArbeiter-Emanzipation zu seiner eigenenmachte (wahrscheinlich unter Einfluss von Godwin und Proudhon). Und als er sich schließlich selbst Kommunist nannte, beinhaltete diese Bezeichnung in seinen Augen keine der damals existierenden Strömungen, sondern sie meinte einen Gang des Denkens und eine Handlungsweise, die es dadurch zu begründen galt, daß sie alle revolutionären Elemente ererbter Lehren und Kampferfahrungen vereinigte« (Rubel, 1983/1996, S. 71). Marx war »Theoretiker des Anarchismus«, schließt Rubel, nämlich »der erste […], der die rationalen Grundlagen der anarchistischen Utopie geliefert und einen Entwurf [zu deren] Verwirklichung aufgestellt hat« (Rubel, 1983/1996, S. 71). Dass Marx, Bakunin und andere anarchistische Theoretiker hinsichtlich der Ziele einer antikapitalistischen Revolution übereinstimmten, hat bekanntlich nicht verhindert, dass Marxisten und Anarchisten einander wiederholt erbittert bekämpft haben. Vielleicht ist es aber künftig möglich und nötig, dieses Kriegsbeil zu begraben,wofür jüngst u. a.OlivierBesancenot undMichael Löwyplädiert haben (Besancenot & Löwy, 2016; vgl. auch Guérin, 1967; Kellermann, 2011; Adamczak, 2017). Horkheimer undAdornohabendieGenese des»autoritärenCharakters« auf jene Transformation der europäisch-amerikanischen bürgerlichen Gesellschaften zurückgeführt, in deren Verlauf an die Stelle der kleinen und mittleren Selbständigen, die noch im frühen 19. Jahrhundert die Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht hatten, eine Mehrheit von Unselbständigen (oder »abhängig Beschäftigten«) trat. Bei der ungeheuren Mehrheit von Arbeitern, Angestellten, Arbeitslosen, Almosenempfängern und Parias, die in den heute am weitesten entwickelten kapitalistischen Gesellschaften einer Minderheit von Finanzkapitalisten,Konzernmanagern undKapitalrentnern gegenübersteht, handelt es sich um Individuen, die die (stets relative)Autonomie ihrer Vorgänger, die noch selbständig für sich und ihre Familien aufkommenkonnten, verloren haben (vgl.Horkheimer, 1947/1991). Eher sind sie Sozialatome als Individuen, denn sie haben jene Fähigkeit zu Selbstbestimmung und Resistenz eingebüßt, auf die die reformistischen und revolutionären Arbeiterorganisationen des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zählen konnten. Zum Niedergang der »klassischen« Arbeiterbewegung haben vor allem die menschenverschlingenden totalitären Diktaturen beigetragen, deren Funktionäre, allesamt autoritäre Charaktere, nichts anderes im Sinn hatten, als das unter dem Namen »Spontaneität« bekannte humane Potenzial auszulöschen; und ich fürchte, dass ihnen das inweit größeremMaße und sehr viel Helmut Dahmer 20 nachhaltiger gelungen ist, alswir eswahrhabenwollen.Der langfristige Prozess der De-Possedierungmündete inDes-Autonomisierung.Unddas des-autonomisierte Individuumweist eben jenen, von den Frankfurter Emigranten in derNeuenWelt erstmals so eindrücklich beschriebenen »autoritären Charakter« auf, der es zur Flucht vor »Freiheiten« drängt, denen es nicht mehr gewachsen ist, zur Flucht in die Massenbindung und unter das Kommando von Anführern, die ihre Gefolgsleute für Ihresgleichen halten, auch wenn sie es nicht sind, vonDemagogen, die es irgendwie »geschafft« haben und die ihnen darum als »große kleine Männer« (oder auch als starke kleine Frauen) imponieren. Der »autoritäre« ist der faschistoideCharakter, und den gibt es gesternwie heute zuhauf in allen sozialenKlassen und Schichten, in allen Schuldner- und Gläubigerstaaten der Gegenwart.9 1941, zuBeginn derArbeit an derDialektik der Aufklärung, der theoretischen Matrix der empirischen Erforschung »ichschwacher«, autoritärer Charaktere, formulierte Adorno (für Horkheimer) erste Überlegungen zu einer zeitgemä- 9 Jürgen W. Falter hat jüngst den Zustrom von Wählern (und früheren Nichtwählern) zur extremistischen Kleinpartei NSDAP in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit den aktuellen Wahlerfolgen der AfD verglichen. Die NS-Wähler entstammten allen Sozialschichten, politischen und konfessionellen Lagern; als »Volkspartei des Protests« mit Mittelstandsbauch« (Childers, 1983) wurde sie zu einer (antikommunistischen) Massenbewegung, deren Führern schließlich Finanzkapitalisten, Industrielle und Armee – repräsentiert durch die bürgerlichen Parteien – die Staatsmacht übergaben. »Auch die AfD profitiert [gegenwärtig] von den Sorgen und Ängsten weiter Kreise der Bevölkerung«, schreibt Falter. »War es zunächst die Sorge, dass der Euro-Rettungskurs der Kanzlerin nicht beherrschbare Risiken für die Stabilität unserer Währung und unseres Wohlstands mit sich bringe, so befeuerte ab Herbst 2015 die Angst vor nicht beherrschbaren Risiken einer ungeordneten Masseneinwanderung die Wahlerfolge der AfD. Angst vor Terrorismus, steigenden Kriminalitätsraten, aber auch Abwehrreaktionen gegen die als wesensfremd empfundene Religion und Kultur des Islams finden sich bei Anhängern der AfD weitaus häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung. Hinzu stießen zunehmend politisch entfremdete und radikalisierte Wähler, die den etablierten Parteien längst den Rücken gekehrt hatten« (Falter, 2017, S. 8). – Wolfgang Merkel ergänzt diese Diagnose wie folgt: »Seit den späten siebziger Jahren vollzog sich ein Paradigmenwandel in der Politik, den die [bisherigen] Volksparteien selbst mit betrieben – womit sie aber auch längerfristig ihre eigenen Erfolgsbedingungen untergruben. Unter dem Druck der Staatsverschuldung forderten nicht nur konservative Volksparteien mehr Markt und weniger Staat, dazu Deregulierung und Eigenverantwortung. Besonders unter den transferabhängigen Schichten führte dies zu Verunsicherung, Enttäuschung und Abwendung von der Politik. […] Seit den neunziger Jahren wurden Teile dieser marginalisierten Schichten leichte Wahlbeute der Rechtspopulisten« (Merkel, 2017, S. 6). Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 21 ßen »neuen Anthropologie«. Die verhängnisvolle Umwandlung großer Teile der Bevölkerung der westlichen Industriestaaten in potenzielle Gefolgschaften faschistischer Demagogen bringe einen »neuenMenschentypus« hervor: »Die neue Anthropologie, d. h. die Theorie des neuen[,] unter den Bedingungen des Monopol- und Staatskapitalismus sich bildenden Menschentypus[,] steht in ausdrücklichem Gegensatz zur Psychologie. Die Psychologie hat zum Zentralbegriff das Individuum. […] Die Repräsentanten des neuen Typus sind [aber] keine Individuen mehr, d. h. die Einheitlichkeit, Kontinuität und Substantialität des Einzelnen ist aufgelöst« (Adorno, 1941/2004, S. 453). Er schreibt weiter: »Daß es zur Ichbildung nichtmehr kommt und daß die Erlebnisse nichtmehr ihren Sinn aus der Einheit der Person empfangen, ist aus den Bedingungen des [heutigen] Arbeitsprozesses abzuleiten. […]DerVerzicht auf dieKontinuität der Person«wird zum »Mittel[,] sich am Leben zu erhalten. Nur der hat Chancen zu überleben, der bereit ist, sich anzupassen unter völliger Depersonalisation« (Adorno, 1941/2004, S. 457f.). Die These, dass der neue Menschentypus, der die autoritären Regime heraufführen hilft und in ihnen gedeiht, sich psychologischemVerständnis entzieht, weil er der direkten Angleichung der Subjekte an die vorherrschenden Produktionsverhältnisse entstammt, bedarf der Relativierung. Adorno hat sie in seiner (vor 1945 geschriebenen, aber erst) 1951 veröffentlichten Deutung der Freud’schen Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse (Freud, 1921c/1963) selbst vorgenommen, als er sie als eine hellsichtige Prognose faschistischer Massenbildung und Diktatur dechiffrierte. Im Übrigen orientierte sich ja das ganze Projekt der Vorurteilsstudien, insonderheit die große Studie über die »Autoritäre Persönlichkeit«, ganz und gar an der Freud’schen Theorie, mit der Horkheimer und Adorno sich vier Jahrzehnte lang auseinandergesetzt haben. Da die Rezeption der Psychoanalyse eine Geschichte der Verfemung, Diskreditierung und Selbsteinschränkung war, ist ihr anarchistischer Grundzug (dem Freuds radikale Kritik der Gegenwartsgesellschaft sich verdankte10) zumeist übersehen worden. Ich möchte darum kurz auf die Freud’sche Kritik obsoleter Institu- 10 Vgl. dazu vor allem »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« (1905d), »Die Zukunft einer Illusion« (1927c) und »Das Unbehagen in der Kultur« (1930a). Helmut Dahmer 22 tionen der Seele und der Sozietät eingehen: SeineTheorie der seelischen Instanzen ist eine historische, die als allgemeine auftritt. Von den drei Instanzen, die im Binnenraum der Psyche derenÖkonomie regulieren, gilt die einzig bewusste, das Ich, zugleich als die schwächste. Sie ist von ihren Kontrahenten, den beiden insgeheim alliierten Übermächten des Es und des Über-Ichs, energetisch abhängig und soll nicht nur deren konträren Anforderungen gerecht werden, sondern als Agentur der Selbsterhaltung stets auchdieChancenundRisikender»Außenwelt«berücksichtigen. Freud vergleicht die Ich-Instanz dem »dummen August« im Zirkus, der (oft vergeblich) versucht, alles, was ihm zustößt, als von ihm selbst veranstaltet hinzustellen. In der Wahl dieses Bildes, des Clowns oder Scharlatans, für das Ich kommt die Freud’sche Psychologie mit der soziologischen Diagnose der Des-Autonomisierung der Individuen amEnde der liberalenÄra überein und erweist sich als historische. Im ontogenetisch-sozialisatorischen Prozess der Überformung des intrapsychischenLustprinzips durchdas extrapsychische, variableRealitätsprinzip wird, Freud zufolge, die phylogenetischeKulturgeschichte rekapituliert und– vermittelt durch Gewalt und Identifikationen – dem auf Selbsterhaltung bedachten Ich inGestalt des »Über-Ichs« ein Satrap der gesellschaftlichen Institutionen implantiert, der es auf dieReproduktion derTradition vereidigt. ÄußereGewaltwird so zu innerem Zwang. Freuds Schriften zur therapeutischen »Technik« tragen dem Rechnung. Sie sind eine Anleitung zur Sabotage von Wiederholungszwängen durch anamnestische Dialoge. Freud wie Ferenczi stimmten darin überein, dass die therapeutische »Partei« – der analytische Arzt und das geschwächte Ich des Patienten – zuerst einmal das übermächtige Über-Ich schwächen oder gar »abbauen« (Ferenczi) muss, soll der Neurotiker überhaupt eine Chance haben, seine habitualisiertenAbwehren–das allgemeineElendderKulturteilhaber seiner Zeit, das in ihm sich besondert – zu revidieren (vgl. Ferenczi, 1928/1964, S. 394; Freud, 1941/1966, S. 98). An dieser Stelle geht die Neurosentherapie in Kulturkritik über, sofern das Milieu, in dem Arzt und Patient leben, beiden eine solche Möglichkeit eröffnet. ImReich dermehr oder weniger wissenschaftlich unterbauten Freud’schen Mythen findet sich dazu eine Parallele in Gestalt der Erzählung vom Brüderaufstand gegen das Patriarchat, der in der »Vorgeschichte« freilich stets widerrufen wird und vermöge von »nachträglichem Gehorsam« (»psychischem Thermidor«, H. Marcuse) in Restitution undWiederholung mündet. Durch Modifikation der in den 1930er Jahren entwickelten (Likert-)Skalen zur Messung von Einstellungen (Attitüden) gelang es dem von Adorno inspirierten Team von Psychologen der Berkeley-Universität, die die im dem Band The Authoritarian Personality vorgestellten Untersuchungstechniken entwickelten, »Vorurteile zuverlässig indirekt« – nämlich aus Reaktionen auf erfragte »Ein- Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 23 stellungen zu ganz privaten Fragen« (Items) – zu erschließen. In einem 1956 vom Institut für Sozialforschung veröffentlichten Resümee heißt es: »Man kann von jetzt an mit Grund vom ›autoritätsgebundenen Charakter‹ und seinemGegensatz: dem freien, nicht blind an Autorität gebundenen Menschen reden« (Institut für Sozialforschung, 1956, S. 152, 155f.).Wie der (moderne) Antisemitismus, der auch in Gesellschaften fortlebt, in denen es, nach Vertreibung und Holocaust, kaum mehr lebende Juden gibt, ist auch das »autoritäre Syndrom« (das ihn einschließt) ein Dispositiv, das als kulturelles Sediment im psychischen Haushalt zahlloser Subjekte schlummert und seiner Erweckung in Krisenzeiten harrt. Schon in den 1930er Jahren waren die europäischen Nationalstaaten au- ßerstande, mit den Folgen der damaligen Wirtschaftskrise fertigzuwerden; die parlamentarischen Demokratien brachen eine nach der anderen zusammen oder wurden überrannt, ihre Lichter gingen aus, und die braune Nacht brach herein. Die Staatsschulden-Reduktion zu Lasten sozialstaatlicher Transferleistungen und die »Bewältigung« der Finanzkrise durch staatliche Bankenrettung haben konservativ oder sozialdemokratisch orientierte Volksparteien zu verantworten, deren langeZeit gesichert scheinende politischeVorzugsstellung gegenwärtig erodiert. Seit demEnde des ZweitenWeltkriegs hat die internationaleMigration ihre Richtung geändert: Nicht mehr Europa schickt seinen Überschuss an Menschen in die Kolonialländer und in die NeueWelt, sondern die »unterentwickelt« gehaltenen, übervölkerten Elends- und Kriegszonen bringen sich der Bevölkerung der europäisch-amerikanischen Wohlstandsoasen dadurch in Erinnerung, dass eine Vorhut von Hunderttausenden an ihren Grenzen erscheint, die das Elend ihrer Heimatländer fliehen und einen Anteil am besseren Leben fordern. Die Regierungen der Nationalstaaten wie die transnationalen Institutionen zeigen sich außerstande, den Reichtum der Nationen umzuverteilen, das ökologische Desaster zu stoppen, die verheerendenKriege und das atomareWettrüsten zu beenden. Langsam aber sicher kommt der privilegierten Bevölkerung derWohlstandsoasen zu Bewusstsein, dass der Status quo, dessen sie sich jahrzehntelang erfreute, unhaltbar ist und stets befremdlicher sich entwickelt. Daraus erwächst die aktuelle Gestalt des »Unbehagens in der Kultur«. Und weil antikapitalistische Programme nachhaltig diskreditiert sind, nachhaltiger jedenfalls als faschistische, haben regressive, »populistisch« genannte Protestbewegungen und Parteien, die rasche Veränderungen (nur) für »unser Land« und (nur) für »unser Volk« versprechen, Zulauf. Die von ihnen (wieder) ins Spiel gebrachten Problemlösungen sind so einfach wie gewaltträchtig: Es geht darum, die Bevölkerung wieder zu »homogenisieren«, sie zu einem »Volk« zusammenzuschweißen, das in der Lage Helmut Dahmer 24 ist, unseren Wohlstand zu verteidigen und ihn für »uns« zu reservieren. Wie? Indemman die Fremden, alles Fremde, auch die bisher Regierenden und ihre Parteien – Verwalter und Nutznießer der angsteinflößenden »Modernisierung« – verjagt und das nationale Territorium durch neue Süd- undOstwälle sichert. Der Kult des Ethnozentrismus ist das Labsal der »Erniedrigten und Beleidigten«, all derer, die sich »abgehängt« und übergangen fühlen. Und wenn die chauvinistischen Demagogen ihnen versichern, dass sie, gerade sie, nur sie, einfach weil schon ihre Ahnen dazugehörten oder zumindest sie selbst »schon lange da« sind, am (fiktiven) Ruhm und der (längst verlorenen) Ehre der deutschenNation teilhaben, fühlen sie sich nobilitiert. Der »kleine«Mann und die »kleine« Frau werden »groß«, wenn sie ins (xenophobe) Kollektiv eingehen. Die »Letzten« werden zu »Ersten«, wenn nicht im Himmel, so jedenfalls doch auf deutscher Erde. Und die defizitäre narzisstische Bilanz der Vielen wird durch Selbst-Kollektivierung (Massenbindung) ausgeglichen. Die Anführer der »Alternative für Deutschland« (AfD) und der »Freiheitlichen Partei Österreichs« (FPÖ) sind Nazis, die es nicht wahrhaben wollen; und die Millionen, die diesen Leuten zur Regierungsmacht verhelfen, sind die uns wohlbekannten autoritären Charaktere. Das ganze Schreckenskabinett der von Adorno beschriebenen erfahrungsunfähigen und erfahrungsunwilligen vorurteilsvollen »high-scorer« tritt wieder an die Öffentlichkeit, im Internet wie auf der Straße: Diemit dem»Oberflächenressentiment«, die »Konventionellen« und die »Rebellen«, die »Psychopathen und Spinner«; und natürlich surfen auch die »Manipulativen« auf der von ihnen angestoßenen neuen völkischenWelle (vgl. Adorno, 1973). Den ungreifbaren, abstrakten Verhältnissen gegenüber, in die sie eingespannt sind, sind die allseits »Verunsicherten«machtlos, und ihrOhnmachtsgefühl verkehrt sich in Wut. Die Wut aber braucht ein konkretes Objekt; die Verhältnisse müssen personifiziert werden, damit man sie angreifen kann. Was verunsichert, ist das »Fremde«, und so werden – wie eh und je – Fremde, Landfremde dafür verantwortlich gemacht. Da der Umgang mit Fremden in Europa an den in die christlichen Populationen eingesprengten jüdischen Minderheiten eingeübt wurde, leistet das antisemitische Dispositiv auch in Gesellschaften nach demHolocaust, in Gesellschaften »ohne Juden«, den Autoritären gute Dienste.11 Der zur Xenophobie verallgemeinerte Antisemitismus hat sich als tauglich zur Dis- 11 Es ist im Übrigen, im Gefolge der imperialistischen Kolonialisierung, auch in die muslimisch geprägten Gesellschaften exportiert worden und kommt mit Migranten und Flüchtlingen von dort nach Europa zurück, wo der muslimisch gefärbte den einheimischen Antisemitismus ergänzt … Autoritärer Charakter und autoritärer Staat 25 kriminierung von Arbeitsmigranten und Flüchtlingen erwiesen. Die Terroristen vom »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) haben es vorgemacht: Als fanatische Antisemiten erfanden sie für ihre Mordaktionen sogar eine neue Sündenbock- und Opfer-Kategorie: muslimische »Alis«. Die Bürokratisierung unserer Welt ist unvermeidlich, und jedermanns Abhängigkeit von riesigen Verwaltungsapparaten, mit deren Hilfe Produktion und Destruktion, Konsum und Politik organisiert werden, begünstigt die Konstitution autoritärer Charaktere. Die Einsicht in diesen Zusammenhang kommt der antiautoritären Minderheit zugute, die, will sie nicht untergehen, heute wie gestern den Kampf um die Mehrheit aufnehmen muss. Literatur Adamczak, B. (2017). BeziehungsweiseRevolution. 1917, 1968undkommende. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1941/2004). Notizen zur neuen Anthropologie. In T.W. Adorno & M. Horkheimer, Briefwechsel, Bd. II (S. 453–471). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno T.W. (1964/1965/2001). Zur Lehre von der Geschichte und der Freiheit. Nachgelassene Schriften, Abt. IV: Vorlesungen, Bd. 13 (besonders die 6. Vorlesung vom 26.11.1964, S. 73–86). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1966/1973). Negative Dialektik. In ders., Ges. Schriften (GS), Bd. 6 (S. 7–412). 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Seit 2002 lebt er als freier Publizist in Wien. Publikationen: Libido und Gesellschaft (1973, 1982), Pseudonatur und Kritik (1994, 2013), Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert (2001),Divergenzen (2009),DieunnatürlicheWissenschaft (2012, 2019), Interventionen (2012), Freud, Trotzki und der Horkheimer-Kreis (2019). Helmut Dahmer 28 Einzelkämpfer – Wiedergänger des Autoritarismus? Angelika Ebrecht-Laermann In letzterZeithörtmanhäufigerdenSatz:»WirsinddochallesEinzelkämpfer.«Was oft beiläufig aber auch stolz gesagt wird, lässt meist auf eine abgründige Einsamkeit schließen und verweist auf Schwierigkeiten, eine tragfähige, bedeutsame Beziehung zu anderen aufrechtzuerhalten. Zwar signalisiert der BegriffEinzelkämpfer ein ostentatives Beharren auf Vereinzelung und Kampfbereitschaft, aber das Wir in solchen Bemerkungen vermittelt doch denWunsch, Sprecher und Zuhörer sollten beide eine gemeinsame Identität besitzen, nämlich die, Einzelkämpfer zu sein. Ich gehe im Folgenden davon aus, dass solch trotzig-einsames Einzelkämpfertum prototypisch ist für gegenwärtige Entwürfe von individueller Subjektivität im Spannungsfeld von Isolation und Bindungswunsch, von Autoritarismus undWiderstandsgeist. Wohl nicht zufällig knüpfen solche Äußerungen an kollektive Selbstdeutungen an, die in kulturellen Phänomenen zum Ausdruck kommen, wie etwa in den zahlreichen Rap-Songs über Einzelkämpfer, die ich im Folgenden analysiere. Beispielhaft dafür erscheint mir Ferris Mcs Parole »Einzelkämpfer bis in alle Ewigkeit, auch wenn es heißt Einer gegenAlle undAlle gegen Einen« (FerrisMc, 2007). Den hier erweckten Eindruck einer aggressiv individualistischen Haltung bestätigt auch das kürzlich erschienene Album Alle gegen Alle der Rap-Gruppe Zugezogen Maskulin, in dessen Intro-Song es heißt: »Die Luft wird wieder kalt, aber dafür wird sie klar/Wir fallen zurück auf ein Gesetz, das schon immer war […] Ende der Gemütlichkeit, hallo Gift und Galle/Ab jetzt heißt die Parole wieder ›Alle gegen alle‹« (ZugezogenMaskulin, 2017).1 1 Ich danke Sophie Herrmann für diesen Hinweis. Außerdem danke ich Veronika Grüneisen sowie den Teilnehmerinnenund Teilnehmernder Leipziger Autoritarismus-Tagung für wichtige Korrekturvorschläge und anregende Diskussionsbeiträge. 29 Parolen wie diese weisen darauf hin, dass sich in den letzten 20 oder 30 Jahren ein Individualitätstypus herausgebildet hat, der der Vorstellung entspricht, nur allein und gegen alle anderen – also nur als Einzelgänger – sei das Leben erfolgreich zu meistern. Oder wie es in einem Buchtitel heißt:Nur Einzelkämpfer siegen. Im Team kommen Sie nie an die Spitze (vonZugbach, 1996). SolcheGlaubenshaltungen, die gesellschaftliche Bindungen attackieren, erscheinen umsomerkwürdiger, als der Zwang zu gleichförmigem Handeln und stereotypem Denken ja zugleich ständig wächst, nicht zuletzt durch den Anpassungs- und Konformitätsdruck der sozialen Medien. Auch ist in dem fast mantraartig vorgebrachten Lob des Einzelkämpfers neben aggressiver Abgrenzung unschwer auch der Wunsch nach Gemeinsamkeit und Gemeinschaft erkennbar. Wie also passt beides zusammen? Welche bewussten und unbewussten Gefühle und Vorstellungen verdichten sich symbolisch im Bild des Einzelkämpfers? Und was lässt es psychisch wie sozial so attraktiv erscheinen? Zwar steht das Motiv des Einzelkämpfers in der Tradition von Theorien des narzisstischen Sozialisationstyps als gesellschaftlich vorherrschender sozialer Pathologie (vgl. Breuer, 1992; Lasch, 1980;Wirth, 2003; Ziehe, 1975). Ich möchte aber im Folgenden zeigen, dass dieses Motiv darüber hinaus zu einem generellen Individualitätstypus geworden ist, der den psychischen Dynamiken eines negativen, destruktivenNarzissmus folgt und in dem sich individuelle Identitätssplitter zu einem stereotypen Identitätsnarrativ verdichten. Dieses Identitätsnarrativ befindet sich psychodynamisch und von seiner Konfliktstruktur her bereits in der Nähe der Konstitution von IS-Terroristen, deren Narrative Kerstin Sischka (federführend), Christoph Bialluch und ich fürWorkshops derMultiplikatorenschulung des Berliner Justizvollzugs und der Berliner Bewährungshilfe entwickelt haben (vgl. Sischka et al., 2017). Beim Einzelkämpfer, so meine These, handelt es sich um einen Identitätsentwurf, der auf der unbewussten Ebene dazu dient, einzelne kulturelle Klischees ideologisch miteinander zu einem stereotypen Muster zu verbinden und die derart gebundenen Affektfunken emotional einzufrieren. Die so entstehenden Identitätsmuster wirken aufgrund eines idealisierendenZentralmotivs zwar anziehend, erscheinen aber zugleich in sich starr und inkohärent. Diese Starre kann auch als Abwehr eines latenten Gewaltpotenzials verstanden werden, das bereits dem Einzelkämpfer eigen ist und sich im Selbstmordattentäter entlädt. Der so konstituierte Individualitätstypus knüpft an vereinheitlichende Erzählungen an, die zuvor zersprengte Gefühlssplitter von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Destruktivität zum Bild des Einzelkämpfers zusammenfügen, es auf traditionelle Legenden bzw. Heldenmythen beziehen und auf eine heroisieren- Angelika Ebrecht-Laermann 30 de Weise idealisieren. In solchen Heroisierungen verbinden sich also aktuelle Identitätskonflikte mit zentralen Narrativen antiker und mittelalterlicher Heldendarstellungen zu einer Bastion des destruktiven Narzissmus. Diese Identitätsbzw. Deutungsmuster knüpfen zwar an traditionelle, kulturgeschichtlich verankerte symbolische Topoi an, verwenden sie aber in präsymbolisch-destruktiver Weise. Obwohl dieMythenwie auch die aktuellen Selbstdeutungen der Einzelkämpfer auf der bewussten Ebene oft durchaus antiautoritär orientiert sind, und sich in ihremmanifesten Sprachduktus in einer jugendlichenProtestkultur undmitunter auch in der Tradition linker Protestbewegungen verorten, können sie ihren latent bzw. unbewusst autoritären Grundton kaum verbergen. Aus meiner Sicht setzt sich das Individuum in der Figur des Einzelkämpfers absolut. Indem es dabei seine Autorität in sich selbst begründet, wird es von einer antiautoritärenKämpferfigur zu einer autoritären Herrscherfigur. Diese zentrale, autoritäre Identifikationsstruktur werde ich am Ende des Textes an Theoremen von Carl Schmitt – einem der »Chefideologen« der deutschen Nationalsozialisten – verdeutlichen. Seine faschistoideTheorie des Partisanen (Schmitt, 1963) enthält imGrunde bereits eine autoritäre Theorie des modernen Einzelkämpfers. Die Theorie des Partisanen hat nur scheinbar etwas Integratives, die in sich und untereinander zersplitterten Individuen Zusammenfügendes; denn im Gestus autoritärer Selbstbegründung wird die vermittelnde Rolle des vernünftigen Begründungszwangs bzw. der Autorität der Vernunft außer Kraft gesetzt. Der Einzelkämpfer als kulturelles Phänomen und Identitätstypus In seiner aktuellen Verwendung stammt der Begriff des Einzelkämpfers aus dem militärischen Bereich und bezeichnet einen Bundeswehrsoldaten, der einen Einzelkämpferlehrgang absolviert hat. BeiWikipedia heißt es, derEinzelkämpferlehrgang sei eine seit 1957 existierende »Ausbildung der Bundeswehr für Überleben undDurchschlagen sowie Jagdkampf. […]Durchhaltewille, Belastbarkeit, Entscheidungsfähigkeit unter schwierigen Situationen und nach körperlicher Belastung sowie Führungswille sind geforderte psychische Leistungselemente« (Einzelkämpferlehrgang, o.J.). Diese Beschreibung verweist auf den zentralen Bedeutungskern des Begriffs, der zugleich den zentralen Bedeutungskern eines Identitätsnarrativs bildet: Das Bestehen eines besonders harten Überlebenskampfes verleiht dem Einzelkämpfer die Aura einesHelden. Anknüpfend an diese Beschreibung taucht Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 31 das Motiv des Einzelkämpfers in jüngster Zeit verschiedentlich als heroisches Identitätsnarrativ auf. Der Kulturbetrieb stellt generalisierte Erzählungen und affektive Selbstdeutungen bereit,mit denen sich»narrative Identität(en)«bzw.»Narrationstypen« (Kraus, 2017, S. 168f., 174) konstruieren lassen. In heroisierenden Beschwörungsformeln und Selbstentwürfen wird so individuelles Leiden ideologisiert, glorifiziert und generalisiert.2 SolcheNarrative, die bei der Selbstdeutung undBewältigung innerer Konflikte helfen, knüpfen an generelle Deutungsmuster an, die in mythologisierenden und symbolischen Traditionen verankert werden. Beim Narrativ des Einzelkämpfers handelt es sich aus meiner Sicht um ein Brückennarrativ, das gleichsam die Kluft zwischen den gesellschaftlich akzeptierten und den außergesellschaftlichen, destruktiven Identitätsnarrativen von beispielsweise Selbstmordattentätern verbindet. Das werde ich gegen Ende meines Textes weiter ausführen. Das Identitätsnarrativ des Einzelkämpfers hat in jüngerer Zeit besonders in der Rapper-Szene Verbreitung und Anerkennung gefunden, wie die Vielzahl von Songs über den Einzelkämpfer belegt: z.B. von AGF, Amewu, Brandhärd, Eazy, Ferris Mc, Gio, Serious-M, Sinan G (»Einzelgänger«), Kollegah, Kolkhorst, Ohdeo (»Tätowierte Einzelkämpfer«), Brisk Fingaz (CD-Titel), Too Strong & RAG (»John Einzelkämpfer«), DVO (»Einzelgänger«), Hopestah, K-Flow. Der Einzelkämpfer erscheint als ein biografischer Typus, in dem sich offenbar viele der Songwriter wiedererkennen und in dessen narrative Grundstruktur sie ihre individuelle Lebensgeschichte und -problematik projizieren bzw. einschreiben können. Deutlich wird dabei, dass sich wohl jeder Rapper prinzipiell als Einzelkämpfer versteht, dass also der Einzelkämpfer den Prototyp des Identitätsnarrativs eines Rappers darstellt, und das auch da, wo der Song nicht mit »Einzelkämpfer«, sondern mit »Einzelgänger« betitelt ist. Hierbei handelt es sich um ein negativ idealisierendes, narzisstisches Identitätsmuster, das aus sozialer Ausgrenzung und Anfeindung seine Bestätigung bezieht: »Ich bin n Einzelkämpfer die Originalversion/Der geliebte Feind Nr. 1 einer ganzen Spiessernation« heißt es in Ferris Mcs Songtext »Einzelkämpfer« (Ferris Mc, 2007). Wer jedoch seinem Identitätskern, ein Einzelkämpfer zu sein, 2 »Diese Konzeption des Selbst bezeichnet Ricœur als narrative Identität, die sich über ein Moment der Aneignung oder kritischen Auseinandersetzung von und mit Texten, aber auch mit Normen, Werten oder Vorbildern immer wieder aufs Neue kon- und refiguriert. So findet sich im Selbst auch immer der oder das von ihm integrierte Andere, in dessen Spiegel es sich erkennt« (Bläser, 2015, S. VII). Angelika Ebrecht-Laermann 32 treu bleibt, dem werden Erfolg und physische wie psychische Unverletzbarkeit versprochen. Die sollen nach Art einer Katharsis aus Misserfolg, Niederlage und Verzweiflung entstehen, und zwar dann, wenn der Einzelkämpfer allen Anfeindungen von außen trotze, wenn er Armut, Gewalt, Misserfolg und Unterprivilegierung aushalte und Hass, Ausgrenzung, Neid und Verachtung widerstehe. »Nein nichts kriegt den Einzelkämpfer klein!«, heißt es bei Kollegah. »Und auch in den härtesten Zeiten, kennt er keine Verzweiflung« (Kollegah, 2014). Das sich in den Liedern äußernde Selbstverständnis von »prekären Existenzen« (Straub, 2012, S. 8) und sozial Unterprivilegierten sowie die Orientierung an individueller Gewaltausübung verleiht den Songs das kulturelle Markenzeichen des »Gangsta-Rap«, einer Unterform des amerikanischen Hip-Hop. Nach Martin Seeliger undMarcDietrich stellt derGangsta-Rap»einenOrt der symbolischen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen« dar, wobei die Bilderwelten »als kultureller Pool von Identifikationsangeboten« fungieren, der vor allem»für Jugendliche eine sinn- und identitätsstiftende Funktion übernimmt« (Seeliger & Dietrich, 2012, S. 23). Diese identitätsstiftende Funktion geht mit einer symbolhaften Selbstinszenierung einher (Schröer, 2012, S. 80), die sich an einem Gangster-Image orientiert und sich so in die entsprechenden kulturellen Kontexte einträgt bzw. projiziert. Obwohl sich der Rapper mit seinem je besonderen Song das Identitätsmuster des Einzelkämpfer-Individualitätstypus aneignet, ist dieser Song zugleich auch sein individuelles Markenzeichen. Die aus dem Narrativ entstehende zentrale Identitätskonfiguration von Eigenschaften, die dem Einzelkämpfer-Dasein zuzuordnen sind, konstituiert somit einen Identitätskern, der den einzelnen Sänger mit allen anderen verbindet, ihn aber zugleich von ihnen unterscheidet. Als ein Einzelkämpfer, der allen Unbilden des Lebens heroisch trotzt, bleibt der Rapper dennoch eng verbunden mit seiner imaginären Fangemeinde: »Ich hab’ geschworen treu zu bleibn/uns kann nicht mal der Tod scheiden/Einzelkämpfer unsterblich wie meine Musik« – mit diesen Zeilen endet Ferris Mcs Songtext »Einzelkämpfer« (Ferris Mc, 2007). Das Motiv des Einzelkämpfers bietet somit ein psychosoziales Muster, das Gefühlen von Entwertung, sozialer Minderwertigkeit oder Degradierung, Einsamkeit, persönlichem Versagen und Unterprivilegierung Raum bietet und sie in einen sozialenKontext einfügt.Allerdings so, dass sich,wer sich als Einzelkämpfer versteht, zwar als Underdog erlebt, sich aber mit der Schwäche und Unterlegenheit seines Underdog-Daseins nicht abfindet. Stattdessen zieht er gerade aus den durch das Identitätsnarrativ zusammengefügten Identitätssplittern und den darin gebundenen Affektfunken seine aufrührerische Kraft und sein Widerstandspo- Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 33 tenzial. In ihrem nachgerade heldenhaften Kern machen die unterschiedlichen Schattierungen dieses Identitätstypus deutlich, dass hier aus sozialer Isolierung und den entsprechenden Gefühlen von Hilflosigkeit und Ausgegrenztsein psychisches Kapital im Sinne von Widerstandskraft geschlagen werden soll, indem Pathologisches in Heroisches umgedeutet wird. Vom Einzelgänger zum Einzelkämpfer – Kulturgeschichtliche Aspekte Die Einzelkämpfer-Songs demonstrieren, dass man als Einzelner in psychosozialenExtremsituationenbestehenund sogar siegenkönne. Sie veranschaulichen,wie man aus der Position extremer Vereinzelung heraus Gefühle von Unterlegenheit und Verzweiflung überwindet und als unverletzlicher Held daraus hervorgeht. In dieser narrativen Identitätskonfiguration wird die Herkunft des Motivs aus der Heldenepik der Antike und des Mittelalters deutlich. Auch dort ist der ritterliche Einzelkämpfer ein anerkannter Typus im Dienst sozialer Identität und Integration. Der Prototyp ist jener edle Ritter, der als Einzelner in der äußeren Welt ungewöhnlichen Gefahren trotzt. Er ist der Heros, der typischerweise durch Schicksalsschläge, Kriegsereignisse oder persönliche Schuld in den außergesellschaftlichen Bereich (etwa den wilden Wald) gerät und dort auf sich allein gestellt, seiner Ehre beraubt und fernab vom Schutz der Gemeinschaft Abenteuer bestehen muss (vgl. etwa Leibinnes, 2008). Es ist geradezu seine gesellschaftliche Pflicht, auf Aventiure ganz allein den Gefahren zu begegnen undHeldentaten zu begehen, um seine Ehre wiederherzustellen und derart geadelt wieder in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Beispiele für diese Art der Heldenepik sind zunächst die Odyssee, sind dann aber auch das Nibelungenlied oder die Artusepik vonHartmann vonAue oder der Parzival desWolfram von Eschenbach. Der Einzelkämpfer bezieht seine heroische Selbstgewissheit aus dem Glauben, auserwählt zu sein; in seiner Gottähnlichkeit erscheint er im ritterlichen Kampf quasi unsterblich. Als weiterer typologischer Vorläufer des Einzelkämpfers kann der Einsiedler gelten, der in der Einsamkeit den Versuchungen der inneren Welt widersteht. Im Mittelalter und der Frühen Neuzeit waren Einsiedler aber nicht etwa frühe Prototypen oder gar Vorläufer neuzeitlicher Individualisten. Vielmehr bezogen sie ihre Weisheit und Lebensklugheit im Rückzug von der Gesellschaft und aus der direkten Zwiesprache mit Gott. Ihre Destruktivität kehrten sie also keineswegs gegen andere, sondern allenfalls gegen sich selbst oder als Vorwurf bzw. Angelika Ebrecht-Laermann 34 Klage gegen Gott. Vorbild für diesen Typus bildet neben der alttestamentarischen Hiobslegende vor allem die Versuchung Christi in der Wüste, wie sie im Neuen Testament bei Matthäus und Lukas (Kapitel 4) erzählt wird: Jesus zieht sich nach der Taufe 40 Tage allein in die Wüste zurück und widersteht den Versuchungen des Satans. Im Unterschied zu Hiob, der Gott gegenüber mit seinem Schicksal hadert, nehmen in der Tradition von Jesus etwa die Heiligen Antonius, Hieronymus oder auch Gregorius ihr Leiden an und kämpfen in der sozialen Abgeschiedenheit mit den inneren Repräsentanten ihrer gierigen, lüsternen wie auch destruktiven Triebe. Hiob und Jesus Christus sind Einzelgänger, die sich nicht selbst helfen können, die sich nicht wehren und protestieren, sondern anklagend leiden (wie Hiob) oder für andere leiden (wie Christus) und sich für die Sünden anderer opfern (Türcke, 2010, S. 40ff., 2017, S. 77f.). Aus den christlichen Einsiedlern wurden in der Frühen Neuzeit und der Aufklärung Einzelgänger und schrullige Außenseiter wie beispielsweise Till Eulenspiegel, Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus, Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser oder auch Spitzwegs »Der arme Poet«. Daneben entwickelte sich jedoch auch ein Typus des Einzelgängers, der an den heutigen Einzelkämpfer erinnert: jener einsame Kämpfer, der sich mit seiner sozialen Ausgrenzung und den damit verbundenen Ungerechtigkeiten nicht abfinden kann und sich außerhalb der Gesellschaft begibt, um für Gerechtigkeit zu kämpfen, wie etwa in der Legende um Robin Hood, in Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre und in Kleists MichaelKohlhaas.3 Schondiese querulatorischenEinzelgänger und vollends dann die modernen Einzelkämpfer wenden erfahrene Unterdrückung und Zwang bzw. Selbstzwang nach außen. In der antiautoritärenWendung der autoritären Selbstherrlichkeit des antiken und mittelalterlichen Heldentums entbinden sie eine destruktive Kraft, unterstützt durch die Autorisierung und Selbstglorifizierung eines Individuums, das sich im Namen der Unterdrückten außerhalb oder sogar gegen das Recht und das Gesetz stellt. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu einem noch stärker individualistischen Einzelkämpfer, einem in sich zersplitterten, inkohärenten Individuum, das in sich selbst eine heroische Quelle seines destruktiven Narzissmus findet. Dem literarischen Einzelgänger (wie etwa Anton Reiser oder Michael Kohlhaas) haftet der Makel des Rückzugs ins pathologische Innere und somit in 3 In die Nähe dieser aufrührerischen Einzelgänger gehören wohl auch jene rücksichtslosenVerführerwie etwader Valmont aus Choderlos de Laclos’GefährlichenLiebschaften, die de Sades und Don Juans. Sie wurden später vom teilnahmslosen Großstadtflaneur abgelöst. Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 35 gewisser Weise auch das Stigma einer berechtigten sozialen Ausgrenzung an. Dagegen steigt der moderne Einzelkämpfer in die Fußstapfen jener heroischen oder querulatorischen Einzelgänger, die erfahrenes Unrecht, Ausgrenzung, Isolation und Leid in eine rebellische Haltung wenden und in Egoismus, Rücksichtslosigkeit oder Gewaltexzessen Rache für erfahrenes Unrecht suchen. Dass sie aus psychoanalytischer Sicht dabei jedoch auch ihre in der Einsamkeit nicht zu haltende Destruktivität gegen andere wenden, erscheint ihnen durch die Erfahrung von Unterprivilegierung und Ungerechtigkeit moralisch gerechtfertigt. Zivilisation, Individualisierung und die Dialektik der Aufklärung Die Herausbildung des Einzelkämpfers als zentrales Narrativ zur Umdeutung des sozialen Rückzugs vom Pathologischen ins Heroische stellt in gewisser Hinsicht eine Weiterentwicklung dessen dar, was Norbert Elias als wesentlich für den neuzeitlichen Prozess der Zivilisation beschrieben hat, nämlich die Entstehung des »homo clausus«, des auf sich selbst zentriertenmodernen Individuums »als eines völlig freien, völlig unabhängigen Wesens, als einer ›geschlossenen Persönlichkeit‹, die ›innerlich‹ ganz auf sich gestellt und von allen anderenMenschen abgetrennt ist« (Elias, 1968, Bd. 1, S. IL, XLVII). Elias geht davon aus, dass »sich Verhalten und Affekthaushalt der abendländischen Menschen vom Mittelalter her langsam wandeln [, dass] die Spontanität des Affekthandelns geringer wird« und dass sich der »psychische Habitus« im Umgang miteinander grundlegend zivilisiert (ebd., S. LXXII, LXIIIf.). Wesentliche Bedingungen für die Zivilisierung der Individuen sind Elias zufolge die Herausbildung staatlicher »Monopolorganisationen der körperlichen Gewalt« in der äußeren Welt sowie die Etablierung einer psychischen »Selbstzwangapparatur« bzw. eine »Apparatur der Selbstkontrolle« in der innerenWelt, insbesondere imÜber-Ich bzw. dem Gewissen (Elias, 1968, Bd. 2, S. 326ff.). Was Elias als zivilisatorische Errungenschaft beschreibt, das deutet Sigmund Freud (1930a) als Grundlage des latent zerstörerischenUnbehagens in der Kultur. Horkheimer und Adorno (1945) analysieren es später als Basis jenes Autoritarismus einer totalitären Vernunft, der den Faschismus und seine Schrecken aus ihrer Sicht verursacht hat. Bekanntlich schreibt Freud (1930a) den vomÜber-Ich übernommenen Aggressionen einerseits eine kulturstiftendeWirkung zu, insofern sie zur Hemmung der individuellen Triebimpulse eingesetzt werden. Andererseits sieht er in diesen nach Innen gegen das eigene Ich gewendeten Aggressionen Angelika Ebrecht-Laermann 36 auch eine Quelle von kulturellem Unbehagen, individuellem Unglück und möglicher kultureller Destruktivität. Aus dieser Einsicht in die Zwiespältigkeit des Kulturprozesses wie auch der Kultivierung der individuellen Innenwelt schlie- ßen Horkheimer und Adorno später auf einen Identitätszwang des Selbst, des »identische[n], zweckgerichtete[n], männliche[n] Charakter[s]«, der aus ihrer Sicht nur dadurch habe entstehen können, dass »die Menschheit [sich] Furchtbares [habe] antunmüssen«unddass etwas davon in jederKindheitsentwicklung wiederholt werde (Horkheimer & Adorno, 1945, S. 33, 46). Aus dieser Reihe kulturtheoretischer Überlegungen ergibt sich die Frage, wie und warum eine im Einzelnen wachsende Destruktivität auchWirkung im sozialen Raum entfaltet. Elias deutet Freuds Theorie der Kulturentwicklung um in einen Prozess der Zivilisation, in dem sich aus seiner Sicht der neuzeitliche Individualismus herausbildet, »derKriegsschauplatz […] zugleich in gewissen Sinne nach innen verlegt« und die Gesellschaft befriedet wird (Elias, 1968, Bd. 2, S. 330). Mit Blick auf die aggressiven Anteile wie auch auf die unterschiedlichen Formen von Individualisierung in der Moderne bliebe das jedoch zu konkretisieren. Freud hatte ja behauptet, dass die latenteDestruktivität nicht nur im Individuum, sondern auch in der Sozialgemeinschaft steigt. Dementsprechend lässt sich annehmen, dass der lange im Individuum lokalisierte Kriegsschauplatz unterdrückter destruktiver Aggressivität heute in Identitätsfigurationen des Einzelkämpfers wieder nach außen umgelenkt wird. Der Einzelkämpfer könnte so als Wiedergänger des (aus Sicht von Horkheimer und Adorno) unterjochten Selbst interpretiert werden. Dies wäre ein Selbst, das – starr und inkohärent – gleichsam die Innenseite der zweckrationalen aufklärerischen Vernunft bildet, und das noch im Widerstand, den es gegen diese Unterjochung zu leisten versucht, dem autoritären Gestus seines Widerparts erliegt. Der Widerstand gegen die Mechanismen sozialer und kultureller Unterdrückung gerinnt so zu einem destruktiv-narzisstischen Protest, der zu aggressivem Trotz gegen alles libidinös Verbindende einer als Zumutung und emotional vernachlässigend erlebten Kultur erstarrt. Und doch wird der Einzelkämpfer nicht als antisozialer Egoist, sondern als Herosbetrachtet, der zuUnrecht seiner gesellschaftlichenAchtungberaubtwurde und der ritterlich imNamen aller Entrechteten undAusgegrenzten dafür kämpft, sein ursprüngliches Recht und den ihm zustehenden Status wiederzuerlangen. Als solcher steht er in der Tradition des Odysseus, dessen AbenteuerHorkheimer und Adorno (1947, S. 33, 46) in der Dialektik der Aufklärung als beispielhaft für die Konstitution des aufklärerischen Subjekts und des Identitätszwanges des Selbst darstellen. Dem Identitätszwang gegenüber wirken Triebwünsche und Affekte als »gefahrvolle Lockungen«, »die das Selbst aus der Bahn seiner Logik Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 37 herausziehen« (Horkheimer&Adorno, 1946, S. 46). Solche Lockungen erscheinenOdysseus beispielsweise in Gestalt der Sirenen oder des Kyklopen Polyphem, denen er listenreich widerstehen muss, um nicht unterzugehen. Es sind nicht nur die Leiden, sondern auch die Leidenschaften, die einHeldwieOdysseus in seinen Abenteuern überwinden muss, um in die Gesellschaft zurückkehren zu können. Und es sind die listenreichen Aktivitäten, die diese Abenteuer zu Identitätsanteilen des heroischen Selbst werden lassen: »Das Organ des Selbst, Abenteuer zu bestehen, sich wegzuwerfen, um sich zu behalten, ist die List« (ebd.). Mithilfe mimetischer Angleichung an die triebhaften Verlockungen überlistet Odysseus die Naturkräfte, beherrscht sie, ohne sie zu unterdrücken und macht sie zum Teil seines einzelkämpferischen Selbst, seiner der Natur abgerungenen sozialen Identität. So lässt er sich an den Mastbaum seines Schiffes binden, um den Gesang der Sirenen hören und ihm zugleich widerstehen zu können; so entkommt er dem einäugigen Ungeheuer Polyphem, indem er sich ihm gegenüber »Niemand« nennt. Odysseus kann also nicht nur als Prototyp des aufklärerischen, autoritären Subjekts interpretiert werden, das im Dienst der Vernunft gegen seine Triebwünsche und die Verlockungen seiner objektbezogenen Wünsche und Fantasien ankämpft und ihnen mithilfe der List widersteht. Sondern er könnte auch als Prototyp bzw. Urbild des heroischen Einzelkämpfers verstanden werden, der den Zwängen einer autoritären Vernunft und Gesellschaft trotzt: Er gleitet nicht in Autoritarismus ab, weil er die Verlockungen der Triebe aus der Ferne vernehmen kann, ohne ihnen anheimfallen zu müssen. Odysseus versteht es also, in seiner Vereinzelung den Bezug zur Gemeinschaft, zur Kultur und Vernunft wie auch zur eigenen Triebnatur zu bewahren. Er bleibt in seiner Gefühlswelt lebendig und nutzt die Vernunft gegen die Verlockung, in die Untiefen der eigenen Gefühls- und Triebnatur zurückzufallen. Zugleich nutzt er die Verbindung zu den Gefühlen und Trieben, um den destruktiven Verlockungen einer Verabsolutierung (und damit zugleich Entgrenzung) seines individuellen Selbst nicht nachzugeben. Diese prekäre Balance verschiebt sich in der Identität des modernen Einzelkämpfers. In dieser Tradition richtet der moderne Einzelkämpfer seine Stärke nicht nur gegen andere, gegen die Gesellschaft und ihre Anwürfe, sondern er wendet sie auch gegen die eigene Gefühlswelt, gegen Schwäche bei sich und anderen. Er leidet nicht mehr, sondern er erkaltet: »Gefühle warn wie eingefroren«, heißt es im Einzelkämpfer-Song von K-Flow (K-Flow, 2016). Und weitsichtig benennt ein Songtext von Too Strong & RAG die Ängste und Untiefen der Einzelkämpfer-Identität: »Persönlichkeiten beschreiten Schattenseiten/Zwischen dunklen Kapiteln liegen unsere Lesezeichen/Heimgesucht wie Poltergeist, Mitleid ver- Angelika Ebrecht-Laermann 38 eist/Halt dich überWasser, bevors dich in die Tiefe reißt« (Too Strong & RAG, 2003). Hier werden die Triebe und Gefühle also nicht mehr wie bei Odysseus listenreich verwendet, um mithilfe der Vernunft als siegreicher Held über die Kräfte der Natur zu triumphieren. Hier erstarren Gefühls- und Identitätswelten aus Angst davor, von den Untiefen der eigenen unbewussten Affektwelt zerstört zu werden. Stattdessen wird versucht, sich der eigenen destruktiven Impulse projektiv identifikatorisch in die äußere Objektwelt hinein zu entledigen. Vom aufklärerischen Selbst zum negativen Narzissmus Von hier aus führt eine gedankliche und systematische Verbindung zur sadomasochistischen Struktur des autoritären Charakters, wie sie von der Frankfurter Schule und insbesondere von Adorno (1950) und Fromm (1936) theoretisch entwickelt wurde. Als autoritären Charakter begreifen sie einen Menschen, der seine Aggressionen sadistisch »gegen Wehrlose« richtet und sich auf masochistischeWeise »denMächtigen« unterwirft. In ihrer Analyse von de Sades Juliette zeigen Horkheimer und Adorno, dass die aufklärerische Befreiung von Vernunft undVerstand zugleich die Tendenz freisetze, »dieMenschen zumMaterial«werden zu lassen, so, »wie die gesamte Natur für die Gesellschaft« (Horkheimer & Adorno, 1947, S. 86, 79). Der Rapper gleicht sich durch die Identität als Einzelkämpfer dieser Verdinglichung menschlicher Objekte an, freilich indem er in einer ArtmimetischerGegenwehr (mitunter auch selbstironisch) Kritik an dieser Art der Verdinglichung übt. Während die odysseischen Helden die homogene Identität in einer zusammenhängenden Erzählung präsentieren, die ihre Verworfenheit und ihre gesellschaftliche Ausgrenzung in den Modus der Vergangenheit versetzt, bezieht der Einzelkämpfer seine Identität direkt aus dem Verworfenen, also aus dem, was die Gesellschaft aus seiner Sicht ausgeschieden und in ihn projiziert hat. Seine Identität erscheint somit patchworkartig zusammengefügt aus zuvor zersprengten und evakuierten Objektsplittern. Dabei handelt es sich um vorab nach außen projizierte und dann mit gesellschaftlicher Gewalt aufgeladene, reintrojizierte anale Selbstobjektsplitter, umAbjekte, die in der äußeren Realität mit destruktiven Bedeutungsanteilen aufgeladen und verstärkt worden sind. Diese destruktiv verstärkten Abjekte fügen die Betroffenen dann spontan in die Identitätsschablone des Einzelkämpfers ein; sie integrieren sie in ein aktuell zusammengefügtes, in sich heterogenes Selbstbild, eine Ad-hoc-Identität. Doch die derart reintrojizierten abjektalen Identitätssplitter werden wiederum Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 39 zurWaffe gegendiejenigen, die ihnen vermeintlich ihre heroische Identität streitig machen wollen. Ihre Munition gewinnen sie aus Abfällen, aus Schwäche generieren sie Kraft und Stärke: »ausmHaufen Scheisse zieh ichmeineMotivation/und is die Kacke amDampfen spuck ich mit scharfer Munition/ich schiess mit obzönenWorten durchmeinMikrofon« (FerrisMc, 2007).Wie in diesen Zeilen von Ferris Mc werden die in den gesellschaftlichen Warenmüll projizierten analen Identitätssplitter im Narrativ des Einzelkämpfers wieder zusammengesetzt und von den selbststilisierten Loosern einer Erfolgsgesellschaft erneut zum Platzen gebracht wie kleine verbale Bomben. Gilt Odysseus im Kontext der Dialektik der Aufklärung als unbesiegbarer Held, der an seiner Isolation nicht verzweifelt und sich mithilfe seiner List gegen äußere Mächte wie auch innere Triebkräfte erfolgreich behauptet, so wirkt der Einzelkämpfer eher durch das Pathos und die Gewalt seines widerständigenTrotzes: Nicht durch kluge List, sondern durch trotzig-pathetischeAnklage und anale Angriffe wehrt er sich gegen die Versuchung aufzugeben, sich wegzuwerfen und wirklich zu Müll und Abschaum zu werden. Die oben bereits erwähnte Pathosformel des Odysseus, »sich wegzuwerfen, um sich zu behalten« (Horkheimer & Adorno, 1946, S. 46), wird auch in der Selbstdarstellung des Einzelkämpfers aufgegriffen. Der Rapper präsentiert sich als soziales Abjekt, als von der Gemeinschaft Verworfenes, Negatives (Kristeva, 1978, S. 114ff.), so entehrt, isoliert und entwertet wie seine Vorbilder, die heroischen Einzelgänger. Obwohl er im Hinblick auf die Gemeinschaft keine kohärente Identität präsentiert, richtet er sich immerhin doch gegen die Sozialgemeinschaft und spricht aus der Position eines kollektiven Wir, aus der Position einer Gruppe der widerständigen, gegen alle anderen kämpfenden Einzelgänger. Auf diese Weise verkehrt der Einzelkämpfer Verworfenheit und Isolation in ihr Gegenteil: Mit den Begriffen von Horkheimer und Adorno leistet er »Mimesis an’s Negative«, an den Abfall, den Abschaum und das Verworfene, in der stillen, triumphalen Gewissheit, mithilfe seines analen Trotzes aus dieser Position eine Bastion unangreifbarer, grandioser Einsamkeit zu entwickeln. An diese Orte können nur Menschen gelangen, die ebenfalls Einzelkämpfer sind und die dadurch an der Besonderheit grandioser Einsamkeit und Stärke partizipieren. So bilden Einzelkämpfer in sich narzisstische Rückzugsorte, Bastionen des destruktiven, »negativenNarzissmus« (Rosenfeld, 1971; Steiner, 1993), mit deren Hilfe sie sich vor Verfolgungsangst und Schuldgefühlen schützen. Wenn narzisstische Persönlichkeitsorganisationen psychische und soziale Rückzugsorte und pathologische Abwehrstrukturen sind, mit deren Hilfe sich der Einzelne vor Verfolgungsangst und Schuldgefühlen schützt (Steiner, 1993), so baut der Angelika Ebrecht-Laermann 40 Einzelkämpfer diese Orte zu schwer gesicherten Bastionen aus, von denen er vermeintliche Feinde mitWurfgeschossen aus Kot und Unrat beschießt. Demnach bezieht der Einzelkämpfer seine Stärke nicht etwa aus einer positiv konnotierten narzisstischen Persönlichkeit, sondern vielmehr aus der Position des negativen Narzissmus. Der Song »Mein Kampf feat« von Brisk Fingaz’ CD Einzelkämpfer verdeutlicht das Ideal: »Man muss kämpfen, Schläge einstecken, trotzdem weitermachen, darf kein Schwächling sein, muss besser sein …« (Brisk Fingaz, 2008). In manischer Abwehr werden hier Ohnmachtsgefühle und Kleinheitsängste ins Gegenteil verkehrt und in einem Omnipotenzgestus nach außen gegen ein imaginäres feindliches Objekt abgeleitet. In narzisstischem Triumph konstituiert der Rapper das Selbstgefühl eines omnipotenten Einzelnen, der aus Verachtung Anerkennung macht und Isolation und Unterdrückung in Allmacht verkehrt (vgl. auch Wirth, 2003, S. 9f.). So wähnt er sich im Besitz einer besonders wertvollen Identität wie auch der absolutenWahrheit und Allwissenheit bezüglich seiner eigenen Existenz. Der Einzelkämpfer verwandelt Ohnmacht, drohendeVerzweiflung und Selbstzweifel mithilfe seiner aus ihm allein stammenden Widerstandskraft und Wut in Omnipotenz, Sieges- und Selbstgewissheit: »Und im Zweifelsfall allein gegen alle«, rappt Kollegah (Kollegah, 2014). Immerhin aber ist in diesen Rückzugspositionen der andere, die Gesellschaft mit ihren Regeln und Normen noch als Negativobjekt präsent, gegen das vermeintlich gekämpft werden muss. Rosenfeld (1971) geht davon aus, dass an solchen Rückzugsorten narzisstische Selbstanteile eine Allianz mit destruktiven Objekten bilden, wohingegen schwache, abhängigeTeile des Selbst inmafiaähnlichen Strukturen gefangen gehalten werden, um sie auf sadomasochistischeWeise zu quälen.Dies bleibt insofern gesellschaftlich nicht folgenlos, als imdestruktiven Narzissmus andere Menschen manipulativ in die Omnipotenzvorstellung eingebunden und als narzisstische Selbstobjekte verwendet sowie schikaniert werden. Da sich der destruktive Narzissmus zwar in der subjektiven Innerlichkeit entwickelt, aber über die destruktive Verwendung realer Objekte in die äußere Welt hineinwirkt, kann man ihn auch als eine besondere Form des Autoritarismus begreifen, eines Autoritarismus freilich, der immer noch den Kontakt zum Antiautoritären, Widerständigen zu halten sucht. VomPartisanen zum Einzelkämpfer zum IS-Terroristen Von dieser Position sind es jedoch nur wenige Schritte bis zu jener totalitär-autoritären Position des von allen realen Bindungen gelösten Einzelkämpfers wie Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 41 in Carl Schmitts Denkfigur des Partisanen, in der sich der Einzelne absolut setzt und zur Autorität jenseits aller realen Bindungen wird. Das Sich-absolut-Setzen des Einzelnen entspricht dem Grundsatz, den Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung als ihr Credo der Konstitution aufklärerischer Vernunft formulieren: »Aufklärung ist totalitär« (Horkheimer & Adorno, 1945, S. 10). Allerdings bleibt zu ergänzen: ImAbsolutsetzen des Subjekts kannAufklärung in Autoritarismus umschlagen und damit totalitär werden. An den Texten von Carl Schmitt lässt sich verdeutlichen, dass die Grundstruktur des Autoritarismus darin besteht, die Anstrengungen kohärenter, an gesellschaftlichen Bindungen und Normen orientierter Identitätsbildung zu entkräften, indem sich der Einzelne aus sich selbst heraus als Souverän absolut setzt und damit jeglicher Begründungspflicht entsagt: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«, lautet der Eingangssatz von Carl Schmitts Politischer Theologie (Schmitt, 1922, S. 11). Im Ausnahmefall stelle sich der staatliche Souverän jenseits und über die Rechtsnorm. Da der Souverän, so argumentiert Schmitt, die »höchste, rechtlich unabhängige, nicht abgeleitete Macht« sei, mache »die Entscheidung« sich in ihm »frei von jeder normativen Gebundenheit und wird im eigentlichen Sinne absolut« (ebd., S. 20, 26, 19). Deutlich wird hier, dass Schmitt die Notwendigkeit zu umgehen sucht, die Normativität staatlichen und persönlichen Handelns in einer für alle geltenden übergeordneten Vernunft zu begründen.4 Was hier theoretisch inszeniert wird, ist die von Beland für die destruktive Wirkung von Omnipotenzphänomenen erwähnte »partielle Aufhebung von Zweiheit in der narzisstischen Größenidee«, die jeden Einzelnen quasi als kleinen Souverän erscheinen lässt. Auf diese Weise wird die Abhängigkeit von anderen verleugnet und die Notwendigkeit einer »Existenzanerkennung des gutenObjekts« negiert (Beland, 2008, S. 143). Man kann also behaupten, dass es in Schmitts später Schrift Theorie des Partisanen (1963) eine strukturelle Verbindung zwischen dem Souverän und dem Einzelkämpfer gibt, die dem Muster des negativen Narzissmus folgt. Wie sich an seiner Nähe zum staatlichen Souverän zeigt, stellt der Partisan im Grunde eine frühe Form des Einzelkämpfers dar. Auch der moderne Partisan steht aus Schmitts Sicht jenseits der rechtlichen Ordnung des »gehegten Krieges« (ebd., S. 17); wobei er sich freilich durch sein politisches Engagement vom »gemeinen Räuber und Gewaltverbrecher« unterscheide (ebd., S. 21). Dieses Engagement 4 Christian Graf von Krockow hatte diese autoritäre Struktur in Schmitts Begriff der Entscheidung bereits 1958 deutlich herausgearbeitet und ihren faschistischen, totalitären Kern aufgedeckt. Angelika Ebrecht-Laermann 42 rücke ihn auch in den Bereich des Politischen, den Schmitt durch die Freund- Feind-Differenzierung definiert sieht (Schmitt, 1932, S. 26, 93). Geradezu hellseherisch klingt seine Formulierung: »Es wird jetzt sogar seinWesen und seine Existenz, daß er außerhalb jeder Hegung steht. Der moderne Partisan erwartet vom Feind weder Recht noch Gnade. Er hat sich von der konventionellen Feindschaft des gezähmten und gehegten Krieges abgewandt und in den Bereich einer anderen, der wirklichen Feindschaft begeben, die sich durch Terror und Gegen-Terror bis zur Vernichtung steigert« (Schmitt, 1963, S. 17). Diese Äußerung klingt wie eineWiederholung der oben beschriebenen projektividentifikatorischen, paranoiden Identitätskonstitution moderner Einzelkämpfer. Und es mutet wie eine böse Prophezeiung an, wenn Schmitt bemerkt, der »technische Fortschritt« eröffnemit den»kosmischenRäumen« zugleich auch »unermeßliche, neue Herausforderungen für politische Eroberungen« (ebd., S. 82). Und wenn er hinzufügt: »absolute Vernichtungsmittel erfordern den absoluten Feind« (ebd., S. 94), dann wird darin auch eine Gefahr des aktuellen globalisierten Terrorismus deutlich: Der globalisierte Partisan ist der staatenlose Terrorist, die Extremform des Einzelkämpfers. In dieser Extremform geht im Einzelkämpfertum jener eingangs erwähnte Wunsch nach einemWir in eine virtuelle Form der Gemeinschaft über. Nun gibt es keine konkrete, menschliche Bindung mehr, aus der der Einzelkämpfer seine Patchwork-Identität zusammenfügt, sondern lediglich eine virtuelle, mafiaartige kollektive Identität, mit der er zu verschmelzen sucht. Spätestens hier wird deutlich: Die totalitär-omnipotente Isolierung des Einzelkämpfers kann nicht mehr als Symptom einer entpolitisierten, narzisstischen Jugendkultur gesehen werden (vgl. Ziehe, 1975). Sie entspricht vielmehr einerseits der paradiesisch-isolierten Todesnähe der Selbstmordattentäter und IS-Kämpfer; andererseits entsprechen die figurative Einheitlichkeit sowie der Omnipotenzanspruch des Identitätsnarrativs auch der Vorstellung spiritueller Verbundenheit aller Einzelnen in dem, was im Islamismus Umma genannt wird: nämlich die im Dschihad realisierte »weltweite muslimische« Glaubensgemeinschaft, die sich in unterschiedlichen territorialen und virtuellenGrenzen realisieren kann, ohne an einenNationalstaat gebunden zu sein (Roy, 2004, S. 16; Dantschke et al., 2011; Ebrecht-Laermann et al., 2017). Mit der virtuellen Religionsgemeinschaft, der Umma, stellt die salafistische Ideologie ihren Anhängern einen narzisstischen Rückzugsort zur Verfügung, der Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 43 die negativ narzisstischeAbwehr der individuellen innerenWelt in eine kollektive Abwehrstruktur transformiert und von der äußeren Realität löst. Im Salafismus wird die »religiöse Gemeinschaft« zu einer »Identitätsgruppe« (Köpfer, 2014, S. 466) mit einem einheitlichen »Identitätsversprechen« (Dantschke, 2014, S. 484). DieOrientierung an einer virtuellen Glaubensgemeinschaft macht deutlich, dass es sich bei den Identitätsnarrativen um Wünsche totalitärer Entdifferenzierung und Selbstermächtigung handelt. Die Ähnlichkeit, die etliche bildliche Selbstdarstellungen von Rappern bzw. Einzelkämpfern etwa auf CD- Covern mit der bildlichen Selbstpräsentation von IS-Terroristen aufweisen, wiederholt sich in den Identitätsnarrativen. Auch hier weisen die Erzählungen der Rapper über ihre Einzelkämpfer-Identität Ähnlichkeitenmit denNarrativen von IS-Kämpfern auf (vgl. Sischka et al., 2017). Hier entgleist nun die in den Rap- Songs mühsam aufrechterhaltene Balance zwischen Einzelkämpfertum und Bindungswunsch bzw. Wunsch nach einem realen Wir. Die Verbindung zu einer imaginären totalitären Autorität, die sich nicht weiter begründen muss, macht die Einzelkämpfer in der Tradition von Carl Schmitts Beschreibung des Partisanen zu Wiedergängern des Autoritarismus. Die mafiaähnlichen Strukturen des negativen Narzissmus erhalten im Salafismus durch die Umma einen quasi realen, virtuellenOrt, dem sich die Einzelnen projektiv identifikatorisch eingliedern können, ohne ihr Selbstverständnis als Einzelkämpfer aufgeben oder gar an einer kollektiven Realität mit ihren Normen undWerten überprüfen zu müssen. Literatur Adorno, T.W. (1950/1973). Studien zum autoritären Charakter. Aus dem Amerikanischen von M. Weinbrenner. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Beland, H. (2008). Die Angst vor Denken und Tun. Psychoanalytische Aufsätze zu Theorie, Klinik und Gesellschaft. Gießen: Psychosozial-Verlag. Bläser, S. (2015). Erzählte Zeit – erzähltes Selbst. Zu Paul Ricœurs Begriff der narrativen Identität. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag. Breuer, S. 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Die Autorin Angelika Ebrecht-Laermann, Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., ist Germanistin, promovierte Psychologin und habilitierte Politikwissenschaftlerin, Psychologische Psychotherapeutin/Psychoanalytikerin DPV, IPA, DGPT, Supervisorin am BPI. Nach langjähriger Tätigkeit in der Forschung und Lehre sowie in der Verkehrspsychologie ist sie derzeit tätig in eigener Praxis sowie als externe Psychotherapeutin im Berliner Strafvollzug und in der Extremismusprävention. Einzelkämpfer –Wiedergänger des Autoritarismus? 47 Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt1 Kommentar zumBeitrag von Angelika Ebrecht-Laermann Steffen Elsner Um in Südkoreas Hauptstadt Seoul Suiziden in der Bevölkerung vorzubeugen, sorgen Regierung und Unternehmen dafür, dass sich niemand mehr in einen U-Bahn-Schacht hinabfallen lassen kann: An der Bahnsteigkante befindet sich eine Glaswand, deren Türen sich nur öffnen, wenn der Zug bereits steht. Bis dahin kann man in aller Ruhe im virtuellen Einkaufsregal stöbern, welches sich auf der Glaswand befindet; man braucht nur mit einem Smartphone-Scan das gewünschte Produkt in den Warenkorb zu befördern und es wird noch am selben Abend nach Hause geliefert.2 Die Botschaft könnte also lauten: »Sei nicht betrübt! Spring nicht vor die Bahn, sondern kaufe und genieße!« In China verhindern multinationale Konzerne, wie z.B. Foxconn, das fürApple,Microsoft und Sony produziert, Suizide von Arbeitern, indem sie riesige Netze rund um ihre Firmengebäude und Wohnheime spannen, um diejenigen aufzufangen, die sich hinunterstürzen wollen. Der chinesische Künstler Ren Hang – der 2017 mit 29 Jahren in den Tod sprang – thematisierte in seinem Werk vor allem die Sehnsucht, die Ängste und die Einsamkeit der gegenwärtigen Zeit. In einem Satz formulierte er die Vereinzelung der jungen chinesischen Generation einmal so: »I don’t want to answer to any phone calls, but in fact no one phonedme« (Ausstellung im Museum der Bildenden Künste, Leipzig, 2017/18). Auch in Japan gibt es diesen Trend zur Vereinzelung. Die japanische Sprache kennt nicht nur 1 ZumZeitpunkt der Leipziger Tagung lagmir der abschließende Text des Hauptvortags noch nicht vor, sodass die hier abgedruckte Textversion erst im Anschluss entstanden ist. 2 Dieses Online-Shopping wird von der britischen Supermarktkette Tesco angeboten, die in Südkorea Homeplus heißt. 49 ein eigenes Wort für den »Tod durch Überarbeiten« (Karōshi,過労死), sondern auch für den »einsamen Tod« (Kodokushi,孤独死), der laut japanischen Behörden in den letzten Jahren immer häufiger geworden ist (vgl. Rötzer, 2010). Liegt einer solchen vereinsamten, isolierten, beziehungsabgewandten Verfassung des Subjektes nicht genau jener gegenwärtige Entwurf von Subjektivität zugrunde (»Wir sind doch alles Einzelkämpfer«), den Angelika Ebrecht-Laermann geschickt versucht, mit demNarrativ des sogenannten Einzelkämpfers einzufangen? Die zentrale These von Ebrecht-Laermann ist jedoch eine andere: Das Narrativ des Einzelkämpfers, wie es sich im Rap-Song zeigt, ist ein Brückennarrativ zwischen Gesellschaftlich-Erlaubtem und Außergesellschaftlich-Destruktivem, liegt also schon auf demWeg zum Selbstmordattentäter bzw. IS-Kämpfer. Demnach verdichtet sich im Brückennarrativ des Einzelkämpfers ein Moment des Autoritarismus, welches sich in der trotzigen Umwendung von Pathologischem in Heroisches zeigt. »Underdog-Erfahrungen« wie (soziale) Minderwertigkeit, Unterlegenheit, Verzweiflung und Niederlage werden also vom Subjekt – das hier mit einer zersplitterten Identität und quasi frei flottierenden Affektfunken konzeptualisiert wird3 – unter unbewusstem Rückgriff auf Mythen (über querulatorische, sich opfernde und siegendeHelden) zu einer narzisstischenBastion, zu einer starren und inkohärenten Identität geformt, in welcher die Identitätssplitter gebunden und Affektfunken eingefroren werden – hierdurch auch der Abwehr eines latenten Gewaltpotenzials dienen – und aus der, im Sinne einer Umkehr vom Passiven ins Aktive, psychisches Kapital in Form einesWiderstandspotenzials mit heldenhafter, aufrührerischer Kraft geschlagen wird. Der Rapper schafft es gerade noch, die Balance zwischen Einzelkämpfertum und Bindungswunsch zu halten und somit seine aggressiven Impulse zu bändigen. Der IS-Kämpfer bzw. Selbstmordattentäter, so könnte man sagen, verliert diese Balance – seine Gewalt gegen sich und andere bricht aus. 3 Es bleibt unklar, ob Ebrecht-Laermann diese zersplittere Identität mit ihren Affektfunken als etwas Primordiales oder als Resultat der (traumatischen) Erfahrung sozialer Unterlegenheit auffasst. Da im Vortrag Konzepte Rosenfelds (»negativer Narzissmus«) und Steins (»Orte Seelischen Rückzugs«) verwendetwerden, die der Klein’schen Schule zuzuordnen sind und zur Erklärung der psychodynamischen Mechanismen des Einzelkämpfers die Begriffe Projektion und (Re-)Introjektion herangezogen werden, liegt es nahe, dass Ebrecht-Laermann von einer primordial zerstückelten psychischen Innenwelt ausgeht, die aufgrund heftiger innerer Destruktivität (des Todestriebes) nach außen projiziert wird, um diese dann – leichter erträglich – am äußeren Objekt bekämpfen zu können, wieder zu introjizieren usw. Steffen Elsner 50 Hier stellt sich zunächst die Frage worin genau das autoritative Moment besteht, welches sich als eine Art untoter Wiedergänger4 in unsere Entwürfe von Subjektivität geschlichen hat, ja vielleicht nie abwesend war; ein autoritativer Wiedergänger, der uns unheimlich aufhocken, den Tod bringen und uns selbst und andere in Stücke reißen kann. Weiter bleibt zu fragen: Was heißt hier pathologisch? Was weicht von der Norm ab? Was ist das Krankhafte? Und noch weiter:Was in der Betrachtung gehört der Sphäre der gesellschaftlichen bzw. moralischen Institutionen an (Privateigentum, Familie, Geld,Markt, Staat), die über die vergesellschafteten Subjekte herrschen; und was gehört der Sphäre der Subjekte an (Symptome, Abwehrmechanismen, Fixierungen), welche sich im besten Falle bemühen, das von den Institutionen aufgegebene Rätsel zu lösen, um ihrer Unmündigkeit und ihrer Ohnmacht zu entrinnen (vgl. Dahmer, 2014)? Zunächst betrachtet Ebrecht-Laermann die Sphäre des Subjekts, indem sie den Rapper einer Analyse unterzieht. Hier stellt sich wiederum die Frage, ob der Rapper in seiner Kunstform, die man durchaus als einen sprechenden Umgang mit der Not des Lebens bezeichnen kann, mit seinem Einzelkämpfer-Song für die Konzeptualisierung einer Identitätsform im Übergangsbereich von Wort zu Tat, vom Sprechen zur Gewalt geeignet ist. Der Künstler sublimiert! Es ist kein Geheimnis, dass Künstlern eine ausgeprägte Fähigkeit zur Sublimierung zugeschrieben wird (Freud, 1916–17a, S. 390f.). Wünsche nach Macht, Reichtum, Ruhm und (zärtlicher sowie sexueller) Liebe befriedigt er nicht auf direktem Wege – durch Objekte in der Realität –, sondern bezieht seinen Lustgewinn zunächst aus seinen Fantasiebildungen. In der künstlerischen Tätigkeit gleicht er sein Material (z.B. Wörter, Farben, Töne) seiner Fantasievorstellung so an, dass allzu Persönliches wie allzu Verpöntes (was den Rezipienten absto- ßenwürde) abgemildert hervortritt. Somit ermöglicht derKünstler dem anderen, 4 Faszinierend ist die Verwendung des Begriffs Wiedergänger: Der Mythos des Wiedergängers bezieht sich auf die Vorstellung, dass Verstorbene als eine Art Gespenst mit körperlicher Präsenz, als Untote in die Welt der Lebenden zurückkehren, um sich zu rächen oder noch etwas zu erledigen. Typische Figuren sind Aufhocker, Nachzehrer, Werwölfe, kopflose Reiter oder Vampire. Der Brauch, Leichen in ihren Gräbernmit Steinen, Pflöcken und anderenGegenständen zu fixieren, hat diesenHintergrund, nämlich den Wiedergang des Untoten zu verhindern (Wiedergänger, 2017). Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 51 aus seinen eigenen, unbewusst gewordenen Lustquellen Trost und Linderung zu schöpfen, die dem Künstler wiederum zur Erfüllung seiner Wünsche verhelfen kann (nun in der Realität durch äußere Objekte). Der Künstler ist also fähig, seine Libido zu verschieben, um so die Unlust durchmangelnde Befriedigung in der Realität zu mildern und gleichzeitig etwas Neues entstehen zu lassen. Vortrefflich zeigt sich eine solch verdichtete Form der Sublimierung in einer Textzeile des Songs »Saudi Arabi Money Rich« des Rappers Haftbefehl: »Ich soll ihnen erzählen von meinemMajor-Deal, den ich mit Penis unterschrieb« (Haftbefehl, 2014). Ein Label-Vertrag wird also Kraft der sexuellen Tinte seiner Potenz via abzuliefernder Rap-Songs zu viel Geld, verbunden mit Anerkennung, Ruhm usw. In drastischer aber treffenderWeise hat es Christoph Schlingensief einmal so formuliert: »Ich kenne Schauspieler, die wichsen zwei Wochen vor der Premiere nicht« (Schlingensief, 1997).Wird hier nicht in umgekehrter Denkrichtung die Logik der Sublimierung sexueller Triebe in Reinform deutlich? Erreicht der Trieb sofortige Befriedigung durch Abfuhr, kann und muss er nicht mehr für eine kulturell wertvollere Form, hier die Kunst des Schauspiels, aufgewendet werden. Neben sexuellen vermag der Künstler auch aggressive Triebe über psychische Arbeit zu sublimieren. InKlein’scher Lesart kanndurch den künstlerischen Schaffensprozess eine phantasmatische Zerstörung des guten mütterlichen Objektes wiedergutgemacht werden, um gleichzeitig das Objekt zu reparieren und das eigene Selbst wiederherzustellen, was als eine Sublimierung aggressiver Tendenzen verstanden werden kann.5 Die gesamte Hip-Hop-Kultur, insbesondere der Battle-Rap – bei dem der gegnerische Rapper in einem Sprech-Reim-Duell diffamiert und fertiggemacht, die eigene Person dagegen erhöht wird – scheint eine solche sublimierende Möglichkeit zu sein. Vermutlich bedeutet »to rap« nicht ohne Grund sowohl »schlagen« als auch »quatschen«. Der Song »John Ein- 5 Melanie Klein untersucht anhand der Biografie der skandinavischen Malerin Ruth Kjär, wie die innere Leere der Melancholie (»There is an empty space inme, which I can never fill!«) auf eine phantasmatische innere (körperliche) Leerstelle der Malerin verweist, die aus Kinderzeiten herrührt (Klein, 1929, S. 440). Als Pendant zur Kastrationsangst des Jungen in der frühen Phase der Ödipalität hege das Mädchen sadistische Wünsche, den Körper der Mutter auszuplündern (mit allen Inhalten wie z.B. Kacke, Vaters Penis, Kinder) und die Mutter als solche zu zerstören. Das wiederum mobilisiere die Angst des Mädchens, im Gegenzug von der Mutter körperlich ausgeraubt und zerstört zu werden. Das malerische Behandeln dieser phantasmatischen inneren (körperlichen) Leerstelle in der melancholischen Krise der Künstlerin verweise demnach auf den Mangel im Selbst und im inneren, mütterlichen Objekt infolge der gegenseitigen aggressiven Tendenzen und könne als Versuch gesehen werden, diese zu sublimieren. Steffen Elsner 52 zelkämpfer« vonToo Strong&RAGbeispielsweise strotzt nur so von in Sprache gegossenen Sublimierungen aggressiver Tendenzen: »Ich werd’ mundgreiflich«, »Rapstar-Sparte auf Arte Lyrik-Karate« oder »100 Prozent auf meine Aggrogate« (Too Strong & RAG, 1999). Freilich bleibenWünsche offen, wennman Sublimierung nach FreudsVorbild als eine Art Stellvertretung für sexuelle oder aggressive Tendenzen konzeptualisiert (»Sublimierung an Stelle des Durchbruchs aus dem Unbewußten«, Freud, 1910c, S. 148). In einer strukturalen psychoanalytischen Lesart kann man Sublimierung auch als den Versuch auffassen, sich ein Bild vom Unmöglichen zu machen; ein Versuch dem Nicht-Repräsentierbaren eine Repräsentanz zu verleihen, »eine Repräsentanz der Nicht-Repräsentierbarkeit« (Bayer, 2008, S. 14). Hier stoßen wir auf das Freud’sche Ding, was sich im Register des Lacan’schen Realen bewegt. Dieser Idee der Sublimierung zufolge, formt der Künstler seine Fantasien, seineWörter oder seinMaterial »nach demBild des Dings […], wobei es für das Ding charakteristisch ist, dass wir uns von ihm unmöglich ein Bild machen können. Genau da liegt das Problem der Sublimierung« (Kofman, 1998, S. 155, zitiert nach Bayer, 2008, S. 20). Der Künstler ist auto-erotisch! Es besteht kein Zweifel über die (infantil) sexuelle Quelle der Sprache in der Subkultur des Hip-Hop. Pharrell Williams, einer der bedeutendsten nordamerikanischen Songwriter und Produzenten der zeitgenössischen Hip-Hop-/Pop- Kultur (er schrieb u. a. Songs für Madonna, Britney Spears und Justin Timberlake), singt mit seiner Band N*E*R*D (No-one Ever Really Dies) im Song »Lapdance« von einem Gesetzlosen, der jeden »motherfucker« herausfordert, in seinem Gesicht zu kommen.6 Verdichtet sich hier nicht auf anschaulicheWeise das Gesetzlose des Sexuellen? Nicht in der missverständlichen Lesart, für die die Freud’sche Entdeckung so oft herhalten musste, denn es geht ja nicht einfach um die Konzeption eines tierisch-instinkthaften Sexuellen als Gegenpol zur Vernunft. Es geht vielmehr umdie Illusion einerVereinheitlichung des Sexuellen (vgl. Zupančič, 2009). Mit anderenWorten: Der Sexualtrieb ist aus partiellen Trieben zusammengesetzt (z.B. Sehen, Lecken, Spüren, Beißen, Reiben), und die Verein- 6 »I'm an outlaw, quick on the draw, something you’ve never seen before, and I dare a motherfucker, to come in my face. […] It's so real, how I feel, 'cause this society, that makes a nigga want to kill« (N*E*R*D, 2001). Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 53 heitlichung dieser Triebe zu einem einzigen Zweck ist einerseits immer kulturell erzwungen, andererseits nie vollständig erreichbar. Im Gegenteil, die einzelnen Partialtriebe treiben weiterhin ihr Un-Wesen, sie können von dem Ziel einer naturgegebenen, instinkthaften Befriedigung abweichen und durch mancherlei Ersatz befriedigt werden. Genau dieser Ersatz, dieser Umweg, diese Möglichkeit und Notwendigkeit einer supplementären Befriedigung, ist nach Zupančič der »schöpferische Ursprung aller Kultur« (ebd., S. 15). Sprechen wir von Partialtrieben, sind wir augenblicklich im Freud’schen Feld des primordialen Autoerotismus7, also der libidinösen Besetzung der erogenen Zonen des Körpers (die dort volle Befriedigung erlangen). Von der Ebene der ontogenetischen Entwicklung aus gesprochen, suchen sich die libidinösen Strebungen im Anschluss an die körperlichen erogenen Zonen ein anderes oder weiteres »Objekt«, nämlich das Ich (im Sinne eines Bildes vom einheitlichen Körper). Das veranlasste Freud (1914c) dazu, von primäremNarzissmus zu sprechen, also einer libidinösen Besetzung des Ichs. Teile dieser Ich-Libido werden in der weiteren Entwicklung an die Objekte abgegeben, woraus libidinöse Objektbesetzungen entstehen (Objekt-Libido). Doch warum ist es wichtig, über den Unterschied zwischen Objekt-Libido und Ich-Libido nachzudenken? Allein deswegen, weil die libidinöse Besetzung eines Objektes auch immer ihre narzisstischen Quellen verrät, diese auch letztlich nie aufgibt, wie es sich etwa in Tagträumen oder Größenfantasien zeigt (z.B. beruflicher Erfolg, finanzielle Unabhängigkeit, Anerkennung vom Partner, den Kindern, dem Chef ). Interessanterweise beschreibt Freud (1906) einen »bei Künstlern reguläre[n] Größenwahn«, der sich aus dem »Stück Autoerotismus« speist, »das jeder – mehr oder weniger – bewahrt« hat. Darüber hinaus sieht er die Wurzel dieser Größenphantasien jedoch auch darin, dass »in der Kunst […] nicht jeder Tüchtige existenzberechtigt ist und geachtet wird, sondern nur der ganz Große.«8 Es ist also davon auszugehen, dass es keinen Künstler geben kann, der sich nicht aus den Quellen seines Narzissmus, seiner Allmachtsfantasien, seines 7 Der Begriff bezieht sich auf die Theorie des Autoerotismus, wie ihn Freud in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« (1905d) entwickelt, und zwar hier mit dem Akzent auf der Zufälligkeit des Objektes beim Sexualtrieb. »Zeigen, wie zu Beginn des Sexuallebens die Befriedigung ohne Zuhilfenahme eines Objektes erreicht werden kann, heißt zeigen, dass es keinen präformierten Weg gibt, der das Subjekt zu einem bestimmten Objekt hinführt« (Laplanche & Pontalis, 1972, S. 80). 8 Freuds Kommentar zum Vortrag »Über den Größenwahn der Normalen« von Philipp Frey am 21. November 1906 (Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Nunberg & Federn, 1976, S. 53). Steffen Elsner 54 Größenwahns bedient; einerseits aus Gründen, die im Subjekt liegen, anderseits aus Gründen, die sich aus dem gesellschaftlichen Zwang derWarenlogik auf dem Kunstmarkt ergeben.Wenn Gerhard Richter (2012) unter Rückgriff auf Adorno sagt, dass ein Kunstwerk kein anderes neben sich dulde, bezieht er sich genau auf diese Verschränkung der Phänomene Größenfantasie und Warenlogik. Man könnte somit von der künstlerischen Notwenigkeit des Größenwahns sprechen, oder präziser ausgedrückt, von der künstlerischenNotwendigkeit, der Beste, Einfallsreichste, Stärkste usw. sein zu müssen, um Anerkennung, Liebe und Geld zu bekommen. Wer hat das Abjekt verschreckt? – Der Rapper, der Rapper! Gehen wir also davon aus, dass der Künstler im Allgemeinen sexuelle und aggressive Impulse und Fantasien zu sublimieren in der Lage ist und zu einer Art Größenfantasie tendiert; im Speziellen davon, dass der Rapper einen sprechenden oder schreibenden Umgang mit der Not des Lebens pflegt, ähnlich der eines Dichters oder Schriftstellers. Wo ist ein solches Subjekt hinsichtlich seiner seelischen Verfasstheit zu situieren? Ist es wirklich an dem Ort der Kristeva’schen Abjektion anzusiedeln, an dem alle Objekte über Bord geworfen sind und jegliche symbolische Bedeutung zusammenbricht? »An der Grenze des Nicht-Existierenden und der Halluzination, einer Realität, die mich vernichtet wenn ich sie anerkenne« (Kristeva, 1982, S. 2, eigene Übersetzung)? Mit anderen Worten: Befindet sich das Subjekt des Einzelkämpfer-Rappers innerhalb des Lacan’schen Realen, jenseits der symbolischen Ordnung (der Sprache) und der Fantasie? In einer psychischen Realität, die weder symbolisiert noch irgendwie repräsentiert ist? An einem Ort, der sich jenseits des intrusiven Charakters des Traumas oder der Halluzination der Psychose befindet (beides wäre imaginäres Reales)? Oder ist der Einzelkämpfer-Rapper nicht vielmehr an einem Ort anzusiedeln, an dem eine psychische Arbeit, eine imaginäre oder symbolische Umarbeitung möglich ist, wo ein spielerischer, konnotativer UmgangmitWörtern,Metaphern undMetonymien erfolgt? An dem das Subjekt über eine Art kognitive Landkarte (vgl. Žižek, 2011) verfügt, sich und dieWelt gedanklich und sprachlich fassen kann? Ebrecht-Laermann beschreibt in beeindruckend verdichteter Weise, wie der Einzelkämpfer-Rapper – der sich als sozialer Abschaum, als von der Gemeinschaft Verworfenes, alsNegativ präsentiert –mit demAbjekt zu spielen scheint, in dem er es sich immer wieder aneignet und verwirft.Wir scheinen in eine perverse Logik katapultiert zu sein, jenseits von Gesetz, Anstand und Moral. Ufo361, ein Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 55 Westberliner Rapper mit türkischenWurzeln, singt in seinem Song »Ich bin ein Berliner«:»Ich spuck auf denBoden, undwenn’s dir nicht passt, bist du nicht aus der Stadt, hier sind viele auf Drogen, die Hälfte auf Taş [türkisch: Stein, gemeint ist Crack] und die Hälfte im Knast, ja sie wollen meine Strophen« (Ufo361, 2016).Was hier in aller Primitivität oder sagen wir: in mangelnder Zivilisiertheit ausgedrückt wird, ist das Gesetz- und Anstandslose. Es ist genau jene Sphäre, die Kristeva (1982, S. 15ff.) für den Schriftsteller reserviert, der zwar die Logik des Abjekts via Projektion und Introjektion imaginiert (er macht sich ein Bild!), aber eine gewisse Distanz zumOrt bewahrt, an dem das Abjekt waltet. Die Folge dieses Spiels ist jedoch eine perverse Sprache, ein verdorbener Stil, ein verdrehter Inhalt9: genau jene zum Platzen gebrachten »verbalen Bomben«, die Ebrecht- Laermann bei Ferris MC beschreibt. Aber es könnte auch das genaue Gegenteil zutreffen.Hinterfragt der verdrehte, verstörende Sprechgesang des Rappers nicht auch das Gesetz und die Moral? Durchquert er nicht gleichsam die dichotomen Kategorien von rein und unrein, von Verbot und Sünde, von Moral und Unmoral? Bei dieser Durchquerung zeigt sich genau ein Stück jener vernünftigen List, das Gesetz oder denGötterwillen zu unterlaufen, zu verspotten und eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Und dabei wird gleichzeitig das Monströse der Abjektion, die nackte Brutalität des Realen, die Willkür der Götter usw. durch Imagination und Sprechen oder Schreiben zur Seite gestoßen.10 Ohne Zweifel muss man hier zwischen den sprechsingenden Künstlern und ihren Texten unterscheiden; es muss geklärt werden, in welchem Ausmaß eine imaginäre und symbolische Umarbeitung des Abjektalen, des Unmöglichen geschieht. Die Frage wäre, ob die Sprache in ihrer ganzen konnotativen Vielfalt verwendet wird, d. h. ob es einen spielerischen Umgang mit ihr gibt, sodass ein- 9 Man könnte auch mit Bayer sagen: »Die Sublimierungsleistung hat es mit dem Paradox zu tun, dass die Dimension des Unvorstellbaren in der Sphäre des Vorstellbaren in negativer Form erscheint« (Bayer, 2010, S. 15). 10 »Sie [die Texte] zu schreiben impliziert das Vermögen, das Abjekt zu imaginieren, also sich selbst an dessen Platz zu setzen und es durch die bloßen Mittel der Stellvertretung durch das sprachliche Spiel zur Seite zu stoßen« (Kristeva, 1982, S. 16, eigene Übersetzung). Oder mit anderen, wenn auch weniger präzisen Worten: »Der Dichter und Künstler erschafft aus chaotischen Erlebnissen in Traum, Wahn und Ekstase eine geordnete Welt, in der die dunklen Kräfte der Inspiration eine Form gewinnen« (Holm-Hadulla, 2011, S. 47). Oder auf die Sublimierung bezogen: »Die Sublimierungsleistung führt so weit wie möglich an das unmögliche Genießen heran […] auf eine Erfahrungsgrenze: einen Schritt weiter und das Subjekt würde sich auflösen, in die Bewusstlosigkeit fallen, wäre tot« (Bayer, 2008, S. 15). Steffen Elsner 56 zelne Signifikanten unterschiedliche Bedeutungen annehmen können; oder ob die Sprache in ihrer denotativen Verengung, im Sinne einer Handlungssprache verwendet wird, bei der es um »ich oder du«, also das Recht des Stärkeren geht, wo die Gewalt dann meist nicht weit ist (vgl. Duncker, i.D.). Der Song »Einzelkämpfer« von Kollegah mutet beispielsweise platt und holzschnittartig an, sodass man sich der Idee nicht erwehren kann, bei der vorgefundenen Sprache11, an ein fragiles, eingeengtes Subjekt nahe der Gewalttat zu denken (bei seinen Konzerten schlägt er auch durchaus mal zu); ein Subjekt, welches Unterlegenheit und Knechtschaft nur schwer aushält und stets darauf wartet, den Spieß umzudrehen, den anderen zu unterwerfen und wieder zum Herren zu werden.12 Ganz anders bei dem Song »Alle gegen Alle« von Zugezogen Maskulin, der gegen den Vorwurf eines Brückennarrativs wackeliger Identität auf demWeg zum gewalttätigen Selbstmordattentäter verteidigtwerdenmuss.Hierwird der Sprechgesang eindeutig in einer konnotativen Dimension verwendet: Im Text folgt eine sprachliche Mehrdeutigkeit der anderen, die mit diversen paradoxen Anspielungen versetzt sind (z.B. aufDigitalisierung, dieKlassengesellschaft, dieProblematik des Recht des Stärkeren). Das »Alle gegen Alle« des Refrains ist dabei keinesfalls affirmativ gemeint, vielmehr wird es als eine Falle markiert: »Und alle wie wir da sind, tappen wir in eine Falle, sie heißt: Alle gegen Alle gegen Alle!« Nun wird klar: Es handelt sich um eine ideologische Falle, der sich zu entziehen nicht ohne schmerzhafte Konsequenz bleibt. Man könnte sagen, hier wird der prototypische Entwurf gegenwärtiger Subjektivität (und dessen Schattenseite) beschrieben, auf den Ebrecht-Laermann anspielt (ZugezogenMaskulin, 2017). DerMC – Ein vernünftiger Zauberer? Wir haben gesehen, dass der Rapper das Abjekt verjagen kann, indem er fähig ist, sich im Sprechen oder Schreiben an dessen Platz zu setzen und es damit zu 11 »Es ist ermüdend, wenn […] Hater kommen, die denken, ›lass uns den mal totstechen mit Messern, diesen hochnäsigen Rapper‹ […], aber dann besinnt er sich darauf, er ist der Mac, […] geht raus schreit, ›Wer will Stress?‹« (Kollegah, 2007). 12 Diese Umwendung ist übrigens ein zentraler Aspekt im Lacan'schen Diskurs des Herren: Das Subjekt erträgt die Angst des eigenen Gespaltet-Seins nicht, also dass es nicht Herr im eigenen Hause ist und ein Unbewusstes hat; aus dieser Angst heraus rettet es sich in die Position des Herren. Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 57 imaginieren. Er durchquert gleichsam die Dichotomie vonMoral undUnmoral. Eine übliche Bezeichnung für den Rapper ist auch »MC«, »Master of Ceremonies«, also »Zeremonienmeister«. Aber was für eine Zeremonie? Gemeint kann hier wohl nur das Ritual sein, das mehrere Menschen zusammentreibt, um die Not des Lebens zu besingen (z.B. die von der Naturgewalt, den Begrenzungen des Körpers, den menschlichen Beziehungen sowie der Gewalt, die von den gesellschaftlichen Institutionen ausgeübt wird). Geht man phylogenetisch zurück bis zum Kult des Menschenopfers, liegt es nicht fern, den Meister der Zeremonie in die Nähe des Oberhauptes zu rücken, das vormals das Ritual der Menschenopferung (zur Besänftigung der Götter) abhielt, dessen spätere Vertreter Priester, Seher, Wissende, Zauberer oder Schamanen zu sein scheinen (vgl. Türcke, 2012). Wenn dem so ist: Kann das sprechsingende »Hineinrappen« in den Einzelkämpfertypus mittels heroisierender Beschwörungsformeln nicht auch als ein Besprechen der (abjektalen) Dämonen und Götter verstanden werden, ganz in der Tradition eines Zauberers?HierzuHorkheimer undAdorno: »Der Zauberer macht sich Dämonen ähnlich; um sie zu erschrecken oder zu besänftigen, gebärdet er sich schreckenhaft oder sanft« (Horkheimer & Adorno, 1969, S. 15f.). Mittels Mimesis –Angleichung oder Stellvertretung – wird hier also der Zweck verfolgt, die Dämonen zu vertreiben. Man könnte daher sagen, dass der Sprechgesang bereits eine Leistung der ordnenden Vernunft ist: eine »Wissenschaft« vom Besingen dessen, was sich nicht fassen lässt, damit es gleichsam Fassung findet und somit demMythischen entgegenwirkt. Allahu Akbar! – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt Interessanterweise beschreiben Horkheimer und Adorno, dass der Zauberer bei der Zeremonie einenOrt gegen »alle Umwelt« einzugrenzen pflegte, in dem die »heiligen Kräfte spielen« sollten. Und weiter: auch das »Kunstwerk hat es noch mit der Zauberei gemeinsam, einen eigenen, in sich abgeschlossenen Bereich zu setzen, der dem Zusammenhang profanen Daseins entrückt ist« und in dem »besondere Gesetze« herrschen (ebd., S. 25). Das erinnert unweigerlich an den späteren Schauplatz des Theaters, als einen Ort der Aufführung (einer fiktiven Handlung), der ebenfalls abgegrenzt bzw. erhoben ist und auf dem fleischgewordene Figuren (Schauspieler) stellvertretend für vormalige imaginäre Formationen (wie Dämonen, Geister) agieren (vgl. Türcke, 2012). Steffen Elsner 58 Einen Schauplatz13 gibt es auch in der psychoanalytischen Welt, wenn über Handlungen etwas in Szene gesetzt wird (acting out), was nicht gesagt werden kann oder darf. Ein vor- oder unbewusstes, mit Fantasien verbundenes Begehren wirddann auf derBühnedesBehandlungsraumes inszeniert, das als Schutz vor der schmerzhaften Bewusstwerdung eigener Wünsche und Phantasien (Dämonen!) bzw. vor dem Erkennen unbequemer oder traumatischer Wahrheiten verstanden werden muss. In einer Lacan’schen Lesart bekommt das Phantasma – inklusive seines Angstaffektes – im Schauplatz einen Rahmen und damit einen Ort (vgl. Lacan, 1962–63). Den Schauplatz als Ort, an dem das Subjekt sein Phantasma inszeniert und auslebt, verlötet Lacan gewissermaßen mit dem Phänomen des acting out und unterscheidet es vom Phänomen des passage à l’acte. Im acting out befindet sich das Subjekt am Ort des Schauplatzes und richtet sich mit einer Art symbolischer Botschaft demonstrativ an den (großen) Anderen (in der Analyse an den Analytiker oder die Analytikerin). Damit befindet es sich innerhalb der symbolischen Ordnung (vgl. ebd., S. 154–161). In Woody Allens Film Anything Else (2003) kauft sich der Protagonist Jason Biggs im Verlauf der Handlung ein Gewehr, was von seinem Analytiker als acting out, als eine agierte aggressive Geste gegen den Analytiker gedeutet wird. Bei Biggs ruft diese Deutung starken Protest hervor (Allen, 2003). Der intersubjektive Diskurs ist hier nicht aufgelöst, er geht vielmehr einen schrägenWeg, einen Umweg über das Handeln, aber er existiert noch, indem er sich des Mechanismus der Stellvertretung bedient (das Kaufen des Gewehrs, statt dem Analytiker beispielsweise zu sagen: »Sie kotzen mich an!«). Es gibt hier also noch einen Platz, auf den man schauen kann, an dem das Subjekt noch in seinem historischen Gewordensein verankert ist. Ganz anders bei dem passage à l’acte: »Der Moment des passage à l’acte ist der der größten Bedrängnis des Subjekts, mit der verhaltensmäßigen Beimischung der Erregung als Ungeordnetheit der Bewegung. Daraufhin, von da aus, wo es ist – nämlich von dem Ort des Schauplatzes (scène), auf dem als fundamental historisiertes Subjekt es allein in seinem Status als 13 Gemeint ist vor allemArgelanders Szene, diemeist »untergründigüberdie Bühnegeht« und »lebenslänglich eingespielte seelische Schutzmechanismen« imHandeln abbildet (Argelander, 1970, S. 63f.). Der psychoanalytische Begriff Schauplatz geht ursprünglich auf Freuds Verwendung des Fechner’schen »Schauplatz der psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens« zurück, den er vom Schauplatz des Wachens abgrenzt, woraus Freud ableitet: »daß auch der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen Vorstellungslebens« (Freud, 1900a, S. 51). Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 59 Subjekt sich aufrechterhalten kann –, stürzt und schwingt es sich aus der Szene heraus« (Lacan, 1962–63, S. 146f.). Das Subjekt reißt förmlich aus dem Schauplatz aus, es überschreitet die symbolischeOrdnungund flüchtet vor demAnderen indie Sphäre desRealen.Das soziale Band des Diskurses ist vollständig aufgelöst, es gibt keinen Ort, kein Schauen mehr. Das wesentliche Korrelat des passage à l’acte ist das Fallen-Lassen im Sinne einer absoluten Identifikation mit dem, was Lacan Objekt klein a nennt14. Woher aber kommt nun dieses Objekt? Im Laufe (der Not) des Lebens, stellen wir uns alle früher oder später die Fragen: »Wer bin ich?« oder »Was bin ich für dich?« Tragischerweise wird es darauf jedoch nie eine allumfassende Antwort geben (vgl. Borens, 2016). Bei jeder Antwort bleibt immer etwas offen, das sich der sprachlichen Benennung, dem Symbolischen entzieht, das quasi durch die Maschen des symbolischen Netzes fällt. Dieser Rest, dieser Ab-Fall bildet das Lacan’sche Reale, ist gleichsam etwas Verlorenes, was durch das Objekt klein a markiert wird: »dieses Verlorene bleibt nicht etwa abstrakt, sondern es wird dem Körper zugeschrieben in Form von Körperteilen, der Brust oder dem Kot z.B., die sich von dem Körper gelöst haben und die nun als verlorene Objekte gelten« (ebd., S. 308). DerRapper schafft es gemäßEbrecht-Laermannnurnochmühsam,dieBalance zwischen Einzelkämpfertum und Bindungswunsch aufrechtzuerhalten. Aber wie genau schafft er das? Meine These ist, dass sich der Rapper, als Zeremonienmeister auf dem Schauplatz, also innerhalb einesOrtes bewegt, an dem imaginäre und symbolische Bedeutungen herrschen, die ständig umgearbeitet werden. Im spielerischen, sprechsingenden Umgang mit dem Objekt klein a (oder dem Abjekt) identifiziert sich derRapper – als vonderGesellschaft abgefallenes Subjekt – mit diesem (verlorenen) Objekt des Ab-Falls. Jedoch ist diese Identifikation nie 14 Dieses Fallen-Lassen bezieht sich auf Freuds Fallbeispiel einer jungen homosexuellen Frau, die nach Missbilligung ihrer homoerotischen Verbindung durch den zornigen Blick ihres Vaters sowie die Zurückweisung durch die Geliebte einen Suizidversuch begeht, indem sie sich in einen Stadtbahngraben stürzt. Der Blick des Vaters ist hier Objekt klein a, mit dem sich die junge Frau – als als einem von ihr abgefallenen, verloren gegangenen Blickes – absolut identifiziert. Gleichzeitig ist sie dadurch mit der Unmöglichkeit konfrontiert, mithilfe ihrer Inszenierung (das öffentliche Turtelnmit der Geliebten) das Begehren ihres Vaters zu erlangen, was endgültig zur Identifikationmit dem Blick führt, durch den sie aus der Szene, aus dem Schauplatz herausgeworfen wird, was sie schließlich durch das Sich-fallen-Lassen realisiert (Freud, 1920a; vgl. Lacan, 1962–63, S. 142; Kläui, 2017, S. 45f.). Steffen Elsner 60 vollständig oder absolut, immer wieder kann Distanz hergestellt werden15, wodurch ein Umgang mit eben jenem Verlorenen möglich wird; mit jenem, was (noch) nicht gesagt werden kann. Um in die Welt des Objektes klein a einzutauchen, bedarf es einer gewissen Offenheit für Inkohärentes und den Exzess, was allerdings nicht ohne Risiko ist, wie der Club 27 beweist. Damit sind die Künstler gemeint, die im Alter von nur 27 Jahren gestorben sind, wie Janis Joplin, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse. Dieser riskanten, undenkbaren (Un-)Welt setzt sich auch Goethes Faust in der »Finsteren Galerie« aus, die Mephisto so beschreibt: »Kein Weg! Ins Unbetretene […] Von Einsamkeit wirst umhergetrieben […] Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne […] Nichts Festes finden, wo du ruhst« (vgl. Holm-Hadulla, 2011, S. 119–122). Faust kommt dieser Welt, dieser Sphäre des Realen zu nah, denn es gibt eine heftige Explosion, die ihn von diesem Ort zurückschleudert. Auch die psychoanalytische Erfahrung birgt eine nicht zu unterschätzende Gefahr, die allgemein als eine Art Annäherung an den psychotischen Kern aufgefasst wird und die Žižek treffend in seinem Buch Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! beschreibt: »In diesem Sinn ist das Wissen, dem sich durch die Psychoanalyse hindurch das Subjekt nähert, unmöglich-real: ein gefährliches Gebiet, wo wir – wenn wir ihm zu nahe kommen – auf einmal gewahr werden, dass wir unsere ontologische Konsistenz verlieren. Deshalb haben wir es in der Psychoanalyse mit einemWissen zu tun, dem eine tödliche Dimension anhaftet« (Žižek, 1991. S. 17). Wie ist das nun beim Selbstmordattentäter? Wo können wir ihn verorten? Ist er wirklich dermaßen gläubig, dass er sich und andere für Allah in die Luft sprengt? Oder ist ein solches Subjekt nicht vielmehr massiv im Zweifel, ob es überhaupt gläubig ist? Und zum Beweis seiner Gläubigkeit (»Allahu Akbar!«) flüchtet es sich – gemäß einem ultra-hysterischen16 passage à l’acte – in eine brutale, katastrophale Tat (vgl. Žižek, 2012). Es scheint also, als ob der Selbstmordattentäter 15 Ich gehe davon aus, dass es sich hier um weniger stabile Vorläufer der Identifikation handelt, indem sich der Rapper in das Objekt klein a projiziert, es wieder introjiziert, es dann wieder ausstößt usw. (wie es Kristeva beim Schriftsteller im Umgang mit dem Abjekt beschreibt). 16 Hysterisch, weil die zentrale Frage des Hysterikers ist: »Wer bin ich?« Übrigens ist das auch allgemein die Frage des durch Sprache determinierten Subjektes; wir alle sind also hysterisiert. Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 61 radikal und in vollemUmfangmit dem fallendenObjekt (klein a) identifiziert ist und sich außerhalb des Schauplatzes in die Wüste des Realen katapultiert, wobei er sich und die Menschen in seiner Umgebung auslöscht. Was ist hier das Objekt klein a, mit dem sich der Selbstmordattentäter identifiziert? Es scheint demModus der Destruktion17 anzugehören, was die Zerstörung des Objektes klein a und damit den Verlust der Realität als solche zur Folge hat. Die Erfahrung, auf die nackte Existenz reduziert zu sein, beschreibt Žižek: »die ›lebenden Toten‹, in den Konzentrationslagern waren […] gleichzeitig auf das ›nackte Leben‹ reduziert und standen für einen reinen Exzess (die leere Form), der übrig bleibt, wenn dem Subjekt der gesamte Inhalt des menschlichen Lebens weggenommen wird« (Žižek, 2014, S. 898). Diese Transgression vom Symbolischen ins Reale beschreiben Ebrecht-Laermann, Bialluch und Sischka als »Implosion der symbolischen Ordnung«, infolge derer eine verflachte Ordnung aus Zeichen entsteht, in der es nur noch um ein-deutige Anzeichen des wahren Islams, dessen wortgetreue und festgelegte Auslegung ohne Mehrdeutigkeiten geht (Ebrecht-Laermann et al., 2017, S. 255f.). Hier begegnen wir erneut der denotativen Verengung der Sprache, bei der Kategorien wie richtig oder falsch, ich oder du zum absoluten Maßstab erhoben werden. Der Übergang vomWort zur (Gewalt-)Tat ist nur einen Steinwurf entfernt. Oder um es mit Freud zu sagen: Es besteht die Gefahr, dass der »Aufschub der Denkarbeit« vom Ich ausgesetzt und die Befriedigung von Bedürfnissen direkt in Motilität umgesetzt wird (Freud, 1933a, S. 82). Wo schleicht der autoritativeWiedergänger? Richten wir unseren Blick nun weg von der Sphäre des Subjektes, hin zur Sphäre der gesellschaftlichen Institutionen, die über die vergesellschafteten Subjekte herrschen. Auf dem Cover des Albums Alle gegen Alle von Zugezogen Maskulin ist der Kampf eines Arbeiters gegen einen Untoten mit seinem Handy(selfie) zu sehen. Nimmt man die Textzeile hinzu »Eigene Marke pushen! Zähne zeigen! Kampf um jeden Like!«, wird schnell klar, dass es sich hier um eine Kritik an der gegenwärtigen Ideologie handelt. Zur Schau gestellt werden die »Diktatur der Followers«, »Influencer-Spastis« sowie »Instagram- und Twitterstars«, 17 Žižek unterscheidet vier Modi des Objektes klein a: Subtraktion, Protraktion, Obstruktion und Destruktion (Žižek, 2014, S. 882–906). Der Modus der Destruktion kommtmit seiner radikalen Entsubstanzialisierung des Subjektes der Kristeva’schen Abjektion am nächsten. Steffen Elsner 62 die allesamt Phänomene der fruchtbaren Verbindung zwischen Digitalismus und globalemKapitalismus sind (ZugezogenMaskulin, 2017).Dass dieser Schauplatz nicht bedeutungslos ist, zeigt nicht nur unsere eigene Erfahrung mit der starken Verführungskraft der digitalen und sozialenMedien wie Facebook, Instagram oder Tinder, die Deals mit großen datenhandelnden Unternehmen abgeschlossen haben, sondern beispielsweise auch das Social Credit System, das 2014 von der chinesischen Regierung beschlossen wurde: Bankdaten, Verwaltungsstrafen, z.B. infolge eines Fehlverhaltens im Straßenverkehr, Postings und Likes im Internet sowie Aufenthaltsorte durch Gesichtserkennung, z.B. auf Demonstrationen, werden erfasst, ausgewertet und in ein Punktesystem gegossen. Vom Punktestand des Einzelnen hängen seine Aussichten auf Job, Wohnung, Ausbildung und Versicherung ab. In der FernsehserieBlackMirror (Folge: »Abgestürzt«, 2016) wird eine derart bedenkliche Verwendung von digitalen Verhaltens- und Körperdaten zugespitzt in Szene gesetzt. Die Dystopie zeigt, wieMenschen anhand ihres »Social Rankings« in Echtzeit bewertet und unmittelbar danach behandelt werden; sozialer Aufstieg oder sozialer Abfall sind mit diesem Ranking identisch. Auch hier geht es also – wie in China – um ein Punktesystem, das der sozialen und ökonomischen Kontrolle von Subjekten und Institutionen dient. Waren, die man auf dem Markt kaufen kann, werden uns als Produkte aufklärerischen Fortschritts, zur Vervollkommnung der Einzigartigkeit oder zur Zerstreuung angepriesen: Sie sollen uns mehr Genießen und Freiheit ermöglichen. Neben den mittlerweile geläufigen Auswüchsen wie »sex sells«, »Bio sells«und»charity sells« scheintdieheutige Ideologie des globalenKapitalismus neue Formen anzunehmen, die mit der rapiden Entwicklung der Digitalisierung verflochten sind. Die Omnipräsenz von Produkten, denen der Buchstabe »I« vorangestellt ist, wie iPhone, iCloud, ja sogar iFightDepression18 ist durchschlagend. Zudem rückt dasWirkungsfeld dieser Produkte immer näher an dieGrenze zwischen Körper und Maschine heran und generiert unüberschaubar viele Körperdaten. Diese Produkte bieten einerseits viele Vorteile und Freiheiten (wie Unterhaltung, verbesserte Gesundheit oder Emanzipation19), andererseits können sie aber auch der sozialen und ökonomischenKontrolle dienen.Nimmtmein 18 iFightDepression ist die Trademark der European Alliance Against Depression (https:// ifightdepression.com). Den Hinweis verdanke ich Diplom-Psychologin Clara Steppat aus Leipzig. 19 Zum Beispiel entwickelte eine Gruppe ägyptischer Feministinnen die App Rescue, um sich gegen die gesellschaftlich tolerierten sexuellen Übergriffe von Männern auf Frauen zu wehren. Wer hat das Abjekt verschreckt? – Vom abgefallenen Subjekt zum fallenden Objekt 63 psychotischer Nachbar seine Medikamente nicht mehr ein, wird er – dank einer neuenMedikamentengeneration – auf seinemSmartphone daran erinnert.20Und nicht nur er – auch sein Hausarzt, sein Psychiater, seine Ehefrau, sein Chef. Im Sinne der Fürsorge für einen Patienten wäre zunächst nichts dagegen einzuwenden. Schaut man jedoch genauer hin, muss man sich fragen, ob hier nicht »die notwendige Selbstbehauptung in einem entfremdetenGesundheitssystem, schon im Keim erstickt« wird, und »welche Reaktion seitens der Kontrollinstanzen« erfolgt, wenn ein Patient nicht »compliant« ist, wie es so schön heißt (Peglau, 2017, S. 5). Žižek behauptet, dass die Tyrannei des 21. Jahrhunderts nicht mehr die Form einer omnipotentenKontrolle im Sinne eines »Big Brothers«wie noch im 20. Jahrhundert habe. Heute tauche die Tyrannei in der Verkleidung der Demokratie und Freiheit auf, die eine »hedonistische Laxheit plus neue Formen der gesellschaftlichen Apartheid und einer Kontrolle, die auf Angst gründet« hervorbringe (Žižek, 2011, S. 32). Fragtman nach den autoritativenWiedergängern, denUntoten, die sich unmerklich des Subjekts bemächtigen und es in den psychischen oder physischen Tod, in den Sog der Ideologie zerren, dann lohnt sich ein Blick auf die gegenwärtigenAntagonismen des globalen kapitalistischen Systems, das in seiner Abstraktion, seiner Herrschaft des Allgemeinen und seinem objektiven Geist auch immer ein kaltes, entmenschlichendes Reales mit sich bringt, dessen Abkömmlinge sich in dieMenschen hinein verlängern und die Grundlage für eine radikale Entsubstanzialisierung der Subjekte bildet. Allerdings lässt diese radikale Entsubstanzialisierung des Subjektes, also dessen Reduktion auf einen Unmöglichkeitspunkt, – historisch betrachtet – auch die Verwirklichung einer Möglichkeit erkennen, womit sie »für eine Art ungeschichtlichen Exzess« steht, der »jeder geschichtlichen Lebensform zugrunde liegt und sie trägt« (Žižek, 2014, S. 898). Beispielsweise bringt der Exzess des universitären Diskurses stets eine bestimmte Art von Wissen hervor: werden ausschließlich objektive, neurobiologische und genetische Erklärungen z.B. für psychogene Funktionsstörungen (Lähmungen,Durchfall usw.) gesucht, droht das Subjekt, als ein gespaltenes – also mit einem Unbewussten ausgestattetes – herauszufallen. Aus diesem aufklärerischen Exzess jedoch resultierte vormals der Diskurs der Hysterie, der das Subjekt mit einer Seele und einemUnbewussten in denMittelpunkt stellte: die Geburtsstunde der Freud’schen Psychoanalyse. 20 Bei dem Produkt Abilify MyCite ist ein Sensor in die Tablette eingebaut, der nach Einnahme ein Signal an einen Empfänger funkt, der sich in einem auf dem Körper angebrachten Pflaster befindet und das Signal an die App auf dem Smartphone und in die Cloud weiterleitet. Steffen Elsner 64 Literatur Argelander, H. (1970). Das Erstinterview in der Psychotherapie. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Bayer, L. (2008). Das unmögliche Genießen der Sublimierung. RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse, 69/70(II–III), 9–25. Borens, R. (2016). Glanz und Elend der Sprache. Sprechen oder gesprochen werden? Kinderanalyse, 24(4), 305–316. Duncker, H. (in Druck). Der ewige Ödipus – zu den Grundlagen menschlicher Gewalt. In H. Duncker, R. Hampe & M. 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Sein Gebein wird zu Korallen, Perlen sind die Augen sein, Nichts an ihm, das soll verfallen, Das nicht wandelt Meeres-Hut In ein reich und seltenes Gut. W. Shakespeare,Der Sturm, 1623 Die europäischen Postmigranten-Jugendlichen leben zumeist in einer psychischen Verfassung, die von Problemen mit der Orientierungsfindung und Identitätssuche geprägt ist. Ein Teil dieser Jugendlichen, Kinder und Kindeskinder von Migranten, stellt die Gesellschaften derMigrationsländer vor enormeHerausforderungen. Bei diesen Jugendlichen handelt es sich vor allem um jungeMänner aus patriarchalisch-islamisch geprägten Familien die seinerzeit wegen ökonomischer oder politischer Missstände in ihren Ursprungsländern in europäischen Ländern Zuflucht gesucht haben. Wie können wir aus psychoanalytischer Perspektive die psychische Entwicklung und die innerpsychischen Konflikte dieser Postmigranten verstehen, also der Kinder einer Generation, die aus Leid und Not ihren Kulturraum verlassen, mit Fleiß und Fügsamkeit in der ihnen neuen Gesellschaft funktioniert haben? Wie können wir die unbewusste Struktur der Generation der Postmigranten verstehen, aus deren Mitte im Extremfall Gewalt hervorgeht, vermeintlich religiöser Opfermut und Märtyrertum, Bereitschaft, sich selbst und andere zu töten? Die These, der in dieser Arbeit nachgegangen wird, lautet, dass es im neuen kulturellen Umfeld zu einem Verfall der Autorität der Männer kommt, sodass sie in den Familien ihre Funktion als Väter nicht mehr ausreichend erfüllen können. Diese Männer/Väter werden aus westlicher Sicht oft als Patriarchen verstanden, sind jedoch in der Realität des Lebens im Migrationsland gebrochene Männer mit verfallener Autorität. Um diesen durch die Migration hervorgerufenen Au- 1 Als Alternative für den Begriff »Menschen mit Migrationshintergrund« verwende ich »Postmigranten«. 67 toritätsverlust nachvollziehen zu können, möchte ich zunächst mit einem Exkurs über die Autorität beginnen. Autorität Hannah Arendt schreibt in ihremArtikel »Was ist Autorität?«, dass es schwierig sei, Autorität zu definieren, da der Begriff in der westlichen Kultur in verschiedenen historischen Epochen mit unterschiedlichen Auffassungen geformt worden ist. Sie beschreibt eine Spanne von konservativer Verherrlichung der Autorität bis hin zur Verneinung und Ablehnung jeglicher Autorität, was sie kritisch als Verfall und»Autoritätsverlust dermodernenWelt«wertet (Arendt, 1955/1957, S. 158). Arendt vertritt die Auffassung, dass jede Gesellschaft und jedes IndividuumAutoritäten benötigen, »daß es ein geordnetes Gemeinwesen ohne Autorität oder eine Erziehung ohne Autorität nicht geben könne« (ebd.). Denn die zentrale Funktion der Autorität sei dieWeitergabe der Tradition und Bewahrung der Religion als Bestandteil der menschlichen Zivilisation. In der Psychoanalyse Freuds lässt sich zwar keine explizite Definition von Autorität finden, aber Freud beschreibt die Tradition im Erinnern und im »Geiste des Vaters« (Heim, 1999, S. 17), und damit die Bedeutung von Autorität. Er selbst bot sich als Person undWissenschaftler für den Bestand und dieWeiterentwicklung der Psychoanalyse durch seine Fähigkeit und kraft seiner Leistung als Vater und Autorität an. In seiner Theorie des Ödipuskomplexes markierte er den Vater als Zentrum der psychischen Entwicklung und die Auseinandersetzung mit der väterlichen Vorherrschaft als zentralenBestandteil des individuellenundkulturellen zivilisatorischen Fortschritts. Später, inTotem und Tabu hat er unter Rückgriff auf den Darwin’schen Urhordenmythos der Ermordung des Urvaters durch seine Söhne demÖdipuskomplex auch eine phylogenetische Bedeutung verliehen. In dieser Auseinandersetzung mit der Autorität des Vaters wird zwar die väterliche Autorität mit der Tötungsfantasie des Sohnes in der ödipalen Phase angegriffen, aber der symbolische Vatermord führt nicht zu einer Beseitigung, sondern vielmehr zu einer Verinnerlichung des Vaters. Die Tötungsfantasie der Söhne speist sich in seiner Konzeptualisierung nicht nur aus einemHassgefühl, sondern auch aus Liebe und demWunsch, ihn als Vorbild zu ehren und sich an seine Stelle setzen zuwollen. Bildlich betrachtet, sichern sich die Söhne durch die Einverleibung eines Stückes vomVater ihre Identitätmit ihm. Freud sah in dieser Zwiespältigkeit der Vater-Sohn-Beziehung die Wurzeln der Gefühlsambivalenz und des Schuldgefühls sowie die Entstehung einer Vatersehnsucht der Söhne.Dieser unbewussteMechanismus der kindlichenEntwicklung, so Freud,wird Mahrokh Charlier 68 kontinuierlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Die Entwicklung von Schuldgefühlen aus der Gefühlsambivalenz, das Zusammentreffen von Liebe und Hass gegen dasselbe Objekt im symbolischen Vatermord mit gleichzeitiger Internalisierung, wurde für ihn zumUrsprung vonKultur und zurQuelle der Religion. Die Gemeinsamkeit zwischen den Überlegungen von Sigmund Freud und Hannah Arendt besteht darin, dass beide Autorität und Gewalt entkoppeln. Arendt schreibt der Autorität eine notwendige und legitime Funktion zu und betont die Zusammengehörigkeit von Tradition, Religion und Autorität, wobei sie die Autorität als stabilsten Teil dieser Trinität betrachtet. Auch Freud konzipiert in der symbolischen Vatertötung eine Entkopplung von Gewalt und Autorität, die mit der Entwicklung von Ambivalenz und Schuldgefühl einhergeht und als Treiber und Hüter von Tradition und Religion fungiert. Die Notwendigkeit von Autorität beginnt auch für Arendt im präpolitischen Bereich, durch die »Autorität der Eltern über die Kinder, eine elementare Form der Beziehung, mit der die Eltern ihren Kindern gegenüber die Verantwortung für die Welt, in die sie ihre Kinder hinein gezeugt und geboren haben, übernehmen« (Arendt, 1955/1957, S. 163). Sowohl Freud als auch Arendt möchten die Autorität nicht verfallen lassen, sondern plädieren gegen Zwang und Gewalt im autoritären Verhalten und bejahen die Erhaltung und Sicherung der Tradition durch die Autorität. Ruth Stein hat zwischen einem archaischen bzw. primären und einem ödipalen Vater unterschieden. Den archaischen Vater setzt sie Freuds Urvater gleich, der über willkürliche Macht verfügt und von anderen tyrannisch Unterwerfung verlangt. Der ödipale Vater dagegen ist in ihrem Verständnis ein Repräsentant des Gesetzes und der Kultur. Beide müssen aus ihrer Sicht überwunden werden, um denWeg der Separation und der Individuation der Söhne zu bahnen und sich von denpatriarchalischen Strukturen zu lösen (Stein, 2005, S. 108).Diese Entwicklung wird in den modernen westlichen Gesellschaften zusehends von einem Prozess der Entidealisierung, Enttraditionalisierung und Säkularisierung und einem Verfall der Autorität erfasst. Mit diesem Autoritätsverfall und Traditionsverlust, so wieder Arendt, droht auch ein Verlust der Vergangenheit, der Tiefendimension im menschlichenDasein: »DennGedächtnis undTiefe sind dasselbe, jedenfalls kann es fürMenschen Tiefe nicht geben ohne Erinnern« (Arendt, 1955/1957, S. 160). Die traditionelle Bewältigung des ödipalen Konflikts Für die Konzeption der bewussten und unbewussten psychischen Entwicklung ist seit Freud ein symbolischer Vatermord für die Bewältigung des ödipalen Kon- Autorität und Postmigranten 69 fliktes zentral. Diese Bewältigung beinhaltet eine Infragestellung der väterlichen Position und die damit verbundene Entidealisierung seiner Macht. Diese Sicht des Verlaufs der Bewältigung ist im kulturellen Kontext der abendländischen Kultur entstanden, die den gesellschaftlichen Wandel mit innovativen Veränderungen und einer zunehmenden Bedeutung von Individualität im Verlauf ihrer Geschichte immer weiterentwickelt hat. Die zunehmende Verabsolutierung der Individualität und der egalitären, demokratischen Ordnung des Überzeugens impliziert einen Bedeutungsverlust des anderen, wie ihn Arendt als »Autoritätskrise« bzw. »Autoritätsverlust der modernen Welt« formuliert – egalitäres Argumentieren sei unvereinbar mit der hierarchischen Ordnung der Autorität, deren Legitimität beide Parteien anerkennen (ebd., S. 158). In den überwiegend durch die Stärke der Tradition und Autorität geregelten patriarchalischen Gesellschaften im islamisch-orientalischen Kulturkreis kommt im Vergleich mit der westlich-abendländlichen Kultur der kollektiven Identität eine größere Bedeutung als der individuellen zu. Autorität, religiöse und traditionelle Zusammengehörigkeit dienen als Vermittler dieser kollektiven Identität, und das Zusammenspiel dieser drei Instanzen prägt die innerpsychische Entwicklung des Kindes. Beginnend mit der Geburt, bleiben die Mutter bzw. die Frauen der Familie für das Kind als weitgehend unveränderte primäre Objektbeziehungen bestehen, während der Vater als triangulierendes Objekt in den ersten fünf bis sechs Lebensjahren weitgehend außerhalb bleibt, bis der Sohn – oft mithilfe traditioneller Rituale wie der Beschneidung und anderer religiöser Praktiken – vom Vater aus der Frauenwelt heraus- in die Männerwelt hineingeholt wird. Ein symbolischer Vatermord durch die Söhne ist somit in der traditionellen islamischen Kultur schwer vorstellbar. Der Vater bleibt also als eine uneingeschränkte Autorität über seine Kinder präsent und fungiert als Hüter des Inzesttabus und als Repräsentant des Gesetzes in Familie und Gesellschaft (Charlier, 2006). Das Über-Ich und die Sicherung des Inzesttabus bleiben, im Gegensatz zu Freuds Überlegungen zum Ausgang des Ödipus-Konfliktes, an die reale Präsenz des Vaters gebunden. Mit seiner aktiven Einmischung in die primär strukturierte Mutter-Kind-Beziehung in der Latenzphase findet meines Erachtens eine aus psychoanalytischer Sicht verspätete Triangulierung statt. Als Autorität und Gesetzgeber führt der Vater den Knaben von derMutter weg und in die Gesellschaft bzw. die Außenwelt ein: der Eintritt ins Erwachsenenalter. Dieser psychischen Struktur entspricht eine auf die Tradition ausgerichtete Kultur (»kalte Kultur« im Sinne von Lévi-Strauss und Erdheim), die vonGeneration zuGeneration weitervermittelt wird. Die späte Triangulierung bzw. der aktive Eingriff des Vaters in die Erziehung des Kindes fällt in die Latenzphase. Mahrokh Charlier 70 Die Latenz Die Latenzphase ordnet Freud zwischen zwei Schüben der infantilen psychosexuellen Entwicklung ein. »Der erste Schub nimmt in den Jahren zwischen zwei und fünf seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand oder zur Rückbildung gebracht. Der zweite Schub setzt mit der Pubertät ein und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens. Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird aber höchst bedeutungsvoll für die Störung dieses Endzustandes« (Freud, 1905d, S. 100f.). Freud räumt ein, dass die Latenzzeit eine Ruhephase in der Entwicklung des Kindes sei, in der die Strebungen der infantilen Sexualentwicklung mit ihren libidinösen und aggressiven Strebungen durch Verdrängung und Umwandlung neu geordnet werden. So wird ein Raum für die Konzentration auf Äußeres und Kulturelles frei, wie Erdheim ausführt: »Während der Latenzzeit führen die Verdrängungen zu einer Umwandlung der sexuellen Strebungen in zärtliche; die aggressiven Strebungen erfahren eine Wendung nach Innen und dienen der Aufrichtung des Über-Ichs« (Erdheim, 1984, S. 274). Und Freud schreibt in »Die Zukunft einer Illusion« (1927c): »Es scheint vielmehr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht aufbauen muß; es scheint nicht einmal gesichert, daß beim Aufhören des Zwanges die Mehrzahl der menschlichen Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lebensgüter bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen, daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind, um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen« (Freud, 1927c, S. 328). Was die Aufrichtung des Über-Ichs in der Latenzzeit und das Phänomen der Latenzzeit überhaupt anbelangt, wird heute diskutiert, ob sie grundsächlich ein Artefakt autoritärer und triebfeindlicher Gesellschaften sei. In diesem Sinne haben ethnopsychoanalytische Forscher festgestellt, dass die psychosexuellen Phasen und Verläufe in der Entwicklung des Kindes von der jeweiligen Kultur entscheidend beeinflusst werden, was Hans Hopf als ein bio-psycho-sozial-kulturelles Zusammenspiel bezeichnet (Hopf, 2014, S. 147). Autorität und Postmigranten 71 Am extremen Beispiel der Azteken-Gesellschaft zeigt Erdheim, wie in kalten Gesellschaften der Sozialisationsprozess verläuft. Demnach wurden die Kinder nach einer langen Stillzeit und intensiver mütterlicher Zuwendung etwa ab dem achten oder neunten Lebensjahr durch drakonische Maßnahmen, mit heftigen körperlichen Strafen und religiösen und mythischen Ritualen aus der mütterlichen Obhut herausgeholt und in das Erwachsenenleben hineingezwungen (Erdheim, 1984, S. 236ff.). Für unsere Fragestellung zur Autorität des Vaters in der muslimisch-traditionellen Kultur, bei der es sich ebenfalls um eine kalte Kultur handelt, bedeutet dies, dass auch hier der Vater erst in der Latenzzeit als Orientierungsgeber und Identitätsstifter in der Beziehung zumKnaben aktiv undwirksam wird. Die späte Triangulierungsfunktion des Vaters erfordert einen verdichteten emotionalen Einsatz, durch Anwesenheit und aktivesWirken den Knaben in die Gesellschaft zu begleiten, sozusagen eine Vermittler-Position zwischen Familie und Gesellschaft einzunehmen. Die Gesellschaft mit ihren institutionellen Angeboten, wie z.B. Schule und Religion, verhelfen den Knaben dazu, sich in die Tradition der Väter einzureihen. Oder wie Erdheim es zusammenfasst: »Wenn jeder evolutionäre Schritt mit neuen Bewußtseinsformen verknüpft sein muß [...], so kann man auch annehmen, daß eine Gegenevolution, ein Aufhalten der Entwicklung, wie wir sie bei den Azteken feststellen können, mit Unbewußtheit zusammenhängenmuß; unbewußt werdenmuß das Innovationspotential« (ebd., S. 234). Autoritätsverfall undMigration DieAutorität des orientalischen Patriarchats gerät infolge derMigration imWesten aus den Fugen. Während der Autoritätsverfall in der abendländlichen Kultur als geschichtlicher Prozess über einen langen Zeitraum voranschreitet, überfällt er den in den Westen migrierten orientalisch-islamischen Patriarchen quasi über Nacht. Er verliert in der neuen Kultur seine bevorzugte und ehrwürdige Position, die er in seiner Ursprungskultur hatte. Dieser sprachlos gewordeneMannwird als Vater von seinenhäufigparentifiziertenKindernalshilflosePerson in einerGesellschaft erlebt, in der individuelle Stärke, Autonomie und ökonomische Unabhängigkeit wertgeschätzt werden. Eine Gesellschaft, in der weniger die Tradition sinngebend ist als narzisstische Erfüllung, in der jeder seine eigenen Ziele verfolgt und so lebt, wie er es für richtig hält. In einem solchen gesellschaftlichen Rahmen gerät die besondere Wertschätzung der Autorität desMannes im traditionell-islamischenKulturkreis in den Verdacht einer gesellschaftlich unakzeptablenHaltung. Hierzu zwei Beispiele: Mahrokh Charlier 72 1. Ein marokkanischer Einwanderer, ein gläubiger Muslim, kam als junger Mann als Facharbeiter nach Deutschland. Zunächst ging er einer regelmä- ßigen Tätigkeit nach und nahm seine Außenseiterposition in der Firma als erträglich wahr. Doch nach einigen Jahren wurde ihm das Empfinden, an seinem Arbeitsplatz aufgrund seiner muslimischen Zugehörigkeit diskriminiert zu werden, unerträglich. Der Patient, der inzwischen verheiratet war und zwei Kinder hatte, entwickelte psychosomatische Symptome und begab sich in psychotherapeutische Behandlung. SeinenKonflikt beschrieb er in den Sitzungen vor allem als ein unerträgliches Gefühl von Scham und der Sorge, seiner Familie bzw. seinen Kindern gegenüber versagt zu haben. Während des therapeutischen Prozesses wandte er sich zunehmend an seinen Gott und fühlte sich in der Gesellschaft von »Ungläubigen« immer unwohler. 2. Ein pakistanischer Arzt, der zur privilegierten Gesellschaftsschicht seines Landes zählte, musste aus politischenGründen emigrieren. InDeutschland angekommen, wurde er nach langer Arbeitslosigkeit Bauarbeiter und später Frührentner. In all diesen Jahren sprach er mit seinen Kindern über die erhabene Stellung, die er in der Heimat gehabt hatte, wie über eine Welt der Großartigkeit, in der er von großer Bedeutung gewesen war. Sein Sohn suchte mit 18 Jahren aufgrund einer schweren Angstsymptomatik eine psychotherapeutische Behandlung auf, in deren Verlauf eine Innenwelt sichtbar wurde, die von Größenfantasien und Kleinheitsängsten geprägt war. Die Unerträglichkeit des Autoritätsverlustes zwingt diese Männer in der neuen Kultur zu einem inneren Exil und regressiver Abwehr. Als Väter sind sie infolgedessen nicht imstande, ihre späte triangulierende Funktion zwischen Mutter und Sohnwahrzunehmen und als orientierungsgebendes und identitätsstiftendes Objekt für ihre Söhne zu fungieren. Stattdessen versuchen sie ihre Autorität mit Gewalt und durch tyrannisches Verhalten in der Familie durchzusetzen; oder sie flüchten aus der Familie und/oder werden zu Patienten mit psychosomatischen oder schweren somatischen Erkrankungen. Die Postmigranten-Jugendlichen Arendt unterscheidet zwischen politischer und privater Autorität und betont deren Verknüpfung miteinander. Die private, die sie auch präpolitische Autorität Autorität und Postmigranten 73 nennt, bezieht sich auf das Autoritätsverhältnis zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern und ähnlichen erzieherischen Rollenverhältnissen. Bedingt durch Divergenzen in Bezug auf den Stellenwert von präpolitischer Autorität zwischen Herkunfts- und neuer Kultur haben viele jugendliche Postmigranten muslimischer Herkunft eine gestörte Autoritätsordnung mit einem psychisch oder auch physisch abwesenden oder tyrannischen Vater erfahren. Der in der neuen Kultur oft sprachlos gewordene Vater wird in der außerfamiliären Umwelt als randständig und ohne Autorität erlebt. Dieser außerfamiliäre Bedeutungsverlust geht mit einem innerfamiliären Autoritätsverlust einher. Infolgedessen kann der Vater seine in der Herkunftskultur zentrale Funktion als spättriangulierendes Objekt nicht oder nur eingeschränkt ausüben und von den Kindern nicht als ein »Objekt der Sehnsüchte« (Metzger, 2013) wahrgenommen werden. Polemisch formuliert: Wo der Vater schon tot ist, kann es weder eine Vatermordfantasie noch eine Identifikation mit der Autorität des Vaters geben, die grundlegend für die Über-Ich-Entwicklung und die Entwicklung einer männlichen Identität ist. Auch die außerfamiliäre, gesellschaftliche Sicht auf Autorität, z.B. die Schule, bietet kein Regulativ für die Postmigranten und trägt mit ihrer antiautoritären, Autonomie und Selbstbestimmung betonenden Haltung eher zur Konflikthaftigkeit insbesondere für die Jungen bei. Die fehlendeÜbereinstimmung zwischen den Sozialisationsanforderungen traditionaler und moderner Gesellschaften erschweren die Entwicklung einer stabilen Identitätsfindung und Persönlichkeit, was in der Phase derAdoleszenz zumAuslöser innerer Bedrängnis wird. Zunächst versuchen viele Postmigranten-Jugendliche durch einen progressiven Schritt sich altersentsprechend aus der engen familiären Bindung zu lösen, doch dieser Weg erweist sich mangels stabiler Persönlichkeitsentwicklung als steinig und schlägt häufig fehl. Ursächlich dürften der Mangel an einer triangulierenden Objekterfahrung in der Mutter-Kind-Beziehung, das Fehlen einer verinnerlichten väterlichen Autorität und das hieraus resultierende unbewusste Gefangensein in einer fortbestehenden primärenMutter-Kind-Beziehung sein. Die physische und/oder psychische Abwesenheit des kulturell gebrochenen Vaters führt zu einer noch stärkeren Dominanz der traditionell ohnehin mächtigen Mutter. Die Repräsentanz des Vaters im Unbewussten der Mutter ist von der Idealisierung des eigenen Vaters und der Enttäuschung durch den Autoritätsverlust des Mannes geprägt, was in der Familie nur allzu oft in der Idealisierung und Idolisierung des Sohnes Widerhall findet. Lorenz Böllinger kommt in seiner Arbeit »Zur gesellschaftlichen Konstruktion von Sexualität« in Bezug auf abwesende Väter zu ähnlichen Ergebnissen: Mahrokh Charlier 74 »ZuverändertenBedingungsgeflechten tatsächlicherEntwicklung gehörendie tendenziell immer kleiner, vielfältiger, labiler, frauendominierter werdenden Familien ebenso wie die von dieser familialen Sphäre scharf getrennte, männlich und vonAggression bestimmte (Freizeit, Konsum, und Jugendkultur), mit ihrer Idealisierung phallischer Männlichkeit. Hinzu kommt der häufige Mangel an Vatererfahrung als Grund für die fast grenzenlose Bereitschaft zur Idolisierung männlicher Macht und die Abwehr von Nähe, Emotionalität und Körperlichkeit« (Böllinger, 2015, S. 618). Scheitern die progressiven Bemühungen der Postmigranten-Jugendlichen, den Idealisierungen und Idolisierungen der Mütter zu entsprechen, an der gesellschaftlichen Realität, kommt es zu unterschiedlichen regressiven Bewegungen. Ein 20-jähriger iranischer Patient, der wegen seiner ausgeprägten Orientierungslosigkeit und depressiven Symptomatik in die Behandlung kam, berichtete, dass sein Vater immer »in sich gekehrt« sei. Es sei unmöglich, mit ihm in Kontakt zu kommen. SeineMutter habe den Vater aufgegeben und lebe mit ihm nur noch in einer Zweckgemeinschaft. Nach einem Loslösungsversuch vom Elternhaus und dem Versuch eines Studiums, war der Patient wieder zu seinen Eltern zurückgezogen, wo er sich »von der Mutter verwöhnen« ließ, bis dahin, dass sie ihm Haare und Nägel schnitt. Der Patient, obwohl in Deutschland geboren und aufgewachsen, vermied jetzt den Kontakt zu gleichaltrigen Deutschen, bewegte sich ausschließlich in iranischen Jugendgruppen und träumte davon, im Iran zu leben, um es dort »zu etwas Großem« zu bringen. Die psychische Dynamik in Gruppen von Jugendlichen, derenMitglieder eine Störung der Vater-Kind-Beziehung aufweisen, deutet Erdheim hauptsächlich unter demAspekt derRegression auf präödipale Strukturen.DerMangel an väterlicher Autorität und die unbewusste Fixierung auf eine primäre Mutterbindung führen dazu, dass die ziellosen und unstrukturierten Affekte des Jugendlichen in der Kohärenz einer Gruppe nach Bezugspunkten und Schutz suchen, was Erdheim als » […] eine Verlagerung der Bindung von den Eltern auf die Gruppe« beschreibt: »Diese Verlagerung können wir so verstehen, dass das adoleszente Individuum durch die Initiation in gewissen Bereichen seiner psychischen Organisation auf die orale Phase, d. h. auf die orale Bindung an die Mutter fixiert wird« (Erdheim, 1984, S. 292). Auch Metzger beschreibt diese regressive Bewegung in solchen Gruppen, betont jedoch einen anderen Aspekt als Erdheim, indem er die Gruppe als eine Gemeinschaft versteht, die dem abwesenden Vater eine Gestalt zuweist. Das fehlende Dritte der väterlichen Autorität wird durch ein fantasiertes grandioses Vaterbild ersetzt, welches in gemeinsamen Aktionen Autorität und Postmigranten 75 Gruppenkohäsion erzeugt. Dies sei eine Suche nach einem symbolischen »Vaterbild, das es ihm erlaubt, sich von der einzigen Konstante in seinem Leben, der geliebten Mutter, zu entfernen und einen Vater zu suchen, auf den er stolz sein könnte« (Metzger, 2013, S. 34). In all diesen Bewegungen der Postmigranten-Jugendlichen lässt sich ein Retraditionalisierungsprozess beobachten, der neben progressiven Anteilen ein regressives Potenzial entfaltet. Die Interessen richten sich dann zunehmend auf die Ursprungsfamilieund -kultur;Religiosität gewinnt anBedeutung; ein»Founding Father« im SinneArendts wird gesucht; und die sozialenKontakte außerhalb der Angehörigen der Herkunftskultur werden reduziert. Im Extremfall entwickelt sich, wie Ruth Stein schreibt, die Gefahr der Transformation des Wunsches, den Vater lieben zu können, in eine bedingungslose Unterwerfung unter eine vergöttlichte Vaterimago.Das»Bild eines Vaters, der das Fenster zur Außenwelt aufstößt und seiner Tochter wie seinem Sohn Befreiung aus der häuslichen Enge und der absoluten Macht der Mutter ermöglicht« führt also im Extremfall statt in Freiheit und Kreativität in mörderische Selbstzerstörung (Stein, 2005, S. 104). Die Gemeinschaft bietet auch die Möglichkeit, auf die erfahrene narzisstische Kränkung, die die Entwertung der Ursprungskultur darstellt, offensiv zu reagieren. Freud schreibt über die Feindseligkeit der Unterdrückten gegenüber der Kultur, dass die Unterdrückten, die seiner Vorstellung nach in der Triebstruktur verankerte Aggression nicht mit Libido verbinden können und somit keine Ambivalenz in Beziehung zur Kultur zugelassen werden kann. Erst die Entwicklung von Schuldgefühlen und die Verinnerlichung von Aggressivität im Rahmen einer Entwicklung des Über-Ichs ermögliche die Regulierung von Aggressivität. Eissler greift diesen Gedanken Freuds auf, wenn er das Scheitern der Versuche, die menschliche Aggression zumeistern, auf die Verbindung der AggressionmitNarzissmus und Ambivalenz zurückführt. Jedes Element für sich sei lebenserhaltend: »Die Ambivalenz steht der Fixierung an Objekten im Weg – Fixierungen, die die innere Entwicklung des Menschen gefährden und Stagnation in der kulturellen Entwicklung verursachen würden. Der Narzissmus ist dadurch, daß er eine egozentrische Einstellung erzwingt, die erste Vorbedingung für das Überleben; er verschafft dem Menschen eine feste Ausgangsstellung, von der aus er sich in das Abenteuer des Lebens vorwagen kann, ohne Gefahr zu laufen, sein wertvolles Erbe zu vergeuden« (Eissler, 1971/1980, S. 37). Erst wenn die Wechselwirkung dieser drei Elemente kein Gleichgewicht zulässt, wenn die an sich notwendige Aggression zugleich zur Hauptquelle der narzissti- Mahrokh Charlier 76 schen Befriedigung wird undAmbivalenz sich nicht hat entwickeln können, wird es verhängnisvoll. Winnicott und Mentzos dagegen gewichten im Zusammenhang mit Aggressivität die Umweltfaktoren weit stärker. So schreibt Winnicott: Wenn die Gesellschaft in Gefahr sei, liege das nicht an der menschlichen Aggressivität, sondern an der Verdrängung der persönlichen Aggressivität bei jedem Einzelnen (Winnicott, 1976, S. 89). Mentzos betont den inneren Druck und die ihm zugrunde liegenden Konflikte, die aggressiv-destruktive Muster mobilisieren. Er sieht es so, dass es bei der Aggression wie bei den sexuellen Wünschen sei – erfahren sie eine Behinderung, komme es zu einer expansiven Reaktion. Der Behinderung, so Mentzos, liegen implizite Konflikte zugrunde: Die permanenten, unlösbaren und zwangsläufigen Frustrationen führen naturgemäß zu Aggressionen (Mentzos, 1993, S. 83ff.). Als einen wichtigen Bestandteil der aggressiven Entwicklung des Jungen (in unserem Fall des Jugendlichen aus dem islamischen Kulturkreis) sehe ich die Erfahrung eines kulturellen Bruchs infolge kultureller Differenzen, wie beispielsweise – umanunseremSchwerpunkt zu bleiben–denunterschiedlichenUmgang mit Autorität und den Autoritätsverfall des Mannes bzw. der Väter im Migrationsland. Die Suche nach väterlicher Autorität und einem Entkommen aus der ungebrochenen primären Mutterbindung kann im Extremfall zum Anschluss an autoritär strukturierte, regressive Gemeinschaften wie z.B. den IS führen. Die verhängnisvolleWechselwirkung vonNarzissmus, Aggression und fehlender Ambivalenz sowie die unbewussten Vereinigungswünsche mit der primären Mutter, vor der er bewusst geflohenen ist, gehen dann mit der Entbindung einer destruktiven Aggressivität kaum vorstellbaren Ausmaßes einher. Michael Günther schrieb in der FAZ über denWahnsinn, dass Tausende Europäer und Amerikaner für den »Islamischen Staat« kämpfen. »Die Terroristen versprechen einen Lohn, den der freiheitliche Westen nicht bieten kann.« Auf der Suche nach einer Erklärung dafür, dass junge Männer, meist Anfang oder Mitte 20 oder gar noch Teenager, die in Freiheit und oft auch Wohlstand aufgewachsen sind, sich diesemWahnsinn hingeben, schildert er den Fall von Douglas McCain. »Douglas McCain aus Minnesota war ein leidenschaftlicher Basketballspieler, bevor er für den IS kämpfte und starb. Schier unbegreiflich, warum irgendjemand das Leben in Paris oder Toronto gegen das in Raqqa oder Mossul eintauschen will.« Günther kommt dabei zu der Annahme, vieles spreche dafür, »dass die Empfänglichkeit für die Botschaften des ›Islamischen Staates‹ etwas mit der inneren Leere der Jugend desWestens zu tun hat« (Günther, 2015). Die- Autorität und Postmigranten 77 se Jugendlichen suchen durch die Gründung eines Kalifats, dessen Anführer sie sich bedingungslos unterwerfen, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Das Beispiel des Anschlusses an den IS ist ein Extremfall, der uns jedoch zum Nachdenken zwingt. Das, was Günther als »innere Leere der Jugend des Westens« interpretiert, ist in meinem Verständnis auch ein zentrales Thema für die Postmigranten und ist insbesondere dadurch bedingt, dass infolge der kulturellen Differenzen die traditionelle Familienstruktur aus den Fugen gerät, was vor allem mit einem Autoritätsverfall der Väter einhergeht. Bestätigt finde ich diese Einschätzung durch den französischen Soziologen Gilles Kepel, der neben anderen auch familienpsychologische Faktoren für den Anschluss von Jugendlichen an den IS einbezieht: »Wenn er [Kepel] die Eltern der in den Dschihad gezogenen Jugendlichen treffe, habe er es fast ausschließlich mit Müttern zu tun, weil die Väter die Familien längst verlassen hätten« (Bopp, 2015). Zusammenfassung Auch meine klinische Erfahrung mit Migranten zeigt, dass regelhaft die Väter aus dem patriarchalischen, vor allem islamischen Kulturkreis ihre Familien aktiv oder passiv verlassen. Die physische und psychische Nichtpräsenz des Vaters und seine fehlende Autorität als Begleiter des Jungen hinterlässt in traditionellen patriarchalischen Familienstrukturen eine besonders gravierende Leerstelle. Da die Mutter und andere weibliche Familienangehörige in den ersten Jahren fast die alleinigen Objekte des Kindes sind, verdichtet sich im Alter von etwa sieben bis acht Jahren mit der Beschneidung die Funktion des Vaters als spättriangulierndes Objekt. Als begleitende Autorität muss er den Jungen an die Hand nehmen, seine bislang primären und nicht ausdifferenzierten Gefühle von Liebe und Hass der Mutter gegenüber zu regulieren. Der Vater muss sich also dem Jungen mit Bildern, wie er zu sein hat, mit Anerkennung, Belohnung und, wenn nötig, Bestrafung zur Verfügung stellen und fungiert damit – aus westlicher Sicht nachträglich – als Repräsentant des Gesetzes und als quasi externalisiertes Über- Ich affektregulierend. Es sind Funktionen eines Vaters, die wir aus psychoanalytischer Sicht im früheren Lebensalter des Kindes ansiedeln, die hier verdichtet in der Latenzzeit mit starkem Einsatz des Vaters zu bewältigen sind, um für den Jungen orientierungsgebend und identitätsstiftend wirken zu können. Man kann es als eine zweite Chance für die Entwicklung des Jungen sehen, in der die enge, ausschließliche Beziehung zur Mutter eine Lockerung erfährt. Mahrokh Charlier 78 Am Ende meiner Überlegungen wende ich mich wieder einer Äußerung Hannah Arendts zu, die als eine Quintessenz ihrer Überlegungen in diesem Zusammenhang angesehenwerden kann:»wo immer eines der Elemente […]Religion oder Autorität oder Tradition, in Zweifel oder außer Kurs gesetzt worden ist, (waren) die beiden anderen Elemente unweigerlich mitbetroffen« (Arendt, 1955/1957, S. 193). Revolutionäres Handeln, gemeinhin als Bruch mit der Tradition angesehen, begreift sie als scheinbares Rettungsmittel zu einer Wiederherstellung der Trinität von Autorität, Tradition und Religion, die aber zum Scheitern verurteilt ist. »Die Krise ist so radikal, daß selbst die von der Tradition noch vorgesehenen äu- ßerstenRettungsmittel nichtmehr helfen, beziehungsweise unzugänglich sind. […] daß wir uns auch von der Gründung und Neugründung und der […], mit ihr unausweichlich verbundenen Anwendung von Gewalt nichts versprechen können. Was sich in unserer Zeit durchzusetzen pflegt, ist nicht die Gründung, sondern die Gewalt. Sicher jedenfalls ist, und dies wusste niemand besser als Machiavelli: ›Nichts ist so schwer zu vollbringen, nichts so ungesichert im Erfolg und nichts so gefährlich, auch nur zu unternehmen, als eine neue Ordnung der Dinge‹« (ebd., S. 168). Literatur Arendt, H. (1955/1957). Was ist Autorität? In dies., Fragwürdige Traditionsbestände im politischen Denken der Gegenwart. Vier Essays (S. 117–168). Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt. Böllinger, L. (2015). Soziopsychoanalytische Reflexionen zur gesellschaftlichen Konstruktion von Sexualität und neuen Beziehungsformen. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 69(7), 603–631. Bopp, L. (2015). Ihr Ziel ist der Bürgerkrieg. FAZ-Feuilleton vom 29.06.2015, 9. Charlier, M. (2006). Geschlechtsspezifische Entwicklung in patriarchalisch-islamischen Gesellschaften und deren Auswirkung auf den Migrationsprozess. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 60(2), 97–117. Eissler, K.R. (1971/1980). Todestrieb, Ambivalenz, Narzissmus.München: Kindler. Erdheim, M. (1984).Die gesellschaftliche Produktion vonUnbewußtheit. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Freud, S. (1905d). Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In ders., GWV, S. 33–45. Freud, S. (1912–13a). Totem und Tabu. GW IX. Freud, S. (1927c). Die Zukunft eine Illusion. In ders., GWXIV, S. 325–380. Günther, M. (2015). Wahnsinn. FAZ-Feuilleton vom 30.08.2015. Autorität und Postmigranten 79 Heim, R. (1999). Utopie und Melancholie der vaterlosen Gesellschaft. Gießen: Psychosozial- Verlag. Hopf, H. (2014). Die Psychoanalyse des Jungen. Stuttgart: Klett-Cotta. Mentzos, S. (1993). Der Krieg. Frankfurt/Main: Fischer. Metzger, H.-G. (2013). Fragmentierte Vaterschaften. Frankfurt/Main: Brandes & Apsel. Stein, R. (2005). Zur psychischen Verfassung religiös motivierter Selbstmordattentäter. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, 59(2), 97–126. Winnicott, D.W. (1976). Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. München: Kindler. Die Autorin Mahrokh Charlier, Dr., geb. in Teheran/Iran, lebt seit 1967 in Deutschland. Sie ist Psychoanalytikerin der deutschen und internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Gruppenanalytikerin und Supervisorin. Seit 1982 ist sie in freier psychoanalytischer Praxis sowie der Ambulanz des Frankfurter psychoanalytischen Instituts tätig und Mitarbeiterin in der Freudian Group of Teheran. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kulturtheorie, Religionswissenschaft, Ethnopsychoanalyse und Migration. Sie publiziert zum Beispiel in Religion und Fanatismus, Jungen in der Krise,Migration, Flucht und Kindesentwicklung sowie die Monografie Ost-westliche Grenzgänge (2017). Mahrokh Charlier 80 Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition Kommentar zumBeitrag vonMahrokh Charlier Micha Böhme Die PsychoanalytikerinMahrokhCharlier diskutiert in ihremText die psychische Entwicklung von Menschen, die zu Gewalt, religiösem Opfermut undMärtyrertum neigen. Als Ursache vermutet sie einen männlichen Autoritätsverlust, der gerade Jungen in der Sozialisation psychisch stark beeinträchtigen kann. Eine von Gewalt undZwang befreiteAutorität, so ihr Programm, solle gepflegtwerdenund labile Persönlichkeiten stützen. Diese These werde ich im Folgenden diskutieren. Zur Debatte steht dabei, wie und in welcherWeise an Tradition angeknüpft werden kann. Ich werde den Gedanken entfalten, dass auch die Tradition in sich widersprüchlich ist, weswegen sie nicht unkritisch fortgeführt werden sollte. Jedes Denken steht in der Tradition. Die entscheidende Frage ist, ob es sich dessen bewusst ist oder nicht. Charlier liefert verschiedeneErklärungendafür,weshalb sichbestimmte»junge Männer aus patriarchal-islamischem Kontext« radikalisieren oder treffender: warum sie autoritär revoltieren. Als zentralen Faktor macht sie die Religion aus, in deren Umfeld die jungen Männer aufwuchsen oder der sie sich später zuwandten. Den Islam bestimmt sie dabei als Gehorsamsreligion, in der religiöse Normen autoritär durchgesetzt werden, was verhindere, dass die Anhänger ein starkes Über-Ich und ein Inzesttabu entwickeln und verinnerlichen. Beide bleiben äußerlich, geschützt lediglich durch strenge Regeln und harte Strafen. Als Gehorsamsreligion unterscheidet sich der Islam strikt von seinen jüdischen und christlichen Ahnen, denn in diesen ist das Hadern mit Gott oder das Zweifeln an seiner Existenz ein grundlegendes Moment. Der islamische Gott hingegen fordert starke Gemeinschaft und unterbindet Ambivalenz, die Individualität und Kreativität fördert. Charlier attestiert den jungen Männern eine unverarbeitete Ambivalenz. Aus dem unreflektierten Changieren zwischen den Traditionen der 81 Herkunftskulturen und dem Lebensstil des Einwanderungslandes entsteht Orientierungslosigkeit und innere Leere. Charlier zufolge verliert die Autorität der Männer mit dem Wandel der Lebensbedingungen anKraft, verfällt infolge von Statusverlust und finanzieller Unsicherheit. Durch diese Faktoren seien die zugewanderten Männer zusehends in eine innere Emigration gezwungen worden, weshalb diese Männer unzureichende Väter geworden sind. Sich mit väterlicher Vorherrschaft auseinanderzusetzen ist Charlier zufolge aber ein wesentlicher Motor individuellen und kulturellen Fortschritts, was allerdings voraussetzt, dass der Vater anwesend ist, einen Gegenpart bietet und es dem Heranwachsenden ermöglicht, sich konfrontativ mit ihm auseinanderzusetzen. Bei diesen Jungen entwickelt sich oft eine ungerichtete Aggressivität, die besonders dann bedrohlich wird, wenn sie schließlich doch ein Ziel findet. Mangelndes Vermögen, sich zu orientieren sowie eine pathogene Mutterbindung kennzeichnen die Situation. Weshalb die psychische Struktur von Jungen aus diesen Familien oft instabil ist, erklärt die Psychoanalytikerin damit, dass im migrantischen patriarchal-islamischen Kontext der Vater oft innerlich emigriert oder gebrochen, und daher für den Konflikt nicht verfügbar ist. Libidinöse und aggressive Empfindungen, Todeswünsche und Ängste dem Vater gegenüber werden psychisch nicht durchgearbeitet und stattdessen durch eine »globale Identifikation« mit dem Vater unterdrückt. Eine reflektierbare Ambivalenz oder Kritik ihm gegenüber ist deshalb psychisch nicht möglich. Auch die Beziehung zurMutter wird häufig hinter inhaltsleeren ldealisierungen verborgen (Charlier, 2008, S. 171), sodass beide Elternteile als unfehlbar angesehen werden. Aus den Studien zum autoritären Charakter sind solche Dispositionen nur allzu bekannt. Charlier verweist darauf, was Autorität in der islamischen Gemeinschaft bedeutet: Sie vermittelt Tradition und verbindet das Individuummit der Vergangenheit.MitHannahArendt zeigt sie, dass jedeGesellschaft und jedes Individuum Autorität benötigt. Gemeinwesen könnten anders nicht funktionieren. Da die Autorität Traditionweitergebe und die Religion als Teil menschlicher Zivilisation bewahre, ziehe ihr Niedergang einen Verlust an Geschichte und Tiefe nach sich. Aus diesemGrund seiAutorität notwendig und legitim; sie soll jedoch vonZwang undGewalt entkoppelt werden. Charliers Kernthese lautet denn auch: Die Autorität solle die Tradition, von Zwang undGewalt befreit, erhalten. Dabei stellt sich jedoch die Frage, welche Traditionen sie dabei im Sinn hat und was eine zwangund gewaltfreie Autorität überhaupt sein soll. Die von ihr genannte verursacht, wie sie eindrücklich schildert, systematisch Schmerz und Leid und erweist sich damit als entscheidendes Moment der Problematik selbst, nicht als ihre Lösung. Micha Böhme 82 Der These von Charlier möchte ich entgegenhalten, dass islamisch-patriarchale Traditionen nicht erst im Migrationskontext erhebliche psychosoziale Probleme verursachen. So beschreibt der Politologe Nazīh Aiyūbī bereits 19911 die Situation in den islamischen Ländern alsWiderstreit zwischen den religiösen und verstärkt auf Familie gerichteten Gesetzen einerseits und den Anforderungen einer liberalen Wirtschaftsordnung andererseits, die durch eine urbanisierte Lebenswelt und die mit ihr verbundenen neuen sozialen Strukturen entstanden sind. Politische Institutionen richten sich im Islam häufig auf die Familie als gesellschaftliche Grundeinheit, während die öffentlichen Moralvorstellungen rigide gegen die Einzelnen durchgesetzt werden. Diese Regeln entstammen noch der Zeit, als die islamische Kultur von arabischen Nomaden entwickelt wurde. So resultiert etwa die Polygamie aus der hohen Männersterblichkeit durch Kriege zwischen den Stämmen (Aiyūbī, 1991/2002, S. 59). Die Konkurrenz unter den Frauen brachte diese dazu, aktiv ihre sexuellen Reize einzusetzen. Überhaupt kommt der Sexualität in islamischen Gemeinschaften ein bedeutenderer Status als in westlichen Ländern zu. Unbefriedigte männliche aber auch weibliche Lust gilt als gefährlich für die Gesellschaft, weil sie Unordnung stifte (ebd., S. 61).Moral und sittliches Verhalten werden nicht durch verinnerlichte Gebote, sondern durch räumliche und soziale Geschlechtertrennung durchgesetzt: nicht dieMänner sollen lernen, sich zu beherrschen und ihre Triebe zu zügeln, sondern »die Lösung [besteht] darin, den Körper der Frau zu verbergen und sie – mit Ausnahme der ehelichen Beziehung – so gut wie möglich von Männern fern zu halten« (ebd., S. 60). Moral wird in islamischen Gemeinschaften also nicht individuell verankert. Vielmehr werden die Verhältnisse, das Schicksal und die Außenwelt für das eigene Handeln verantwortlich gezeichnet. Um »Sünde« zu vermeiden, wird die Frau verhüllt, nicht die individuelle Sinnlichkeit beherrscht; um Diebstahl zu vermeiden, die Hand abgehackt, die ihn beging (ebd., S. 71). Im Laufe der Jahrhunderte wandelten sich zwar Ökonomie, Politik, Kultur und Erziehung/Bildung innerhalb der islamischen Gesellschaften grundlegend, aber die Familie blieb in ihrer traditionellen Form erhalten. In vielen muslimischen Ländern säkularisierten sich die meisten Gesetzesbereiche, nicht jedoch das Familienrecht (ebd., S. 68). Zwar interpretierenMuslime (laut Maxime Rodinson) den Islam unterschiedlich, aber moralisch differieren sie nur geringfügig. Sie teilen eine Vorstellung vom Islam alsWächter und Anwalt traditioneller Moralvorstellungen. Die religiöse Tradition wird zur Beherrschung des weiblichen 1 Also weit bevor die Destabilisierung der islamischen Länder in den Protesten des »arabischen Frühling« offenbar wurde. Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition 83 Geschlechts, das als schwach und unterlegen angesehen wird, benutzt (vgl. Rodinson, zitiert nach Aiyūbī, 1991/2002, S. 69). Die mit der modernen Produktionsweise einhergehenden Veränderungen und die überkommenen Normen und Regeln stehen also miteinander im Widerstreit. So folgen die schnell errichteten Wohnviertel in den Industriestädten nicht mehr den Regeln der Geschlechtertrennung – Frauen sind in ihnen viel präsenter. Ihr Leben verändert sich notwendigerweise, da sie dazu beitragen oder es sogar ganz übernehmen, die Familie zu finanzieren. Sie leben öffentlich, verlassen das Haus, um Geld zu verdienen, zur Schule zu gehen, sie nutzen öffentliche Verkehrsmittel, haben Kollegen oder Schulkameraden. Kurz: das Familienoberhaupt hält sie nichtmehr unter Kontrolle, seine »Ehre« scheint jederzeit verletzt werden zu können. In diesen Vierteln, so beschreibt es Aiyūbī, kommt es vermehrt zu verbaler und physischer Gewalt. Besonders innerhalb der Unterschicht und unter den Neuzuwanderern werden sämtliche Lebensäußerungen sexualisiert wahrgenommen (Aiyūbī, 1991/2002, S. 63), was nur vordergründig an der Präsenz von Frauen liege. Entscheidend ist vielmehr, dass voreheliche sexuelle Begegnungen nicht liberalisiert wurden, weil an der traditionellen Regel festgehalten wird, Sexualität dürfe nur ehelich ausgelebt werden. Das Heiratsalter verschob sich aus ökonomischen Gründen in den 1980er Jahren für Männer um durchschnittlich fünf bis sieben Jahre nach hinten, was zu massiver sexueller Not führte. Denn obwohl Sexualgenuss in islamischenGesellschaften grundsätzlich als erstrebenswert gilt und im Einklang mit der Religion steht, ist sie außerhalb der Ehe2 grundsätzlich untersagt (ebd., S. 64). Die männliche Aggression folgt dem sexuellen Elend und dem weitgehend ausbleibenden gesellschaftlichen Erfolg. Hinzu sei dann noch die (aufgrund des Antisemitismus in den meisten arabischen Gesellschaften) als national demütigend empfundene Existenz des israelischen Staates gekommen. All das musste kompensiert werden: Frauen wurden zur Zielscheibe, um die männliche Würde wiederherzustellen (ebd., S. 65). Aiyūbī zufolge reagiert die Zwangsverschleierung von Frauen und zunehmend auch jungen Mädchen auf die neue, beängs- 2 Im schiitischen Islamgibt es die Ehe auf Zeit, sie kann zwischen 30Minuten und 99 Jahren dauern. Diese Ehe wird vertraglich besiegelt; dieser Vertrag kann sowohl einen »Ehe-Betrag« oder die Anzahl der sexuellen Kontakte beinhalten. Die Ehe auf Zeit kann die Form von Prostitution annehmen und für die Frauen ein Leben in sozialer Isolation bedeuten. Für bisher unverheiratete Iranreisende bietet sie aber die Chance, gemeinsame Hotelzimmer buchen zu können (vgl. Balle, 2015). Micha Böhme 84 tigende Situation des urbanen Lebens (ebd., S. 62). Im modernen städtischen Leben sind Frauen viel exponierter – und dadurch gefährdet, Ziel der Frustration zu werden, weshalb sich zu verschleiern Schutz vor sexuellen Übergriffen bietet. Die Verschleierung wird nicht als religiöses (oder politisches) Symbol, sondern ausschließlich imKontext der Beziehung der Frau zumMann diskutiert. Der Schleier bietet aber nicht nur Schutz vor übergriffigen Blicken, er übersexualisiert die schleiertragende Frau auch. Durch den Schleier werden bereits siebenjährige Mädchen als Sexualobjekte gekennzeichnet, wenn sie diesen tragen. An religiösen Autoritäten festzuhalten, verhilft also im islamischen Kontext nicht dazu, wie Charlier meint, »den Knaben in die Tradition der Väter einzureihen«, sondern versagt erotischeWünsche. Sexuell frustrierte Männer wenden sich jedoch oft nicht gegen politische, soziale oder ökonomischeUnterdrückung, vielmehr verteidigen sie Moral und Religion. Mit Wilhelm Reich (1933) argumentieren sowohlMernissi als auch Aiyūbī, dass sich Sexualität beim frustrierten Mann geradezu zur Obsession weitet. Die ihm zur Wahl stehenden Wege der Spannungsminderung (Masturbation und Homosexualität) sind beide religiös nicht anerkannt (Aiyūbī, 1991/2002; Mernissi, 1975/87). Dieser Gemengelage entspringt ein männlicher Selbstekel, denn da die Männer ihren eigenen Normen nicht entsprechen, empfinden sie sich als unrein (Aiyūbī, 1991/2002, S. 66). Die seit den 1980er Jahren zunehmende Frauenfeindlichkeit in dermuslimischen Welt ist nicht als Rückschritt in archaische Verhaltensweisen zu begreifen, sondern als ein höchst moderner Verteidigungsmechanismus gegen die umfassenden Veränderungen im Geschlechterverhältnis, welche die modernen Produktionsverhältnisse bewirkten (vgl. Rodinson, zitiert nach Aiyūbī, 1991/2002, S. 67). Nicht erst infolge der »Migration in denWesten« (Charlier) verhalten sich traditionelle, patriarchaleWerte hochgradig unstimmig undwidersprüchlich zu den modernen Lebenswelten. Charlier zufolge könne sich der migrierte Mann, der die »bevorzugte und ehrenwürdige Position […] seiner Ursprungskultur« verloren hat, nicht mehr äußern. Aiyūbī hingegen arbeitet klar heraus, dass bereits der Durchschnittbürger in einem muslimischen Land (politisch) sprachlos ist (Aiyūbī, 1991/2002, S. 70). Charliers psychoanalytische Erkenntnisse unterstützen durchaus Aiyūbīs Thesen. Auch sie beschreibt, dass in der patriarchal-islamischen Familie die Autonomie des Einzelnen autoritär unterbunden wird. Psychische Konflikte wie der Ödipuskomplex werden nicht durchgearbeitet, stattdessen unterwerfen sich religiös erzogeneMuslime gehorsamderüberliefertenTraditionenundden religiösen Autoritäten, jedoch unter größter Angst in einem leidvollen Sozialisationspro- Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition 85 zess. Die eingeforderte Unterwerfung unter die väterliche Autorität wird nur unter Kastrations- und Todesangst akzeptiert.3 Der Vater steht allerdings bereits im Heimatland nicht zur Verfügung, den Ödipuskomplex psychisch zu bearbeiten, da der Junge seine ersten Lebensjahre in der abgetrennten Welt der Frauen verbringt. Der Vater wird primär in seinem Verhalten zurMutter erlebt, während der Sohn keineObjektbeziehung zu ihm aufbauen kann.Weder verfügt der Sohn über Autonomie gegenüber demVater – er wird eher als sein Diener angesehen – noch kann er die Gewalt des Vaters verarbeiten, sodass ihm bloß bleibt, sich mit dem Aggressor zu identifizieren. Sind die Eltern in der Lage, die engen Regeln ihrer Religion zu weiten oder zu brechen, können fehlende Orientierung und innere Leere durchaus individuell ausgeglichen werden. Infolge der autoritären Erziehung in islamischen Gesellschaften können muslimische Jungen nur schwer mit Ambivalenzen undAmbiguitäten umgehen. Bereits in denHerkunftsländern prallen jedoch jene zwei Kulturen aufeinander, die einander, vereinfachend und ahistorisch, als »Orient« und »Westen« abstrakt gegenübergestellt werden: die Kultur der persönlichen und die Kultur der sachlichen Abhängigkeitsverhältnisse. Charliers Argumentation zielt darauf, die gebrochenen migrantischen Männer durch eine von Gewalt und Zwang befreite Autorität zu stabilisieren. So sollen sie in die Lage versetzt werden, die innere Leere zu füllen. Aber ist dasmöglich? Eine aktuelle psychologische Querschnittstudie4 hat untersucht, inwieweit gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen, die in traditionellen Geschlechterverhältnissen vorherrschen, dazu dienen, fehlende Perspektiven und eine soziale Randstellung zu kompensieren (Klein et al., 2017, S. 152). Dabei zeigte sich, dass männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund (vor allem aus russi- 3 Sich im Ankunftsland aus einer engen und bevormundenden Kultur zu emanzipieren, ist oft nur unter großem Leid oder mit therapeutischer Hilfe möglich. In ihrem Text über »Geschlechtsspezifische Entwicklung in patriarchal-islamischen Gesellschaften und deren Auswirkungen auf den Migrationsprozeß« beschreibt Charlier, dass Frauen diese Chance besser für sich nutzen können als Männer, ihnen hilft die »frühe Erfahrung der Gleichgeschlechtlichkeit zwischenMutter und Tochter« dabei, einen stabilen Identitätskern auszubilden (Charlier, 2008, S. 114). 4 9.943 Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 19 Jahren; Hauptschule, Realschule, Gesamtschule, Gymnasium, Berufsschulen; Fragebogen: 1) Strengths and Difficulties Questionaire (SDQ-Deu), je 8-Item-Skala für externalisierende (EP), also Impulsivität, Aggressivität und motorische Unruhe, und internalisierende Probleme (IP), also Depressivität und Ängste; 2) Skala zu gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen (GLMN), erfasst Zustimmung zu patriarchalischen Männlichkeitsbildern. Micha Böhme 86 schen und arabisch-islamischen Kontexten) häufiger zu Gewalt greifen, obwohl sie psychisch nicht stärker belastet sind als andere Jugendliche. Um sich zu stabilisieren, wählen sie ein auf Aggressionen, Dominanz und körperlicher Stärke basierendes Männlichkeitskonzept. Dieses beziehen sie aus ihrer Identifikation mit den Traditionen und Wertvorstellungen der Herkunftsländer. Allerdings beeinträchtigt diese Strategie, psychisch belastende Situationen zu bewältigen, das subjektive Wohlbefinden erheblich. Plecks (1995) »Gender Role Strain Paradigma« besagt, dass gewaltorientierte Männlichkeitskonzepte sowohl das eigene Ich als auch die soziale Umwelt belasten. Die Frage ist, weshalb werden solche Männlichkeitsnormen trotzdem nicht aufgegeben: Werden mit ihnen Entwicklungsaufgaben bewältigt? Können sie sozial-ökonomische Benachteiligung ausgleichen? Während Klein et al. gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen als problembeladenen Kompensationsversuch für psychisch schwierige Situationen betrachten, erachtet Mahrokh Charlier die schweren psychischen Beeinträchtigungen als ursächlich für Gewaltneigung, religiösen Opfermut und Märtyrertum. Um die labilen Persönlichkeiten zu stützen, sollen Traditionen gerade vermittelt werden. Charliers Ausführungen lassen aber offen, in welcher Weise an die Tradition angeknüpft werden sollte. Das mit islamisch-patriarchalen Lebensweisen verbundene Männlichkeitskonzept erweist sich doch bereits als sozial und psychisch destabilisierend. Die Antwort auf die Frage, warum sich Menschen dafür entscheiden, innere Leere durchHass zu übertünchen, begründet sichmeines Erachtens auch nicht aus einemMangel an Tradition. Auch kannman die Tradition selbst nicht einfach ihresGewaltkerns entkleiden.Nur, indemman ihn reflektiert, ihn also gerade in den Fokus rückt, ist eine Auseinandersetzung mit Tradition möglich, die nicht die Geschichte (die gerade in Gewalt und Herrschaft besteht) verdrängt. So werden beispielsweise Antisemitismus und Zivilisationsfeindschaft kritisierbar, die sowohl im »Westen« als auch im »Orient« Tradition haben. Die Wiederkehr des lmmergleichen, des mythischen Moments in der vermeintlich durchrationalisierten Welt ist auch in westlichen Gesellschaften schwer zu verleugnen. Die kapitalistische Gesellschaft dreht sich auf der Stelle wie eine sogenannte kalte Gesellschaft5, doch ermöglicht und erzwingt sie dabei partiellen Fortschritt. Die Menschheit muss sich der Tradition der Aufklärung, verstanden als Prozess, stellen. Dies zu verweigern, führt notwendig in die Katastrophe. Horkheimer konstatiert in seinerKritik der instrumentellen Vernunft: 5 Auch der »Westen« ist keineswegs derart linear strukturiert, wie Levi-Strauss mit seinem Begriff der warmen Gesellschaft, auf den sich Charlier beruft, vermuten lässt. Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition 87 »Wir sind zum Guten oder Schlechten die Erben der Aufklärung und des technischenFortschritts. Sich ihnen zuwidersetzendurchRegression auf primitive Stufen, mildert die permanente Krise nicht, die sie hervorgebracht haben. Im Gegenteil, solche Auswege führen von historisch vernünftigen zu äußerst barbarischen Formen gesellschaftlicher Herrschaft. Der einzige Weg, der Natur beizustehen, liegt darin, ihr scheinbares Gegenteil zu entfesseln, das unabhängige Denken« (Horkheimer, 1947/1967, S. 123). Nur durch ihre Kritik können aufklärerische Traditionen gerettet werden, d. h. durch ein Denken, das sich selbst zum Gegenstand nimmt. Nur so kann sich die Menschheit mit Geschichte und Tradition verbinden, ohne ihnen das individuelle Leben zu opfern. Traditionmuss zivilisiert werden. Dies darf jedoch nicht auf »Kulturen« verteilt werden, denn die Aufklärung ist auch im Westen nicht die »Kultur«. Sie ist vielmehr immer wieder aufs Neue zu erkämpfen und durchzusetzen. Literatur Aiyūbī, N. (1991/2002). Politischer Islam. Religion und Politik in der arabischen Welt. Freiburg: Herder. Altemeyer, B. (2006). The Autoritarians. theauthoritarians.org/Downloads/TheAuthoritarians.pdf (29.03.2017). Balle, J. (2015). Zeitehe in Iran: Willkommen im Heiratsclub! Zeit online. zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-02/iran-ehe-auf-zeit (27.07.2018). Bank, A. (2009). Die Renaissance des Autoritarismus. 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Wenn die Kritik zum Tabu wird (S. 379–391). Wiesbaden: VS. Die Autorin Micha Böhme, Diplom-Erziehungswissenschaftlerin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Dort wirkt sie an den Studien »Konfliktraum Leipzig« und »Jugendstudie Leipzig« mit und schreibt ihre Dissertation. Aggression, Dominanz und Autoritätsverlust – Die Zivilisierung der Tradition 89 Falsche Propheten Zur Aktualität der Demagogiestudien von Leo Löwenthal und Norbert Guterman1 Philipp Lenhard Im Jahr 1949 veröffentlichten Leo Löwenthal und der leider etwas in Vergessenheit geratene polnisch-jüdische Psychologe und Übersetzer Norbert Guterman ihre StudieProphets of Deceit als fünften Band der vonMaxHorkheimer und Samuel Flowerman imAuftrag des American JewishCommittee herausgegebenen Reihe Studies in Prejudice (Löwenthal &Guterman, 1949; im Folgenden zitiert nach der deutschen Übersetzung Löwenthal, 1990b). Sie steht damit im grö- ßeren Zusammenhang der vielfältigen Antisemitismusstudien des Instituts, die sich von historischen Darstellungen über empirische Studien bis hin zu theoretischen Erörterungen erstreckten (Institute of Social Research, 1944–1945; Adorno & Horkheimer, 1944/1947; Massing, 1949). Besonders bekannt geworden ist freilich die unterMitarbeit TheodorW.Adornos entstandene Studie The Authoritarian Personality, die noch immer zum Kanon der modernen Sozialpsychologie zählt (Adorno et al., 1950). Eine andere, weniger umfangreiche Studie Adornos, die in unmittelbarer Beziehung zu Löwenthals undGutermans Buch steht, ist erst posthum als Anhang einer besonderen, editorisch problematischen deutschen Fassung der Studien zum autoritären Charakter im Jahr 1973 erschienen, wurde 1975 auch in Band 9.1 der Gesammelten Schriften (GS) abgedruckt, und ist schließlich im Jahr 2000 in englischer Originalfassung bei Stanford University Press erschienen: Es handelt sich um die Untersuchung Die psychologische Technik in Martin Luther Thomas’ Rundfunkreden, in der Adorno (1973) mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse die Radioanspra- 1 Der vorliegende Text basiert auf einem Vortrag undweist daher an vielen Stellen noch die narrativen Züge der ursprünglichen Fassung auf. Der Autor bedankt sich bei Johannes Buchholz, Alex Gruber und Niklaas Machunsky für wichtige Anregungen. 91 chen des US-amerikanischen Agitators Martin Luther Thomas dechiffrierte. Die Studie hat mit Prophets of Deceit gemein, dass beide sich den antisemitischen Agitatoren, den Demagogen, zuwenden, während The Authoritarian Personalityund auchdie unveröffentlicht gebliebene StudieAntisemitismamong American Labor sich gewissermaßen den Zuhörern, den Empfängern antisemitischer Propaganda widmen. Dem unterschiedlich gearteten Forschungsobjekt entsprechend verwendeten Adorno, Löwenthal und Guterman auch eine andere Quellenbasis: im Gegensatz zu den genannten Studien nutzten sie keine Fragebögen oder Interviews, sondern analysierten und dechiffrierten Propagandareden und Pamphlete. Der methodische Zugang ähnelte dagegen dem der anderen Projekte und lässt sich vielleicht am besten mit dem Schlagwort »politische Psychologie« kennzeichnen. Es handelt sich nicht um klassische Ideologiekritik, insofern der Antisemitismus vornehmlich als psychologisches Phänomen verstanden wird, in dem sich unbewusste Triebregungen artikulieren, die der Agitator geschickt manipuliert und fixiert (vgl. Claussen, 1987; vgl. Rensmann, 1998, S. 91–112). Im engeren Sinne geht es Adorno, Löwenthal und Guterman daher um die Technik des Massenbetrugs – ein Begriff, der erstmals in der Dialektik der Aufklärung im Kulturindustrie-Kapitel verwendet wird, das bekanntlich den Untertitel »Aufklärung als Massenbetrug« trägt (Adorno & Horkheimer, 1997). Dies zeigt bereits, dass das Phänomen des faschistischen Agitators der 1930er und 1940er Jahre im amerikanischen Kontext einer modernen, spätkapitalistischen Massenkultur verortet wird. Die Flanken zur Unterhaltungsindustrie sind offen, denn auch der Agitator lebt davon, sein Publikum zu unterhalten undAuswege aus der individuellen Sinnkrise anzubieten. Gleichzeitig reguliert in der Kulturindustrie die Produktion auch in vielerlei Hinsicht den Konsum. Übertragen auf Prophets of Deceit bedeutet das, dass der Agitator nicht nur die unbewussten Sehnsüchte der Zuhörer bedient, sondern sie auch schafft, indem er die unbewussten Triebimpulse in eine bestimmte Richtung lenkt. Es gibt somit zwei Ebenen der Analyse, die sich nicht ohneWeiteres voneinander trennen lassen: Das eine ist die Untersuchung der Technik der Manipulation und Menschenführung, die Frage also, wie der Agitator es schafft, die Massen an sich zu binden. Das andere ist der Inhalt der Radioansprachen und Pamphlete, der sich von der Technik nicht ganz ablösen lässt, der aber doch, wie die Autoren hervorheben, auch eine weitreichende Beliebigkeit aufweist. Für die Frage nach der Aktualität der Demagogiestudien Löwenthals und Gutermans bedeutet das, nicht krampfhaft nach demselben Typus des Agitators zu suchen, sondern vielmehr zu fragen, was seitdem passiert ist, wie sich Massenbetrug und demagogische Propaganda seither entwickelt Philipp Lenhard 92 haben. Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, werden im Folgenden drei Thesen vorgestellt, die nach einigen Vorüberlegungen im Kontext vertieft werden: 1. Die vonLöwenthal undGuterman untersuchteTechnik desMassenbetrugs hat sich verallgemeinert und ist im Zeitalter der »verwalteten Welt« in den gesamten politischen und ökonomischen Bereich eingedrungen. 2. Der Typus des Agitators hat sich diversifiziert. Wir finden ihn nicht mehr nur in der politischen Rechten, sondern auch in der Linken, und nicht zuletzt bei Islamisten und Verschwörungsparanoikern, die sich jenseits des alten Rechts-Links-Schemas verorten. 3. In den allermeisten Fällen glaubt der Agitator selbst, was er sagt. Es handelt sich nicht nur um eine perfide ausgeklügelte Manipulation, sondern das damit verknüpfte irrationaleWeltbild bezieht den Agitator selbst ein. Die Demagogiestudien im historischen Kontext Wenn nun konkret auf die Bedeutung von Prophets of Deceit für die politische Analyse der Gegenwart eingegangen werden soll, so gilt es zunächst, innezuhalten und sich nicht selbst von den umgehend aufkommenden Assoziationen leiten zu lassen, denn es ist wirklich erstaunlich: Hat man die Studie Löwenthals und Gutermans im Hinterkopf und hört dann Donald Trumps Reden, so hat man das Gefühl, die Zeit sei angehalten. Trump steht eindeutig in der Tradition des amerikanischen Agitators und nicht zufällig haben zahlreiche Autoren die zugegebenermaßen leicht schiefe Parallele zu Andrew Jackson gezogen (vgl. etwa Baker, 2017). Aus der Perspektive der Kritischen Theorie haben John Abromeit (2016) und Douglas Kellner (2016) das Phänomen Trump erschöpfend analysiert und dabei auch Löwenthals und Gutermans Studie einbezogen (etwas oberflächlich dagegen Ross, 2016). Was aber bei allen Ähnlichkeiten nicht vergessen werden darf: Löwenthal und Guterman haben Agitatoren untersucht, die sich zur Zeit des Nationalsozialismus, des deutschen Vernichtungskrieges und des Holocaust offen positiv auf das nationalsozialistische Projekt bezogen. Diese Agitatoren haben antisemitische Hetze verbreitet und massiv dazu beigetragen, dass auch in Amerika die Gewalt gegen Juden für einen kurzen Zeitraum Einzug gehalten hat, und zwar so sehr, dass Adorno, Löwenthal und andere ernsthaft fürchteten, der Nationalsozialismus könne sich auch in den USA durchsetzen. Die Furcht der Kritischen Theoretiker war keine Spinnerei, denn sie hatten dafür empirische Anhaltspunkte, nicht zuletzt die von Friedrich Pollock und Paul Falsche Propheten 93 Massing geleitete umfangreiche Studie über den Antisemitismus unter amerikanischen Arbeitern, die so erschreckende Resultate zutage förderte, dass die Studie nie veröffentlicht wurde. Insbesondere unter denArbeitern in derKriegsindustrie gab esmassenhaft Zustimmung zu antisemitischen und autoritären Einstellungen (vgl. Ziege, 2009, S. 180–228). Donald Trump bedient im Gegensatz dazu zwar an den Antisemitismus anschlussfähige Ressentiments und relativiert die Bedrohung, die von rechtsextremen Fanatikern ausgeht, hat aber nie einen Zweifel daran gelassen, dass er sich für die Sicherheit der amerikanischen Juden einsetzt und sich demStaat Israel verbunden fühlt. Das sind keine zu vernachlässigenden Unterschiede, wenn mit der Kritischen Theorie davon ausgegangen wird, dass der Antisemitismus kein beliebiges Vorurteil ist, sondern eine universelleWelterklärung, die alleWidersprüche zu integrieren weiß. Auch Trumps Gegnerschaft zum globalen Djihadismus (der im Gegensatz zur »jüdischen Weltverschwörung« real existiert) und zu totalitären Staaten wie Nordkorea und Iran steht im deutlichen Gegensatz zu den faschistischen Agitatoren der 1940er Jahre. Mit anderen Worten: So sehr also Trump in der Tradition des amerikanischen Agitators steht, der hauptsächlich den pejorativ als »White Trash« (vgl. Isenberg, 2016) apostrophierten weißen Arbeiter vertritt und dafür rassistische, sexistische und teilweise auch latent antisemitische Ressentiments aufruft, so sehr ist er zugleich auch der antitotalitären Ausrichtung der amerikanischen Politik zutiefst verbunden. Insofern müsste sehr viel tiefer in die amerikanische Geschichte eingetaucht werden, um das Phänomen Trump zu verstehen, weshalb der Versuchung widerstanden werden sollte, die Analyse einfach eins zu eins aus Prophets of Deceit abzuleiten. Im Folgenden wird daher dieDemagogiestudie eher als Anregung verstanden, in einer bestimmten Art und Weise – nämlich einer politisch-psychologischen – gegenwärtige Phänomene der Massenverführung zu analysieren. Politische Ökonomie und »sozialeMalaise« Ausgangspunkt bleibt trotzdem die Demagogiestudie Löwenthals und Gutermans selbst, denn es ist offensichtlich, dass zahlreiche Elemente der »falschen Propheten« von einst auch heute noch und in einem ganz anderen politischkulturellen Kontext wirksam sind, weil ihre gesellschaftlichen Bedingungen fortbestehen. »Die Klagen und Beschwerden des Agitators sind nicht einfach aus der Luft gegriffen«, heißt es in einer allgemein gehaltenen Passage von Falsche Propheten: Philipp Lenhard 94 »Das für den modernen Menschen charakteristische Bewußtsein der Isolation, seine sogenannte geistige Heimatlosigkeit, seine Verwirrung angesichts der scheinbar unpersönlichen Mächte und Kräfte, als deren hilfloses Opfer er sich erlebt, sein immer schwächer werdendes Wertempfinden – all diese Motive tauchen auch in modernen soziologischen Arbeiten immer wieder auf« (Löwenthal, 1990b, S. 29f.). Löwenthal und Guterman bezeichnen diese Ängste und Sorgen als »soziale Malaise«, im Unterschied zu jenen »strukturellenBelastungen, denender einzelne in einerPeriode tiefgehenderVeränderungen in der Wirtschafts- und Sozialstruktur ausgesetzt ist: der Ablösung einer Schicht kleiner, unabhängiger Produzenten durch gigantischeKonzernbürokratien, demZerfall der patriarchalischen Familienstruktur, demAuflösungsprozeß persönlicher Bindungen in einer zunehmendmechanisiertenWelt, der Spezialisierung und Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens und der Ablösung traditioneller Muster durchMassenkultur« (ebd., S. 30). Was Löwenthal und Guterman hier beschreiben, ist ein Zerfall der klassischen bürgerlich-liberalen Ordnung und der Übergang zum Monopolkapitalismus, in dem der Einzelne nur mehr als jederzeit austauschbares Rädchen im Getriebe vorkommt und in dem die Vereinzelung so weit vorangeschritten ist, dass alle vorkapitalistischen Bindungen außer Kraft gesetzt sind. Im Grunde gehen die Autoren von Marx’ und Engels’ Begriff der bürgerlichen Gesellschaft aus, wie er im Kommunistischen Manifest entwickelt wurde, ersetzen aber 100 Jahre nach dessen Erscheinen die fortschrittsoptimistische Zukunftsperspektive des Jahres 1848 durch eine der Ernüchterung, Resignation und Trauer. Zur Erinnerung, Marx und Engels schrieben: »Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die denMenschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose »bare Zahlung«. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit Falsche Propheten 95 gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt« (Marx & Engels, 1848/1972, S. 464f.). Nach Marx und Engels ging mit der Durchsetzung des Kapitalismus unumkehrbar auch eine Individualisierung, Rationalisierung und Säkularisierung einher. Löwenthal und Guterman schließen nicht nur an den Begriff des Monopolkapitalismus oder auch des Staatskapitalismus an, wie er von Engels, Lenin und Hilferding, in derNachfolge aber vor allem auch vonFriedrich Pollock entwickelt wurde, sondern wenden im Sinne derDialektik der Aufklärung undHorkheimers Buch Eclipse of Reason auch ein, dass der vom Kapitalismus geforderte Triebverzicht psychopathologische Folgen zeitigt, sodass die instrumentelle Vernunft des Kapitals mit einem immer entgrenzteren Irrationalismus zusammenfällt (Engels, 1878/1962; Hilferding, 1910; Lenin, 1919/1960, bes. S. 200–214; Pollock, 1941/1975; Adorno & Horkheimer, 1944/1997; Horkheimer, 1947). Die »gesellschaftliche Malaise«, die sie als emotionales Unbehagen analysieren, fußt auf den objektiven gesellschaftlichen Bedingungen von Vereinzelung, Automatisierung undVerwaltung, ist aber alles andere als ein nüchtern-entzauberter Blick auf die Verhältnisse, an den materialistische Gesellschaftskritik unmittelbar anknüpfenkönnte.Vielmehr ist sie ein irrationalerReflex, eine verzerrteWiderspiegelung nicht der Gesellschaft selbst, sondern der Auseinandersetzung zwischen den psychischen Instanzen des Individuums und der es umgebenden Gesellschaft. Und genau hier muss auch die aktuelle Analyse von Phänomenen wie Demagogie, Populismus und Agitation ansetzen. Demokratie, Populismus und Demagogie Bekanntlich ist der so vielgescholtene Populismus eine notwendige Begleiterscheinung der Demokratie – wer gewählt werden möchte, muss dem Volk etwas bieten. Das können rationale Politikangebote sein – Löwenthal und Guterman verbinden sie mit den Figuren des Reformers und des Revolutionärs – oder auch irrationale – dann haben wir es mit dem Typus des Agitators zu tun. Ausgangspunkt ist aber immer, was das Volk, das ja in der Demokratie herrschen soll, will oder vielmehr: wonach es sich sehnt. Man müsse »die Nöte und Sorgen der Bürger ernst nehmen«, heißt es deshalb gerade in Wahlkampfzeiten unisono von den Politikern aller Parteien. Schon hier zeigt sich das irrationale Moment demokratischer Politik im Spätkapitalismus: anstatt, wie in der klassischen bür- Philipp Lenhard 96 gerlichen Gesellschaft, Interessen zu vertreten, gerade auch Klasseninteressen, die konkret benennbar und als vor allem materielle Bedürfnisse offen diskutier- und ausfechtbar sind, richtet sich der nachbürgerliche Politiker vornehmlich an emotionale Bedürfnisse – eben an »Nöte und Sorgen«. Der Demokratie ist die Auseinandersetzung mit dem, was sich als Volkswillen darstellt, inhärent, und zwar unabhängig vom Inhalt diesesWillens. Das bedeutet nicht notwendig, dass die gewählten Volksvertreter diesenWillen eins zu eins durchsetzen müssen, wie die Führer populistischer Parteien behaupten. Zwar geht in der Demokratie alle Macht vomVolke aus, aber die entscheidende Frage ist, wo dieMacht danach hingeht. Bevor einVolkswilleGesetz und damit politischwirksamwerden kann, sind viele Zwischeninstanzen zu durchschreiten, und in derMehrzahl der Fälle kommt es nicht einmal zumGesetzesentwurf, geschweige denn zu einer Verabschiedung; ein durchaus komplexes Verfahren, das selbst für den politisch gebildeten Laien nicht immer bis in alle Einzelschritte hinein verständlich ist, aber eigentlich auf allgemeines Interesse stoßenmüsste, weil es die Bedingungen des sozialen Lebens bestimmt.2 Da aber die Politik der Gremien und Ausschüsse immer mehr von Fachleuten dominiert wird, die in ihrer eigenen Sprache reden, erscheint die Gesetzgebung wie ein anonymer, konspirativer Akt.3 So ist es kaum verwunderlich, dass sich viele Bürger nicht ernst genommen fühlen und der Ansicht sind, die Politik gehe über ihre Befindlichkeiten ignorant hinweg. Genau hier ist der Ursprung von Populismus und Demagogie. Der Populist behauptet, die Interessen des Volkes unmittelbar zu verstehen und gegenüber der herrschenden Elite zu vertreten. Er steht für »direkte Demokratie« ein, und diejenigen, die gerade in der Vermittlung der Herrschaft den Ursprung von Korruption und Betrug sehen, springen nur allzu gerne darauf an; dies um so mehr, als ja die Idee der »direkten Demokratie« einen guten Ruf hat und immer wieder auch von den etablierten Parteien ins Spiel gebracht wird, wenn es darum geht, Bürgernähe zu demonstrieren. Das ist freilich eine ziemlich naive Strategie, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf der politischen Bühne auftaucht, der das glaubwürdiger vertritt. Heute ist dies die AfD, die ja bestreitet, »populistisch« zu sein, und stattdessen darauf besteht, den Willen des Volkes 2 Niklas Luhmann hat 1969 in seinem Buch Legitimation durch Verfahren (1969/2001) gezeigt, dass es in der Gesetzgebung nicht umWahrheit, sondern um soziale Pazifizierung geht. 3 Max Horkheimer hat, ausgehend von Pollocks Studien zur Automation (1956), in seinem Spätwerk die Rackettheorie aus den 1940er Jahren zunehmend als Kritik der Gesellschaft der Fachleute reformuliert (vgl. z. B. Horkheimer, 1988, S. 309f.). Falsche Propheten 97 endlich ins Parlament zu tragen. In ihrem Wahlprogramm tritt die Partei wenig überraschend direkt zu Beginn für Volksabstimmungen nach Schweizer Vorbild ein (Alternative für Deutschland, 2016, S. 9, das Bekenntnis zur »direkten Demokratie« erfolgt bereits in der Präambel, S. 6). Populismus verbindet sich fast schlafwandlerisch mit der Demagogie, denn der Populist nimmt ganz widersprüchliche und amorphe Stimmungen in der Bevölkerung auf, um sie zu einem politischen Programm zu formen, wie unspezifisch dieses im einzelnen Fall auch seinmag. Jedenfalls kanalisiert der Populist die »Nöte und Sorgen« des Bürgers, und verlässt er nicht den eingeschlagenen Pfad des Ablauschens, dann muss er eine einfach zu verstehende Lösung anbieten, die nicht unbedingt rational und praktikabel sein, sondern nur die Bedürfnisse des Volkes temporär befriedigen muss. Löwenthal und Guterman verweisen immer wieder auf die Personalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse durch den Agitator, der als Lösung zumeist die Ausschaltung von Sündenböcken anbietet, ohne dass dies den Massen wirklich helfen würde. »Soziale Malaise«, heißt es in Falsche Propheten, »kannmit einer Hautkrankheit verglichen werden. Der daran leidende Patient hat das instinktive Bedürfnis, sich zu kratzen. Folgt er demRat eines erfahrenen Arztes, wird er diesem Bedürfnis nicht nachgeben und stattdessen versuchen, die Ursache des Juckreizes durch ein Heilmittel zu beseitigen. Gibt er jedoch seinem instinktiven Kratzbedürfnis nach, wird der Juckreiz sich nur steigern. Dieser irrationale Akt der Selbstverstümmelung wird ihm zwar eine gewisse Erleichterung verschaffen, verstärkt aber gleichzeitig sein Bedürfnis zu kratzen und verhindert eine erfolgreiche Heilung der Krankheit. Der Agitator rät zum Kratzen« (Löwenthal, 1990b, S. 31). Wäre der Populist nur ein Fürsprecher derUnterdrückten und verzichtete auf die Demagogie, also wörtlich die »Volksführung«, so würde er niemals gewählt werden.Was ihn auszeichnet, ist ein Doppelcharakter: zum einen kommt er aus dem Volk und ist wie es, Fleisch vom Fleische, zum anderen aber spricht er aus, was die anderen sich nicht zu sagen trauen oder spitzt Gedanken sogar in einerWeise zu, auf die der einfache Bürger von selbst gar nicht kommen würde. Populismus und Demagogie lassen sich also nicht voneinander trennen. Die merkwürdige und in gewisser Hinsicht bewundernswerte Eigenschaft des Populisten ist es, immer den richtigen Ton zu treffen. Denn was sich ganz unspezifisch als »Nöte und Sorgen« artikuliert, kann ja in vielerlei Richtungen ausschlagen. Nicht alle Lösungsangebote befriedigen die projektiven Sehnsüchte der Bürger, sodass der Philipp Lenhard 98 Populist sich mit der Psychologie der Massen zumindest rudimentär auskennen muss. Löwenthal hat das in einem Gespräch mit Helmut Dubiel einmal treffend als »auf den Kopf gestellte Psychoanalyse« (Löwenthal, 1990a, S. 294) bezeichnet. DerManager und die Technik derManipulation Es ist hinlänglich bekannt, dass Hitler ausgiebig Gustave Le BonsWerk Psychologie der Massen studierte (vgl. Longerich, 2015, S. 27). Heute lassen sich Politiker und Manager von ausgebildeten Psychologen und obskuren Lebenstrainern coachen. »Führung ist gelebte Psychologie«, heißt es beispielsweise in dem Buch WieMenschen ticken: Psychologie fürManager. »Menschen ticken anders«, wirbt der Band auf dem Klappentext. Hier erfahre »man kompakt und im Schnelldurchgang, wie Menschen fühlen und denken, was sie antreibt, was sie ausmacht undwo esmanchmal hakt. Ein solides psychologisches Fundament – praktikabel umgesetzt für Manager und Führungskräfte – mit spannenden aktuellen Theorien, interessanten neuropsychologischen Erkenntnissen und skurrilen Experimenten der Sozialpsychologen« (Revers, 2014, Klappentext). Zwar wird der Leser schon in der Einleitung vorgewarnt: »Im Vergleich zu anderen Wissenschaften wie der Physik oder der Medizin ist die Psychologie eine noch sehr junge Disziplin. Hier also von gesicherten Erkenntnissen zu sprechen, wäre vermessen. Schließlich war man auch lange davon überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist und um die Sonne kreist« (ebd., S. 7). Doch imMoment, so versichert die Autorin, »geht der Erkenntnisgewinn in Riesenschritten vor sich, da neue Methoden der Gehirnscans einzigartige Zugänge zu psychologischen Prozessen ermöglichen. Nun kann man fast zusehen, welche Spuren Gefühle und Handlungen hinterlassen und bekommtneue Einsichten, wie komplexHandlungssteuerung funktioniert« (ebd.). Aufschlussreich an diesen Ausführungen ist weniger ihr marktschreierischer Charakter als vielmehr das Bedürfnis, das dem Konsumenten solcher Literatur –wahrscheinlich zu recht – unterstellt wird. Die Führungskraft von heute, sei Falsche Propheten 99 sie nun noch der klassische Unternehmer oder schon der Manager, wünscht sich nichts sehnlicher, als den Menschen restlos zu durchschauen, jede seiner Handlungen und Gefühlsregungen voraussagen und steuern zu können. Schon im Bewerbungsgesprächwird dempotenziellenArbeitnehmer vermittelt, dasUnternehmen interessiere sich für »die ganze Persönlichkeit«. Vollkommene »Transparenz«, die Einebnung des Unterschieds von Arbeits- und Freizeit sowie totale Identifikation des Angestellten mit seiner Firma oder seinem»Projekt« sind das Ideal. Für dieses Ziel ist dem Manager jegliche wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Methode recht. Der Führende hat dabei auch kein schlechtes Gewissen, denn er hilft den Menschen ja nur, ihre Ziele effektiv zu erreichen. Ist dieses Ziel beim Manager die Effektivität des Unternehmens, die ja auch den Angestellten am Herzen liegt, weil ihr individuelles Schicksal vom Erfolg der Firma nicht unwesentlich abhängt, so ist es analog beim Politiker der Erfolg Deutschlands in der internationalen Staatenkonkurrenz, dem die Deutschen im europäischenVergleich ihrenWohlstand verdanken. Entsprechend sieht auch das Menschenbild aus, wie sich mit einem Zitat aus dem relativ beliebig aus einer ganzen Schwemme von Lehrbüchern herausgegriffenen Manager-Handbuch illustrieren lässt: »Dachte man früher, der Mensch sei ein vernunftbegabtes, ein rationales Wesen, hat man inzwischen gemerkt, dass der Mensch eher ein rationeller Informationsverarbeiter ist« (ebd., S. 11). Das bedeutet, dass der einfache Mensch keine Entscheidungen treffen kann, sondern der Manager sie stellvertretend für ihn in seinem eigenen Interesse zu vertreten hat. Und wie man das macht, lernt man aus solchen Büchern, oder noch viel öfter, in Seminaren und regelrechten Trainingseinheiten. Einige Kapitelüberschriften mögen verdeutlichen, um was es konkret geht: »Wie Informationen verarbeitet werden«, »Wie Realität gebildet wird«, »Menschen mitnehmen«, »Führen heißt verkaufen«, »Lernprozesse initiieren«, »Rudelbildung und anderes Instinktverhalten«. DerEinfluss dieserLehren ist kaumzuüberschätzen, sie sind festerBestandteil jeder sogenannten Unternehmenskultur. Eine der bekanntesten ist die sogenannte PSI-Theorie, auf der auch das zitierte Lehrbuch ganz wesentlich beruht. PSI steht für »Persönlichkeits-System-Interaktionen«, was unglaublich fundiert und wissenschaftlich klingt, aber letztlich eben nichts anderes als eine besonders tiefschürfend auftretende Technik der Manipulation ist, die sich bei ihrem Schöpfer Julius Kuhl »willentliche Handlungssteuerung« (Institut PSI Schweiz, 2005, S. 1) nennt. Seminare kosten zwischen 500 und 2.000 Euro, was im Vergleich zur konkurrierenden NLP-Technik (Neuro-Linguistisches Programmieren) ein richtiges Schnäppchen ist. In einem anderenWerk dieser Art mit dem Titel Leichter führen und besser entscheiden klingt das so: Philipp Lenhard 100 »Gute Führungskräfte beobachten das Verhalten und Erleben ihrer Mitarbeiter und üben gezielt sozialen Einfluss auf sie aus. Lob und Wertschätzung an der richtigen Stelle, das Schaffenmotivierender Rahmenbedingungen im Job undMöglichkeiten, wie Mitarbeiter sich aktiv in die Arbeitsprozesse einbringen können, sind erfolgversprechende Führungsstrategien. Das menschliche Denken, Wollen, Wünschen, Entscheiden und Handeln entspricht selten den ökonomisch-rationalen Gesetzmäßigkeiten, die Betriebswissenschaftler in ihrem Studium erlernen. Im Management und bei der Führung von Menschen, Teams und Unternehmen ist es unabdingbar, ein Gefühl dafür zu haben, wie Menschen ›ticken‹« (Rademacher, 2014, S. VIII). Offenwie kaum ein anderesGenre plaudern dieHandbücher aus, dass »Führen« und »Leiten« vor allemManipulation bedeutet. DerManager der »verwalteten Welt« ist ein freundlicher Leithammel, aber nicht mehr, wie noch der klassische Unternehmer, Eigentümer der Produktionsmittel. Wie Löwenthals rechtspopulistischem Agitator geht es ihm ebenfalls darum, das, was in den Menschen rumort, zu entfesseln und für eigene Zwecke fruchtbar zumachen. Sein Schlachtruf ist aber nicht so sehr Gerechtigkeit oder die Rache der Zukurzgekommenen als vielmehr der Sieg im Konkurrenzkampf und rationelle Produktivität. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen: Beiden geht es darum, dass die Untergebenen, die Zuhörer usw. nicht einfach Befehlen folgen, sondern sich die Ziele des Agitators oder Managers selbst zu eigen machen, sodass am Ende gar nicht mehr eindeutig bestimmt werden kann, ob der Agitator die Massen verführt hat oder er vielmehr selbst ihremWillen folgt. Der Manager hat mit dem Politiker gemein, dass beide für eine Verallgemeinerung des Massenbetrugs stehen, der die gesamte politische und ökonomische Sphäre durchdringt. Beide eignen sich ganz bewusst Techniken derManipulation an, von deren Sinnhaftigkeit sie oft genug selbst vollkommen überzeugt sind. Sie tun das aber natürlich nicht einfach so, aus dem Bauch heraus, sondern weil sie eine bestimmte gesellschaftliche Funktion erfüllen. Insofern lässt sich sagen: Ihre »Entscheidung«, sich bei einem Seminar anzumelden oder ein Handbuch zu studieren, ist Ausdruck dessen, dass sie vollkommen in ihrer Funktion aufgehen, die »verwalteteWelt« effektiv und herrschaftsrational zu gestalten. Diemenschlichen Arbeitskraftbehälter sollen einwandfrei funktionieren und darüber hinaus noch selbst die Zustimmung zu Verhältnissen geben, die sie zu austauschbaren, ohnmächtigen und isolierten Rädchen im Getriebe macht. Die pseudorationale Psychologie für Manager hat aber einen zutiefst irrationalen Kern, der sie mit dem Gebrabbel des antisemitischen Agitators verbindet. Auch dieser tritt ja als Falsche Propheten 101 Mann der einfachenWahrheit, der Logik und des Verstehens auf, schürt aber tatsächlich das seelische Leiden des ihm folgenden Individuums. Politik und Heilsversprechen Was für denManager gilt, stimmt auch für den ihm immer ähnlicher werdenden Politiker: Mehr noch als in den 1940er Jahren bedienen sich heute auch demokratische Politiker der Methoden der irrationalen Manipulation, obwohl sie ja eigentlich über ein mehr oder weniger konkretes politisches Programm verfügen und somit grundsätzlich Löwenthals und Gutermans Klassifikation des »Reformers« entsprechen müssten. Unspezifische Ohnmachtsgefühle werden aber so kanalisiert, dass der Politiker als verständnisinniger »Kümmerer« erscheint, obwohl er an der objektiven Ohnmacht der Massen überhaupt nichts, oder doch zumindest nur sehr wenig, ändern kann. Wichtig ist auch hier, dass zwischen »sozialer Malaise« und objektiver Realität unterschieden wird, also der Kurzschluss von Fakten und deren Interpretation zurückgewiesen wird: Antisemiten liegen nicht »an sich« richtig, bloß weil es tatsächlich jüdische Börsenspekulanten gibt, die nur an Profit interessiert sind.4 Unterhalb der Schwelle des öffentlich Sagbaren differenziert der Politiker zumeist nicht zwischen Fakten und Ressentiments, entweder weil das wahlstrategisch zu gefährlich wäre oder weil er selbst den Unterschied gar nicht versteht. Vielmehr versucht er gewissermaßen zwischen den beiden Ebenen zu moderieren. Er nimmt die »Ängste und Sorgen« der Bürger auf, bestätigt sie dadurch, und verspricht, das Leid zu lindern oder es sogar ganz aus der Welt zu schaffen. Seine realen Möglichkeiten sind aber so sehr durch objektive Bedingungen beschränkt, dass er nolens volens zum irrationalen Heilsversprecher wird. Jeder Politiker, der die Beschränkung seinesHandelns durchwirtschaftliche Sachzwänge verschweigt, ist unaufrichtig. Gerade der demagogische Typus des Politikers nutzt dies auf zweierlei Weise: Zum einen klagt er den etablierten Politiker an, nur ein Büttel der großen Industrie und seiner Lobbygruppen zu sein (was häufig nicht völlig aus der Luft gegriffen ist); zum anderen suggeriert er, selbst vollkommen über denDingen zu stehen und durch nichts beeinflussbar zu sein. Auf diese Weise inszeniert er sich als ehrlicherMakler des kleinenMannes und Kritiker der 4 Deshalb ist auch Langmuirs (1990, S. 311–352) berühmte Unterscheidung zwischen realitätsbezogenen, xenophoben und rein chimärischen Anteilen im Antisemitismus wenig überzeugend. Philipp Lenhard 102 herrschenden Mächte. Geradezu mustergültig lässt sich dieses Phänomen an der FPÖ in Österreich beobachten. So eng Populismus und Demagogie schon immer mit der Demokratie verzahnt waren – und eben nicht nur mit totalitären Systemen –, so sehr kommt es darauf an, dass der Einzelne sich der Grenzen der Politik bewusst ist. Das gilt nicht nur für den Politiker, sondern auch für den Bürger – nur wenn dieser den Politiker nicht zu Heilsfigur stilisiert und auch keine Erlösungserwartung mit dem politischen Führer verknüpft, kann jener ganz nüchtern im Rahmen seiner Möglichkeiten versuchen, die sozialen Zustände erträglicher zu machen. Umgekehrt liegt immer ein gewisser Reiz darin, sich der Kunst der Massenverführung zu bedienen, um an die Macht zu gelangen. Beide, Politiker und Bürger, müssen sich diesem Reiz verweigern. Woher sie in Zeiten der strukturell bedingten Ich- Schwäche die Kraft dazu haben sollen, ist ein anderes Thema und kann im Rahmen dieses Aufsatzes nicht en détail erörtert werden. Festzuhalten bleibt nur, dass die Anziehungskraft irrationaler Modelle keine reine Willensfrage ist, sondern mit der psychischen Konstitution des nachbürgerlichen Individuums zu tun hat, die selbst wieder auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückverweist. Islamistische Demagogie Die scheinbarunwiderstehlicheAnziehungskraft vermeintlich rationaler, imKern aber zutiefst irrationalerWelterklärungsmodelle macht es auch politischen Extremisten nach wie vor so einfach, womit sich die Perspektive von der Ebene der Herrschenden hin zu den politischen Rändern der Noch-nicht-Herrschenden, der Anti-Elite also, verschiebt. Beide vereint, dass sie die Massen damit ködern, die entweder bereits herrschende oder die im Werden begriffene Macht zu verkörpern. Jeder will zu den Siegern in der Konkurrenz, im täglichen Hauen und Stechen gehören, und dann geht es darum, wer das Versprechen, auf der richtigen Seite zu stehen, glaubwürdiger vertritt. Etwas schematisch ausgedrückt:Wer sich eher als Gewinner sieht und seine soziale Stellung verteidigen möchte, schließt sich den Herrschenden an, also denen, die gerade als Politiker und Manager vorgestellt wurden. Wer sich dagegen unter der herrschenden Politik als Verlierer fühlt, schließt sich den Gegnern der Elite an, die ankündigen, bald selbst die Herrschaft zu übernehmen. Beide Haltungen sind aber Ausdruck einer autoritären Persönlichkeit, nicht Ergebnis rationaler Erwägungen. Dies ließe sich an der AfD oder anderen rechten Demagogen leicht zeigen (vgl. Grigat, 2017). Interessanter aber ist der Typus des islamistischen Predigers, Falsche Propheten 103 der seltener in den Fokus der Populismusforschung rückt, vielleicht auch aus Angst vor den immer weiter um sich greifenden und inzwischen reflexhaft erhobenen Islamophobievorwürfen. Unabhängig davon, ob der Islamismus als aktuell gefährlicher einzuschätzen ist als die extreme Rechte, ist der islamistische Prediger ein gutes Beispiel dafür, wie Agitation im Zeitalter des Internet funktionieren kann, ohne dessen Verständnis das Phänomen der Demagogie heute überhaupt nicht begreifbar ist.5 Was für die Kritische Theorie der 1940er Jahre das Radio war, ist heute das Internet. Die Islamisten sind wie kaum eine andere Gruppe im Internet aktiv und rekrutieren dort nicht nur Anhänger, sondern vernebeln mit ihrer Propaganda auch gezielt die Köpfe junger, nach Sinn und Orientierung suchender Männer und Frauen, die sich in dieser Gesellschaft irgendwie zu kurz gekommen fühlen. Solche Menschen schauen und hören zu, was Hobby- und Amateurfilmer ins Internet stellen. Unzählige YouTube-Kanäle haben Millionen von Followern, und schon jetzt kann das althergebrachte Fernsehenmit demEinfluss der vielen Sendeformate kaum noch mithalten. Nicht nur, aber vor allem bei Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund sind islamische und islamistische YouTube-Kanäle extrem beliebt. Obwohl oftmals die Eltern und Großeltern gar nicht besonders religiös und fromm gewesen sind, teilweise sogar als dezidierte Säkularisten nach Deutschland gekommenwaren, scheint der Islam vielen ein unwiderstehliches Sinnstiftungsangebot zuunterbreiten.Wer sichausgegrenztundverachtet, ausgenutztundverlacht fühlt–wie sehrdiese»sozialeMalaise«derWirklichkeit tatsächlich entspricht, ist erst einmal unerheblich –, der findet oder erfindet seine »islamischenWurzeln«, zu denen er oder sie »zurückkehrt«, ganz wie es in der Nationalismusforschung Benedict Anderson (1983) für die »imagined community« beschrieben hat oder Eric Hobsbawm (1992) für die »invention of tradition«. Die islamistischen Prediger übernehmen hier eine wichtige Funktion, zumal sie die Jugendlichen oft überhaupt erst auf denGedanken bringen, sich der islamistischen Subkultur anzuschließen, denn der Islamismus, vor allemder Salafismus, ist ja imWesten zunächst einmal nichts anderes als eine Subkultur, eine »Bewegung«, die oftmals gar keinen Übergang zum Mainstream-Islam schaffen kann oder will, da dieser als zu 5 Allein was den Salafismus betrifft, der nicht die einzige islamistische Strömung ist, hat sich die Zahl seiner Anhänger in Deutschland laut Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz innerhalb der letzten fünf Jahre mehr als verdoppelt. Gab es 2012 noch etwa 4.500 Salafisten in Deutschland, sind es heute schon knapp 11.000 (Bundesamt für Verfassungsschutz, 2017). Das entspricht etwa der Anzahl der Neonazis in Deutschland. Philipp Lenhard 104 verwestlicht und korrumpiert erscheint. Dennoch präsentiert sich der Islamist als Vertreter des Islam, als authentischer Sprecher und Nachfolger des Propheten. Der wohl bekannteste deutsche Islamist Pierre Vogel alias Abu Hamza – ein rheinisch-katholischer Ex-Boxer mit Abitur und Sendungsbewusstsein – hat bei Facebook fast 300.000 Anhänger und auf seinem YouTube-Kanal immerhin 35.000 Follower, denen seine Videos so wichtig sind, dass sie gerne sofort darüber informiert werden möchten, wenn ein neues erscheint. Das ist ein Massenpublikum, das dem der von Löwenthal und Guterman untersuchten Agitatoren wahrscheinlich zahlenmäßig in etwa ebenbürtig oder sogar überlegen ist. Es gibt so viele islamistischeVideos, dass dieZuschauerzahl extremvariiert, aber eines, das beispielhaft und ziemlichwillkürlichherausgegriffen sei,weil es auf denkonkreten Inhalt gar nicht so sehr ankommt, wurde immerhin fast 50.000Mal angeschaut.6 Die Machart der Videos ist immer gleich. Pierre Vogel wird frontal aufgenommen, es gibt quasi keine Schnitte. Er beginnt mit einer arabischen Formel, die seine angebliche Gelehrsamkeit unterstreichen soll, obwohl er nachmehreren abgebrochenen Ausbildungen und Studiengängen lediglich drei Semester Arabisch in Mekka studiert hat, die aber in einer verhältnismäßig wenig gebildeten Szene ausreichen, um eine gewisse Authentizität zu erzielen, und die er auszuspielen versteht. Dann folgt stets der Verweis auf ein konkretes, tagespolitisches Ereignis, das aus demAlltag gegriffen scheint und sofort die Aufmerksamkeit des Zuschauers erregen soll. In der »beschleunigten Gesellschaft«, wie Peter Glotz (1999) die digitale Welt in einem seltenen Anflug von Begriffsschärfe genannt hat, bleiben dafür oft nur einige Sekunden, weil sich mit der Entwicklung der Produktivkräfte auch die Konzentrations- und Erfahrungsfähigkeit verändert. Inhaltlich geht es im Falle des genannten Videos um einen befreundeten Prediger, der die Meinung vertreten hat, dass Homosexualität im Islammit dem Tod bestraft werden sollte. Vogel schließt sich dieser Meinung nicht unmittelbar an, er kritisiert sie aber auch nicht, sondern sagt nur, dass es angesichts dieser unverhüllten Todesdrohung Proteste von »homosexuellen Mitbürgern« gegeben habe.Das größte Problembesteht für Vogel aber darin, dass der Islam in allerWelt als schwulenfeindlich und gewalttätig diffamiert werde – durch die Aufdeckung der wahren Lehre des Islam gelte es nun, gegen diese Verleumdungen die Ehre und das Ansehen der Muslime wiederherzustellen. Vogels Inszenierung folgt einem üblichen, in allen Videos wiederkehrenden Muster: Auf die arabische Beschwörungsformel folgt eine kurze Bezugnahme auf ein aktuelles politisches Ereignis, 6 Vogel, P. (2011). Homosexualität im Islam. https://www.youtube.com/watch?v=V5A_B 6hhZto (10.04.2018). Falsche Propheten 105 dann schließt sich die Schilderung der Hetze an, die dem Islam angeblich entgegenschallt. Vogel ist damit in der Rolle des Sprechers der Unterdrückten und Angefeindeten angekommen, und erst aus dieser Position heraus kann er seinen Sermon ausbreiten, die Muslime würden ständig übel beleumundet. Aus dieser Perspektive des falsch Verstandenen und Verfolgten erläutert Vogel dann, was der Islam eigentlich vorschreibe:Homosexuelle seien zwar, heißt es da, freundlich und menschlich zu behandeln, aber trotzdem sei Homosexualität ein »Fehler«. Vogel spricht scheinbar ganz sachlich über diesen »Fehler«, wobei unsichtbar wird, dass der angeblich ganz neutralen und durchaus mit den von Homosexualität »geplagten«Individuen sympathisierendenErörterungeine fundamentalistische Auslegung des Islam zugrunde liegt. Gefühle fürMänner seien für sich betrachtet kein Problem, sagt Vogel, aber wenn wir sie ausleben, sei das eine Sünde. Ob diese Übertretungmit demTode zu ahnden ist oder nur mit Peitschenhieben, sei nicht eindeutig geklärt. Die islamische Tradition müsse nach Argumenten und Gegenargumenten befragt werden, um zum»richtigen«Urteil zu gelangen. Humanistische Werte, die sich als Folge der Aufklärung in den Institutionen und Rechtsordnungen der westlichen Gesellschaften niedergeschlagen haben, sind damit außer Kraft gesetzt, sie spielen überhaupt keine Rolle für die Beurteilung eines Sachverhalts. ImIslam, sodie tautologischeSchlussfolgerung, gelte eben nur die islamische Tradition. Vogels rhetorisches Geschick besteht nun darin, in einfacher Sprache konkrete Probleme undGefühle seiner Zuhörer anzusprechen, unter denen sie leiden – hier die sanktionierte und unterdrückte Homosexualität –, und dann den»richtigen«Ausweg anzubieten. Faktisch könnten aufgrund der komplizierten Beweisführungsvorschriften ohnehin nur diejenigenHomosexuellen verurteilt werden, die sich selbst stellen, erklärt Vogel, doch sich selbst dem Urteil Gottes auszuliefern könne ein Ausweg sein, sich von der Sünde im Diesseits zu befreien. Ein homosexueller Zuschauer seines Videos kann drei verschiedene Schlüsse aus Vogels Ausführungen ziehen: Er kann sich von dieser sexualitäts- und sinnlichkeitsfeindlichen islamischen Lehre abwenden und sich neu orientieren; er kann, mit schlechtem Gewissen und Selbstvorwürfen belastet, fortfahren, seine Homosexualität zu unterdrücken, was selbstverständlich zu irrationalen Verschiebungsleistungen führen würde; oder aber er könnte Selbstmord begehen, weil er die Selbstzweifel nicht aushalten und mit der Sünde nicht mehr leben kann. Zwar ist der Selbstmord im Islam ausdrücklich verboten, aber Vogel verrät praktischerweise im Sinne des arabischen Stammes- und Gewohnheitsrechts noch das Geheimnis, dass nicht existiere, worüber niemand spreche. Zugleich sieht sich Vogel aber auch als vonGott berufen, dieWahrheit zu verkünden. Die vermeintliche absolute Transzendenz des islamischenGottesbegriffs Philipp Lenhard 106 ist damit eine erschlichene, denn Vogel kommt es sehr wohl darauf an, Gottes Wort praktisch und politisch umzusetzen – allein auf Gott zu vertrauen, ist ihm offensichtlich doch zuwenig.Damit kommt eineweitere»Lösungsmöglichkeit« für das »homosexuelle Problem« ins Spiel: die Bestrafung des Homosexuellen für seine Sünden. Vogel würde nie offen dazu aufrufen, Homosexuelle anzugreifen oder zu ermorden; ja, er spricht sich sogar explizit dagegen aus. Dies geschieht aber mit einem Augenzwinkern, denn jeder seiner Hörer weiß, dass sich Vogel im dār al-harb, im »Haus des Krieges« befindet, in dem er taktieren muss. Sich gegen Gott zu versündigen ist für Vogel und seine Anhänger unverzeihlich. Da sie sich mit dem Koran im Besitz des Wortes Gottes wähnen, seien sie auch ermächtigt, gegen die Sünder vorzugehen. Und auch hier gilt: Worüber niemand spricht, das ist auch nicht passiert; spricht doch jemand darüber, etwa die Presse oder die Politik, dann ist dies eine Verleumdung des Islam und Vogel dreht sein nächstes Video. In ganz vage und allgemein gehaltenen Sätzen spricht sich Vogel somit immer wieder gebetsmühlenartig gegen Gewalt und Hass aus, liefert aber zugleich scheinbar authentische Begründungen für den Kampf gegen die sogenannten Feinde des Islam.Wenn er beispielsweise den islamischenReformtheologenMouhanad Khorchide einen »Professor für Islamzerstörung«7 oder den Islamkritiker Hamed Abdel-Samad einen »Lügner« und »Heuchler« nennt, arabischmunāfiq, dann fällt jedem auch nur oberflächlich mit dem Koran vertrauten Zuhörer sofort die 63. Koransure al-Munāfiqūn (»Die Heuchler«) ein, in deren viertem Vers es heißt: »Sie sind die (wahren) Feinde; so sieh dich vor ihnen vor. Allah bekämpfe sie!« Für denjenigen, der sich als Vollstrecker des göttlichenWillens auf Erden sieht, ist die apodiktische Aussage, Allah bekämpfe dieHeuchler, identisch mit einem Aufruf zur Tat. Und nur ein paar Klicks weiter erklären nicht weniger radikale, aber anonymisierte islamistische Websites, Sure 63 stehe in Beziehung zur Sure 33, Vers 60 und 61, in demMohammedsMassaker am jüdischen Stamm der Banū Quraiza geschildert wird: »Wahrlich, wenn dieHeuchler und diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist, und die Aufwiegler in Medina nicht aufhören, so werden Wir dich gegen sie anspornen. Alsdann sollen sie nicht darinnen als deine Nachbarn wohnen, es sei denn nur für kurze Zeit. Verflucht, wo immer sie gefunden werden, sollen sie ergriffen und niedergemetzelt werden« (Hervorhebungen d. Verf.). 7 Vogel, P. (2018). Facebook-Eintrag vom 11.04.2018. https://de-de.facebook.com/Pierre VogelOffiziell/ (10.04.2018). Falsche Propheten 107 Dies ist – wenn der Vers nicht im Sinne Khorchides historisiert und damit textkritisch entschärft wird – ein direkter Aufruf zur Gewalt.Wenn also Pierre Vogel, der die Methode der Historisierung als »Zerstörung« denunziert, jemanden als »Heuchler« bezeichnet, so gibt er diesen zum Abschuss frei, ohne selbst dafür strafrechtlich belangt werden zu können. Seine Technik besteht in einem Spiel mit Worten und Andeutungen, die in einem eindeutigen islamistischen Referenzsystem verankert sind, sodass nicht jede Konsequenz ausgesprochen werden muss, aber die Feinderklärung trotzdem für die Eingeweihten ganz unmissverständlich ist. Vogel ist damit Beispiel für den zeitgemäßen islamistischenAgitator, der scheinbar für jede Lebenslage Hilfe anbietet und doch nur Feinderklärungen produziert. Seine »Lösungen« sind irrational, weil sie dem Individuum nicht helfen, sein Leiden zu lindern, sondern es sogar verstärken. Das ist bereits die Kernkritik Löwenthals und Gutermans am Agitator gewesen und hier schließt sich der Kreis zwischen den 1940er Jahren und heute. Konklusion Im vorliegenden Aufsatz wurden – notwendig skizzenhaft – verschiedene Typen des Agitators oder Demagogen angeführt, die zeigen, dassProphets of Deceit noch heute für eine Auseinandersetzung mit Techniken des Massenbetrugs, Varianten derDemagogie und Erscheinungsformen der Psychopathologie äußerst anregend ist. Wenn eingangs von einer Diversifizierung der Figur des Agitators die Rede war, dann meinte dies, dass der Agitator nicht mehr ausschließlich am rechten Rand zu finden ist, sondern ganz verschiedene Gestalten annehmen kann – zum Beispiel als Islamist, Verschwörungstheoretiker oderAntikapitalist. Das soll nicht bedeuten, dass diese Gestalten austauschbar wären, aber sie bedienen sich doch ähnlicher Mittel, um ihre Botschaft unters Volk zu bringen; und sie alle manipulieren und kanalisieren die unbewussten Triebregungen der Menschen, ihre »Nöte und Sorgen«, die im Sinne Löwenthals und Gutermans als »soziale Malaise« zu charakterisieren sind. Die verschiedenen Typen zu analysieren muss trotzdem eng am je spezifischen Material geschehen, in strenger Analogie zur psychoanalytischen Vorgehensweise. Die zweite, korrespondierende These war die einer Verallgemeinerung des Agitators, was vor allem am Typus des Politikers und des Managers gezeigt wurde. Hier sind die Unterschiede zum»falschen Propheten« augenfällig, denn der Politiker, vor allem aber der Manager, orientiert sich ja vorgeblich an rationalen Zielen. Beim Populisten lässt sich noch relativ rasch zeigen, dass er fast immer Philipp Lenhard 108 ins Irrationale kippt, weil er dem Volk Versprechen machen muss, von denen er weiß, dass er sie nicht halten kann. Der Manager hingegen, der die wirtschaftliche Sphäre heute beherrscht wie der Kapitalist die des 19. Jahrhunderts, hat mit dem Agitator vor allem gemein, dass er bewusst seine Angestellten manipuliert, in eine bestimmte Richtung drängt und sich dabei aller zur Verfügung stehenden psychologischen Tricks bedient. Dies führt zur dritten und letzten These des Aufsatzes, dass nämlich der Agitator kein rein berechnendes, kalkulierendes Wesen ist, nicht nur ein Betrüger, sondern zugleich selbst einGetriebener, der dasmeiste von dem,was er sagt, selbst glaubt. Nur so lässt sich erklären, warum er auf den distanzierten Beobachter wie einWahnsinniger wirkt.8 Er ist es auch, aber in einem ganz spezifischen Sinne, insofern er sich dem bereits kursierenden Irrationalismus in der politischen Sphäre angleicht, diesen anheizt und sich ihm überlässt. Selbst beimManager, der in den Handbüchern am ehesten als Betrüger erscheint – und dies in gewissem Sinne ja auch ist –, ist nicht zu unterschätzen, dass er die psychologischen, anthropologischen und politischen Grundannahmen seiner Gurus glaubt anstatt sie einfach nur zu nutzen. Literatur Abromeit, J. (2016). Critical Theory and the Persistence of Right-Wing Populism. Logos. A Journal of Modern Society and Culture, 15(2/3). Adorno, T.W. & Horkheimer, M. (1944/1947). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amsterdam: Querido. Adorno, T.W. & Horkheimer, M. (1944/1997). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In R. Tiedemann (Hrsg.), TheodorW. Adorno. GS III. 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Falsche Propheten 111 Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« Kommentar zumBeitrag von Philipp Lenhard Johannes Buchholz Angesichts der allgemeinen Erstarkung autoritärer Parteien und Bewegungen in deneuropäischenundaußereuropäischenLändernhalte ichdasNachdenkenüber die Aktualität des Agitators der Propheten-Studien (Löwenthal, 1949/2017) für äußerst sinnvoll. Im Folgenden möchte ich Lenhards Ausführungen jedoch modifizieren und eine alternative Lesart des Agitators vorschlagen, die in ihrer Konsequenz zu einer anderen Bewertung der von ihm vorgestellten Typen des Agitators führt. Während ich zustimme, dass sich der islamistische Prediger am ehesten als Agitator im Sinne der Propheten-Studien verstehen lässt, möchte ich mit Blick auf die Typen des Politikers und Managers fragen, ob sich an ihnen nicht ein bedeutender Unterschied zum Agitator zeigen lässt, der auch eine Schwäche der Propheten-Studien selbst kenntlich macht. Ohne die von Lenhard genannte Problematik der psychischen Manipulation zu entkräften, werde ich dafür argumentieren, den Politiker und Manger nicht als Agitatoren im klassischen Sinne zu verstehen, sondern als Typen, die das agitatorische Verhalten zu imitieren versuchen, weil ihnen eine wesentliche Eigenschaft fehlt, die dem Agitator von Löwenthal und Guterman zugesprochen wird. Der Ausgangspunkt meiner Überlegung knüpft an die von Lenhard beschriebene Veränderung der Politik an. Konkret benennbare und materielle Interessen, wie sie beispielsweise mit dem Klassenbegriff zur Zeit der klassisch-bürgerlichen Politik noch offen diskutiert worden seien, stehen demnach heute nicht mehr imMittelpunkt der politischenDebatte. Stattdessen richte sich die Aufmerksamkeit des nachbürgerlichen Politikers, wie ihn Lenhard nennt, vor allem auf die emotionalen Bedürfnisse der potenziellenWähler. Gerade auch mit Blick auf die vergangenen Bundestagswahlen (2017) erscheintmir dieseÜberlegung einleuch- 113 tend. Verfolgte man die Analysen und Erklärungen zumWahlerfolg der AfD in den öffentlichenMedien, war häufig zu hören und zu lesen, dass man die »Ängste« oder die»Nöte und Sorgen«derMenschen bislang nicht ernst genommenen habe. Sie seien »enttäuscht«, »abgehängt« oder einfach nur »sauer«, wie es SahraWagenknecht nannte. Eine Lösung des Problems wurde darin gesehen, dass man die »Protestwähler« besser »abholen«müsse, damit sie nicht zur »Angst- Partei« AfD überlaufen. Nur in wenigen Ausnahmen werden die objektiven gesellschaftlichen Bedingungen reflektiert, ohne die, ganz imVerständnis Löwenthals undGutermans, das Phänomen von Agitation und die breite Zustimmung zu einer fremdenfeindlich und rassistisch auftretenden Partei nicht hinreichend erklärbar ist. Stattdessen findet sich häufig der Rückgriff auf ein nicht näher bestimmtes psychologisches und zum Teil auch pädagogisches Vokabular, womit das Phänomen des Autoritarismus auf Probleme der Person und ihrer emotionalen Verfasstheit reduziert wird. Ein solches, auf die Befindlichkeiten der Einzelnen konzentriertes Verständnis von Politik rückt jedoch selbst bereits in die Nähe des manipulierenden Agitators, dessen Betrug darin liegt, dass er die »Beziehung von Symptom und korrelierter Gesellschaftssituation« in seinen Reden programmatisch vermeidet (vgl. Löwenthal, 1949/2017, S. 30). Wie beim Typus des Politikers erkennt Lenhard auch bei dem des Managers eine zunehmende psychologisch-manipulative Ausrichtung von Führung.Hierzu präsentiert er einige Buchtitel und Zitate, die prägnant verdeutlichen, wie subtil sich heute Herrschaft in der Sphäre vonWirtschaft und Politik vermittelt. Ich werde die These einer Politik der emotionalen Bedürfnisse und die psycho-manipulative Ausrichtung des Politikers und Managers also ernst nehmen. Allerdings stellt sich mir dabei die Frage, ob die beiden Typen trotz ihrer offensichtlich manipulativen Absichten als Agitatoren im Sinne Löwenthals und Gutermans gefasst werden können. Im Folgenden möchte ich daher die technische Vermittlung und damit die Qualität des Verhältnisses analysieren, dass die »Führung« (der Manager oder Politiker) zu ihrer Gefolgschaft unterhält, und damit einen grundlegenden Unterschied zum Agitator Löwenthals und Gutermans herausarbeiten. Obwohl sich an den zitierten Führungsratgebern und Coachings gegenwärtige Entwicklungen der politischen und wirtschaftlichen Welt ablesen lassen, betreffen sie doch wohl nur einen kleinen Teil der Manager und Politiker heute. Denn abgesehen vomPolitiker einer kleinenGemeinde oder demManager eines kleinen oder mittelständischen Betriebes ist der persönliche Kontakt zur Gefolgschaft Johannes Buchholz 114 (und darauf bauen ja die meisten dieser Techniken auf ) nicht die Regel. Die Vermittlung verläuft heute im Allgemeinen über die digitalen Medien (Computer, EDV-Software, Internet). Sie versprechen einen effizienten Umgang und einen »guten Draht« zur eigenen Gefolgschaft. Kaum eine der besagten Führungstätigkeiten lässt sich heute noch ohne sie denken. Insbesondere für den Politiker sind die Plattformen der Social Media längst zum wichtigen Handwerkszeug der Arbeit und Agitation geworden. Mit Blick auf die Diskussionen um politische Einflussmöglichkeiten über Facebook zeigt sich das besonders deutlich. Obgleich man Trump als einen Agitator im Sinne Löwenthals und Gutermans verstehen kann, stellt sich gerade auch hinsichtlich seines Wahlerfolgs die Frage, in welchem Maße dieser auf Twitter, Facebook und andere Anwendungen desWeb 2.0 zurückzuführen ist, und damit auf Techniken, die zur Zeit der Propheten-Studien noch unvorstellbar waren. Ohne diese Debatte weiter auszuführen, lässt sich an ihr zunächst erkennen, was aus technischer Sicht heute möglich ist. Am Beispiel von Facebook zeigt sich, wie »Bedürfnisse« einzelner Nutzer registriert werden, um sie dann gezielt mit (Werbe-)Angeboten und individuell zugeschnittenen Versprechen zu beliefern. Die Technik holt die Menschen sozusagen dort ab, wo sie stehen, und degradiert das politische Subjekt zumKonsumenten. Microtargeting nennt sich das Verfahren, das sich auch quer durch die deutsche Parteienlandschaft etabliert hat (vgl. Dachwitz, 2017b). Die raffiniertere Variante des Emotional Targeting, welches die Analyse der emotionalen Befindlichkeit der Nutzer zur Grundlage hat, steht laut Facebook bisher noch keinen Werbern zur Verfügung (vgl. Dachwitz, 2017a). Mit mittlerweile weit mehr als zweiMilliardenNutzern zeigtFacebook so exemplarisch, wie es im»Glamour« von technischem Fortschritt und Social Media möglich ist, Zugänge und persönliche Informationen Einzelner zu erlangen, was in diesemAusmaß undmit dieser Leichtigkeit bisher noch keinem totalitärem Regime gelungen ist. Die Verortung des Politikers und Managers in dieser medialen Verstricktheit kann hier zwar nicht weiter ausgeführt werden, ist aber in Bezug auf die Frage nach der Aktualität der Propheten-Studien von großer Bedeutung. Adorno und Horkheimer waren der Überzeugung, dass materialistische Herrschaftskritik um eine Auseinandersetzung mit medialen Techniken und Funktionsweisen nicht herumkommt. Neben dem gewiss auch demokratischen Potenzial des Web 2.0 könnten ihre Thesen zur »Kulturindustrie« – denen zufolge der Kulturbetrieb auf dem technisch höchsten Niveau seiner Zeit »Massenbetrug« betreibt – einen ersten analytischen Zugang zu den neuen Medien und ihrem Verhältnis zur Agitation ermöglichen (vgl. Adorno &Horkheimer, 1997). Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« 115 Dazu sagen die Propheten-Studien jedoch nichts, und auch Lenhards Ausführungenwäre die Frage nach demVerhältnis vonMedientechnik undAgitation noch hinzuzufügen. Zur Zeit der Studien, in den 1930er und 1940er Jahren, stellte sich dieses Verhältnis zwar anders dar als heute, doch den Agitator und seine Manipulationstechnik losgelöst vom medialen Kontext und der Funktionsweise z.B. des Radios, des Fernsehens oder der Wirkung von Flugblättern zu betrachten, bleibt dennoch problematisch. Löwenthals und Gutermans Auswertungen basieren lediglich auf der inhaltlichen Analyse von öffentlichen Reden, Artikeln und Flugblättern (vgl. Löwenthal, 1949/2017, S. 12). Übertragen auf die Gegenwart bedeutet dies: Obwohl sich die Erkenntnisse der Propheten-Studien angesichts eines Donald Trumps, der AfD oder islamistischen Predigern als erschreckend aktuell erweisen, lassen sie zugleich nur einen historisch eingeschränkten Blick auf den medientechnisch wirksamen Agitator von heute zu. Denn was wären Lutz Bachmann und Pegida ohne Internet-Foren und ihre fundamentale Abgrenzung von den herkömmlichenMedien – der »Lügenpresse«? Auch für Trumps Erfolg ist diese Abgrenzung wesentlich – was wäre er ohne seinenWahlkampf auf Facebook, was ohne Twitter? Medientechnik undAgitation sind in vielfältigerWeise aufeinander bezogen. Das ambivalente Verhalten des Agitators zu den Medien ist Ausdruck des qualitativen Unterschieds zwischen der Form herkömmlicher und neuer Medien und stellt nur einen Aspekt dar. Deutlich wird damit aber bereits, dass ohne eine zeitgemäße Theorie, die auch die Effekte der Digitalisierung des Sozialen reflektiert, sich sowohl diese Ambivalenz als auch die neuen Funktionsweisen und Transformationen des Agitatorischen nur unzureichend fassen lassen. Ergänzend zu den Ausführungen Lenhards, bei denen auf die Bedeutung von YouTube im Falle Pierre Vogels schon hingewiesen wurde, scheint es mir daher wichtig, insbesondere auch die Typen des Politikers und Managers in dem technischen Universum zu begreifen, in dem sie heute tätig sind. Von zentraler Wichtigkeit scheintmir dabei ihre Angewiesenheit auf Strategien und technische Hilfsmittel der Manipulation, die ihre reale oder gefühlte Unfähigkeit, wirkmächtige soziale Beziehungen aufzubauen, kompensieren sollen, während dem AgitatorLöwenthals undGutermans dieserMangel an sogenannter sozialerKompetenz fremd ist. In der Funktionsweise psychologischer Ratgeber, Coachings und digitaler Führungstechniken, wie demMicrotargeting beispielsweise, zeigt sich zudem ein technisch vermitteltes Verhältnis von Führer undGefolgschaft, das sich qualitativ von dem durch Radio und öffentliche Reden wirkenden Agitator unterscheidet. Wo jene dringlich auf Hilfsmittel und Weiterbildungen angewiesen sind, Johannes Buchholz 116 scheint dieser sich gerade durch das Fehlen strategischer Mittel und Techniken auszuzeichnen. Sein nahezu unmittelbarer und affektiv-impulsiver Bezug zum Publikum erscheint sogar als deren Gegenbild. Statt ausgefeilte Seminare zu besuchen und Techniken zu erlernen wird der Agitator in den Propheten-Studien als eine Person beschrieben, die »intuitiv« die Gefühle ihrer Zuhörer wahrzunehmen scheint (vgl. ebd., S. 127). Der Agitator spricht ihnen sozusagen aus der Seele: »Seine Probleme sind auch ihre, seine Erfolge auch. Durch ihn leben sie« (ebd.). Auch der starke Kontrast zum professionellen und technisch versierteren Politiker wird deutlich. So heißt es etwa, dass sich der Agitator nicht auf ein von seinen Experten oder Presseagenten fabriziertes Bild seiner Person verlasse, sondern diese Aufgabe lieber selbst übernehme (vgl. ebd., S. 126). Ihn kümmert überhaupt wenig die sachliche Lage der Dinge. Seine »Begriffe sind nicht das Resultat objektiver Analyse« (ebd., S. 23). Wenn er, wie im Beispiel Löwenthals und Gutermans, gegen Regierungsbürokraten schimpfe, beruhe das nicht auf dem Verständnis einer Problemlage, er schimpfe vielmehr, weil er »wisse«, so die Autoren, dass in seinem Publikum ein Ressentiment gegenüber Bürokraten bestehe (vgl. ebd.). Die geschilderte Nähe, die der Agitator zu seiner Gefolgschaft unterhält, ist bemerkenswert. Nicht selten wird in den Beschreibungen der Eindruck erweckt, dass er über eine besondere Begabung verfügt, die nicht jedem zukommt. Der damit einhergehende eher passive, unstrategische Eindruck wird auch dadurch nicht gemindert, dass sich in der Propheten-Studie Stellen finden, an denen der Agitator als bewusst und betrügerisch Handelnder erscheint; so zum Beispiel, wenn ein Abschnitt mit »Bearbeitung des Publikums« (ebd., S. 19) betitelt ist oder wenn es heißt, der Agitator spiele mit dem Misstrauen und der ambivalenten Gefühlslage seiner Zuhörer (vgl. ebd., S. 27f.), vor denen er nur »scheinbar« in ungeschminkter Weise auftrete (vgl. ebd., S. 127). Löwenthal und Guterman sind hier ambivalent. Gewichtiger erscheint mir jedoch ihre Charakterisierung des Agitators, der gerade weil er nicht strategisch-manipulativ handelt, und aufgrund der besonderen Nähe, die er zum Publikum aufbaut, so erfolgreich ist. Die auf Hilfsmittel angewiesenen Typen des Politikers undManagers sind seinen nahezu natürlichen und intuitiven Fähigkeiten der Manipulation unterlegen. Aus ihrer defizitären Lage heraus wird er zu ihrem Vorbild. Sein Erfolg resultiert dabei aus der paradoxen Situation, einer aus den »eigenen Reihen« und zugleich ihr anderer, ihr Führer zu sein. Er ist deshalb ein »großer ›kleiner Mann‹« (ebd., S. 128), wie Löwenthal und Guterman schreiben. Außerdem täusche der Anschein einer intellektuellen Distanz zwischen Agitator und Publikum: »Anstatt sich dem ›natürlichen‹ Strom zu widersetzen, Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« 117 läßt sich der Agitator von ihm treiben« (ebd., S. 23). Er ist also nicht der kühle Souverän, der über seinen Anhängern steht, sondern wird selbst als ein Getriebener beschrieben, der das aufrühre und in Worte fasse, was in seinen Zuhörern schlummere (vgl. ebd., S. 18). Zwischen dem Publikum und ihm bestehe zudem eine Art »unbewußter Komplizität oder Kollaboration« (ebd.). Denn, so die Autoren weiter, »wie in den Fällen individueller Verführung bleibt keiner der beiden Partner gänzlich passiv, und es ist nicht immer deutlich, wer die Verführung initiiert hat […]. Diese Dynamik ist allen Agitationsthemen gegenwärtig« (ebd., S. 18f.). Versteht man den Agitator demnach als jemanden, der mit seinem Gefolge verbunden ist und über einen feinen Spürsinn verfügt, was in den Menschen »schlummert« und entfacht werden kann, dann ist die von Lenhard angeführte Führungsliteratur, ist die Politik emotionaler Befindlichkeiten doch eher ein nachträglicher Versuch, mit technischen Mitteln zu erlangen, was der Agitator intuitiv schon kann. Die Typen des Politikers und des Managers sind damit vom Agitator, wie ihn Löwenthal und Guterman beschreiben, zu unterscheiden. Vielmehr wollen sie ihn nachahmen. Durch diese Differenzierung soll das von Lenhard genannte Problem derManipulation und Führung jedoch nicht verharmlost werden. Denn obwohl der Agitator mit seiner impulsiv-affektiven Verhaltensweise als das Gegenbild zum eher nüchternen, auf Verhaltenstechniken angewiesenen Politiker oder Manager erscheint, sind sie letztlich zwei Seiten derselben Medaille. Der Vorteil der Unterscheidung besteht allerdings darin, dass mit dem Typen des Politikers und Managers ein Herrschaftsverhältnis denkbar wird, das vom Beziehungsmodell von charismatischer Führung und Gefolgschaft abweicht, das den Propheten- Studien zugrunde liegt und erst vor demHintergrund einer sich gewandeltenGesellschaft und ihren technischen Bedingungen verständlich wird. Zugleich kann an ihnen gezeigt werden, dass sich die Problematik des Autoritarismus in Phänomenen wieWutbürgern und aufbrausenden Agitatoren allein nicht erschöpft. Die Studien zum autoritären Charakter (Adorno, 1950/1995) verdeutlichen das. Dort wird ein Syndrom des autoritären Charakters beschrieben, dessen Gefahr nicht im gefühlsgetriebenen Verhalten liegt, das wesentlich für den Agitator ist, sondern imGegenteil, in seinerunscheinbarenundnüchternenFunktionalität. Der sogenanntemanipulative Typus wird imZusammenhangmit der spätmodernen, im hohenMaße ausdifferenzierten und technisierten Gesellschaft begriffen. Unterordnungs- undGewalterfahrung der klassisch-patriarchalen Familienstruktur spielen hier keine nennenswerte Rolle mehr. Demnach ist es »weniger die väterliche Brutalität so wie im Fall Hitlers, sondern eine bestimmte Art von Käl- Johannes Buchholz 118 te und Beziehungslosigkeit«, die heute bedrohlich ist (vgl. Adorno, 1962/1997, S. 372f.). Genau deshalb handelt es sich bei dem Manipulativen heute um das »potentiell gefährlichste Syndrom«, so die Autoren (vgl. Adorno, 1950/1995, S. 334). Obgleich sich diese Studien in ihrem Aufbau von den Propheten-Studien unterscheiden, können Sie dabei behilflich sein, die Typen des Politikers und Managers umfassender zu verstehen, als dies mit dem Bezug auf Löwenthal und Guterman alleine möglich wäre. So wird im deutlichen Kontrast zum affektgetriebenen Agitator der Manipulative unter anderem wie folgt beschrieben: Gekennzeichnet durch »extreme Stereotypie«, betrachte er »alles und jeden als Objekt […], das gehandhabt, manipuliert und nach den eigenen theoretischen und praktischen Schablonen erfaßt werden muß« (vgl. ebd., S. 335). »Objektkathexis und emotionelle Beziehungen fehlen fast ganz« (vgl. ebd., S. 334f.). Sein Interesse richte sich nicht auf das Gegenüber, sondern darauf, dass mit ihm irgendwie verfahren werde. Die Funktion und die Technik erhalten die libidinöse Besetzung, die eigentlich dem Gegenstand selbst gelten sollte. Wegen dieser grundlegenden Unfähigkeit, persönlich mit anderen in Berührung zu kommen, müssten sie ihre Opfer nicht einmal hassen, so die Autoren. Stattdessen werden sie auf »administrativen«Wegen»erledigt« (vgl. ebd., S. 335). »Ihre nüchterne Intelligenz und die fast komplette Absenz von Affektenmacht sie wohl zu denen, die keine Gnade kennen« (vgl. ebd.). Diese Zitate erscheinen mir im Zusammenhang mit der Überlegung wichtig, ob nicht von einer affektlosen Nüchternheit und emotionalen Unfähigkeit, wie beim Typus des manipulativen Charakters ausgegangen werden muss, um ein grundlegendes Verständnis vom Politiker oder Manager, der sich mit Psycho-Tricks und High-Tech einen persönlichen Zugang zu seinem Gegenüber verschaffen möchte, zu erlangen. Oder anders formuliert: Der von Lenhard erwähnte Markt von manipulativ-psychologischer Literatur, Führungs-Coachings und digitalen Vermittlungstechniken findet seine idealen Abnehmer bei solchen Menschen, die zwei grundlegende Eigenschaften mit dem Manipulativen teilen: den Mangel an »sozialer« oder »emotionaler Intelligenz«, wie es meist in der besagten Literatur heißt, und das letztlich immer dominierende Interesse anManipulation. Beides fällt beim Politiker wie beim Manager zusammen, ohne dass sie darin noch einen Widerspruch wahrnehmen würden. Vor dem Hintergrund dieser Gemeinsamkeiten wird auch verständlich, warum die Autoren der Studien zumautoritärenCharakter bereits selbst davon berichteten, dass es zahlreiche Beispiele für die Struktur des manipulativen Typus unter anderem bei Politikern und zunehmend auch in der Schicht aufstrebender Manager gebe (vgl. ebd., S. 335). Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« 119 Zusammenfassend möchte ich mit Bezug auf die Frage nach der Aktualität der Propheten-Studien darauf hinweisen, dass die fehlende Auseinandersetzung mit den Massenmedien ein Versäumnis darstellt, das bei der Frage nach ihrer Aktualität zu bedenken und gerade auch in Anbetracht der Digitalisierung des Sozialen nachzuarbeiten ist. Mit Bezug auf die Ausführungen Lenhards schlage ich vor, seine Typen des Politikers undManagers vomklassischenAgitator Löwenthals undGutermans zu unterscheiden. Um das zu begründen, habe ich den jeweils unterschiedlichen Bedarf an Vermittlungstechniken und das jeweils spezifische Verhältnis von Führer und Gefolgschaft herangezogen. In meinen Ausführungen bin ich davon ausgegangen, dass die Typen des Managers und Politikers und deren Hinwendung zu den verschiedensten Mitteln und Techniken der Manipulation nur dann verständlich werden, wenn man ihnen eine soziale Unzulänglichkeit unterstellt, die sie damit zu kompensieren versuchen. Veranschaulicht wurde ein solche Unfähigkeit am Beispiel des manipulativen Typus aus den Studien zum autoritären Charakter, der zu emotionellen, sozialen Beziehungen überhaupt nicht in der Lage ist. Begreift man die von Lenhard beschriebenenTypen des Politikers undManagers vor demHintergrund ihrer sozialenUnfähigkeit, dann ist der publikumsnahe Agitator der Propheten-Studien deren geheimesVorbild.Mittels psychologischer Führungsliteratur, Coachings und digitaler Medien, die demMenschen und seinenBefindlichkeiten immernäher zuLeibe rücken, versuchen siedas zu erreichen, wozu sie selbst nicht in der Lage sind und was dem Agitator der Propheten-Studien natürlich zuzufallen scheint: ein intuitives Gespür und ein »guter Draht« zum Publikum. Literatur Adorno, T.W. (1950/1995). Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1962/1997). Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. In R. Tiedemann (Hrsg.), Theodor W. Adorno. GS XX.I: Vermischte Schriften I (S. 360–383). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T. W. & Horkheimer, M. (1944/1997). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. In R. Tiedemann (Hrsg.), Theodor W. Adorno. GS III. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Dachwitz, I. (2017a). VerhaltensbasierteWerbung: Facebook identifiziert emotional verletzliche Jugendliche. https://netzpolitik.org/2017/verhaltensbasierte-werbung-facebook -australien-analysiert-emotionen-und-aengste-von-jugendlichen (25.01.2018). Johannes Buchholz 120 Dachwitz, I. (2017b). Wahlkampf in der Grauzone: Die Parteien, das Microtargeting und die Transparenz. https://netzpolitik.org/2017/wahlkampf-in-der-grauzone-die -parteien-das-microtargeting-und-die-transparenz (25.01.2018). Löwenthal, L. (1949/2017). Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus. In H. Dubiel (Hrsg.), Leo Löwenthal. Schriften, Bd. 3. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Der Autor Johannes Buchholz, M.A., studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität Leipzig und der University of California, Berkeley. Anschlie- ßend war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Philosophischen Fakultät – Erziehungswissenschaften an derMartin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit 2016 ist er Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung, Dissertationsthema ist der Wandel der Sprache des Gesichts. Daneben ist er in kultur- und bildungspolitischen Projekten tätig. Der Agitator der Prophetenstudien als Vorbild des »Managers« und »Politikers« 121 Vater Staat undMutterland Autoritarismus als gescheiterte adoleszente Triangulierung Lutz Eichler DerAutoritarismusbegriff derKritischenTheorie hat eine gespalteneGegenwart. Auf der einen Seite hat die quantitative Vorurteilsforschung wesentliche Elemente der Untersuchungsergebnisse zum autoritären Syndrom aus den 1940er Jahren eindrucksvoll bestätigt. Es ist nicht zuletzt dasVerdienst derBielefelderDeutschen Zustände und der Leipziger »Mitte«-Studien, in repräsentativen Erhebungen die Größenverhältnisse, Facetten, Konjunkturen und Transformationen des Autoritarismus mit den neuesten Methoden empirisch erhoben und umfassend beschrieben zu haben. Auf der anderen Seite wird der psychoanalytische Erklärungszusammenhang vielfach als überholt eingeschätzt. Unter den zahlreichen Vorwürfen (zusammenfassend Brockhaus, 2012) werde ich mich auf drei häufige beschränken: Die Theorie arbeite erstens mit einer psychoanalytisch orthodoxen Familienvorstellung, zweitens mit einem idealistischen Charakterbegriff und drittens einer »ödipalistischen« Entwicklungspsychologie (vgl. Brunner et al., 2012). Ich halte diese Einwände nicht für zwingend. Zwar nötigen sie zu einigen Neuerungen undPräzisierungen, die sich aber oft schon aus einemneuenTextverständnis ergeben.Zu1:DienegativeGeschichtsphilosophieder verschwindenden Väter sollte durch konkrete empirische Forschung zu Familien, Vätern und zu regelsetzenden Instanzen ersetzt werden. Zu 2: Der Charakterbegriff wird von zwei unterschiedlichen Seiten kritisiert. Einerseits bezweifeln einige quantitative SozialforscherInnen die Einheit eines autoritären Syndroms im Individuum, müssen allerdings in der Konsequenz auch die des Subjekts aufgeben. Die unbeabsichtigte Folge ist eine Ontologisierung eines der wesentlichen Explananda des Autoritarismus: die imaginäreWir-Gruppenbildung. Andererseits hat die aktuelle psychodynamische Neurosenlehre eine Differenzierung eingeführt, da der 123 Charakterbegriff einen zu engen Konnex zwischen Struktur, Konflikt, Abwehr und Symptomen nahelegt. Diese Neuerung halte ich für sinnvoll, da sie dem Spektrum des Autoritarismus Rechnung tragen kann, ohne ihre Einheit preiszugeben oder gar den Subjektbegriff zu unterminieren. Zu 3: Beim Re-Reading der Beiträge von Fromm stellt sich heraus, dass die Theorie weniger auf den ausschließlich »ödipalen Vater« und seine Schwäche oder Abwesenheit angewiesen ist als oft angenommen. Fromms Argumentation lässt sich in trauma- und triangulierungstheoretische Begriffe übersetzen, zumal er mit der Betonung der gestörten Analität ohnehin die eine gestörte Triangulierung insgesamt im Auge hatte. Bekanntlich hat Freud und in seiner Folge auch die Kritische Theorie großes Gewicht auf die Dynamik von Kind und Vater gelegt. Doch zusätzlich zu dieser »väterlichen«, struktur- undÜber-Ich-bildendenLiniemuss auch die»mütterlich«-narzisstische Linie in den Blick genommen werden. Darauf haben bereits einige AutorInnen hingewiesen, nicht zuletzt Adorno selbst (Adorno, 1997) und besonders eindringlich Janine Chasseguet-Smirgel (Chasseguet-Smirgel, 1981). Mit dem Begriff des Narzissmus lässt sich nicht nur die kompensatorische Selbstüberhöhung begrifflich fassen, sondern auch die verkehrte Selbst-Wir-Konstellation, die in nationalstaatlich verfassten Gesellschaften generell angelegt ist. Um diese Sichtweise zu begründen, werde ichmich ausführlicher mit der analytischen Narzissmustheorie befassen und über die Integration und Gewichtung der narzissmus- und triangulierungstheoretischen Dimensionen nachdenken. Dazu geben die Untersuchungen von Decker et al. aktuellen Anlass, die unter anderem ergaben, dass Imagines von nationaler Arbeit und Wirtschaft besonders in der deutschen Variante des Autoritarismus psychologisch tief verankert sind. Zuletzt werde ich Narzissmus und Triangulierung in der Adoleszenz diskutieren, um einige der alt-neuen Feindbilder im autoritären Kosmos demVerstehen zugänglich zu machen. Noch einmal: Vaterlosigkeit? In der Kritischen Theorie nach Adorno hat sich über die Jahrzehnte eine Narration etabliert, mit der viele nicht recht glücklich zu sein scheinen, die sie aber dennoch für unverzichtbar halten. Ich meine die vom Niedergang der bürgerlichen Familie, die in strenger Zuspitzung zur These vom Veralten der Psychoanalyse führte. Die Ursprungsfassung findet sich bei Horkheimer. Der Lutz Eichler 124 gesellschaftliche Transformationsprozess von der liberalen zur fordistischen Epoche, etwa zwischen 1840 und 1920, spiegele sich innerfamiliär in etwa wie folgt wieder: Die relative Autonomie des bürgerlichen Vaters habe in seiner sozio-ökonomischen Stellung als freier und selbständiger Marktteilnehmer Basis und Halt gehabt. In der Familie stand er für Triebunterdrückung und Gewissenszwang, aber zugleich für Autonomie und Realitätssinn. Er löste die ödipale Krise aus, konnte den Weg aus der Enge der Mutter-Kind-Dyade eröffnen und das Kind in die Gesellschaft einführen. Durch die Konzentration des Kapitals wechselten die kleinen und mittleren Selbständigen mit eigenen Dispositionsspielräumen (gedeckt durch das materielle Korrelat von Freiheit in Form eines Teils des gesellschaftlichen Mehrprodukts) in die Position von Angestellten. Damit wurden sie abhängige und austauschbare Variablen übermächtiger Großkonzerne und verloren die sozioökonomische Basis ihrer väterlichen Autorität. Von nun an hatte der Vater seinen Kindern weder materiell noch immateriell, in Form vonWissen, viel zu vererben. Die Generationen seien nun einander nutzlos geworden: die Kinder aus Sicht der Eltern als Nachfolger (»Stammhalter«), Alterssicherung und Vollender des eigenen Lebensplans, die Eltern aus der Sicht der Kinder als Übermittler von Reproduktionsmitteln und Erfahrungen. So formulierte Horkheimer: »Nochmacht dasKind in denFrühphasen seiner Entwicklung dieselbenErfahrungen von Haß und Liebe dem Vater gegenüber durch, die im bürgerlichen Zeitalter den Ödipuskomplex konstituierten. Rascher jedoch als früher findet das Kind heraus, daß der Vater keineswegs Macht, Gerechtigkeit und Güte verkörpert, vor allem auch: keineswegs den Schutz gewährt, den es sich zunächst von ihm verspricht. Die tatsächliche Schwäche des Vaters in der Gesellschaft, die zurückweist auf das Schrumpfen der Konkurrenz und freiem Unternehmertum, reicht bis in die innersten Zellen des seelischen Haushalts: Das Kind kann sich nicht länger identifizieren, nicht länger jene Verinnerlichung der familiären Anforderungen zustande bringen, die bei all ihren repressiven Momenten entscheidend beteiligt war an der Bildung des autonomen Individuums« (Institut für Sozialforschung 1956, S. 126f.). Diese familienhistorische These wurde in verschiedenen Variationen bis weit in die 1970er Jahre, teils ohne Kenntnis des Originals oder des ökonomiekritischen Hintergrunds, wiederholt (besonders prominent in den USA: Lasch, 1986). Infolge des Niedergangs kritischer Gesellschaftstheorie in den 1980er Jahren geriet auch die Narration vom Ende des Vaters in Vergessenheit, allerdings ohne ernst- Vater Staat undMutterland 125 lich diskutiert worden zu sein. Erst Reimut Reiche sichtete das Erbe in seinen Aufsätzen ab 1991 kritisch (Reiche, 2004), freilich eher in Form einer Abrechnung, die auch nach Empfinden des Autors noch verstrickt war. Verfolgen wir den Argumentationsgang kurz im Detail: Das Argument, die Macht der Väter schrumpfe im Zuge der Zentralisierung des Kapitals, lässt sich empirisch verstehen. Die Zahl kleiner und mittlerer Unternehmen sank tatsächlich in diesem Zeitraum, aber doch nur relativ. Ein Teil der wachsenden Zahl an Angestellten von Großkonzernen kam aus diesen kleineren Unternehmen, ein anderer aber aus der Arbeiterschaft und ein dritter bestand aus Frauen, die zuvor bezahlte oder unbezahlte Reproduktionsarbeit ausgeführt hatten. Sozialstrukturell betrachtet, verengt sich Horkheimers These also auf eine spezifische Gruppe des alten Mittelstands, die in die des neuen wechselte. Insofern steckt hinter Horkheimers Geschichte der Familie eine Variante der These, der Faschismus sei eine Kleinbürger-Ideologie, nur erklärt er den Zusammenhang anders: über die substanzlose und gerade deswegen autoritäre Väterlichkeit. Die Vermutung, entmachtete patriarchale Ex-Bürger misshandeln ihre Kinder, ist zunächst durchaus plausibel. Aber wir wissen nicht, wie sich der Prozentsatz faktisch oder emotional vaterloser, also vernachlässigter oder misshandelter Kinder zwischen, sagen wir, 1840 und 1914 wirklich empirisch verändert hat. Zwar ist anzunehmen, dass er während und nach dem Ersten Weltkrieg anstieg, aber die Generalisierung der vermuteten Zunahme von Kindesmissbrauch in einem spezifischen Milieu auf die Gesamtgesellschaft ist zu wenig ausgewiesen. Ein zweiter Aspekt der These bezieht sich auf die vermeintlicheNutzlosigkeit der Familienmitglieder füreinander, die mit wachsender Kälte und Instrumentalismus assoziiert wurde. »Der Mann zahlt eine gewisse Prämie dafür, daß ihm die Frau zu Willen ist, das Kollektiv der Frauen erwirbt für deren natürliches Monopol ein gewisses Maß an Sicherheit …Die Individuen werden auswechselbar wie imGeschäftsleben, woman eine Position verläßt, wenn sich eine bessere bietet« (Institut für Sozialforschung, 1956, S. 125). Das ist eineharscheFamilienkritik, trifft aber diemoderneEntwicklungnicht gut. Denn nach dieser Logik wären immerhin die Eheleute füreinander von Nutzen. Außerdem erscheint es unplausibel, warum die familiäre Liebe in früheren Zeiten größer gewesen sein soll. Auch gilt die Nutzlosigkeit umgekehrt – spätestens seit den 1980er Jahren – als Voraussetzung der »reinen romantischen Liebesbeziehung« und dient gerade deshalb als Erklärung gestiegener Scheidungsraten. Lutz Eichler 126 Dieser Argumentation zufolge wäre nicht Utilitarismus, sondern Anti-Utilitarismus die Ursache von Vaterlosigkeit durch zerbrochene Ehen. Auch die Entwicklung der Nützlichkeit, die die Generationen füreinander haben, ist vielschichtiger. Sowohl Pierre Bourdieu als auch die empirische Forschung zur transgenerationalenReproduktion sozialerUngleichheit belehren uns darüber, wie wichtig die Eltern für den sozialen Status des Kindes sind, sowohl unmittelbar ökonomisch als auch habituell, und zwar nicht nur immer noch, sondern in wieder steigendemMaße. Insgesamt ist die These also zumindest in dieser Fassung nicht haltbar. Gewiss behindert der Kapitalismus die Liebesfähigkeit, aber die Entwicklung der Familie ist doch zu kompliziert, um auf den einenNenner gebracht zu werden, denHorkheimer skizzierte. Recht verstanden: Horkheimer sah nicht die Familie und den Vater des 20. Jahrhunderts falsch, sondern die des 19. Ganz prinzipiell arbeitet die These von der Vaterlosigkeitmit einem falschenMaßstab: Siemisst die je aktuelle Realität am Ideal einer früheren Epoche. Denn die Narration fußt nicht auf der realistischen empirischen Forschung zur Väterlichkeit im 19. Jahrhundert, sondern auf einem Ideal perfekter Väterlichkeit – einem Ideal übrigens, das wir cum grano salis bis heute teilen.Die geschichtsphilosophischeThese vomAufstieg und Niedergang des Individuums lässt sich ideengeschichtlich verstehen, aber nicht direkt auf die Realgeschichte übertragen. Für sinnvoller halte ich, frühereRealitätenmit heutigen zu vergleichen und denMaßstab der Kritik den jeweils aktuellen Potenzialen einer Gesellschaft zu entnehmen (Eichler, 2013, S. 31ff.).1 Analität und scheiternde präödipale Triangulierung Die Kritische Theorie ist auf diesen Argumentationsstrang aber weniger angewiesen als es scheint. Horkheimer zufolge hat der Vater für das Kind verschiedene Funktionen, unter anderem die der Ablösung von der Mutter und der schrittweisen Einführung in die außerfamiliäre Welt. Unabhängig von der historischen Entwicklung der väterlichen Autorität handelt es sich hierbei um bedeutende Entwicklungsschritte, die auch heute noch häufig problematisch verlaufen. In der psychodynamischen Therapie werden sie als Triangulierungsstörungen bezeichnet. Triangulierungen können auch von anderen Personen als dem Vater 1 In den letzten Jahren hat sich eine Debatte zu Vaterlosigkeit, Väterlichkeit und Männlichkeit entwickelt, die ich aber hier beiseite lasse (exemplarisch:Dammasch&Metzger, 2006; Metzger, 2008). Vater Staat undMutterland 127 übernommen werden und sie finden nicht nur während der ödipalen Phase statt. Diese theoretische Neujustierung ermöglicht einerseits eine relative theoretische Entlastung des Vaters durch eine Pluralisierung der Besetzung der Position des Dritten. Andererseits spielt der/die Dritte bereits in der prä-ödipalen Phase eine wichtige Rolle (Grieser, 2015). Beim Re-Reading der ätiologischen Erklärung von Autoritarismus, für die anfänglich Erich Fromm zuständig war, zeigt sich, dass seine Argumentation nicht »ödipalistisch« im engeren Sinne ist, sondern dass es ihm generell um Triangulierung geht. Für dasKleinkindalter lassen sich zweiTriangulierungsschritte unterscheiden. Im ersten Schritt erkennt das Kind, dass neben ihm selbst und seinem primären Objekt noch eine dritte eigenständig konturierte Person existiert. Diese »Entdeckung«des präödipalenVaters hat dieGruppe umMargretMahler in den 1970er Jahren gemacht.2 »In der Mitte des zweiten Lebensjahres benutzt das Kind die Beziehung zum Vater dazu, um Nähe und Distanz zur Mutter zu regulieren« (ebd., S. 16). Ein solcher Gedanke sei damals, kommentiert Jürgen Grieser in seiner instruktiven Einführung in die Triangulierungstheorie die zeitweilig große Popularität Mahlers, »durchaus nicht naheliegend gewesen, war doch der Vater im Kleinkindalter in der Lebensrealität so wenig wie in der psychoanalytischen Theorie präsent« (ebd., S. 20). In diesem Forschungskontext entstand auch die berühmte Formulierung, der Vater erscheine dem Kind »wie ein Ritter in seiner glänzenden Rüstung« (Abelin, 1971, S. 232; zitiert nach Grieser, 2015, S. 20). Durch dieses zweite Objekt kann sich das Kind vom ersten Objekt distanzieren und gewinnt so einen Blick darauf, der vorher gleichsam durch zu große Nähe verstellt war. Zugleich entwickeln sich in dieser Lebensphase die Motorik, die Kontrolle der Körperfunktionen und der Spracherwerb rasant weiter. Durch diesen enormen Zugewinn an Selbstkontrolle und derMöglichkeit der sprachlichen Beeinflussung anderer schwankt das Erleben des Kindes nun zwischen Omnipotenzfantasien und Ohnmacht. Das Verhältnis von Ordnung und Eigensinn ist in dieser analen Phase ein wichtiges Thema. Beim zweiten Triangulierungsschritt geht es für das Kind darum zu begreifen, dass die bedeutsamen Anderen ihrerseits eine Verbindung zueinander haben. Nach Ilka Quindeau muss es sich in einem »sozialen Netzwerk – zunächst innerhalb der Familie, dann darüber hinaus in weiteren gesellschaftlichen Zusammenhängen – verorten. Dabei geht es im Wesentlichen darum, sich zum vorgängigen Anderen in Beziehung zu setzen, das heißt letztlich dessen Primat 2 Den Grundgedanken einer frühen, präödipalen Triangulierung findet man schon bei Jacques Lacan, Melanie Klein und Jean-Louis Lang. Lutz Eichler 128 (nicht: den Anderen als Anderen) anzuerkennen« (Quindeau, 2008, S. 33). Triangulierung heißt in diesem Sinne: »Das Kind verortet sich imNetz der familiären Beziehungen und wird gewahr, dass es nicht im Mittelpunkt aller sozialen Beziehungen steht« (ebd.). Der Begriff der ›Urszene‹ bedeutet auf emotionaler Ebene also die Erkenntnis: Es gibt Beziehungen zwischen bedeutsamen Anderen, aus denen man selbst zeitweise ausgeschlossen ist. Der Einzelne ist nicht nur vom Anderen (in Einzahl) abhängig, sondern auch von den Beziehungen zwischen bedeutsamen Anderen. Entsprechend ist die Hauptangst der ödipalen Phase die, ausgeschlossen oder abgelehnt zu werden. Die Unterscheidung der beidenTriangulierungsschritte könnte eine noch differenziertereAnalyse desAutoritarismus ermöglichen.Während es in der präödipalen Triangulierung um die ThemenMacht/Ohnmacht und Struktur/Chaos geht, stehen in der ödipalenTriangulierung die Themen Einschluss/Ausschluss Trennung/(nicht narzisstische) Vereinigung, Eigenständigkeit/Solidarität im Vordergrund. Folgen wir dieser Unterscheidung, fällt auf, dass Fromm eher die präödipale Triangulierung vor Augen steht. Die emotionale Bindung der Beherrschten an den Herrscher erklärte er 1932 im ersten Heft der Zeitschrift für Sozialforschung übertragungstheoretisch: Sie sei die Wiederholung der seelischen Haltung des Kindes gegenüber dem Vater, eine »Mischung aus Bewunderung, Angst, Glaube an dieKraft, Klugheit und gutenAbsichten« (ebd., S. 37) – also eine idealisierende Vater-Übertragung, wie sie für die präödipale Triangulierung charakteristisch ist. Fromm geht davon aus, dass beim Autoritarismus eine Fixierung an diese Stufe besteht. Im zweiten Heft der Zeitschrift nutzte Fromm das Phasenmodell Freuds, um daraus Charaktertypen zu extrapolieren. Den oralen Typ schätzte er als ambivalent, den genitalen Typ als objektfreundlich ein. Den analen Charakter dagegen stellt Frommals sinnadäquat zum autoritärenKapitalismus heraus: Er sei asketisch, pflicht- und ordnungsfanatisch, sadistisch und kalt. Diese Eigenschaften brachte Fromm und später auch Adorno mit Zwanghaftigkeit in Verbindung (Fromm, 1936/1993, S. 109; Adorno, 1995, S. 324). Zwang sei gleichsam das Leitsymptom des analen Charakters. Stavros Mentzos beschreibt in seinem Lehrbuch der Psychodynamik Zwangspatienten als emotional »trocken«, doch nur knapp unter der Oberfläche der zwanghaften Ordnung, der stereotypen Denkinhalte, der Sauberkeit, Überkorrektheit und Rigidität lauerten die gegenteiligen Impulse. Oft finde man bereits in den Zwangshandlungen und -gedanken »unbeabsichtigte Komponenten des Gegenteiligen, also des Verbotenen, der abgewehrte Impuls sickert sozusagen trotz Abwehr durch« (Mentzos, 2009, S. 102). Gegenüber der Strukturbildung (dem»väterlichenGesetz«) besteht also eine starkeAmbivalenz.MassiveÄngste Vater Staat undMutterland 129 vor dem Verlust von Ordnung und Kontrolle innerer und/oder äußerer Prozesse werden mit Überkontrolliertheit und Zwang zu bearbeiten versucht. Hinter der Angst verbirgt sich auch Lust am Chaos, am »Schmutzigen«, und die Lust, sich masochistisch hinzugeben. Zwangssymptome tauchen auch im gesellschaftlichen Kontext – im autoritären Syndrom– auf: Der Autoritäre bringt seine aggressiven Impulse in der autoritären (Idee von) Ordnung unter, wettert gegen die bürokratische Ordnung und umgeht sie gerne auch einmal, wenn er glaubt, ungestraft davonzukommen, und kritisiert sie für ihre Liberalität, um wiederum eine straffere Ordnung zu fordern. Die Verbindung von Zwang und Analität ist zwar plausibel, aber nicht selbstverständlich. Aus heutiger psychodynamischer Perspektive versteht man Zwänge als einen Verarbeitungsmodus, hinter dem verschiedene Konflikte auf unterschiedlichen Strukturniveaus stehen können. Nach Mentzos können Zwänge einerseits zur Beruhigung eines strengen und strafenden Über-Ichs eingesetzt werden, andererseits einer »Korsettierung des Selbst« dienen (ebd., S. 106). Im ersten Fall schützt der zwangsneurotischeModus vor der Depression, im anderen vor der Psychose. Ich werde auf die Differenzierung zwischen Konflikt und Konfliktverarbeitung zurückkommen. Trauma und gescheiterte ödipale Triangulierung Der Begriff der Autorität wurde erst in den Studien über Autorität und Familie (1936) eingeführt. Horkheimer und Fromm betonen die Mehrdeutigkeit des Autoritätsbegriffs: erstens könne er sowohl positiv Sachautorität als auch negativ Machtautorität meinen; zweitens müsse zwischen äußerer Autorität und verinnerlichter Autorität, dem Über-Ich, unterschieden werden. Als dritte Differenzierung führt Horkheimer die von personaler und abstrakter Autorität ein. Letztere sieht er bereits in der absoluten Autorität des puritanischen Gottes (in Anspielung aufWebers»Geist desKapitalismus«), der keine Institution oder gar Person mehr braucht. So kann sich die abstrakte Autorität sowohl gegen die personale Autorität von beispielsweise Königen wenden, als auch gegen jede Form derMenschlichkeit. Den Prozess der Entpersonalisierung vonAutorität (negativ: von Herrschaft) fasst Horkheimer in der Formulierung zusammen: »Die Verhältnisse selbst werden autoritär« (Horkheimer, 1988, S. 368). Die Beherrschten gehorchen einemSachzwang, anden sie sich gleichwohl emotional binden.Oliver Decker hat diese Eigentümlichkeit zur Theorie des Sekundären Autoritarismus ausformuliert (Decker, 2015). Lutz Eichler 130 Die Übertragungsreihe vom strukturbildenden Vater, dem zweiten Objekt, auf eine verallgemeinerte Struktur (dem Lacan’schen »Gesetz«) könnte durchaus auch Teil einer gelungenen Entwicklung sein. Die Fähigkeit, eine konkrete Situation im Lichte allgemeiner ethischer Prinzipien zu beurteilen, ist eine wichtige Stufe in der Entwicklung des Moralbewusstseins. Betrachten wir Fromms Argumentation genauer: ImödipalenDrama der patriarchalenKleinfamilie identifiziert sich der Sohn mit dem Vater und bildet so sein Über-Ich aus. Allerdings muss hier etwas schieflaufen, denn, so argumentiert Fromm, das Kind projiziert nun immer wieder dieses Über-Ich auf die »in der Gesellschaft herrschenden Autoritätsträger« (Fromm, 1936/1993, S. 77). Die Projektion werde wiederum introjiziert.3 Dadurch gewinnen sowohl die Autorität des Vaters als auch die der Gesellschaft Stabilität, denn die in der Kindheit ausgebildete Charakterzüge bestehen im Erwachsenenleben fort. Die Identifizierung mit dem Vater ist nicht an sich das Problem. Nur wenn das verinnerlichte Objekt unverarbeitet und unveränderlich bleibt, kommt es zur misslungenen oder »primitiven« Identifizierung. Bestimmte Auslöser beleben das Objekt wieder als sei es aktuell, d. h. es wird nicht als ein Vergangenes erinnert. Insofern ist es tief ins Subjekt eingedrungen und dennoch Ich-fremd. Entsprechend wird auch das Über-Ich nicht integraler Teil des Ich, sodass es nicht kognitiv eingeholt und überprüfbar wird. Das Subjekt hat, in heutige Terminologie übersetzt, traumatische Introjekte, die gleichsam »als Ganzes« einverleibt wurden und unverdaut bleiben. Man kann also folgende Unterscheidung treffen: Eine gelungene Über-Ich-Entwicklung besteht aus den Schritten: Identifikation mit dem Vater – Bildung des Über-Ichs – Integration des Über- Ichs ins Ich – Bildung eines Gewissens, das verallgemeinerte moralische Normen an wechselnde soziale Situationen anpassen kann. In der gelungenen Variante können Normen und Regeln geprüft und gegeneinander abgewogen werden. Die misslungene Variante sieht so aus: Introjektion des väterlichen Gesetzes – globales, undifferenziertes, allmächtiges Über-Ich – mangelnde Integration ins Ich – unveränderliche, innere Autoritätsstruktur – konventionalistische, unflexibleNormanwendung.Hier kanndie ethischeGeltungdesGesetzesnicht kognitiv eingeholt werden, es wird ungeprüft exekutiert, sobald eine äußere Macht hinter ihm steht. Fromms Autoritarismustheorie kann man in heutiger Terminologie als traumatheoretisch bezeichnen. Jede soziale Macht triggert gleichsam erneut das Introjekt. 3 Fromm unterscheidet noch nicht zwischen früher und traumatisierender Introjektion und reifer Identifikation. Vater Staat undMutterland 131 Diesen Charakter nannte Fromm 1936 autoritär-masochistisch. Er interpretiertedamitFreuds individualpsychologischeÜberlegungenzumanalenCharakter und zum Sadomasochismus sozialpsychologisch. Der Autoritär-Masochistische liebt die Mächtigen, denn die Unterwürfigkeit unter eine Macht gewährt Schutz und Befriedigung durch imaginäre Teilhabe an der Macht. Doch das Verhältnis ist ambivalent, denn insgeheim hasst er die Mächtigen auch. Diese Ambivalenz kann durch Spaltung gelöst werden, indem die Mächtigen in eine nur-gute und eine nur-böse Gruppe unterteilt werden. Die Ohnmächtigen dagegen werden gehasst – ihre Hilflosigkeit und Bedürftigkeit löst beim Autoritär-Masochistischen nur Verachtung aus. Er erlebt »sein Verhältnis zurWelt unter demGesichtspunkt unentrinnbaren Schicksals« (Fromm, 1936/1993, S. 113). Dies »Fatum« (ebd.) kann den Namen Naturgesetz, Wille Gottes oder Pflicht tragen – immer ist es eine unerreichbareMacht, der man sich blind unterwerfenmuss. Die Abstraktion von personaler Autorität hin zurUnterwerfung unter das Fatum ist aber keine kognitive Leistung der geprüften Verallgemeinerung von ethischen Regeln, sondern, so könnte man Fromms Überlegungen verstehen, die Persistenz eines globalen, primitiven Über-Ichs, eines malignen Über-Ichs, das letztlich eine Unterwerfung unter das Introjekt oder, noch einmal anders formuliert, die Wiederbelebung der Introjektion des Angreifers darstellt. Die infantile Traumatisierung durch die Eltern hat noch einen fatalen Zusatzeffekt: Da der Angreifer zugleich ein lebensnotwendiges Objekt ist, muss das Kind sich mit ihm identifizieren. Dadurch bleibt auch später das Bild des Vaters nur-gut, während das Opfer sich als böse und schuldig empfindet – Gefühle und Affekte, die ihrerseits projiziert werden. Dieser Typ des autoritären Charakters ist dem chronischen Gewalttäter in einigen Aspekten ähnlich. Gewalttäter sind in ihrer übergroßen Mehrheit in ihrer Kindheit Gewaltopfer gewesen (Dornes, 2006, S. 339ff.). Sie wurden misshandelt, vernachlässigt oder beides, für gewöhnlich vom Vater, während die Mutter sie nicht schützte und/oder selbst Opfer wurde. Die Neigung zur Gewalt zeigt sich bereits in der Kindheit und setzt sich bis ins hohe Alter fort. Wenn wir Fromms Autoritarismusbegriff als eine Introjektionstheorie avant la lettre4 verstehen, werden auch weitere autoritäre Charakterzüge, wie sie in den Studies in Prejudice ausgeführt wurden, leicht nachvollziehbar: Anti-Intrazeption, die Abwehr des Subjektiven, Fantasievollen und Sensiblen, da der nach Innen gerichtete Blick zu schmerzhaft ist. Aberglaube und Stereotypie als der Glau- 4 Fromm kannte Schriften Sándor Ferenczis, dem Begründer der psychoanalytischen Psychotraumatologie, erwähnt aber seine traumatheoretischen Überlegungen nicht (Ferenczi, 1932/1982). Lutz Eichler 132 be an die mystische Bestimmung des eigenen Schicksals, kann man übersetzen als mangelnde Selbstwirksamkeitserwartung und Kontrollüberzeugung. Machtdenken und Kraftmeierei ließe sich erklären als Verallgemeinerung des Denkens in Täter-Opfer-Kategorien, Destruktivität und Zynismus (»Ein Klaps auf den Hinterkopf hat noch niemandem geschadet, hahaha«) entlastet den Täter und wendet die verinnerlichte Gewalt gegen das neue Opfer. Allerdings wird nicht jedes misshandelte oder vernachlässigte Kind gewalttätig und/oder autoritär, es kann auch eineVielzahl anderer psychischer Störungen, insbesondere internalisierende (selbstverletzend, depressiv, ängstlich, psychosomatisch) ausbilden oder gesund bleiben (was statistisch selten ist). Über die soziologisch erfassbaren Faktoren der Deprivation und des Missbrauchs hinaus, kommt es auf die spezifische Verarbeitungsweise der kindlich erfahrenen Wunden an. Und noch eine Differenzierung ist notwendig. Nicht jede/r Autoritäre ist körperlich gewalttätig: Andere Auswege für den Hass bieten zum Beispiel politischeWahlen, Blogs oder Demonstrationen. Autoritarismus als Modus der Konfliktverarbeitung Wir finden im Autoritarismus also einige Elemente und Mechanismen der Psychodynamik individueller Störungen, aber es gibt weder einen einheitlichen Konflikt5 noch ein einheitliches Strukturniveau. Auch hier hilft uns die neuere Neurosenlehre einen Schritt weiter. Mentzos schlug bereits Anfang der 1980er Jahre eine mehrdimensionale Diagnosesystematik vor, da man in vielen Fällen nicht auf »die zu erwartenden Kombinationen von Psychogenese, Konfliktart, Abwehrmechanismen und Symptomen« trifft (Mentzos, 2003, S. 108). Er unterscheidet drei diagnostische Ebenen oder Dimensionen: den zentralen Konflikt, den Reifungsgrad oder die Kohäsion, d. h. die Beschaffenheit des Ichs (Selbst), inklusive der Art und Ausprägung eventueller struktureller Mängel und »die im Vordergrund stehenden Abwehr-, Ersatzbefriedigungs- und Reparationsvorgänge bzw.Mechanismen, die in ihrer Gesamtheit jeweils den charakteristischen Modus der Verarbeitung des Konflikts darstellen. […] Der ›Modus‹ bezieht sich auf das ›Ganze‹ der Reaktion und – was noch wichtiger ist – auf die Art des Umgangs mit äußeren und inneren ›Objekten‹« (ebd., S. 110). 5 Der Einfachheit halber spreche ich im Folgenden von Konflikt und Konfliktverarbeitung, meine aber immer auch Trauma und Traumaverarbeitung. Vater Staat undMutterland 133 Verschiedene Konflikte können den gleichen Modus mobilisieren, umgekehrt kann ein bestimmter Konflikt mit verschiedenenModi beantwortet werden. Die Modi sind relativ konfliktunspezifisch, wobei es sowohl statistische als auch psychologisch typische oder naheliegende Verbindungen zwischen Konflikten und Modi gibt. So »passt« der zwangsneurotische Modus und der Abhängigkeits- Autonomie-Konflikt (= Gehorsam-Ungehorsam-Konflikt) gut zusammen und tritt häufig auf. Der zwangsneurotische Modus kann aber auch der »notdürftigen Stabilisierung bei einer drohenden Selbstdesintegration« (Mentzos, 2009, S. 50) dienen. Folgen wir dieser Terminologie, haben wir es beim Autoritarismus mit einemModus der Konfliktverarbeitung zu tun, hinter dem verschiedene Konflikte mit verschieden reifer oder unreifer Persönlichkeitsorganisation stecken können.6 Den autoritären Modus der Konfliktverarbeitung kann man als Variante der »interpersonellen« oder »psychosozialen Abwehr« im Sinne Mentzos’ verstehen. Ein erstes Charakteristikum dieser Abwehr ist die Externalisierung innerer Konflikte.7 Prinzipiell können Externalisierungen nützlich und wünschenswert sein, wenn sie beispielsweise im geschütztenRahmen derTherapie zwischenTherapeut und Analysand auftreten, denn dort können sie konstruktiv verarbeitet werden. NachMentzos wäre es 6 Diese Idee hatte Adorno in gewisser Weise auch schon, als er die Typen und Syndrome des autoritären Charakters ausdifferenzierte. Der Vorwurf, der von den Frankfurtern verwendete Charakterbegriff unterstelle eine kausallogische Einheit aller Symptome, relativiert sich also von zwei Seiten. Einerseits wurde das bereits von den Urhebern, besonders den AutorInnen der Studies in Prejudice nicht behauptet, andererseits ist die Begriffsbildung in der aktuellen Psychopathologie, recht verstanden, ebenfalls idealtypisch. Kein/e PatientIn hat »eine Hysterie«, so, wie sie im Buche steht, und entsprechend finden wir wohl auch nie »den« autoritären Charakter. Und dennoch sind die Kategorien notwendige Erkenntnisinstrumente. Pragmatisch hilft man sich in der Psychopathologie oft mit einem »Leitsymptom« oder psychodynamisch mit einer charakteristischen Sammlung von Abwehrmechanismen (die aber wiederum nicht alle auftreten müssen), deren Gesamtfunktion angegeben werden kann. Selbst hieran kann man scheitern. So findet sich beispielsweise zum Autismus kein Leitsymptom. 7 Genau besehen sind alle Externalisierungen Re-Externalisierungen, da alle inneren Konflikte internalisierte, also ehemals äußere Konflikte waren. Da Gesellschaft dem Einzelnen konstitutionslogisch vorausgeht, sind alle persönlichen äußeren Konflikte zunächst unbewältigte soziale Konflikte. Daher scheint es nicht nur so, als seien die externalisierten Konflikte der Autoritären ehemals soziale Konflikte. Das ist tatsächlich so. Allein, sie sind bereits einmal durch einen von eben jenen sozialen Konflikten gestörten Triebapparat hindurchgelaufen. Lutz Eichler 134 »zu begrüßen, wenn die spontane Tendenz zur Externalisierung diese Funktion hätte. Dem ist aber leider nicht so. Wie die Internalisierungs-, so nehmen auch die Externalisierungsvorgänge oft sehr schnell den Charakter von Abwehrvorgängen an. Sie führen nicht zu einerWiederbelebung und erneuten Verarbeitung des Konfliktes, tragen nicht zur Aufhebung der Verdrängung […] bei, sondern vielmehr zu ihrer Verstärkung und Zementierung« (Mentzos, 2003, S. 257). IntrapsychischeVorgängewerden nicht als eigene erkannt und erlebt, sondern der äußerenWelt zugeschrieben.8 Leid produzieren im Auge dieser Patienten nur die anderen, die objektiv leiden. Allerdings reicht auch dasMerkmal Externalisierung nicht, um die Psychodynamik des Autoritarismus hinreichend zu beschreiben. Denn sie steht auch bei vielen Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen im Vordergrund. Ein zweites Charakteristikum muss hinzutreten. Denn der oder die Autoritäre bildet eigentlich gar kein individuelles Symptom aus, an dem er leidet. Pejorativ gewendet ist derAutoritäre zur individuellen Symptombildung unfähig. Stattdessen erlebt er sein Leid immer im Kontext einerWir-Gruppe. Der autoritäreModus funktioniert nur, wenn er interpersonell geteilt wird.9Autoritarismus als ein Modus der Konfliktverarbeitung schützt das Subjekt, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, vor der Bildung einer individuellen Störung und damit vor demErleben subjektiven Leids. Dies ist eine spezielle Art des Krankheitsgewinns, der zur Festigkeit des autoritären Syndroms beiträgt. Als drittes Charakteristikum kommt hinzu, dass die Wir-Einheit keine konkrete Gruppe mit konkreten Einzelpersonen ist. Dies unterscheidet den Autoritarismus von der interpersonalen Abwehr in Paarbeziehungen (Mentzos, 1988), Familien (Richter, 1970) oder 8 Ein Spezialfall der Externalisierungen sind sogenannte Real-Externalisierungen. Man kann sie auch, im Anschluss an Klein, projektive Identifikationen nennen. Hierunter sind über die bloße Projektion hinausgehende Vorgänge zu verstehen, bei denen »durch unbewusste Manipulation der Realität oder durch entsprechendes vorwegnehmendes Ausselektieren der Objekte, eine Quasi-Objektivierung des Inhalts der Projektion erreicht wird« (Mentzos, 2008, S. 189). Wahrscheinlich geht kaum eine Projektion völlig spurlos an Personen vorbei, die zur Projektionsfläche wurden. Sinnvoll erscheint es mir, von Quantitäten auf einem Kontinuum auszugehen. Tatsächlich besteht ein hohermanipulativer Druck auf den prospektiven Opfern der Autoritären, sich real so zu fühlen oder zu verhalten als seien sie so, wie sie die Autoritären als Feindbild projizieren. Besonders ernst wird es, wenn die ProjektorInnen Machtmittel an die Hand bekommen. Es ist aber nicht sinnvoll, jede autoritäre Projektionmit der Kraft von projektiven Identifikationen ausgestattet zu begreifen. 9 Womöglich ist es dieses Phänomen, das die Bielefelder dazu veranlasst hat, das Subjekt ganz aus der Betrachtung zu nehmen. Vater Staat undMutterland 135 konkreten Gruppen (Peergroups, Schulklassen, Cliquen). Die Wir-Gruppe ist eine imaginäre, eine fantasierte Einheit: die Nation oder Ethnie. Das Phänomen des Kollektivismus DiesesCharakteristikumfür erklärungswürdig zuhalten, ist inderForschungkein Konsens. Nach wie vor wird Nationalismus oft naturalisiert. So argumentieren Zick et al. in den Bielefelder Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, syndromatischeDiskriminierung sei keine »individuelle Disposition im Sinne eines Charakterzuges, sondern Ausdruck der Abwertung von Gruppen durch Gruppen« (Zick et al., S. 65). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit müsste a priori Gruppenpsychologie sein (und würde dann übrigens ein anderes Untersuchungsdesign erfordern: Manmüsste Gruppen und keine Individuen befragen). Die Konstitution der Gruppe bleibt so ausgeblendet. Die AutorInnen scheinen selbst Zweifel an ihrer Aussage zu hegen und ergänzen, die Ursache von Abwertungen seien »Zugehörigkeiten« und »sozialeMotive«. Ein soziales Motiv sei wiederum, dazugehören zu wollen (ebd., S. 70). Die Argumentation ist widersprüchlich: Einerseits gehören Menschen dieser Theorie zufolge per se zu Gruppen, haben aber andererseits auch ein Motiv, dazugehören zu wollen. Sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, wäre dann aber Folge einer eigenen Entscheidung. Die theoretische Unklarheit fußt auf einer Schwierigkeit in der Sache: Ein zentrales Kennzeichen von Autoritarismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit besteht bereits in der Gruppenzugehörigkeit, und zwar in einer, die aus subjektiver Perspektive als askriptiv empfunden wird, also als zugeschrieben (nicht willentlich, nicht erworben). Nationalismus ist ein gesellschaftstheoretisch zu analysierendes Grundproblem. Hier befasse ich mich nur mit dem psychologischen Aspekt, indem ich eine Antwort mithilfe des Narzissmusbegriffs zu geben versuche. Die Grundfrage lautet: Wie kommt es zu dieser Selbst-Erweiterung bzw. Auflösung des Selbst im imaginärenWir?Denn der kollektive Narzissmus ist nicht nur eine Selbstermächtigung, sondern zugleich eine Selbsterniedrigung. Narzissmus als dialektische Doppelstruktur Martin Altmeyer hat in seiner instruktiven Untersuchung der 100-jährigen Geschichte der psychoanalytischen Narzissmustheorien zwei sich diametral entge- Lutz Eichler 136 genstehende Grundkonzeptionen gefunden, die bereits bei Freud angelegt sind (Altmeyer, 2004). In der einen wird der Narzissmus in einen Gegensatz zur Objektbeziehung gebracht: Ein abgegrenztes Subjekt richtet seine Libido auf sich selbst zurück. In der anderen wird Narzissmus vor der Trennung zwischen Subjekt und Objekt angesiedelt: »In dieser Variante ist er [der Narzissmus] nach der intrauterinenWelt konzipiert, deren ökonomische Funktion in derMutter-Kind- Dyade fortgesetzt wird […]. Er erlebt sich in der Einheit mit derMutter in einem entgrenzten ozeanischen Selbstgefühl« (ebd., S. 46). Die erste Variante nennt Altmeyer »monadologisch«, die zweite »umweltbezogen«. Ferner erklärt er die beiden Theorietypen für radikal gegensätzlich und plädiert aus der Perspektive der intersubjektiven Psychoanalyse für die umweltbezogene Vorstellung vonNarzissmus. Tatsächlich aber bilden die Gegensätze eine innere Einheit, denn die Ich-Welt-Symbiose ist eine Monade, da sie kein Außen kennt; und in der monadischen Gestalt ist das Objekt existenziell notwendig, nur ohne »gesehen« zu werden. Insofern wird im ozeanischen Gefühl das entgrenzte Selbst (die Selbst- Welt-Einheit) geliebt, in der Selbstverliebtheit wird die Selbst-Welt-Einheit vorausgesetzt. Einmal wird also die Getrenntheit nicht erlebt (Symbiose) und einmal die Bezogenheit nicht (Monade).Wer aber keine Getrenntheit erlebt, kann keine Bezogenheit erleben und umgekehrt. Die beiden Modelle bilden eine dialektische Einheit im Sinne einer Vermittlung der Gegensätze in sich (Knoll & Ritsert, 2006; Ritsert, 1997, 2008). Die Extreme treffen sich: Sowohl in der absoluten Selbst-Setzung als auch in der Auflösung des Selbst in der Welt stellt sich das Selbst mit der Welt gleich. Die entscheidende Gemeinsamkeit ist: Die Vermittlung zwischen den Polen wird sistiert. Spekulativ existiert die Einheit von Selbst undWelt in der intrauterinen Situation.10 10 GegendieAnnahmeeines realen symbiotischenZustandshatMartinDornesmit vielen empirischen Untersuchungen aus der Säuglingsforschung triftige Einwände erhoben (Dornes, 1993, S. 58ff.). Auch hier würde ich im Sinne der idealtypischen Begriffsbildung von einem modellhaften »Zu-Ende-Denken« einer Tendenz ausgehen. Ob es eine Art Gefühlserinnerung an den pränatalen Zustand gibt, lässt sich – zumindest nach aktuellem Forschungsstand – nicht sagen. Vielmehr scheint es, als habe man es beim »ozeanischen Gefühl« mit einer nachträglichen Fantasiebildung über einen spannungsfreien Urzustand zu tun. Gesunde können diesen Zustand genießen, da sie um das Temporäre und Selektive der Auflösung der Ich-Grenzen wissen. Im pathologischen Fall treten Verschmelzungsfantasien als Abwehr von Trennungsangst, als Angst vor Eigenständigkeit auf. Allerdings löst postwendend die Verschmelzungsfantasie ihrerseits Angst vor Selbstverlust aus. Sehnsucht nach und Angst vor Symbiose bilden hier eine Einheit. Vater Staat undMutterland 137 Narzissmustheorien Die dialektische Doppelstruktur des Narzissmus findet sich implizit in vielen psychoanalytischenNarzissmustheorien. So unterscheidetHeinzKohut zwei narzisstische Konfigurationen: Größen-Selbst und Selbst-Objekt (Kohut, 1973/1990). Bei der ersten Konfiguration wird die Mutter bzw. werden die Eltern als Teil des infantilen Selbst erlebt, bei der zweiten ist das Selbst Teil der Mutter/der Eltern geblieben. Die grandiose Selbst-Vorstellung (Größen-Selbst) und die idealisierte Elternimago (Selbst-Objekt) sind für Kohut zunächst ganz normale Erscheinungen, ein erster Schritt inderUmwandlungdes primärenNarzissmus.Bei geglückter EntwicklungwirddasGrößen-Selbst zu einer realistischenSelbsteinschätzungumgebildet, das Selbst-Objekt zum vom Ich unterschiedenen Ich-Ideal. Kommt es zu Fixierungen oder Regressionen, ergeben sich zwei Modi narzisstischen Erlebens. Im ersten Modus kehrt die Person zum Größen-Selbst zurück, wobei sie die Zufuhr vonBewunderung, dieBestätigungderGrößenfantasie (Spiegelung) erwartet und verlangt. Das Ausbleiben der Spiegelung produziert tiefe Minderwertigkeitsgefühle undWut. Im zweitenModus sucht die Person ein allmächtiges Objekt, da sie sich sonst leer und hilflos fühlt. Die verlangte Zufuhr besteht aus Sicherheit, Geborgenheit, Bewunderung und Anerkennung. Werden diese Wünsche frustriert, wenn also die haltende, tragende und Sicherheit spendende Funktion vom Objekt nicht erfüllt wird, treten Aggressionen in Form von Wut auf. Während beim erstenModus, demGrößen-Selbst, ungezügelte Grandiosität, rücksichtslose Ausbeutung anderer, emotionale Kälte und Oberflächlichkeit imponieren, zeigt sich in der Analyse hinter den Größen-, Vollkommenheits- und Machtfantasien ein schwaches Selbstwertgefühl. Im zweiten Modus, des Selbst-Objekts, steht das schwache Selbstwertgefühl im Vordergrund, der Analysand ist abhängig von der Anerkennung anderer. Er ist auf der Suche nach zu idealisierenden Anderen, um mit ihnen zu verschmelzen. Hier wird der Andere idealisiert (ebd., S. 57ff.). Kohut unterscheidet strikt zwischen den beiden Konfigurationen, die zwei symptomatisch verschiedene Selbstpathologien, aber auch zweiBestandteile eines gesunden Narzissmus werden können. Größen-Selbst wie Selbst-Objekt sind zunächst funktional: Sie schützen das Kleinkind vor dem Gefühl der Hilflosigkeit. Kohut erklärt Pathologien im Erwachsenenalter mit traumatischemVersagen der Selbst-Objekte in der Kindheit. Es kommt darauf an, dass die Bedürfnisse nach Spiegelung bzw. Idealisierung aufgenommen und schrittweise frustriert werden. Das Größen-Selbst wird bei gelungener Entwicklung in realistische und stabile Formen des Selbstwerts und des Ehrgeizes transformiert, das Selbst-Objekt in reife Zielsetzungen undWertvorstellungen (Ich-Ideal). Lutz Eichler 138 Kohuts Doppelstruktur des Narzissmus ähnelt Freuds Beschreibung der massenpsychologischen Dynamik. Bei Freud ergänzen sich die beiden narzisstischen Typen: Der erste Typ, der Führer, benimmt sich, als ob er die Gruppe sei, der zweite ist Teil der Gruppe, geht in ihr auf. Freud unterscheidet »zweierlei Psychologien, die der Massenindividuen und die des Vaters, Oberhauptes, Führers« (Freud, 1993, S. 115), wobei die Massenindividuen zu einer primitiven Seelentätigkeit regredieren, bei der das Ich des Einzelnen Bewusstsein und Selbstbestimmung nahezu aufzugeben scheint. »Die Sonderung von Ich und Ichideal ist bei vielen Individuen nicht weit fortgeschritten, die beiden fallen noch leicht zusammen« (ebd., S. 120). Bei der Massenbildung setzen »die Individuen ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals« und sind »infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert«. Dieses Objekt ist der Führer, der selbst hingegen frei scheint: Seine intellektuellen Akte wirken stark und unabhängig, »[er] liebte niemanden außer sich, und die anderen nur insoweit sie seinen Bedürfnissen dienten. […] Er darf von Herrennatur sein, absolut narzisstisch, aber selbstsicher und selbständig« (ebd., S. 115). Der Führer ist also im Modus des Größen-Selbst narzisstisch, die Gruppenmitglieder in dem der idealisierten Eltern-Imago– sie bewundern den Führer. Bei genauemHinsehen sind diese beiden Figuren nicht nur komplementär, in ihnen ist jeweils auch die andere enthalten. Der Herr braucht die Zufuhr an Bewunderung durch die Knechte, obwohl er sich das nicht eingesteht. Der Herr wird Herr, weil er von den Knechten durch ihre Bewunderung dazu gemacht wird. Der Knecht fühlt sich durch den Führer erhoben, sodass sein verleugnetes Größen-Selbst genährt wird. Otto Kernberg hingegen leuchtet Kohuts strikte Trennung der beiden Modi nicht ein. Bezüglich des Übertragungsgeschehens in der Analyse narzisstischer PatientInnen schreibt er: »Der idealisierte Analytiker wird vom narzisstischen Patienten nur als Erweiterung der eigenen Person erlebt – oder der Patient erlebt sich als Erweiterung des idealisierten Analytikers, beides kommt imGrunde auf dasselbe hinaus« (Kernberg, 1983, S. 272). Wenn die bewunderte Person verschwindet oder die Bewunderung frustriert wird, »wird sie sofort fallengelassen« (ebd., S. 271) und vergessen. Die Patienten seien unfähig, Trauer zu erleben. ImAnschluss anKernberg habenVamikVolkan undGabrieleAst dieDoppelstruktur des Narzissmus so dargestellt: Im Falle eines pathologischen Narzissmus ist der dominante Anteil der Selbstrepräsentanz entweder grandios oder vom Gefühl der Unterlegenheit geprägt, wobei immer beide Gefühlskomplexe vorhanden sind, der eine an der Oberfläche, der andere im Schatten. Einer nach außen gerichteten grandiosen Selbstrepräsentanz entspricht eine verdeckte ent- Vater Staat undMutterland 139 wertete Selbstrepräsentanz. Dieses Paar beschreiben die Autoren als »grandioses und hungriges Selbst« (Volkan & Ast, 1994). Eine weitere Facette des Narzissmus hat Michael Balint hervorgehoben. Auf den ersten Blick imponiert beim Narzissmus der vermeintlich instrumentelle Bezug des Subjekts zu allen Objekten. Allerdings, so Balint, stecke eine tiefe, unbewusste Sehnsucht dahinter, geliebt zu werden. Versagungen führen zu Zorn, Wut und Aggression, später zum Gefühl von Unsicherheit, Wertlosigkeit, sekundär zu suchtartigem Verlangen und unerschöpflicher Gier. Balint bezeichnet diese frühe Störung der primärenObjektbeziehung als »Grundstörung«, die aus der Diskrepanz zwischen Bedürfnis und realer libidinöser undmaterieller Versorgung entsteht. Sie ist kein Konflikt und kein Komplex, sondern »a fault« – eine Störung oder einMangel (Balint, 1973, S. 83).DasObjektwird als selbstverständlich vorausgesetzt, ohne dass es wahrgenommen wird. Balint wählt als Vergleich die Luft zum Atmen, die erst dann als Objekt wahrgenommen wird, wenn sie fehlt. Insofern ist die Grundstörung ein Fehler im Erleben der »embeddedness«. Balint unterscheidet zwei grundsätzlicheKompensationsstrategien dieserGrundstörung: Anklammern an dasObjekt, um es nicht zu verlieren (Oknophilie), oder Bindungslosigkeit (Philobatismus) – die gleiche duale Struktur wie bei Kohut und Kernberg. Das Befriedigungsziel des Narzissmus ist das Geliebtwerden, also nicht Lust, sondernWohlbefinden und Sicherheit. Einige Autoren sprechen deshalb vomNarzissmus als Sicherheitsprinzip (statt Lustprinzip). Narzissmus und Bindung Christel Hopf und ihr Team (Hopf et al., 1995) haben in den 1990er Jahren eine Studie zumZusammenhang von Sozialisations- und Beziehungserfahrungen und rechtsextremer Orientierungen auf Basis von Fallanalysen vorgelegt. Dazu nutzten sie die Theorie undMethoden der Bindungsforschung. Eines ihrer Ergebnisse lautete, dass ProbandInnen, die eine »abwehrend-bagatellisierende« oder eine »verstrickte« Bindungsrepräsentation11 entwickelt haben, besonders häufig und stark zu rechtsextremen Orientierungen neigen. 11 Eine Bindungsrepräsentation oder Bindungsfigur ist ein Arbeitsmodell, das sich jedes Individuum von seinen Bindungsfiguren, also den primären Bezugspersonen, und von sich in Beziehung zu diesen Personen macht. Es sind Bilder von Beziehungserfahrungen, verinnerlichteMuster, besonders von solchen Interaktionen, inder dieHerstellung und Aufrechterhaltung von Nähe eine Rolle spielte. Lutz Eichler 140 DieAutorInnen unterscheiden zwischen sicherer und unsicherer Bindungsrepräsentation. Sicher-autonom gebundene Befragte können sich an ihre Kindheit meist gut erinnern, berichten sachlich, detailliert und abwägend. Meist erlebten sie ihre Eltern als zuverlässig, liebevoll und zugänglich, aber sie können auch negative Erfahrungen äußern. Sie geben ihre Angewiesenheit auf andere Personen zu, akzeptieren, andere zu brauchen, sie zu vermissen oder vermisst zu werden. Positive als auch negative Schilderungen der Bezugspersonen können mit konkreten Erzählungen glaubhaft gemacht werden. Sie müssen die bedeutsamen Anderen weder idealisieren noch verteufeln. Diese ProbandInnen können auch eine Verbindung zwischen der Erziehung, ihren Erfahrungen und ihrem heutigen Sosein ohne Stereotypie herstellen. Negative Erfahrungen und fehlgeschlagene Beziehungen können bedauert werden. Die unsicheren Bindungsmuster lassen sich nochmals unterteilen in abwehrend-bagatellisierend und verstrickt. Von den Befragten mit abwehrend-bagatellisierendem Muster werden Bindungserfahrungen als unwichtig deklariert, entwertet, ausgeklammert, verleugnet oder einfach nicht erinnert. Was man von ihrer Kindheit in Erfahrung bringen kann, weist auf fehlende Nähe und Unterstützung oder gar Zurückweisung hin. Die Bezugspersonen werden zum Teil global positiv bewertet, was die konkreten Erzählungen nicht decken oder konterkarieren. Oft wird bereits die Frage nach Kindheitserfahrungen als Zumutung erlebt, die Eltern werdenmit kalter Verachtung beschrieben und die Erfahrungen mit ihnen als irrelevant abgetan. Bedürfnisse nach Lob, Trost, Nähe, Zuwendung werden verleugnet. Die Befragten mit verstrickter Bindungsrepräsentation werden dagegen übermäßig davon in Anspruch genommen, sich mit ihren Bindungsbeziehungen auseinanderzusetzen. »Es fällt ihnen schwer, konzentriert, sachlich und kohärent über ihre Erinnerungen zu reden […]. Typisch ist, dass im Interview eine schwach ausgeprägte eigene Identität deutlich wird. Sie scheinenMühe zu haben, klar zwischen sich und den Eltern zu trennen […]. Sie scheinen einerseits darum zu kämpfen, sich aus der Verwicklung zu lösen, andererseits sich gar nicht lösen zu wollen« (ebd., S. 119). Einige der Befragten wollen den Eltern noch immer gefallen, doch die Ablösung gelingt nicht richtig. Sie fügen sich elterlichenWillensäußerungen oder Ansprüchen, ohne ihnenwirklich gerechtwerden zu können. IhrGrundgefühl ist, immer zu versagen. Häufig werten sie sich selbst ab (ebd., 1995, S. 150) und bewundern offen oder verdeckt das zugleich gehasste und idealisierte Objekt. Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Modi des Narzissmus und den beiden unsicheren Vater Staat undMutterland 141 Bindungsmustern sind verblüffend, obwohl beide Konzeptionen mit ganz verschiedenen Ansätzen formuliert wurden. Hopf et al. beobachten den Prozess der Externalisierungen genau und weisen darauf hin, dass die Verschiebung der Aggression von den primären Objekten auf außerfamiliäre Feinde nicht vollständig sein muss, was beim verstrickten Typus besonders auffällig ist. Die Aggression sei bei ihnen eher Fortsetzung als Ersatz. Was Hopf und ihr Team nicht untersuchten, war die Verschiebung oder Übertragung der Liebe auf eine imaginäre Wir-Gruppe, die ebenfalls als Fortsetzung oder Ersatz denkbar ist. Die Bindung der Männer an die imaginäre Wir-Gruppe derDeutschen zählt aber offensichtlich zumKern (nicht nur) der rechtsextremen Identität (Bohleber, 1992; Lohl, 2010). Die Imago »deutscheWirtschaft« Im Rahmen der Autoritarismustheorien haben sich Decker et al. unter anderem dieser Frage besonders gewidmet (Decker et al., 2014; Decker, 2015). Sowohl theoretisch als auch empirisch stoßen sie auf die nationale Wirtschaftskraft als zentrales Objekt der Identifizierung. Die Wirtschaft fungiere als »narzisstische Plombe«, die die Funktion »der Abwehr einer narzisstischen Kränkung« habe (Decker, 2015, S. 242). Decker et al. betonen, dass man, wie bereits bei Freud und Horkheimer angedeutet, von einem sekundären Führer, einem sekundären Autoritarismus, auszugehen habe, bei dem das Objekt nicht mehr eine Person ist, die an die Stelle des Ich-Ideals gerückt wird, sondern die unpersönliche abstrakte Größe und Stärke derWirtschaft und Gewalt des Marktes.12 Offen scheint mir die sozialisationstheoretische Frage. Das entscheidende Problem ist hier die Übertragung vom primären auf ein imaginär kollektives Objekt, die Nation oder Ethnie. Decker et al. weisen mit ihrem Begriff der narzisstischen Plombe bereits denWeg: Ein schwaches Selbstwertgefühl wird durch Identifikationmit (nationalökonomischer) Stärke kompensiert. Ferner weisen sie auf die ambivalente Unterwerfung unter das ehemals väterliche Gesetz hin, denn die Wirtschaft ersetzt, hier den Vater (ebd., S. 243). Die Teilhabe an der Macht der Autorität verlangt »das eigene Handeln an ihrem Primat auszurichten, das 12 Diese Befunde weisen in eine Richtung, auf die ich im arbeitssoziologischen Kontext auch gestoßen war (Eichler, 2013, S. 104ff.). In eine Reihe der Übertragungen mit der »deutschen Wirtschaft« treten in Beschäftigteninterviews oft die »eigenen« Betriebe oder Unternehmen (vgl. auch Dörre et al., 2011). Lutz Eichler 142 eigene Leben ihren Regeln unterzuordnen. […] Auf dem Markt muss sich der Einzelne behaupten oder er wird verworfen« (ebd.). Um sich auf dem Markt behaupten zu können, muss sich der Einzelne zu einer Arbeitskraft ausbilden. Er ist zu einer libidinösen Besetzung des Selbst als Arbeitskraft gezwungen. Zugleich ist er davon abhängig, dass sie auch gekauft wird. Entsprechend wird er seine Beschäftigung als Anerkennung erleben. Die anerkennenden Institutionen sind beispielsweise der Markt, ein Unternehmen, ein Betrieb oder Team, also die Untereinheiten des kapitalistisch organisierten kollektiven Arbeitszusammenhangs. Nach Adorno muss sich der Einzelne also einerseits durchsetzen, er muss auf seinem »Für-sich-sein und auf seine Selbstbestimmtheit insistieren«, andererseits ist er Teil einer Arbeitskooperation, »in der er sich selbst unablässig beschneiden [muss], weil das Ganze eben unfrei ist, weil das Ganze ihm gegenüber heteronom seinem Inhalt nach ist« (Adorno, 2001, S. 292). Sowohl die Kooperation als auch die Unabhängigkeit sind unter kapitalistischen Bedingungen heteronom. Eine falsche Form von Individualität bildet hier eine widersprüchliche Einheitmit einer falschen Form vonKollektivität. Die Erfahrung dieser Widersprüchlichkeit und ihre Reflexion sind ein emotionaler und intellektueller Kraftakt, aber keineswegs ausgeschlossen. Allerdings erklärt das noch immer nicht den Nationalismus. Denn wie erläutert steht das Subjekt unter merkantilem Bewährungsdruck. Es muss lernen, arbeiten und Leistung erbringen. Ein dieser Dynamik ausgeliefertes Subjekt könnte auch ein neoliberaler Workaholic oder robuster Statuskämpfer werden. Im Vordergrund stünde die Identifizierung mit den kapitalistischen Gesetzmä- ßigkeiten, dem Leistungsprinzip, dem man durch eigene Anstrengungen gerecht zu werden versucht. Statt rastloser Berufsarbeit wählt der/die Autoritäre aber einen weniger mühsamen Weg. Er identifiziert sich mit einem Kollektiv, das sich als Urheber eines durch Arbeit erzeugten Reichtums kurzerhand definiert. Damit umgeht er die Bewährungsauflage unddas»väterlicheGesetz«.Der (deutsche)nationalistische Autoritäre imaginiert sich als immer schon zum Kollektiv der Schaffenden zugehörig, unabhängig davon, ob und auf welche Weise seine Arbeitskraft geschult und nachgefragt wurde. Dies ist psychologisch nachvollziehbar, da sonst die Funktion der Selbstwertstabilisierung gefährdet wäre. Man kann sich hierzu gut die beiden narzisstischen Modi vorstellen: In der philobatischen, Abhängigkeit verleugnenden Variante sehen sich die Subjekte immer schon selbstverständlich als deutsche Leistungsträger, unabhängig von Unternehmen, Markt, Konjunktur und Krise, pochen auf Etabliertenvorrechte und treten nach unten. In der oknophilen, selbst-verleugnenden Variante, sehen sie sich insgeheim als Versager und Vater Staat undMutterland 143 klammern sich hilfesuchend an das nationale Kollektiv und wettern gegen »die da oben«. Um dies psychodynamisch zu verstehen, müssen wir stärker die »mütterliche« Linie der Massenbildung berücksichtigen. Der Nationalismus als kollektiver Narzissmus rührt aus der Sehnsucht nach der fantasierten Einheit mit dem Ganzen: nach demGefühl des Aufgehobenseins, der bedingungslosen Liebe, der symbiotischen Homöostase.Der nationalistische Autoritäre flüchtet also aus dem Mangel an und der Sehnsucht nach Geborgenheit, Sicherheit, »Nestwärme« und Umsorgung in ein Kollektiv, das er sich so fantasiert, als würde es genau jenen (väterlichen) Bewährungsauflagen entsprechen.Die Bilder von »deutscher Arbeit«, »nationaler Wirtschaft«, »Wohlstand« und »unseren Sozialsystemen« sind phantasmatisch und haben mit der Realgeschichte nur wenig zu tun.13 In ihr stecken sicher die von Decker et al. hervorgehobenen Aspekte der Vaterimago, wohl aber auch solche der Mutterimago: Fantasien über die nährende Mutterbrust und die intrauterine Geborgenheit. Diese idealisierte Mutterimago ist eine Abwehr angesichts einer konkreten Mutter und/oder einer konkreten Außenwelt, die als wenig nährend und sorgend, sondern eher als kalt und herzlos erlebt wurde. Auf diematriarchaleDimension derMassenbildung hatte schon JanineChasseguet-Smirgel hingewiesen (Chasseguet-Smirgel, 1981, S. 80ff.). Ihr zufolge gehe es den Individuen gar nicht so sehr darum, einem Führer zu folgen, sondern um dieHeilung ihrer narzisstischenWunden. Der Führer sei, so Chasseguet-Smirgel, nur Mittelsmann zwischenMasse und Illusion, die funktioniere wie die imaginäre Wunscherfüllung im Traum. In der Gruppe zeige sich eine »Verleugnung der Urszene. Die Gruppe erzeugt sich selbst. Sie ist selbst eine allmächtigeMutter. Es geht nicht darum, sich um eine zentrale Position zu scharen (den Leiter), sondern um die Gruppe selbst« (ebd., S. 85). Allerdings spitzt Chasseguet-Smirgel ihre These unnötig zu. Man erlebe bei denMassen»eine veritable Ausrottung des Vaters und der väterlichenWelt ebenso wie alle Derivate des Ödipus« (ebd., S. 86). Präziser müsste man sagen, der entwicklungsfördernde Vater wird getötet – und paradoxerweise macht gerade das den Vater unsterblich, eine Ablösung unmöglich. Stattdessen wird die/der Heranwachsende als bereits perfekt ausgestattete/r Erwachsene/r ohne Lehrzeit und Entwicklung imaginiert. Das »väterliche Gesetz« und damit die Indivi- 13 Das Narrativ, der Reichtum entstünde durch »eigener Hände Arbeit« oder die eines nationalen Kollektivs ist gesellschaftlich notwendiger Schein in einer Weltgesellschaft, die in konkurrierende Nationalstaaten und Einzelpersonen zerfallen ist. Lutz Eichler 144 duation wurden nicht in einem langwierigen und mit Wohlwollen geduldeten Prozess sozialisiert, der Rückschläge und Umwege beinhaltet, sondern lediglich introjiziert. Es fehlt nicht an Über-Ich-Struktur überhaupt, wie Chaesseguet- Smirgel annimmt, vielmehr ist diese Struktur archaisch, übermächtig und desintegriert. Nur so, scheint mir, lässt sich die enorme Ambivalenz des Autoritären zwischen Anti-Etatismus und Sehnsucht nach dem Führer-Staat erklären. DerAutoritarismus ist in diesenAspektenbesonders nahe amNarzissmus,wie ihn Kernberg interpretiert. Er beschreibt die narzisstische Entwicklung so: Das Kleinkind habe frühe aggressive Regungen gegenüber dem Objekt. Die Furcht vor der Rache des Objekts führe zur Idealisierung, woraufhin die Aggression verdrängt werde. Hinter der Idealisierung lauere nun verdrängte Aggression. Für eine gesunde Entwicklung muss die Aggression hinter der Idealisierung hervorgeholt werden, indem die Eltern sie beim Kind zulassen. Das Kind muss erleben, dass es mit seinen Aggressionen das geliebte Objekt nicht zerstört, sondern dass es fest und eigenständig ist. Für Kernberg ist die bleibende Idealisierung eine Abwehr gegen Aggressionen. Sie dient der Abschirmung gegen die Erkenntnis der Abhängigkeit von äußeren Objekten und inneren Objektrepräsentanzen: »Die normalerweise bestehende Spannung zwischen Real-Selbst einerseits, Ideal-Selbst und Ideal-Objekt andererseits wird aufgehoben, indem ein aufgeblähtes Selbstkonzept durchVerschmelzung vonRealselbst-, Idealselbst- und Idealobjektrepräsentanzen errichtet wird, innerhalb dessen diese einzelnen Anteile nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Inakzeptable Selbstanteile […] werden verdrängt oder zum Teil auf äußere Objekte projiziert, die dafür entwertet werden« (Kernberg, 1975/1983, S. 266). Reale Andere wirken für diese Narzissten meist schattenhaft, wenn sie nicht durch Projektion eigener Selbstbilder idealisiert wurden. Oft werden sie nach ihrem Nutzen eingeteilt, oder aber sie erscheinen – durch Projektionen des primitiven Über-Ichs – riesenhaft und angriffslustig: »Am Grunde dieser beiden Beziehungsversionen liegt, tief abgewehrt, noch eine andere Vorstellung von Beziehungen, nämlich genau diejenige, gegen die der Patient alle diese anderen pathologischen Beziehungsstrukturen hat aufrichtenmüssen: es ist das Bild eines ausgehungerten, wütenden, innerlich leeren Selbst in seinem ohnmächtigenZorn über die ihm zugefügten Frustrationen und in ständiger Furcht vor der Welt der anderen, die der Patient als genauso hasserfüllt und rachsüchtig empfindet wie sich selbst« (ebd., S. 268). Vater Staat undMutterland 145 Triangulierung und Adoleszenz Um die Sozialisation eines autoritären Charakters zu verstehen, reicht die Beobachtung der kindlichen Entwicklung nicht hin. Denn in der Adoleszenz wiederholt sich die narzisstische Problematik als auch die der Triangulierung, wie besonders Mario Erdheim betont hat: »Die Adoleszenz reproduziert Situationen aus der frühen Kindheit, aber unter neuartigen Voraussetzungen: Probleme, die damals unlösbar schienen undWunden hinterließen, tauchen wieder auf, und das Individuum kann einerseits die Erwerbungen aus denjenigenPhasen, die befriedigender verlaufenwaren, und andererseits außerfamiliäre Stützen zur Hilfe nehmen, um sie zu bewältigen« (Erdheim, 1982, S. 300f.). Umdiese »zweiteChance« ergreifen zu können,muss in der Adoleszenz die narzisstische Besetzung des Selbst reaktiviert werden. Die Überschätzung ist nötig, um »die Infragestellung der äußerenWelt [zu] wagen und die dadurch bedingte Verunsicherung ertragen zu können« (ebd., S. 301). Die libidinöse Besetzung des Selbst erlaubt die in der Latenzzeit am Vorbild der Eltern gebildeten Ich-Funktionen noch einmal zu entautomatisieren.Die/der Jugendliche ist überzeugt, dass sie/er alles kann: jedes Problem lösen, jedes Ziel erreichen, nichts ist unmöglich und nichts selbstverständlich. »Die Aufweichung der Realität zusammen mit den Größen- und Allmachtphantasien machen die Kreativität des Adoleszenten aus« (ebd., S. 306). Dafür aber ist erneut ein Fundament an unkündbarer Beziehung undVertrauen nötig, jetzt nicht mehr (nur) zu den Eltern, sondern zu den sozialen Institutionen, im Wesentlichen der Peergroup und der Schule, die ihrerseits haltende und fordernde Funktionen übernehmen und so die Ablösung von der Primärfamilie fördernmüssten. Dafür muss die Kultur in der dritten Position selbst attraktiv und aufnehmend auf die Jugendlichen wirken. Das gelungene Ergebnis nenne ich eine adoleszente Triangulierung zwischen Jugendlichem, Eltern und Kultur. Sie ermöglicht einen neuen Blick auf die Familie, die nun konturierter und weniger mächtig erlebt wird. Der Postadoleszente nimmt eine exzentrische Positionalität im Sinne Helmuth Plessners sowohl gegenüber seiner Familie, seiner eigenen Kindheit als auch der Gesellschaft ein, die ihm eine kognitiv-reflexive Distanzierung erlaubt. Affektiv bleibt er zwar mit seinen Eltern verbunden, kann aber einen größeren Teil seiner narzisstischen und libidinösen Strebungen auf außerfamiliäre Personen und universelle Werte und die Kultur insgesamt richten. Er erlangt ein Stück Autono- Lutz Eichler 146 mie, indem er seiner eigenen Abhängigkeit (von Familie, Lebensgeschichte und Gesellschaft) gewahrwirdunddiesermitVerantwortungsübernahmebegegnet.Die Sublimierungdes adoleszentenNarzissmusunddie adoleszenteTriangulierung sind die sozialpsychologische Einführung der Gesellschaft ins Subjekt – Gesellschaft verstanden immodernen Sinne, wie sie die Gründer der SoziologieMarx, Tönnies, Weber, Durkheim, Parsons uvm. beschrieben haben. Der völligeMangel einer Vorstellung vonderFunktionsweise unddenVerhältnissen inmodernenGesellschaften scheint mir eine bislang zu wenig gewürdigte Komponente des nationalistischen und autoritären Weltbildes.14 Darüber hinaus muss das Subjekt die Widersprüche und Ambivalenzen der Gesellschaft einsehen, die zugleich von Macht und Herrschaft aber auch von Rechtsprinzipien und demokratische Institutionen geprägt sind.Die bürgerlich-kapitalistischeGesellschaft setzt Individuation teils voraus und fördert sie, teils missbilligt und verhindert sie sie. Zum Erreichen einer depressiven Position im Sinne Melanie Kleins gehört unter kapitalistischen Bedingungen die Einsicht,dassmankeineswegs alles»schaffen«kann,dadie individuelleOhnmacht angesichts der übermächtigen Objektivität der gesellschaftlichen Verhältnisse erdrückend ist. Die psychische Aufgabe besteht darin, auszuhalten, in hohemMaße seinem sozialökonomischen Schicksal ausgeliefert zu sein, ohne in Fatalismus oder in blindeWut zu verfallen. Hier wird deutlich, wie vulnerabel der Prozess der adoleszenten Identitätsbildung imÜbergang von der Familie zur Arbeit ist. Narzisstische Kränkung und Autoritarismus Besonders in der Phase desÜbergangs in dieArbeitswelt sind derNarzissmus und die Triangulierung einem hohen Belastungsdruck ausgesetzt. Über die Sozialisationsinstanzen hinweg wird die Anerkennung des Einzelnen immer bedingter, sie wird immer weniger für das Sein und immer stärker für das Handeln, insbesondere für Leistungen erteilt. Resilienz oder Vulnerabilität hängen von den Erfahrungen der Kindheit und Adoleszenz ab. Menschen, die in der narzissti- 14 Ich meine die Tönnies’sche Definition von Gesellschaft im Unterschied zur Gemeinschaft, die Durkheim’sche Bestimmung moderner Gesellschaft im Sinne ausdifferenzierter Arbeitsteilung, die Weber’sche legale Herrschaft oder Parsons’ Unterscheidung partikularer und universalistischer Wertorientierungen der pattern variables. Bei all diesen bürgerlichen AutorInnen findet sich auch ein Umschlag in oder eine Sehnsuchtnachvor-individualisierterGemeinschaftlichkeit, aber zunächstwirdGesellschaft definiert über die unpersönliche, abstrakteOrdnung, die sachlicheOrientierungen verlangt. Sie erfordern auf Subjektseite entsprechend Triangulierung. Vater Staat undMutterland 147 schen Dimension vulnerabel sind, sind stärker auf Anerkennung angewiesen und werben sie stärker ein als resiliente. Gegenüber demAlltagssprachgebrauch ergibt sich dadurch eine Verkehrung: Hinter einem aufgeblähten Selbst steckt Unsicherheit, ein verdrängtes Gefühl der Wertlosigkeit und ein großes Verlangen, gesehen, geliebt und anerkannt zu werden. Störungen des narzisstischen Gleichgewichts werden mit zwei Strategien kompensiert, die diametral entgegengesetzt erscheinen: In der »monadischen« Variante flüchtet das Subjekt ins Phantasma der Einzigartigkeit und individuellen Leistungsfähigkeit. Es kämpft individualistisch um Status und Prestige, umAnerkennung einzuwerben und ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe zu erreichen. Materielle Sicherheit übersetzt sich aber nicht direkt in emotionale Geborgenheit, sodass das gewünschte Ziel nie ganz erreicht wird. In der kollektivistischen Variante flüchtet das Subjekt ins Nationalistische. Dieser Narzissmus bindet sich an eine über Herkunft definierte imaginierte Gemeinschaft. Nationalismus als falsche Vergemeinschaftung lenkt den adoleszenten Narzissmus familialistisch auf die Konservierung des Bestehenden und verhindert die Individuierung. Die Identifikation mit dem imaginären Kollektiv der Nation verschafft jedoch keine substanzielle soziale und emotionale Sicherheit. Die Prekarität der realen Teilhabe am Kollektiv wird externalisiert, die Gefahr scheint immer von außen zu kommen: etwa von derGlobalisierung, demTerrorismus oder der Einwanderung. Gelingt die adoleszente Triangulierung zwischen Selbst, Familie und Kultur nicht, setzen sich Spaltungstendenzen durch. Die Ursprungsfamilie wird idealisiert (oder komplett entwertet) und bleibt psychisch übermächtig (wie Hopf et al. eindrucksvoll zeigen konnten). So kann keine die Ambivalenzen vereinigende Umarbeitung der Familienimago entstehen. Die Gesellschaft wird psychologisch in zwei Imagines gespalten: die der nationalen Gemeinschaft und die der bösen Gesellschaft. Das erinnert an die altdeutsche Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation. Zusätzlich kann es zur Spaltung innerhalb der Eigengruppenimago kommen: zum Beispiel werden dann Politiker, »Links-grün-Versiffte« oder die etablierten Parteien zum inneren Feind. Die bösen Imagines können entweder Repräsentanten der eigenen biografischen Vergangenheit und der unbewussten Sehnsucht sein: schmutzig, gierig, faul, lüstern. Sie können aber auch Sinnbilder gelungener adoleszenter Triangulierung und Individuation sein: das kulturelle Dritte, das den Ausweg aus der familialistischen Enge hätte bieten können und sollen. Es wird neidvoll beäugt, abgewertet und zum Bösen erklärt. Die »Bösen« sind dann, wie phantasmatisch auch immer, jene Menschen, die für Individuation und liberale Kultur stehen: Linke, Juden, Journalisten oder Fremde. Lutz Eichler 148 Bedrohliche Individuation und Fremdenhass Die analytische Sozialpsychologie hat bereits eine ganze Reihe von Bedeutungen der Repräsentanz des Fremden eingehend untersucht (z.B. Ottomeyer, 2000 oder jüngst: Auchter, 2016). Fremde können die nicht-familiäre Welt repräsentieren, die ängstigt aber auch attraktiv ist, da sie die Enge überwindet. Das Fremde kann für das eigene Unbewusste stehen, vor dem man sich ebenfalls fürchten kann, das aber auch die eigentümlich faszinierende Attraktion des »Unheimlichen« anzunehmen vermag. Der Fremde eignet sich als Projektionsfläche für verpönte, schambesetzte Eigenanteile und mehr schlecht als recht überwundene biografische Entwicklungsstufen. In der Adoleszenz, darauf möchte ich hier speziell abheben, verkörpert der Fremde nicht zuletzt die familiäre Ungebundenheit und, wie es Georg Simmel ausdrückte, die »Attitüde des Objektiven«, die ein »besonderes Gebilde aus Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit ist« (Simmel, 1908/1992, S. 766f.). Er repräsentiert die reflexive Distanzierung, die ein Ziel der adoleszenten Individuierung ist, aber auch die damit einhergehende Entfremdung von der Geborgenheit des Selbstverständlichen und die Angst vor Einsamkeit und Isolation, unter der beispielsweise Flüchtlinge ihrerseits tatsächlich oft leiden. Zwischen dem Adoleszenten und dem Fremden gibt es strukturelle Gemeinsamkeiten. Im Zwischenstadium von Nicht-Mehr-Kind und Noch-Nicht-Erwachsen sind sich Jugendliche selbst fremd geworden. Fremde stehen »in einer affektiven Nähe zum eigenen Fremdsein der Jugendlichen … Mit diesen ›Fremden‹ können sich Adoleszente in verschiedener Hinsicht identifizieren« (Bosse & King, 1994, S. 217) – oder aber des-identifizieren. Mario Erdheim stellte in den 1980er Jahren eine kurze Skizze eines Konzepts der Repräsentanz des Fremden vor (Erdheim, 1988). Er weist darauf hin, dass in der frühen Triangulierung der Vater der erste Fremde war. In der Adoleszenz gewinnt der Fremde seinerseits gewisse Aspekte der Väterlichkeit als Repräsentant der au- ßer-familiären Welt. So, wie nach Freud der Vater in der ödipalen Situation für die Kultur stand, so in der Adoleszenz (auch) der Fremde.15 Wenn die familiären Verhältnisse während der Kindheit problematisch waren, hat der Jugendliche eher Schwierigkeiten, eine die Ambivalenzen vereinigende und den Loslösungs- 15 Übrigenswurden ja Jugendliche selbst kulturgeschichtlich immerwieder als »Fremde«, die die Kultur der Erwachsenen angriffen, vorverurteilt undmit Bildern des ganz Anderen belegt: faul, gierig, sexuell ausschweifend, unstet, verantwortungslos, gefährlich. Das konservative Bild des Jugendlichen scheint sich aktuell auf den »migrantischen Jugendlichen« einzuengen. Vater Staat undMutterland 149 prozess ermöglichende Familienimago zu bilden. Aus Abwehrgründen wird sie vermutlich idealisiert, während die Aggression sich gegen das Außen, gegen die Kultur richtet.Während im rassistischenKosmos der Fremde fürUnkultur, Rohheit usw. steht, zeigt sich bei dieser Analyse, dass er zumindest ebenso für das Gegenteil, für die nicht-familialistische Kultur steht und gerade deswegen die Aggressionen auf sich zieht. Der Fremde steht demnach für Eigenschaften des Einzelnen in der Gesellschaft inDifferenz zurGemeinschaft. Im Fremdenhass vermischen sich die Angst vor der Exklusion, für die der Fremde steht, der Neid auf seine vermeintliche oder wirkliche Individuation, die Eifersucht auf den vermeintlich mehr Geliebten (»Die kriegen alles!«) und die auf ihn verschobeneAggression, die eigentlich den Objekten gilt, die bei der Unterstützung der eigenen Individuation versagt haben. Im Fremdenhass kulminiert die missglückte adoleszente Individuation. Literatur Adorno, T.W. (1995). Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt/Main: Suhrkamp. 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Eine klinische Studie des gesunden Narzissmus, des narzisstischen-masochistischen Charakters, der narzisstischen Persönlichkeitsorganisation, des malignen Narzissmus und des erfolgreichen Narzissmus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Zick, A., Hövermann, A. & Krause, D. (2012). Die Abwertung von Ungleichwertigen. Erklärung und Prüfung eines erweiterten Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 10 (S. 64–86). Berlin: Suhrkamp. Der Autor Lutz Eichler, Dr., Dipl. Soz., BA Päd., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Weiterbildung (TfP), studierteSozialwissenschaftenundPädagogikanderUniversität Erlangen/Nürnberg, Soziologie an der Universität Frankfurt, tiefenpsychologische Weiterbildung an der vitos-Klinik Rehberg in Herborn. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kritische Theorie und Psychoanalyse, Arbeitssoziologie, Adoleszenzforschung. Er veröffentlichte u.a.: System und Selbst. Arbeit und Subjektivität im Zeitalter ihrer strategischen Anerkennung, 2013; Distinktive Selbstverwirklichung. Zusammenmit Andreas Fischer, in SozialeWelt, 66/4, 2015, 389–410. Lutz Eichler 152 Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie Kommentar zumBeitrag von Lutz Eichler Jérôme Seeburger Der vorliegende Beitrag Eichlers, in dem er den Autoritarismus aus der Perspektive der entwicklungspsychologisch informierten Adoleszenzforschung in den Blick nimmt, steht im engen Zusammenhang mit seiner Dissertation System und Selbst (2013).Mit dieser führt er die Diskussion um den Sozialcharakter fort und glaubt, den Narzissmus als Normalpathologie des Kapitalismus bestimmen zu können. Im Folgenden möchte ich auf Probleme dieser Konzeption hinweisen, die sich nicht zuletzt in der Bestimmung des Verhältnisses von Narzissmus und Autoritarismus zeigen. Mein auf der Tagung gehaltenes Referat war in Stichworten für den mündlichen Vortrag konzipiert. Für den vorliegenden Band habe ich im Nachhinein einen Text formuliert, der sich stärker auf Eichlers Dissertation bezieht. Dort diskutiert er die Entwürfe einer Sozialcharakterologie von Max Weber bis heute. Diese unterscheiden sich stark voneinander, sowohl hinsichtlich ihrer theoretischen Konzeption als auch ihrer empirischen Grundlage. Eichler geht in seiner Untersuchung chronologisch vor und ordnet die verschiedenen Charaktergestalten dem Fordismus, dem Spätfordismus und dem Postfordismus zu. Auf die Regulationstheorie zurückgreifend, stellt er Überlegungen zur Rückwirkung der Transformation der kapitalistischen Produktion auf die Subjektivität an. Er macht den Narzissmus als das Charaktermerkmal aus, das sich durch diese Entwicklungsphasen der kapitalistischen Gesellschaft hindurch erhalten habe: »Grundsätzlich ist Narzissmus die fundamentale libidinöse Konstellation der gesamten kapitalistischen Epoche und der Autoritarismus seine aggressive Radikalisierung« (Eichler, 2013, S. 246). Auf Eichlers Bestimmung des Verhältnisses zwischen Autoritarismus undNarzissmus werde ich später eingehen. Selbst wenn das »Grundsätzlich« die Funktion erfüllen sollte, den Narzissmus als das Allge- 153 meine vom Besonderen der Radikalisierung zu unterscheiden, ist der von Eichler formulierte Grundsatz irritierend. Was eine »fundamentale libidinöse Konstellation« sein soll, wird nicht geklärt. Der Grundsatz irritiert auch, weil Eichler ansonsten zu vorsichtigen Formulierungen neigt. Das Irritierendste aber ist die Diskrepanz zwischen der Bestimmtheit des Satzes und der Unsicherheit seiner Grundlage. Denn Eichlers Behauptung stützt sich allein auf seine vergleichende Analyse sehr unterschiedlicher Theorien zu Gestalten des kapitalistischen Sozialcharakters und der Veränderung der Subjektivierung vonArbeit. Darauf gestützt ließe sich allenfalls behaupten, dass in den meisten dieser Sozialcharakterund Kulturdiagnosen Elemente benannt werden, die einem sehr weit gefassten Narzissmusbegriff subsumiert werden können. Es sind aber nicht allein Eichlers Mittel problematisch. Mit keiner Methode lässt sich die »fundamentale libidinöse Konstellation der gesamten kapitalistischen Epoche« empirisch abgesichert diagnostizieren. Jede derartige Makrodiagnose bleibt notwendig spekulativ. Problematisch ist auch der Zweck der Diagnose, die, um die ganze kapitalistische Epoche abzudecken, notwendig abstrakt bleibt und keinen Erkenntniswert besitzt. Nach diesem grundsätzlichen Problem der Konzeption Eichlers möchte ich nun auf die besondere Bestimmung des Verhältnisses zwischen Autoritarismus und Narzissmus eingehen. In seinem Tagungsbeitrag setzt er sich mit der Transformation von der autoritären zur permissiven Erziehung auseinander. Er vertritt die These, dass in den letzten Jahren eine Liberalisierung der Erziehungsstile stattgefunden und sich verallgemeinert hätte. Diese These möchte ich in Zweifel ziehen und Peter Brückners Studie Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus (1972) in Erinnerung rufen. Diese wird nicht nur von Eichler nicht berücksichtigt, sondern findet überhaupt in derAutoritarismusdiskussionwenig Beachtung, obwohl sie für diese immer noch Relevanz besitzt, insbesondere als Korrektiv der psychologistischen Reduktion. Brückner hat sich schon seinerzeit mit der Liberalisierungsthese auseinandergesetzt. Er kritisiert den Bias derjenigen Sozialwissenschaftler, die glauben, der in ihrem eigenen Umfeld vorherrschende permissive Erziehungsstil wäre der allgemeine (vgl. ebd., S. 41). Ich halte es für wahrscheinlich, dass sich an demProblem bis heute wenig geändert hat. Brückner interpretiert die innerfamiliäre Gewalt als Indikator für die unter der Oberfläche verborgeneGewalt der kapitalistischenGesellschaft. Ausführlich analysiert er die Gewalt gegen Kinder und sieht im Anstieg von 90 (1965) auf 100 (1969) Misshandlungsfälle mit Todesfolge nur eines der Zeichen für die Verwilderung und Verrohung des kapitalistischen Zentrums (vgl. ebd., S. 73f.). Wie soll es dann auf einmal zu einer allgemeinen Liberalisierung nicht nur der Erziehung, sondern der Jérôme Seeburger 154 gesamten sozialen Beziehungen gekommen sein?Nach dem Sommer der 68er begann in den 1970ern der harte Winter: die bis heute anhaltende Dauerrezession der Weltwirtschaft und damit einhergehend die Rückkehr der Massenarbeitslosigkeit. Unter diesen Bedingungen soll sich die Liberalisierung verallgemeinert haben? Den Statistiken des Bundeskriminalamts zur Kindesmisshandlung in Deutschland zufolge sterben jährlich über 100 Kinder an Misshandlungsfolgen. 2017 wurden 143 Fälle erfasst. Sicherlich können diese Zahlen nicht unmittelbar mit denjenigen der 1960er Jahre ins Verhältnis gesetzt werden. Dennoch sind sie ein Indiz dafür, dass die Gewalt trotz des erst 2000 erlassenen Rechts auf gewaltfreie Erziehung nicht verschwunden ist und sie sich alsNormalungetümunter der Oberfläche eingerichtet hat. Eichler gehört nicht zu den Liberalisierungoptimisten, die er auch in seinerDissertation kritisiert.Doch gegen siewendet er lediglich ein: »Das Leistungsprinzip wurde nicht abgeschafft, sondern die Art undWeise es ›einzuführen‹ hat sich geändert. Es erscheint auch mindestens ebenso unvermeidlich, natürlich und richtig wie vor 50 Jahren« (Eichler, 2013, S. 245). Im nächsten Satz versucht Eichler genauer zu fassen, was sich geändert hat: »Der Unterschied liegt darin, dass Herrschaft nicht mehr personal repräsentiert wird. Weil alle den abstrakten Imperativen unterworfen sind – wenn auch auf sehr verschiedenemNiveau und in verschiedenerWeise – erscheinen Kinder, Eltern, Erzieher, Berater, Lehrer, Therapeuten, Vorgesetzte und Politiker gleichsam im selben Boot sitzend und denWogen einer anonymen Struktur und Dynamik ausgesetzt« (ebd.). Es ist richtig, dass auf dem gegenwärtigen Stand der kapitalistischen Entwicklung die Illusion von der bewussten und willentlichen Lenkung des wirtschaftlichen Geschicks durch kühne Unternehmer und umsichtige Politiker nur noch wenig Kraft besitzt. Scheinbar sitzen alle in einem Boot, das von den Wellen der zur Natur gewordenen Gesellschaft hin und her geworfen wird. Nur teilt sich die Besatzung sehr wohl noch in Kapitän, konkurrierende Untergebene höheren Ranges, Steuermann, Ruderer und Kartoffelschäler auf. Wenn man trotz der Mängel des Bildes in diesem bleiben möchte, sollte man an Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin denken, wo das gemeinsame Im-Boot-Sitzen der Aus- übung persönlicherHerrschaft keineswegs entgegensteht. In derKrise kommt der in der vermeintlichen Schicksalsgemeinschaft latente Klassenantagonismus zum Vorschein und die Charaktermasken der Herrschaft machen sich die Durchsetzung der anonymen Zwänge zur eigenen Sache, weil für sie davon alles abhängt. Mit dem Kapitalismus ist ein weltumspannendes Herrschaftsverhältnis entstan- Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie 155 den, das als ein unpersönliches erscheint, weil die Herrschaft vonMenschen über Menschen durch das Privateigentum an den Produktionsmitteln vermittelt ist. Seinen Gesetzmäßigkeiten kann sich niemand entziehen. Das schließt aber nicht das Fortleben und Entstehen von persönlicher Herrschaft auf dieser Grundlage aus.Marxhat imKapital zuBewusstsein gebracht, dass in der kapitalistischenProduktionsweise Arbeiter undKapitalisten sich in der Sphäre des Rechts als Gleiche gegenübertreten, die reale ökonomische Ungleichheit die Kapitalisten aber dazu ermächtigt, über die Arbeiter despotisch zu herrschen. Eichler ist nicht der Einzige, der die persönliche Herrschaft für überwunden hält. Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Subjektivierung der Arbeit ist in der Soziologie die Tendenz zu beobachten, persönlicheHerrschaft und Zwang für passé zu erklären, nur weil in einem sehr kleinen Bereich der gesellschaftlichen Produktion erfolgreich flache Hierarchien, Teams und Arbeit als Selbstverwirklichung propagiert werden. Der Umstand, dass Soziologen in der Wissensproduktion unter diesen Bedingungen arbeiten, wird keinen geringen Anteil an der Beliebtheit haben, die diese Vorstellung bei ihnen genießt. In Wirklichkeit aber findet der Großteil der gesellschaftlichen Produktion nach wie vor unter despotischen Bedingungen statt. Um sich davon zu überzeugen, muss man nicht zu den Sweatshops Bangladeschs oder den Fabriken Foxconns reisen, denn auch in Deutschland findet sich genug Anschauungsmaterial. Wenn ich also nicht gerade Soziologe an einer Universität oder Creative Director bei Apple bin und gelernt habe, mich mit meinem Vorgesetzten zu identifizieren, dann wird mir dieser weniger als jemand erscheinen, der den abstrakten Imperativen ausgeliefert ist. Sondern er wird mir vor allem als derjenige gegenübertreten, der die Befehle erteilt – oder im Jargon des Arbeitsvertrags: Weisungen gibt –, die ich zu befolgen habe, wenn ich nicht in das Elend der Arbeitslosigkeit entlassen werden möchte. Aus diesen Gründen überzeugt mich die Unterscheidung zwischen Autoritarismus und Narzissmus nicht, die Eichler aus der Transformation der Herrschaft ableitet: »Die Differenz zwischen Autoritarismus und Narzissmus ist insofern die zwischen personaler und abstrakter Herrschaft. In der einen ist die Über- und Unterordnung in einem hierarchischen System, d.h. eine vertikale Integration dominant, in der neuen eine horizontale Integration von in Konkurrenz um Ressourcen stehenden Gleichberechtigten« (ebd.). Selbst in einemUnternehmen mit sehr flachen Hierarchien wird der Vorgesetzte von seinenUntergebenenwohl kaumalsGleichberechtigterwahrgenommen.Karola Brede ist im Zusammenhang ihrer Angestelltenforschung eine Veränderung Jérôme Seeburger 156 des betrieblichenAutoritätsverhältnisses aufgefallen, die Beachtung verdient. Die Transformation des Autoritarismus und dessen narzisstischer Zug sind in den von Brede geschilderten Fällen dergestalt, dass die interviewten Angestellten sich nicht wünschen, in der Konkurrenz aggressiv zu bestehen und den Chef von seinem Sessel zu stoßen, sondern mit diesem zu verschmelzen (vgl. Brede, 1995). Eichler führt einen weiteren Unterschied ein, der auf »theoretischer Ebene« liege: »Autoritarismus wird trieb- und strukturtheoretisch erklärt, Narzissmus selbstpsychologisch, objektbeziehungstheoretisch oder intersubjektivistisch« (Eichler, 2013, S. 246). In Bezug auf den Narzissmus ist diese Setzung Eichlers in Wirklichkeit Resultat eines langen Prozesses, den Lilli Gast in ihrer Studie Libido und Narzissmus (1992) nachvollzieht und kritisiert – eine Arbeit, die Eichler unverständlicherweise nicht berücksichtigt. Gast untersucht dort, wie der Narzissmus, den Freud sehr wohl triebtheoretisch gefasst hat, im Verlauf der Narzissmusdiskussion vom Trieb bereinigt, also desexualisiert worden ist. Obwohl Eichler die Auffassung vertritt, dass der Sozialcharakter nicht durchVerallgemeinerung von Befunden der psychoanalytischenKlinik bestimmt werden kann (vgl. Eichler 2013, S. 243), diskutiert er klinische Narzissmustheorien, nämlich die selbstpsychologische Kohuts, die objektbeziehungstheoretische Kernbergs und die intersubjektive Altmeyers. Angesichts der Vielzahl psychoanalytischer Narzissmustheorien erscheint diese Auswahl willkürlich. Begründen ließe sie sich damit, dass sich die von Eichler präferierten Theorien, ihrer Unterschiede zum Trotz, am besten mit seiner Konzeption des Narzissmus als Anerkennungspathologie in Übereinstimmung bringen lassen. Aber auch nur, wenn man sie abstrakt behandelt und von den inhaltlichen Bestimmungen absieht, die der zitierten Gegenüberstellung von Triebtheorie auf der einen und den neueren Konzepten auf der anderen Seite widerstreben. Eichler weist selber in seiner Diskussion Kernbergs darauf hin, dass dieser im Gegensatz zu Kohut den Narzissmus auch triebtheoretisch zu bestimmen versucht (vgl. ebd., S. 236). Die Theorie Grunbergers undDessuants dagegen ließe sich nur schwer in das Schema der »horizontalen Integration« integrieren, weil der Narzissmus dort wesentlich durch das Verhältnis zur mütterlichen und väterlichen Autorität bestimmt ist (vgl. Grunberger & Dessuant, 2000). Sogar Eichlers Konzeption ist nicht völlig horizontal gestaltet, weil er sehr wohl zwischen narzisstischen Bewunderern und bewundertenNarzissten unterscheidet, die zusammen eine narzisstischeMasse zu bilden vermögen (vgl. Eichler, 2013, S. 395). Nachdem Eichler die Isolierung des Narzissmus von der Triebtheorie durch seine Setzung bekräftigt hat, relativiert er jene im nächsten Satz: »Die verschiedenen Ansätze werden heute nicht mehr unbedingt als sich gegenseitig ausschließend betrachtet, sondern als verschiedene Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie 157 Dimensionen der Persönlichkeit und seiner [sic!] Entwicklung« (Eichler, 2013, S. 246). Obwohl Eichler Kohut zustimmend rezipiert, möchte er sich nicht wie dieser des ganzen Ballasts der veralteten Psychoanalyse entledigen, sondern er hält, wie ja schon die »fundamentale libidinöse Konstellation« andeutet, dann doch amBegriff der Libido fest (vgl. ebd., S. 100). Irgendwie soll alles gleicherma- ßen Bestand haben. Wie nun aber die Triebdimension mit dem Autoritarismus, den Eichler ihr zuweist, und die anderen Dimensionen, mit dem ihnen zugewiesenenNarzissmus, zueinander imVerhältnis stehen, bleibt ungeklärt. Damit setzt sich Eichler dem Vorwurf des Eklektizismus aus, den Siegfried Zepf in seiner Kritik des psychoanalytischen Theoriepluralismus erhoben hat (2013). Die willkürliche Zusammensetzung von Theorieversatzstücken, die Zepf als das in der psychoanalytischen Community vorherrschende Verfahren kritisiert, ist in der soziologischen gleichfalls Normalbetrieb. Dass also ehemals als unvereinbar geltende »Ansätze« inzwischen miteinander kombinierbar erscheinen, bedeutet in der Regel nicht, dass die sachlichen Probleme gelöst wären, die der Unvereinbarkeit zugrunde liegen. Wenn man in der publish-or-perish-Konkurrenz bestehen möchte, darf man sich mit sachlichen Problemen schlichtweg nicht aufhalten, die bei der Profilierungmit einer originellen Theoriekombination nur hinderlich sind. An anderer Stelle zeigt Eichler, dass er sich dieses Problems bewusst ist und sich gegen den eklektizistischenNormalbetrieb zuwenden versucht, wenn er treffend die akademische Mode kritisiert, die Unterschiede zwischen Foucault und Adorno zu nivellieren (vgl. Eichler, 2013, S. 375ff.). In Bezug auf das Verhältnis zwischen den triebtheoretischen und den narzisstischenDimensionen wird Eichler anschließend nur in einerHinsicht konkreter: »Allerdings verschiebt sich mit dem Wechsel der Fokus von der Sexualität auf die Identität und das Selbst. Fraglich ist, ob dieser theoretische Wandel ein reales Korrelat hat. Diese Artefaktfrage hatte mit aller Konsequenz Reiche 1991 gestellt« (ebd., S. 246). Welchen Wechsel Eichler meint, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, vermutlich den von der Triebtheorie zu den anderen Konzepten. Immerhin erwähnt er, dass die Fokusverschiebung nicht unumstritten ist. Nur hat Reiche die Frage danach, ob die Sexualität nach der sogenannten sexuellen Revolution wirklich so unproblematisch geworden ist, wie es die desexualisierten Theorien suggerieren, nicht bloß gestellt, sondern negativ beantwortet. Überraschenderweise verweist Eichler hier lediglich auf »Haben frühe Störungen zugenommen?« (2004b), wo Reiche sich auf die Fragen konzentriert, ob der im Zusammenhang mit der Narzissmusdiskussion behauptete Symptomwandel existiere und aus der Transformation der Gesellschaft abgeleitet werden könne. Dabei sind für die hier interessierende Frage der Sexualität die relevanten Arbei- Jérôme Seeburger 158 ten vielmehr »Gender ohne Sex« (2004a) und »Total Sexual Outlet« (2004c). Dort behauptet Reiche, gestützt auf klinisches Material, dass Sexualität nach der sexuellen Revolution nur an der Oberfläche konfliktfrei und unproblematisch geworden ist. Trotz der»mit aller Konsequenz« gestellten»Artefaktfrage«Reiches, zieht Eichler daraus nicht die Konsequenz, Reiches Frage oder gar dessen Antwort zu diskutieren. Wie in den darauf folgenden Sätzen deutlich wird, ist für Eichler der Sachverhalt, den er zunächst für »fraglich« hält, schon geklärt: »Joachim Hohl hatte schon 1989 eine recht elegante Antwort. Er geht davon aus, dass Theorien selbst einen Zeitkern haben. Unterstellt, dass sich (psychoanalytische) Theorien nicht nur aufgrund eines Erkenntnisgewinns oder -verlusts ändern, sondern auch deshalb, weil sich innertheoretisch neue Problemstellungen aufgrund der Veränderungen realer Probleme auftun, ergibt sich eine vermittlungstheoretische Antwort auf die Artefaktfrage« (Eichler, 2013, S. 246). Hohl selber betont den hypothetischen Charakter seiner »recht eleganten Antwort« (vgl. Hohl, 1989, S. 117). Für Eichler scheint sie aber das letzte Wort zu dieser Frage zu sein, denn mit ihr beschließt er das Kapitel: »Als gemeinsamer Nenner der verschiedenen Störungsformen […] lässt sich das Themader Identität ausmachen.Damit verliert die Frage nach der empirischenRealität des Symptomwandels einiges an ihrer Schärfe. Denn offenbar konvergieren die Symptome der Patienten einerseits und die Diagnosen und die theoretischen Konzepte der neueren Psychoanalyse andererseits – also all das, was den therapeutischen Blick des Analytikers ausmacht – in dieser Thematik. Die Annahme scheint plausibel, dass in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sich ein tiefgreifender Wandel vollzieht in dem, was als zentrales Problem von den Menschen (Analysanden und Analytiker, Lutz Eichler) erlebt und der psychoanalytischen Theorie erfasst wird – weg von der Sexualität, hin zur Identität. Patienten, Therapeuten und Theoretiker sind sich einigermaßen darin einig, dass nicht mehr die Sexualität das ›eigentliche‹ Problem ist, sondern das Selbst« (Hohl, 1989, S. 109; zitiert nach Eichler, 2013, S. 247, Auslassung und Einfügung ebd.). Anders als Eichler halte ich diese Hypothese Hohls für fragwürdig. Reiche wird nicht der einzige Psychoanalytiker gewesen sein, der aus der behaupteten Einigkeit ausscherte. Aber selbst wenn diese Einigkeit existierte, müsste diese, wenn man sich wie Eichler der Kritischen Theorie verpflichtet fühlt, doch zuallererst in Zweifel gezogen und nicht leichtfertig als Positivum behandelt werden. Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie 159 Es können sich ja viele einig sein und trotzdem irren. Schon zu Freuds Zeiten waren sich mehrere seiner vormaligen Weggefährten bei allen sonstigen Differenzen einig darin, dass Freud die Bedeutung der Sexualität maßlos überschätze und machten sich daran, der Psychoanalyse ihren Stachel zu ziehen. C.G. Jung war bereits damals zu der Überzeugung gelangt, dass es nicht um die schmutzige Sexualität, sondern um das Selbst geht. Anders als Hohl verdankt Jung diese Einsicht nicht der vergleichenden Analyse von Diagnosestatistiken. Sie ist wohl eher auf seine guten Verbindungen zum arischen Unbewussten zurückzuführen. Wahrscheinlich hat sich Hohl auch etwas anderes unter dem Selbst vorgestellt als Jung. Doch ihre Übereinstimmung in der Einschätzung der Sexualität ist bemerkenswert. Die Desexualisierung der Psychoanalyse war zwar kein deutscher Sonderweg, sondernwurde auch von angelsächsischenRevisionisten vorangetrieben (vgl. Herzog, 2016). Aber in Deutschland muss die von Hohl und Eichler behauptete Einheit der Selbstbesinnung im Zusammenhang der nationalsozialistischen Vertreibung der jüdischen orthodoxen Freudianer analysiert werden. Die desexualisierten Tiefenpsychologien Schultz-Henckes und Jungs waren Arisierungs- und Vernichtungsgewinnler und blieben nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus jahrzehntelang hegemonial (vgl. Bock, 2018, S. 528f.). Ein weiterer Grund, Neuformulierungen der alten Antwort, mögen sie noch so elegant erscheinen, mit Misstrauen zu begegnen. Literatur Bock, W. (2018). Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse. Wiesbaden: Springer. Brede, K. (1995). »Neuer« Autoritarismus und Rechtsextremismus. Eine zeitdiagnostische Mutmaßung. Psyche, 49, 1019–1042. Brückner, P. (1972). Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus. Frankfurt/Main: Europäische Verlagsanstalt. Eichler, L. (2013). System und Selbst. Arbeit und Subjektivität im Zeitalter ihrer strategischen Anerkennung. Bielefeld: transcript. Gast, L. (1992). Libido und Narzissmus. Vom Verlust des Sexuellen im psychoanalytischen Diskurs. Eine Spurensicherung. Tübingen: edition diskord. Grunberger, B. & Dessuant P. (2000). Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung. Stuttgart: Klett-Cotta. Herzog, D. (2016). Cold War Freud. Psychoanalysis in an Age of Catastrophes. Cambridge, UK: Cambridge University Press. Hohl, J. (1989). Zum Symptomwandel neurotischer Störungen: Sozialhistorische und sozialpsychologische Aspekte. In H. Keupp & H. Bilden (Hrsg.), Verunsicherungen. Das Jérôme Seeburger 160 Subjekt im gesellschaftlichen Wandel (S. 103–124). Göttingen, Toronto, Zürich: Hogreve. Reiche, R. (2004a). 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Im Spiegelkabinett der Narzissmustheorie 161 Verträge, Prozeduren, Trainingsräume Versuch über den pädotechnologischen Autoritarismus Matthias Burchardt Die Figur des rohrstockschwingenden, schreienden und erbarmungslos strengen Lehrers ist glücklicherweise in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden. Belehrt durch die Autoritätskritik der Nachkriegszeit haben sich die gesellschaftlicheRolle, das Selbstverständnis und auchdasEthosdes pädagogischenPersonals gewandelt. Zumeinen entwickelten sich selbstkritische bis antipädagogischeHaltungen im Feld des Pädagogischen selbst, zum anderen wurden die offensichtlich autoritären Praktiken im Zuge von Professionalisierungsdiskursen domestiziert, sublimiert und technifiziert, beispielsweise im Sinne des »Classroom-Managements« (vgl. Kounin, 1976/2006), das durch Steuerung und die Allgegenwart des Lehrerblicks die optimierte Nutzung von Lernzeit verspricht. Im Kern kreist die Autoritätsdebatte um das Thema von pädagogischem Handeln und Freiheit im pädagogischen Verhältnis zwischen Eltern und Kind, Erzieher und Zögling, Lehrer und Schüler. Pädagogische Autorität muss sich die grundsätzliche Frage gefallen lassen, inwiefern sie aus persönlichem oder gesellschaftlichem Interesse heraus das konstitutive Machtgefälle der Beziehung repressiv gegen die Freiheit der jungen Generation wendet, die damit nicht nur um ihre Mündigkeit gebracht, sondern auch autoritätshörig der Reproduktion vonungerechten gesellschaftlichenVerhältnissen zugeführtwird.UnterBerufung auf die Freiheit und Mündigkeit des Zöglings wäre diesen individuellen oder institutionalisiertenÜbergriffen kritisch beizukommen. Doch ist derWiderspruch vonHerrschaft undFreiheit tatsächlich so eindeutig auszumachen?DieserArtikel möchte das Verhältnis von Autorität, Freiheit und Unterwerfung differenzieren. Es wird einerseits zu fragen sein, ob pädagogische Autorität allein im Modus der Repression zu denken ist oder ob diese nicht auch – wohlverstanden – eine notwendige Ermöglichungsbedingung vonMündigkeit bildet.Weiterhin soll vor 163 dem Hintergrund der Gouvernementalitätsstudien (vgl. Bröckling, 2000) und der transformierten Rolle der Freiheit im Kontext des Neoliberalismus diskutiert werden, ob nicht nach der berechtigten Kritik an der (missbräuchlichen) personalen Autorität nun der Blick auf einen verkappten Autoritarismus gerichtet werden müsste, der gerade nicht als Unterwerfung von Freiheit, sondern als Unterwerfung zur Freiheit fungiert. Kontraktionismus Ein bemerkenswertes Phänomen in diesem Zusammenhang bilden Klassen- oder Schulverträge. In vielen Klassenräumen hängen Listen mit Verhaltensvorschriften, Verboten oder Aufforderungen, die das Sozial- und Arbeitsverhalten der Schüler betreffen. Sie sind in der Sache meist plausibel bis selbstverständlich, lauten zum Beispiel: »nicht anschreien«, »keine Brutalität«, »Hilfsbereitschaft«, »Lehrmaterial mitbringen«, und es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, dass diese Kataloge auf eine sozial angespannte und deshalb wenig lernförderliche Klassensituation antworten sollen. Unter der Spiegelstrichliste von Klassenregeln finden sich in krakeliger Handschrift die Signaturen der Kinder, die per Unterzeichnung die Geltung der Regeln, an deren Aufstellung sie selbst beteiligt waren, verbindlich anerkennen. Die professionelle Lehrkraft hat die Verhaltensnormen nämlich nicht autoritär verordnet, sondern gemeinsam mit Schülern erarbeitet und diesen dann zur Unterschrift vorgelegt. Partizipation und Selbstbestimmung scheinen also die Grundlage dieser Maßnahme zu bilden. Man könnte sie sogar als Einübung in die demokratische Autonomie feiern, stünde nicht ein bedenkliches operatives Modell im Hintergrund: die Gestaltung einer pädagogischen Situation am Modell des Vertrags. Dieses erweist sich bei genauerer Betrachtung als eine kategorial fragwürdige Übertragung vom Geschäftsleben auf die Schule, wo es als perfides Steuerungs- und Herrschaftsinstrument wirkt. Ein wesentlicher Unterschied zum Geschäftsleben besteht allein schon in der Unmöglichkeit, der Vertraglichkeit und dem Vertragsabschluss zu entgehen – es besteht schließlich Schulpflicht! Aber auch die Unkündbarkeit und die meist einseitige Verpflichtung von minderjährigen Vertragspartnern, die imWirtschaftslebennicht als geschäftsfähig eingestuftwerden, wirkt befremdlich. Die Leistungen der Gegenseite (Schule, Kollegium, Schulträger, Bildungsverwaltung, Bildungspolitik) sind nicht verhandelbar, sondern werden als alternativlose Rahmenbedingungen gerade zum Ausgangspunkt des vertraglichen Regelungszwangs gemacht. Die schlechten baulichen Umstände, Matthias Burchardt 164 die Uneignung, Minderqualifikation oder Unterausstattung der Lehrkräfte, die pädagogisch-konzeptuellen Schwächen seitens der Schule stehen also nicht zur Disposition, was imRahmen tatsächlicher Vertragsverhandlungen sicherlich zum Thema werden müsste. So drängt sich ein böser Verdacht auf: Dient der Vertragsabschluss weniger pädagogischen Zielen als einer strukturellen Entlastung des Systems Schule zur Inanspruchnahme der Ressource »Schüler«? Entsorgen die Pädagogen und die Bildungsverwaltung nicht ihre eigene Verantwortung für Lernatmosphäre, gutes Miteinander und Lernorganisation in der Unterwerfung der Schüler zuVertragserfüllungssubjekten, die dann bei Vertragsbrüchen haftbar gemachtwerden und disziplinarisch zurVerantwortung gezogenwerden können? Damit kein Missverständnis aufkommt: Der Gehalt, der ethische und pädagogische Wert der angesprochenen Punkte wird gar nicht bezweifelt, wohl aber die Artikulation einer pädagogischen Handlung im Geiste des Kontraktionismus. Selbst wennman die Schüler an der Aufstellung der Verhaltenskataloge beteiligt, findet sich indenListen letztlich ohnehinnur das,wovondie Schüler denken, dass die Lehrer es erwarten: zivilisatorische Mindeststandards des sozialen Umgangs und Selbstverständlichkeiten schulischer Lernorganisation – Dinge, die man ehrlicherweise auch in Schulordnungen kodifizieren könnte. Worin besteht also der tiefere Sinn dieses Verfahrens? Kontraktionismus bildet aber nicht nur ein formelles Modell der allgemeinen, äußeren Verhaltensdisziplinierung, sondern wird auch als strukturierendes Konzept für das Erreichen von fachlichen Lernzielen eingesetzt, teilweise mit Hinweis auf pädagogische Unterstützung (Bildungsserver, 2004), aber eben auch als Selbstverpflichtung mit Aussicht auf Bonifikation (alphaprof, o. J.): Zunächst werden operationalisierte Ziele (»Meine Ziele: ___«) in einem Formularvordruck formuliert. Dann wird der Schüler auf die eigenen Zielerreichungsressourcen zurückverwiesen (»Diese möchte ich erreichen durch: ___«) und auf ein Erfüllungsdatum terminiert (»… und zwar bis zum: [Datum]«). Am Ende der Leistungserbringung steht die Aussicht auf Vergütung (»Als Belohnung für meine Leistung erhalte ich ___.Dies wirdmit einemBelohnungsblatt kontrolliert«). Auf dem Belohnungsblatt addieren sich Belohnungsstempel zu einer »großen Belohnung«. Hier verdichten sich Elemente der Personalführung und -entwicklung durch Zielvereinbarungen in Unternehmen und trivialbehavioristische Konzepte von Motivation und Abrichtung zu einem engmaschigen Regime der Menschenführung zwischen externer Kontrolle und der Subjektivierung zu managerialer Selbstführung. Das Skandalon besteht also nicht darin, dass hier Zwang auf ein widerstrebendes Subjekt ausgeübt wird, sondern dass das Subjekt erst durch das Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 165 Formular und die kontraktionistische Ansprache als solches konstituiert wird: Es ist von meinen Zielen, die ich erreichen möchte die Rede. Damit greift der Kontraktionismus auf etwas zu, das die Pädagogik und die Bildungstheorie spätestens seit demHumanismus immer als notwendigen Ausgangspunkt und Zielpunkt zu schützen und stärken versucht hat: den freienWillen desMenschen (vgl. auch Ladenthin, 2011, S. 3). Insofern ist der Kontraktionismus perfider als der personale Autoritarismus. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich jemandem explizit einenWillen aufzwinge oder ob ich dessenWillen so transformiere, dass dieser sich die Zwänge imGefühl der Freiheit selbst auferlegt. Im ersten Fall bleibt der innere Wille erhalten, selbst wenn das äußere Verhalten unter dem Zwang der Autorität »widerwillig« geändert wird; womöglich wird er gerade durch die Konfrontation sich seiner selbst gewisser und gestärkt. Im zweiten Fall wird der Wille auf sanfte Weise transformiert, auf Verfahren der ökonomischen Selbstaktivierung und -steuerung ausgerichtet unter dem Eindruck, dass nicht ein anderer Mensch ihn zwingt, sondern unabänderliche Kraftfelder seine Freiheit dazu auffordern, das Alternativlose zu tun. Es wird kaum überraschen, dass auch die Bertelsmann AG als Missionarin und Profiteurin des Neoliberalismus über ihre kostenpflichtige Lernplattform scoyo sogar Lernverträge für die Schulferien anbietet (Bertelsmann, o. J.), in denen Eltern und Ferienkinder auch gleich die verbindlicheNutzung von angeblich motivierenden digitalen Lernprogrammen vereinbaren können. Das Geschäftsinteresse der Vermarktung des Online-Angebotes tarnt sich als pädagogische Fürsorge: »Achtung: Leidet Ihr Kind unter Leistungsdruck, sollten [sic!] das Lernen mit Schulbuch in den Ferien keine Rolle spielen« (Bertelsmann, ebd.). Dem Vertrag allerdings entkommt man nicht einmal mehr in den Ferien. Prozeduralismus Der Kontraktionismus, in seinem Appell an die vermeintliche Autonomie der Schüler, findet sichoft eingebettet in sozialtechnologischeProgrammederFremdund Selbststeuerung von Gruppen, die vielfach von externen kommerziellen Akteuren auf Klassenfahrten oder Projektwochen in das Schulleben implementiert werden. Anbieter wie »Gewaltfrei lernen«, der Lions-Club oder auch erlebnispädagogischeUnternehmen betreibenTeambuilding-Maßnahmen,Mobbing- Prävention, Streitschlichterausbildungen, dieVermittlung vonKommunikationsund Deeskalationstechniken. Sicherlich wäre hier zu prüfen, wie sinnvoll die Auslagerung von essenziellen pädagogischen Aufgaben an externe Akteure über- Matthias Burchardt 166 haupt ist. Diese sind nicht zwangsläufig wie Lehrer an anerkanntenHochschulen ausgebildet und vom Staat geprüft worden, noch sind ihreModelle und Konzepte öffentlich nachvollziehbar oder gar wissenschaftlich fundiert. Grundsätzlich ist eine Intervention in sensible Sozialbezüge auf der Grundlage von kurzfristigen Momentaufnahmen, also ohne tiefere Kenntnis der Klassensituation und Schülerbiographien weder sinnvoll noch hilfreich. Ich selbst habe erlebt, dass ein Anbieter ein Rollenspiel zum ThemaMobbing durchgeführt hat. Die Rollenverteilung ergab zufällig, dass die tatsächlichen Täter ihr tatsächliches Opfer nun auch noch im Spiel mobben sollten. Als das Opfer verzweifelt den Raum verließ, wurde es von dem Spielleiter als egoistisch diffamiert, weil es sich dem Spiel entziehe und offensichtlich nicht zu einem guten Klassenklima beitragen wolle. Die sozialtechnologischen Angebote sind meistens formalistisch und schematisch, etablierenRegelnundAbläufe,denensichdie ganzeSchulgemeinde fügen soll. Die Verfahren dienen einer funktionalenOptimierung der Schule bei gleichzeitiger Entlastung der Lehrkräfte von Aufgaben wie Aufsicht, Streitschlichtung, Sanktionierung, wo es doch – pädagogisch gedacht – um eine sorgsame Aufarbeitung von Konflikten im Sinne der Bildung des Einzelnen und derGemeinschaft gehenmüsste. Das Streitschlichter-Modell des Lions-Club etwa führt zu einem signifikant verminderten In-Erscheinung-Treten von Konflikten. Dies mag schon daran liegen, dass eine Zugangsschwelle errichtet wird, da sich die Streitschlichter nicht auf dem Schulhof bewegen, wo sie Zeuge von Konflikten werden könnten, sondern von allen Streitbeteiligten in einem speziellen Raum zu festgelegten Zeiten aufgesucht werdenmüssen. ImSchlichtungsverfahrenwird ausdrücklich darauf verzichtet, eine Sachklärung oder Feststellung von Verantwortlichkeiten vorzunehmen. Vielmehr werdenTäter undOpfernach einer formalenProzedur einemAushandlungsprozess zugeführt, der von beiden Seiten Selbstbezichtigung und Lösungsbeiträge einfordert, welche dann wiederum in einem Vertrag fixiert werden müssen. Das legitime Bedürfnis nachWahrheit und Gerechtigkeit wird nicht gestillt, tiefere Konfliktursachen werden unterdrückt, während eine bloß oberflächliche Funktionalität und Störungsfreiheit wiederhergestellt wird. Dies führt dazu, dass Kinder sich unverstanden fühlen und die Streitschlichter deshalb kein zweites Mal aufsuchen. Sie finden aber auch keine andere verantwortliche Appellationsinstanz an der Schule. Eine andere Form der Prozeduralisierung von pädagogischemHandeln findet sich in kybernetischen Regelkreisen der Steuerung von Disziplin: Klassenregeln werden mechanistisch an ein Delikterfassungs- und Strafsystem gekoppelt. Der Bruch der Regeln wird durch die Vergabe von Strafpunkten sanktioniert, die sich im Laufe des Schuljahres addieren und in Stufen die Eskalation der Sanktionen auslösen. Ein Beispiel: Bei fünf Verstößen gibt es eine verwarnendes Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 167 Gespräch, bei zehn werden die Eltern durch einen Brief informiert, bei 15 angerufen, bei 20 findet ein Eltern-Schüler-Lehrer-Gespräch statt, bei 25 werden »Hilfsangebote« gemacht. In der quantitativen Erfassung werden Unpünktlichkeit, Unterrichtsstörungen und gewaltsame Übergriffe miteinander verrechenbar. Das formalisierte Verfahren interessiert sich nicht für Gründe und Kontexte, sondern ersetzt das pädagogische Fingerspitzengefühl durch eine transparente und allumfassende Prozedur.Während beispielsweise imModell der Themenzentrierten Interaktion (TZI) Störungen ausdrücklich Vorrang haben und deshalb zum Ausgangspunkt von individuellen und gemeinschaftlichen Bildungsprozessen gemachtwerden können, geht es hier allein umden störungsfreienUnterrichtvollzug durch Verhaltenskontrolle. Auch die Dimension der sittlichen Bildung gerät in dem Schematismus von Verstoß und Sanktion völlig in den Hintergrund. Wenn ein Kind ein anderes verletzt, geht es ja nicht in erster Linie darum, dass ein Regelbruch dokumentiert und sanktioniert werden muss, sondern um ein Vergehen am anderen. Lehrer müssten das Opfer trösten, den Täter beruhigen, die Umstände klären,Möglichkeiten der Versöhnung anbieten, denKonflikt als Thema einer Besinnung auf ethische Fragen und Anlass einer Charakterbildung sichtbar machen. Vermutlich werden Pädagogen nun entgegnen, dass sie dies gern tun würden, wenn nicht die zeitliche Überforderung so groß wäre. Im Rahmen der gegebenen Umstände wären solche formalisierten Vorgänge schlichtweg eine Entlastung, hört man. Das ist jedoch eine ebenso nachvollziehbare wie bittere Kapitulation vor dem Bildungsauftrag. Die Ursachen dafür sind allerdings weniger vom Einzelnen zu verantworten, sondern weisen in die Sphäre bildungspolitischer Verantwortung(-slosigkeit). Trainingsraum1 Der sogenannte Trainingsraum versinnbildlicht die Verschränkung von Prozeduralismus und Kontraktionismus, von kybernetischer Fremdsteuerung und unterwerfender Subjektivierung. Kern des Konzeptes bildet die zeitlich begrenzte Aussonderung von störenden Kindern aus der Lerngruppe, welche in einen dafür vorgesehenen Raum verbracht werden, wo sie idealerweise die Bedingungen ihrer Wiedereingliederung durch vertragsähnliche Pläne erarbeiten, schriftlich fixieren und durch ihre Unterschrift in Geltung setzen. Andernfalls werden die 1 Einige Gedanken dieses Abschnitts sind durch die Ausführungen von Svenja Adach in ihrer Staatsarbeit inspiriert worden (vgl. Adach, 2017). Matthias Burchardt 168 Delinquenten schärferen Sanktionen zugeführt. Schon die Bezeichnung ist programmatisch, wie Ludwig Pongratz feststellt: »Da ist wie im Eishockey von Auszeiten die Rede, um renitente Kinder zur Raison zu bringen. Da werden Schüler in Trainingsräume geschickt, als ginge es um eine Übungsstunde im Fitnessstudio. Der gedankliche Brückenschlag zwischen pädagogischer Kontrolle und Fitness (also: Passung und Tauglichkeit) kommt nicht von Ungefähr. Schließlich geht es um Anpassungsleistungen, die Kindern und Jugendlichen verstärkt abverlangt werden. Die neuen Kontrollformen halten sich – im Unterschied zu überkommenen Strafpraktiken – zugute, denUmgangmit Kindern und Jugendlichen zu humanisieren. Zumindest funktionieren sie reibungs- und lautloser als ehedem, gewiss aber nicht weniger effektiv« (Pongratz, 2010, S. 63). Heidrun Bründel und Erika Simon fassen als Befürworterinnen des Modells den sozialen Regelkreis des Konzeptes auf ihrer Homepage schematisch zusammen. Abb. 1: Die Trainingsraum-Theode (Bründel & Simon, o. J.) Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 169 Abgesehen von der rigiden Verfahrensordnung, welche alle Beteiligten nur zu ferngesteuerten Funktionärenmacht, fällt vor allemder grau unterlegte Schlüsselsatz insAuge:»MitdieserStörunghastdudichentschieden, indenTrainingsraum zu gehen.« Diese Zuschreibung bringt nicht nur die jeweilige Erscheinungsform der Störung zumVerschwinden, sondern auch die zugrunde liegendeMotiv- oder Kontextkonstellation. In der Regel liegt der Störung gerade nicht die Entscheidung zugrunde, denUnterricht zu verlassen und denTrainingsraum aufzusuchen, wenngleich Lehrer auch berichten, dass sich befreundete Schüler aus unterschiedlichenKlassen in subversiverAbsicht verabreden, zur selbenUhrzeit zu stören, um sich im Trainingsraum wiederzutreffen. Für alle anderen stellt dieser ritualisierte Satz eine prozeduralmagische, subjektivierendeUnterwerfung und biographische Enteignung dar. Die Vorgeschichte des Deliktes wird zu einer bewussten Entscheidung umerzählt und der Delinquent als deren willentlicher Urheber mit einer völlig abstrusen Intention (»in den Trainingsraum [zu] gehen«) konstituiert. Die Grausamkeit dieses Satzes besteht sicherlich in der Zurichtung des Schülers, aber auch in der Zurichtung des Lehrers zum sozialtechnologischen Funktionär und der Transformation der pädagogisch-personalen Relation zu einerKontroll- und Interventionsmechanik.DieDimensiondesVerstehens,welche in jedem zwischenmenschlichen Bezug in vielen Facetten von der leiblichen Einfühlung und Resonanz bis zur begrifflich-intellektuellen Auffassung bedeutsam und bedeutend ist, wird systematisch getilgt. Die selbstverständliche Verkündung der vorgeblichen Trainingsraum-Entscheidung hinterlässt einen unverstandenen Schüler, einen verständnislosen Lehrer und auch eine unverständigte Klassengemeinschaft. Umwillen der effizienten Funktion werden die personalen und sozialen Fundamente des Pädagogischen aufgehoben. Entsprechend geht es im »Resozialisierungsprozess« auch nicht um eine ethisch-existenzielle Reflexion – etwa nach dem Modell von Schuld und Sühne oder Verantwortungsübernahme undWiedergutmachung –, sondern um eine Selbstnormierung des Verhaltens im Sinne der Unterwerfung zur Freiheit, das zu tun, was das Verfahren verlangt, wie Pongratz hervorhebt: »Dies ist die angeblich freie Wahl, die angeboten wird: drin zu bleiben und sich den Regeln zu fügen – oder ausgeschlossen zu werden und unterzugehen. Es liegt auf der Hand: Diese Alternative ist keine Alternative und die unterstellte Autonomie ist Schein« (ebd., S. 72). Dadurch aber wird – ganz im Geiste der neoliberalen Responsibilisierungs- und Individualisierungsstrategien – der Einzelne zumZuschreibungsziel, Ressourcen- Matthias Burchardt 170 pool und Bewältigungsort der Sicherung der Eigenexistenz und derMinimierung sozialer Entropie erklärt. Die Prozedur des Trainingsraums ist mächtiger als die Akteure, die durch sie gesteuert werden, denn beide, Schüler wie Lehrer machen gleichermaßen eine Ohnmachtserfahrung, wenn auch in verschiedenen Rollen. Der heimliche Lehrplan des Trainingsraums besteht in der depersonalisierenden Suggestion der Alternativlosigkeit und dem vermeintlich fairen und transparenten »zwanglosen Zwang« des Sachzwangs, der diesmal nicht der Willkür einer autoritären Lehrkraft entspringt, sondern einem ökonomistischen und sozialtechnologischen Steuerungsregime. Die Bedenken gegen Kontraktionalismus und Prozeduralismus lassen sich wie folgt zusammenfassen. In beiden Fällen handelt es sich um Techniken der äußeren Steuerung, die mit demOktroy einer inneren Transformation des Selbst verschränkt sind. Das implizite Mantra: »Die gesellschaftliche Ordnung ist im Recht. Du bist nicht in Ordnung« (ebd.) unterwirft zur Freiheit und regiert durch drohende soziale Exklusion. An die Stelle responsiver Beziehungen, der Bildung von Haltungen oder Verantwortungsbereitschaft tritt die funktionale Responsibilisierung des Einzelnen in einem Kraftfeld der Alternativlosigkeit. Mündigkeit verkommt zur Kontraktfähigkeit (vgl. ebd., S. 73). Der Autoritarismus ist nicht personengebunden, relational und situativ, sondern anonym, absolut und total – und deshalb wesentlich wirksamer und gegenWiderstände immunisiert. Apologie der pädagogischen Autorität Es mag überraschen, dass auch Lehrkräfte mit emanzipatorischen und autoritätskritischen Haltungen kaum Bedenken gegen die oben dargestellten Modelle hegen.Diesmag zum einem amFetisch der Freiheit liegen, der von den neoliberalen Steuerungsbefürwortern immer wieder hochgehalten wird. Zudem verspricht die Allmacht der Verfahren auch eine Egalisierung der Menschen, die ihnen ausgesetzt sind. Willkür scheint ausgeschlossen und die Übertragung von pädagogischen Entscheidungen undHandlungen auf ein Schema stellt Entlastung in Aussicht. Erschreckenderweise bezieht der sozialtechnologische Autoritarismus seine Legitimation also auch aus der Autoritätskritik. Dieser Umstand soll deshalb unter Rückgriff auf den Traktat zur Autorität von Egon Schütz (1971) zum Anlass einer Apologie der pädagogischen Autorität genommen werden, ohne dabei die wesentlichen Errungenschaften der Ideologiekritik an der gesellschaftlichen Autorität übergehen zu wollen. Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 171 Schütz betrachtet das Autoritätsphänomen aus einer anthropologischen Perspektive.Menschen sind durch Freiheit und Sozialität bestimmt. Dies ermöglicht nicht nur soziale Interaktion, sondern stiftet auch den Raum des Politischen. Unter Autorität versteht Schütz eine »Willensüberlagerung«, eine Freiheit regiert die andere, ein Wille dominiert den anderen, sodass dieser tut, was jener will. Diese Überlagerung bezieht sich auf den anderen Willen, erkennt also implizit den freien Willen des anderen an, macht ihn aber zum Zielpunkt des eigenen Verfügens. Der autoritäre Zugriff kann entweder im unmittelbaren mitmenschlichen Verhältnis geschehen (z.B. durch einen Befehl) oder durch Gesetze oder Bräuche, die denWillen autoritär überlagern. Die politische Kritik am Autoritätsphänomen bezieht sich auf das Moment der Überlagerung, da der Wille des Einzelnen fremdbestimmt wird. Fremdbestimmung aber widerspricht offenkundig dem Selbstverständnis des Menschen als Subjekt. Hinzu kommt die Frage, wie sich denn Personen oder Institutionen, von denen diese Fremdbestimmung ausgeht, legitimieren können.Wermaßt sich mit welchem Recht an, den Willen der anderen zu führen? Die Geschichte zeigt, dass autoritäre Figuren in Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft oft aus egoistischenMachtinteressen gehandelt haben. Doch ist damit jede Form gesellschaftlicher Autorität zwangsläufig verwerflich? Schütz weitet den Blick und verweist darauf, dass es durchaus verschiedene Weisen des Autoritären gibt und dass institutionalisierte gesellschaftliche Autorität durchaus eine »Stabilisierung des Gemeinschaftslebens« gewährleistet. Autorität kann religiösenUrsprung haben, kann aus Konvention, Brauchtum oder Sitte erwachsen, kann denCharakter kodifiziertenRechts habenoder auchmit demAnspruchwissenschaftlicher Sachlichkeit auftreten. Autorität ist also mehr und anders als ein schroffes Befehl- Gehorsam-Verhältnis zugunsten des Befehlenden. Sie kann aufAnerkennung und Vertrauen beruhen, auf Argumenten oderNormbewusstsein. Es macht also einen erheblichenUnterschied, obmein eigenesWollen durch denwillkürlichen Befehl eines Vorgesetzten unterdrückt wird oder ich meine Entscheidungen von einer Person abhängig mache, deren überlegene Erfahrung und persönliche Integrität ich vertrauensvoll anerkenne. Die unter demEindruck des Jahre 1968 evidenteKrise derAutorität kann sich deshalb einerseits auf das Autoritäre schlechthin beziehen, andererseits auf Legimationsformen,ArtikulationenundVerkörperungenbestimmterAutoritätsvorstellungen. Problematisch ist insbesondere die Rückführung von Autoritätsrollen und -ansprüchen auf eine göttliche Offenbarung, da mit der Moderne und dem Selbstverständnis des Menschen als Subjekt auch notwendigerweise eine Ablehnung von außermenschlichen Ordnungsinstanzen einhergeht. Herrschaft »von Matthias Burchardt 172 Gottes Gnaden« oderWahrheiten »ex cathedra« können keine Geltung für den menschlichenWillen mehr beanspruchen, sobald dieser sich als vernünftigesWesen und Subjekt seiner Geschichte entdeckt hat. Der emanzipatorische Anspruch entwindet den aufgeklärtenMenschen einer Fremdbestimmung durch klerikal legitimierteAutorität.Wenn aber nichtmehr durch einen göttlichenHeilsplanüber ihn oder für ihn entschieden wird, muss der Mensch die Gestaltung seiner Verhältnisse selbst übernehmen.Die radikale Selbstübernahme der gesellschaftlichen und politischen Gestaltung durch die menschliche Freiheit erscheint Schütz damit als unumkehrbar. Allerdings wird nun auch die Frage nach Legitimation und Artikulation der Autorität neu aufgeworfen. Wenn nicht mehr der allwissende und allmächtige Gott den Ausgangspunkt gesellschaftlicher Ordnung und deren letzte Autorität darstellt, wie können dann soziale Regeln, Gesetze und Führungspositionen gerechtfertigt werden? Einzig eine diskursiv legitimierte, kontrollierte und auf Zeit verliehene Autorität im Auftrag des demokratischen Gemeinwillens scheint eine gangbare Alternative zu sein, sofern man Schütz beipflichtet, dass eine Aufhebung vom Autorität insgesamt den Spielraum gesellschaftlicher und persönlicher Freiheit nicht erweitert, sondern vernichtet (Schütz, 1971, S. 9). Bedeutsam im Zusammenhang dieses Artikels, wo es um den erzieherischen Sinn der Autorität geht, ist die kategoriale Abgrenzung der gesellschaftlichen Autorität von der pädagogischen. Schütz hebt zwei wesentliche Unterschiede hervor. Der erste betrifft die Beziehung: Während gesellschaftliche Autorität im Umgang zwischen Subjekten – also entwickelten Freiheiten – stattfindet und die Positionen prinzipiell austauschbar sind, spielt sich die pädagogische Autorität zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ab, dessen Freiheit und Vernunft erst noch gebildet werden müssen. So zerstörerisch der Missbrauch dieser Macht seitens des Erwachsenen sein kann, so fatal wäre auch der Verzicht auf einen verantwortungsvollen Gebrauch. Die Spannung zwischen Autorität und Emanzipation ist ein wesentliches Strukturmoment des Pädagogischen überhaupt, wie schon Kant feststellte: »Wie lange aber soll die Erziehung dauern? Bis zu der Zeit, da die Natur denMenschen bestimmt hat, sich selbst zu führen. […] Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwang? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies ist alles bloßer Mechanismus« (Kant, 1803/1983, S. 710f.). Der Zwang, der von der pädagogischen Autorität ausgeht, ist vorübergehend notwendig, weil dem Kind zunächst die inneren Voraussetzungen für ein selbst- Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 173 bestimmtes Leben fehlen. Autorität und Zwang erscheinen insofern nicht als Gegenspieler, sondern als Geburtshelfer der Mündigkeit. Nur in diesem Sinne sind sie legitim. Damit wird der zweite Unterschied zwischen pädagogischer und gesellschaftlicher Autorität sichtbar. Während nämlich die Autorität im öffentlichen Raum die Tendenz der Selbstverstetigung durch Institutionalisierung hat, ist die pädagogische Autorität dem Anspruch nach auf Selbstauflösung angelegt. Damit sie kein bloßer Mechanismus bleibt, der das Kind in ewiger Abhängigkeit vom Erwachsenenwillen halten würde, muss sie zunehmend auf den selbstbestimmten Freiheitsgebrauch des Kindes abheben. So sehr die Beziehung zu Beginn von Abhängigkeit geprägt ist, so sehr ist sie auf die spätere Unabhängigkeit angelegt. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Wahrnehmung von pädagogischer Autorität auch die Freiheit des Pädagogen zur Voraussetzung hat, der seinerseits nicht von mechanischen Prozeduren oder ökonomistischen Verwertungszwänge unterworfen sein darf, denn seine Verantwortung gilt in erster Linie der Mündigkeit der jungen Menschen, die je individuell und situativ befördert werden soll. Dazu bedarf es einer pädagogischen Urteilskraft, die sich in kein Schema pressen lässt. Die sozialtechnologische Transformation des pädagogischen Handelns entzieht dagegen den Lehrkräften Spielräume des Gestaltens und überführt Herbarts »pädagogischen Takt« in den unisonen Rhythmus der tayloristischen Produktionsform. Die personale pädagogische Autorität trägt das Risiko der Willkür in sich. Dennoch ist nicht jede Form ihrer Ausübung repressiv, vielmehr sind individuelle Entscheidungen oft Ausdruck von pädagogischem Fingerspitzengefühl. Personale Pädagogik braucht einen Raum des Vertrauens, damitHumanität gedeihen kann. Sozialtechnologie ist formalisiertesMisstrauen, das zwar Funktionen optimiert, aber jede Humanität erstickt. Literatur Adach, S. (2017). Freiheit undVerantwortung. ReflexionenzurGrundlegung schulischer Bildung. Köln: unveröffentliche Staatsarbeit. alphaProf (o. J.). Lernvertrag und Belohnungsstempel-Blatt. https://alphaprof.de/wp-conte nt/uploads/2015/03/Lernvertrag.docx (02.05.2018). Bertelsmann (Hrsg.). (o. J.). Lernabmachung. https://www-de.scoyo.com/dam/jcr:159ce37a -6f64-4e0e-9a52-52fdf0528e56/lernvertrag-selbstgesteuertes-lernen.pdf (02.05.2018). Bildungsserver des Landes Mecklenburg-Vorpommern (2004). Lernvertrag. https://www. bildung-mv.de/export/sites/bildungsserver/downloads/lernvertrag_.pdf (02.05.2018). Matthias Burchardt 174 Bröckling, U. (2000). Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement. In U. Bröckling, S. Krasmann & Th. Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen (S. 131–167). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Bründel, H. & Simon, E. (o. J.). Trainingsraummethode. http://www.trainingsraum-methode. de/images/Ablaufschema.pdf (02.05.2018). Kant, I. (1803/1983). Pädagogikvorlesung. In ders., Werke. Bd. 10 (S. 695–766). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Kounin, J. S. (1976/2006). Techniken der Klassenführung. Münster: Waxmann. Ladenthin, V. (2011). Kompetenzorientierung als Indiz pädagogischer Orientierungslosigkeit. Profil. Mitgliederzeitschrift des Deutschen Philologenverbandes,Heft 9, 1–6. Pongratz, L. (2010). Einstimmung in die Kontrollgesellschaft. Der Trainingsraum als gouvernementale Strafpraxis. Pädagogische Korrespondenz. Zeitschrift für Kritische Zeitdiagnostik in Pädagogik und Gesellschaft, 41, 63–74. Schütz, E. (1971). Autorität. Ein Traktat. Heidelberg: Quelle & Meyer. Der Autor Matthias Burchardt, Dr. phil., ist Akademischer Rat an der Universität zu Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind Anthropologie, Bildungsphilosophie und die Archäologie des Zeitgenössischen. Er ist Mitbegründer undGeschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen und engagiert sich im Bündnis für humane Bildung gegen Übertreibungen der Digitalisierung von Schule. Zuletzt erschien 2018 Time for Change? (mit Jochen Krautz), 2017 Bildung und Widerstand (gemeinsam herausgegeben mit Rita Molzberger) und 2016 Die pädagogischeMitte (mit Klaus Zierer und Joachim Kahlert). Verträge, Prozeduren, Trainingsräume 175 Autoritarismus in Deutschland Das Gruppenexperiment 1950–1955 Wolfgang Bock Einleitung Eine neue Quelle Ich möchte im Folgenden etwas zur ersten empirischen Untersuchung in Deutschland 1950 über Einstellungen der Bevölkerung zur Autorität darlegen. Dazu greife ich auf entsprechende Kapitel aus meinem gerade erschienenen Buch Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse (vgl. Bock, 2018) zurück. Darin werden unter anderem neue Quellentexte von Adorno aufgeschlossen. Ich habe einen frühen Text von Adorno im Archiv gefunden, der zeigt, dass dessen Kritik an Karen Horney und Erich Fromm in Amerika etwas damit zu tun hat, dass die beiden anscheinend einen Stereotyp der faschistischen Adaption der Psychoanalyse nach 1933 in Berlin bedient haben (Adorno, 1946a/2018; 1946b/2018; Adorno, 1963a/1986).1 Dieser Zusammenhang ist mit in seinen vielfältigen Konsequenzen heute kaum bekannt und muss als Hintergrund kurz erwähnt werden, um die nachfolgenden Ausführungen zu verdeutlichen. Insbesondere Karen Horney war, wie aus ihren Büchern 1936 und 1939 hervorgeht, vonHarald Schultz-Henckes »Neoanalyse« beeinflusst. Dieser war mit dafür verantwortlich, dass man im Nazideutschland eine »Neue deutsche Seelenheilkunde« etabliert hatte, sprich eine Psychoanalyse ohne Juden. Als die Nazis in Deutschland an die Macht gekommen waren, sind etwa 95 Prozent der 1 Der von mir aufgefundene Text stellt das englische Original eines Vortrags von 1946 vor der psychoanalytischen Gesellschaft von San Franzisco dar. 177 Mitglieder der freudianischenDeutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) zur Emigration gezwungen worden. Die restlichen fünf oder sechs Prozent »arischer Analytiker« hatten nach dem 30. Januar 1933 nichts Besseres zu tun, als zu ihren Nazifreunden zu laufen und das Psychoanalytische Institut, die Poliklinik und auch die Gesellschaft dem völkischen Psychiater Matthias Heinrich Göring anzubieten, der Vorsitzender der Allgemeinen Ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie (AÄGP) geworden war. Das war eine Konkurrenzorganisation zur freudianischen DPG, die sich 1927 gegründet hatte und nun ans Ruder kam. Göring war ein Cousin des Reichsmarschalls und trotz seines harmlosen und umgänglichenÄußeren ein unbelehrbarer und radikaler Antisemit. Er übernahm 1936 das Institut zunächst nur widerwillig, baute es dann aber mit tätiger Hilfe der alten Mitglieder rasch zu einem wichtigen Instrument der Biopolitik im Rahmen der Warfare, also der Kriegsvorbereitungen und Kriegsdurchführungen der Nazis aus. Die Zahl der fest angestellten Mitglieder wuchs auf über 500 an. Entgegender landläufigenMeinungkamdiePsychoanalyse–oderdas, zudem sie mutierte – in der NS-Zeit nicht zum Erliegen, vielmehr blühte sie auf. Nicht, weil der Nazistaat ein so großes Interesse an Therapien gehabt hätte – das hatte er durchaus auch, wenn diese als nicht-jüdisch deklariert und »Volksgenossen« privilegiert wurden –, sondern es bestand hauptsächlich Bedarf an psychologischen Tests zur Qualitätssicherung in der Industrie und der Armee. Die bisher bekannten Zeugnisse über das sogenannte Göring-Institut – dessen offizieller Titel Deutsches Institut für psychologische Forschung und Psychotherapie lautete – und auch die amerikanischen Studien dazu sind wesentlich mithilfe der früheren Mitarbeiter entstanden (vgl. Cocks, 1997). Stück für Stück erfahren wir in den letzten Jahren aber nun immer mehr über diese Zeit. Dabei geht es weniger um reine Informationen, sondern vielmehr um Zusammenhänge und Konstellationen, die es erlauben, die einzelnen Bruchstücke zu einem richtigen Bild zusammenzusetzen. Die Schüler der »arischen Psychoanalytiker« halten sich bei diesem Thema zurück, doch je mehr die internationale und vor allem die jüdische Perspektive gehört werden, desto mehr verändert sich auch hier die Interpretationslage.2 Ich habe versucht herauszubekommen, wie die Kritik an Freud vonseiten dieser »arischen Analyse« (Göring) – die sich »Neolyse«, »Neoanalyse« oder »Desmolyse« (von Des- 2 Ichhebeandieser Stelle insbesonderedasBuchdesamerikanischenHistorikersAntony D. Kauders (2014),Der Freud-Komplex. EineGeschichteder Psychoanalyse inDeutschland, hervor. Wolfgang Bock 178 mos = Fessel) bei Schultz-Hencke, bei Jung »analytische Therapie« nannte – nach Amerika hinüberschwappte. Adorno hat das erste Mal eine Kritik an Karen Horney und Erich Fromm in San Francisco vor aus Berlin 1933 zwangsweise emigrierten Psychoanalytikern vorgetragen. Diese Position hatte sich bereits 1937 im Briefwechsel zwischen Karl Landauer und Max Horkheimer entwickelt. Adorno übernahm sie nun ebenso wie die Bezeichnung »Revisionisten« für Fromm, Horney und andere. Sein Vortrag fand zwei Jahre nach dem großen Antisemitismuskongress statt, den der Berliner freudianische Psychoanalytiker und frühere Chef der Berliner psychoanalytischen Klinik Tegel, Ernst Simmel, unter anderem zusammen mit den Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung in San Francisco organisiert hatte. Adorno sprach vor einem ähnlichen Publikum, das die Geschichte des Göring- Instituts genau kannte, die heute mühsam rekonstruiert werden muss. Es geht also im Folgenden auch um verschollene Kontexte, die benötigt werden, um die entsprechenden Informationen zu interpretieren. Im Rahmen der Forschung, die ich um diesen Text von Adorno herum versucht habe, ergibt sich eineneue Sicht auf die bislangdominierende Interpretation der Psychoanalyserezeption bei Adorno. Ich habe mich darangemacht, noch einmal alle Texte von Adorno, in denen es um Psychoanalyse geht, durchzusehen und neu zu interpretieren. Deswegen ist es ein Buch mit 800 Seiten geworden, in welchem auch Quellentexte und andere bislang kaum zugängliche Dokumente mit abgedruckt sind. Meinungsumfragen in Westdeutschland der 1950er Jahre Ich stelle Ihnen im Folgenden verkürzt die Kapitel aus diesem Buch vor, die sich mit dem Thema des Autoritarismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft beschäftigen. Es handelt sich um das erste Projekt der empirischen Sozialforschung, das das Institut für Sozialforschung nach seiner Rückkehr in Angriff nahm. Als Horkheimer und Pollock 1948 bzw. 1950 an die Frankfurter Universität zurückkamen, führten sie die Projekte über Autorität, Vorurteile und Antisemitismus weiter, die sie ab 1934 in der Emigration in Amerika begonnen hatten. Die amerikanischen Studien schlossen ihrerseits an die zuvor in der Weimarer Republik ab 1928 begonnenen Arbeiten an. Es warHorkheimer und seinenMitarbeitern ein Anliegen, nach demKrieg auch und gerade in Deutschland die postfaschistische Öffentlichkeit aufzuklären. Dabei wandten sie sich an eine Gruppe von jungen Studenten, die in Autoritarismus in Deutschland 179 die Lage versetzt werden sollten, die Instrumente der empirischen Sozialforschung, die in Amerika weiterentwickelt worden waren, zu ihrer Selbstaufklärung und zur Aufklärung der Öffentlichkeit zu nutzen. Wir registrieren also zunächst einen generellen Horizont und dann eine spezielle Gruppe, auf die die Aktivitäten des Instituts gerichtet sind. Auch deshalb spielt in der ersten Generation der Schüler der Kritischen Theorie wie bei Alexander Kluge, Oskar Negt und auch Jürgen Habermas die Öffentlichkeit und die Diskussion dieser Themen in der aufgeklärten und freien Gesellschaft eine so große Rolle. Antihistorische Zeitsprünge: Aktualisierende Relektüren und das Vorwärts- und Rückwärtslaufen der Zeit Was ich hier unternehmen möchte, folgt ebenfalls zwei Motiven. Einmal ist es eine Relektüre dieser Texte als eine erneute Aneignung des historischen gesellschaftlichen Zusammenhangs der 1950er Jahre und zugleich ist es der Versuch, diese Motive in der heutigen Zeit zu aktualisieren. Der Begriff der Relektüre geht auf das Programm meines Bremer Lehrers Peter Bürger zurück, der vor wenigen Wochen verstorben ist (vgl. Bürger, 2016). Diese Relektüre umfasst die Wiederansicht einer Reihe von Texten, die man noch einmal neu interpretieren kann, die mit der historischen Entwicklung in einer anderen Konstellation erscheinen. Und wennman sich die empirische StudieDas Gruppenexperiment aus den 1950er Jahren anschaut, geht es um eine Situation, in der verschiedene Gruppen von Probanden miteinander sprechen und neben ihrem Schweigen auch ihre Meinungen deutlich machen. Wenn man sich das heute anschaut, passiert etwas Seltsames: Die Grenzen einer geordneten Chronologie verschwimmen, wie sich auch ein avancierter Begriff der Geschichte nicht mit der Feststellung der entsprechenden Jahreszahlen undEpochenabfolge begnügt, sondern versucht, die geschichtsmächtigen Kräfte hinter diesen formalen Daten zu verstehen. Bei demGruppenexperiment geht es umMeinungen von westdeutschen Probanden, die fünf Jahre nach Kriegsende über das Verhältnis zu den Juden, zu den displaced persons, zur aktuellen Bündnispolitik mit Amerika, mit Russland und der gerade gegründeten DDR sprechen. Schaut man sich aus der heutigen Situation heraus die sprachlichen Formen der 1950er Jahre erneut an, erscheint vieles wie gerade erst gesprochen. Mitunter wähnt man sich in einer Versammlung von Pegida oder der AfD. In gewisser Weise gibt es ja auch keine historische Lektü- Wolfgang Bock 180 re, sondern man bringt in alles, was man liest, einen Aktualitätsraum der Politik ein.3 Mich treibt die Frage der Wiederkehr der 1950er Jahre seit einiger Zeit um und das nicht nur in den Themen und der Art und Weise, wie über Politik gesprochen wird – auch das Design oder die Kleidermode reproduzieren diese Epoche. Die Haarschnitte der Männer zum Beispiel, die sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzen und in denen historischeMotive wiederkehren – etwa ausrasierteNackenpartien und Seitenmit darüber gelegten längerenHaaren – kennen wir von Fotos aus Rassenhandbüchern aus den 1930er und 1940er Jahren. Das sind semiotische Zeichen, die Gegenwart und Vergangenheit auf eine verquere Weise zusammenfügen. Sie sind vielleicht politischer als die offiziellen politischenMeinungen, weil sich in ihnen der Versuch der Individuen ausdrückt, sich den entsprechenden Zeitströmungen anzupassen. Angesichts solcher Stellungnahmen, die im öffentlichen Bildraum daherkommen, läuft mir des Öfteren ein Schauder über den Rücken. Das ist abernur eineNebenlinie dieserDiskussion, die andeuten soll,wasmich an der Frage der Aktualisierung des Autoritarismus und dieses seltsamen ahistorischen Rücksprungs in die Zeit interessiert. Es handelt sich um eine Aktualisierung und Wiederkehr von völkischen ideologischen Elementen, die allesamt schon überwunden geglaubt waren. Dieses Vorwärts- und gleichzeitige Rückwärtslaufen der Zeit existiert also. Ja, es gehört bereits seit Langem zur Darstellung der Zeit als Schlange, Kreis oder Uhr ursächlich dazu. Wir als Theoretiker, die sich mit der Wiederkehr oder Beständigkeit von solchen autoritären Vorstellungen, mit dem Komplex oder dem Weiterwuchern des autoritären Charakters beschäftigen, stehen damit nun vor zwei Aufgaben. Zum einen ist das die Aktualisierung einer Theorie der Aufklärung darüber und das Nachzeichnen der Veränderung einschließlich der Vorhersage dessen, was zu erwarten ist. Dazu gehört durchaus auch die Ermittlung und die Feststellung solcher Meinungen und die Anwendung der Aufklärung, für die diese Studien überhaupt unternommen werden. Zum anderen gehört dazu aber auch eine be- 3 Walter Benjamin zeigt in seinem Text »Über den Begriff der Geschichte«, dass alle Begriffe in einem solchen unabgeschlossenen Aktualitätsraum gelesen werden und ihre Klassifizierung als historische Erlebnisse oder Erfahrungen, auf die man zurückgreifen könne, nur eine rhetorische Form darstellt, die im Dienste der aktuellen politischen Propaganda steht. In Wirklichkeit ist keine Vergangenheit »gesichert« und es gibt keine historische Erfahrung, auf die wir in irgendeiner Weise bruchlos aufbauen könnten (vgl. Benjamin, 1942/1992). Autoritarismus in Deutschland 181 sondere Verantwortung für eine Quellenkritik der Instrumente, die sich in der Kritischen Theorie herausgebildet haben, denn weder sie noch die Personen sind sakrosankt. Wenn man also eine Relektüre vornimmt, muss sie nach allen Seiten hin kritisch sein; sie kann nicht einfach die bekannten Verhältnisse wiederholen im Sinne vonWilli BirgelsOperetten-Schlager»Ichmöchte nochmal 20 sein und so verliebt wie damals«, der damit endet, dass man eben nichts gelernt hat, sondern alles noch einmal genauso machen würde wie früher. Eine Relektüre verbindet sich dagegenmit der Pflicht, das zu kritisieren, wasman von heute aus anders sieht als damals. Es ergäbe also ebenso wenig Sinn, hier eine vernichtende undialektische Kritik anzubringen (wie sie z.B.Max Bense überHorkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung versucht hat), wie umgekehrt über die Akteure derKritischen Theorie Heiligenbiografien, Hagiografien zu schreiben (vgl. Bense, 1950). Sondern bei derRelektüre geht es darum, dieAutoren als normaleMenschen ihrer Zeit zu betrachten, die heute auch im Sinne der Diskuskritik, der Dekonstruktion, einer kritischen Hermeneutik oder einer Gender-Kritik gelesen sein sollen. ZumGruppenexperiment Voraussetzungen und Anlage 1949 reiste Adorno das erste Mal aus Amerika wieder nach Deutschland. Während Horkheimer auf seinem alten Lehrstuhl wiedereingesetzt wurde, erhielt Adorno zunächst eine Professur, die erst zehn Jahre später in eine feste außerplanmäßige Stiftungsprofessur des Landes Hessens umgewandelt wurde. Das Institut für Sozialforschung nahm 1950 seine Arbeit im unzerstört gebliebenen Keller des alten Gebäudes in Frankfurt wieder auf und feierte 1951 die offizielle Wiederer- öffnung in einemNeubau. Sogleich begann man mit einer neuen Studie über die politische Stimmung im Nachkriegsdeutschland, dem Gruppenexperiment. Max Horkheimer hatte dazu bereits bei seinem erstenAufenthalt inDeutschland 1948 in Zusammenarbeit mit Paul Lazarsfeld erste Recherchen angestellt. Lazarsfeld, Marie Jahoda und auch Herta Herzog unterstützten die Studie wie schon zuvor in Amerika mit statistischen und methodischen Vorgaben. Beiträge kamen von Horkheimer, Pollock und Adorno, von ihren früheren Studenten Heinz Maus und Peter von Haselberg sowie von Rainer Koehne und Hermann Schweppenhäuser, beide Mitglieder der »Flakhelfer-Generation« (vgl. Pollock, 1955; vgl. Adorno, 1954/1986). Die Vorlagen waren die Studien über Autorität und Fami- Wolfgang Bock 182 lie, die Labour-Studie und der Autoritäre Charakter; inhaltlich und formal griff Adorno auch wieder auf Löwenthals und Gutermans sowie seine eigenen Interpretationen der Trickkiste faschistischer Propaganda zurück (vgl. Löwenthal & Guterman, 1949; Lenhard in diesem Band). Methodisch entschied sich die Autorengruppe für ein doppeltesGruppenverfahren. Dabei wurden in Westdeutschland 137 repräsentative Diskussionskreise mit je 10 bis 15 Personen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergrunds eingerichtet: beispielsweiseAdvokaten inBremen,Honoratioren in einem bayrischenDorf oder Flüchtlingsfrauen undGymnasiasten in Frankfurt undUmgebung. Insgesamt waren fast 2000 befragte Personen daran beteiligt (Pollock, 1955, S. 63–92). Dabei interessierte man sich zunächst für die Meinung der Menschen, die allerdings nicht als letzte Aussage stehen gelassen, sondern in ihrem Verhältnis vor allem zur NS-Propaganda interpretiert wurden. Erforscht werden sollte hauptsächlich der Prozess, wie die wenigen Menschen, die gegen die völkischen Mehrheitsmeinungen waren, in der Gesprächsgruppe niedergeredet werden. – Adorno sagte an anderer Stelle, es sei ihm um die Analyse eines »Chemismus von Massenbewegungen«, also gleichsam um ein Laboratorium der Massenmanipulation gegangen, in welchem man die einzelnen Schritte eines solchen Prozesses nachvollziehen könne (vgl. Adorno, 1963b/1986). Das sind Fragestellungen, die uns auch heute noch interessieren.Darüber hinaus ist das Ansinnen interessant, dieseMeinungen nicht alsWählermeinung oder unhinterfragten individuellen Ausdruck (»meine Meinung«) stehen zu lassen, sondern sie mit Manipulation und faschistischer Propaganda in Zusammenhang zu bringen. Um das Gespräch in Gang zu bringen, wurde den Probanden als sogenannter »Grundreiz« ein fiktiver Brief vom Band vorgespielt, den Adorno selbst mit verstellter Stimme und imitiertem Akzent eingesprochen hatte. Darin setzt sich ein einfacher amerikanischerG. I., der offensichtlichweiße Sergeant JoeColburn, mit den Deutschen auseinander und berichtet seinen Verwandten in den USA über die Stimmung im Land. Man erfährt, er sei mit der Alliiertenarmee gekommen und habe fünf weitere Jahre in Deutschland verbracht, wo er unter anderem als Dolmetscher und in deutschen Fabriken gearbeitet habe. Dass mit der Fabrikarbeit klingt nicht besonders echt, wird aber anscheinend von den Probanden kaum angezweifelt. Denn sein Urteil ist durchaus realistisch und das reizt wohl imWortsinne. Der Brief beginnt damit, dass die Deutschen zum großen Teil gute Menschen seien, freundlich zu ihren Familien und strebsam. Im zweiten Teil benennt er allerdings deutlich die Nachtseiten: Da sie sich selbst auch noch fünf Jahre nach Kriegsende als die größten Opfer von Krieg, Bombardierung und nun Autoritarismus in Deutschland 183 der Besetzung sehen, falle es ihnen schwer, die eigene Schuld gegenüber den Juden und den anderenVölkern imOstenwie imWesten einzugestehen (Pollock, 1955, S. 501–517). Die Schuldfrage, die rationalisierende Abwehr und damit die Einstellung zur »Rassenfrage« und zur Judenvernichtung standen im Mittelpunkt der Studie wie auch der Interpretationen Adornos. Ich möchte die Idee des Grundreizes und des Reizens allgemein kurz erläutern. Zunächst:DieTeilnehmendenwussten nicht, dass der Brief nur gespielt war. Wäre das bekannt geworden, hätten sie sich wohl mit einigemRecht noch weiter erregt. Weiterhin lehnte sich die Form des Gruppenexperiments an die Gruppentherapie an, die das frühere Frankfurter Institutsmitglied, der Psychoanalytiker Foulkes, in England entwickelt hatte. Gruppen wurden deswegen gewählt, weil sie anders als Einzelgespräche eine gewisse soziale Emotionalisierung mit sich bringen. So wollte man die Befragten aus der Deckung locken, wie Erich Fromm es mit seinen doppelsinnigen Fragen auf den ersten Ermittlungsbögen seiner Untersuchung zu Arbeitern und Angestellten am Vorabend des Faschismus von 1930/31 erfolgreich praktiziert hatte (vgl. Fromm, 1983). Darin hatte er nicht nur nach der politischen Meinung gefragt, sondern auch nach dem Kunstgeschmack, dem Stil der Wohnungseinrichtung und vor allen Dingen nach der Einstellung zur Frauenemanzipation. Und da zeigte sich bekanntlich, dass es zwar nominell unterschiedliche politische Meinungen gab, aber auch, dass sich dieselbenKommunisten, Sozialdemokraten oder Faschisten alsMänner weitgehend im schlechten kulturellen Geschmack und vor allen Dingen gegen die Befreiung der Frauen einig waren. Bereits das zeigte, wie verzerrend eine Selbsteinschätzung ist, die nur auf einer einsinnigen politischenMeinung fußt. Beim Gruppenexperiment handelte es sich also um den Versuch, Zufallsgespräche mit der einfachen Bevölkerung nachzustellen, an deren ungeschminkten Ansichten man interessiert war. Das Setting beinhaltete weiter, dass auch die Interpretation des Materials in Gruppen erfolgen sollte, hier nun, um die Objektivität der Deutung zu gewährleisten, deren Grenzen ebenfalls zu Beginn der Studie ausführlich diskutiert wurden. Diese Formen wurden später von Alfred Lorenzer oder Rainer Zollmit ihren tiefenhermeneutischenVerfahren verfeinert. Die Gruppenstudie ist darüber hinaus ein Beitrag zur Ausbildung der Studierenden, die in empirischerer Sozialforschung, wie sie in Amerika üblich ist, geschult werden (Pollock, 1955, S. 15–62). Die Untersuchung fand zum Jahreswechsel 1950/51 statt; der Text wurde 1955 veröffentlicht. Adorno befasste sich während eines erneuten Aufenthaltes in Amerika 1952/53 neben anderen Aufgaben kontinuierlich mit seiner Interpretation.DenHintergrund seines Beitrags bilden ganz allgemein angesprochene Wolfgang Bock 184 psychoanalytischeModelle von Schuld, Abwehr, Verdrängung und ähnlichen Begriffen wie Projektion, Verleugnung oder Verneinung. Diese sind in der Sache differenziert präsent, ohne dass Adorno genauer auf die entsprechende Literatur von Freud und seinen Schülern verweisen würde. Es geht ihm stärker um die ideologische und politische Einschätzung der Äußerungen und um die Anerkennung der damit verbundenen Wirklichkeit gegenüber einer verleugnenden und der Paranoia nahestehendenWahnwelt. Deutlich wird vor allem der Einfluss der NS-Propaganda, die sich über weite Teile auf etwas stützen kann, was von den Menschen selber ausging. Den öffentlichen und privaten Meinungen der befragten Deutschen setzt Adorno seine objektivierende Sichtweise entgegen. Die Anlage des Experiments besteht aus drei Elementen. Den ersten Teil bildet der sogenannte Grundreiz, also die Eingangssituation mit dem Brief des Sergeanten Colburn. Der zweite Teil umfasst die Diskussionsergebnisse, also das aufgenommene Gespräch einschließlich der Zwischenrufe, die die emotionale Ebene wiedergeben. Zu etwa einem Fünftel dieses Materials schreibt Adorno dann seine Erwiderungen, Kommentare zu den geäußerten Meinungen, die den dritten Teil ausmachen. Er kommt nicht in Kontakt mit den Leuten in der Gesprächssituation selbst und interveniert dort nicht, sondern er interpretiert den Zusammenhang von außen. Das ist ihm zuweilen vorgeworfen worden. Andererseits muss man sagen, dass diese Distanz notwendig ist – subjektiv, also in der Anlage bei Adornos Naturell, weil das die für ihn beste Methode war, aber auch objektiv, um überhaupt diesen subjektivistischen Meinungen eine objektive Folie entgegenzuhalten. Es gehört zum Credo der Frankfurter Sozialforschung, dass es nicht nur darum geht, Meinungen der Probanden als nicht anzutastende letzte Wahrheiten zu reproduzieren, sondern diesen objektivierende Interpretationen gegenüberzustellen, die sich philosophisch selbst ausweisen. So treten sie für Demokratie und Freiheit ein, wie Horkheimer das im Institutsprogramm 1931 und in seinen großen Aufsätzen aus den 1930er Jahren in der Zeitschrift für Sozialforschung und später in der Dialektik der Aufklärung skizziert hat. Diese philosophischen Bemühungen gingen auch in die empirische Form ein und bilden ihr gemeinsames Rückgrat. Keine Normalität Adorno entwickelt im Zuge seiner Interpretation eine Typologie/Klassifikation der Probanden. Erstens gibt es die Unbelehrbaren, die auch fünf Jahre nach Kriegsende die faschistische Ideologie nur etwas abgeschwächt wiederholen. In Autoritarismus in Deutschland 185 diese Gruppe gehören erschreckenderweise etwa 95 Prozent der Befragten. Zweitens findet Adorno dieAmbivalenten, die zwar auch antisemitische Einstellungen besitzen, sie aber schon nicht mehr so sicher äußern. Etwa 3 bis 4 Prozent der Befragten lassen sich hier einordnen. Und drittens gibt es die Verständigungswilligen, die zumindest andeuten, Verantwortung für die von den Nazis begangenen Gräueltaten übernehmen zu wollen. Anteilmäßig machen sie nur eine verschwindendeMinderheit von 1 bis 1,5 Prozent aus. Zu Beginn der Sitzungen wurde noch viel geschwiegen. Die Mehrzahl der Teilnehmer, die schließlich doch sprechen, verwahrten sich zunächst gegen die Anschuldigungen des Sergeanten Colburn und gingen dann schnell zu Gegenangriffen über (Pollock, 1955, S. 527–529). Das wurde zu Anfang der Sitzungen dadurch etwas gebremst, dass es offiziell einenVersuchsleiter gab unddie autoritär Gestimmten zunächst noch nicht einschätzen sollten, wie dieser jeweils ausgerichtet war. Autoritäre Charaktere, die manipulative Tendenzen haben, hielten sich also zu Beginn der Sitzungen noch etwas zurück, weil sie annehmenmussten, dass es noch eine größere Autorität gäbe. Bald aber platzten die Leute nur so aus sich heraus, wie wir das heute von den sogenannten »Wutbürgern« kennen, die sich ohne Punkt und Komma in hysterischer Weise äußern. Ein nachdenkliches und selbstkritisches Klima, wie die Autoren der Studie es sich erhofft hatten, war in denGruppen nur in sehr seltenenMomenten zu finden. Vielmehr wiederholte sich die Schaffung einer Atmosphäre, in der kritische Stimmenmundtot gemacht werden. Herauszufinden, wie das im Einzelnen geschieht, bildete daher auch das eigentliche Interesse der Veranstalter. Für die verdeckt bis offen zu den Nazianhängern Zählenden nimmt Adorno an, dass ein Eingeständnis der Schuld aus dem eigenen Gewissen heraus nottäte. Die meisten Teilnehmer wehrten sich aber dagegen und verschoben Schuld und Trauer entweder auf die Nazis als angeblich kleine Gruppe von Anstiftern oder, noch häufiger, auf die fremden Besatzer, die als neue Herren für das aktuelle Leid verantwortlich gemacht wurden (z.B. Lebensmittelknappheit, Schwarzmarkt, Schiebereien).4 Zudem regte die amerikanische Besatzung die Wiederbewaffnung der deutschenWestzone an, denn zu Zeiten des Koreakrieges benötigen die Amerikaner europäische Bündnispartner gegen die damalige Sowjetunion. Auch 4 DieMitscherlichswerden später auch imRückgriff aufdie Ergebnisseder Studie vonder »Unfähigkeit zu trauern« als deutschem Sozialcharakter sprechen (vgl. Mitscherlich & Mitscherlich, 1967/2007). Die Formel bleibt umstritten. Umgekehrt gibt esmittlerweile auch berechtigte Kritik an einer selbstgerechten Besatzungspolitik, siehe z.B. Sebald (2001) oder Gebhardt (2016). Wolfgang Bock 186 das ist ein Moment, das vielen der früheren Soldaten in Deutschland, die selbst gegen die Russen gekämpft hatten, nicht schmeckt – sie plädieren nun gegen eine Wiederbewaffnung. Im Jahr 1950 war also die politische Position eines neutralen Deutschlands in Westdeutschland eine Position der Rechten. Zuletzt aber werden sogar die displaced persons, die als überlebende Gefangene und Zwangsarbeiter aus den KZs entlassen wurden, für die vergangene und gegenwärtige Misere in Deutschland verantwortlich gemacht. Deutlich erkennen wir also das wiederkehrende autoritative Muster, wonach es immer die Fremden sind, die die mangelhaften Zustände im Lande hervorrufen sollen. Was Adorno dagegen in seinen Kommentaren für normal und notwendig hält, kommt den meisten Teilnehmern der Gesprächsgruppen nicht in den Sinn. Der Zugang über die psychologischen Abwehrformen, nach denen die Äußerungen aufgegliedert werden, ist insofern nicht falsch gewählt. Die von je einem Versuchsleiter moderierten Gruppengespräche werden mit dem Tonband aufgezeichnet, auf insgesamt 1.350 Seiten abgetippt und anschlie- ßend in Gruppen mit ausgesuchten Mitgliedern diskutiert. Das Material, mit Ausnahme der Tonbänder, existiert noch im Frankfurter Institut für Sozialforschung. 2009 hat der Redakteur Martin Zawadzki für den Südwestfunk darüber ein Feature produziert. Dafür erweiterte er das Experiment und verfasste einen »zeitgemäßen Brief des Sergeanten Colburn«, den er dann neuen Gruppen vorstellte – mit ganz ähnlichen Ergebnissen. Ursprünglich hatte Horkheimer vorgeschlagen, ein solches Experiment alle fünf Jahre zu wiederholen und so zu einer Art Museum der Bewusstseinslage in Deutschland zu gelangen. Davon hat man aus verschiedenen Gründen Abstand genommen (vgl. Zawadzki, 2009). Umerziehung und Handbuch DasGruppenexperiment steht also imKontext derUmerziehungsmaßnahmender Alliierten zur Demokratie. Doch wenn der Akt des Schuldbekenntnisses von den Tätern selbst ausgehen müsste – wie kann man dann Einfluss darauf nehmen? Die würden üblicherweise sagen: »Schuldgefühl? Doch mit mir nicht! Mich kann noch niemand zu irgendetwas zwingen, es geht doch wohl um ein eigenes Gewissen, oder nicht?« Adorno kritisiert diese Haltung und fühlt sich eins mit Heinrich Böll, der die Formel geprägt hat, wonach es zwar keine Kollektivschuld gebe, aber auch keine kollektive Unschuld. Eine der beliebten Abwehrformen der Probanden war es zu sagen: »Mich kann niemand zu irgendetwas zwingen. Meine Gedanken sind frei, ebenso wie Autoritarismus in Deutschland 187 mein Gewissen.« Eine andere Abwehrform bestand darin, neofaschistische Propagandareden zu halten. Da finden sich dann Leute, die etwa sagen: »Wir sind Deutsche und wir sind zu den Nazis gegangen, um die Bolschewisten zu verhindern. Als anständiger Deutscher musste man das machen. Und das war richtig so. Das Dümmste, was die Amerikaner gemacht haben, war, dass sie uns die Waffen weggenommen haben. Wenn wir sie behalten hätten, dann hätten wir jetzt zusammen den Russen in die Knie gezwungen.« So lauteten dieMeinungen damals.Dochheute kehren siewieder, wennman etwa einem Alexander Gauland zuhört, der die deutschen Frontsoldaten des Zweiten Weltkrieges verteidigen will und gegen Israel hetzt. Oder bei den Diskussionen über die Flüchtlinge, wo tatsächlich Meinungen ausgesprochen werden wie die: »Wir sind selber nicht integriert, integriert uns erstmal und dann erst die Flüchtlinge.« Das ist ja nicht nur im deutschen Osten, sondern auch im Westen, in Polen, der Slowakei und Ungarn populär. Das ist nichts anderes als die faschistische Ideologie, der zufolge es heißt: »Erst kommt mein Volk und dann die anderen Vielen.« Man muss aus diesen Gesprächen der 1950er Jahre nur Juden und displaced persons durch Flüchtlinge ersetzten, um die heutige Situation herauszuhören. Das ist doch erstaunlich und spricht nicht gerade für das Greifen der Demokratisierungsmaßnahmen. Drei Kontexte des Gruppenexperiments Wenn man sich die Ergebnisse und die Interpretationen desGruppenexperiments anschaut, so tauchen Fragen zur Anlage dieser Befragung auf. Die erste Frage betrifft den Gebrauch der Psychoanalyse, eine zweite versucht eine Kontextualisierung mit einem der großen Texte der Weltliteratur, mit Dante Alighieris Göttlicher Komödie, und die dritte versucht Bezüge zu Arthur Schopenhauers Rhetorik herzustellen. ZumGebrauch der Psychoanalyse Adorno hatte den amerikanischen Studien stets einen methodischen Teil vorangestellt, in dem er Rechenschaft über das Zustandekommen der empirischen Setzungen und über die Hintergründe der psychoanalytischen Theorie ableg- Wolfgang Bock 188 te. Und ähnlich wie Horkheimer zählte Adorno zu den Freudianern, die mit der Verbindung von Triebtheorie, Libido und Gesellschaft arbeiteten. Im methodischen Kapitel des Gruppenexperiments findet sich allerdings lediglich ein ausführlicher erster Teil zur Methodik, doch der zweite Teil einer differenzierten Psychoanalyse fehlt vollkommen. Und da muss man sich fragen: Warum ist sie hier ausgespart? Adorno schreibt zwar einen allgemeinen Text über den Begriff der Abwehr, zitiert aber weder Sigmund Freud noch Anna Freuds Buch über die Abwehrmechanismen und gibt keine weitere Literatur an. Es geht ihm nämlich nicht abstrakt darum, Recht zu bekommen und die Wahrheit ans Licht zu bringen, sondern es geht auch um die praktische Seite dieses Prozesses, nämlich um Geltung.5 Wahrscheinlich war die Lage für die Heimkehrer aus Amerika so schlimm, dass sie zunächst einfach auf die Machtverhältnisse im Lande geschaut haben: »Wir schauen jetzt auf dasWeiterlebender faschistischen Ideologie.Angesichts dessenmachen wir jetzt auch keine feinsinnigeQuellen- undMethodeninterpretation. Angesichts der fatalen Ergebnisse interessiert uns weniger, mit welcher speziellen Abwehrform wir das hier zu tun haben – ob es eine einfachere Regression ist oder eine komplexere Sublimierung oder eine Verleugnung. Sondern wir geben einen allgemeinen methodischen Teil zur empirischen Sozialforschung und dann wenden wir die Interpretationsmethoden eben einfach an und legen den Schwerpunkt auf das Betrachten der Ergebnisse.« Ein solches Vorgehen ist der politischen Situation zuzuschreiben, und wer die Studie heute liest,muss den damaligenRahmenmitdenken.Üblicherweise achtet Adorno in seiner Interpretation der Psychoanalyse auf zweierlei, und zwar zunächst auf die Beziehung seiner Interpretation der Psychoanalyse zur Triebstruktur. Ihm geht es immer um die Sexualität oder allgemeiner das Begehren, das nicht von der frühkindlichen Sexualität abgetrennt werden kann. Der Zusammenhang von Libido und Gesellschaft bildet den Oberbegriff dafür, danach zu fragen, wo die Sexualität in diesen Handlungen zu finden ist. Hier wäre das also: Wie hängen die Äußerungen der Probanden mit ihrer Sexualität zusammen? Da ginge es dann um Kategorien der Partialtriebe wie Sadismus oder Masochismus, die mit der analen Phase konnotiert sind. In früheren Texten reflektierte Adorno als zweites Motiv auch immer die anthropologischen Grundlagen der vaterlosen 5 Siehe dazu auchHelmutDahmers Beitrag »Autoritärer Charakter und autoritärer Staat« in diesem Band. Autoritarismus in Deutschland 189 Gesellschaft, der Bandenkriege der sogenannten rackets, den Ausfall des Über- Ichs und des Ichideals und dergleichen. Im Gruppenexperiment fehlen diese beiden Reflexionsfelder nun fast völlig. Hier arbeitet sich Adorno an den Argumenten und Ticks der Probanden ab. Das ließe sich im Rahmen der Psychoanalyse dadurch rechtfertigen, dass man mit der Abwehr der Patienten beginnt. Damit ist Adorno Wilhelm Reich mit seinem noch freudianischen und technisch gehaltenen Buch Charakteranalyse nahe, der dieses Verfahren für die Arbeit an der Abwehr vorschlägt. Adorno listet allerdings die Themen der Probanden nicht auf, wie in psychoanalytischen Fallstudien, sondern er sortiert die Themen nach inhaltlichen Sachgruppen – wie Meinungen zum Ausland, zu Amerika, zu Russland oder den displaced persons – und untersucht sie dann auf rhetorische Ticks und geronnene persönliche und allgemeine ideologische Formeln. Die Probanden wiederholen bestimmte Formulierungen, die Signale und Impulse dafür sind, inwelcheRichtung ihr Interesse fließt. »Hitler als solcher« beispielsweise biete den Westmächten den Frieden an – und die lehnen ab. Eine andere Formel ist: »Den Bolschewismus haben wir damals nach Strich und Faden abgelehnt.« Adorno fragt in seiner Interpretation danach, was »nach Strich und Faden« in diesem Zusammenhange heißt. Wendungen wie diese sind sprachliche Ticks – analog zum Zucken des Augenlids, einem ständigen Juckreiz oder einem Stottern –, die sich an der Oberfläche individuell organisieren.Wennmanmit ihnen therapeutisch weiterarbeitete, würden sie Einblicke in eine Tiefendimension gewähren. Es sind Elemente der Abwehr in Form von Splittern, die zusammengesetzt kein Ganzes eines organischen Formenkreises ergeben, wie es noch bei Victor von Weizsäcker heißt, sondern die selbst einen Torso bilden. Adornos Augenmerk auf dieses Moment der Wiederholung, der Starrheit, des Automatismus und der Splitterform bedeutet also, dass er sich an derOberfläche des Symptombereichs bewegt, ganz so wie vonWilhelm Reich vorgeschlagen. Adorno betreibt in seiner Interpretation also Bewusstseinspsychologie und dringt damit nicht zurTriebtheorie vor, kurz: Er tut, was er sonst an anderen kritisiert. Doch die Frage ist ja, warum er das macht. Vielleicht wollte er keineDiskussion über das Verhältnis von frühkindlicher Sexualität und Erwachsenhandlungen anstoßen, was natürlich ein Reizthemawar, zumal vor demHintergrund vonVorurteilen wie dem, dass die Juden hinter blonden deutschen Mädchen her seien. Im Übrigen war es eines der Hauptanliegen der »arischen Analyse« amGöring- Institut, dass die Sexualität ausgespart blieb. Demnach sollte beispielsweise das Unbewusste der Deutschen anders strukturiert sein als das der Juden als »alter Rasse«, bei denen es um Sexualität und den »Müllkübel der Zivilisation« ginge. Wolfgang Bock 190 Dagegen sollte das deutsche Unbewusste jung und wild sein, aggressiv und auf Eroberung aus und nichtsmit Sexualität zu tun haben. Das ist die offizielle Lesart von Carl Gustav Jungs, Harald Schultz-Henckes, Fritz Riemanns und Matthias Heinrich Görings »Neuer deutscher Seelenheilkunde«. Auch die anderen Analytiker wie Felix Boehm oder AlexanderMette haben das unterstützt. Hier wollte Adorno also vermutlich keine weiteren offenen Frontenmit den Psychologen riskieren. Negative Metaphysik: Die Anwesenheit der Hölle Auffällig ist an den Ergebnissen der Studie, dass Adorno in seiner Analyse keinem der Probanden eine Absolution erteilt. Das Ergebnis war ja, dass sich 95 Prozent als unverbesserlich zeigen, die unfähig waren, von sich aus Schuld einzugestehen und die Zusammenhänge überhaupt zu verstehen; dazu 3 bis 4 Prozent Ambivalente und 1 bis 2 Prozent Versöhnungswillige. Bei diesemErgebnis gibt es möglicherweise eine Verbindung zu einem großen Werk der Weltliteratur, nämlich zu Dantes Höllenwanderung in seiner Göttlichen Komödie. Sie wissen, dass der Text aus dem 13. Jahrhundert stammt und der Florentiner Dichter Dante Alighieri hier eine katholische Version derWelt nach demAbleben entwirft. Der Ich-Erzähler geht mit seinem Führer Vergil zunächst durch die Hölle und beschreibt genau die einzelnen Höllenkreise und die Bestrafungen der Menschen für ihre Sünden. Am tiefsten Punkt passieren die beiden Luzifer. Soweit haben sie es mit Seelen zu tun, die unrettbar verdammt sind. Das hat schon bei Dante, der darin auf Augustinus und seine Prädestinationslehre zurückgeht, etwa ebenfalls solche Dimension von 95 Prozent der Bevölkerung. Diese Verhältniszahlen sind bereits bei Augustinus als ein Gottesurteil festgelegt, an welchem die einzelnen Menschen auch durch ihre Lebensführung nichts ändern können.6Anschließend kommen die beiden Seelenwanderer an den sogenannten Läuterungsberg oder das Fegefeuer, in dem sich vielleicht 3 bis 4 Prozent der Menschen befinden und dann kommt der Himmel, in dem außer Dantes Muse Beatrice und den christlichenMärtyrern kaumMenschen lokalisiert werden können. Jetzt kann man sich in einem Gedankenexperiment vorstellen, dass Adornos Untersuchung mit diesem Text Dantes übereinandergelegt wird und sich beide gegenseitig bespiegeln, sodass die Situation der Deutschen ebenfalls in ein sol- 6 Vgl. dazu auch das Buch von Peter Sloterdijk (2015), Die schrecklichen Kinder der Neuzeit: Über das anti-genealogische Experiment der Moderne. Autoritarismus in Deutschland 191 ches Schema eingeordnet werden kann. Adorno begibt sich dann gleichsam selbst in die rhetorische Hölle und analysiert buchstäblich die infernalischen Teile dieser Ideologie. Es gibt eben nur ganz wenige unter den Probanden, die man dem Läuterungsberg zuordnen könnte und keinen, der den Himmel erreicht. Analog dazu kommt in Adornos Werk das Paradies nicht vor und wenn es bei ihm um Theologie geht, dann nur um negative Theologie und Abwesenheit eines Messias’. Bei ihm gelangt zudem niemand irgendwohin, ohne dass er zunächst ein Schuldeingeständnis abgäbe und sich in die Tiefen der eigenen Seele versenkte, weil er nicht im moralischen, sondern nur wieder in einem psychoanalytischtechnischen, nüchternen Sinne zu einer Katharsis führen kann. Die einzigen Hoffnungsstrahlen, die sich auf dieses Szenario senkten, gingen von jemandem aus, der sich als schuldig verortete und darüber zu reflektieren begänne. Wenn man nun Dante so im Hintergrund hat und sich daraufhin das Szenario von Adorno anschaut, dann kann man glauben, dass das nicht zufällig etwas miteinander zu tun hat. Man kann aus dem einen Modell etwas für den anderen Zusammenhang lernen, ähnlich wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung die Geschichte des modernen Individuums mit Homers Odyssee enggeführt hatten. Es gibt ja einige literarische Vorbilder der Hölle auf Erden. So wird beispielsweise die Großstadt Paris von Rilke als Hölle beschrieben oder auch London oder die große Hure Babylon in der Bibel und so fort. Auch in diesem Fall scheinen die beiden Modelle miteinander auf verschiedenen Ebenen zu kongruieren. Wahrheit und Geltung: Unter Stachelschweinen Und noch eine andere Referenz soll hinzugenommen werden, um von dieser Seite her noch einen weiteren Aufschluss über das Gruppenexperiment zu bekommen. Es lässt sich nämlich eineAnalogie zuArthur Schopenhauer herstellen. Im Nachlass von Schopenhauer befindet sich ein wunderbares Buch, das in den Zusammenhang des Gruppenexperimentes gehört. Es ist die Eristische Dialektik von 1830 und heißt im Untertitel: Die Kunst, Recht zu behalten. Das ist ein Vorläufer des Buches Mit Rechten reden, das in diesem Jahr auf den Markt gekommen ist (vgl. Leo & Steinbeis, 2017). Es geht dabei darum zu lernen, wie man die Kniffe und rhetorischen Tricks des Gesprächspartners entlarvt. Es handelt sich um ein agonistisches Verfahren, es geht um einen Kampf mit Siegern und Verlierern. Schopenhauers Dialektik unterscheidet sich insofern von der aristotelischen und der hegelschen Dialektik, auf die sich Adorno in der Regel Wolfgang Bock 192 bezieht, dass es ihm nicht in erster Linie um Wahrheit, sondern um wenn man so will: politische Geltung geht. Die Wahrheit besitzt er nämlich schon und er setzt sie voraus und kann sich dann auf die Technik, sie zu erlangen, konzentrieren. Diese Trennung von Form und Inhalt, Wahrheit und Anerkennung ist ganz grob und unhegelianisch: bei Schopenhauer geht es darum, Recht zu bekommen. Auch das entspricht der spezifischen Situation Adornos, der genau weiß, was er will und auf welcher Seite die Wahrheit steht, auf welcher die Unwahrheit; und dem es um die Situation der Geltung und der Gerechtigkeit geht. Bei der faschistischen Propaganda geht es um die Tricks und die Manipulation, die vor diese gesetzt sind und die ein Klima und eine Haltung erzeugen, in der eine Wahrheit sich gar nicht mehr ausdrücken kann. Die Grundlage solchen Rechthabens hat sich bei Adorno vor der Nazizeit herausgebildet und sich dann in Amerika nochmals verstärkt. Das tritt nun bei der Wiederkehr nach Deutschland nochmals deutlich in Erscheinung. Es trifft eigentlich einen alten Streit über die Voraussetzungen von empirischen Untersuchungen. Walter Benjamin und mit ihm der junge Adorno waren gegen Erich Fromm und Max Horkheimer der Meinung, dass bei empirischen Untersuchungen nicht viel anderes herauskäme, als man vorher als Konzept der Fragestellung hineingegeben habe. Diese skeptische Position schwingt bei Adorno auch in den großen Untersuchungen in Amerika noch mit und es gibt nicht wenige Kritiker, die ihm das als Prinzip der Untersuchungen zum autoritären Charakter vorwerfen. Insbesondere im Positivismusstreit in der deutschen Soziologie wird Adorno dann wieder offen eine ähnliche Position vertreten. Die empirische Forschung ist gleichsam ein Durchgangsfeld, oder wenn man so will, eine rhetorische Form, Recht und Geltung durchzusetzen. So muss man sich etwa die Situation der Macht in Deutschland zur Zeit des Gruppenexperiments vorstellen. Das Ergebnis hat gezeigt, dass es nur eine verschwindend kleine Gruppe – gleichsam eine homöopathische Größe – war, der Adorno einen Neuanfang aus einer Reflexion zutraute. Da kann man sich vorstellen, dass er auf Schopenhauers 38 Tricks rekurriert, um seine Interpretation hier durchzusetzen. Das Aufdecken der Trickkiste vonDemagogen hatte Adorno auch in Amerika an vielen Stellen ausgeführt. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Einsatz des Grundreizes, der auf Schopenhauers Buch zurückgeht. Schopenhauer sagt, wenn man jemanden richtig ärgert, dann kommt er aus der Reserve. Wenn man also vorher weiß, die Menschen sind zurückhaltend, verstockt und wollen nichts sagen, dann provoziert man sie. Das hat Adorno mit diesem gefälschten Brief gemacht und wenn seine Autoritarismus in Deutschland 193 Probanden gewusst hätten, dass es sich dabei tatsächlich umeinen gefaktenBeitrag handelt, dann wären sie erst richtig auf die Barrikaden gegangen. Es ist aber leider auch so, dass sich nicht nur Adorno und seine Mitarbeiter auf diese Rhetorik beziehen, sondern auch die Gegenseite, die sie »naturwüchsig« verwendet, ohne zu wissen, wie diese Tricks genau funktionieren. Es ist ein Geheimnis der gro- ßen Manipulatoren, dass sie schlau und funktional entsprechende Mechanismen verwenden können, deren erkenntniskritischer Zusammenhang ihnen gerade verschlossen bleibt. Wenn man sich das Buch von Schopenhauer daraufhin anschaut, dann kann man sich denken, dass auch Donald Trump es gelesen hat oder dass er einfach eine natürliche Begabung hat, entsprechend zu agieren, nämlich immer Störfeuer zu setzen und keine anderen Argumente zuzulassen. Zur Achronie des Gruppenexperiments Die Diskussion des Gruppenexperiments und seine Ergebnisse haben, wenn man sie heute liest, damit nicht nur etwas Anachronistisches im Sinne eines Rückschritts, sondern etwas A-chronisches, also etwas, was den Lauf der Geschichte unterbricht. Wenn man diesen Text im Rahmen einer Relektüre noch einmal angeschaut hat, dannweißman eben nicht, in welchem Jahrzehntman sich befindet. Es wäre durchaus sinnvoll, die bislang vorliegenden Traditionen aufgeklärter Theorien zu Autoritarismus und Antisemitismus nochmals aufzuarbeiten und beispielsweise einen Studiengang zur Vor- und Nachgeschichte des autoritären Charakters einzurichten, um dort im Rahmen eines Bachelor- und Masterprogramms die Grundlagentexte noch einmal quellenkritisch zu aktualisieren. Diese Tradition ist imMoment ja anscheinend ganz unterbrochen. ImWestenwird dieser Impuls der Kritischen Theorie von anderen Dingen überlagert und im Osten hat es sie in dieser Weise nicht gegeben. Bekanntlich war die DDR eine Gesellschaft ohne Studentenbewegung und ohne Psychoanalyse. Diejenigen Versuche, die dazu heute unternommen werden, gehen in Leipzig von Oliver Decker und seiner Forschergruppe aus. Die Geschichte und die Theorie des autoritären Charakters und seiner modernen Formen müsste also noch einmal genau aufgearbeitet werden. Ich habe selbst in dieser Hinsicht eine außerordentliche Situation gehabt, in der ich mir die Texte Adornos dazu nochmals anschauen konnte. Das war eine luxuriöse Position. Wenn man das heute liest, dann hat man den unabweislichen Eindruck, dass da einiges wiederkommt und dass die Zeit rückwärtsläuft, bzw. dass es in die- Wolfgang Bock 194 ser Hinsicht gar keine chronologisch ablaufende Zeit gibt.Wie sagt zum Beispiel der große Hamburger Kunsthistoriker Aby Warburg: »Athen will eben immer wieder neu aus Alexandrien zurückerobert sein« (Warburg, 1920/1932, S. 534). Das will sagen, die Aufklärung muss sich immer wieder davor schützen, selbst in Ideologie und Magie abzugleiten. Es gibt hier keine abgeklärten und für immer gesicherten Sachbestände. Ich bin ein großer Anhänger von Warburg, der allerdings – dieses Prinzip melancholisch überziehend – selbst eine individuelle Paranoia entwickelt hatte, weil er sichweigerte, einen Fortschritt in derGeschichte anzuerkennen. Wenn er sich mit Bildern vergangener Epochen befasste, dann hatte er den Eindruck, dass die Bildwerte ganz aktuell aus den Bildern ebenso heraussprangen wie aus der Zeit und plötzlich aktuell da waren. Seine Paranoia ist bei ihm ausgebrochen, als er sich die antisemitischen Propagandaformen vor dem Ersten Weltkrieg angeschaut hat und dort die Wiederkehr der Geschichte des Antisemitismus registrierte, die sich wiederholte und wo es anscheinend gar keine Aufklärung und gar keinen Fortschritt gab. Anders gesagt, die Geschichte der Juden kochte auf diese Weise in ihm hoch. Er hat sich dann einen Revolver gekauft, um seine Familie zu verteidigen, in Wirklichkeit hat er sie damit aber erst richtig bedroht, weil er sie prophylaktisch erschießen wollte, bevor sie zuOpfern der antisemitischen Rotten würden. Seine eigene Geschichte wiederholt in seiner Krankheit am eigenen Leibe unbewusst die Geschichte der Juden. Diese Geschichte enthält ein diachronisches Element, weil sich die Chronologie hier gar nicht entfaltet. Denn wennWarburg die Bilder betrachtete, auch die antiken, dann sah er die energetischen Nervenimpulse, die von ihnen ausgehen und die ein Eigenleben entwickeln und pathisch, also als Gefühlswerte und Emotionen, auf den Zuschauer übergreifen, und es einen körperlich schüttelt. Das nannte er eine Pathosformel (vgl. Bock, 2000). Und so schüttelt es auch mich, wenn ich diese Ergebnisse des Gruppenexperiments heute lese und sie engführe mit den Diskussionen der letzten Monate, die ich in Rio 10.000 km entfernt im Fernsehen gesehen habe. Literatur Adorno, T.W. (1946a/2018). Social Science and Sociological Tendencies in Psychoanalysis. In W. Bock (2018), Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse (S. 621–642). Wiesbaden: Springer. Adorno, T.W. (1946b/2018). Sozialwissenschaft und soziologische Tendenzen in der Psychoanalyse (Adorno übers. v.W. Bock). InW. Bock (Hrsg.),Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse (S. 643–668). Wiesbaden: Springer. Autoritarismus in Deutschland 195 Adorno, T.W. (1954/1986), Schuld und Abwehr. Eine qualitative Analyse zum Gruppenexperiment. In R. Tiedemann, G. Adorno, S. Buck-Morss & K. Schultz (Hrsg.), GS IX.II: Soziologische Schriften II (S. 121–324). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1963a/1986). Die revidierte Psychoanalyse. In R. Tiedemann, G. Adorno, S. Buck-Morss & K. Schultz (Hrsg.), GS VIII (S. 20–41). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1963b/1986). Aberglaube aus zweiter Hand. In R. Tiedemann, G. Adorno, S. Buck-Morss & K. Schultz (Hrsg.), GS VIII (S. 147–176). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Benjamin, W. (1942/1992). Über den Begriff der Geschichte. In R. Tiedemann & H. Schweppenhäuser (Hrsg.), GS I (S. 601–706). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Bense, M. (1950). Hegel und die kalifornische Emigration. Rezension zu Max Horkheimer, T.W. Adorno: Dialektik der Aufklärung; T.W. Adorno: Philosophie der Neuen Musik. Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 23(4), 118–125. Bock, W. (2000). Antinomien des Warburgschen Humanismus. In ders., Walter Benjamin – Die Rettung der Nacht. Sterne, Melancholie und Messianismus (S. 201–203). Bielefeld: Aisthesis. Bock, W. (2018). Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse. Wiesbaden: Springer. Bürger, P. (2016). »Nach vorwärts erinnern«. Relektüren zwischen Hegel und Nietzsche. Göttingen: Wallstein. Cocks, G. (1997). Psychotherapy in the Third Reich. The Göring-Institute (2. überarb. u. erw. Ausg.). New Brunswik, USA, London, UK: Transaction Publishers. Fromm, E. (1983). Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpolitische Untersuchung. Bearbeitet und herausgegeben vonWolfgang Bonß. München: dtv. Gebhardt, M. (2016). Als die Soldaten kamen. Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des ZweitenWeltkriegs.München: Pantheon. Kauders, A.D. (2014). Der Freud-Komplex. 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Bing (Hrsg.), GS II: Die Erneuerung der heidnischen Antike. Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Geschichte der europäischen Renaissance (S. 487–558). Leipzig: de Gruyter. Zawadzki, M. (2009). Die Briefe des Sergeanten Colburn. Politisches Bewusstsein in Deutschland nach 1945. SWR 2, Künstlerisches Wort/Literatur, Redaktion Wolfgang Wessels, 22.05.18, 23.00 Uhr. Wolfgang Bock 196 Der Autor Wolfgang Fritz Bock, Dr. phil. habil., ist Kulturwissenschaftler und arbeitet als ordentlicher Professor an der Fakultät für Philosophie und Sozialwissenschaft (IFCS) der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ) in Brasilien. Forschungsschwerpunkte sind ästhetische Theorie, Medientheorie, Literaturtheorie, Moderne und Postmoderne, Psychoanalyse. Autoritarismus in Deutschland 197 EinePodiumsdiskussion zumBeitrag vonWolfgang Bock MitWolfgang Bock, Helmut Dahmer, Oliver Decker & Angelika Ebrecht-Laermann, geführt von Christoph Türcke ImAnschlussanWolfgangBocksVortragdiskutiertendieTagungsteilnehmerInnen seine Gedanken aus unterschiedlichen Perspektiven. Es kamen dabei noch einmal grundlegende Fragen auf, etwa an den Begriff des Autoritarismus oder die Person Adornos, die ein lebendiges Bild von der Komplexität und Aktualität des Tagungsthemas boten. Christoph Türcke: Herzlichen Dank für diese sehr schönen, lebendigen Ausführungen. Da wir kein Koreferat hören, denn das haben wir nicht mehr geschafft, noch jemanden einfliegen zu lassen, haben wir umso mehr Zeit für eine längere Plenardiskussion. Die ist hiermit eröffnet. Ein Tagungsteilnehmer: Ich will zunächst einen kurzen Hinweis geben. An der Universität Frankfurt hat eine neue Forschergruppe 2009 versucht, das Material aus dem Institut für Sozialforschung zum Gruppenexperiment neu auszuwerten und mit dem Verfahren der Tiefenhermeneutik von Alfred Lorenzer zu interpretieren.Aber nun zumeiner Frage: Ich habe nicht genau verstanden, was Sie mit diesem taktischen Verhältnis Adornos zur Wahrheit und zur Geltung gemeint haben. Christoph Türcke:Wollen wir die Beiträge sammeln? Dann haben wir hier eine Wortmeldung von Angelika Ebrecht-Laermann. Angelika Ebrecht-Laermann: Vielen Dank, ich fand den Beitrag ebenfalls sehr spannend. Ich habe mich dabei gefragt, ob Adorno, in seiner Art des Umgangs mit demMaterial, auch versucht hat, innerhalb der Psychoanalyse zu denken, oder ob er auch selber in seiner Art des philosophischen Denkens verhaftet war. Das wäre dann ja eine Einschränkung. Wenn er also den anderen vorwirft, ihr seid so eingeschränkt, ob er nicht selbst auch unter einer solchen Form gelitten hat und ob er das selbst gemerkt hat. 199 Wolfgang Bock:Darf ich darauf gleich antworten? Ich glaube, dass Adorno dieses Projekt unter einem bestimmten Vorbehalt betrieben hat. Man kann das vielleicht an einem Beispiel aus meiner Welt darstellen. In Brasilien gibt es deutsche Einwanderer-Familien aus dem 19. Jahrhundert. Deren Kinder sprechen heute nach ihrem Verständnis deutsch. Wenn sie an die Universität kommen, Germanistik oder Deutsch als Fremdsprache studieren und dafür die deutsche Sprache lernen sollen, dannwissen sie gar nicht, warum. Sie verstehen nicht, dass sich ihr Deutsch von dem heute gelehrten Hochdeutsch unterscheidet. Das, was sie intuitiv sprechen, ist etwas anderes als die Entwicklung, die die Sprache mittlerweile in Deutschland genommen hat. Und ich denke so ähnlich ging es Adorno auch mit der Gruppenstudie. Er hat ja in Amerika immer auf den Moment gewartet, in dem er wieder nach Deutschland zurückkehren kann. Und dann hat er die Protokolle gelesen undman bekommt als Leser den Eindruck, dass er sagt: »Das kenne ich alles aus meiner intuitiven Erfahrung.« Bestimmte Dinge sagten ihm nichts, die dann wiederum den Studenten etwas sagten, die im Land aufgewachsen waren, während er selber seit 1934 im Ausland gelebt hatte. Das sind in gewisserWeise auch Argumente der »inneren Emigranten«, die denjenigen, die im Ausland waren, dann vorwarfen: »Ihr habt gut reden mit eurer Kritik an Nazideutschland!« Das ist natürlich insgesamt falsch, aber ein Gran Wahrheit ist auch daran. Auch wenn dieser Unterschied klein ist, wirkt er sich in der Interpretation stark aus. Aber ich hatte ja auch darauf hingewiesen, dass Adorno sich durchaus innerhalb der Psychoanalyse bewegt, wenn er sich die Abwehrformen vornimmt und an den Ticks arbeitet. Nur in der Auswertung legt er dann andere Schwerpunkte. Das führt mich zur ersten Frage. Der Zusammenhang von Wahrheit undGeltung, der hier eineRolle spielt, ist komplex. BeimeinemEinwurf zu Schopenhauer sollte es nicht so sehr darum gehen, zu beantworten, ob diese Bezüge zu den Aussagen der Probanden und was Adorno kommentiert richtig oder falsch sind. Sondern er sollte zeigen, dass es dem ganzen Forschungsprojekt darum geht, dass diese aufgeklärten Ergebnisse zur Geltung kommen. Dass man nämlich diese erschreckenden Ergebnisse überhaupt wahrnimmt. Für das, was da beschrieben wird, gab es in dem Raster der Nachkriegsöffentlichkeit anscheinend keinen Platz und keine Stimme. Die Frankfurter erlebten einen enormen Gegenwind, eine Art Seinsvergessenheit ganz andererArt.Und daswird gleichsam eine existenzielle Frage.Hier wird also ein Kontext sichtbar. Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 200 Das ist ein wenig so wie in einer Geschichte von Charles Baudelaire, in der ein Dichter beim Überqueren der Straße seine Aura verliert. Er steht vor der Entscheidung, ob er sie wieder aufsammelt und dabei überfahren wird oder ob er sein Leben rettet und ohne Aura auf die andere Straßenseite gelangt. In diesem Fall war die Frage: Diskutiert man hier klein-klein Methodenprobleme der psychoanalytischen Interpretation oder entscheidetman sich für eine gemeinsame Stoßrichtung, die dasHauptmoment der Aussagen der Probanden des Gruppenexperiments aufs Korn nimmt und stellt dafür alle anderen Dinge hintan? Um sich überhaupt Gehör zu verschaffen, haben Adorno und seineMitstreiter beschlossen, die ideologischpolitische Seite stark zu machen und die methodisch-psychoanalytische Seite eher geringer zu halten. Das bedeutet nicht, dass Adorno nicht innerhalb der Psychoanalyse denken würde. Es ist nur so, dass er das an dieser Stelle nicht so stark herausstellt. Ansonsten gelten natürlich immer die Vorbehalte, dass er sich selbst keiner Analyse unterworfen hat und auf eine kathartische Weise mit der Psychoanalyse umgeht. Das sind Vorwürfe von Christian Schneider und Richard Klein, die so falsch nicht sind, aber sie decken ja beileibe nicht vollständig AdornosUmgangmit der Psychoanalyse ab (Schneider, 2010). Ich habe in meinem Buch zu zeigen versucht, dass Adorno viel vonHorkheimer lernt und übernimmt, der ja eine Lehranalyse bei Karl Landauer durchlaufen hatte. Das färbt auch auf Adorno ab, weil er sich stark mit Horkheimer identifiziert und die letzten 30 Jahre tatsächlich als dessen Ghostwriter tätig war. Das ist auch deswegen interessant, weil es Einfluss auf das hat, was wir umgekehrt als typischen Stil Adornos so gut zu kennen meinen. Dieser Stil ist – so paradox das klingen mag, wenn man Adorno als Person vor sich sieht – möglicherweise auch das Produkt seiner Übersetzer aus dem Englischen und von Gretel Adorno. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Von der »Astrologie-Studie« von 1957 existiert eine englische Fassung, die etwa 110 Seiten lang ist (Adorno, 1957/1969). Dort gibt er genau den psychoanalytischenApparat an,mit Autoren,mitDiskussionshintergrund, mit Texten. In der ersten deutschen Übersetzung von 1959, die die zweite Tochter von KarenHorney ausführt, schnurrt dieser Text auf 53 Seiten zusammen. Und dann macht Hermann Schweppenhäuser noch einmal 1962 eine Übersetzung, und dann bleiben davon nur 29 Seiten. Da stellt sich die Frage, was an diesen verschiedenen Fassungen wegfällt? Es ist der ganze Methodenteil und die Referenz auf die psychoanalytische Literatur. Übrig bleibenBehauptungen imStil derMinimaMoralia, apodiktische Sätze.Das Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 201 hängt damit zusammen, dass Adorno das geliebt hat, er wollte bekanntlich in den 1960er Jahren keine empirischen Untersuchungen mehr machen, weil er zu seiner frühen kritischen Position zurückkommt und nicht weiß, was die Empirie noch für einen Sinn haben soll. Denn was in diesem empirischen Setting herauskommt, wusste er im Wesentlichen ja bereits. Das ist dann aber wieder eine Dialektik, dass das Ergebnis Sätze sind wie die Sätze der Astrologen, die Adorno kritisiert, die man einfach glauben muss, und die man umso weniger nachprüfen kann, je weniger der Leser selbst das Material sieht. Mir ist dieser Gedanke zur heterogenen Autorenschaft von Adorno gekommen, als ich mir seine amerikanischen Texte genauer angesehen habe. Diese sind auf Englisch geschrieben und in der Regel länger, ausführlicher und nicht in dem Sinne adornitisch, wie wir das von diesen geschliffenen deutschen Ausführungen kennen, etwa mit dem nachgestellten »sich« oder den exaltierten Ausdrücken. Man kann das im Übrigen am sprachlichen Stil der Astrologiestudie genau nachvollziehen, wo die Übersetzer versuchen, Adorno etwas vorzuschreiben, indem sie ihn nachmachen und er es anscheinend nicht merkt (vgl. Bock, 2018, S. 309–335). Wenn man überspitzt formulieren möchte, könnte man es wagen zu sagen: Der Name des Autors Adorno ist eigentlich ein Sammelpseudonym für die beidenAssistenten, für Theodor, für seine FrauMargarete undmöglicherweise auch für Gedanken von Benjamin, Horkheimer und Pollock. Adorno ist damit vielleicht eine Art Gruppenautor, den seine Übersetzer nach dem Muster der Minima Moralia auf den Mund zu übersetzen. Das hat ihm gefallen: Wenn seine Texte nachMinimaMoralia klangen, fand er sich in der Übersetzung getroffen. Das bildet so etwas wie einen narzisstischen blinden Fleck bei Adorno. Der empirische Adorno – und ich weiß nicht, ob Sie ein solches Bild bestätigen können, Herr Dahmer – war natürlich lebendig, was man zum Beispiel anhand von Rundfunkvorträgen nachvollziehen kann. Aber er hat anscheinend sehr viele andere Seiten gehabt, die in diesen Übersetzungen nicht zum Ausdruck kommen. Das hat auch mit dem Problem der Identität durch Selbstdefinition zu tun, das heute beispielsweise Judith Butler umtreibt (Butler, 2002). Was heißt es, wenn man sagt: »I am what I am?« Macht man damit die Diskussionmundtot und beharrt auf einer dogmatischen Selbstdefinition oder gibt es Bereiche der eigenen Gestalt, die man im eigenen Selbstbild prinzipiell nicht wahrnehmen kann und die auf eine Interpretation von außen geradezu angewiesen sind? Das einzugestehen bedeutet Selbstaufklärung Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 202 und dazu gehört auch das innere Verhältnis von Adorno zur Psychoanalyse und zu seiner Psyche. Wir können uns insgesamt vorstellen, dass solche Selbstbilder zu einer wissenschaftspolitisch-taktischen Form gehörten, die seinerzeit notwendig war, um sich wirksam abzuschotten gegen die Angriffe auf die vermeintlichen jüdischen, emigrierten, superintellektuellen Vaterlandsverräter, die von überall herkamen. Ein solcher Schutzversuch fällt uns heute, Jahrzehnte später, wieder auf die Füße, wenn man ihn nicht kritisch aufnimmt und mitMaßstäben der heutigen Ära beurteilt. Dann gehen nämlich die Dinge, die an diesen Studien Adornos gerade interessant sind, in einer polemischenKritik unter. Also auch aus diesemGrund lohnt eine Relektüre, nicht nur wegen der Fakten. ChristophTürcke: Ja, also Adorno, den gab’s so gar nicht? Als nächster hatte sich Oliver Decker gemeldet. Oliver Decker: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Adorno, der ja auf der Idee der unreglementierten Erfahrung beharrt hat, ob man seinen Anteil an den Studien nicht generell überschätzt? Er war an den Entwürfen der Studien kaum beteiligt und stand dann im Dienst von Max Horkheimer. Bei der Auswertung des Materials zum Autoritären Charakter beispielsweise sind die Deutungen der beteiligten Analytiker sehr viel stärker strukturierend im Ergebnis zu Buche geschlagen. Aber im Zusammenhangmit demGruppenexperiment ist mir nicht ganz klargeworden, was es bedeutet, zu sagen: Man verzichtet auf den Methodenteil und die Ergebnisse der Studien zugunsten des Ausdrucks einer Meinung? Wir wissen ja, dass bei solchen Untersuchungen vielleicht das Setting der Fragebögen objektiv ist, aber die Interpretation sehr oft subjektiv erfolgt. Die Ergebnisse sind dann verfahrensobjektiv, das ist aber etwas anderes als objektiv in der Sache. Wir wissen eben auch nicht, wenn wir etwas empfinden, ob es tatsächlich so ist. Am Beispiel des Antisemitismus zeigt sich, dass jahrzehntelang in Untersuchungen in Deutschland die Werte immer ganz niedrig waren und es nun plötzlich zu einer solchen Explosion kommt. Und so gibt es eine Reihe von Themen, die rasch mit den Fragen zur Jamaika-Koalition aufkommen und dann auch schnell wieder weg sind. Also es gibt vielleicht auch verschiedene Vorstellungen von Objektivität. Wolfgang Bock: Vielen Dank für diesen differenzierten Beitrag, dessen Tenor ich ausdrücklich teile. Auch den ersten Teil Ihrer Äußerung, wo Sie sagen, dass Adornos Anteil an den Studien überschätzt wird, würde ich genauso sehen. Adorno hat einen größeren sachlichen oder technischen Anteil an Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 203 der Erstellung der Studien. Das schlägt sich aber nicht in seinem Namen nieder, wenn darunter die ganze Sache firmiert. Der Namensmythos, der hier eine Rolle spielt, taucht ja bereits dort auf, wo man von »Adorno und Horkheimer« spricht. Es müsste ja, wenn man die Wichtigkeit zugrunde legt, umgekehrt »Horkheimer und Adorno« heißen. Allein dadurch, dass Adornos Namen mit einem A anfängt, hat er schon einen großen Vorteil. Es geht ja oft genug um solche Kleinigkeiten. Adorno hat viele Dinge von anderen übernommen, die unter seinemNamen firmieren, und daran ist er nicht immer selbst schuld, sondern auch seine Anhänger, die das so haben wollen und es reproduzieren. Das Konzept der »angedrehten falschen Erfahrung«, das in den Musikstudien oder auch in der »Astrologie-Studie« eine große Rolle spielt, ist eigentlich ein Konzept von Herta Herzog gewesen. Es stammt aus ihren Forschungen mit Hausfrauen. Das hat Adorno in seine Interpretation übernommen. Die anderen Mitarbeiter der Studien zum autoritären Charakter in der Berkeley Study Group wie Else Frenkel- Brunswik, R. Nevitt Sanford und Daniel J. Levinson haben mindestens genauso einen Anteil an den Ergebnissen wie Adorno. Sie kommen nur nicht so prominent vor. Zudem ist das Editionskonzept dieser Studien so unübersichtlich, dass man sich von außen kaum einen Reim darauf machen kann und sich einfach an den Namen Adorno hält. Wenn man sich die Stellungnahmen der anderen Autoren zum Autoritären Charakter anschaut, sind diese auch anders als Adornos. Darauf hat insbesondere Eva Maria Ziege hingewiesen (Ziege, 2009). Die anderenAutoren orientieren sich über weite Teile an den Psychologien von Karen Horney und Erich Fromm, die Adorno ablehnt. Das knüpft stärker an den heutigen Stand der Psychoanalyse an. Mit Luhmann würde man hier sagen, das ist viel anschlussfähiger. Darüber hinaus gibt es bei Adorno verschiedene Schichten von Ergebnissen. Die Bände, die in den Vorurteilsstudien veröffentlicht sind, bilden eine Schicht. Dann gibt es noch extra Stellungnahmen von den anderen beteiligten Psychologen, die durchaus different ausfallen. Und es gibt interne Texte, die Adorno als Zusammenfassung der Studienmit der Fragestellung der Institutsmitglieder diskutiert, die nach außen gar nicht durchdringen. Diese sind vielmarxistischer orientiert und tragen denCharakter derTheorie der Neuen Anthropologie, die Adorno von Horkheimer übernimmt und die auf der Vatermordthese von Freuds Totem und Tabu aufbauen. Adorno und Horkheimer schieben sich, wenn man so will, Kassiber in einer Art von Geheimsprache zu. Das kann man sehr schön in der Briefausgabe sehen. Das sind verkürzte Texte, die sich schwer erschließen und in Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 204 denenman viel überliest, wennman diesen Code der Geheimsprache nicht kennt.1 Diese Texte sind auch, soweit ich sehen kann, nie richtig geordnet worden. Sie liegen verteilt in den Archiven und den einzelnen Briefausgaben. Das hängt auch damit zusammen, dass die Institutsmitglieder keine Ordnung darüber erstellt haben, was ein offizieller und was ein inoffizieller Text ist. Zu den anderen Dingen, die Sie richtig angesprochen haben, möchte ich noch sagen: Die Anlage der ersten Forschungen von Horkheimer und Fromm war ja etwas anders. Es ging ihnen um das Bewusstsein oder Unbewusstsein der Arbeiter und ihrer klassenspezifischen Lage. Sie wollten erklären, warum dieMenschen gegen ihr eigenes Interesse handeln. Jemand hat heute die schöne Formulierung Adornos von den »massenfeindlichen Massenbewegungen« verwendet, die ja impliziert, dass die Menschen gegen ihre eigenen Interessen handeln. Die Verwendung der Psychologie im Allgemeinen und der Psychoanalyse im Besonderen sollte helfen, das zu erklären. Wir wissen ja zum Beispiel, dass Hitler von den Frauen gewählt wurde und dass er überhaupt zunächst legal an die Macht kam. In derModerne sindwir nachHegel selbst verantwortlich für die selbstverschuldete Unmündigkeit. Zu griechischen Zeiten hätte man von einer Tragödie gesprochen, weil die Schicksalsmächte noch so groß waren und die Beherrschung der Natur so unentwickelt. Da machte man eher einen dramatischen Stoff über die Selbstverschlingung der menschlichen Schuld. Man verstrickt sich in etwas, wird mit dem Schicksal geschlagen, für das man selbst auch in einem politischen Sinne verantwortlich ist, das man selbst hervorgebracht hat. Denken Sie an König Ödipus oder die Orestie. DieTragödie ist ja eine historische Bearbeitungsform für einen bestimmten Sachverhalt und diese dramatische Bearbeitung zeigt, wie man das, worunter man leidet, selbst hinter dem eigenen Rücken hervorbringt. Wenn Sie das in einer anderen Epoche verorten wollen, denken Sie an das barocke Denkbild vom Adler, der von einem Pfeil erschossen wird, an dessen Ende seine eigenen Federn angebracht sind. Oder denken Sie an ein anderes Emblem, was hier auch greift, wie dasjenige vom Stein, den ein Narr ins Wasser wirft und den dann auch zehn Weise nicht wieder herausholen können. Wenn Sie sich so die Langlebigkeit der faschistischen Ideologie, 1 Vgl. z.B. Adornos Brief vom 25. November 1934 an Horkheimer, in welchem er in solchen Kürzeln ein konzentriertes psychologisches Programm entwirft (Bock, 2018, S. 25–51). Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 205 des Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit und in gewisser Weise auch des aggressiven Nationalismus (obwohl in Deutschland die Nation ja so alt noch gar nicht ist) vorstellen, dann handelt es sich um ein zutreffendes Bild von dieser Situation bis heute. Da hat es einmal zwölf Jahre Nazidiktatur gegeben, und diese zwölf Jahre werden wir in Deutschland auf absehbare Zeit aus verschiedenen Gründen nicht wieder los. Sie wirken rückwärts auf die Perspektive der Vergangenheit und vorwärts auf die Sicht der Zukunft. Das sind Bilder für die geschichtspolitische Situation, in der wir uns heute noch befinden. Denn wir sind ja als Volkssouverän selbst an der politischen Misere schuld. Die vermeintlich ursächlichen Hierarchien, die der autoritäre Charakter immer haben möchte, seine Anlehnung an das patriarchale Prinzip und an eine pathologische antiautoritäre Liberalisierung, die eigentlich nur den selbenMustern folgt und gar nicht zu einer Souveränität vordringt, die gibt es ja eigentlich gar nicht. Sie werden herbeigeredet und hergestellt, weil die so strukturierten Menschen sie immer wieder bestätigt haben wollen. Das trifft auch auf das zu, was Mahrokh Charlier heute Morgen über die betrauerte patriarchale Ordnung gesagt hat, an der die Iraner anscheinend hier noch hängen und nach der sie weiter suchen. Das ist natürlich ebenfalls eine Schimäre. Wir leben heute in horizontalen Gesellschaften, dieMacht verteilt sich ganz anders, eben nicht mehr in dieserWeise hierarchisch, als die Kapitalisten mit dem Zylinder auf demKopf herumliefen und die Arbeiter in Latzhose und Bauhelmen auf dem Kopf ihre Fäuste reckten und das Proletariat verteidigten. Das hat schon für die 1920er Jahre nicht mehr gegolten, wo das Agit-Prop-Theater diese Figurinen schaffen wollte. Die neue Macht verteilt sich in der Horizontale und ganz anderen flachen Hierarchien und Netzen. Sie ist viel effektiver und sabotageresistenter und damit eigentlich schlimmer, weil das Bewusstsein davon kaum existiert, das sich immer noch an der altenOrdnung festhalten will (Bock, 2016). Was dann bei den Demografien abgefragt wird, ist die Meinung der Menschen.Diesewird tendenziell als etwasLetztes behandelt; eswirdkaum danach gefragt, wie dieMenschen denn zu dieserMeinung gekommen sind. Wir wissen allerdings nur sehr wenig über die Strategie von Lobbyisten wie der Bertelsmann-Gruppe, die Meinungsführer in Sachen Digitalisierung in Deutschland ist und dazu verschiedeneMedien versorgt und bespielt (Wernicke et al., 2007). Diese Art von Meinungsforschung folgt dem Muster einer Kundenbefragung. Man möchte wissen, ob die Menschen angenommen haben, was man ihnen vorgesetzt hat und anschließend auch noch Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 206 überprüfen, ob diese Manipulation geklappt hat. Dagegen waren Horkheimer und Fromm daran interessiert, wie das Bewusstsein der Menschen selbst zu ihrer Befreiung beitragen kann. Da spielt die Psychoanalyse die Rolle eines Instruments zur Verfeinerung der Diagnose. Anders als Georg Lukács, der über die Psychoanalyse immer gesagt hat, sie sei eine bürgerliche Veranstaltung; er erkläre die Ideologie aus dem Warencharakter und benötige dafür keine Psychologie. Horkheimer und Fromm dagegen wollten mithilfe der Psychoanalyse aufklären, die aber in bestimmtem Bezug zur Ökonomie steht. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff »kritische Theorie« selbst. Er existiert erst seit 1937 und taucht in Horkheimers Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« das erste Mal auf. Vorher ist bei der ganzen Angelegenheit von einer ökonomischen Theorie die Rede. Das deutet auf den Primat der ökonomischen Theorie hin, also »Das Sein bestimmt das Bewusstsein« isthierdasModell.Daherwerdenauch solcheFragendiskutiert: Wenn sich die Wirtschaftsform im entwickelten Kapitalismus verändert, muss sich das Bewusstsein der Menschen daran anpassen, wenn sie kritisch bleiben und den Vorgang eingreifend verstehen wollen. Das läuft innerhalb der Psychoanalyse in einer Diskussion zwischen Max Horkheimer, Erich Fromm und Karl Landauer auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Sublimierung und Repression hinaus. Sublimierung ist eine gleichsam gesunde Anpassung an die Verhältnisse, Repression eine krankhafte. Freud selbst sagt dazu, dass man oft nicht zweifelsfrei das eine vom anderen unterscheiden könne. Ist Sublimierung also eine gewaltvolle Unterdrückung oder ist sie eine Möglichkeit, die uns erlaubt, die dialektischen Chancen, die in einer solchen neuen Form auftauchen, zu ergreifen? Oder lassen wir sie ungenutzt passieren, weil wir die Konstellation nicht verstehen? Und ist unser Bewusstsein überhaupt auf der Höhe der Zeit? Damit müssen wir uns beschäftigen. Ähnlich rät auchAbyWarburg denBankiers, sichmitmoderner Kunst zu befassen, weil sie sich sonst zu lange am schlechten Alten aufhielten. Die Kunst ist hegelianisch gesehen eine ernste Fingerübung des Denkens. Heute geht es um das Konzept des postmodernen Kapitalismus unddieVerhinderungdesBewusstseins darüber durchdenFetischcharakter der Ware ebenso wie durch den des Kapitals. Letzterer lebt von der Illusion, dass es das Kapital sei, welches Arbeitsplätze schaffe, während es doch die Fähigkeit zur Lebendigkeit des sozialen Lebens ist, das die Menschen mitbringen. Auch hier kommt es zu einer substanziellen Vertauschung, Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 207 die Marx quid pro quo nennt. Demgegenüber sind Fragen nach »meiner schönen Kultur« und »meiner früheren Kultur« zweitrangig, wenn sie überhaupt eine Rolle spielen. Das alles fasst Horkheimer unter den Begriff des cultural lag, also eines Atavismus aus früheren Zeiten, der noch als Ladenhüter der Kultur überlebt, weil seine Entstehung und sein Untergang nie im Zusammenhang mit der Ökonomie verstanden wurde. Der cultural lag ist etwas, das hinterherhinkt und überwunden werden muss. Wir wissen überdies bis heute nicht, wie man Kulturtheorien generell mit einer avancierten Kritik der politischen Ökonomie zusammenbringen kann. Es sind bekanntlich zwei verschiedene Konzepte, die nicht ineinander aufgehen. Wie denke ich mir die Welt unter der Maßgabe der verschiedenen Kulturen, der europäischen Kulturen beispielsweise, mit einem entwickelten Kapitalismus voller flacher Hierarchien und Nationalitäten undGrenzen überschreitendenWaren- undDatenströmen?Das geht nicht zusammen, das sind konkurrierende Interpretationen wie diejenigen von Welle und Korpuskel etwa in der Physik. Man kann sie auch nicht zusammenpressen, indem man sich »eine Theorie für alles« vorstellt. Es gibt notwendige Divergenzen verschiedener Modelle, sie bilden kein kohärentes System. Das ist kein Denkfehler, den man mit mehr Systematik lösen könnte. Und dass wir heute so viel von Tribes, Odinshämmern, Stämmen und Kulturen hören, von »meiner Kultur« und »deiner Kultur«, »meinemGott« und »deinemGott« ist säkular betrachtet auch eine Schimäre angesichts dieses virtuellen Turbo- und Cyberkapitalismus und den von ihm hervorgebrachten ideologischen Bewusstseinsformen. Er entwickelt sich rasch weiter und in ihm muss man sich reproduzieren, egal wo man herkommt, sodass viele der alten Konzepte ohnehin obsolet werden. Christoph Türcke:Wenn ich jetzt kurz unterbrechen darf, es gibt noch einige Wortmeldungen. Ein Tagungsteilnehmer: Als gebürtigem Leipziger fehlen mir die ganze Zeit Berichte über die Versuche, die Erfahrungen aus der ehemaligen DDR in diesem Zusammenhang auch auf die Waage zu legen. Wir hören bislang nur etwas über die frei Gebliebenen und wir haben ja gerade gehört, wie frei das war. Wohingegen die Angst vor den Eingriffen des KGB in der DDR ja gerade eine einschneidende Bedingung der Freiheit dargestellt hat. Ich habe bislang noch nicht gehört, dass Ostbedingungen ebenfalls so adressiert worden wären. Und hier haben wir jetzt den größten Anteil von AfD-Wählern. Ist das wirklich einfach vergessen worden? Es war die hier herrschende autoritäre Struktur, die die Möglichkeit, sie zu ver- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 208 ändern, verhinderte. Ich musste noch beispielsweise im wissenschaftlichen Kommunismus eine dreistündige Arbeit schreiben: »Beweisen Sie, dass der Vorwurf westlicher Ideologen gegen die Diktatur der Arbeiterklasse und das faschistische System Gemeinsamkeiten haben.« Da musste man etwas schreiben in die Richtung, dass das hiesige politische System mit Faschismus überhaupt nichts zu tun hatte. Ich hatte damit ziemlich viele Schwierigkeiten, aber ich brauchte ja auch eine Note. Diese Besonderheit der Struktur, die wir hier gehabt haben, ist noch nicht angesprochen worden. Christoph Türcke: Lassen Sie mich dazu nur so viel in das Gespräch einfügen, dass die Forschungen, dieOliverDecker und seinTeamzurzeitmachen, sich sehr stark auf den deutschen Osten beziehen und sich genau diesen Fragen zuwenden, die Sie behandelt wissen wollen. Denn Sie haben vollkommen recht. Gerade deswegen, weil diese Forschungen sozusagen geradezu auf Hochtouren laufen, sind wir auch darauf gekommen, die Tagung in diesem Jahr unbedingt zum Thema Autoritarismus zu machen. Also da tut sich etwas. Helmut Dahmer: Ja, das war jetzt sehr Vieles, was hier angesprochen wurde. Ich greife das zuletzt Gesagte auf. Es ist natürlich richtig, dass wir ganz verschiedene Genres der Schriften von Adorno besitzen: die 20-bändige Edition, dazu kommen 12 bis 15 Bände der Vorlesungen aus demNachlass. Zwischen dem Gestus der Vorlesungen und den gedruckten Schriften besteht ein sehr großer Unterschied. Sie, Herr Bock, verweisen mit Recht auf die englisch verfassten Schriften Adornos, bei denen es dem Autor infolge der Differenz der beiden Sprachen vielleicht gar nicht möglich war, »adornitisch« zu formulieren. Wolfgang Bock: Ja, aber er versuchte es trotzdem! Helmut Dahmer: Ja sicher! Und dann haben Sie gesagt, dass wir unter vielen Texten eine Formel finden, die fast an Pedanterie gemahnt: »Diese Arbeit ist aus der gemeinsamen Anstrengung von Horkheimer und Adorno entstanden.«Das ist wahrscheinlich imWortsinne wahrer, als man das zunächst annehmen kann. Adorno und Horkheimer haben von sich aus in derDialektik der Aufklärung nicht darauf hingewiesen, welche Kapitel von wem stammen. Auch andere Texte, wie »Die Juden und Europa« oder »Autoritärer Staat«, sind von beiden gemeinsam erarbeitet worden,Horkheimer und Adorno haben sich beim Formulieren abgelöst. Das ist auch bei denVorarbeiten zurDialektik der Aufklärung und bei deren definitivem Text so gewesen. Gretel Adorno (Karplus) hat die gemeinsamen Gesprä- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 209 che mitnichten nur protokolliert, sondern hat mitgetagt und mitgefragt; es war ein Dreier-Klub. Adorno selbst hat ausgesprochen esoterisch formuliert. SeineMinimaMoralia legen Zeugnis davon ab. Er schreibt einmal an Horkheimer (im Hinblick auf dessen große Studie »Egoismus und Freiheitsbewegung«) über den Enthusiasmus des Auslassens:Wir formulieren so, dass der Leser Skepsis über Hegel, Kant, Freud, Schopenhauer usw. entwickelt. Das muss ein Leser mitdenken, um zu verstehen, was da gesagt wird. Es handelt sich um eine »elliptische« Sprechweise. Wenn man diese Komplikation beimLesen derHorkheimer-Adorno-Schriftenmitdenkt, liest man sie anders. Sie liegen sozusagen vor uns auf dem Tisch wie ein Präparat, und der gesamte Kontext, dem das Präparat entstammt, ist nicht gegenwärtig. Das kann man sehr gut am Beispiel des Stichworts »massenfeindliche Massenbewegung« sehen. Es taucht in den Soziologischen Exkursen zweimal auf, eine ingeniöse (sicherlich aufAdorno zurückgehende) Formulierung.–UndumnochetwasWeiteres zumKontext zu sagen:Einermeiner Gesprächspartner sagte mir eben in der Pause, er denke, wenn er hier etwas von Propagandareden höre, beispielsweise an Goebbels’ Sportpalastrede und die begeisterte Untertanenstimmung im damaligen Publikum. Doch Horkheimer und Adorno bezogen sich noch auf andere Kontexte. Sie hatten zwar, solange sienoch inDeutschlandwaren,dieHitlerredenvorAugen, besser: vor Ohren, also die Radioübertragungen von Ansprachen Hitlers, Goebbels und anderen. Weil es frühere Parteikommunisten und Sowjetagenten im (exilierten) Institut für Sozialforschung gab, die dann Freunde von Horkheimer wurden (wie etwa Paul Massing), kannten sie aber auch aus erster Hand das Innenleben des sowjetischen Geheimdienstes (KGB), der eben (in der Diskussion) im Zusammenhang mit der DDR angesprochen wurde. Sie wussten also, wie es im Apparat der Komintern zuging. Und sie hatten natürlich Kenntnis von den Moskauer Schauprozessen der 1930er Jahre (auch wenn man in ihren Schriften kaum einen Reflex darauf findet). Für das exilierte Institut war es (inNewYork) zweifellos ein Glück, dass die »orthodoxen« (also prostalinistischen) Kommunisten – Henryk Grossmann und Karl August Wittfogel – keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die Arbeit des Instituts hatten. Die Moskauer Prozesse (gegen die »Alte Garde« der bolschewistischen Partei) und der Hitler-Stalin- Pakt führten schließlich zumZerbrechen derCrew von Sozialwissenschaftlern, die bis dahin durch Horkheimers diplomatisches Geschick und die außerordentliche Autorität, die er (zusammen mit Friedrich Pollock) ge- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 210 noss, zusammengehalten worden war. Der engere Kreis des Instituts wusste auch um die heulenden Massen, die während der Moskauer Prozesse auf dem Roten Platz die Losung von Stalins Chefankläger, Andrej Wyschinski (»Knallt die tollen Hunde nieder!«), nachgebetet und nachgebrüllt haben. Die »massenfeindlichen Massenbewegungen« gab es nicht nur bei Goebbels und den Deutschen, sondern auch im zeitgenössischen Russland und dann um die amerikanischen Radio-Hass-Prediger. Ich möchte, wenn Sie es mir gestatten, noch eine weitere Bemerkung zum Kontext (der Horkheimer-Adorno-Schriften) machen. Die gesamte Geschichte des »Instituts für Sozialforschung« – beziehungsweise des Horkheimer-Kreises – war ja ganz anders situiert, als man gemeinhin annimmt. Wenn wir nach den Anfängen fragen, dann stoßen wir auf die 20jährigen Studenten Friedrich Pollock, Marx Horkheimer und Felix Weil. Das waren Leute, die eigentlich als Unternehmersöhne ins väterliche Geschäft einsteigen sollten, die im Wesentlichen (soweit man das damals absehen konnte) ein materiell sorgenfreies Leben vor sich hatten, dann aber jäh in den befreienden Wirbel der Räterevolution in Deutschland hineingerissen wurden. Herbert Marcuse wurde in Berlin Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrats, Felix Weil in Frankfurt. Horkheimer und Pollock wurden Zeugen der Münchner Räterepublik, die in einem Massaker gegenrevolutionärer Truppen endete. Die Idee eines neuartigen sozialwissenschaftlichen Instituts kam genau in jener historischen Situation auf, in der man noch glaubenmochte, die Geschichte in Deutschland und Europa sei offen für eine (weitere) Revolution, die über den Kapitalismus hinausführen werde. Die Mitgliedschaft der (Vereinigten) KPD war nie größer als im Sommer 1923. Man kann darüber streiten, ob es damals wirklich eine Chance gab, über den Kompromiss von 1919 hinauszukommen, aber wenn es sie gab, dann wurde sie verpatzt (und der »Hamburger Aufstand« war nur noch ein gescheiterter Versuch, zu retten, was zu retten war). In dieser Situation gründete das Freundestrio FelixWeil, Friedrich Pollock undMaxHorkheimer das Frankfurter »Institut für Sozialforschung« (von Adorno war damals noch keine Rede …). Der »äsopische«Name des Instituts kam aus dem Englischen, und es gab auch bereits eine ähnliche Institution in Japan.Was die Gründer vorhatten, war ein Institut zur näheren Erforschung und Förderung des Marxismus. Es sollte zwecks Edition einer 45-bändigen Marx-Engels-Gesamtausgabe mit demMoskauer »Marx- Engels-Institut« kooperieren, das 1919 von David Rjasanow begründet worden war. Mithilfe eines Kurierdienstes wurden Marxens und Engels’ Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 211 Originalmanuskripte aus dem SPD-Parteiarchiv nach Frankfurt geschafft und dort mit dem damals modernsten Gerät kopiert; dann ging das Original zurück und eine Kopie nach Moskau. Die Gründung des Frankfurter Instituts ist überhaupt nur in diesem Zeitfenster von 1923/24 möglich gewesen.Manwusste, dass es bald vorbei sein würde. Knapp zehn Jahre später kamen die Nazis, deren möglichen Sieg die (damaligen) Institutsmitarbeiter befürchtet hatten. (Sie sahen sich bestätigt durch Erich Fromms Studie über das Bewusstsein von Arbeitern und Angestellten in den letzten Jahren derWeimarer Republik.) Horkheimer, der 1931 Leiter des Instituts wurde, konnte so die Emigration des Instituts rechtzeitig vorbereiten. Seit der Gründung des Instituts stand es nicht nur unter Kontrolle der (Frankfurter) politischen Polizei, sondern auch der entsprechenden Exekutivorgane der Weimarer Republik. Von vornherein ging es den rechten Kräften keineswegs umMarx – den verstanden sie gar nicht –, sondern um Subversion; sie glaubten, das Institut sei eine geheime (Propaganda-)Zentrale der KPD. Diesen Verdacht ist das Institut bis 1933 und auch später, in der Emigration, nicht losgeworden. Die Nazis und alle Verdacht-Träger haben 1933 triumphiert, als am verjagten und geplünderten Institut die Hakenkreuzfahne gehisst wurde. Die Geschichte der Verdächtigungen und der Überwachung setzte sich auch im amerikanischen Exil fort. Und das nicht erst in der McCarthy-Ära, die übrigens dazu beigetragen hat, dass das Institut nach (West-)Deutschland zurückkehrte. (Weitere Motive zur Rückkehr waren die Sehnsucht nach der alten Heimat und die Hoffnung auf die dortige junge Generation.) Die Überwachung des Instituts in den Vereinigten Staaten wurde hauptsächlich vom FBI durchgeführt. Da kamen dann beispielsweise New Yorker Polizisten und machten eine Razzia im Institut, weil man dessenMitglieder nicht nur verdächtigte, Kommunisten, sondern zugleich auch nochNazis zu sein. Es gibt Berichte über solche Razzien, und der damalige Chef des FBI, Edgar Hoover, nannte die ihm verdächtigen linken Emigranten kurzerhand »Communazis«. (Er hatte diesen Ausdruck nicht erfunden, vielmehr hatten die deutschen Sozialdemokraten dieses Schimpfwort – in der Endphase derWeimarer Republik – für die deutschen Kommunisten geprägt, die die Sozialdemokraten ihrerseits »Sozialfaschisten« nannten …) Das FBI hat damals die Instituts- Telefone abgehört, alle Instituts-Dokumente, deren seine Beamten habhaft werden konnten, kopiert, von Texten Adornos, Marcuses, Pollocks Kurzfassungen hergestellt und den »files«, die sie für all diese Verdächtigen anlegten, einverleibt. Auch das gehört zum Kontext der Einstellungs-Un- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 212 tersuchungen des Instituts, also auch zu dem des Gruppenexperiments, von dem wir hier gehört haben. Ich habe auch noch nicht erwähnt, dass die wichtigsten Autoren der Kritischen Theorie sich dessen sehr bewusst waren, dass sie – obschon ungläubig – in der jüdischen Widerstands-Tradition standen: »Unsereins ist tausend oder gar zweitausend Jahre lang verfolgt worden …«. Aus diesem Bewusstsein heraus ist zu verstehen, dass die Frankfurter Sozialphilosophen öffentlich stets mit einer gewissen Zurückhaltung agiert haben, um das einmal erworbene Prestige nicht aufs Spiel zu setzen. Das spielte für sie eine große Rolle, und das kam mitunter einer Selbstzensur gleich. Schon zur Zeit der Gründung des Instituts (1924) hatten sich Horkheimer und seine Freunde darauf verständigt, dass sie im damaligen Deutschland (wie später in der Emigration) nur überleben konnten, wenn sie sich einer »äsopischen« Sprache bedienten. Ohne solche Vorsicht hätte Felix Weil, der revolutionäre Multimillionär und Mäzen, das Institut weder begründen noch erhalten können. Christoph Türcke: Vielen Dank für den spannenden Hintergrundbericht! Jetzt haben wir noch eine letzteWortmeldung in der letzten Reihe. Eine Tagungsteilnehmerin: Ich möchte noch einmal auf Ihren Vortrag eingehen, Herr Bock, und habe noch eine Frage und einen Hinweis zu Dante. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Peter Weiss hinweisen, der in seinem Buch Die Ästhetik des Widerstands ebenfalls den Text von Dante zu einer der wichtigsten Grundlagen seiner eigenen Überlegungen macht. Adorno und Horkheimer haben ja diese Untersuchungen an der Täter- Generation vorgenommen, die für dieMassen-Ermordungen der Juden verantwortlich war. Und ich finde es spannend, diese ganze Konstellation, die Sie angeführt haben, im Zusammenhangmit Dante etwas umzustellen. Peter Weiss hat nämlich dazu die These aufgestellt, dass die Täter nach 1945 in Deutschland eigentlich im Paradies leben könnten, weil sie nach 1945 nicht belangt wurden. Denn es gab ja diverse Kontinuitäten, worüber auch Fritz Bauer berichtet, der die Auschwitzprozesse mitinitiiert hatte. Peter Weiss war einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die im Zusammenhang mit den Auschwitzprozessen geschrieben haben und in den 1960er Jahren Auschwitz auch selbst besucht haben. Mich würde interessieren, ob dieser Zusammenhang bei Adorno auch reflektiert wird und ob es dazu Texte gibt? Christoph Türcke:Und damit wären wir auch schon bei der Antwort und dem Schlusswort des Referenten. Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 213 Wolfgang Bock: Ganz genau! Noch einmal vielen Dank für diese sehr interessanten Fragen und Statements, die wir gerade in dieser sich öffnenden Diskussion gehört haben und die hier zur Sprache gekommen sind. Ich fange einmal mit dem letzten Beitrag an. Das finde ich eine sehr schöne Idee, auf Peter Weiss hinzuweisen. Er interpretiert das dantische Szenario anders, da haben Sie vollkommen recht. Und es ist eine sehr lebendige Interpretation, wobei in diesem Fall auch die Himmelssphäre selbst ironisiert wird, wenn sie als Paradies mit der BRD gleichgesetzt wird, wo die Massenmörder weitgehend unbehelligt weiterleben konnten. Das macht durchaus Sinn, das so zusammenzuziehen. Bei Dante gibt es auch nicht nur die verschiedenen Reisemotive – also durch die Hölle und durch das Fegefeuer in den Himmel, mit Virgil und dann mit Beatrice, die ihn das letzte Stück in den Himmel begleitet und so fort –, sondern es gibt im Gefüge des Textes selbst (der in gereimten Elfsilbern als Terzinen gehalten ist, die im Italienischen »Zimmerchen« genannt werden und eine Innenwelt darstellen) auch hermeneutische und interpretative Bezüge. Es gibt bei Dante einen vierfachen Schriftsinn. Wenn man den Text interpretiert, hat man zunächst einen wörtlichen Sinn des Geschriebenen, anschließend einen allegorischen Sinn der Bilder, dann einen moralischen und am Ende einen göttlichen, sogenannten anagogischen Sinn.Da könntemanAdorno und seine Lesart des Gruppenexperiments auch verorten. Die Psychoanalyse würde sich in diesem Viererschema zwanglos zwischen dem ersten wörtlichen und dem zweiten allegorischen Sinn bewegen, also zwischen wörtlichem Schreiben und dem Schreiben in Bildern. Den Begriffsapparat, zusammen mit Hegel und Freud, würde man dazwischen ansiedeln. Die nächste wäre die moralische Ebene, in der man danach fragen würde: »Was lernen wir denn daraus für die menschliche, für die soziale Sphäre? Wie kann man da eine moralische Perspektive überhaupt ansetzen?«Und da ist Adorno immer ein großer Verfechter der Auffassung gewesen, dass man eine Moral nicht von außen verordnen könne, ebenso wenig könne man allerdings einer Unmoral das Feld überlassen. Das zeigt beispielsweise der Exkurs in der Dialektik der Aufklärung über Kant und de Sade als Extreme, die sich berühren. Es wäre in diesem Sinne nach Adorno ebenso unpassend, hier eine Staatsliebe zu Deutschland anzusetzen wie eine pathetische Staatstrauer. Das wäre einfach ein Kategorienfehler. Und die vierte Ebene, die hier für Gott steht, gibt es für Adorno sowieso nicht in dieser Form. Das ginge nur negativ, als negative Metaphysik oder eben in der säkularen Form der Kunst und des Kunstwerks, das diese Motive sä- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 214 kular aufzunehmen habe. Die Ordnung dieser Sphären Kunst, Moral und Theologie, die sich auch im vierfachen Schriftsinn reflektieren, finden Sie am weitesten ausgeführt in Adornos Buch über Søren Kierkegaard von 1931/33 (Adorno, 1933/1997). Das war sein zweiter Versuch einer Habilitationsschrift, der erste bearbeitete die Verbindung von Kant und Freud. Er bildet, obwohl der Text abgelehnt wurde, die Grundlage von Adornos weiterer Beschäftigung mit der Psychoanalyse (Dahmer, 2016; Bloch, 2017). Die Interpretationsschritte der Textebenen, die Adorno imGruppenexperiment vorliegen hat, kann man auf dieseWeise mit Dante engführen. Es steht natürlich jedem frei, welchemderModelle er folgt:Dante selbst, Erich Auerbach, Samuel Beckett, Giorgio Agamben, Georg Steiner oder Peter Weiss eben. In Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands gibt es ganz wunderbare Stellen, die sich alle um diesen Komplex zentrieren, wie Widerstand überhauptmöglich ist. DieÜberlebenden auf demFloß, das Ausgesetztsein auf dem Meer, das ist der Metaphern-Horizont der »Flaschenpost im Eismeer der Geschichte« (Theodor Lessing), in dem sich auch die Dialektik der Aufklärung bewegt. Was konkrete Zeugnisse der Verbindung zwischen Peter Weiss und Adorno angeht, da muss ich leider passen. Darüber weiß ich nicht genug, würde aber selbst darüber mehr wissen wollen und weiter nachforschen. Lassen Sie mich noch kurz etwas zu Herrn Dahmer und seinen spannendenAusführungen sagen. Eswärewunderbar, wennwir dieGelegenheit finden würden, uns über die einzelnen Details, die er hier angeführt hat, und die Konsequenzen für die Sicht auf das Institut weiter auszutauschen. Die Geschichte und ihre Überlieferung sind sehr fragil. Das, was scheinbar tradiert ist, ist nicht der Kern der Geschichte. Dieser ist so verletzlich, dass er in jedem Erwähnen immer wieder gerettet werden muss, weil er sonst verlorengeht. Es gibt keinen gesicherten Bestand. Die Geschichte muss durch Menschen hergestellt werden, das Erinnern muss durch Menschen gemacht werden und wenn sich Geschichte vergegenwärtigt, dann durch uns. Was sonst damit passiert, ist, dass sie vergeht und dass die Momente, die daran emphatisch zu wissen sind, eigentlich verpasst werden.Wenn ich Herrn Dahmer richtig verstehe, dann sagt er, dass die Gründung des Instituts für Sozialforschung nur ein schwaches Echo der Ereignisse von 1918 bis 1923, des »Wirbels der Räterevolution« gewesen ist, wie er das treffend ausgedrückt hat. Das ist bislang im Zusammenhang mit der Geschichte des Instituts für Sozialforschung kaum ins Bewusstsein getreten. Insofern Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 215 war das auch einHinweis auf die Zerbrechlichkeit der Überlieferungen der Kontexte. Ihn zu erhalten, bleibt uns aufgegeben, und wenn wir das versäumen, zerfällt dieses Wissen. Wir müssen es unbedingt weitertragen, und ich habe das auf meineWeise in meinem Buch kritisch versucht. Lassen Sie mich kurz noch etwas sagen zum Kontext von Autoritarismus in der DDR, den Sie eingefordert haben. Ich bin wahrscheinlich nicht ganz der richtige Mensch dafür, weil ich imWesten aufgewachsen bin, nur Verwandte im Osten hatte und sieben Jahre nach der Wende in Weimar gelebt habe. Zu den Verhältnissen während der DDR kann ich aus eigener Anschauung also kaum etwas sagen. Aber die Zeitzeugen sind auch in diesem Fall vielleicht nicht die Einzigen, die zu solchen Zusammenhängen etwas beisteuern können. Wir wissen doch so viel, dass die DDR eine Gesellschaft weitgehend ohne Psychoanalyse und Studentenbewegung gewesen ist. Das sind zwei Bereiche, auf die man sich als jemand, der sich mit der Frankfurter Theorie beschäftigt, insbesondere bezieht. Diese Tradition ist zwar auch im Westen nicht überall gleich stark vorhanden, aber im Osten bis heute kaum. Das gilt besonders für die Psychoanalyse, was deutlich wird, wenn man heutige ostdeutsche Autoren liest wie Gerhard Maaz oder Andreas Peglau. Insofern bestärkten Sie michmit Ihrem Beitrag in meiner Ansicht, dass der Autoritäre Charakter in der DDR noch einmal ganz anders gelagert war. Einerseits einfacher, weil es eine autoritäre Tradition vom preußischen Staat über die stalinistische Kommunistische Partei, die Komintern und den KGB bis zur Stasi und den Kader-Sozialismus der SED gegeben hat, andererseits aber auch komplizierter wegen der ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen im Osten, die für Westler schwer nachzuvollziehen sind. Hier liegen die Widersprüche ganz anders als imWesten. Ich habe beispielsweise mit meinen Studenten in Weimar den Film Die Spur der Steine von Frank Beyer mit Manfred Krug von 1966 angeschaut. Da geht es hauptsächlich um die verschiedenen Binnenverschränkungen innerhalb der verschiedenen Bereiche des Baukombinats: Wer darf was machen, wer ist verantwortlich für die Leute, für die Leitung, für das Fertigstellen der Arbeiten? Das bezieht sich auch auf ganz andere säkulare Lebensverhältnisse, die das Sexualleben ohne Druck von der Kirche, aber durch eine männliche Moral mit einbeziehen. Ich fand dieses Geflecht ungeheuer kompliziert. Das hat meine Intelligenz an ihre Grenzen gebracht. Oder denken Sie an das Buch Der geteilte Himmel von Christa Wolf, das in ähnlicher Weise und mit zum Teil denselben Schauspielern von Konrad Wolf 1964 verfilmt worden ist. Diese ganz an- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 216 dere säkulare und zugleich irgendwie höfische Situation aus symbolischen und realen Handlungen und Rechtfertigungen, die sich aber nicht auf ein Feudalsystem bezieht, sondern eine ganz andere objektive soziale Struktur aufweist, enthält auch zukunftsfähige Elemente. Darin hat sich in einer besonderen historischen Ungleichheit auch eine soziale Utopie verwirklicht. Denn die DDR war ja nicht nur Stalinismus, sondern auch tatsächlich gelebte sozialistische Realität. Das gab es so imWesten nicht. Nach derWende wurde all das in einem weiteren Akt der Ungleichzeitigkeitwieder zurückgebaut.DenkenSienur andieunseligeEigentumsfrage oder das Archiv in Salzgitter, das alle Prozesse in der DDR aufzeichnete, um sie gegebenenfalls wieder aufrollen zu können. Um Ihnen auch hier ein Beispiel zu geben:Vorgestern habe ichmit Freunden inWeimar zusammengesessen und ihnen erzählt, dass einemeiner Studentinnen inRio de Janeiro aus einer jüdischen Familie stammt. Sie waren die Prokuristen des Bankhauses Warburg und sind nach Brasilien emigriert. Ihre Schwester wohnt nun in Berlin, ihr Mann arbeitet bei der Weltbank. Vor Kurzem wollte sie das frühere Haus ihres Großvaters anschauen; sie wollte gar keine Forderungen stellen, hat Geld genug. Sie wollte nur das Haus einmal ansehen, das noch stand, und klingelte an der Tür. Es öffnet ihr die neue Frau von Joschka Fischer. D.h., Joschka Fischer hat diese Villa gekauft, die vor 1933 den Melchiors gehörte. Es ist also eine »arisierte« Villa. Ich weiß nicht, ob Fischer sich nicht für die Eigentumsunterlagen interessiert hat oder ob sie nicht mehr existieren. Und dann fragten meine Weimarer Freunde, die selbst zehn Jahre warten mussten, bis sie wussten, dass das Haus, was sie gekauft hatten, keinem Wessi gehörte: »Und dann sind die nicht hingegangen und verlangen das Haus zurück?« Darauf musste ich antworten: »Nein, das weiß ich nicht, aber das hat man im Westen nicht so einfach machen können mit 1933 ›arisierten‹ Häuser wie nach derWende imOsten.«Wenn imOsten jemand wie sie eine Liegenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen hat, dann konnte ein früherer Besitzer Einspruch erheben und sich als Westler sein früheres Eigentum zurückholen. Bei dieser Villa hat das anscheinend nicht funktioniert, nur waren die Erben auch nicht daran interessiert, aber es scheint auch keine Unterlagen darüber zu geben, sodass der ganze Vorgang nicht überliefert ist. Sie wissen wahrscheinlich sehr viel besser als ich, was für gesellschaftliche Fortschritte in der DDR erzielt worden sind, neben den ganzen Repressionen, wie wir eben auch von dem Diskutanten aus Leipzig gehört haben. Das führt uns wieder in die Situation der zeitlichen Ungleichzeitig- Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 217 keit hinein und hält uns noch einmal die gegenläufigen Fortschrittssplitter vor Augen. Wie kann man das auf einen Begriff bringen? Kommen wir nochmals zum Autoritarismus zurück.Wie ich vorhin sagte, geht hier eine chronologische Einteilung der Ereignisse mit einem geradlinigenWeg zum gesellschaftlichen Fortschritt fehl. Auch das Unbewusste kennt ja keine Entwicklungszeit und auch keine Dialektik (Gondar, 1995). Für viele, die in der DDR gelebt haben, scheinen die Pegida-Parolen in einer bestimmten Logik zu stehen und sie verstehen sie als ein legitimes Protestverhalten von Menschen, denen ein Unrecht getan wurde, erst von der DDR und nun von den neuen Herren. Aber für meine westlichen Ohren hört sich das alles auch so an, als wenn man sich in einer revanchistischen Situation der 1950er Jahre im Westen befinden würde. Vor allem, was Leute wie Alexander Gauland oder Bernd Höcke so von sich geben, die von »Mahnmalen der Schande« bis zur Verteidigung der deutschen Frontsoldaten des Zweiten Weltkriegs reden. Diese Töne hat es allerdings in der DDR nicht gegeben. Im Übrigen kommt Höcke bekanntlich auch gar nicht aus dem Osten, sondern aus Hessen und Gauland ist zwar wohl in Karl-Marx-Stadt geboren, hat dann aber lange in der hessischen CDU für den Rechtsaußen Alfred Dregger gearbeitet. Diese Ungleichzeitigkeiten vervielfachen sich noch, wenn viele Flüchtlinge aus anderen kulturellen Zusammenhängen nach Deutschland einwandern, die ihre Probleme mit ihren Kulturen und ihren Autoritäten eben auch mitbringen, wie wir von der Kollegin Mahrokh Charlier und ihren Patienten aus dem Iran gehört haben. Das gießt Öl ins Feuer und bringt den schlafenden Revanchismus und Chauvinismus wieder hervor, von dem Nietzsche sagt, dass er synonym für den deutschen Nationalismus sei. Denkt man aber beispielsweise wieder an Brasilien, so muss man sagen, dass Brasilien diese Probleme der Einwanderung weitgehend gelöst hat. Dort gibt es natürlich auch noch verdeckten Rassismus, aber doch nicht mehr in dieser Dimension, wie wir das jetzt in Deutschland erleben mit Tausenden von Brandanschlägen auf hilflose Asylbewerber, die von »unbescholtenen deutschen Bürgern« mit Molotowcocktails begangen werden. Und die Bild-Zeitung druckt nach dem G20-Gipfel in Hamburg große Fahndungs- und Steckbrief-Fotos von steinewerfenden Autonomen auf den ersten Seiten. Das erinnert auch an den 2. Juni 1967 und die Ereignisse zum Besuch des iranischen Schahs in Berlin, bei denen der Student BennoOhnesorg vom Polizisten Kurras erschossen wurde. Auch das heißt, dass die Vergangenheit eben nicht tot ist, sie ist nicht einmal vergangen. Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 218 Ein Rassismus, der in Europa auch zum ZweitenWeltkrieg geführt hat, existiert in Brasilien nicht. Diesen Punkt kann man von Amerika lernen, wie Adorno und Horkheimer das ja durchaus getan haben – in diesem Fall aber von Südamerika. Mit der Integrationskultur ist es nicht immer allzu weit her, wie wir wissen. Man darf in Deutschland die Situation, dass anscheinend so viele Menschen zuwandern wollen, eben nicht damit verwechseln, dass es hier tatsächlich so schön wäre. Das wäre Wasser auf die Mühlen eines autoritativen Denkens und ein Trugschluss, der zu gefährlichenWahrnehmungsdefiziten führt. Christoph Türcke:Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen, dass Sie so gut mitgemacht und so lange ausgeharrt haben. Nicht von ungefähr haben wir in der letzten Stunde viel Wert darauf gelegt, eine lange Diskussionszeit zu haben, um ein Referat und was es für Überlegungen freisetzt, Revue passieren zu lassen. Ich möchte mich ausdrücklich bei denjenigen bedanken, die mit größeren oder kleineren Statements dazu beigetragen haben. Und natürlich ganz besonders unserem Vortragenden und Joker, der eingesprungen ist, und uns in einem wunderbaren Vortrag zu Geschichte und Gegenwart, Ungleichzeitigkeit und Déjà-vu, Widerkehr von Unbewältigtem und der Irritation darüber, ob die Zeit vorwärts oder rückwärts läuft, außerordentlich viel Erhellendes präsentiert hat. Danke! Literatur Adorno, T.W. (1933/1997). Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen. In ders., GS II (S. 1–266). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (1957/1969). TheStarsDown toEarth: TheLosAngeles TimesAstrologyColumn.A Study in Secondary Superstition. In ders., GS IX.II (S. 11–120). Frankfurt/Main: Suhrkamp. Adorno, T.W. (2011). Die Wunde Freud. In R. Klein, J. Kreuzer & St. Müller-Doohm (Hrsg.), Adorno-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung (S. 283–295). Stuttgart & Weimar: Metzler. Bloch, B. (2017). The Origins of Adorno's Psycho-Social Dialectic. Psychoanalysis and Neo- Kantianism in the Young Adorno. Modern Intellectual History, 1–29. DOI: 10.1017/ S147924431700049X Bock, W. (2016). Neue Medien und Ideologie. Zur Dialektik der digitalisierten Aufklärung. In U. Bittlingmayer, A. Demirovic & T. Freytag (Hrsg.), Handbuch Kritische Theorie (o. S.). Wiesbaden: Springer Fachmedien. Bock, W. (2018). Dialektische Psychologie. Adornos Rezeption der Psychoanalyse. Wiesbaden: Springer VS. Butler, J. (2007). Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 219 Dahmer, H. (2016). Kritische Theorie und Psychoanalyse. In U. Bittlingmayer, A. Demirovic & T. Freytag (Hrsg.),HandbuchKritische Theorie (ohne Seiten).Wiesbaden: Springer Fachmedien. Gondar, J. (1995). Os tempos de Freud. Rio de Janeiro: Editora Revinter. Peglau, A. (2001). Meine Annäherungen an die Psychoanalyse in DDR und BRD, von 1957 bis 2000. Luzifer-Amor, 14(27), 104–125. Peglau, A. (2015). Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus.Gießen: Psychosozial-Verlag. Schneider, Chr. (2010). Eine Mesalliance mit Folgen. Adorno und die Psychoanalyse. Mittelweg, 36(3), 43–62. Wernicke, J., Demirovic, A., Böckelmann, F. & Werle, H. (2007). Netzwerk der Macht – Bertelsmann. Dermedial-politische Komplex aus Gütersloh. Frankfurt/Main: BdWi. Ziege, E.M. (2009). Antisemitismus und Gesellschaftstheorie. Die Frankfurter Schule im Exil. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Eine Podiumsdiskussion zum Beitrag vonWolfgang Bock 220 2019 · 159 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2833-4 Mutieren Rituale zu Widerstandsnestern gegen die allgemeine Flüchtigkeit? Können sie als Angelpunkte des Innehaltens kritische Potenz entfalten? Als geronnene Wiederholungen prägen Rituale unseren Alltag und unser Zusammenleben maßgeblich. Nicht von ungefähr galten sie lange Zeit als Inbegriff des Konservativen, Starren und Förmlichen. Eine gänzlich durchritualisierte Welt wäre zweifellos eine unfreie Welt. Im Zeitalter der Deregulierung, der Hyperaktivität und des Aufmerksamkeitsdefi zits wird nun ihre Halt gebende und strukturierende Seite wiederentdeckt. Die AutorInnen refl ektieren gesellschaftskritisch Theorien und psychoanalytische Erfahrungen rund um das Thema Rituale und widmen sich den folgenden Fragen: Werden Rituale zu Widerstandsnestern gegen die allgemeine Flüchtigkeit? Können sie als Angelpunkte des Innehaltens und als Wegbahner unbeirrten Denkens eine neue kritische Potenz erhalten? Mit Beiträgen von Thomas Dietzel, Gesa Foken, Dirk Hofmeister, Katharina Lacina, Konrad Paul Liessmann, Nina Reis Saroldi, Elisabeth Rohr, Jochen Schade, Hans-Ernst Schiller, Edgar Weiß, Laura Wolf und Carsten Wonneberger Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Oliver Decker, Christoph Türcke (Hg.) Ritual Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis 2017 · 166 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2533-3 »Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten« Albert Camus Die Logik des Opferns ist die Logik des traumatischen Wiederholungszwangs: im mer wieder Schreckliches tun, um die höheren Schreckensmächte zu besänftigen. Opfer zu verlangen gehört stets zu den Praktiken der Herrschaft, Opfer zu erbringen oft zu den Praktiken der Unterwerfung. Selbstaufopferung kann hohe moralische Qualität besitzen, doch gleichzeitig ist die Vorstellung, dass sich andere etwa als Selbstmordattentäter aus religiöser Überzeugung selbst opfern, zunehmend angsteinfl ößend. Die verschiedenen Bedeutungen weisen auf etwas Unerledigtes im Opfer begriff , das zum gemeinsamen Ansatzpunkt der BeiträgerInnen des vorliegenden Bandes wird. Sie beleuchten seine Facetten auf dem aktuellen Stand kritischer Theorie und mit der Beobachtungsgabe psychoanalytischer Praxis, um die gegenwärtigen Erscheinungsformen des Opfers zu erklären. Mit Beiträgen von Brigitte Boothe, Burkhard Brosig, Oliver Decker, Jan Friedrich, Eberhard Th. Haas, Panja Lange, Dietmar Scholz, Lea Schumacher, Christoph Türcke, Hans-Jürgen Wirth, Carsten Wonneberger und Robert Zwarg Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Tobias Grave, Oliver Decker, Hannes Gießler, Christoph Türcke (Hg.) Opfer Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis 2011 · 195 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2128-1 Psychoanalytische Antworten auf die Finanzkrise! Die Rolle des Geldes für den globalen Kapitalismus ist kaum zu überschätzen. Aber ist seine Bedeutung allein ökonomisch erfassbar? Sogar Banker räumen ein, dass in den Bewegungen des Finanzmarkts viel Psychologie steckt. Nur von Tiefenpsychologie sprechen sie gewöhnlich nicht – davon, warum Geld derart libidinös besetzt ist. Die Beiträger nehmen die Finanzkrise zum Anlass, Geld erneut in den Fokus kritischer Gesellschaftstheorie und Psychoanalyse zu stellen. So werden das Finanzsystem betreff ende Hypothesen in weit umfassenderem Sinn erforscht als in der Ökonomie üblich. Mit Beiträgen von Jean Clam, Martin Eichler, Hannes Gießler, Rolf Haubl, Robert Heim, Horst Kurnitzky, Claus- Dieter Rath und Sonja Witte Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Oliver Decker, Christoph Türcke, Tobias Grave (Hg.) Geld Kritische Theorie und Psychoanalytische Praxis 2018 · 328 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2820-4 Seit 2002 erhebt das Forschungsteam um Elmar Brähler und Oliver Decker die rechtsextremen und autoritären Einstellungen in Deutschland. Diese Studienreihe, die als Leipziger »Mitte«-Studie bekannt wurde, hat sich zu einem der wichtigsten Barometer der politischen Kultur in Deutschland entwickelt. Auf Grundlage der Ergebnisse einer 2018 durchgeführten repräsentativen Bevölkerungsumfrage wird die gegenwärtige politische Situation in Deutschland beschrieben und ihre Ursachen werden analysiert. Stärker noch als in den vergangenen Jahren liegt der Fokus in der aktuellen Studie auf der autoritären Dynamik in der Gesellschaft. Die gravierenden gesellschaftspolitischen Veränderungen, die sich aktuell abzeichnen, sind Anlass, mit der nun »Leipziger Autoritarismus-Studie« benannten Untersuchung auf die Gefahren für die Demokratie hinzuweisen. Mit Beiträgen von Dirk Baier, Marie Christine Bergmann, Elmar Brähler, Oliver Decker, Barbara Handke, Johannes Kiess, Sören Kliem, Felix Korsch, Dani Kranz, Yvonne Krieg, Dominic Kudlacek, Gert Pickel, Daniel Poensgen, Julia Schuler, Benjamin Steinitz und Alexander Yendell Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Oliver Decker, Elmar Brähler (Hg.) Flucht ins Autoritäre Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft / Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018 ISBN 978-3-8379-2870-9 911UIUII~~~l~~~ll

Zusammenfassung

Autoritäre Fixierung ist für rechtsextreme Einstellungen und rassistische Gewalt zweifellos konstitutiv. Allerdings bezieht sich die Forschung heute kaum noch auf die Psychoanalyse, obwohl es den Autoren der ersten kritischen Studie zu »Autorität und Familie« als ausgemacht galt, dass ohne die »moderne Tiefenpsychologie« die Wirkung der Gesellschaft auf die in ihr lebenden Subjekte nicht gründlich begriffen werden könne. Wenn Autoritarismus ohne diese Tiefendimension gedacht wird, wie es seit etlichen Jahren geschieht, gerät auch die Tiefenwirkung der Gesellschaft auf die Subjekte aus dem Blick.

Das Phänomen des heutigen Populismus zeigt, dass es noch immer autoritäre Führer gibt, auch wenn sich die Bedingungen geändert haben. Wie aber entsteht der autoritäre Charakter heute? Gedeiht er womöglich gerade unter permissiv-neoliberalen Bedingungen? Gehört zu ihm die Wiederkehr vorbürgerlicher Stammeskulturen auf Hightech-Niveau? Wie ist eine demokratische Gesellschaft zu verstehen, die jene autoritäre Dynamik, durch die sie bedroht wird, immer wieder selbst hervorbringt? Diese Fragen beleuchten die AutorInnen mithilfe der Kritischen Theorie und mit psychoanalytischem Instrumentarium.

Mit Beiträgen von Wolfgang Bock, Micha Böhme, Johannes Buchholz, Matthias Burchardt, Mahrokh Charlier, Helmut Dahmer, Oliver Decker, Lutz Eichler, Angelika Ebrecht-Laermann, Steffen Elsner, Philipp Lenhard, Jérôme Seeburger und Christoph Türcke

References

Zusammenfassung

Autoritäre Fixierung ist für rechtsextreme Einstellungen und rassistische Gewalt zweifellos konstitutiv. Allerdings bezieht sich die Forschung heute kaum noch auf die Psychoanalyse, obwohl es den Autoren der ersten kritischen Studie zu »Autorität und Familie« als ausgemacht galt, dass ohne die »moderne Tiefenpsychologie« die Wirkung der Gesellschaft auf die in ihr lebenden Subjekte nicht gründlich begriffen werden könne. Wenn Autoritarismus ohne diese Tiefendimension gedacht wird, wie es seit etlichen Jahren geschieht, gerät auch die Tiefenwirkung der Gesellschaft auf die Subjekte aus dem Blick.

Das Phänomen des heutigen Populismus zeigt, dass es noch immer autoritäre Führer gibt, auch wenn sich die Bedingungen geändert haben. Wie aber entsteht der autoritäre Charakter heute? Gedeiht er womöglich gerade unter permissiv-neoliberalen Bedingungen? Gehört zu ihm die Wiederkehr vorbürgerlicher Stammeskulturen auf Hightech-Niveau? Wie ist eine demokratische Gesellschaft zu verstehen, die jene autoritäre Dynamik, durch die sie bedroht wird, immer wieder selbst hervorbringt? Diese Fragen beleuchten die AutorInnen mithilfe der Kritischen Theorie und mit psychoanalytischem Instrumentarium.

Mit Beiträgen von Wolfgang Bock, Micha Böhme, Johannes Buchholz, Matthias Burchardt, Mahrokh Charlier, Helmut Dahmer, Oliver Decker, Lutz Eichler, Angelika Ebrecht-Laermann, Steffen Elsner, Philipp Lenhard, Jérôme Seeburger und Christoph Türcke