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Günther Bittner, Körper ohne Gewicht? Über Gender, Gender Roles und Gender Identity in:

Bernd Ahrbeck, Margret Dörr, Johannes Gstach (Ed.)

Der Genderdiskurs in der Psychoanalytischen Pädagogik, page 71 - 92

Eine notwendige Kontroverse. Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 26

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8379-2837-2, ISBN online: 978-3-8379-7426-3, https://doi.org/10.30820/9783837974263-71

Series: Jahrbuch für psychoanalytische Pädagogik

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71 Günther Bittner Körper ohne Gewicht? Über Gender, Gender Roles und Gender Identity Summary Body without weight? About Gender, Gender Roles and Gender Identity The concept of roles, widely used in sociology, has always invited their reification, i.e. a literal understanding of the metaphor. The current feminist version of the misunderstanding of one’s being a man or a woman in terms of a gender »role« is based on conceptions of social constructivism according to which the so called gender roles are produced by society. This fosters the illusion that »deconstruing« them opens the way towards autonomously shaping one’s life like a work of art, an illusion acted out in sometimes playful, sometimes serious fantasies of gender change, with »progressive« psychoanalysts sometimes lending a hand. Freud, by contrast, held that »the ego is primarily bodily«. In actual life, confronting one’s deeper ego, the subject of the unconscious often leads to feelings of uncertainty or even of horror rather than to triumphant ones. Keywords: Gender Roles, Gender Change, Psychoanalysis of Sex/Gender, Social Constructivism Zusammenfassung Die Rede von Rollen, wie in der Soziologie heute gebräuchlich, lädt seit alters her zu deren »Reifizierung«, d.h. zum Wörtlichnehmen ihrer Metaphorik ein. Die aktuelle feministische Variante eines derart konkretistischen Missverständnisses des Mann- bzw. Frauseins als einer Geschlechts-»Rolle« stützt sich auf sozialkonstruktivistische Denkmuster, die diese sogenannten Geschlechtsrollen als gesellschaftlich produziert ansehen. Die Illusion, das eigene Leben auf Grund ihrer »Dekonstruktion« selbstbestimmt »als Kunstwerk« gestalten zu können, wird heute vor allem in teils eher spielerischen, teils ernst gemeinten Phantasien vom Geschlechtswechsel agiert, auch mit Unterstützung »fortschrittlicher« Psychoanalytiker. Nach Freud hingegen ist das Ich »vor allem ein körperliches«. In der Lebenspraxis evoziert die Konfrontation mit dem tieferen Ich bzw. dem »Subjekt des Unbewussten« oftmals eher Empfindungen der Verunsicherung oder selbst des Grauens als jublilatorische Gefühle. Schlüsselwörter: Geschlechterrollen, Geschlechtswechsel, Psychoanalyse der Geschlechter, Sozialkonstruktivismus Der vorliegende Text, dessen Überschrift einen bekannten (deutschen) Buchtitel von Judith Butler (1997) variiert, will von anderen Ausgangspunkten her als denen der genannten Autorin die Frage aufwerfen: Was wird angesichts des Übergewichts sozio- 72 logischer und vor allem sozialkonstruktivistischer Kategorien in den aktuellen Geschlechtsdiskursen aus dem biologischen Fundament von Gender Roles und Gender Identity? Inwieweit sind Geschlechterrollen und -identitäten letzten Endes doch (auch) psychische Umschriften leiblicher Befindlichkeiten, denen in dieser soziologisierten Debatte jegliches »Gewicht« abgesprochen wird? Ich will im Folgenden – die Diskussion über die Rollentheorie vergegenwärtigen, die seinerzeit im Deutschland der 1960er Jahre durch Dahrendorfs Buch »Homo Sociologicus« (1959) angestoßen wurde; – den Hintergrund und die Konnotationen der von John Money (1955) etwa zur gleichen Zeit in den USA eingeführten Begriffe Gender, Gender Role und Gender Identity erörtern, die die tradierte binäre Geschlechtskonzeption in Frage stellten; – einige wichtigere Schriften des feministischen Genderdiskurses kommentieren; – die gegenwärtige »neosexuelle« Strömung mit ihrem Interesse für den vielfach als »Rollenwechsel« deklarierten Geschlechtswechsel an Hand von Fallbeispielen illustrieren – und schließlich auf den für mich psychoanalytisch entscheidenden Punkt kommen: Was ist Gender Identity? Was lässt uns als Männer und Frauen (oder auch als etwas »dazwischen«) fühlen? Literaturhistorisches Vorspiel Die Vorstellung, die Welt sei eine Bühne und die Menschen seien Akteure, die auf dieser Bühne ihre Rollen zu spielen haben, gehörte ursprünglich zum religiösliterarischen Topos des theatrum mundi. In der späteren Renaissance und vor allem im Barock war dies ein verbreitetes literarisches Motiv, gipfelnd in Calderons »Großem Welttheater«. Auch bei Shakespeare (1995) gibt es Anklänge, z.B. im vielzitierten Monolog des melancholischen Jacques in »Wie es euch gefällt«: »Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen sind nur Spieler. Die haben ihren Abgang, ihren Auftritt. Und mit der Zeit spielt ein Mann viele Rollen. Denn seine Akte sind die sieben Alter. Erst Kind, das weint und spuckt im Arm der Pflegerin. Dann Schuljunge, noch weinerlich, mit seinem Ranzen und glatten Morgenwangen…« und so weiter bis ins hohe Alter (Shakespeare 1995, 226). Für die weiteren Überlegungen soll festgehalten werden, dass das Rollenspiel sich dort entlang der biologisch vorgegebenen Alterungsprozesse entwickelt. Gleiches muss für die hier zu erörternden Geschlechtsrollen gelten – auch sie modulieren eine biologische Ausgangslage: 73 die Tatsache nämlich, dass Menschen in allen Kulturen als Männer und Frauen vorgefunden werden. Es wird allerdings zu erörtern sein, was im Fall der Geschlechtsrollen die direkte Parallelisierung mit den Altersrollen in Frage stellt. 1. Sind wir Rollenspieler? Ob den amerikanischen Erfindern der soziologischen Rollentheorie, Ralph Linton und Talcott Parsons, die literarischen Vorbilder präsent waren, ist mir nicht bekannt. Dem Tübinger Soziologen Ralf Dahrendorf jedenfalls, der sie Mitte des vorigen Jahrhunderts im deutschen Sprachraum publik machte, war dieser Hintergrund (fast möchte ich sagen: allzu) präsent.Sein Buch beginnt mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Alltagserfahrung und wissenschaftlicher Konstruktion: »Wir sind gemeinhin wenig beunruhigt durch die Tatsache, daß der Tisch, der Braten, der Wein des Naturwissenschaftlers sich in paradoxer Weise von dem Tisch, dem Braten und dem Wein unserer alltäglichen Erfahrung unterscheidet« (Dahrendorf 1959, 13). Für den Physiker ist der scheinbar feste Tisch »›in Wirklichkeit‹ ein keineswegs solider Bienenkorb von Atomteilchen«; der Chemiker löst Braten und Wein in Elemente auf, »die als solche zu verzehren wir kaum je versucht sein werden« (Dahrendorf 1959, 13). Die Ergebnisse der biologischen Wissenschaften sind von der Alltagserfahrung nicht mehr ganz so leicht zu ignorieren: »Je näher wir an uns selbst, an den Menschen herankommen, desto beunruhigender wird der Unterschied zwischen dem Gegenstand naiver Erfahrung und seiner wissenschaftlichen Konstruktion« (ebd., 14). Auch die Sozialwissenschaften »konstruieren« den Menschen, wie Dahrendorf an Hand des »Homo Oeconomicus«, d.h. des Menschen als Gegenstand der ökonomischen Wissenschaft, und des »psychological man«, d.h. der Menschen-Konstruktion Freuds, belegt. Vor ein ähnliches Problem sehe sich die Soziologie bei ihrer Menschen-Konstruktion gestellt. Dahrendorf (1959) will damit sagen, dass der Mensch als Rollenträger gar nichts real Existentes, sondern ein wissenschaftliches Konstrukt ist, das bei naiver Übertragung in den alltäglichen Sprachgebrauch unzulässig »reifiziert« wird. Die tradierten Geschlechtsrollen zu überwinden, wie es manchen Feministinnen als Ziel vorschwebt, wäre demnach ein imaginäres Unterfangen, weil diese Rollen nach dem Selbstverständnis ihrer Schöpfer gar nichts real Existentes und deshalb des Überwundenwerdens Fähiges und Bedürftiges sind. Seltsamerweise nicht bemerkt wird von ihm in Shakespeares Altersrollen-Beispiel deren biologische Bedingtheit (die für die Geschlechtsrollen mit Einschränkungen, wie zu zeigen sein wird, entsprechend gilt). Sie alle modulieren ein biologisches Substrat: die Altersrollen, die Zeitstruktur des Lebenslaufs von der Geburt bis zum Tod, die Geschlechtsrollen, die Naturtatsache der Zwei-geschlechtlichkeit. 74 2. Die feministischen Gender Studies und ihre weniger bekannte Vorgeschichte Die Begriffe »Gender«, »Gender Roles« und »Gender Identity«, die später von den feministischen Gender Studies übernommen wurden, waren offenbar von dem amerikanischen Psychologen John Money (1955; 1973) geprägt worden. So bestimmte er 1955 den Begriff der Geschlechtsrolle (gender role) so, dass damit alles Tun und Sprechen einer Person umrissen werde, mit dem sie sich selbst den Status männlich oder weiblich zuweise (Money, Hampsson 1955, 301ff.; 1973, 397ff.). Seit den 1950er Jahren änderte sich, wie Milton Diamond (2008), der spätere Kritiker Moneys ausführt, die Einstellung zur Geschlechtertatsache, die bis dahin unhinterfragt als biologische interpretiert wurde. Nunmehr begann man verstärkt, sich für Varianten des Sexuellen zu interessieren: für Homosexualität, Trans- und Intersexualität. Man hörte von Menschen, die sich geschlechtsverändernden Operationen unterzogen. Die Medizin begann sich für Intersexualität zu interessieren. Es wuchs das wissenschaftliche Interesse für Geschlechterdifferenz bzw. Geschlechtergleichheit. Money war damals Professor für Medizinische Psychologie an der John Hopkins- Universität in Baltimore und leitete dort ein Institut, das sich mit den Problemen intersexueller Kinder und Jugendlicher befasste. Seine theoretische Überzeugung war, dass menschliches Verhalten auch im Geschlechtsbereich nahezu ausschließlich durch Lernen erworben werde. Es gibt eine ziemlich aufregende Fallstudie »John« bzw. »Joan« von Money, die in mancher Hinsicht Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat und die geeignet scheint, die hier zu diskutierende Problemstellung zu konkretisieren: der zunächst sogenannte John/Joan-Fall, später unter dem Klarnamen des Protagonisten bekannt geworden als Fall des David Reimer (Colapinto 2000). Dieser David Reimer kam 1965 zur Welt. Bei der Beschneidung im Alter von 7 Monaten wurde sein Penis durch einen dramatischen Operationsfehler zerstört. Auf Anraten von Money wurden seine Genitalien zu einer Vulva umoperiert, sein Name wurde in einen weiblichen verändert. Ab der Pubertät bekam er weibliche Hormone verabreicht. David Reimer sollte zu einem Mädchen »umgepolt« werden. Sein nicht operierter Zwillingsbruder sollte als Vergleichsperson in diesem Experiment fungieren, bei dem es darum ging zu beweisen, dass die psychosexuelle Entwicklung entscheidend von sozialen Lernprozessen determiniert sei. Auf dieser Grundlage wurde die Theorie entwickelt, der Mensch käme sozusagen ohne Geschlecht auf die Welt. Money habe 1955 einen Artikel geschrieben, »in dem in etwa steht, dass menschliches Verhalten beeinflusst werden kann, indem man ein Kind entweder in einen blauen Raum steckt, dann wird es ein Junge, oder in einen rosa Raum, dann wird es ein Mädchen ‒ also seine Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht«, wie Milton Diamond, Moneys entschiedenster wissenschaftlicher Gegenspieler, in einem rezenten Interview mit der deutschen Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt (2008) dessen Standpunkt resümierte. Diamond, Geschlechterbiologe und später Professor für Anatomie an der Universität Hawaii, verfolgte Moneys Publikationen zu diesem Fall auf Grund seiner eigenen Erfahrungen aus der Erforschung 75 des Sexualverhaltens bei Tieren kritisch und lernte schließlich den angeblich zu einem Mädchen umerzogenen, inzwischen etwa 30-jährigen David Reimer persönlich kennen: »Ich erzählte ihm, dass seine vermeintliche Erfolgsgeschichte die Grundlage dafür war, vielen Kindern ein anderes Geschlecht zuzuweisen. Darüber staunte er und sagte: ›Ich habe mich nie wie ein Mädchen gefühlt …, schon seit seinem 14. Lebensjahr lebte er … wieder als Mann. Er hatte damals seinen Eltern mit Suizid gedroht, falls man ihm das nicht gestatten würde‹« (Diamond, Richter-Appelt 2008, 373f.). Diamond vermittelte Reimer den Kontakt zu John Colapinto, einem Journalisten, der auf der Grundlage von Interviews mit ihm ein Buch schrieb: »Der Junge, der als Mädchen aufwuchs« (Colapinto 2000). Diamond fügt hinzu: »meine Freunde mochten es und Moneys Freunde mochten es nicht« (ebd., 375). Diamond, selbst ein angesehener Forscher auf dem Gebiet der Intersexualität, setzt sich in diesem rezenten Interview nachdrücklich dafür ein, Intersexuelle ihren eigenen Weg finden zu lassen. »Wenn ein drei oder vier Jahre altes Kind sagt: ›Ich weiß, dass ich kein Junge bin‹, dann sagt es nicht: ›Ich bin ein Mädchen‹. Es hat ein negatives Wissen, weil es wie ein Junge behandelt wird, und sagt: ›Das bin ich nicht.‹ … Irgendetwas im Innern sagt: ›Ich bin anders‹«. Auf die Frage der Interviewerin nach einem abschließenden Wort an seine Leser sagt Diamond »Das wichtigste Sexualorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen«, was wohl heißen soll: die Prozesse der sexuellen Identitätsfindung sind zerebrale Prozesse. Die Einführung dieser speziellen Begriffe Gender, Gender Role und Gender Identity (auf die ich später näher eingehe) mag immerhin auf Money zurückgehen. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass die Vorstellung von familialen Rollen, z.B. Eltern- und Kinder-, aber eben auch Männer- und Frauenrollen usw., in den USA schon länger (teils auch explizit) im Gebrauch war, vor allem in der Kulturanthropologie, die »primitive«, d.h. schriftlose Kulturen untersuchte (z.B. Ruth Benedict 1955;, Margaret Mead 1987; später auch Erik H. Erikson 2005). Auch der Begriff »sex role« war bereits geläufig. Betty Friedan (1966), eine der Leitfiguren der neuen Frauenbewegung, reflektierte ausgiebig über die »Rolle« und die »Rollenkonflikte« von Frauen in der damaligen amerikanischen Gesellschaft, ohne sich auf Moneys angeblich so epochemachende Definitionen zu beziehen. Ihre Diskurspartner bzw. gegner waren die Strukturfunktionalisten (Talcott Parsons) und Margaret Mead. Die spezifische Bedeutung von Moneys terminologischen Schöpfungen lag, wenn man so will, in ihrer sprachlichen Semantik. Nicht zufällig hatte Money mit Gender einen Begriff gewählt, der ursprünglich nur das grammatische genus (er, sie, es) bezeichnete. Geschlecht, signalisierte diese Benennung, sei nichts weiter als ein Wort, eine sprachliche Zuschreibung. »Gender lebt von der Kraft, mit der es sich vom Sex [also von der bei Margaret Mead noch sakrosankten Naturbasis; Anm.d.V.] abstößt« (Reiche 1997, 926). Die Kraft dieser Abstoßung sei »inzwischen in Vergessenheit geraten. Geredet wird nur noch vom sexgereinigten Gender« (ebd.). 76 Money hatte denn auch verstörenderes empirisches Material zu bieten als Margaret Mead. Die von ihr untersuchten Samoaner usw. bewegten sich bei aller unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontextierung doch immer noch unangefochten im binären Geschlechtersystem. Moneys empirische Basis hingegen waren Inter- und Transsexuelle, die schon von der biologischen Basis her in diesem binären Geschlechtersystem nicht unterzubringen waren, oder Personen, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen konnten und einen ‒ vielfach chirurgisch oder pharmakologisch unterstützten ‒ Geschlechtswechsel anstrebten. Hier wurde die bis dahin unerschütterlich erscheinende biologische Basis des binären Geschlechtersystems radikal in Frage gestellt. Die Wissenschaft fand auf diese Herausforderung damals eine zeitgeistkonforme Antwort: das binäre Geschlechtssystem sei eine »Konstruktion« ‒ nicht umsonst erschien gerade in jenen bewegten Jahren auch das vielzitierte Buch von Berger und Luckmann (1969) »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«. Aber das Reflexionskarussel dreht sich weiter: Wenn die Wirklichkeit ‒ also auch die angebliche Wirklichkeit eines biologisch begründeten Zweigeschlechtersystems ‒ eine Konstruktion sein soll ‒ ist dann die wissenschaftliche Konstruktion einer Gesellschaft, die Gender und Gender Roles konstruiert, womöglich selbst eine Konstruktion? Dies führt in die heute noch nicht abgeschlossene Diskussion über den Sozialkonstruktivismus, die unter anderem von Jan Hacking angestoßen wurde. Schon dieser von vielen als befreiend erlebte Ausdruck »Soziale Konstruktion« könne, so schreibt er, »work like cancerous cells. Once seedet, they replicate out of hand« (Hacking 2000, 3). Auch Judith Butler und andere Feministinnen hatte er bei seiner erfrischenden Polemik bereits im Visier (Hacking 2000, 228, Fußn. 8 und 9). Zunächst aber zurück zu Gender und Gender Roles bei John Money. Das aufsehenerregende Buch von Colapinto (2000) forderte den prominenten deutschen Sexologen Gunter Schmidt zu einer temperamentvollen Stellungnahme heraus. Er kritisierte, dass dort eine »Tragödie als Schurkenstück« (Schmidt 2000) dargestellt worden sei. Die medizinische Fehlbehandlung sei Money nicht zuzurechnen, und sein psychologisches Behandlungskonzept sei schlüssig gewesen. Colapinto habe Money geschildert als einen »Frankenstein der Sexualwissenschaft, der Geschlechtsmonster schafft« (Schmidt 2000, 252). Es gebe aber genügend andere Fälle, wo ähnliche Prozeduren durchaus erfolgreich und für die Betroffenen zufriedenstellend verlaufen seien. In Wirklichkeit sei es Colapinto um etwas anderes gegangen: »der englische Titel seines Buchs ›As Nature Made Him‹ ist ihm Programm und Botschaft. Er führt einen ideologischen Kreuzzug für eine verlockend naive Geschlechtsordnung: Mann ist Mann, Frau ist Frau, wie die Natur es fügt. … Solche Gewissheit schützt Colapinto vor verstörenden Fragen« (ebd.). Diese Vorgeschichte wirft ein Licht auf die Herkunft der Begriffe Gender und Gender Role: sie sind nicht etwa im Kontext der Diskussion von Frauenproblemen entstanden, sondern im Kontext der Probleme von Intersexen und deren gesellschaftlicher Klassifizierung (David Reimer war sozusagen ein artifizieller Intersex). Dadurch wird der ursprüngliche Sinn der Diskussion um Sex und Gender deutlich: es 77 gibt Menschen, deren biologische Geschlechtsidentität nicht eindeutig ist; diese aber mussten (nach der damaligen Rechtslage) im binären Geschlechtercode irgendwie »untergebracht« werden. Es ergab sich also ein Auseinanderfallen zwischen dem ‒ unter Umständen unbestimmbaren ‒ biologischen und dem gesellschaftlich verlangten sozialen Geschlecht. In diesem Kontext wurden dann freilich auch Geschlechtsidentitäten zum Problem, die nichts mit X- und Y-Chromosomen zu tun hatten, sondern die bei Menschen auftraten, die sich in ihrem natürlichen Geschlecht nicht »richtig« fühlten und deshalb die chirurgische Geschlechtsumwandlung betrieben, die also die Angleichung an ihr »gefühltes« Geschlecht anstrebten. 3. Gendertheorie und Gender Studies Gender Studien im heutigen Sinn entwickelten sich erst seit den 1970er Jahren. Bis dahin waren die Schriften, die die Frauenbewegung auf den Weg brachten, eher philosophisch (de Beauvoir 1948) oder politisch pragmatisch am Postulat der Gleichberechtigung (Friedan 1966) orientiert gewesen. Die Gender Studies suchten nunmehr den Anschluss an die empirischen Sozialwissenschaften. Sie knüpften primär an die kulturvergleichenden Studien an und reflektierten gesellschafts-kritisch die »Rolle« der Frau in der zeitgenössischen amerikanischen Mittelstandsgesellschaft, wie es schon Betty Friedan getan hatte. Die Vorstellungen von Money lagen zunächst eher am Rande, faszinierten aber zunehmend: wenn das biologische Geschlecht (insbesondere das weibliche) durch die kulturellen Rollenzwänge zu einem derartigen Gefängnis wurde, musste die Idee willkommen scheinen, dieser Geschlechterrolle durch Manipulation am biologischen Fundament entkommen zu können. Am Anfang der Gender-Bewegung seit den 1970er Jahren standen im deutschen Sprachraum zwei Bücher mit programmatischen Titeln: »Der kleine Unterschied und seine großen Folgen« von Alice Schwarzer (1975) und »Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht« von Ursula Scheu (1977). Beide sind in der Fischer-Reihe »Die Frau in der Gesellschaft« erschienen. Das erstere Buch der Journalistin Schwarzer erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch: Es stellt vor allem die Sexualbiographien von 16 Frauen dar und sucht daran aufzuweisen, dass der männliche Phallus und sein Eindringen für die weibliche Lust allenfalls eine marginale Rolle spielt ‒ wobei sie sich nach dem Urteil einer Rezensentin teils »grotesker« Interviewmethoden bedient (von Behr 1975, 131). Schwarzer bezieht sich auf John Money und dessen Fall John/Joan. Sie rühmt ihn als eine der »wenigen Ausnahmen, die nicht manipulieren« (Schwarzer 1975, 192f.), wobei sie allerdings von den problematischen Implikationen der Geschichte noch nichts wissen konnte. Methodisch substanzieller ist das Buch von Ursula Scheu (1977). Sie will zeigen, »wie gering die Rolle der Biologie ist. Menschen sind soziale Wesen, ihre Biologie ist heute vor allem Vorwand zur Zuweisung einer Geschlechtsidentität« (Scheu 1977, 8). Das ist der Punkt, an dem sich die Stoßrichtung der beiden hier nebeneinander gestell- 78 ten Buchtitel berührt: Der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen ist vernachlässigenswert klein, das Hauptgewicht liegt auf den »sozialen Folgen« dieses »kleinen Unterschieds« und das heißt konkret: in den zugewiesenen sozialen Rollen. Wie Alice Schwarzer nahm auch sie auf die Forschungen von Money Bezug (Scheu 1977, 7f.). Die Frage nach den Unterschieden bzw. Nicht-Unterschieden zwischen den Geschlechtern in Sozialverhalten und kognitiven Fähigkeiten, die schon frühzeitig vor allem von Hagemann-White (1984) aufgeworfen wurde, stellt sicherlich ein legitimes Thema der Geschlechterforschung dar, das von der Autorin kompetent, wenn auch mit einer erkennbaren Skepsis gegenüber biologischen Determinanten und einer Vorliebe für sozialisationstheoretische Erklärungsmodelle behandelt wird. Die neuere Genderforschung und -theorie (vgl. z.B. die Übersicht von Smykalla 2006) geht in der theoretischen Unterlegung genderbezogener Sachverhalte weit darüber hinaus: Sie »erfindet« eine gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts als Erörterungsgrundlage für geschlechtertypisches Verhalten. Dabei streift sie auch die hier interessierende spannende Frage: Konstruiert »die Gesellschaft« (wer immer das im Einzelnen sein mag) die beobachteten Differenzen oder ist es letzten Endes gar die feministische »Wissenschaft«, die diese angebliche gesellschaftliche Konstruktion ihrerseits konstruiert? Judith Butler, die gegenwärtig wohl einflussreichste Wortführerin des Feminismus, hat ihrem Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« (Butler 1991) eine Aufsatzsammlung »Körper von Gewicht« (Butler 1997) nachgeschickt, die anscheinend in besonderer Weise auf die deutsche Rezeption ihres erstgenannten Buches reagieren will. Deutschen Feministinnen sei es »wichtig gewesen, Frauen begrifflich nach ihrer ›Biologie‹ und ›Materialität‹ zu beschreiben« (Butler 1997, 9). Demgegenüber will Butler in diesem jetzigen Buch zeigen, inwiefern Körper auch in ihrem Ansatz zwar ohne naturale Materialität, aber dennoch »von Gewicht« sind. Gegenüber Feministinnen, die glauben, dass »Frauen ihren Körpern von Grund auf entfremdet werden, wenn sie die biologische Basis ihrer Besonderheit in Frage stellen«, will sie »deutlich machen, daß dieses ›Infragestellen‹ durchaus ein Weg zu einer Rückkehr zum Körper sein kann, dem Körper als einem gelebten Ort … sich kulturell erweiternder Möglichkeiten«. Sie will allerdings die körperliche Freiheit »höher ansetzen als die einschränkenden Wirkungen der Hetero-Normativität« (Butler 1997, 10f.) ‒ welche letztere somit in Butlers Perspektive als der eigentliche Gegner figuriert, der besiegt werden muss. Butler reibt sich immer wieder an Freud: »Wie können Identifizierungen so ablaufen, daß sie das produzieren …, was Freud ›das körperliche Ich‹ genannt hat?« (Butler 1997, 41). Oder wenig später: »In welchem Ausmaß ist das ›Geschlecht‹ eine erzwungene Produktion, ein Zwangseffekt, der die Grenzen dafür setzt, was sich als Körper qualifizieren kann … wobei jener Bereich durch einen heterosexualisierten Imperativ gesichert wird?« (Butler 1997, 49) ‒ all dies der grammatischen Form nach Fragen, die de facto Behauptungen sind, Konstruktionen einer Wirklichkeit, für deren tatsächliche Existenz nirgends, soweit ich erkennen kann, auch nur der Schatten eines Beweises vorgelegt wird. Das ist die Freiheit des Konstruktivisten, der die Welt so konstruieren kann, wie sie ihm gefällt. 79 Die sonst bei Feministinnen als zu überwindende hochgeschätzte »Frauenrolle« kommt bei Butler (1997; 2004) anscheinend nicht vor, doch die Thematisierung des Geschlechts als einer »erzwungenen Produktion« hat in ihrer Argumentation einen ähnlichen Stellenwert. Auch Butler (2004) nimmt in »Undoing Gender« auf den Fall David Reimer Bezug und interpretiert ihn in ihrem konstruktivistischen Kontext. Sie meint, David/Brenda (so der Name während der ihm/ihr aufgezwungenen weiblichen Existenz) sei zwischen widersprechenden normativen Vorgaben von Money (du bist ein Mädchen) und Diamond/Colapinto (du bist ein Junge) zerrieben, auf seinen (Butler sagt als konsequente Feministin: »ihren«) Körper sei eine Norm appliziert worden (Butler 2004, 59ff.). Butlers Interpretation kann ich in diesem konkreten Punkt durchaus folgen. Es war sicher ein Kampf zweier gegensätzlicher Normalitätskonstruktionen, der auf dem Rücken von David Reimer ausgefochten wurde. Nur: kann diese Erkenntnis das letzte Wort sein? Ist schlechterdings »alles« Konstruktion, selbst die Biologie der Geschlechter? Die Auseinandersetzung mit Butler (1997; 2004) wird letzten Endes nur als Auseinandersetzung über die Grenzen des Konstruktivismus geführt werden können. Denn Konstruktionen sind zwar dem menschlichen Denken wesensmäßig inhärent; sie sind aber, sofern sie nicht wahnhaft sind, immer Konstruktionen von etwas, an dem sie sich messen lassen müssen. 4. Die »neosexuelle Revolution«: Drittes Geschlecht, Transgender und so weiter Wenden wir uns also Konkreterem zu. Die Fakten, mit denen Money und sein (heute noch aktiver) Gegenspieler Diamond befasst waren, haben in der Gegenwart ein überraschend großes Interesse gefunden. Im Zeitalter der »neosexuellen Revolution« erscheint der alte Streit um die inzwischen schon traditionellen Geschlechtsrollen antiquiert: Nicht mehr geht es darum, sich das Recht zu erstreiten, als Frau im traditionellen Sinn »männlich« zu agieren und als Mann »weibliche« Rollen zu übernehmen, sondern dieser angebliche Rollenkäfig als ganzer wird zur Disposition gestellt. LGBTQ (englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer) lautet das neue Emanzipations-Alphabet. Gemeinsam ist allen diesen Neo-Sexualitäten die Negation eines Aspekts als »natürlich« behaupteter Eindeutigkeiten im Bereich von Sex und Gender. Insbesondere die Queer-Theorie geht davon aus, dass die geschlechtliche und die sexuelle Identität »gemacht« werden. Sie beruft sich auf »dekonstruktivistische« Vordenker wie Michael Foucault und Judith Butler. Der Kritik, es gebe »Materialität«, eine Existenz binärer Geschlechter wird häufig im Rückgriff auf Butler auf Butler entgegnet, alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, auch die naturwissenschaftlichen, seien gesellschaftlich hergestellt (Voß 2008; 2011). 80 Volkmar Sigusch soll es gewesen sein, der die Begriffe »neosexuelle Revolution« (1998), »trans-« und »cissexuell« in die Welt gesetzt hat. »Es gibt immer mehr Menschen, die sich keinem der beiden großen Geschlechter, also männlich und weiblich, zuordnen wollen. Vielmehr wechseln sie zwischen den Geschlechtern hin und her, verhalten, fühlen und kleiden sich mal als Mann, mal als Frau, und zwar nicht gespielt, sondern absolut überzeugend. … Ich habe dafür den Begriff ›liquid gender‹ eingeführt« (Sigusch 2015, 1). Seine jüngste Sprachschöpfung ist der »Cis-Gender«: »Wenn es … so etwas wie Transgender gibt, muss es auch Cisgender geben, also Menschen, die ihre Geschlechtlichkeit als diesseits ihres körperlichen Geschlechts empfinden und leben, also die sogenannten Normalen« (ebd., 2). »Das Verrückte am Transsexualismus ist, dass die Transsexuellen nicht verrückt sind. Ihre seelische Verfaßtheit ist kein ›Irrtum‹ der Natur, sondern ein Kunstwerk des Menschen« (Sigusch 2013, 185). Siguschs Kunst-Vergleich will besagen: Die Transgender komponieren die Gender-Identität als ihre eigene individuelle Kreation; nichts daran soll von irgendwoher vorgegeben sein. Es liegt darin die Vorstellung einer enormen Erweiterung des individuellen Freiheits- und Gestaltungsspielraumes ‒ eine Vorstellung, die in bescheidenerem Umfang auch schon der Rede von Gender und Geschlechterrollen und der strikten Trennung von Gender ‒ und Sex inhärent ist: Sex mag immerhin »der Natur« geschuldet sein ‒ aber dieser Bereich ist klein und unbedeutend. Gender hingegen ist das potenzielle Reich der freien Selbstgestaltung ‒ wenigstens insoweit, als es gelingt, die Mechanismen der gesellschaftlichen Rollenfabrikation, die ihre Zuschreibungen als »naturgegeben« verkauft, durchschaubar zu machen und damit außer Kraft und Kurs zu setzen. Aus der Sicht der Neo-Sexuellen ist die Psychoanalyse einem traditionellen Normalitätsdenken verhaftet, auch wenn Volkmar Sigusch, neuerdings einer ihrer Vorkämpfer und Propagandisten, gelegentlich »aufregend moderne« Freud-Zitate findet. Aus meiner Sicht hingegen läuft die Psychoanalyse etwas bemüht der Moderne bzw. Postmoderne hinterher; sie ist »für« alles, was heutzutage Rang und Namen hat, vom Feminismus über die Schwulen- und Lesbenbewegung bis hin zu den modernen transsexuellen »Kunstwerken«. Es gibt nach wie vor nur wenige klinische Fallbeispiele. Eines wurde kürzlich auf dem DGPT-Kongress (2016) über »Körper-Sprachen« vorgetragen. »Herr Y. war 35 Jahre, als er sich vor drei Jahren, noch mit weiblichem Namen, bei mir meldete« (Gramatikov 2016, 265). Wir erraten also: es handelt sich um einen ursprünglich weiblichen Geschlechtswechsel. Die Therapeutin spricht, geschlechtertheoretisch korrekt, von der gegenwärtigen Person als »er«. Dass sie ihn in der Stunde in der männlichen Form anredet, ist selbstverständlich, weil diese Anerkennung ihres neuen Geschlechts den Geschlechtswechslern zentral wichtig ist. Aber ist dieses Eingehen auf die vom Patienten gewünschte sprachliche Bezeichnung von anderer Qualität als wenn das fünfjährige Kind verlangt, von den Eltern als Indianerhäuptling, Lastwagenfahrer, Schiffskapitän oder was immer angeredet zu werden? Wir würden, wenn wir von diesem Kind mit Dritten reden, weiterhin seinen bürgerlichen Namen verwenden. Ob die Therapeutin 81 mit der Benennung Probleme hatte, verrät sie uns nicht. Der Patient bestimmt offenbar unhinterfragt, wer er ist. »Er war bereits jahrelang erfolglos in psychotherapeutischer Behandlung. Die Kollegin habe seine Schwierigkeiten mit seiner Geschlechtsrolle als Folge der Beziehung zu seiner Mutter verstanden« (Gramatikov 2016, 265). Dieser biographisch reduktive war offenbar nicht der richtige Zugang, deshalb blieb die Behandlung »jahrelang erfolglos«. Was also dann? Zunächst folgt ein winziges Stückchen biographischer Anamnese: »Seine biografische Schilderung zeigt eine bis in seine frühe Kindheit reichende männliche Zugehörigkeit. Diese kann er als Kind in seiner Jungen-Clique ausleben. Mit Erreichen der Pubertät gilt er in der Clique als Mädchen und die unbeschwerte Zeit endet. Mit einer Freundin entwickelt er ein Rollenspiel, in dem er die männliche Position einnimmt. Für ihn sind diese Spiele die einzigen Momente, in denen er sich authentisch fühlen kann« (Gramatikov 2016, 265). Damals war sie ja noch »sie« ‒ also müsste die Erzählung in der »sie«-Form wiedergegeben werden? Oder ist das wie in totalitären Systemen: die Geschichtsschreibung folgt auch rückwirkend der aktuellen politischen Sprachregelung? »Er entschließt sich zum Rollenwechsel und beginnt mit einem schrittweisen Outing: Zunächst die Freundinnen, dann folgt seine Familie, der Bekanntenkreis, schließlich sein berufliches Umfeld. Die Reaktionen sind überwiegend freundlich bis abwartend. Er meldet sich bei Internetforen zum Thema an, trifft sich mit anderen Transmännern und wartet auf den Beginn der Hormontherapie. Die Hormone erfüllen ihn mit Glück. Er beginnt, sich für seinen Körper zu interessieren, exploriert seine erwachende Sexualität. Es ist für ihn zunächst offen, ob er sich sexuell für Männer oder Frauen interessiert. Alles erscheint in einem neuen Licht. Seine zwanghafte Symptomatik lässt etwas nach. Er tritt jetzt nur noch als Mann auf und besteht darauf, dass andere ihn als Mann anerkennen« (Gramatikov 2016, 265). »Er« braucht also von außen zugeführte Hormone, um sich »als Mann« fühlen zu können, Ich-Prothesen sozusagen. Die Therapeutin weist auf das Dilemma der körperlichen Eingriffe (Hormontherapie, Brustoperation) hin, rechtfertigt sie aber damit, dass »ein dauerhafter Wechsel in die richtige Geschlechtsrolle nur gelingen kann, wenn vom Körper keine falschen Signale mehr ausgehen« (Gramatikov 2016, 266). Was ist hier »richtig«, was »falsch«, möchte man fragen. Als »richtig« wird offenbar angesetzt, was den (derzeitigen) bewussten Intentionen entspricht, »falsch« sind alle Körpersignale, die die Eindeutigkeit der bewussten Positionierung stören könnten. Das erinnert an die in der Bibel empfohlene Radikalkur: »So dich dein Auge ärgert, reiß es aus« (Matthäus 18:9). Was die Therapie hier geleistet hat, war vor allem die Parteinahme für und die Bestärkung des Patienten/der Patientin in seinem/ihrem Bewusstseinsstandpunkt. Dies wird in der einschlägigen Transgender-Literatur offenbar auch als das vordringliche 82 Ziel psychotherapeutischer Behandlungen angegeben. Die Therapeutin beruft sich auf einen Aufsatz im International Journal of Transgenderism, in dem die Bedeutung der Psychotherapie in der dort zur Verfügung gestellten »ersten Anerkennung« gesehen wird. Also anerkennen, bestätigen, nichts in Frage stellen ‒ so lautet die Devise, an die sich die Therapeutin getreulich gehalten hat. Psychoanalyse kann man das wohl kaum mehr nennen. Eine bemerkenswerte Darstellung der wenigstens partiell erfolgreichen psychoanalytischen Behandlung eines 24-jährigen Studenten, der eine Geschlechtsumwandlung anstrebte, stammt von dem Tübinger Psychoanalytiker Reinhard Herold (2004). Es ging dem jungen Mann um die für ein befürwortendes Gutachten gesetzlich vorgeschriebene Psychotherapie. Der Therapeut wurde sich im Laufe der ersten Gespräche innerlich immer sicherer, dass er die Operation nicht befürworten könne, weigerte sich aber trotz mancherlei Anfechtungen, dem Patienten das mitzuteilen. Die Therapie lief über sieben Jahre mit insgesamt allerdings nur 310 Stunden (Frequenz einmal wöchentlich). Mit der Zeit kam die Mutter des Patienten ins Spiel sowie seine zunehmend aggressiven Phantasien bei der Selbstbefriedigung, die ihn selbst daran zweifeln ließen, ob er eine Frau werden könnte. In den letzten drei Jahren ging es um seine Arbeitsstörung als »symptomatische Äußerung seiner depressiven Verweigerungshaltung«. Fazit: »Herr T. hat sich bisher nicht operieren lassen, er lebt weiterhin als Mann, der sich als Frau fühlt«. Manchmal sei er wütend auf den Analytiker. »Hätte ich ihm keine Therapie angeboten, hätte er sich vielleicht operieren lassen. … Vielleicht wäre er den Ärger so losgeworden« (Herold 2004, 357f.). Der Titel des Beitrags signalisiert bereits den grundlegenden Unterschied zum zuvor berichteten Fall: Dort wird die Absicht zum Geschlechtswechsel als real genommen und ohne jedes Hinterfragen respektiert, ja sogar unterstützt, hier bringt die »abstinente« Haltung des Analytikers die zugrundeliegenden Phantasien zum Vorschein ‒ was diesem zwar nicht unbedingt zu ungetrübtem Lebensglück verhilft, ihn aber doch davor bewahrt, sich körperlich irreversibel zu beschädigen. Dass der Geschlechtswechsel im Kern eine zeitgeistgestützte Phantasie ist (vielleicht ist das ganze Konzept der Geschlechtsrolle dazu erfunden worden, diese Phantasie als realisierbar erscheinen zu lassen!) ‒ dazu ein letztes Beispiel, das aus eben diesem Grund kein klinisches ist, weil die betreffende Person die Sphäre der Phantasie, des »Konjunktivischen« nicht überschritten hat und wohl auch nicht überschreiten wollte. In einem Interview mit der US-amerikanischen Lifestyle-Zeitschrift Variety (Setoodeh 2016) bekannte sich die szenebekannte Schauspielerin und Pop-Sängerin Miley Cyrus (23 Jahre alt) zu einer Identitätskrise, nachdem sie kurz vorher noch einen offenbar prominenten Musik-Preis gewonnen hatte. Ihr kamen Zweifel am Wert ihrer Identität als Pop-Star, »während Menschen hungerten und kein Dach über den Kopf hatten«. Auf diesem Hintergrund empfand sie ihre Glamour-Existenz als irgendwie hohl: »Ich trat auf, gekleidet wie ein Teddy-Bär und tanzte mit Teddy-Bären … Es fühlte sich für mich an, wie wenn ich ein stumpfsinniges Leben lebte ‒ wie wenn ich mir einen anderen Job suchen sollte«. 83 Einen anderen Job sucht sie sich zwar nicht, aber eine andere Geschlechtsrollenidentität. Sie wird im Interview gefragt, wie sie zur LGBTQ gekommen sei. Ihre Antwort: »Mein ganzes Leben lang habe ich meine Geschlechtsrolle (Gender) und meine Sexualität nicht verstanden«. Sie hasste auch das Wort »bisexuell«, weil es zwar die gesellschaftliche Normalitätskonstruktion sprengte, aber sie immer noch in eine Schublade steckte, sie wollte ganz »sie selbst« sein, wollte ihr Sex-Leben als »Kunstwerk« gestalten, wenn ich Siguschs Ausdruck darauf anwende. »Dann ging ich hier in L.A. ins LGBTQ-Zentrum und fing an, mir die Geschichten der Leute dort anzuhören. Besonders einen Menschen traf ich dort, der sich nicht als ›männlich‹ oder ›weiblich‹ … definierte. Dies war die erste genderneutrale Person, die ich jemals traf. Auf einmal verstand ich meine soziale Geschlechtsrolle (gender) besser, die nicht definiert war, und danach auch meine Sexualität«. Eine irgendwie liebenswert »naive«, aber doch sensible und neugierige junge Frau kommt aus beinahe beliebigem Anlass ins Denken und geht auf die Suche, um etwas über sich selbst herauszufinden. Sie geht in dieses Zentrum mit dem Nonkonformisten-Alphabet. Dort trifft sie eine Person, die transgender lebt (wenn ich raten darf: von Natur aus eher männlichen Geschlechts?), die ihr die Augen öffnet für vieles, was sie bisher nicht verstanden hat. Aber sie wird keineswegs zur Jüngerin eines Meisters. Ganz keck moniert sie, dass im LGBTQ-Alphabet noch ein wichtiger Buchstabe fehlte: das P für »pansexual«. Das sei nämlich ihr Buchstabe. Eigentlich ein schönes Erweckungs- und Selbstfindungserlebnis, an dem C.G. Jung seine Freude gehabt hätte. Es hätte ihn vielleicht an das von ihm geliebte Enigma Bolognese erinnert, einen Alchimistenscherz in Form einer fiktiven Grabinschrift: »Aelia Laelia Crispis, nicht Mann noch Frau, noch Zwitter, noch Hure, noch Knabe, noch altes Weib, noch keusch, noch schamhaft, sondern alles« (Jung 1954, 56; Hervorh.i.O.). Das P für »pansexual« ist zwar nicht Mileys eigene Erfindung, wie ich ursprünglich dachte. Dennoch ist es ein Kürzel für eine Art Selbstschöpfung ‒ aber auf einer rein imaginativen und mentalen Ebene. Ich denke, es würde diesem einfallsreichen und sprühenden jungen Wesen nicht im Traum einfallen, sich die Brüste abschneiden oder einen Ersatzpenis applizieren zu lassen wie ihre unglückselige Trans-Schwester im Geist, von der im ersten Beispiel die Rede war. Nein, Miley ist eben eine Künstlerin; sie braucht derartige Realitätsprothesen nicht; sie kann sich in Bezug auf ihre Geschlechtsrealität »alles« vorstellen: inzwischen sogar ihren momentan heiß geliebten Liam zu heiraten und womöglich ein Baby zu bekommen (Übers.d.V.). Wenn ich diese drei Geschichten vergleiche: die erstere ist eine Geschichte ausweglosen dumpfen Schmerzes und Leidens an sich selbst, in dem die Protagonistin sogar ihren eigenen Körper, den sie nicht als den ihren anerkennen kann, Gewalt anzutun bereit ist. Die zweite ist die Geschichte der »Phantasie eines Geschlechtswechsels«, die im Verlauf der Analyse verstehen lernt, dass sie eine Phantasie ist. In 84 der dritten schließlich bleibt alles von vornherein auf der Ebene der Phantasie, des Spiels mit Möglichkeiten, wenn man so will, der künstlerischen Kreativität. Die eigene Körperlichkeit wird nicht angetastet und bleibt unversehrt. Das »P« der Protagonistin, ihre »Pansexualität« ist gemäß Siguschs Postulat wirklich ihr »Kunstwerk«. 5. »Gender Identity« und das sprachlose Unbewusste Der springende Punkt in der Auseinandersetzung mit der Money-Trias liegt im dritten der Begriffe: gender identity. Man findet diese Bezeichnung ‒ anscheinend erstmals ‒ in einer Pressemitteilung seiner John Hopkins Clinic, in der es heißt: »gender identity is your own sense or conviction of maleness or femaleness« (Money 1994, 77ff.). Diese sei bis zu einem gewissen Alter fließend. Wenn ich also sage: »Ich bin ein Mann« – was setzt mich instand, das zu sagen? Natürlich an erster Stelle bestimmte Kognitionen: Ich brauche nur an mir hinunter zu schauen, um mich der biologischen Tatsachen zu vergewissern. Wenn ich es amtlich bestätigt haben will, empfiehlt sich ein Blick in meinen Pass. Aber das Witzige ist: diesen Satz sagt man fast nie. Er benennt etwas, was eigentlich nicht benannt werden muss. Jeder weiß es implizit, keiner braucht es zu sagen, weil es »selbstverständlich« ist ‒ außer bei einigen wenigen, denen es nicht hilft, an sich selbst hinunter zu schauen oder ihren Pass zu Rate zu ziehen. Ihr Gefühl sagt ihnen: das stimmt nicht, was ich da sehe oder lese ‒ ich fühle es anders. In dieses »Ich fühle es anders« hinein zu leuchten, wäre Aufgabe der Psychoanalyse. Denn »wer« ist es, der diese Zuordnung von sich weist? Lily Gramatikov (2016) hat im ersten Fallbeispiel auf das Hineinleuchten von vornherein verzichtet, weil es die UNO (und der Zeitgeist) verboten haben, hier weiter nachzufragen. Herold (2004) im zweiten Beispiel hingegen konnte bei seinem Patienten interessante Hintergrundmotivationen für dessen Urteil, er sei »eigentlich« eine Frau, zutage fördern. So liegt die Frage nahe, ob sich die Psychoanalyse womöglich selbst davon zurückgezogen hat, im Ringen um diesen Problemkomplex weiter mitzumischen. Wie sagte doch Herolds »erfahrener Analytiker«, den er um Rat fragte (sollte es etwa Wolfgang Loch gewesen sein?): »Auf sowas lässt man sich als Analytiker erst gar nicht ein«. Wie wird aus den physiologischen Einflussfaktoren so etwas wie ein psychisches Konzept meiner selbst und meines Ortes in der Geschlechterwelt? Einen ersten Zwischenschritt auf dem Weg zu einer »Psychologie der physiologischen Einflussfaktoren« bildet der oben zitierte, etwas flapsig hingeworfene Schlusssatz des Diamond- Interviews: »Das wichtigste Geschlechtsorgan sitzt zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen« (Diamond, Richter-Appelt 2008, 376). Dieser will damit vermutlich sagen, dass das Gehirn selbst schon einer geschlechtsspezifischen Prägung durch hormonale Einflüsse unterliegt, wie dies mehrfach nachgewiesen wurde (z.B. Brizendine 2007), so dass das Organ, das die eigene Gender-Identität beurteilen soll, selbst schon durch naturale Einflüsse vor-imprägniert und deshalb in seiner scheinbar kognitiven Selbstattributation einer solchen Gender-Identität gar nicht »frei«, sondern 85 immer schon unter den Einflüssen seiner Vor-Imprägnierung »parteiisch« für (oder auch gegen) sein naturales Geschlecht sein wird. All dies zusammengenommen ist Freuds vielzitierter und oft gescholtener Satz »Die Anatomie ist das Schicksal« (Freud 1924, 400) zu ungenau, weil der Ausdruck »die Anatomie« lediglich für eine Außenperspektive steht. Es geht jedoch psychoanalytisch um die Innenperspektive, um die wahrgenommene und gefühlte Anatomie: wie ich mich in und mit ihr oder (besser gesagt) in und mit meiner Biologie, Physiologie, Neuroendokrinologie usw. fühle. Die Brücke könnte besser ein anderer Freud-Satz schlagen, das Ich sei »vor allem ein körperliches« (Freud 1923, 253). Wenn ich diesen zum Ausgangspunkt nehme, ergibt sich allerdings sogleich eine neue Schwierigkeit, die die Psychoanalyse bis heute nur unzulänglich reflektiert hat. Wenn nämlich das Ich vor allem ein leiblich gefühltes ist, entzieht es sich großteils der adäquaten Versprachlichung. Dieses »tiefere« Unbewusste erscheint im psychoanalytischen Diskurs allenfalls als das ontogenetische »Frühe«, aus dem die heute allgegenwärtigen »Frühstörungen« kommen, aber kaum jemals als das konstitutionell stets mitgegebene leibliche bzw. leibnahe Unbewusste, wie es z.B. bei Carus im Zentrum stand (den Freud anscheinend nicht besonders mochte; zur Verleugnung des Einflusses der romantischen Naturphilosophie auf sein Denken vgl. Sulloway 1982, 214f.). Diese Tradition wurde eher bei einigen frühen Jungianern (z.B. Heyer 1932) fortgeführt. Philipp Lersch (1956), der Altmeister der psychologischen Phänomenologie, behandelt es als die »Vitalperson« oder, in seinem Versuch, die psychoanalytische Sicht auf das Unbewusste über das »Verdrängte« hinaus zu erweitern, als den »bewußtlos-unbewußten Lebensgrund« (Lersch 1956, 80, 545ff.). Mit diesem Bewusstlos-Unbewussten, vor allem im Hinblick auf das Sich-Selbst- Fühlen der Geschlechter, haben es diese abschließenden Überlegungen zu tun. Das Unbewusste war nach Freuds (1915) früher Konzeption ganz überwiegend das Verdrängte gewesen ‒ also etwas, was schon einmal bewusst war und erst durch Verdrängung unbewusst geworden ist. Dieses aus der Sphäre des Bewussten stammende und nur durch Verdrängung unbewusst Gewordene ist relativ leicht der Sprache und damit dem Bewusstsein zurückzugeben. Auch das heute in der Psychoanalyse vieldiskutierte Embodiment (vgl. Leuzinger-Bohleber, Pfeifer 2016) geht, wenn ich es richtig sehe, über diese engere Vorstellung des Unbewussten und seines (Wieder-) Bewusstwerdens nicht hinaus. In der zweiten Topik wurde die Vorstellung vom Unbewussten, wie Freuds Seelenskizze in »Das Ich und das Es« (Freud 1923, 252) zeigt, wesentlich erweitert: Der Raum des Unbewussten umfasst nunmehr das gesamte, von Groddeck übernommene »Es«: die Triebe, die archaische Erbschaft, also vieles, was nicht erst durch Verdrängung unbewusst geworden ist, sondern immer schon als Unbewusstes unerkannt mitgelebt hat, etwas, das nie Gegenstand des Bewusstseins und auch im Unbewussten nur durch seine Repräsentanzen vertreten war. Indem der Geschlechterdiskurs unter dem Druck der feministischen Gendertheorien sich einseitig auf diese sogenannten Geschlechter-Rollen, d.h. auf das »sozial erzeugte« Geschlecht versteift und damit zugleich »das biologische« als irrelevant eliminiert hat (»gender ohne sex« nach Reimut Reiche 1997), hat er sich zugleich auf 86 das Ich bzw. bewusstseinsnächste und zugleich das Äußerlichste an der Geschlechterdifferenz, sozusagen auf ihre Performance nach außen hin fixiert. In dem, was mich als Mann bzw. Frau fühlen lässt, dürfte indessen noch anderes, tiefer Unbewusstes, Leibnäheres ins Spiel kommen. Dass die Psychoanalyse sich auf diese Frage kaum jemals eingelassen hat, wo das sprachlich Formulierbare und damit Wissbare endet, mag der Angst geschuldet sein, damit in einen Bereich zu geraten, in dem auch die Wissenschaft endet: Ein Erleben, das nicht »zur Sprache« gebracht werden kann, kann auch nicht »zur Wissenschaft« gebracht werden. »Quod non est in actis, non est in vita« lautet ein alter Juristengrundsatz. Und eben das ist auch hier das Problem. Das weiterhin sprachlose »Subjekt des Unbewussten« kommt in den »Akten« der Wissenschaft, eben weil es sprachlos ist, nicht zur Sprache. Dem bewusstseinsnäheren »Ich« der klassischen Psychoanalyse, jenem Ich, das in seinen angeblichen »Rollen« agiert, kommt damit sein Fundament abhanden, und es muss fürchten, mit dieser seiner Fundament-Losigkeit konfrontiert zu werden, wenn es sich auf die Suche nach den tieferen Wurzeln seiner Gender-Identität einlässt. Das tiefere leibnahe Unbewusste ist »etwas, was man wirklich nicht weiß« (Freud 1905, 185). Darum wird das, was man weiß oder wenigstens zu wissen meint, wie z.B. die Geschlechterrollen und Geschlechterdifferenzen auf der bewusstseinszugänglichen sozialen Ebene mit einer Art von verbalem Overkill immer wieder und wieder uferlos diskutiert, um nur ja nicht an diese Grenze zu rühren, wo gesagt werden muss: es entzieht sich der diskursiven sprachlichen Mitteilung. Wohlgemerkt: der diskursiven. Die poetisch metaphorische Sprache (in der Freud ein Meister war) vermag noch ein gutes Stück weiter in dieses Dunkel des Unsagbaren vorzudringen. Nehmen wir z.B. Freuds Metapher vom »gewachsenen Fels« (Freud 1937, 99) für das nicht mehr Analysierbare oder Wittgensteins (1958) mit der Freuds sehr ähnlichen Wendung vom »Spaten« der Reflexion, der sich »zurückbiegt«, wenn die »Begründungen erschöpft« sind, d.h. wenn er »auf dem harten Fels angelangt« ist ‒ alles dies sind Verständigungen auf der metaphorischen Ebene an einer Grenze des Sagbaren. Das Unbewusste generell, aber desto mehr, je »leibnäher« es lokalisiert ist, versuchte ich kürzlich zu zeigen (Bittner 2016), leidet im Hinblick auf seine Etablierung als Thema der Wissenschaft unter diesem leider unaufhebbaren Handicap: dass es gerade nicht sprachhaft verfasst ist, wie Lacan (1990) so hoffnungsvoll insinuieren wollte, sondern sich im Gegenteil weitestgehend der sprachlichen Fixierung entzieht. Das gilt auch und ganz besonders für die psychischen Korrelate dieser von Freud etwas flapsig so benannten »Anatomie« und ihrer von ihm behaupteten Schicksalshaftigkeit. Ich bin versucht Goethe zu bemühen: »Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nie erjagen« (Goethe 1808, 43). Freilich: für die Wissenschaft taugt so etwas nicht. In diesem leibnahen, vorsprachlichen Bereich der vitalen Empfindungen hat das »Subjekt des Unbewussten« seinen natürlichen Ort. Das »Ich« in Freuds klassischer 87 Konzeption ist dem gegenüber höchstens eine Art Ich-Vorbau (Bittner 1977, 19), nach Lacans (1990) radikalerer Konzeption gar so etwas wie eine Täuschung. Dieses Problem der Inkommensurabilität von »Ich« und »Subjekt« findet sich in anderer Begrifflichkeit in Musils Roman »Der Mann ohne Eigenschaften« (1930) wieder, den schon Dahrendorf (1959, 85) herangezogen hat, um die soziologische Rollentheorie daran zu konkretisieren. Den Menschen mit klar umrissenen und bestimmten »Eigenschaften« nennt Dahrendorf den »Rollenträger« (bei Musil wird er der »Landesbewohner« genannt), während der Mensch jenseits dieser gesellschaftlich attribuierten Eigenschaften bei Musil als der »Erdbewohner« figuriert. Das nun ist Musils Thema: der Mensch als Erdbewohner ist »nichts als passive Phantasie unausgefüllter Räume, … eben ein leerer, unsichtbarer Raum«, der »in Italien anders gefärbt und geformt« sein mag als in England (Musil 1930, 34) oder er ist, wie Musil an anderer Stelle schreibt, »zuinnerst eine hauchähnliche Masse, die sich an festen Berührungsflächen niederschlägt u[nd] fest wird« (Musil 1930, 252). Diese Verfestigung orientiert sich an den »paar Dutzend Kuchenformen …, aus denen die Wirklichkeit besteht« (ebd., 591) ‒ eben dem, was man wissenschaftlich »soziale Rollen« nennen könnte. Dieser »Erdbewohner« scheint sich irgendwie verflüchtigt zu haben. Musils Zeitdiagnose: »es ist eine Welt von Eigenschaften ohne Mann entstanden, von Erlebnissen ohne den, der sie erlebt«. Die Auflösung der anthropozentrischen Perspektive, »die den Menschen für so lange Zeit für den Mittelpunkt des Weltalls gehalten hat«, sei nun »endlich beim Ich selbst angelangt« (Musil 1930, 150). Wie kann unter diesen Prämissen das Ich, die Person, der »Mann« hinter diesen Eigenschaften und Erlebnissen (und natürlich, so füge ich hinzu, auch die »Frau« hinter ihren feministisch zu Tode gerittenen Rollenproblemen!) sich wiederfinden? Musils Roman, sicherlich auch kulturkritisch, handelt im Kern von dieser Spurensuche nach dem entschwundenen, aufgelösten, unfassbar gewordenen Subjekt, das zugleich das Geschlechter-Subjekt ist. »Ich« ‒ das ist ein Mann, eine Frau oder auch, in den doch aufs Ganze gesehen seltenen Fällen: etwas »dazwischen« ‒ aber jedenfalls nichts, was von diesen Vorgaben aus dem Körperlichen abstrahierbar wäre. Der »Landesbewohner« mit seinen diversen Eigenschaften und Charakteren, dem National-, Geschlechts- usw. -charakteren wird bei Musil (1930) dem »Erdbewohner« gegenüber gestellt, der letztlich übrigbleibt als etwas wie eine »verwaschene kleine Mulde«, die »Phantasie unausgefüllter Räume«. Dahrendorf, in seinem soziologischen Positivismus, war dies zu wenig und zu unbestimmt, zu zerfließend. Zu einigen psychoanalytischen Vorstellungen scheint es indessen nicht übel zu passen. Winnicott hält das, was er das »wahre Selbst« nennt, für nicht näher bestimmbar: es komme »von der Lebendigkeit der Körpergewebe und dem Wirken der Körperfunktionen, einschließlich der Herzarbeit und der Atmung« (Winnicott 1974, 193). Was aber Winnicott vielleicht nicht bedacht hat: diese gestaltlose »Lebendigkeit der Körpergewebe« kann auch etwas Schreckenerregendes an sich haben. Ein Patient von mir hatte die Gewohnheit, in Selbstgesprächen in Tourette-Manier, oft ohne ersichtlichen Grund die Worte hervorzustoßen: Ich bin nicht ich. Bis zum Abschluss der Analyse konnte nicht geklärt werden, was es genau war, das hier negiert werden soll- 88 te. Sollte es heißen: das Ich, mit diesem Namen, Geburtsdatum usw. ist nur eine Rolle, die ich spiele, eine Konvention, der ich mich unterwerfe ‒ »in Wirklichkeit« bin ich etwas ganz anderes, zerfließendes Sprachlos-Unbestimmtes? Meine These: das Ich gerät an die Grenze des Zerfließens oder Zerbrechens, wenn es sich mit dem »gewachsenen Felsen«, d.h. mit dem biologisch Unabänderlichen konfrontiert sieht. Schon die biologischen Eltern mit ihren Genen sind der Inbegriff dessen, was man sich im Leben nicht aussuchen kann. Ähnlich faktisch gegeben sind (bis heute wenigstens noch) das Lebensalter und ‒ was hier unser Thema ist ‒ das biologische Geschlecht: männlich, weiblich und die wenigen Fälle von Intersexualität oder Unbestimmbarkeit des natürlichen Geschlechts. Und auch hier greift ähnlich wie bei Freuds »Familienroman« (1909) oder Ranks »Mythos von der Geburt des Helden« (1909) der (kollektive) Heldenroman verschönernd ein: es entstehen Phantasien von der freien Geschlechtswahl, wenn schon nicht der Wahl des biologischen, so doch zumindest des sozialen Geschlechts. Eines der Vehikel dieser Phantasie ist die reifizierte Vorstellung einer Geschlechtsrolle, die ich sozusagen nur auf Zeit (und womöglich gar gegen Honorar?) übernehme wie der Schauspieler sein vertragsmäßiges Engagement. Hier führt sich die Metapher vom »Rollenspieler« selbst ad absurdum. Ebenso wenig wie ich mir meine leiblichen Eltern aussuchen konnte (und die Gene, die sie mir mitgegeben haben), ebenso wenig wie ich den Alterungsprozess zum Tod hin aufhalten kann, ebenso wenig kann der »Rollenspieler« Mann oder die »Rollenspielerin« Frau den »Vertrag« mit dem eigenen Leibfundament kündigen. Das sind die »Determinanten« des Ich, wie schon der lange vergessene Psychoanalytiker Felix Schottlaender (1959, 99) sie nannte. Die Verleugnung der Angst, sogar des Grauens vor all dem, dessen ich nicht Herr bin und aus dem ich lebenslang nicht herauskomme, diesem Unbestimmten und Unbestimmbaren, irgendwie Gestaltlosem auch ‒ dieser verleugnete »horror vacui« lässt die Vorstellung frei wählbarer Geschlechterrollen und -identitäten so verlockend erscheinen. 6. Schluss: Das Grauen vor dem tieferen »Ich« In seiner Luther-Biographie hat Martin von Cochem (1687) von einer dramatischen Episode im Zusammenhang mit der ersten Messe des jungen Martin Luther berichtet: Als er nach dem Sanktus den Kanon beginnen wollte, habe ihn ein solcher Schrecken erfasst, dass er vom Altar weggelaufen wäre, wenn ihn sein Prior nicht festgehalten hätte. Als er hernach das Evangelium des Tages lesen sollte, das von der Heilung des Besessenen von Gerasa handelte, habe er sich zu Boden geworfen und geschrien: »Ich bins nicht, ich bins nicht« (von Cochem 1687, 499); d.h. ich bin nicht dieser Besessene (Anm.d.V.). Erikson (1970) hat in seiner Monographie über den jungen Luther diese Episode von dessen Verhältnis zu seinem Vater her interpretiert, der seinen Entschluss, Mönch zu werden, missbilligte und ihn lieber als Advokaten gesehen hätte. Dieser Deutung soll nicht widersprochen werden; doch sind solche Ereignisse in aller Regel mehrfach 89 determiniert. Im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Überlegungen liegt es näher, von der aktuellen, situativen Motiviertheit seines Ausrufs auszugehen. Priesterweihe und erste Messe besiegeln seine Übernahme der priesterlichen Funktion, in modernem Soziologendeutsch: die Übernahme der Priesterrolle. Sein Vater hätte für ihn die angesehene Rolle eines Advokaten präferiert. Im jungen Luther gibt es etwas Gestaltloses, sprachlich nicht Fixierbares, das sich gegen beides sträubt (dies wäre nach meiner Sicht der Kern dessen, was bei Erikson als »Identitätskrise« benannt wird; Erikson 1970, 29ff.). Um diesem »Etwas« Gestalt zu geben, kommt ihm das Tagesevangelium zu Hilfe. Ist das nicht verrückt, dass ich beides zurückweise, mag er sich fragen: Bin ich etwa dieser Verrückte aus dem Evangelium, der von unzähligen Geistern »besessen« wird? Der Besessene, das ist einer, der eine ganz Legion von Stimmen in sich hört, der für keine gesellschaftlich akzeptierte Rolle taugt, der zwischen ihnen allen hindurch fällt in die Tiefen seiner inneren Archaik. Ähnlich, stelle ich mir vor, mag auch Männer und Frauen der horror vacui packen, wenn sie sagen oder denken und fühlen: »ich bin ein Mann, eine Frau« oder im extremen Fall: »ich bin vielleicht etwas ganz anderes, etwas Drittes?« ‒ ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit, das sie denken lässt: ich hab mir’s nicht ausgesucht; ich weiß auch gar nicht, was das ist; ich kann nichts damit anfangen. Dann halten sie sich vielleicht an die gesellschaftlich vorgezeichneten Rollenbilder, oder sie schieben das ganze Thema von sich weg: ich bin’s nicht, bin nicht dieser sich ins Gestaltlose auflösende Mann (oder diese Frau) »ohne (Rollen-)Eigenschaften«: ich bin nicht ich. Literatur Berger, P.L., Luckmann, Th. (1969): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 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Zusammenfassung

Die traditionelle Zweiteilung der Geschlechter, die die Unterschiede zwischen Männern und Frauen akzentuiert, wird inzwischen auch in der Psychoanalyse vor dem Hintergrund der Genderdebatte kritisch hinterfragt. Dabei zeigt sich, dass die Debatte um Freuds Vorstellung einer grundlegenden »konstitutionellen Bisexualität« eine Revision bisheriger psychoanalytischer Sexualtheorien ermöglicht mit dem Ziel, sich auch mit der Homosexualität, Transsexualität und Intersexualität angemessen auseinanderzusetzen.

Die AutorInnen zeigen die Folgen dieser Debatte für die pädagogische Praxis auf und beleuchten aus verschiedenen Perspektiven, wie unter anderem sexuelle Vielfalt lebendig erfahrbar gemacht werden kann, ohne die damit einhergehenden Ängste und Unsicherheiten zu ignorieren. Sie hinterfragen die Kritik an der sozialen Rollenzuschreibung und weisen dabei auch auf Probleme hin, die entstehen, wenn Psychoanalytische PädagogInnen diskurstheoretischen und (de)konstruktivistischen Überlegungen folgen, die eine Dethematisierung von »männlich« und »weiblich« anstreben und einer Diskriminierung unterschiedlicher sexueller Orientierungen entgegenwirken sollen.

Mit Beiträgen von Josef Christian Aigner, Mechthild Bereswill, Günther Bittner, Frank Dammasch, Marian Kratz, Hans-Geert Metzger, Ilka Quindeau, Barbara Rendtorff und Marc Thielen