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Cora C. Steinbach

Masochismus – Die Lust an der Last?

Über Alltagsmasochismus, Selbstsabotage und SM

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8379-2756-6, ISBN online: 978-3-8379-7393-8, https://doi.org/10.30820/9783837973938

Series: Forschung Psychosozial

Bibliographic information
,!7ID8D7-jchfgg! Steinbach: Masochismus – Die Lust an der M a s o c h is m u s – D ie L u s t a n d e r L a s t ? Masochismus – Die Lust an der Last? Über Alltagsmasochismus, Selbstsabotage und SM Psychosozial-Verlag Cora C. Steinbach Cora C. Steinbach Masochismus – Die Lust an der Last? Forschung Psychosozial Psychosozial-Verlag Cora C. Steinbach Masochismus – Die Lust an der Last? Über Alltagsmasochismus, Selbstsabotage und SM Mit einem Geleitwort von Wolfgang Mertens Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2011 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 2. Auflage 2018 © 2012 Psychosozial-Verlag, Gießen E-Mail: info@psychosozial-verlag.de www.psychosozial-verlag.de Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Umschlagabbildung: Franz von Stuck: Sisyphus, um 1920 Umschlaggestaltung: Hanspeter Ludwig, Wetzlar www.imaginary-world.de ISBN 978-3-8379-2756-6 (Print) ISBN 978-3-8379-7393-8 (E-Book-PDF) 5 Inhalt DANKSAGUNG 11   GELEITWORT 13 Wolfgang Mertens   TEIL I 1    MASOCHISMUS – EIN FACETTENREICHES PHÄNOMEN 19   2     WAS IST MASOCHISMUS? 23   2.1     Namensgeber 23   2.2     Hintergrund der Definitionsvielfalt 25   2.3     Definitionsansätze 30   2.3.1   Masochismus als ubiquitäres Phänomen 31   2.3.2   Masochismus als Bestandteil von klinischen Störungsbildern 33   2.3.3   Masochismus als ein klinisches Störungsbild 34   2.3.4   Masochismus als eine Form der Allosexualität 37   2.4     Zusammenfassung 39   3    AUSWIRKUNGEN VON NORMEN AUF DIE BEWERTUNG VON MASOCHISMUS 40   3.1     Normen und Abweichungen 41   3.1.1   Sinn und Auswirkungen von Normen 41   3.1.2   In Zusammenhang mit Normen: Schuld und Scham 43   3.1.3   Unterschiedliche Arten von Normen 49   Inhalt 6 3.2     Normen und ihre Zeit 50   3.2.1   Kulturelle Matrix von Normen und Normveränderungen 51   3.2.2   Kulturelle Matrix und Sexualität 54   3.2.3   »Femininer« Masochismus 56   3.2.4   Eine neue Wahrnehmung des (sexuellen) Masochismus 61   3.3     Abwehr des Bizarren 63   3.3.1   Abwehr des Bizarren durch Normalisierung und die Folgen 63   3.3.2   Abwehr des Bizarren durch Stigmatisierung und die Folgen 64   3.3.3   Die Relativität von Normen innerhalb der SM-Szene 72   3.4     Zusammenfassung 73   4    ENTWICKLUNG VON MASOCHISMUS: ERKLÄRUNGSANSÄTZE 75   4.1     Masochismus aufgrund von Trieben 76   4.2    Masochismus aufgrund von Schuldgefühlen und Kastrationsangst 77   4.3     Masochismus aufgrund patriarchaler Erziehung 78   4.4     Masochismus aufgrund inadäquater Liebeszuwendung 79   4.5     Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen 80   4.6     Masochismus aufgrund narzisstisch gestörter Eltern 86   4.7     Masochismus aufgrund eines mangelnden eigenen Raumes 92   4.8     Masochismus aufgrund soziokultureller Bedingungen 96   4.9     Masochismus aufgrund von Grundängsten 97   4.10     Masochismus aufgrund von Sprachverwirrung und Delegation 99   4.11     Masochismus aufgrund rätselhafter Botschaften der Eltern 100   4.12     Zusammenfassung 102   5     THEMEN IM MASOCHISMUS 105   5.1     Der Andere 105   5.2     Paradoxa 107   5.3     Unterwerfung und Kontrolle 111   5.4     Schmerz, Leid und Lust 116   6     PANOPTIKUM AN MASOCHISMEN 122   6.1     Differenzierungskriterien 123   6.2     Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 130   Inhalt 7 6.2.1   Masochismus als Archetyp 130   6.2.2   Protomasochismus 131   6.2.3   Masochismus, der unsere Kultur durchzieht 132   6.2.4   Psychischer Masochismus 137   6.2.5   Sadomasochistische Persönlichkeitsstörung 138   6.2.6   Kontramasochismus 139   6.3     Desexualisierte Masochismus-Konnotationen 139   6.3.1   Die versteckte sexuelle masochistische Lust 139   6.3.2   Religiöser Masochismus 140   6.4     Sexuelle Masochismus-Konnotationen 140   6.4.1   Sexueller Masochismus als Liebes- und Lebenskunst 141   6.4.2   Sexueller Masochismus als Selbsttherapie 142   6.4.3   BDSM 143   6.4.4   Algolagnie – Die Lust am Schmerz 153   6.4.5   Paraphiler Masochismus 153   6.4.6   Hörigkeit – 24/7-SM-Beziehung 154   6.4.7   (Maligne) Sexuelle masochistische Perversion 155   6.5     Schlussfolgerung 156   7    THERAPIE SCHÄDLICHEN MASOCHISTISCHEN VERHALTENS 159   7.1     Selbstschädigung und Selbstverletzung 160   7.1.1   Ursachen von Selbstverletzung 163   7.1.2   Funktionen von Selbstverletzung 166   7.2     Herausforderungen und Haltung in der Therapie 170   7.3     Therapie von masochistisch-destruktivem Verhalten 174   7.4     Schlussfolgerung 179   8     RESÜMEE UND ÜBERLEITUNG 182 TEIL II 9    EINE OPD-UNTERSTÜTZTE UNTERSUCHUNG SEXUELLER MASOCHISTEN IN EINEM NICHT-KLINISCHEN KONTEXT 187   Inhalt 8 9.1     Erkenntniszugang 187   9.2     Stichprobe 188   9.2.1   Stichprobenumfang 188   9.2.2   Auswahlkriterien 188   9.2.3   SM-Szene-Nähe 189   9.2.4   Geschlecht, Alter und sozialer Hintergrund 189   10     FRAGESTELLUNGEN 190   11     METHODEN 192   11.1     Datenerhebung 192   11.1.1   Das OPD-unterstützte Interview 193   11.1.2   Generierung des Interviewleitfadens 194   11.1.3   Orte des Interviews 194   11.2     Zum Datenmaterial 195   11.2.1   Art des Datenmaterials 195   11.2.2   Umfang des Datenmaterials 195   11.3     Datenauswertung: Mehrstufiger Ablauf der Auswertung 197   11.3.1   1. Stufe: Szenisches Verstehen und Gegenübertragung 197   11.3.2   2. Stufe: Auswertung nach der OPD 198   11.3.3   3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 199   12     ERGEBNISSE DER INTERVIEWS MIT DEUTUNGEN 200   12.1     1. Stufe: Auswertung szenischer Eindrücke 200   12.1.1   Szenische Eindrücke und Gegenübertragung 200   12.1.2   Besonderheiten 204   12.2.     2. Stufe: Auswertung nach der OPD 205   12.2.1   Achse I: Krankheitserleben 205   12.2.2   Achse II: Beziehung 208   12.2.3   Achse III: Konflikte 215   12.2.4   Achse IV: Struktur 222   12.2.5   Anmerkungen zu Konflikten und Struktur 224   12.3    3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 228   Inhalt 9 12.3.1   Im Alltag ebenfalls masochistisch 228   12.3.2   Selbstverletzung 229   12.3.3   Strafe von Eltern 230   12.3.4   Beginn des Interesses an SM 231   12.3.5   Persönliche Einstellung gegenüber eigener Sexualität 233   12.3.6   Stellenwert von SM 234   12.3.7   Persönlicher Mythos über Masochismus-Genese 236   12.3.8   Praktiken und zentrale SM-Wünsche 237   12.3.9   Der Reiz an SM 238   12.3.10   Reiz, da SM als eine Perversion gilt 239   12.3.11   Switchen 239   12.3.12   Ende des Interviews mit Option für Anmerkungen 240   12.3.13   Ängste 241   12.4 Beantwortung der Fragestellungen 243   12.4.1   Zur Fragestellung 1: Wie sieht die SM-Sexualität aus? 243   12.4.2   Zur Fragestellung 2: Einfluss von Bezugspersonen auf die Masochismusgenese? 246   12.4.3   Zur Fragestellung 3: Gibt es bestimmte Konflikte? 246   12.4.4   Zur Fragestellung 4: Gibt es eine Selbstwertproblematik? 250   12.4.5   Zur Fragestellung 5: Effekte von Lebensereignissen auf die Sexualität? 250   12.4.6   Zusammenfassung: SM-Sexualität und Lebensgeschichte 265   13     ALLGEMEINE ABLEITUNGEN AUS DEN ERGEBNISSEN 271   13.1     Bedingungen für eine Ausbildung einer SM-Sexualpräferenz 272   13.2     Typologie an sexuellen Masochisten 274   14     DISKUSSION 276   15     DESIDERATA 282   ANHANG 285   GLOSSAR 302   LITERATUR 303 11 Danksagung Meinem Doktorvater Herrn Prof. Dr. Wolfgang Mertens möchte ich in vielerlei Hinsicht herzlich danken: Für seine Offenheit, die überhaupt die Dissertation zum Thema Masochismus ermöglichte, für die Freiheit, die er bei der theoretischen und empirischen Auseinandersetzung gewährte, für die fachliche Begleitung und seine konstruktiven Anmerkungen. Ebenfalls fühle ich mich Frau Prof. Dr. Thea Bauriedl verbunden und danke ihr für die Übernahme der Zweitbegutachtung. Weiter möchte ich meine Dankbarkeit den Interviewpartnern aussprechen: Für ihr Vertrauen, ihre Aufgeschlossenheit und für die Bereitschaft, am Interview teilzunehmen. Nur dadurch konnte der empirische Teil dieser Arbeit realisiert werden. Ein weiterer Dank gilt all jenen lieben Menschen, die mich während der Zeit der Dissertation begleiteten. Auch für die Unterstützung bei Computeranliegen möchte ich danken, insbesondere Herrn Oliver Schmidt. Ich danke meinen Eltern von ganzem Herzen, dass sie mich in meinem Vorhaben zu diesem Projekt bekräftigt und mich während der Durchführung umfangreich unterstützt haben, sowie meinem Lebenspartner Herrn Andreas Schiele. Cora Constanze Steinbach München, im März 2011 13 Geleitwort Wolfgang Mertens Die vorliegende Arbeit wendet sich einem Thema zu, welches die Psychoanalyse lange Zeit im Fokus ihrer Untersuchung hatte, in den letzten Jahren aber zunehmend aus den Augen verlor: dem moralischen wie sexuellen Masochismus. Dabei besitzt dieses Thema selbstverständlich weiterhin große Bedeutung. Zum einen, weil masochistische Denk- und Verhaltensweisen in Form des moralischen Masochismus in unserer Kultur weit verbreitet sind, zum anderen aber auch, weil masochistisches Erleben in vielen klinischen Störungsbildern vorkommt. Der Untertitel »Über Alltagsmasochismus, Selbstsabotage und SM« verweist auf das große Spektrum an masochistischen Denkstrukturen und Verhaltensweisen. Der Laie assoziiert spontan mit Masochismus die durch Schmerz und Erniedrigung erzeugte sexuelle Lust. Doch neben dieser Art existiert zusätzlich die nicht-sexuelle Form des Masochismus, der sogenannte psychische Masochismus. Dieser imponiert in seiner ausgeprägten Form durch wiederholte Selbstsabotage, aufreibende Beziehungsgestaltung und der Unfähigkeit, das eigene Potenzial zu entfalten. In der Arbeit von Cora Steinbach wird den zahlreichen Aspekten des Phänomens Masochismus ausführlich Rechnung getragen: Es findet eine fundierte Auseinandersetzung mit den vielfältigen Erscheinungsformen des Masochismus statt. Kenntnisreich und übersichtlich werden die verschiedenen Richtungen und Auffassungen über die psychoanalytischen Erklärungsansätze zur Psychogenese und psychodynamischen Funktionen des Masochismus dargestellt. In einem kulturpsychologischen Exkurs stellt die Wolfgang Mertens 14 Autorin nachdenkenswerte Überlegungen zu kulturellen Normen und Abweichungen dar, wie zum Beispiel die Kulturabhängigkeit sexueller Verund Gebote aber auch die Auswirkungen von Werten der Leistungsgesellschaft auf die Förderung von psychisch masochistischem Verhalten. Das vorliegende Buch beleuchtet das Phänomen Masochismus von vielen Seiten und beinhaltet eine sehr sorgfältige Differenzierung eines normalen von einem krankhaften Masochismus. Frau Steinbach geht es in ihrer empirischen Untersuchung vor allem darum, das Vorurteil, sexueller Masochismus trete zumeist im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auf, infrage zu stellen und mit ihrer Arbeit dazu beizutragen, die generelle Pathologisierung sexuell masochistischen Erlebens und Verhaltens zu überdenken. Dabei hat sie durchaus Phänomene im Auge, die über das hinausgehen, was zeitgenössische Psychoanalytiker, wie zum Beispiel Otto Kernberg, als Ingredienz ehelicher Sexualität, aber auch Ruth Stein als das Abgründige und Enigmatische menschlicher Sexualität bezeichnen. Vielmehr sind es Grenzerfahrungen, in denen mit Sexualität, Lust, Unterwerfung und Dominanz spielerisch experimentiert wird, Möglichkeiten der sexuellen Selbsterfindung jenseits des »Blümchen-Sex«. Die Erscheinungsformen eines als psychisch nicht beeinträchtigend angenommenen sexuellen Masochismus wurden bislang in der psychoanalytischen Literatur nur wenig beachtet. Deshalb ist es ein großes Verdienst der vorliegenden Arbeit von Frau Steinbach, dass sie in differenziert erhobenen und ausgewerteten Einzelfallstudien zu neuen Aufschlüssen über die Psychogenese und Psychodynamik dieser Erlebnisweisen gelangt. Nach der ausführlichen Interpretation der mit großem psychoanalytischen Sachverstand diskutierten Ergebnisse, wird der Zusammenhang von Lebensereignissen und sexueller Vorliebe erörtert, ferner wird dem Nachweis eines gesunden sexuellen Masochismus nachgegangen. Der Schlussfolgerung, dass die große Vielfalt sexueller Vorlieben und Praktiken es nicht gestattet, generell jegliches sexuell masochistische Verhalten als krank zu diagnostizieren, kann auf jeden Fall zugestimmt werden. Die sexuellen masochistischen Konnotationen erstrecken sich von Masochismus als Allosexualität, das heißt von einer gesunden sexuellen Geleitwort 15 Vorliebe bis hin zu destruktiven Ausprägungen. Teilweise sind die Übergänge zwischen der kreativen Allosexualität und der Inszenierung zur Traumabewältigung auch fließend. Insgesamt ist eine sehr aufschlussreiche Studie entstanden, in der den einzelnen Fällen sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet und dadurch eine dichte Beschreibung ermöglicht wird. Vor dem Hintergrund der verwendeten Theoriefolien können auch neue Hypothesen bestätigt werden, wie zum Beispiel der Befund, dass die in masochistischen Inszenierungen bis ins Detail festgelegten Handlungsabläufe nicht – wie triebtheoretisch orientierte Psychoanalytiker lange Zeit angenommen haben – der Abwehr von Aggression dienen, sondern möglicherweise der Meisterung von überwältigender Erregung mittels berechenbarer und zuverlässiger Strukturierung. Diffuse und partiell fragmentierende Selbstzustände während sexueller Erregung können in sadomasochistischen Ritualen Teil einer Bedeutungsstruktur von Ordnung, Zuverlässigkeit, Unterwerfung oder Dominanz werden. Auf diese Weise wird Sexualität lustvoll erlebt, die ohne diese sadomasochistische Ritualisierung zu angstmachender sexueller Erregung führen könnte. Aber selbst wenn wie in der vorliegenden Studie durchaus auch Anzeichen für eine Traumabewältigung gefunden werden konnten, überwiegt bei den untersuchten Personen schwerpunktmäßig doch die kreative Freude an der Inszenierung neuer Formen der Sexualität. Diesem Buch ist ein großer Leserkreis zu wünschen, denn es bietet sowohl für Fachleute als auch für Laien sehr aufschlussreiche und zum Weiterdenken anregende Inhalte. Wolfgang Mertens Mai 2012 Teil I 19 1 Masochismus – Ein facettenreiches Phänomen Das Wort »Masochismus« ruft gewisse Assoziationen hervor wie Lack, Leder, Peitsche – und sexuelle Lust. Jedoch ist dies nur eine Art von Masochismus. Es existiert auch eine Form des Masochismus, die nicht sexueller Natur ist: der sogenannte moralische respektive psychische Masochismus. Sowohl Anteile des sexuellen als auch des psychischen Masochismus befinden sich bis zu einem gewissen Ausmaß in jedem von uns. Sie können gemeinsam oder alleine auftreten. Bei manchen sind die Anteile gering ausgeprägt, bei anderen stärker. Und bei wiederum anderen so stark, dass dann das masochistische Verhalten Krankheitswert annimmt. Je stärker der psychische Masochismus ausgeprägt ist, desto mehr kann er das Leben erschweren oder gar ein glückliches, gelingendes Leben verhindern. Denn jeder Erfolg, wenn überhaupt möglich, kann nur mühsam errungen werden und Entscheidungen, die getroffen werden, gelangen meist dem Betroffenem zum Nachteil. So entscheidet sich der Betroffene beispielsweise stets für einen »falschen« Partner. Oder bei einer krankhaften Ausprägung des sexuellen Masochismus kann dies zu selbstzerstörerischen sexuellen Praktiken führen, was sogar mit dem Tod enden kann. Aber Masochismus existiert eben auch in anderen Ausprägungen, die keinen Krankheitswert haben. Denn, dank einer gewissen Leidensfähigkeit, können wir gewisse Ziele verwirklichen; Ziele, die für uns gut sind und deren Erreichen mit Befriedigung und Lustgefühlen einhergehen. Auch im sexuellen Bereich können gewisse sexuell konnotierte masochistische Praktiken die eigene Sexualität bereichern. So wie sexueller Masochismus als ei- 1 Masochismus – Ein facettenreiches Phänomen 20 ne ausschließliche Form der Sexualität erfüllend ist und nicht per se pathologisch. Diese Skizzierung deutet schon an, dass es nicht den einen Masochismus gibt, sondern unterschiedliche Masochismen, die auch unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben haben. Das Phänomen Masochismus ist also sehr facettenreich und erscheint aufgrund seiner paradoxen Natur rätselhaft. Denn dieses menschliche Phänomen ist rätselhaft, insbesondere, wenn von einem in uns wirkenden Lustprinzip (Freud 1924) ausgegangen wird, welches Vermeidung von Unlust und Erzielen von Lust beinhaltet. Was ist aber nun masochistische Lust? Die masochistische Befriedigung? Möglicherweise kann frei nach Descartes bezogen auf masochistisches Empfinden formuliert werden: »Ich leide, also bin ich.« Ich definiere mich, meine Identität über das Leiden, gehöre zur Gruppe der Leidenden sowie der Tapferen. Ich unterwerfe mich und gehorche, so erhalte ich Zuneigung und Liebe. Ich ecke nicht an und falle daher nicht aus der Gemeinschaft. Ich bin gut, im Sinne von moralisch gut und ich bin gut im Sinne einer Leistung. Ich ertrage Leiden und Schmerzen und gewinne dabei noch Lust. Ich werde – tatsächlich oder verbal – geschlagen und gedemütigt, also gibt es ein Gegenüber. Ich bin nicht allein. Ich spüre Schmerz, also existiere ich. Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei Teilen: Der theoretische Teil umfasst eine Auseinandersetzung mit den vielfältigen Erscheinungsformen des Masochismus (Teil I). Der empirische Teil konzentriert sich auf die Untersuchung des sexuellen Masochismus (Teil II). In Teil I wird sich mit der Vielfalt und Mehrdeutigkeit des Begriffs Masochismus auseinandergesetzt. Die Vielzahl an Definitionen werden in vier Hauptkategorien gebündelt: 1. Masochismus als alltägliches, normales Phänomen, 2. Masochismus als Bestandteil klinischer Störungsbilder, 3. Masochismus als ein Störungsbild. Zusätzlich wird speziell für den sexuellen Masochismus noch die vierte Definition »Sexueller Masochismus als Allosexualität« entworfen. Unter Allosexualität werden sexuelle Verhaltensweisen subsumiert, die zwar nicht alltäglich und häufig vorkommen, aber weder fremd- noch selbstschädigend sind. 1 Masochismus – Ein facettenreiches Phänomen 21 Da Definitionen von kulturellen und zeitbedingten Normen abhängen, setzt sich ein Kapitel mit der Bedeutung und Relativität von Normen auseinander. Ein weiteres Kapitel widmet sich zentralen Themen im Masochismus, unter anderem der paradoxen Natur des Masochismus, der Bedeutung von Unterwerfung, Kontrolle, Leid und Lust sowie der Bedeutung des Anderen. Ein ausführliches Kapitel setzt sich mit verschiedenen Erklärungsansätzen auseinander, welche Ursachen masochistisches Denken und Verhalten haben kann. Auf der Grundlage der unterschiedlichen Konzeptionen, was nun masochistisches Verhalten beinhaltet und wie es hierzu kommen kann, werden unterschiedliche masochistische Konnotationen abgeleitet: Die Hauptarten psychischer (nicht-sexueller) Masochismus und sexueller Masochismus werden in verschiedene Konnotationen auseinandergefächert. Je nach Konnotation kann dann von einem nicht hemmenden oder hemmenden oder gar destruktiven masochistischen Verhalten gesprochen werden. Mithilfe der masochistischen Konnotationen kann masochistisches Verhalten verortet werden, da nicht jeder gleich stark in allen Bereichen sich masochistisch verhält – dies kann für die Einschätzung von klinischen Fällen hilfreich sein. Ein weiteres Kapitel des ersten Teils befasst sich mit der klinischen Form, das heißt mit dem schädlichen, destruktiven Masochismus. In diesem Rahmen wird auf selbstschädigendes und selbstverletzendes Verhalten eingegangen, sowie auf die Therapie von masochistisch-destruktivem Verhalten. Es werden Therapieansätze vorgestellt und Herausforderungen beschrieben, die sich dem Psychotherapeuten stellen, wenn er mit klinischen Ausprägungen des Masochismus arbeitet. Der Teil II besteht aus einer Studie über sexuellen Masochismus. Dafür wurden Personen interviewt, die sexuellen Masochismus bevorzugen. Diese Interviewpartner wurden nicht über psychotherapeutische Praxen gewonnen, das heißt sie entstammen einem nicht-klinischen Kontext. Die Fragen für die Studie wurden abgeleitet aus den theoretischen Annahmen, die in Teil I vorgestellt werden, und dienen zur Überprüfung von Aussagen über bestimmte Konflikte und Probleme mit dem Selbstwert, die in gewissen Theorien bei sexuellem Masochismus angenommen werden. Ein weite- 1 Masochismus – Ein facettenreiches Phänomen 22 rer Schwerpunkt der Studie liegt auf der Untersuchung eines möglichen Einflusses von Bezugspersonen und Lebensereignissen auf die Sexualität. 23 2 Was ist Masochismus? Im alltäglichen Sprachgebrauch fallen Sätze wie: »Der ist aber ein Masochist« oder »Das war jetzt masochistisch«. Dies soll Verhalten bezeichnen, welches mit Mühe, Schmerz, Leid und Aufopferung einhergeht. Ist dies wirklich Masochismus? Was ist denn masochistisch? Um diese Fragen zu beantworten, setzt sich das nächste Kapitel mit der Definition Masochismus auseinander. Dafür wird zunächst beschrieben, woher der Begriff Masochismus seinen Ursprung hat und die darauf folgende Definitionsdifferenzierung. 2.1 Namensgeber Der Begriff Masochismus geht auf Krafft-Ebing zurück. Er war Professor für Psychiatrie (Farin 1991) und verfasste unter anderem Psychopathia Sexualis – Eine klinisch-forensische Studie (1886), welche zu einem Standardwerk für Sexualpathologie wurde. In diesem Buch »katalogisierte« er sexuelles pathologisches Verhalten. Den Neologismus »Masochismus« kreierte Krafft-Ebing basierend auf Romanen von Leopold Sacher-Masoch. In Venus im Pelz (1869) beschreibt er einen Mann namens Severin, der seine sexuelle Lust findet, indem er von einer Frau erniedrigt wird. Je ablehnender und grausamer die Frau ist, desto größer ist die dabei erzielte Lust für Severin. Daher ist das Wesentliche des Masochismus gemäß Krafft-Ebing der Wunsch, dem Willen einer anderen Person untergeordnet zu sein – weni- 2 Was ist Masochismus? 24 ger der Schmerz selbst. Denn Misshandlungen, die physischen Schmerz auslösen, sind nur Mittel zum Zweck und werden für das Gefühl des Unterworfenseins hingenommen. Zu beachten ist, dass Severin, der scheinbar unterwürfige Mann, nicht wirklich unterwürfig ist. Denn er fordert die Misshandlungen regelrecht ein und äußert konkrete Ansprüche an das Verhalten und den Kleidungsstil der Frau; beispielsweise, dass sie einen Pelz tragen soll. Damit handelt es sich nur um einen scheinbar devoten Mann, der für seine sexuelle Befriedigung die Unterwerfung sucht – denn im Grunde genommen nimmt er eine aktive und dominante Rolle ein. Und in der Penetranz seines Verlangens malträtiert er seinerseits die Frau.1 Jemanden zu quälen und gequält zu werden sind daher nah beieinanderliegende Handlungen. Diesen Umstand erfasst der Begriff Sadomasochismus. Sado entstammt der Neuschöpfung Sadismus, hier griff Krafft-Ebing auf das Werk des Marquis de Sade zurück. In den Büchern von de Sade werden im Dienste der eigenen sexuellen Befriedigung andere malträtiert. Eine sexuelle Raserei entwickelt sich, die nicht mehr steuerbar, sondern exzessiv und zerstörerisch ist. Diese »Sexualpraktik« zielt begrenzt auf gegenseitige Lustbefriedigung – teilweise werden bis zur Vernichtung des Anderen dessen Bedürfnisse übergangen. Geht es bei dieser extremen Form überhaupt noch um Sexualität oder wird vielmehr etwas ganz anderes abgehandelt? Und gleicht das Verhalten der Protagonisten bei de Sade nicht teilweise einer Karikatur? Daher muss das Werk nicht als ernst gemeinte Pornografie verstanden werden, sondern kann als aufklärerische Schrift und als eine atheistische Proklamation gedeutet werden: Als Aufforderung zum Ungehorsam gegenüber der Scheinheiligkeit von Obrigkeitspersonen, als Hinweis darauf, wie sich gesellschaftliche Werte auswirken, wenn sie zugunsten einer Macht ausgelegt werden (vgl. hierzu zum Beispiel Justine von de Sade [1797] und Barthes 1 »Sacher-Masochs erste Ehefrau Angelica Aurora Rümelin, die sogar den Namen seiner grausamen Heldin annahm und Wanda von Sacher-Masoch wurde, beklagte sich nach dem Scheitern ihrer Ehe bitterlich darüber, lediglich Erfüllungsgehilfin der perversen Phantasien ihres Mannes gewesen zu sein« (Lohmüller 2006, S. 18). 2.2 Hintergrund der Definitionsvielfalt 25 [2002]). Diese Aspekte von de Sades Werk sollen allerdings hier nicht weiter erörtert werden. Sadismus scheint der Gegenpol zum Masochismus zu sein. Beide Formen benötigen eine imaginierte oder reale Person; ein Objekt, welches sie unterwerfen oder unter das sie sich unterwerfen können. Sie sind somit voneinander abhängig. Krafft-Ebing, wie auch Freud (1905) meinen, dass Sadismus und Masochismus auf demselben Phänomen fußen und sich zueinander komplementär verhalten. Auch wenn beide Phänomene sich zu widersprechen scheinen, stecke in jedem Masochisten ein Sadist und vice versa. Sadger (1913) verdeutlicht diese Janusköpfigkeit, indem er Sadismus und Masochismus zusammenfügt zu Sadomasochismus. Bevor nun Definitionen für Masochismus dargelegt werden, folgt zunächst eine skizzenhafte Darstellung der Definitionsproblematik, die aus einem Spektrum an Definitionsmöglichkeiten resultiert. Freud differenzierte das von Krafft-Ebing beschriebene Phänomen Masochismus, es folgten weitere Theorien und darum Definitionen mit neuen Schwerpunkten und Facetten. Infolgedessen entwickelte sich eine Vielzahl an Definitionen. 2.2 Hintergrund der Definitionsvielfalt Der Masochismus ist in seiner Phänomenologie heterogen und beinhaltet vielfältige Bedeutungen. Dies schlägt sich in einer Definitionsvielfalt nieder. Freud (1924) nimmt in »Das ökonomische Problem des Masochismus« eine Dreiteilung des Masochismus vor. Diese drei Masochismusarten sind der erogene, der feminine und der moralische Masochismus. Im erogenen Masochismus sieht Freud die »Bedingtheit der Sexualerregung«, es ist die sogenannte Schmerzlust. Sie ist »biologisch und konstitutionell zu begründen« (Freud 1924, S. 373), denn »ein infantiler physiologischer Mechanismus« (ebd., S. 375) führt dazu, dass Schmerz- und Unlustspannung sich erregend auswirken. Der erogene Masochismus bildet die Basis für die anderen beiden Formen, den femininen Masochismus und den moralischen Masochismus. Der feminine Masochismus ist laut Freud am besten zu beobachten und daher auch am zugänglichsten. Er sieht in ihm einen »Ausdruck des femininen Wesens« 2 Was ist Masochismus? 26 (ebd., S. 373). Charakteristisch für diese Form ist, »dass der Masochist wie ein kleines, hilfloses und abhängiges Kind behandelt werden will, besonders aber wie ein schlimmes Kind« (Freud 1924, S. 374). Daher die Fantasieinhalte wie »geknebelt, gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie misshandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, erniedrigt zu werden« (ebd.). Freud hat diese Form des Masochismus auf den Mann bezogen. Aber er nannte ihn »femininer Masochismus«, da der männliche Masochist sich in eine für die Frau typische Situation versetzt: Kastriertwerden, Koitiertwerden oder Gebären. Der feminine Masochismus ist eine sexualisierte Form, im Gegensatz zum moralischen Masochismus. Der moralische Masochismus ist eine entsexualisierte Form – er war ja vormals sexuell, da der erogene Masochismus auch die Basis für den moralischen Masochismus bildet. Die treibende Kraft für den moralischen Masochismus sind unbewusste Schuldgefühle des Über-Ichs und das Bedürfnis des Ichs, durch eine elterliche Autorität bestraft zu werden: Dieser Masochismus wird demnach genährt von einem sadistischen Über-Ich und einem masochistischen Ich. Woher kommen aber diese unbewussten Schuldgefühle? In »Ein Kind wird geschlagen« (1919a) erklärt Freud die Schuldgefühle mit dem passiven Wunsch des Kindes, vom Vater geliebt zu werden. Dieser Wunsch wird jedoch als inzestuös empfunden und erzeugt daher Schuldgefühle. Sehnt sich der »feminine« Masochist noch danach, dass die Erniedrigung, das Leid und der Schmerz durch eine von ihm geliebte Person erfolgen, entfällt dies beim moralischen Masochisten. Es wird bedeutungslos, wer das Leid erzeugt. Und nicht die sexuelle Befriedigung, sondern das Leiden wird sein Ziel. Der moralische Masochist begibt sich fortlaufend in ungünstige, beeinträchtigende oder gar schädigende Situationen. So fügt er sich permanent selbst Schmerz und Leid zu. Diese selbstschädigende Haltung äußert sich in der Misserfolgsneurose: Die Berechtigung für das eigene Dasein ist das Scheitern im Dasein. Angemerkt sei hier schon, dass die Misserfolgsneurose Implikationen für die therapeutische Behandlung hat. Die Therapie bei einem moralischen Masochisten gestaltet sich problematisch, denn das unbewusste Schuldgefühl verlangt befriedigt zu werden, es duldet keine Genesung. Dies führt zu einer negativen therapeutischen Reaktion (Freud 1919a), da der Patient, um seines Lebens willen, nicht aufhö- 2.2 Hintergrund der Definitionsvielfalt 27 ren darf zu leiden. Der moralische Masochismus ist also ein »lifelong pattern of unconsciously arranged difficulties or failure in multiple areas of functioning« (Asch 1988, S. 102). Der moralische Masochist versagt im Beruf und in der Liebe. Vielleicht gelingt es ihm, einen Erfolg zu erringen, jedoch wird die Angst davor ihn im Endeffekt scheitern lassen. Ein Erfolg erfordert von ihm im Vergleich zu nicht Betroffenen einen wesentlich höheren emotionalen Aufwand (Asch 1988, Cooper 1988). Selbst wenn er nicht scheitert, so wird er stets unter seinen Möglichkeiten bleiben. Trotz seiner Fähigkeiten ist es ihm unmöglich, gewisse Hürden zu nehmen; er verharrt vor ihnen, reibt sich an ihnen auf, anstatt sie zu überwinden. Aber genau dadurch erlangt der Masochist seine Befriedigung und seinen Stolz. Indem er einen schwierigen, schmerzreichen Weg tapfer beschreitet, kann er sich von anderen abheben und sich über sie erheben. Diese masochistisch-narzisstische Zufuhr stärkt ihn zum Weitermachen. Zu allen drei Arten, dem erogenen, femininen und moralischen Masochismus, finden sich bei den Nachfolgern Freuds neue Impulse bezüglich der Natur dieser Arten und aber auch Differenzen, wie diese konzeptualisiert werden sollten. Beispielsweise entzündet sich beim erogenen Masochismus eine Definitionsauseinandersetzung, ob nun Masochismus ein primäres Triebphänomen ist, gar im Zusammenhang mit dem Todestrieb steht, oder ob Masochismus vom Sadismus abgeleitet ist.2 Der feminine Masochismus trägt seinerseits zu einer Definitionsverwirrung und Diskussion bei. Er ist ein missverständlicher Begriff, da dieser zweifach besetzt ist: So kennzeichnet der feminine Masochismus einerseits die männliche (pathologische) masochistische Perversion und andererseits den der Frau immanenten, aufgrund der weiblichen Natur normalen, daher nicht perversen Masochismus (Bonaparte 1935, Deutsch 1925). 2 Denn Freud (1920) unterteilt ferner Masochismus in einen primären und sekundären Masochismus. Der erogene Masochismus gehört in Verbindung mit der Todestriebtheorie zu einem primären Triebphänomen. Diese Form des Masochismus ist ein im Organismus verbliebener Todestrieb, der dort durch sexuelle Miterregung libidinös gebunden ist. Der sekundäre Masochismus ist ein vom Destruktionstrieb ausgehender Sadismus, der sich dann doch nicht gegen den anderen, sondern gegen die eigene Person richtet. 2 Was ist Masochismus? 28 Die Auseinandersetzung mit den Definitionen zeigt auch, dass Definitionen normative Züge besitzen, und ein Potenzial zu stigmatisieren (vgl. hierzu Kap. 3). Die Definitionsproblematik resultiert also aus den zahlreichen Möglichkeiten, bei welchem Geschlecht mit welcher Stärke masochistische Ausprägungen auftreten, ob sie sexueller, nicht sexueller oder gemischter Natur sind. Meyers (1988) sieht nicht nur die sexuelle Befriedigung als das Kernelement des Masochismus. So gäbe es neben der sexuellen auch die aggressive Triebbefriedigung und die Ich-Befriedigung. Unter Ich-Befriedigung versteht Meyers beispielsweise den Erhalt von Objektbeziehungen, die Selbstabgrenzung, Steigerung der Selbstachtung oder die Besänftigung eines grausamen Über-Ichs, um seine Strafanforderungen zu mildern (Meyers 1988, S. 178). Dem Masochismus werden damit zahlreiche, unterschiedliche Funktionen zugeschrieben (Stolorow 1975). Diese Funktionen werden dann ihrerseits Definitionsbestandteile. Neben der Frage des sexuellen Bezugs ist eine weitere Definitionsfrage die der Pathologie. Wird Masochismus als klinisches Phänomen betrachtet oder nicht (vgl. hierzu Grossman 1986)? Sowohl Krafft-Ebing als auch Sadger gehen bei Masochismus von einem kranken sexuellen Verhalten aus. Wobei Freud (1905) anmerkt, dass masochistisches Verhalten nicht per se krankhaft sein muss. Zusätzlich wird die Frage der Pathologie in Abhängigkeit des Geschlechts diskutiert (z. B. Deutsch 1925/2000, Horney 1985). Die Frauenbewegung beispielsweise wehrt sich gegen die Annahme eines der Frau immanenten Masochismus (vgl. hierzu Kap. 3.2.3). Eine weitere Frage ist, ob nun Unterwerfung oder der Schmerz im Masochismus zentral ist? Schrenck-Notzing (1892) betont beispielsweise die Schmerzkomponente und spricht in Zusammenhang von Masochismus von Algolagnie, der Lust am Schmerz. Krafft-Ebing stuft allerdings den Schmerz als zweitrangig ein. Die Erkenntnisperspektive sowie das Abstraktionsniveau bedingen unterschiedliche Auffassungen über die Beschaffenheit und Psychogenese des Masochismus (Asch 1988, De Masi 2003, Grossman 1986, Maleson 1984), wie beispielsweise, ob Masochismus als Ich-, Über-Ich, Es-Phänomen betrachtet wird, als ein Triebabkömmling im Zusammenhang mit dem Todestrieb (Stolorow 1975). 2.2 Hintergrund der Definitionsvielfalt 29 Als Es-Phänomen spiegelt Masochismus ödipale oder präödipale Konflikte aufgrund des Sexual- oder Aggressionstriebes. Als Über-Ich-Phänomen ist Masochismus ein Ausdruck von Schuldgefühl und einem Strafbedürfnis aufgrund verbotener Wünsche, als Ich-Phänomen ist Masochismus eine Abwehr- und Anpassungsfunktion des Ichs (s. Menaker 1953). Und bezogen auf die Separation-Individuation spiegelt Masochismus damit einhergehende Konflikte, nicht bewältigte Loslösung oder Regression. Das Selbst betreffend spiegelt Masochismus die Möglichkeit, ein inkohärentes Selbst aufgrund einer narzisstischen Störung zusammenzuhalten bzw. zusammenzufügen (Stolorow 1975). Diese unterschiedlichen Ansichten führen zu einer vieldeutigen Verwendung des Begriffs Masochismus. Nun zu der Frage, wie die Definitionsproblematik gelöst werden kann. Hierfür gibt es verschiedene Vorschläge: Loewenstein (1957) vertritt die Meinung, nur dann von Masochismus zu sprechen, wenn das Leiden gesucht wird, um libidinöse Bedürfnisse zu befriedigen. Denn nicht jedes Leiden oder jedes Scheitern basiere auf Masochismus, da auch Ich-Funktionen das Lustprinzip und andere auf den Lebenserhalt zielende Ich-Funktionen außer Kraft setzen können. Nur wenn eine Sexualisierung stattfindet, kann von einem Masochismus des Ichs gesprochen werden. Ebenfalls sollte nicht von Masochismus gesprochen werden, wenn ein Subjekt sich an eine qualvolle Realität anpasst. Als weiteres Merkmal sei die Passivität zu nennen. Passivität ist für Loewenstein (ebd.) ein zentrales Merkmal der frühen Kindheit und allgemein der Kindheit. Denn das Überleben des Kindes hängt von der passiven Befriedigung seiner lebenswichtigen, wie auch erotischen Bedürfnisse ab. So spricht Loewenstein erst von Masochismus, wenn der Wunsch nach Hilflosigkeit und Versorgung als erniedrigend erlebt wird und zeitgleich an diesem Gefühl der Erniedrigung Gefallen gefunden wird. Den reinen Wunsch nach Hilflosigkeit und Versorgtwerden sieht er somit noch nicht als masochistisch an. Ein weiteres Hauptmerkmal sei eine Fixierung auf passive phallische Ziele. Diese tritt jedoch auch bei anderen Perversionen oder bei neurotischen Potenzstörungen auf. Gemeinsam ist allen, dass eine aktive Penetration entweder nicht angestrebt oder als nicht so befriedigend erlebt wird. 2 Was ist Masochismus? 30 Maleson (1984) schlägt vor, eine engere und eine weitere Definition vorzunehmen. Was er mit der engeren und breiteren Definition meint, geht in die Richtung der Unterteilung Freuds in moralischen und erogenen Masochismus. Bei der engeren Definition ist die Kombination von Leiden und sexueller Erregung maßgeblich, zentral sei die sexuelle Lustbefriedigung. Von dieser müssten andere Formen von Lust-/Bedürfnisbefriedigung abgegrenzt werden. So sollen dann bei der weiteren Definition jene Verhaltensweisen und Gedanken aufgenommen werden, die mit unnötigen, zu heftigen oder selbst verursachten Leiden und Schmerzen einhergehen. Die Unangemessenheit des Leids solle der Analytiker auf der Basis seiner Vorstellungen von Normen für Verhalten und Affekten bestimmen.3 Es wird deutlich, dass es verschiedene Definitionsmöglichkeiten gibt. Mit diesen beschäftigt sich nun das folgende Kapitel näher. Neben der Dreiteilung Freuds ist die Trennung hilfreich in: Masochismus als Teil einer normalen adaptiven Psychologie, Masochismus als Persönlichkeitstypus und Masochismus als Symptomkomplex (Asch 1988). So lehnen sich die folgenden Definitionsmöglichkeiten an die Dreiteilung Freuds respektive an die Unterscheidung von sexuellem und nicht-sexuellem Masochismus an, wie auch an die oben vorgestellten Vorschläge von Loewenstein, Maleson und Asch. 2.3 Definitionsansätze Es gibt verschiedene Ansätze, Masochismus zu definieren (vgl. hierzu auch die drei Grundtypen der Perversion bei Balint 1956/1988). Wie im vorherigen Kapitel dargelegt, hat Freud die Definition von Krafft-Ebing erwei- 3 Dies ist problematisch. Zum einen kann so ein neues Machtgefälle (re-)inszeniert werden. Der Analysand, der durch den Analytiker bestimmt wird, ob sein Leiden übertrieben ist – der passive, duldsame Analysand, der sich (erneut) der Meinung eines anderen, hier des Analytikers, unterordnet. Der Analytiker, der die absolute Definitionsmacht innehält. Eventuell werden auch Schuldgefühle erzeugt, dass doch das Leiden unangemessen, zu heftig oder selbst verursacht sei, was zusätzlich zu Schamgefühlen führen kann. Zum anderen führt dies eventuell zu einer Pathologisierung eines an sich nicht pathologischen Verhaltens (mehr dazu in Kap. 3). 2.3 Definitionsansätze 31 tert und eine Unterteilung des Masochismus in drei Formen unternommen. Die Hauptunterscheidungen liegen im sexuellen und nicht-sexuellen (moralischen respektive psychischen) Masochismus. Zusätzlich kommen noch Überlegungen hinzu bezüglich einer gewissen »normalen Perversität« des Menschen und der Frage nach dem Vorliegen einer Pathologie.4 Daher wird Masochismus im Folgenden definiert als: 1. Ubiquitäres Phänomen (normale adaptive Psychologie) 2. Bestandteil von klinischen Störungsbildern 3. Klinisches Störungsbild (Persönlichkeitstypus) 4. Form von Allosexualität: Masochismus als eine spezielle Form der Sexualität, die nicht ubiquitär ist, daher auch nicht »normal« erscheint, diese aber trotz alledem nicht pathologisch ist. 2.3.1 Masochismus als ubiquitäres Phänomen Masochismus als ubiquitäres Phänomen tritt sowohl als ein nicht-sexuelles als auch als ein sexuelles Phänomen auf. Zunächst zum ubiquitären nichtsexuellen moralischen Masochismus. a) Moralischer Masochismus als ubiquitäres Phänomen Definiert werden kann der normale, moralische Masochismus als jener Masochismus, bei dem Handlungen ausgeführt werden, die mit Schmerz, Leid und Entbehrung einhergehen, aber der Schmerz und das Leid aus bewussten und rationalen Gründen gesucht oder in Kauf genommen werden und einem höheren Zweck dienen (Grunert 1975). So beispielsweise beim Absolvieren von Prüfungen oder beim Verfolgen von sportlichen Zielen (ebd.). Ein gewisser Grad an moralischem Masochismus ist ubiquitär. Denn das Bedürfnis oder der Wunsch nach Bestrafung ist ein Teil der normalen Über- Ich-Funktion. So ist Masochismus nach Brenner (1959) ein normales Element beim Funktionieren des Bewusstseins. Masochismus kann eine fundamentale Fähigkeit der menschlichen Psyche sein, schmerzhafte Prozesse als lustvoll zu 4 Pathologie wird unter anderem bestimmt durch die Fremd- und Selbstschädigung. Hierzu mehr im Kapitel »Differenzierungskriterien«. 2 Was ist Masochismus? 32 erleben.5 Auch Kernberg (1997) teilt die Meinung Brenners. Der normale Masochismus sei ubiquitär, denn »(…) (ein) geringfügiges Anzeichen von ›moralischem Masochismus‹ (ist) der fast unvermeidliche Begleitumstand einer normalen Integration der Über-Ich-Funktionen. Auch die sublimatorische Fähigkeit, die Qualen harter Arbeit auf sich zu nehmen, die der Preis für zukünftigen Erfolg oder für das Gelingen eines Vorhabens sind, wurzelt in dieser im großen und ganzen normalen masochistischen Prädisposition« (Kernberg 1997, S. 54). Aber nicht nur der moralische Masochismus tritt häufig auf, sondern auch der sexuelle Masochismus. Dieser dann nicht unbedingt in seiner ausschließlichen Ausprägung, sondern im sogenannten »normalen« Liebesspiel in Form von sexuellen sadomasochistischen Spielereien. b) Sexuelle sadomasochistische Spielereien als ein Bestandteil im »normalen« Liebesspiel So formuliert Freud (1905), dass »Sadismus und Masochismus (…) unter den Perversionen eine besondere Stellung ein(nehmen), da der ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivität und Passivität zu den allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehört. (…) Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der Menschheit (…)« (ebd., S. 58). Kernelemente der allgemeinen Sexualität sind also Aktivität und Passivität. Zusätzlich das als unzivilisiert Empfundene in der Sexualität, das, was eben nicht nach Normen fragt. Auszuleben, was ist und nicht, was normativ sein sollte (s. hierzu auch Stein 2008). Autoren wie beispielsweise Kernberg (1997) und Sigusch (2005) betonen, dass sexuelle masochistische Verhaltensweisen als ein Bestandteil der sogenannten normalen Sexualität zu sehen sind. »Ein bedeutsames und offensichtliches Faktum ist, daß masochistische Merkmale universell vorkommen 5 »Aus dem, was ich über die Rolle des Masochismus bei der Überich-Bildung und Überich-Funktion gesagt habe, ergibt sich, daß die Beteiligung masochistischer Wünsche am Moralgeschehen an sich kein Zeichen von Pathologie ist. Sie gehören in den meisten Fällen zum normalen Geschehen. Wenn das Moralgeschehen jedoch in einem solchen Ausmaß von masochistischen Wünschen beherrscht wird wie bei den Patienten, die Freud als moralische Masochisten bezeichnet hat, haben wir es zweifellos mit einer Pathologie des Überichs zu tun. Ein gewisser Grad an Masochismus ist jedoch normal« (Brenner 1986, S. 161). 2.3 Definitionsansätze 33 und auf allen Ebenen von Normalität und Pathologie einen Bestandteil des Sexuallebens bilden (…)« (Kernberg 1997, S. 65). Masochismus kann auch gravierende Formen annehmen. Und in diesem Fall kann dann Masochismus als ein Bestandteil von klinischen Störungsbildern definiert werden. 2.3.2 Masochismus als Bestandteil von klinischen Störungsbildern Masochismus kommt in unterschiedlichen Störungsbildern vor, in Neurosen, Persönlichkeitsstörungen und Psychosen (vgl. Novick/Novick 2004). »Der Masochismus stellt, im Verhältnis zu den sogenannten Perversionen, eine zwar zugehörige, aber übergeordnete Ebene dar« (Grunert 1975, S. 18). Sowohl moralisch als auch sexuell masochistisches Verhalten lässt sich in klinischen Störungsbildern finden; beispielsweise findet sich moralisch masochistisches Verhalten bei Depressionen, Essstörungen, Zwangsstörungen, Abhängigkeitsverhalten, somatoformen Schmerzstörungen, chronischer posttraumatischer Belastungsstörung (Ermann 2004), ferner bei Borderline-Persönlichkeitsstörung und narzisstischer Persönlichkeitsstörung (s. auch Brenner 1959). Als masochistisch werden hier selbstschädigende Einstellungen und Verhaltensweisen angesehen, die zu Leiden führen, welches die Person bewusst oder unbewusst selbst initiiert hat (Ermann 2004). Der Betreffende nimmt Opfer auf sich, um Liebe zu erhalten. Dabei entspringt dieses zwanghafte selbstschädigende Verhalten ungelösten, unbewussten Konflikten (Grunert 1975). Dieses selbstschädigende Verhalten zeigt sich in unterschiedlichen Denkund Verhaltensweisen. So neigt der psychische respektive moralische Masochist dazu, Hilfe von Anderen zu verweigern, er verhindert selbst, dass er das Leben genießt. Alles, was Freude erzeugen könnte, wird vermieden. Und falls der Masochist etwas Schönes erlebt, reagiert dieser mit depressiver Verstimmung oder Schuldgefühlen und den damit einhergehenden Selbstbestrafungsimpulsen. Das Scheitern am Erfolg ist Bestandteil dieses Störungsbildes: Alles, was mit persönlichem Erfolg, mit Weiterkommen im Leben, und auch mit Konkurrenz verbunden ist, muss vermieden und untergraben werden. 2 Was ist Masochismus? 34 Der psychische Masochist sucht oder gestaltet seine Beziehungen derart, dass der Andere ihn zurückweist, ihn nicht liebevoll behandelt. So sabotiert er selbst sein Glück. Dies kann sich auch in der Sexualität zeigen: Lust darf nicht einfach so erreicht werden, eventuell darf kein Orgasmus erzielt werden oder nur in Zusammenhang mit Erniedrigung und Bestrafung. Masochismus kann allerdings auch als eine eigenständige Störung vorhanden sein, und damit definiert werden sowohl als moralisch-masochistische Störung als auch sexuell-masochistische Störung. 2.3.3 Masochismus als ein klinisches Störungsbild a) Moralischer Masochismus in der Ausprägung einer Persönlichkeitsstörung Masochismus in dieser Definition begreift Masochismus als eine allumfassende Persönlichkeitsstruktur auf. Reich (1933) spricht von einer masochistischen Charakterneurose.6 Gödde (1983) nennt als Merkmale Ohnmachtsgefühle gegenüber dem Leben, Wehrlosigkeit, Ungeschicklichkeit, Unselbstständigkeit, Unentschlossenheit, Nicht-Wollen-Können, Mangel an Intentionalität und an zielstrebiger Aktivität. Gödde spricht von einer allgemein zögernden oder reaktiven Lebenshaltung. Dies werde aber bisweilen durch Geschäftigkeit verdeckt, durch überstarken Altruismus (Helfer-Syndrom) oder Perfektionismus ausgeglichen. Die heutige Definition der dependenten Persönlichkeit (DSM IV- TR) weist Ähnlichkeiten mit Reichs Begriff auf. Hier geht es also um einen Persönlichkeitstypus, etwas, was zeitstabil und schwer zu ändern ist. Die Verhaltensweisen, die unter 2.3.2 (Masochismus als Bestandteil von einem klinischen Störungsbild) beschrieben worden sind, sind hier auch vorhanden, aber eben ohne eine andere psychische Störung. 6 Rathbone (2001) behauptet, der Masochist sei fixiert, würde ständig in seinen Ritualen und Träumen regredieren, auch würde es ihm an Metakognition fehlen. Ein Hauptcharakteristikum sei sein Infantilismus, dieser würde sich auch in der körperlichen Schwerfälligkeit (»physical clumsiness«) zeigen. 2.3 Definitionsansätze 35 b) Masochismus als Perversion Freud (1905) bezeichnete Sadomasochismus als »häufigste und bedeutsamste aller Perversionen« (S. 56). Wie schon weiter oben beschrieben, tritt Masochismus zu einem gewissen Bestandteil bei jedem auf – auch der sexuelle. Und im Allgemeinen weist menschliche Sexualität perverse Züge auf, sodass die Einschätzung, ob eine Perversion vorliegt, vom vorhandenen Ausprägungsgrad abhängt. In der heutigen Definition ist Masochismus als sexuelle Perversion eine Art der Sexualität, bei der sich der sexuelle Masochist erheblichen Schaden zufügt und zufügen lässt, sich selbst in großem Ausmaß gefährdet und auch eventuell andere. Wie wird aber überhaupt Perversion im Verständnis von Freud definiert? Unter Perversion wird eine Abweichung vom normalen Sexualakt verstanden, eine atypische Form, um sexuelle Lust zu erreichen. Was wird nun unter normalem Sexualakt verstanden, was unter einer atypischen Form? Der normale Geschlechtsakt wird definiert als der Koitus mit dem Gegengeschlecht. Das Ziel ist, durch die Penetration zum Orgasmus zu gelangen. Das Atypische ist, wenn der Orgasmus durch andere Sexualobjekte erzielt wird oder an anderen Körperzonen. Zum Erstgenannten – Erreichen des Orgasmus durch andere Sexualobjekte – zählen Homosexualität, Pädophilie und Sodomie. Die andere atypische Form ist, wenn der Orgasmus an anderen Körperzonen erreicht wird, beispielsweise durch anale Penetration, oder der Orgasmus an bestimmte äußere Bedingungen gekoppelt ist – hierzu gehören dann Fetischismus, Exhibitionismus, Voyeurismus und Sadomasochismus (Laplanche/Pontalis 1999). Stoller (1979/2001) definiert Perversion als eine erotische Form des Hasses. In der Perversion wird eine kindliche Niederlage in eine pervers erregende Objektbeziehung umgewandelt. So werden Kindheitstraumata in einen »Sieg« transformiert, indem gewisse Fantasien ausgelebt werden müssen. Und nur, wenn ein Zwang besteht, diese sexuellen Fantasien zur Lustbefriedigung benützen zu müssen, spricht Stoller von Perversion. Perversionen gehen also mit einer starken Verminderung von Wahlmöglichkeiten einher. Kernberg sagt dazu: »Alle sexuellen Perversionen verbinden gravierende Einschränkungen der sexuellen Freiheit und Flexibili- 2 Was ist Masochismus? 36 tät mit der Idealisierung des Szenarios, das sich aus dem jeweils dominanten polymorph-perversen Teiltrieb der Kindheit ableitet. Auf dem Hintergrund dieser Definition ist die Diagnose von sexuellem Sadismus, Masochismus, Voyeurismus, Exhibitionismus und Transvestie nicht schwierig« (Kernberg 2006a, S. 108). So meint schon Freud, dass erst von Perversion als Krankheit zu sprechen sei, wenn eine Fixierung auf die Partialtriebe vorhanden ist oder diese Partialtriebe essenziell sind, um orgasmusfähig zu sein. Es wird deutlich, dass von unterschiedlichen Ausprägungen von Perversionen ausgegangen wird und damit auch von unterschiedlichen Ausprägungen »des« Masochismus. Freuds Annahmen gehen eher in die Richtung einer Neurose, Stollers hingegen schon zu einer Borderline- Persönlichkeitsstruktur (vgl. hierzu auch Berner 2002). Daher unterscheidet Kernberg (1997) die masochistische Ausprägung in Abhängigkeit der Persönlichkeitsstruktur. c) Masochismus als Paraphilie Heute wird differenziert zwischen Perversion und Paraphilie. Bei der Perversion werden andere gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen genötigt, der Andere wird zum Opfer, indem seine Intimsphäre nicht gewahrt wird oder der Andere sich gegen seinen Willen das Geschlechtsorgan ansehen muss (Becker 2001). Die Paraphilie ist eine Entwicklung einer abweichenden, nicht-genitalen, nicht-gewalttätigen Sexualität. Fiedler trennt zwischen einer zwar abweichenden und oftmals nicht-genitalen Sexualität, die keinen Schaden anrichtet, da sie nicht gewalttätig ist und jenen Formen der Sexualität, bei denen andere genötigt oder gar geschädigt werden. Das Unterscheidungskriterium von Perversion und Paraphilie ist also das der Schädigung und der Nötigung (Fiedler 2004). Im DSM-IV-TR wird sexueller Masochismus nicht mehr als Perversion bezeichnet. Sowohl der sexuelle Masochismus als auch der sexuelle Sadismus gehören nun zur Obergruppe der Paraphilien (zu den DSM-IV-TR- Kriterien vgl. Kap. 6.4.5). Im ICD-10 wird von »Störungen der Sexualpräferenz« gesprochen. 2.3 Definitionsansätze 37 2.3.4 Masochismus als eine Form der Allosexualität Den Begriff Perversion wertneutral zu benutzen, wird nicht mehr gelingen. Da die Bezeichnung einen stark abwertenden Charakter besitzt, wird heute von Paraphilie oder von dem bedeutungsähnlichen Begriff der Devianz gesprochen. Aber auch diesen Begriffen haftet die Aufforderung nach Ver- änderung an. So ersetzt zwar das Wort Paraphilie den abwertenden und diskriminierenden Begriff der Perversion, eine Störung wird bei dieser Definition jedoch immer noch zugrunde gelegt.7 Und Masochismus als deviantes Verhalten beinhaltet immer noch, dass das gezeigte Verhalten nicht gänzlich akzeptabel ist und daher doch zu ändern ist. Dies ändert sich, wenn ›Masochismus als Neosexualität‹ (Sigusch 2005) konzipiert wird, mit dem Hintergrund eine liberalere Sichtweise auf (Sado-)Masochismus zu entwickeln. Im Verständnis von Sigusch (2005) ist der sexuelle Masochismus eine Neosexualität und dadurch eine kreative Ausdrucksform.8 Durch kulturelle Veränderungen sei es unklar, was überhaupt als pervers angesehen werden kann oder angesehen wird. Aufgrund der derzeitig vonstattengehenden sexuellen Umschreibungsprozesse sei die Neosexualität zwar »kein Mainstream« (ebd.), aber werde nicht mehr diskriminiert.9 Neo impliziert jedoch, dass es sich um eine neuartige Form der Sexualität handelt, und das trifft auf Sadomasochismus nicht zu, sondern auf andere von Sigusch genannten Formen, wie beispielsweise E-Sex. Die Neo- 7 »Paraphilien sind eine Gruppe von Störungen, bei denen die sexuelle Attraktivität von ungewöhnlichen Objekten ausgeht und die sexuellen Aktivitäten selbst ungewöhnlich sind. Mit der Bezeichnung »Paraphilie« wird ausgesagt, dass eine Abweichung (para) im Objekt vorliegt, von welchem die Betroffenen angezogen werden (philia)« (Davison/Neale 2002, S. 494). 8 McDougall (1986) spricht auch von »neosexualities« und sie unterscheidet zwischen Perversion und Neosexualität. Diese »neosexualities« dienen der Aufrechterhaltung des Selbstbildes bei gespaltener sexueller Identität und verhindern die Zerstörung introjizierter Objekte (McDougall 1986, S. 1007). McDougalls Konzept von »neosexualities« entspricht nicht dem Konzept »Neosexualitäten« von Sigusch. 9 Bei Neosexualitäten (Sigusch 2005) werden die Perversionen analysiert »als unablösbarer Teil der normalen Sexualität, als Übersteigerung des Normalen, als Projektionsfeld so genannter Experten, als entpathologisierte und entmystifizierte Selbsttechnik, als künstlerische Existenzweise sowie – und da geht es wieder um die Kontinuität – als Delinquenz und krankhafte, behandlungsbedürftige Sexualsucht« (Sigusch 2005, S. 9). 2 Was ist Masochismus? 38 sexualitäten werden als weitgehend gesund verstanden; eben aber nur weitgehend. Ein Oberbegriff erscheint zur Abgrenzung zum Behandlungsbedürftigen notwendig. Daher möchte ich für eine Sexualität, die zwar nicht der Normalfall ist, aber gesund, das heißt auch weder fremd- noch selbstschädigend ist, den Oberbegriff der Allosexualität einführen. »Allo« kommt aus dem Griechischen und bedeutet »anders, fremd« (dtv-Lexikon 1975). Sexueller Masochismus als Allosexualität erscheint den meisten andersartig und daher fremd. Und im Vergleich zur Häufigkeitsverteilung, was Menschen sexuell praktizieren, erscheint er anomal. Doch diese Anomalität ist nicht wie bei der Perversion etwas Krankhaftes oder Veränderungswürdiges, sondern sie ist nur ein Kennzeichen dafür, dass die Meisten etwas anderes präferieren. Es handelt sich um eine spezielle Pointierung, eine Möglichkeit aus der Vielfalt sexueller Spielarten. Die Definition von sexuellem Masochismus als Allosexualität betrifft Masochismus in einer nicht-pathologischen Spielart der Sexualität, als eine Variante, Sexualität zu leben (vgl. hierzu de Wind 1971).10 Darunter kann BDSM subsumiert werden. BDSM ist ein Akronym und heißt Bondage Dominance Sadomasochism. Laut Hoffmann (2003) wird dieser erotische Masochismus definiert als eine Form der Sexualitätsausübung, bei der die sexuelle Erregung gebunden ist an die Hingabe, Wehrlosigkeit, freiwillige Unterwerfung oder emotionale Belastung oder Fesselungen oder Rollenspiele. Die Handlungen basieren auf Freiwilligkeit. (Sado-)Masochismus ist ein Sammelbegriff; er beinhaltet »eine Vielzahl erotischer Identitäten, Empfindungen und Praktiken, die im einvernehmlichen Rahmen praktiziert und gelebt werden« (BVSM 2004). Fiedler (2004) spricht von inklinierendem sexuellen Sadomasochismus. Es geht um zahlreiche sexuelle Ausdrucksformen zwischen »selbstbestimmten, mündigen Individuen« (BVSM 2004). Diese Auffassung ist sehr weit gefasst. Dies liegt daran, dass der BVSM (Bundesvereinigung Sadomasochismus e. V.) vermeiden möchte, durch eine zu enge Definition einzelne Praktiken auszuschließen. 10 Da das Verständnis von Sexualität, teilweise die Praktiken sich über die Zeiten und die Kulturen ändern, unterliegt auch das, was unter einer Allosexualität subsumiert wird, einem Wandel (vgl. hierzu Kap. 3). 2.4 Zusammenfassung 39 2.4 Zusammenfassung Es lassen sich verschiedene Definitionen unterscheiden. Demnach geht es nicht darum, eine einzig gültige Definition zu finden, sondern alle unterschiedlichen Definitionen zu berücksichtigen, denn sie alle spiegeln einen Aspekt der Realität wider. Aus den Definitionen können diverse Arten von Masochismus und Konnotationen abgeleitet werden und sie beinhalten auch schon Elemente, um pathologisches von gesundem Verhalten abgrenzen zu können. Zunächst soll festgehalten werden, dass Masochismus im Groben definiert werden kann als normales Verhalten, als eine Allosexualität, als Bestandteil von klinischen Störungsbildern und als ein eigenständiges Störungsbild. 40 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus In diesem Kapitel geht es um Normen und ihre Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Bewertung von Masochismus. Worte schaffen die Möglichkeit, ein Phänomen zu beschreiben und zu bezeichnen. Die Betrachtungsweise und Wahrnehmung ein- und desselben Phänomens unterliegt, ähnlich wie bei der Betrachtung von Kippfiguren, einer Inkonsistenz. Je nach Wortwahl und Perspektive wird etwas ganz anderes fokussiert und dementsprechend wahrgenommen. Dies geschieht auch bei der Untersuchung des Phänomens Masochismus. Durch einen bestimmten Blickwinkel und einer damit einhergehenden Wortwahl können unterschiedliche Assoziationen hervorgerufen werden, wie etwa jene des Normalen oder des Abnormen und Bizarren. Durch die unterschiedliche Einordnung von normal bis abnorm resultieren divergente Wahrnehmungen, Reaktionen und Handlungsweisen. Die Deklaration »abnorm« veranlasst eine Gesellschaft, Sanktionen gegen das als abnorm empfundene und somit unerwünschte Verhalten zu erlassen. Wird Verhalten oder eine Existenzform als normal angesehen, resultieren keine oder weniger Probleme für das Individuum – es verhält sich regelkonform, geht in die Masse ein. Wird das Verhalten als bizarr betrachtet, jedoch im Bereich des Bizarren wiederum als normal, als das Normale im Außergewöhnlichen, entsteht eine Grauzone. Eine Grauzone bestehend aus von ›hier darf regelkonform bestraft werden seitens der Gesellschaft‹, ›hier weiß man nicht so recht, wie man sich verhalten soll‹ und wiederum das Anerkennen von exaltiert empfundenen Verhalten. So erfährt eine 3.1 Normen und Abweichungen 41 Randgruppe Anerkennung, sie wird bewundert für ihr exaltiertes Verhalten, denn die Randgruppe lebt in einer Stellvertreterrolle jene Aspekte, die die Majorität schwer leben kann oder sich nicht zu leben traut. 3.1 Normen und Abweichungen Im vorherigen Kapitel ging es um verschiedene Definitionsansätze des Masochismus. So kann Masochismus unter anderem als ein normales oder als ein krankes Phänomen konzipiert werden. Im jetzigen Kapitel geht es um die Relativität von den Begriffen wie normal, pervers, krank, sowie um den Sinn und die Auswirkungen von Normen. Denn Normen finden ihren Niederschlag im individuell und gesellschaftlich geprägten Unbewussten – wobei das individuelle Unbewusste maßgeblich vom gesellschaftlichen Unbewussten mitgeprägt wird. Und die Psychoanalyse eben sich sowohl mit dem individuellen Unbewussten als auch mit dem gesellschaftlich geprägten Unbewussten beschäftigt (Auchter/Strauss 1999). 3.1.1 Sinn und Auswirkungen von Normen Normen bilden eine Bewertungsbasis sowohl für eigenes als auch für fremdes Verhalten und Denken. Normen befriedigen das Bedürfnis nach Komplexreduktion und das Bedürfnis nach Orientierung, nach einer Führung – nach einer Vater- oder Mutterfigur. Normen stellen einen Bewegungs- und Lebensrahmen her, sie können daher sowohl hilfreich als auch einengend sein: Sie regeln soziale Gemeinschaften, sind eine Orientierungsgröße und geben Halt. Zeitgleich entsteht ein Spannungsfeld, zwischen dem Wunsch einer autonomen Lebensgestaltung und dem Bedürfnis, sich an einer Gruppe zu orientieren und ihre Normen zu übernehmen. Teilweise können eigene Wünsche und fremde Normen kongruent sein, wobei dies nicht in allen Bereichen zutrifft. Normen bilden die Basis für Zuschreibungsprozesse: »Der ist aber überdurchschnittlich gut, der verhält sich außerordentlich.« oder »Der ist doch nicht ganz normal, der ist krank.« Anhand von vorhandenen Normen werden Menschen demnach gewisse Attribute zugeschrieben. Dies kann sich positiv oder negativ auswirken. Wenn einem Menschen zugeschrieben 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 42 wird, dass er krank ist, folgt daraus, dass er geheilt werden sollte. Jedoch kann ein Mensch, indem ihm etwas zugeschrieben wird, auch stigmatisiert werden. Schlimmstenfalls kann in einem politischen System diese Definitionsmacht missbraucht werden. Dann wird anhand der Norm bestimmt, wer Medikamente bekommt oder wer verfolgt wird und sterben muss. So werden durch Normfestlegung auch Herrschaftsansprüche begründet, legitimiert und durchgesetzt (Foucault 1975/2008). Was als abweichend gilt, wird bestimmt über das gezeigte Verhalten und die zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Normen in einer Gesellschaft. Schorsch spricht zwar in seinem Kontext von pathologischen Perversionen, das Gesagte lässt sich trotzdem auf allgemein fremd anmutendes Verhalten verallgemeinern. Er meint, dass »… sexuelle Perversionen in einer Gesellschaft durch die Art und Begrenzung der geltenden Moral als Phänomen und als Problem geschaffen (werden)« (Schorsch 1975/1980, S. 33; zur Konstruktion von Perversionen vgl. auch Böllinger 2005). Normen lösen Zuschreibungsprozesse aus, eine soziale Kategorisierung, ein Labeling (Keupp 1976). Das Labeling schafft als solches noch keine schwere Krankheit, wie zum Beispiel eine Psychose. Jedoch kann es geschehen, dass die Person durch das Labeling genau zu dem wird, was man in ihr sieht und ihr zuschreibt. Ein zugeschriebener Devianz- oder Krankenstatus kann sich negativ auswirken, da der Stigmatisierte Gefahr läuft, eine negative Identität für sich anzunehmen.11 Da kann es im Krankheitsfall sein, dass die betroffene Person die Krankenrolle bereitwillig übernimmt und in dieser dann verharrt.12 11 Erikson weist auf diese Gefahr in Zusammenhang bei Adoleszenten hin. »Wenn die Gesellschaft der Einfachheit halber, oder um sich den ehrwürdigen Bräuchen der Justiz oder Psychiatrie anzupassen, einen jungen Menschen kurzweg als Verbrecher, als Mißgeburt, als Mißratenen oder auch als schwer gestörten Patienten behandelt, dann kann es wohl geschehen, daß der betreffende junge Mensch, der wegen seiner sozialen Grenzsituation sowieso schon nahe daran sein mag, eine negative Identität zu wählen, jetzt seine ganze Energie daran setzt, eben das zu werden, was die lieblose und furchtsame Gesellschaft von ihm erwartet« (Erikson 1981b, S. 201–211 in Conzen 1996, S. 190). 12 Die Person verharrt in der Krankenrolle; einerseits wegen einer gespürten Aussichtslosigkeit, sich gegen das Labeling zu wehren, andererseits zusätzlich aufgrund eines bewussten oder unbewussten sekundären Krankheitsgewinns. 3.1 Normen und Abweichungen 43 Da der Leidensdruck als Pathologiekriterium angeführt wird, gilt es zu bedenken, dass der Leidensdruck allein nur aufgrund einer Zuschreibung entstehen kann.13 Die Frage stellt sich also bei einer Diagnose: Woher kommt der Leidensdruck? Verspürt der sexuelle Masochist einen Leidensdruck aufgrund seiner Sexualpräferenz, denkt der Masochist aufgrund herrschender Normen, krank zu sein oder, weil ihm diagnostiziert wird er sei krank? Oder entsteht im Rahmen des psychischen Masochismus der Leidensdruck durch soziale Vergleiche? Vergleicht sich die Person nach oben, nach dem Starken, wird sie sich als inferior, krank vorkommen und hierdurch sich selbst Leidensdruck schaffen. In Zusammenhang mit Masochismus kann das (Selbst-)Labeling sowohl einer Auszeichnung, einer Selbsterhöhung als auch einer Selbstentwertung dienen: »Ich bin etwas Besonderes respektive etwas Minderwertiges, weil es nicht der Norm entspricht, was ich mache.« Die Selbsterhöhung und die Selbstentwertung erfüllen den Zweck einer narzisstischen Zufuhr. Die Selbstentwertung dient zusätzlich dem masochistischen Bedürfnis nach Leid, sie schafft eine lustvolle Unterwerfung unter eine höhere Macht, die Unterwerfung unter eine bestimmte Norm. 3.1.2 In Zusammenhang mit Normen: Schuld und Scham Normen, damit die Über-Ich-Bildung und das Ich-Ideal stehen in Verbindung mit Empfindungen von Schuld und Scham. Gefühle der Schuld und der Scham werden mithin als zwei wesentliche Komponenten im Zusammenhang einer masochistischen Neigung angesehen – unabhängig einer nicht-sexuellen oder sexuellen masochistischen Ausprägung.14 Beispielsweise gibt es Schuldgefühle aufgrund verbotener Wün- 13 Wobei aber ich-syntone Verhaltenstörungen differenzialdiagnostisch abgeklärt werden müssen, da diese oftmals nicht mit einem so starken oder keinem Leidensdruck einhergehen. 14 In den Anfängen der Triebpsychologie wurden als Auslöser für Schuldgefühle die sexuellen Triebe und die damit verbundenen Handlungen gesehen. Dann kam die Aggressionsschuld, das heißt Schuldgefühle aufgrund von aggressiven Regungen. Danach kam in der Theoriebildung die Autonomieschuld, Schuldgefühle ausgelöst durch Individuationsbestrebungen, die dann Strafimpulse hervorrufen. 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 44 sche und Aggressionen oder Scham, aufgrund der Erfahrung, keine Beziehung aufbauen zu können, keine Liebe erfahren zu haben und kein stabiles Selbst zu besitzen (vgl. Brouček 1991, Hirsch 2007, Wurmser 1993). Schuld wird verstanden als Verantwortung für einen Schaden, der einem anderen oder sich selbst angetan wurde (vgl. Wurmser 1993). Zu unterscheiden ist die reale Schuld von dem neurotischen Schuldgefühl, welches auch unbewusst sein kann.15 Schuldgefühle sind Folge einer zu erwartenden Strafe, Ergebnis eines Konfliktes zwischen Hass und Liebe gegenüber einem Objekt, sowie Ergebnis sich entwickelnder Über-Ich-Funktionen (Loewenstein 1957). Schuld und Scham zu empfinden stehen in Zusammenhang mit dem Über-Ich, welches sich bereits innerhalb der ersten 6–7 Lebensmonate entwickelt.16 Das Über-Ich repräsentiert die gesellschaftlichen Normen, Verbote, Gebote, welches das Subjekt internalisiert – es verinnerlicht die von außen an das Subjekt herangetragenen Normen zu seinen eigenen. Damit wird das Über-Ich eine Kontrollinstanz, die dem Subjekt rückmeldet, ob es sich gemäß den gesellschaftlichen Anforderungen verhält. Sobald Normen überschritten werden oder eine Diskrepanz von Ich- Ideal und Real-Ich festgestellt wird (vgl. hierzu Mertens 2002), löst dies – in Abhängigkeit der Beschaffenheit des Über-Ichs17 – Angst-, Schuld- und Schamgefühle aus. Daher werden durch die Angst, sich schuldig zu machen, die Grenzen gesteckt, in denen man sich bewegen kann, ohne den anderen zu verletzen. Die Schamangst wiederum errichtet jene Grenze, bei der man seine Privatheit vor Anderen schützen möchte (Wurmser 1993/ 15 Bauriedl (2005) weist auf die Notwendigkeit hin, zwischen Schuld, Schuldgefühl und Beschuldigung zu trennen. 16 Zur moralischen Entwicklung s. bspw. Hauser (2007), Hopf (2007), Mertens (1993). 17 Ein Über-Ich kann sich zu einer rigorosen, strafenden Kontrollinstanz entwickeln, was den Handlungsspielraum des Subjekts erheblich begrenzt. Aber eine Kontrollinstanz vermittelt ebenfalls das Gefühl, dass das eigene Verhalten richtig ist. Denn durch das Über- Ich wird das Subjekt von Äußerem autonom(er), indem es innere Orientierungswerte erschaffen hat, es vermag sich damit von innen heraus selbst zu steuern. 3.1 Normen und Abweichungen 45 1998a).18 So bilden das Schamgefühl wie auch das Schuldgefühl ein Korrektiv für das Verhalten im sozialen Miteinander (vgl. hierzu Hilgers 2006, Jacoby 2004). Es existieren zahlreiche Situationen, die unterschiedliche Schuldgefühle und damit einhergehende (unbewusste) Bestrafungsimpulse auslösen können. Hirsch (2007) differenziert zwischen vier Schuldgefühlsarten. Dabei ist eine eindeutige Trennung zwischen den Arten nicht möglich, denn meistens sind Schuldgefühle vielfach bestimmt. Die Schuldgefühlsarten nach Hirsch (ebd., S. 15) sind: 1. Basisschuldgefühl – allein aufgrund der bloßen eigenen Existenz 2. Trennungsschuldgefühl – infolge eines Autonomiestrebens 3. Schuldgefühl aus Vitalität – aus dem Wunsch nach Starksein und Haben- Wollen 4. Traumatisches Schuldgefühl – aufgrund von Traumata Beim Basisschuldgefühl fühlt sich das Subjekt aufgrund seiner bloßen Existenz schuldig. Ursächlich hierfür ist das von den Eltern vermittelte Gefühl, unerwünscht und verantwortlich für das Leid sowie für das Beziehungsschicksal der Eltern zu sein (Hirsch 2007). Eventuell wurde das Kind bewusst gezeugt, um ein zuvor Verstorbenes zu ersetzen oder um eine andere Funktion zu erfüllen. Dies bedeutet, dass das Kind nicht um seiner selbst willen auf der Welt sein darf, sondern nur, wenn es die Zielsetzung der Eltern erfüllt. Diese Zielsetzungen können vielfältig sein: Das Kind soll die Eltern versorgen, der narzisstischen Befriedigung der Eltern dienen, die delegierten Größenvorstellungen befriedigen, die die Eltern selbst nicht realisieren konnten und Aspekte der Eltern leben, die diese sich nicht trauen zu leben. Dies führt zu verstärkten Konflikten, wenn das Kind tatsächlich die ungelebten, den Eltern unbewussten Aspekten ihrer selbst lebt. Denn die Eltern werden diese im Kind bekämpfen und tendieren dazu, diese elterlichen delegierten unbe- 18 »Das Schuldgefühl folgt der Ausdehnung der Macht und gebietet ihr Einhalt. Scham wird durch die Verminderung der Macht verursacht und sucht diesen Machtverlust innezuhalten« (Wurmser 1993, S. 26). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 46 wussten Aspekte im Kind zu bestrafen. Das Trennungsschuldgefühl, die sogenannte Individuationsschuld, wird hervorgerufen durch Autonomiebestrebungen. Diese Schuld wird ausgelöst, wenn das Kind das Gefühl hat, dass seine Autonomiestrebungen die Eltern bedrohen. Das Schuldgefühl aus Vitalität wird hervorgerufen durch expansive Wünsche und Handlungen, die in einer Familie oder Umwelt nicht willkommen sind. Beispielsweise Impulse wie »Begehren, Haben-Wollen, Erfolg-Haben-Wollen, Andere-Übertreffen-Wollen« (ebd., S. 15). Das traumatische Schuldgefühl steht in Zusammenhang mit massiven traumatischen Erfahrungen wie Gewalt- oder Verlusterlebnissen. Diese Erlebnisse bleiben als Introjekt, welches Schuldgefühle auslöst, wie dies beispielsweise bei der Überlebensschuld der Fall ist. Wie bei den Schuldgefühlen gibt es auch bei der Scham unterschiedliche Auslöser. Wurmser (1998b) postuliert als eine Quelle der Scham die Rückwendung der auf einen Elternteil gerichteten Verachtung auf das Selbst. Aber auch die Abwesenheit einer idealisierbaren Elternfigur führt zur Schamsensitivität und zur Suche nach einer mächtigen Gestalt. Eine andere Ursache der Scham liegt in eigenen Bedürfnissen, die nicht akzeptiert werden können und die vor sich selbst und vor anderen verleugnet werden müssen. Da Wesentliches der eigenen Person jedoch negiert wird, gehen Aspekte der eigenen Identität verloren und es kann kein Stolz, keine Zufriedenheit über das eigene Sosein entwickelt werden. So beeinflusst das Selbstwertgefühl das Ausmaß an Scham- und Schuldgefühlen (vice versa) und ist mit ausschlaggebend, wie stark wir uns selbst möglicherweise degradieren (lassen). Der Masochist hat Bedürfnisse, schämt sich derer. Und statt den eigenen Bedürfnissen nachzugehen, bestraft er sich lieber und erzielt dann dadurch eine Bedürfnisbefriedigung. Über diesen Umweg werden Bedürfnisse befriedigt, wie beispielsweise das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, nach Selbstwirksamkeit, nach Zuwendung, Ansprüche zu stellen, schwach sein zu dürfen oder auch wettbewerbsfähig sein zu dürfen. Nach Brouček (1991 in Wurmser 1998b) sind die Quellen der Scham: 1. Frühkindliche Erlebnisse eigener Wirkungslosigkeit, Erfahrung des scheiternden Versuchs, wirkungsvoll gegenseitig befriedigende Inter- 3.1 Normen und Abweichungen 47 subjektivität und gemeinsames Bewusstsein einzuleiten und aufrechtzuerhalten. 2. Selbstverdinglichung: Vorgang, der eine Art der Selbstentfremdung und primäre Dissoziierung herbeiführt.19 3. Episodische oder chronische Erfahrung, von wichtigen anderen, v. a. von den Eltern, ungeliebt, verworfen oder als Sündenbock behandelt zu werden (vgl. Rollenzuschreibung nach Richter 1963).20 Wie das Argument der frühkindlichen Wirkungslosigkeit, die Brouček (1991) anführt, sehen auch Novick und Novick (1987, 1991 in Miller 1996) die frühkindliche Wirkungslosigkeit in Zusammenhang mit der Genese von depressivem, sich selbst schadendem Verhalten und Scham. Aufgrund einer depressiven Verstimmung der Mutter kann das Kind keine Beziehung zur Mutter herstellen, es erreicht sie nicht. Denn die Mutter kann das Baby nur wahrnehmen, wenn das Baby oder eben das Kind so ist wie die Mutter: unglücklich. Nun versucht das Kind mittels Identifikation, also mit der depressiven Stimmung oder misslichem Verhalten, Nähe und damit Beziehung herzustellen. So kann es beispielsweise sein, dass ein Baby immer dann Zuwendung bekommt, wenn es in die Windeln macht, selbst noch, wenn es ein Kleinkind geworden ist (Miller 1996). Dies kann später dazu führen, dass »(…) the soiled state has become shameful, its association to bringing mother close may make it rewarding. As an adult, the person soils herself through dirty speech or dirty business dealings and feels ashamed but also reassured and thus driven to self-soiling« (Miller 1996, S. 162f.). Auch der Vater spielt eine Rolle. So versucht ein Kind, indem es sich selbst klein und fehlerhaft macht, einen ungnädig gestimmten oder unzugänglichen Vater wohlgesonnen zu machen. Das absichtliche fehlerhafte Verhalten wird ein Mittel, wirksam in der Unwirksamkeit zu sein. Dies be- 19 Unter Verdinglichung versteht Brouček, die Erfahrung, wenn die der Person eigenen Subjekthaftigkeit übergangen wird (Brouček 1991, in Wurmser 1998b, S. X). Vgl. hierzu Die Geschichte der O von Pauline Réage (1994). 20 »Im Verlauf der Entwicklung führen diese Quellen der Scham zu einer Überbesetzung des idealisierten Selbstbildes und einer Entwertung des tatsächlichen Selbst …« (Brouček 1991, S. 24, in Wurmser 1998b, S. X). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 48 deutet, indem das Kind sich »dumm anstellt«, also sich unwirksam verhält, löst es etwas für sich Gutes im Anderen aus und fühlt sich daher wirksam. Daher kann es anschließend sein, dass auf diese »Dummheit« und die damit einhergehenden Schamgefühle nicht mehr verzichtet werden kann. Denn dies würde einen tatsächlichen Objektverlust oder ein Gefühl des Objektverlustes auslösen, und damit Gefühle von Einsamkeit und Verzweiflung über die Beziehungslosigkeit (Miller 1996, S. 163). Scham kann auch im Rahmen mit Erfahrungen der Selbstdarstellung entstehen. So kann es sein, dass sich Exponieren und seine Leistungen zeigen, negative anstatt positive Konsequenzen nach sich zogen. Und daraufhin Ängste entwickelt werden, wie soziale Ängstlichkeit, Erythrophobie (die Angst vor dem Erröten), Versagensangst und Angst, sich dem Leistungswettbewerb zu stellen (Miller 1996). Oder derjenige verhält sich kontraphobisch, indem er durch schamloses Verhalten die Scham überdeckt und die damit einhergehenden Ängste abwehrt. Darüber hinaus kann eine überhöhte elterliche Idealisierung bezogen auf das Kind zu einer erhöhten Schamsensibilität des Kindes führen. So können die Ansprüche, die entweder direkt oder indirekt mit der Idealisierung in Zusammenhang stehen, zu einem gegenteiligen Verhalten des Kindes führen. Dies einerseits aus (unbewusstem) Trotz; ein Trotz, der aufgrund des Gefühls entsteht, durch die Idealisierung der Eltern nicht gesehen zu werden, wie man ist. Das Kind wehrt sich damit gegen einen Versuch, ein falsches Selbst oktroyiert zu bekommen. Andererseits fühlt das Kind, diesen, mit der Idealisierung einhergehenden Anforderungen, nie genügen zu können. Daher versagt es lieber gleich, oder hält sich klein, ehe das Kind sich und den Eltern der Frustration aussetzt, der Idealisierung nicht entsprechen zu können. Aber dieses (imaginierte oder real) sich selbst schadende (masochistische) Verhalten kann wiederum seinerseits Scham auslösen. »Moral shame over harming the self is akin to the shame felt when one attacks the healthy aspects of another« (Miller 1996, S. 166).21 21 Wie können Schuld und Scham aufgelöst werden? Dies ist in Abhängigkeit von Ursache und Art der Schuld und Scham zu sehen. Und damit sehr komplex in der Behandlung. Trotzdem als grobe Orientierung: Schuld kann verziehen werden und Scham besänftigt 3.1 Normen und Abweichungen 49 Nach diesem Exkurs im Zusammenhang von Schuld, Scham, Masochismus, Über-Ich und der Verbindung zu Normen wieder zurück zu Normen. 3.1.3 Unterschiedliche Arten von Normen Es existieren unterschiedliche Normen (vgl. hierzu Höffe 2008). Normen, die von der Gesellschaft geschaffen werden, Normen, die ein Individuum für sich selbst kreiert und Normen, die eine Mischung sind aus gesellschaftlichen Anforderungen und einer individuellen Bearbeitung dieser. Die statistische Norm spiegelt die Mehrheit aller Personen, die zu etwas gehören wieder – also ist hier die Quantität der Maßstab für »normal«. Normal ist jener, der sich so wie die meisten seiner Bezugsgruppe verhält. Vergleicht sich beispielsweise ein sexueller Masochist mit Menschen aus der SM-Szene, wird er sich normal fühlen. Vergleicht er sich aber mit einer anderen Bezugsgruppe, kann dies zu einem anderen Ergebnis führen. Die Idealnorm respektive die soziale Norm geht von dem aus, was in einer Gesellschaft als wünschenswert gilt (vgl. z. B. Davison/Neale 2002). Sie entspricht den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollen, das heißt, es handelt sich hierbei um eine gesellschaftlich definierte Verhaltensnorm. Vergleicht sich ein sexueller Masochist mit der sozialen Norm, so kann er sich, bezogen auf seine Sexualität, abnorm fühlen, aber außerhalb der Sexualität, beispielsweise im Beruf, normal fühlen. So kann also das Individuum je nach Kontext, sich normal oder abnorm fühlen. Der moralische Masochist mit geringer Ausprägung kann sich normal fühlen, weil er den Verhaltensnormen entspricht, er leidet für ein höheres Ziel, beispielsweise viel arbeiten für eine Karriere. Der moralische Masochist mit starker Ausprägung kann sich jedoch abnorm fühlen, da er zum Beispiel die Erwartungen nicht erfüllt, wie Karriere zu machen, erfolgreich zu sein. Die funktionale Norm ist das Maß, inwieweit das Verhalten einer Person kongruent ist mit ihren eigenen Einstellungen. Sie spiegelt die individuellen Gegebenheiten und subjektiven Wertmaßstäbe wider, nach denen werden, wenn das eigene Ich mit seinen Schwächen angenommen wird (Wurmser 1998b, XVI). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 50 sich ein Subjekt richtet. Hier misst sich das Individuum an seinem Ich- Ideal.22 Dies kann sowohl zu seinen Gunsten als auch zu seinen Ungunsten verlaufen. Bei der Bestimmung, was nun abweichendes Verhalten ist, wird primär die Idealnorm herangezogen. Verhaltensweisen werden als deviant angesehen, wenn sie die in einem sozialen System geltenden Normen und Erwartungen verletzen (Cohen 1959 in Schmidt/Sigusch 1967). Ein abnormes Verhalten ist nur deviant; hingegen ist perverses Verhalten sowohl deviant als auch pathologisch (ebd.). Also ist eine reine Abweichung noch kein Indiz für eine Pathologie, aber trotz alledem löst sie häufig den Aufruf nach Veränderung aus. 3.2 Normen und ihre Zeit Normen sind relativ. Sie sind kontextabhängig und unterliegen unterschiedlichen Einflussfaktoren, wie zum Beispiel dem politischen Umfeld, soziologischen Ansichten, rechtlichen Bedingungen, psychologischen, medizinischen Erkenntnissen und Meinungen. Pfäfflin, Lamott und Ross (2006) nennen beispielsweise verschiedene Perversionskonstrukte mit unterschiedlichen theoretischen Hintergründen: naturrechtlich, politisch-provokativ, moralisch, ethnologisch, statistisch/soziologisch, phänomenologisch/forensisch und psychoanalytisch (ebd., S. 470). Diese Konstrukte spiegeln auch den zugrunde liegenden jeweiligen Normenkanon wider. Normen sind potenziell zeitinstabil und wandlungsfähig. Deswegen können sich Normen verschieben. Oder es kann eine größere Variabilität innerhalb eines Normgefüges entstehen und somit ein Pluralismus von Normen. So etabliert sich eine Koexistenz von Normen, die sich zu einem früheren Zeitpunkt unter anderen kulturellen und sozialen Bedingungen ausgeschlossen haben. Damit ist relativ, was als abweichendes Verhalten verstanden wird. Begriffe wie deviant, abnorm, pervers dienen der Bezeichnung einer 22 Das Ich-Ideal wird geprägt durch gesellschaftliche Werte, damit durch Normen. Es ist also nicht rein nach subjektiven eigenen Kriterien ausgerichtet, sondern beinhaltet indirekt gesellschaftliche Anforderungen. Außer das Individuum reflektiert diese und kann ein adäquates Ich-Ideal bilden (s. auch Mertens 2002). 3.2 Normen und ihre Zeit 51 Abweichung von einer Norm. Eine Abweichung kann nur festgestellt werden, wenn zuvor eine Norm festgelegt wurde. Und diese Norm ist eben kulturell abhängig, sie ist subjektiv und bekommt erst einen objektiven Charakter, indem die Norm von der Allgemeinheit anerkannt wird. 3.2.1 Kulturelle Matrix von Normen und Normveränderungen Normen sind kulturabhängig. Je nach Kultur bestehen eine unterschiedliche Moralvorstellung und ein teilweise unterschiedlicher Werte- und Normenkanon. Dieser Kanon ist wiederum seinerseits nicht zeitstabil, auch der Normenkanon verändert sich und trägt gleichzeitig zu seiner eigenen Ver- änderung bei. Einerseits ändert sich die Gesellschaft durch historische Ereignisse, durch technische Errungenschaften, politische und wirtschaftliche Prozesse. Dies wirkt sich auch auf den bestehenden Wertekanon aus. Andererseits trägt der bestehende Wertekanon zu einer Veränderung bei, indem er Auseinandersetzungspunkte liefert, die Anlass für gesellschaftliche Diskussion bieten und dadurch eine Veränderung herbeiführen. Es kann versucht werden, Veränderungen aufzuhalten, um Normen zu sichern, so zum Beispiel durch Repression. Es ist aber nur eine scheinbare Sicherung. Denn sind Normen zu restriktiv, entsteht Reaktanz oder ein Kampf gegen die Normen. Beispielsweise konnten früher Machtverhältnisse etabliert und aufrechterhalten werden durch eine repressive Sexualmoral (Marcuse 1964/1967; zur Diskussion der Repressionshypothese vgl. auch Bauer 2003). Dagegen wehrte sich die 68er-Bewegung. Durch die Befreiung der Sexualität versuchte sie sich von den einengenden Moralvorstellungen und den damit verbundenen Normen zu lösen. In dem Zusammenhang könnte Masochismus beides verbinden: Das Angepasste und das Rebellierende. Einerseits wird sich über die gängigen Normen hinweggesetzt, andererseits werden gesellschaftliche Normen (spielerisch) gelebt, wie gehorchen, sich unterwerfen, sich anpassen. Teilweise werden diese Werte auf eine karikaturistisch anmutende Art verarbeitet. Heute ist die Sexualität zunehmend liberalisiert. Jedoch ist diese Liberalisierung mit neuen Zwängen verbunden. Marcuse (1967) spricht von einer 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 52 repressiven Entsublimierung.23 Die gesellschaftliche Kontrolle erfolgt über andere, subtilere Repressionen und Anforderungen: Die Forderung nach Selbstverwirklichung, etwas Hervorragendes zu leisten, sportlich aktiv zu sein, Karriere zu machen, trotzdem eine Familie zu gründen, Kinder zu erziehen, sexuell attraktiv zu sein, sexuelle Lust zu verspüren, sich gesund zu ernähren und ein finanzkräftiger, konsumfreudiger Bürger zu sein. Die Gesellschaft toleriert nun Handlungsweisen, die früher verpönt waren. Aber dies erfolgt nicht aus Altruismus. Es folgt vielmehr dem Kalkül einer herrschenden Struktur, einem frei flottierenden Kapitalismus,24 dem ein politischer Gegenpol fehlt. Es werden immer neue Bedürfnisse geweckt. Wurden früher noch Werte wie Triebverzicht, Befriedigungsaufschub vertreten (vgl. Weber 1904, 1920/2000), sind diese heute ins Gegenteil gekippt. Unser Wirtschaftssystem basiert auf Wirtschaftswachstum; Konsum ist ein Index für das volkswirtschaftliche Wohlergehen. Es wird Druck erzeugt, man solle kaufen, dieses und jenes besitzen, um dazuzugehören, um ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. So lösen neue Werte regelrecht einen Konsumzwang aus. Widersetzt sich das Individuum diesem, reagiert die Gesellschaft irritiert, mit Unverständnis; vielleicht ein bisschen fasziniert. Aus heutiger Sicht gilt beispielsweise ein Mensch ohne Auto als ein Exot. Normen, die mit Verzicht verbunden sind, werden ersetzt durch Normen, etwas sofort machen zu sollen, besitzen zu wollen. Und dies nicht nur im Bereich des Konsums. Es erstreckt sich auf das ganze heutige Leben. Die Forderung des »Sofort« ist immens gestiegen – sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich. Die E-Mails sollen sofort beantwortet werden, das Handy muss stets in Bereitschaft sein, der Andere soll sofort erreichbar sein. Dies gleicht einer gesellschaftlichen Massenregression, die den Erwachsenen wieder in den mentalen Zustand eines Säuglings bringt. 23 »Aber es ist eine Entsublimierung, die von einer »Position der Stärke« seitens der Gesellschaft ausgeübt wird, die es sich leisten kann, mehr als früher zu gewähren, weil ihre Interessen zu den innersten Trieben ihrer Bürger geworden sind und weil die von ihr gewährten Freuden sozialen Zusammenhalt und Zufriedenheit befördern« (Marcuse 1967, S. 91). 24 ›Frei flottierend‹ habe ich in Anlehnung an die frei flottierende Angst gewählt. 3.2 Normen und ihre Zeit 53 Diese primärprozesshafte »Sofort-Haben-Will«-Haltung und die verführerischen Angebote »Buy now, pay later«, gepaart mit der Gier, vermehren zu müssen, trugen zu der jüngsten Weltwirtschaftskrise bei. Das Realitätsprinzip wurde durch ein trügerisches, da ein nicht wirkliches Realitätsprinzip, außer Kraft gesetzt. Das scheinbare Realitätsprinzip war in Wirklichkeit ein Lustprinzip. Die Meisten folgten diesem Lustprinzip des Mehrbekommen-Wollens, des Schneller-bekommen-Wollens, des Daran-Teilhabens. Der Mensch hat nicht gelernt oder wieder verlernt, dass durch Zurückhaltung, Geduld und Verzicht auch gewonnen werden kann: Durch eine temporäre Missempfindung, durch ein scheinbares Leiden ein viel größeres, tatsächliches Leid zu vermeiden. Heute scheint alles offen zu sein, es sind viele Wahlmöglichkeiten vorhanden. Welche Auswirkungen hat dies auf den Menschen? Ist es eine Befreiung? Das Gefühl wird vermittelt, alles sei machbar und denkbar. Und man müsse nur wollen und sich richtig verhalten, dann gelinge das Leben. Für das Scheitern ist man selbst verantwortlich. Einerseits entsteht die Hoffnung, Vieles machen zu können, aber andererseits wird Druck aufgebaut. Hierdurch können Entscheidungsblockaden und Depression hervorgerufen werden (s. hierzu Ehrenberg 2008). Langsam werden Stimmen lauter, die Werte proklamieren wie Nachhaltigkeit, nicht über seine Verhältnisse zu leben, Werte der Mäßigung, des ressourcengerechten Lebens. Überlegungen werden angestellt, ob es noch alternative Wohlstandsindizes gibt, beispielsweise anstatt der Steigerung des Bruttosozialproduktes die Zufriedenheit der Bevölkerung zu berücksichtigen. So wird auch zunehmend der Wert des Wohlbefindens hochgehalten. Wellness für Körper und Geist boomt. Zwar existiert immer noch latent die christliche Ideologie des Leidens, wobei diese zunehmend in den jüngeren Generationen an Einfluss verliert. Ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel findet statt. Rollenvorstellungen werden aufgebrochen, Lebensgestaltung wird pluralisiert, das Leben globalisiert. Die Generation Y wächst in einem anderen Verständnis auf als die Generation der Babyboomer oder die Generation davor (s. hierzu Parment 2009). Es sind zwei Strömungen zu erkennen. Einerseits jene Menschen, die so viel arbeiten, dass sie Freizeit, Familie, Privates vernachlässigen. Sie ar- 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 54 beiten auf Dauer über ihr Energievermögen hinweg. Der Grund liegt in der Lebens- und Arbeitseinstellung, zu versuchen, möglichst viel aus etwas herauszuholen, zu maximieren und dabei nicht auf fremde und eigene Ressourcen zu achten. Und so wird später sich und den Nachfolgenden viel Leid zugemutet. Dies verläuft mit einer gewissen bewussten oder unbewussten Lust und dem Stolz, so viel Schmerz zum Beispiel durch das viele Arbeiten ertragen zu können. Es erinnert an oder ist die Genugtuung des Masochisten. Andererseits jene Menschen, die diese Gefahren erkennen und für die zum Beispiel Karriere oder noch weiteres Anhäufen von materiellen Gütern nicht zentral sind. Arbeitnehmer, die auf eine Work-Life-Balance achten. Menschen, die also nicht bereit sind, über die Maßen zu leiden. 3.2.2 Kulturelle Matrix und Sexualität Auch die Wahrnehmung der Sexualität unterliegt der Auswirkung von Normen. Freuds Fokus auf die Sexualität war zu seiner Zeit revolutionär. Denn zu diesem Zeitpunkt war die Sexualmoral repressiv. Und er stieß auf Unverständnis damaliger Wissenschaftler, indem er die These vertrat, Masochismus sei teilweise ein normales Phänomen (Sigusch 2001).25 »Damit imponierte bei Freud die Perversion als seelisches Problem, das verstehbar wurde als eine eindeutige radikale Betonung oder Hervorhebung von sexuellen Wünschen, die prinzipiell in der Entwicklung eines jeden Menschen vorkommen, nur eben in der Perversion als nicht integrierbares Sexualverhalten auftreten« (Beier 1994, S. 9). Für Sexualität galt früher, dass sexuelles Verhalten, welches nicht mit der Perpetuierung eigener Gene einhergeht, unnatürlich sei. Hiermit ging ein Verbot einher: Sexualität darf aus rein hedonistischen Gründen nicht gelebt werden. Sie unterliegt einem durch eine Norm verursachten Rechtfertigungsdruck, sie muss ihren Nutzen offenbaren. Fehlt dieser Nutzen, läuft die Sexualitätsform Gefahr, als unnatürlich und somit als abnorm 25 Siehe auch Marcus (2004) zur Diskussion des Zusammenhangs psychoanalytischer Theoriebildung und kulturellem Einfluss. 3.2 Normen und ihre Zeit 55 stigmatisiert zu werden. Wie zum Beispiel Homosexualität, Sadomasochismus, andere Stellungen als die Missionarsstellung oder Onanie. So galt Onanie früher als widernatürlich, es wurde ihr die Schuld für zahlreiche Krankheiten zugeschrieben und war deswegen bestrafungswürdig. Noch in den späten 1960er erhielten Eltern in Erziehungsratgebern Hinweise, wie sie Onanie bei ihren Kindern verhindern können (vgl. Venzmer 1969). Heute herrscht darüber eine andere Einstellung. Im frühen Mittelalter war Flagellation Usus bei Mönchen, Nonnen und der allgemeinen Bevölkerung.26 Die Kirche befürwortete dieses (sich selbst) Auspeitschen. Es galt als ein adäquates Mittel, um die »Sünde des Fleisches« zu vermeiden, sich für begangene Sünden selbst zu bestrafen, um so ein Gott gefälliges Leben zu führen. Doch die Flagellation nahm immer mehr zu. Es bildete sich sogar die Gruppe der Flagellanten. Diese Form der Selbstbestrafung bekam sichtbar lustvolle Komponenten. Ein Mittel, welches zur Züchtigung und Strafe gedacht war, wurde nun genau für das eingesetzt, was das Mittel vermeiden oder bestrafen sollte: körperliche Lustgefühle. Dies bemerkte die Kirche und verbot daraufhin die Flagellation und die Bewegung der Flagellanten (Kasten 2006, Largier 2001).27 Anderes selbstquälerisches Verhalten erachtete die Kirche immer noch für erstrebenswert. So gelangte manch (verzweifelter) Gläubige aufgrund seiner exzessiven Selbstquälerei in den Status eines Heiligen (allgemein zu Sexualität und Religion siehe bspw. Schwikart 2001). Die Auffassung über Sexualität unterliegt also dem Zeitgeist. Doch die Sexualität als solche, ist, was sie ist, sie bleibt, was sie ist. Nur unser Verständnis darüber ändert sich. Heute ist Vieles nicht mehr verpönt oder 26 »Flagellation, die Selbst-Auspeitschung, ist eine Form der Selbstverletzung mit religiösem Hintergrund, die im Mittelalter sehr verbreitet war« (Kasten 2006, S. 257). S. auch Largier (2001). 27 »Dabei hatte der erotische Flagellantismus einmal in hohem Ansehen gestanden, als Mittel gegen Impotenz, als Mittel zur Steigerung sexuellen Begehrens. (…) Doch was im Altertum noch begleitende, lustbetonte Beigabe des Liebesaktes war, verkam mit der von der Kirche ausgesprochenen Verdammung des Körpers im Laufe der Jahrhunderte zur Strafaktion« (Farin 1991, S. 12). Kasten (2006): 1260 existiert in Italien eine richtiggehende Flagellanten-Epidemie. 1417 findet in Konstanz ein Konzil statt, nun ist die Kirche gegen Flagellation und die Flagellanten werden von der Inquisition verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 56 strafbar. Die praktizierte Sexualität erweitert sich teilweise aufgrund von einer sich ändernden Umwelt. Das Internet bietet heute Möglichkeiten, die es früher nicht gab, beispielsweise Cybersex. Man könnte vermuten, dass der Mensch durch Aufklärung und einem Umfeld von Toleranz sich in seiner Sexualität nun wohler fühlt und sich die Sexualstörungen grundlegend geändert haben. Doch es hat sich bei den Sexualstörungen nichts wesentlich verändert (mündliche Mitteilung, Prof. Wolfgang Mertens, 19.01.2010). 3.2.3 »Femininer« Masochismus Die kulturelle Matrix hat, wie eben dargelegt, Auswirkungen auf die Bewertung von sexuellem Verhalten, damit auch auf den Masochismus im Allgemeinen und auf die Beurteilung masochistischen Verhaltens beim Mann und bei der Frau. Hiermit beschäftigt sich das folgende Kapitel und greift hier schon psychogenetische Annahmen für Masochismus auf (in Kap. 4 wird vertieft auf die Psychogenese eingegangen). Anfang des 19. Jahrhunderts war der Stellenwert der Frau ein anderer und somit das Machtverhältnis der Geschlechter. Dies spiegelt der zweideutige Begriff des »femininen« Masochismus wider. Er beinhaltet zum einen, dass der masochistische Mann sich in die Rolle der Frau begibt und zum anderen, dass die Frau masochistisch sei aufgrund ihrer Natur und ihrer Lebensumstände. Der Frau wurde zu Freuds Zeit eine inferiore Rolle zugeordnet, das heißt, sie musste sich unterwerfen, passiv sein, sie war abhängig vom Mann. Daher galt der weibliche Masochismus nicht als Perversion, denn der Masochismus lag in der Natur der Frau.28 Der feminine Masochismus des Mannes hingegen galt als pervers (s. auch Mitscherlich 1985). Der Einfluss des Geschlechts auf eine Masochismusentwicklung wird seit jeher besprochen. Diskutiert wurde, ob Frauen von Natur aus masochistisch seien, ob die Frau überhaupt eine sexuelle Perversion habe und 28 Später kämpfte die Frauenbewegung vehement dagegen an, von einem der Frau immanenten Masochismus zu sprechen (s. Birke 1991, Burgard/Rommelspacher 1989, Mitscherlich 1977, Popp 1989; s. auch Dannecker 2006). 3.2 Normen und ihre Zeit 57 damit eine sexuelle Masochistin sein kann und, ob der Mann masochistischer sei als die Frau. Primär wurde jedoch der Zusammenhang von Weiblichkeit und Masochismus diskutiert. Beispielsweise begründen Bonaparte (1935) und Deutsch (1925) die Verbindung von Masochismus und Weiblichkeit mit (vermeintlichen) weiblichen Persönlichkeitseigenschaften wie Passivität und Unterwürfigkeit. Diese lassen sich auch beim masochistischen Verhalten wiederfinden, weswegen der Frau von Natur aus eine masochistische Grundanlage gegeben sei. Die Frau würde das Leiden und den Schmerz bejahen und eine Quelle der Lust darin finden. Grund für die Lust aus Schmerz und Leid seien eben soziale und biologische Faktoren. Infolge der weiblichen Anatomie hätte die Frau einen Mangel an einem aktiven-aggressiven Organ und sei deswegen passiv-masochistisch. Der weibliche Masochismus sei in einem anatomischen Geschlechtsunterschied begründet. Schon allein die Entjungferung ginge mit einer physiologischen Verletzung einher. Weiter vertreten Bonaparte und Deutsch die Meinung, der Geschlechtsverkehr, die Geburt und später die Mutter-Kind-Beziehung seien verbunden mit masochistischer Lust. Aber Masochismus in Verbindung mit Weiblichkeit sei etwas Normales und nichts Pathologisches, oder gar eine Perversion. Denn Masochismus sei erforderlich und erwünscht für die weibliche Realitätsanpassung. Caplan (1986) betrachtet die meisten Beweise für einen genuinen weiblichen Masochismus als irreführend und falsch verstanden. Sowie schon Horney (1985) diese pathologisierende Auffassung der Weiblichkeit kritisierte und damit auch die Konzeption der Weiblichkeit von Freud.29 Für Horney liegt die Ursache für Masochismus bei der Frau in kulturellen Bedingungen: Ökonomische Abhängigkeit und die Einschätzung der Frau als 29 Die damaligen psychoanalytischen Auffassungen fasst Horney wie folgt zusammen: Spezifische Befriedigungen, die Frauen im Sexualleben und in der Mutterschaft haben, sind sexueller Natur. In den frühen, auf den Vater gerichteten sexuellen Wünschen und Fantasien, will das Mädchen verstümmelt, das heißt von ihm kastriert werden. In der Menstruation liegt eine masochistische Erfahrung. Was die Frau heimlich im Geschlechtsverkehr sucht, ist Gewalt und Vergewaltigung; im Seelenleben Herabwürdigung. Kinder gebären und mütterliche Beziehung zum Kind sind eine unbewusste masochistische Befriedigung (Horney 1985). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 58 dem Mann unterlegen, eine gesellschaftlich verankerte, patriarchale Attribution der Frau als inferior. Unabhängig vom Geschlecht geht sozioökonomische Inferiorität mit Einschränkungen einher. Ob diese dann mit einer Masochismusentwicklung in Zusammenhang steht – egal ob sexuell oder nicht-sexuell – kann so nicht gesagt werden. Denn sowohl reiche als auch arme Menschen, sowohl Menschen in einem starken beruflichen Abhängigkeitsverhältnis als auch andere, die zu einem großen Teil frei sind, können masochistisch sein oder eben nicht. Wobei eingeengtes Leben, woher auch immer stammend, zu einer Verhinderung der Individuation führen kann, zu einer unzureichenden Entfaltung des eigenen Potenzials und zur Hemmung der Selbstverwirklichung. Dies spürt das Individuum und versucht, die gebremste Ausschöpfung eigener Anlagen zu kompensieren, indem das eigene Leben stellvertretend durch andere gelebt wird. Es entsteht eine Abhängigkeit zum Anderen. Und aus dieser Abhängigkeit kann sich eine Quelle für Leiden entwickeln, ein Gefangensein im Leid. Denn das Subjekt ist in einem überhöhten Ausmaß vom Anderen abhängig, sodass es sich, stärker als es dem Subjekt selbst gut tut, an den Anderen und dessen Lebensumwelt anpassen muss. Der Andere hat das Subjekt in der Hand, denn die Steuerungsfähigkeit für das eigene Leben hat das Subjekt dem Anderen übertragen. So hängt das Subjekt wie eine Marionette an Spielfäden. Wenn der Andere keine Lust zum Spielen hat, keine Lust auf das Subjekt hat, liegt dieses förmlich danieder. Es scheint seine eigenen Lebensfäden nicht halten zu können. Interessant ist, dass sich auch in der Nachkriegszeit die Auffassung über Frauen und Masochismus nicht änderte. Dies, obwohl die Welt sich massiv verändert hatte. Als suchten Theoretiker(innen) selbst Halt in einer zerstörten Welt, Halt in überholten Annahmen. Aber auch, um die schwindende Macht der Männer wieder aufzubauen – an der dann die Frauen wieder indirekt teilnehmen können. Es waren restaurative Kräfte am Werk, die die Frau immer noch gerne als klein und masochistisch halten wollten. Noch in den 1970er und 80er Jahren wurde über einen der Frau immanenten Masochismus diskutiert. Als Belege wurden wieder die Menstruati- 3.2 Normen und ihre Zeit 59 onskrämpfe ins Feld geführt, soziale Schüchternheit der Frau und ihr »selfdefeating behavior«, wozu auch die Angst vor Erfolg gehört (s. Horner 1972, Shainess 1984; zum Geschlechtsunterschied hinsichtlich von Wettbewerbsverhalten vgl. auch Sutter und Rützler 2010). Chasseguet-Smirgel (1974) erklärt masochistisches weibliches Verhalten klassisch mit einem ödipalen Konflikt und der dadurch ausgelösten Kompromisslösung. Dieses Verhalten wird in Abhängigkeit einer individuellen Veranlagung in Prüfungssituationen, bei Schwangerschaft (als Symbol weiblicher Stärke) und allgemein bei Erfolg getriggert. Denn weiblicher Erfolg und Kreativität gehen mit Schuldgefühlen einher – sowohl gegenüber der ödipalen Rivalin als auch gegenüber dem Vater, aufgrund einer Angst, ihn zu kastrieren. Unbewusst ist eine Rivalität der masochistischen Frau zur Mutter vorhanden. Diese Rivalität kollidiert aber mit dem Ideal und dem Wunsch einer liebevollen Mutter-Tochter-Bindung. »So drückt das große Harmoniestreben dieser Frauen zwar Zuneigung und Abhängigkeitswünsche aus und dient doch in seiner Übersteigerung zugleich der Abwehr von Rivalität« (Klöß-Rotmann 2002, S. 36). Neuen psychoanalytischen Theorien zu Folge sei der weibliche Masochismus eine psychopathologische Variante der weiblichen Entwicklung30 und kann der depressiv-masochistischen Persönlichkeitsstörung zugeordnet werden. Es geht also darum, dass die Frau nicht per se masochistisch ist, sondern nur bei einer pathologischen Entwicklung (s. auch Gerisch 1996). Ursächlich für die Masochismusgenese sei die Identifizierung mit einem Ich-Ideal, welches zu überhöhten Ansprüchen führt und somit zu einem Streben nach einem falschen weiblichen Ideal. Dieses Ideal zwingt die Frau, ihr eigenes Wohlergehen hintanzustellen: Eigene Bedürfnisse, Empfindungen, Wünsche, Interessen werden vernachlässigt – konträre Bedürfnisse des Gegenübers scheinen bedeutsamer und gerechtfertigter (Klöß-Rotmann 2002). Laut Gerisch (1996) wird dieser Prozess durch die Identifizierung mit der mangelnden Subjektivität der Mutter ausgelöst. Die 30 Zum Verständnis weiblicher Entwicklung s. Castendyk (2004) und Kerz-Rühling (1991); zur weiblichen Perversion vgl. Becker (2005), Dolto (2000), Kaplan (1993), Reiche (2001) und Welldon (2003). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 60 These der mangelnden Subjektivität warf Benjamin (1990) auf. Sie besagt, dass die mangelnde Subjektivität der Mutter einen Verzicht auf die eigene Handlungsfähigkeit darstellt und auf das Recht eigener sexueller Wünsche. Die Identifizierung wirkt sich für ein Mädchen anders aus als für einen Jungen. Beim Mädchen führt es laut Benjamin zur Selbstverleugnung. Damit steht doch möglicherweise die spezifische weibliche Sozialisationserfahrung im Zusammenhang mit der Genese eines weiblichen Masochismus. Dieser Sozialisationsprozess ist anscheinend auch heute noch gekennzeichnet durch Anpassung, Unterwerfung, Aggressionsumkehr sowie Abhängigkeit und ein damit einhergehendes mangelndes Selbstwertgefühl. Heute wird wieder die These vertreten, dass Frauen ein selbstständiges, aktives, autonomes Leben vermeiden zugunsten eines angeblich bequemeren häuslichen Daseins (Mika 2011). Als weiterer Baustein einer Masochismusgenese der Frau wird eine frühe Traumatisierung in der präödipalen Mutter-Tochter-Beziehung gesehen und eine »Fixierung an eine stark erotisch getönte ödipale Beziehungsstruktur (…), in der körperlicher Schmerz als die primäre Zuwendungsform erlebt wird« (Gerisch 1996, S. 245). Und diese verdrehte Art der Zuwendung, äußert sich dann auch in der masochistischen Art zu lieben. Laut Kernberg (1998) entsteht die weibliche masochistische Art zu lieben, indem das Mädchen sich in der frühen und späten Adoleszenz in einen idealisierten, unerreichbaren, frustrierenden oder zutiefst enttäuschenden Mann verliebt. Diese Idealisierung unerreichbarer Männer kann nicht überwunden werden. Es kommt zu einer Fixierung des Traumas mit einem daraus resultierenden Zwang, diese Erfahrung frustrierender Beziehungen immer wieder herzustellen. Der Junge hingegen hat laut Kernberg in der frühen Adoleszenz »Madonna-Hure-Fantasien«. Diese können sich dann durch eine masochistische Pathologie steigern. Wie beim Mädchen idealisiert auch der Junge eine geliebte, erreichbare oder unerreichbare Person. Aufgrund von Hemmungen kann keine Beziehung zu der vergötterten Person herstellt werden. Denn Begleiterscheinungen von Idealisierung sind Hemmungen und mangelndes Durchsetzungsvermögen, mit der Neigung in Rivalitätssituationen dem Anderen den Vortritt zu lassen. Dies äußert sich zum Beispiel in Masturbationsfantasien mit dem Inhalt der Entwer- 3.2 Normen und ihre Zeit 61 tung von Frauen. Oder die Folgen der Idealisierung zeigen sich in sexuellen Begegnungen, die als sadistisch, versagend und demütigend für den Jungen sind oder als solche empfunden werden (Kernberg 1998). Gemäß Baumeister (1989) widerspricht der männliche Masochismus dem männlichen Klischee, welches Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Autonomie, Stolz, Stärke und Wettbewerbsbereitschaft enthält. Der männliche Masochismus sei eine Eliminierung des männlichen Selbst und eine Flucht vor diesem. Hingegen wird beim weiblichen Masochismus das weibliche Stereotyp übertrieben bis hin zur Karikatur derselben (vgl. hierzu auch Kaplan 1993, Kap. »Weibliche Stereotypien und die weiblichen Perversionen«). So stellt sich dann teilweise auch eine masochistische Bestrafung je nach Geschlecht anders dar: Für den Mann sexuelle Enthaltsamkeit und für die Frau, zum sexuellen Akt gezwungen zu werden. Laut Baumeister (1989) tendieren Männer im sexuellen Masochismus zu heftigeren Schmerzpraktiken und allgemein zeigen Männer in der Regel mehr sexuell deviantes Verhalten auf. Aber: Sind Frauen nun weniger sexuell deviant oder werden sie schlichtweg nicht erfasst, da man ihr sexuell deviantes Verhalten infolge andersartiger Äußerungen nicht erkennt? Und nach der These der sozioökonomischen Inferiorität müssten heute weniger weibliche Masochisten vorhanden sein. Doch die einen kulturellen Bedingungen weichen anderen kulturellen Bedingungen, die wiederum den Menschen zu einer gewissen masochistischen Lebensführung nötigen – dies ist aber heute für beiderlei Geschlechter gültig. 3.2.4 Eine neue Wahrnehmung des (sexuellen) Masochismus In den vorangegangenen Kapiteln wurde auf die Auswirkung von Normen und ihre Relativität bezogen auf die Sexualität und auf die Diskussion Geschlecht und Masochismus eingegangen. Hier sollen noch ein paar Sätze erwähnt werden, woher nun Toleranz entstehen kann bezüglich des (sexuellen) Masochismus. Werden Normen und dadurch Selbstverständliches relativiert, entsteht, neben dem Aufbrechen von Halt gebenden und schützenden Strukturen, auch potenziell die Möglichkeit, etwas unter einem anderen Blickwinkel zu 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 62 betrachten. Ein Untersuchungsgegenstand wird nicht mehr aus der Perspektive »das Problem«, sondern unter »das Phänomen« analysiert. Dies eröffnet neue Möglichkeiten, so können nun Dinge wahrgenommen und untersucht werden, die früher aufgrund der anderen Perspektive unerkannt blieben. Sadomasochismus wird zunehmend in einem anderen Licht betrachtet. Woher kommt nun diese Verschiebung der Wahrnehmung? Denn das Verhalten des Sadomasochisten hat sich nicht stark geändert.31 Die Repressionsmacht im Bereich der Sexualität hat abgenommen, es wird mehr Variabilität zugelassen. Homosexualität wird nicht mehr (allzu) pathologisiert. Und der sexuelle Sadomasochismus scheint der nächste Anwärter auf die Zulassung »normale Abweichung« zu sein (Sigusch 2001, 2005). Neues wird dem Individuum aufgrund der modernen Technologie präsentiert, Neues muss dazugelernt werden. Indem neue Lebenswelten kennengelernt werden, kann eigenes Verhalten als das Nonplusultra relativiert werden. Und vieles aus den anderen Lebenswelten wird in das eigene Leben integriert. Zum Beispiel mutete vor 15 Jahren in der deutschen Allgemeinbevölkerung Sushi genauso exotisch an wie SM. Wobei die Überflutung durch Neues und die stetige Anforderung nach eigener Veränderung und Optimierung auch zu Überforderungserscheinungen führen. Dem Individuum wird es gleichgültig, was nun der Nachbar macht, ob dieser in einen Swingerklub geht, sich abends von seiner Frau auspeitschen lässt oder anderes. Man sieht so viel, man hört so viel – teilweise bereichert es das eigene Leben und zeitgleich ist man genötigt, sich vor »zu Viel« zu schützen. So entsteht einerseits Toleranz für andere Lebensformen, diese Toleranz entspringt aber teilweise nur noch einer Gleichgültigkeit. Andererseits trifft die früher existierende Intoleranz dann andere Gruppen, von denen man sich nun bedroht fühlt. So findet mitunter eine Verschiebung von toleriertem Verhalten statt. Das früher als pervers eingestufte Verhalten wird toleriert, wird vielleicht sogar zur Mode. Dafür gilt dann womöglich anderes Verhalten als verwerflich und löst eine gesellschaftliche Diskussion aus. 31 Außer dahingehend, dass ein Sadomasochist heute möglicherweise selbstbewusster und offensiver mit seiner Sexualität umgeht. 3.3 Abwehr des Bizarren 63 3.3 Abwehr des Bizarren Menschen fühlen sich angesprochen vom Thema Masochismus – sei es der sexuelle oder insbesondere der psychische Masochismus, den die meisten in abgemilderter Form aus eigener Erfahrung kennen. Sadomasochismus und die Assoziationen, die jeweils ein Mensch darüber hat, rühren innerlich etwas an. Menschen zeigen Interesse, Neugier und/oder auch Abwehr. Was erzeugt Abwehr? Wie ist der Umgang mit Bizarrem und mit dem, was und fremd ist?32 Das Fremde fasziniert einerseits und andererseits löst es Angst aus. Und das, was in uns Angst erzeugt, möchte man beseitigen. Dies geschieht unter anderem durch Projektion, Verdrängung und durch Spaltung33 oder durch Normalisierung des Bizarren. Was sind die Ursachen, Beweggründe und wer die Nutznießer von Abwehr? 3.3.1 Abwehr des Bizarren durch Normalisierung und die Folgen Was wird durch die Normalisierung abgewehrt? Durch Umattribuierung verliert das Bizarre seinen irritierenden, befremdlichen und daher auch potenziell angstauslösenden Charakter. Ferner sieht sich der moderne Mensch gezwungen, Fremdes zu integrieren, zu adaptieren und somit seine Umwelt zu normalisieren. Durch die Globalisierung wird die Kooperationsnotwendigkeit erhöht. Daher resultiert die Tendenz, mehr Normen zuzulassen.34 Wobei Sadomasochisten nicht immer begeistert reagieren, wenn es um die sogenannte Entpathologisierung und damit um die Normalisierung ih- 32 Dem sexuellen Sadomasochisten ist teilweise der Vanillasex fremd, dem moralischen Masochisten ist der SM teilweise fremd usf. 33 Zur Beschreibung von unterschiedlichen Abwehrmechanismen siehe bspw. Anna Freud (2006), König (1997) und Mentzos (2001). 34 Weitere positive und negative Auswirkungen der Globalisierung sollen hier nicht diskutiert werden, wie zum Beispiel die Möglichkeit, eine Vielfalt an Lebensgestaltungsformen kennenzulernen, aber auch die Angst vor Identitätsverlust einer Nation, die Angst vor Existenzverlust etc. 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 64 rer Sexualität geht. Einerseits liegt ihnen zwar daran, nicht stigmatisiert zu werden, nicht als krank tituliert zu werden. Sie wollen sich vor einem urteilenden Voyeurismus schützen. So soll der SM doch verborgen bleiben, nicht einer Untersuchung zugänglich gemacht werden, um SM vor negativer Bewertung zu bewahren. Bleibt etwas aber der Untersuchung verborgen, bleibt es unbekannt und daher potenziell immer befremdend. Andererseits soll der Zauber des Abnormen nicht genommen werden durch eine Normalisierung. Denn SM bedeutet auch das Besondere zu leben und soll daher geschützt werden vor Banalisierung, da dies einer Entzauberung, einer Entmystifizierung gleichen würde. 3.3.2 Abwehr des Bizarren durch Stigmatisierung und die Folgen Die Abwehr des Bizarren besteht aber zumeist nicht durch eine Normalisierung, sondern durch eine Stigmatisierung. Und dies hat neben der Zeitund Kulturabhängigkeit von Normen noch andere Gründe. Im Folgenden werden Thesen vorgestellt, was intra- und interpsychische Gründe sein könnten, warum (Sado-)Masochismus pathologisiert wurde oder wird.35 Weil der moralische Masochismus latent gefördert und gefordert wird, muss er im sexuellen Bereich als abnorm abgestempelt werden. Denn hier kommt etwas zum Vorschein, was sich der Kontrolle der Gesellschaft entzieht, es kommt freiwillig zum Vorschein und dann noch gepaart mit Lust. Eigene sadistische und masochistische Impulse werden abgewehrt, aus Angst vor als abgründig empfundenen Persönlichkeitsaspekten und Wünschen. 3.3.2.1 These: Verzerrung aufgrund einer bevorzugten Erkenntnisperspektive Die Gesellschaftsstruktur und ihre damit einhergehenden Normen beeinflusst, was als pathologisch angesehen wird und was nicht (s. o.). Und die 35 Dass alleine die Wortschöpfung Masochismus einem pathologischen Verweis diente, wurde bereits an anderer Stelle abgehandelt. 3.3 Abwehr des Bizarren 65 Gesellschaftsstruktur hat wiederum Auswirkungen auf den Erkenntnisweg, das heißt darauf, mit welchen Mitteln und von welcher Perspektive etwas betrachtet wird (vgl. hierzu Eberhard 1987). Je nach Erkenntnisperspektive, nach Untersuchungsfokus wird ein Phänomen wie zum Beispiel Masochismus unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Dies steht wiederum in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Werten, was zum Beispiel der »richtige« Erkenntnisweg ist. Eine patriarchale Sichtweise mit einem positivistischen Denken kann einen bestimmten Fokus auf ein Phänomen werfen und eine Norm aufstellen, was richtig und was falsch ist, was gesund und was krank ist, was als förderungswürdig betrachtet wird und was als zu beseitigen gilt. Bezogen auf die Bewertung von Masochismus kann folgende These formuliert werden: Masochismus wird (unbewusst) als Ausdruck weiblicher Verhaltensweisen angesehen und unterliegt einer gewissen ›Grundpathologisierung‹. Und es gilt zu bedenken, dass der Fokus der Tiefenpsychologie auf der Untersuchung von Störungen liegt. Kulturelle und gesellschaftliche Abläufe im Sinne von Freuds allumfassenden Funktionen der Psychoanalyse treten in den Hintergrund. Der Diskurs des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts über Sexualität »stand ganz im Zeichen der Pathologie und war durchzogen von einer Krankheitsund Degenerationsrhetorik« (Dannecker 2006, S. 11). Die Entwicklungslehre Freuds ist pathomorph, das heißt, er schloss vom Pathologischen auf das Normale (Köhler 2006). Hierdurch entstand ein pathologisierender Bias. Pathologisiert wurde zum Beispiel die weibliche Entwicklung. Hinzukommt, dass bewusst und unbewusst das Weibliche im Allgemeinen, unabhängig des Themas Masochismus, abgewertet werden muss.36 Dies erfolgt aufgrund der Angst, dass die phallische Macht erlischt. Eine phallische Macht, an der auch die Frau indirekt teilnimmt, und daher teilweise diese auch erhalten möchte. Zusätzlich liegt infolge der Gleichsetzung unterschiedlicher Masochismusarten ein Erkenntnisbias vor, wodurch eine Grundpathologisierung statt- 36 »(…) seit Kant wurde rationale Erkenntnis mit Männlichkeit gleichgesetzt und weibliches Erleben und Erkennen marginalisiert, wenn nicht sogar pathologisiert« (Mertens 2000, S. 36). 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 66 findet. Rekurriert ein Autor auf Patienten, so wird er im Allgemeinen den sexuellen Masochismus eher im Lichte einer Pathologie sehen. Liegt ein moralischer Masochismus vor, bei zeitgleichem Vorliegen eines (gesunden) sexuellen Masochismus, so färbt eine pathologische Ausprägung des moralischen Masochismus leicht auf die Beurteilung der eigentlich gesunde Sexualität ab (vice versa). Auch fehlt ein ausreichend nicht-klinisches Vokabular. So können Phänomene nicht so leicht neutral beschrieben werden.37 Zusätzlich ist zu vermuten, dass frühere weibliche und männliche Theoretiker den ödipalen Konflikt mit der Vaterfigur Freud scheuten: Sie wollten den Vater nicht entthronen, also Freud nicht entmachten, da ihnen dann selbst Kraft eventuell verloren gegangen wäre. Interessant dabei ist, dass Freud gar keine reine pathologisierende Sichtweise auf den Masochismus hatte. Aber durch viele direkte Nachfolger fand eine zunehmende Pathologisierung statt. Dies ist wichtig zu bedenken, war doch diese Phase, auf den Masochismus bezogen, eine stark theoriebildende Zeit. Heute rückt das Thema Masochismus und im Allgemeinen Sexualität immer mehr aus dem zentralen Untersuchungsgegenstand der Psychoanalyse (s. hierzu Fonagy 2008, Mertens 1997, Richter-Appelt 1999) und so bleiben viele frühere (pathologisierende) Erkenntnisse bestehen. 3.3.2.2 These: Angst vor Angriff des gesellschaftlichen Gefüges Gesellschaftliche Normen sind eine Machtabsicherung und werden scheinbar durch SM unterlaufen – dies evoziert eine Angst vor einem Angriff auf das gesellschaftliche Gefüge. Es geht um die Abwehr aufgrund der Art und Weise des SM, was mit SM verbunden wird, was mit dem Begriff assoziiert wird und was in ihn projiziert wird. Wie nimmt eine Gesellschaft Leiden wahr, die Lust am Leiden und an der Unterwerfung? Die Assoziationen mit moralischem und sexuellem Masochismus sind unterschiedlich. Eine unbewusste Identifikation mit masochistischen Antei- 37 »Es ist (…) darauf aufmerksam gemacht worden, daß alle Sprachen mehr moralisch verurteilende Benennungen für die Motive menschlichen Handelns besitzen« (Baumgardt 1977, S. 377). 3.3 Abwehr des Bizarren 67 len kann Ängste hervorrufen, gilt es doch in der Gesellschaft stark, autonom und, wenn möglich, bedeutsam zu sein. So können Konflikte entstehen mit gesellschaftlichen Normen, Wertvorstellungen und Rollenverständnissen. Der Masochist versinnbildlicht durch sein Leiden das allgemeine potenzielle menschliche Leiden, er führt symbolisch auch das Leiden und die Schwäche der Anderen vor Augen. Dies will von den Außenstehenden nicht gespürt werden. Daher verstört, verängstigt einen das Leiden des Masochisten und muss abgewehrt werden. Deleuze (1967) sieht im Masochismus eine Subversion patriarchalisch autoritärer Ordnungssysteme. Mithilfe des Masochismus kann sich gegen den Vater aufgelehnt werden, und damit gegen die Macht des Gesetzes (Deleuze 1967 in Lohmüller 2006, S. 20). Der sexuelle Sadomasochismus spielt mit gesellschaftlichen Normen, er karikiert sie und setzt sich dadurch über sie hinweg. SM bedeutet, auch aus der Masse hinauszutreten, sich zu individualisieren, sich von der großen Gruppe zu trennen. Dies kann für die Majorität angstauslösend sein. Denn wenn viele Splittergruppen existieren, verliert die große Gruppe an Macht und zerfällt letztendlich. Das Phänomen des SM ist paradox. Jedoch ist es schwer, Widersprüche, Unvereinbares auszuhalten; die Gesellschaft kann die gespürten und gelebten Widersprüche im SM-Sex nicht ertragen (vgl. Elb 2008). SM wird mit Dunkelheit und Schmerzen verbunden und enthält etwas Unheimliches. Unheimliches und Unbekanntes sind zeitgleich beängstigend und faszinierend. Aus Angst von einem unbekannten Nichts verschluckt zu werden, muss aber das Unbekannte auf Distanz gehalten werden (vgl. Freud 1919b). So lösen Assoziationen, die man aufgrund von SM hat und aufgrund der Natur des SM, Abwehr aus. Eine Abwehr der Gesellschaft vor dem vermeintlich Destruktiven und vor dem Verlust der Kohärenz. Die Gesellschaft befürchtet ein Verrohen, eine Unkontrollierbarkeit, ein Aufbrechen des Normgefüges. Der Wunsch nach Normierung der Sexualität wird hervorgerufen durch den Wunsch nach Reglementierung, nach Kontrolle des Privaten und der Kontrollierbarkeit von etwas als unkontrollierbar Erlebtem. 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 68 3.3.2.3 These: Abwehr eigener sadistischer und masochistischer Anteile SM wirkt für nicht SMer sowohl nah als auch der eigenen Person fern. Dieses Nahe und doch Ferne hat etwas Bedrohliches, als würde etwas in einem schlummern, das jederzeit erweckt werden könnte und wogegen man sich dann nicht wehren kann. Eventuell wird deswegen sexueller Masochismus misstrauisch, verständnislos und teilweise fasziniert beäugt. Das Subjekt definiert und bestätigt sich selbst gemäß dem Motto: Ich gehöre zur Gesellschaft, denn ich halte und vertrete zum Beispiel den Wert, Masochismus für pervers zu halten. Somit gehöre ich zur Gemeinschaft, ich bin normal und gesund. Und jede Strömung, die in mir in diese Richtung geht, darf nicht wahrgenommen werden und muss im Anderen pathologisiert werden, um mich rein zu halten oder um bei mir einen kathartischen Effekt zu erzielen. »In der öffentlichen Diskussion der letzten zwanzig Jahre hat eine Befreiung sexueller Scham und der damit verbundenen Heuchelei und Doppelmoral stattgefunden. Dies war notwendig und überfällig. Über Liebe und Erotik und Sex darf heute offen gesprochen werden, diese Entwicklung hat mittlerweile wohl alle gesellschaftlichen Gruppierungen und Schichten erreicht und scheint unumkehrbar. Zugleich aber ist die andere Seite der menschlichen Triebhaftigkeit, die destruktive, mit Aggression besetzte, tabuisiert geblieben« (Bergmann 1996, S. 24f.). Taten eines Sadisten lösen auch in uns sadistische Fantasien aus. So führen zum Beispiel Sexualdelikte zu sadistischen Äußerungen in der Bevölkerung gegenüber dem Delinquenten – heute eher in Form von Fantasien: Was man denn alles machen würde, wenn man diesen Verbrecher in die Hände bekäme (früher auch in Form von Lynchjustiz) (Schorsch 1975/80). Diese Fantasien werden bei der Diskussion um das Strafmaß eines Sexualdelinquenten aktiviert und, dass wir unter diesen Umständen unseren Fantasien freien Lauf lassen. Hierdurch wird deutlich, »daß die Taten des Sexualstraftäters verbotene sexuelle Wünsche in uns wecken, deren Existenz wir uns bewußt nicht eingestehen mögen. Diese sonst verpönten Triebregungen kommen bei solchen Gelegenheiten zum Durchbruch, weil 3.3 Abwehr des Bizarren 69 sie nicht im Dienste der eigenen Lust zu stehen scheinen, sondern die Verdammung eines Verbrechers ausdrücken; in einer solchen Situation scheinen sie sozial akzeptiert zu sein. Sadismus und Perversionen überhaupt scheinen Möglichkeiten in uns zu sein, zu denen wir fähig und die uns deshalb gefährlich nahe sind« (Schorsch 1975/1980, S. 33). 3.3.2.4 These: Abwehr aufgrund unmentalisierter Sexualität Die vorherige These steht auch mit der folgenden in Zusammenhang, dass aufgrund eigener unmentalisierter und als teilweise unheimlich empfundener Sexualität eine Abwehr stattfindet (Zur Mentalisierung s. Kap. 4.11). Moralisierung und Tabuisierung dienen als Abwehr der eigenen, nicht greifbaren, unmentalisierten Sexualität, die daher teilweise als unheimlich und suspekt empfunden wird. Ängste werden ausgelöst bei dem Thema Masochismus: Fantasien von Kontrollabgabe und Kontrollverlust, von Verantwortungsabgabe, sich in die Hand eines anderen zu begeben, mit der eigenen Einwilligung. Werden Grenzen gewahrt, verliert man sich? 3.3.2.5 These: Neid auf das Perverse Neid auf das »Perverse« kann mitschwingen und eine pathologisierende Perspektive begünstigen. Denn eine Perversion ist etwas Besonderes, macht den Perversen zu jemand Speziellen: Er hebt sich von der Masse ab. So kann Neid entstehen auf eine ungewöhnliche Gruppe, die sich (anscheinend) das Recht herausnimmt, alles leben zu können, die als tabulos und damit als frei empfunden wird, in einem Geheimbund organisiert, von dem man selbst ausgeschlossen ist. Deswegen wird darauf verärgert und abwehrend reagiert. 3.3.2.6 These: Das Argument der Natur und was »natürliche« Sexualität ist Es gibt die Natur des Menschen, doch sie besticht durch ihre Vielfältigkeit. Das erschwert, zu bestimmen, was denn widernatürlich ist. 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 70 Speziell auf den sexuellen Masochismus wird als Pathologieargument die »Natürlichkeit« herangezogen, eine biologische Auffassung, die als objektiv gilt. Denn was die Biologie, die Natur vorgibt, ist natürlich und somit normal. Jedoch ist auch der Wert der »Natürlichkeit« subjektiv und nicht tatsächlich von der Natur gegeben. Rohde-Dachser (1970) meint, dass gewisse Normen und Werte in den Begriff »Von Natur aus« projiziert werden. Daher werden in »Natur/natürlich« nur jene Werte sich wieder finden, die in sie hineinprojiziert wurden (ebd.). So kommt es teilweise zu ganz unterschiedlichen Wertmaßstäben. Durch die Projektion in den Begriff »Natur« entsteht das jeweilige kulturelle Selbstverständnis, das, was eine Kultur und somit ihre Mitglieder als »natürlich« und somit normal empfinden. Dies führt zu unterschiedlichen Wahrnehmungen von Kulturen untereinander, zu einer Divergenz im Selbst- und Fremdbild und zu unterschiedlichen Menschenbildern.38 Die frühere Diktion der evolutionsbiologischen Annahme lautete, dass der Stärkere überlebt. Heute wird eher betont, dass derjenige überlebt, der sich am besten anpasst, denn der Mensch ist auf eine soziale Gruppe angewiesen. Dies bedeutet, dass der Mensch nicht nur nach egoistischer Macht strebt, sondern nach Kooperation, nach sozialer Eingliederung, in der er Schutz findet (Bauer 2006; vgl. hierzu auch die fünf Motivationssysteme von Lichtenberg 1989). Der Mensch strebt demnach einerseits nach Bindung und andererseits nach Autonomie.39 So bewegen den Menschen sowohl aggressive als auch sich zurücknehmende Motivationen. »Natürlich« ist nicht objektiv, sondern unterliegt einer kulturellen Relativität. Die kulturelle Relativität zeigt sich auch zum Beispiel bei sexuellen Tabus (de Wind 1971, Schmidt/Sigusch 1967). »Es gibt, mit Ausnahme des 38 »Die in einer bestimmten Gesellschaft entwickelten kulturellen Verhaltensweisen, Denk- und Anschauungsarten, Reaktionsformen usw. erscheinen den darin Aufgewachsenen als »natürlich«, abweichende dagegen erscheinen als lächerlich, ungehörig oder verwerflich. Wurden diese Normen erschüttert, was stets irgendwann eintritt, vor allem bei Fremdberührung oder von einem gewissen Grade der Komplikation des Kultursystems an, dann fallen sie als willkürlich oder konventionell auf, und man setzt gegen sie andere, die als natürlich imponieren« (Gehlen 1961, S. 84). 39 »Diese Grundmotivationen entsprechen existentiellen Grundsituationen bzw. Grunderfahrungen der Abhängigkeit und Autonomie« (Küfner 1989, S. 99). 3.3 Abwehr des Bizarren 71 Inzests (…), keine in unserer Gesellschaft als abnorm geltende Sexualbetätigung, die nicht in anderen Kulturen zum institutionell geduldeten oder gar geforderten Inventar sexueller Reaktionen gehört« (Schmidt/Sigusch 1967, S. 4). Biologisch gesehen wird die menschliche Sexualität in unserem Kulturkreis an die Reproduktionsleistung gekoppelt und es herrscht das »Supremat der genitalen Monogamie« (Marcuse 1957, S. 196). Wobei weder die menschliche noch die tierische Sexualität rein auf die Reproduktion ausgelegt sind, sondern ebenso auf Spaß. Sicher kann gesagt werden, dass der Spaß und die Lust nur im Dienste der Reproduktion stehen. Aber warum soll die Sexualität nicht außerdem im Dienst der Lust, der Lust am Leben dienen? Wie das Lachen zum Beispiel, das Freude ausdrückt und Freude macht. Normale Sexualität beinhaltet in ihrer Definition, dass ein Orgasmus angestrebt wird. Tiedemann (2008) spricht von einer teleologischen Sexualität, einer Sexualität mit der Zielgerichtetheit auf den Orgasmus. In diesem Sinne gäbe es viele perverse Menschen, da nicht unbedingt jedes Mal jeder den sexuellen Höhepunkt anstrebt. Eine penetrations- und orgasmusfixierte Sichtweise reduziert Sexualität, sodass andere Formen um ihre Berechtigung kämpfen müssen. Bei SM-Sexualität wird nicht unbedingt die körperliche Vereinigung angestrebt, somit hat auch die Penetration bei SM einen anderen Stellenwert, was Irritation auslösen kann bei anderen. Ferner wird SM-Sexualität unterstellt, sie sei zwanghaft, weil sie ausschließlich bei manchen praktiziert wird. Aber jede Sexualität hat bis zu einem gewissen Grad Ausschließlichkeitscharakter und damit etwas Zwanghaftes. Das Argument der Natürlichkeit versucht eine bestimmte Auffassung von »normalem« Sex zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Aber es gibt nicht die eine Sexualität, die womöglich mit reinem Kuschelsex gleichgesetzt wird – sondern viele Möglichkeiten, darunter auch Spiele mit Dominanz und Submission. So weisen beispielsweise sexuelle Tag- und Nachtträume gewalttätige Inhalte auf (vgl. Bergmann 1996, Friday 1973/1981, 1975/1994, 1991/1993). Durch das Diktum einer kulturellen Norm (und was als von Natur aus normal angesehen wird), wird die Wahrnehmung begrenzt und die Realität 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 72 negiert. Denn de facto wird, wenn auch teilweise mit schlechtem Gewissen, trotz alledem ein vielfältiges, eben nicht normiertes sexuelles Verhalten praktiziert. 3.3.3 Die Relativität von Normen innerhalb der SM-Szene Innerhalb der Subkulturen selbst existieren unterschiedliche Normen. So gibt es innerhalb der Subkulturen Werte, was als normal und als nichtnormal angesehen wird, was als SM betrachtet und was nicht als SM betrachtet wird. Woltersdorff (2008) verdeutlicht die Auswirkung von Normen und ihrer Relativität anhand bestimmter Gruppen. Beispielsweise gilt Fisten im homosexuellen Bereich nicht als SM-Praktik. Im Lesben-Bereich jedoch sind Fisten und das Einführen eines Dildos dem SM-Bereich zugeordnet und im heterosexuellen Bereich gilt Fisten wiederum nicht per se als SM- Praktik. Anhand dieses Beispieles wird die Variationsvielfalt an Einstufungen von menschlichen Verhalten deutlich. Und die Variationsvielfalt erstreckt sich demnach bis in die Subkulturen. Warum auch nicht? Versucht nicht auch eine Subkultur sich von anderen abzugrenzen, sich zu definieren als eine besondere Kultur in den Subkulturen. Dies gelingt am Besten durch Verhaltensnormative, was ist Usus, was ist verpönt, ab wann darf man sich dazuzählen. Lesben gehen tendenziell anders mit sexuellem Masochismus um als Homosexuelle. Lesben-Gruppen sind oftmals feministisch geprägt, das heißt, es werden entsprechende Werte vertreten. Die Unterwerfung der eigenen Person unter eine andere, die auch noch Schmerz zufügt/zufügen darf, ist mit dem feministischen Wertekanon schwer(er) vereinbar (siehe hierzu auch Marcus 1989). Es existieren also verschiedene Formen und Normen in diversen SM- Gemeinschaften. Je nach sexueller Orientierung (heterosexuell, homosexuell, lesbisch, bisexuell und transsexuell) können bestimmte Vorstellungen vorhanden sein, was als pervers gilt und welche Spiele geduldet werden in einer SM-Gemeinschaft. Damit geht einher, dass SMer auch nicht per se toleranter gegenüber anderen Sexualitäten sein müssen. So wird der soge- 3.4 Zusammenfassung 73 nannte Vanillasex von manchen SMer teilweise abfällig beschrieben. Erst der SM-Sex sei der wahre Sex und Vanillasex sei doch eine ziemlich langweilige, wenn nicht sogar spießige Angelegenheit (persönliche mündliche Mitteilung von SMern). So stigmatisiert dann eine Subkultur eine andere Kultur. 3.4 Zusammenfassung In unserer Gesellschaft werden in gewissen Bereichen der Arbeitsmoral und des alltäglichen Lebens moralisch masochistische Verhaltensweisen gefördert und gefordert. Das Ideal ist ein Mittelmaß; nichts Exzessives, sondern systemkonforme und arbeitsame Kontinuität. In der Sexualität soll ein gegenseitiges Geben und Nehmen stattfinden. Dies mag von außen betrachtet beim sexuellen Masochismus nicht so wahrnehmbar sein und muss deswegen angegriffen werden, um den Wert der Reziprozität (geben – nehmen) zu verteidigen. Sexualität wird mit ewiger Zärtlichkeit verknüpft, womöglich damit gleichgesetzt. Somit erscheint fast jedes Verhalten, was diesem Anspruch nicht gerecht wird, als abnorm. Homosexualität ist »rehabilitiert« (galt sie doch in der griechischen Antike als normal). Und der sexuelle, nicht-pathologische Sadomasochismus löst zunehmend keine vehementen Diffamierungen mehr aus (vgl. Sigusch 2001). Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, sodass sexueller Masochismus Akzeptanz findet oder zumindest ignorierende Toleranz. Viele Werte haben sich aufgelöst, wurden relativiert oder koexistieren mehr oder minder konfliktfrei. Bezogen auf den sexuellen Masochismus kündigt sich zunehmend ein Paradigmenwechsel an und bezogen auf Masochismus im Allgemeinen eine Paradigmenspezifizierung. Im Kapitel 3 wurden Gedanken über Normen und ihre Auswirkungen auf die Wahrnehmung von (sexuellem) Masochismus entwickelt. Auch ging es um die Auseinandersetzung, welches Geschlecht masochistischer sei, und dass von einem der Frau immanenten Masochismus gesprochen wird, der 3 Auswirkungen von Normen auf die Bewertung von Masochismus 74 nicht pathologisch sei. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion eines genuinen weiblichen Masochismus wurden bereits psychogenetische Annahmen über Masochismus skizziert – primär bezogen auf die Frau. Im folgenden Kapitel wird vertieft auf diverse psychoanalytische Annahmen hinsichtlich der masochistischen Psychogenese eingegangen. So wird aus unterschiedlichen Perspektiven das Phänomen Masochismus beleuchtet, um Fragen zu beantworten wie: Welche Funktionen erfüllt Masochismus? Wie entsteht masochistisches Verhalten, sowohl im Rahmen des psychischen Masochismus als auch des sexuellen Masochismus? 75 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze In diesem Kapitel werden Annahmen über die Psychogenese des Masochismus und seiner Funktionen aus der Perspektive unterschiedlicher psychoanalytischer Schulrichtungen vorgestellt: Von Freuds Konzeptionen, den ichpsychologischen Weiterentwicklungen, hin zur Betonung der Objektbeziehung, weiter zur Bedeutung des Masochismus für das Selbst, hin zu einem intersubjektiven Verständnis. Einerseits untersuchen die Theorien unterschiedliche Aspekte eines Phänomens und andererseits untersuchen sie gleiche Aspekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln (für eine soziologische Perspektive des SM siehe bspw. Weinberg 1983). Da das Phänomen Masochismus so vielfältig und vielschichtig ist, treffen diverse Annahmen über die Psychogenese und die Funktionen des Masochismus zu. Bei der Darstellung der Theorien geht es weniger um die chronologische und rein schulenspezifische Wiedergabe, sondern um eine thematische Bündelung, das heißt, welche Ursachen und Funktionen für den Masochismus gesehen werden. Damit ein ähnlicher, aber doch ein etwas anderer Ursachenfokus nicht verloren geht, wurden einerseits gewisse ähnliche Themen (Traumatisierung im Allgemeinen) teilweise getrennt und andererseits wurden gewisse Aspekte zur Verdeutlichung unter einem Kapitel zusammengefasst. Im Groben lassen sich die Theorien gruppieren nach der Annahme eines genuinen Selbstzerstörungstriebs, der Angst vor Objektverlust, der Erfahrung nicht so gesehen und geliebt zu werden, wie man ist, ferner eines nicht verfügbaren Objektes und der Überforderung des Ichs, da es allein 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 76 gelassen wurde (emotional oder physisch) oder mit Dingen konfrontiert wurde, welches das Ich nicht verarbeiten konnte. 4.1 Masochismus aufgrund von Trieben Freud beschreibt in den »Drei Abhandlungen der Sexualtheorie« (1905) Masochismus und Sadismus als Ausdruck eines polymorph-perversen Partialtriebes. Bei der Perversion wird einer der Partialtriebe hervorgehoben, das heißt, es findet in der erwachsenen Sexualität beim Perversen keine Integration der verschiedenen Partialtriebe statt. Im Sinne von Freud schafft der Perverse nicht, die reife respektive genitale Sexualität zu erreichen.40 Freud sieht im Masochismus ein bestimmendes Element der Sexualität. Von einem primären Masochismus als Trieb geht er noch nicht aus. Jedoch mit der Annahme des Todestriebes (1920) hat Freud einen weiteren Erklärungsansatz für die Genese masochistischen Verhaltens. Er sieht nun im Todestrieb den Kern und die Wurzel des Masochismus. Der Todestrieb, und der aus ihm resultierende Destruktionstrieb, sei ein Ursadismus. Der Todestrieb richtet sich gegen die eigene Person, der Destruktionstrieb gegen die äußere Welt. Jedoch darf sich der Destruktionstrieb aufgrund der kulturell erwünschten Triebunterdrückung nicht so ventilieren, wie von ihm intendiert und muss daher unterdrückt werden. Zwar steht diese Unterdrückung im Dienste des Schutzes und der Bewahrung von sozialen Beziehungen, jedoch führt diese Unterdrückung zu einer Wendung der Aggression gegen die eigene Person. Und je stärker die Aggressionen gegen den Anderen gehemmt werden müssen, desto größer wird die Autodestruktivität. Auch wenn heute die Todestrieb-Hypothese von vielen Analytikern nicht geteilt wird, so sind die ursprünglichen Gedanken Freuds über Masochismus und dem Todestrieb im Diskurs nicht verschwunden (vgl. hierzu Glick/Meyers 1988, Le Soldat 1986, Müller-Pozzi 2008). Hartmann, Kris und Loewenstein (1949 in Loewenstein 1957) sprechen sich gegen den Todestrieb aus, doch die Bedeutung von selbstzerstöreri- 40 Die genitale Liebe ist laut Balint (1947) ein Idealfall, der durch die Abwesenheit von oralen, sadistischen, analen und phallischen Zügen charakterisiert ist. 4.2 Masochismus aufgrund von Schuldgefühlen und Kastrationsangst 77 schen Kräften im Menschen wird trotzdem von ihnen bedacht. Sie gehen von zwei voneinander unabhängigen Trieben aus, dem sexuellen und dem aggressiven Trieb. Der aggressive Trieb kann sich in zweierlei Formen ausdrücken: Erstens als direkte Aggressionsäußerung, zweitens als eine indirekte, passive Aggressionsäußerung, zum Beispiel in Form von Schmollen oder indem die andere Person ignoriert wird. Die passive Aggressionsäußerung benutzt das Kind, wenn es das Gegenüber als übermächtig empfindet und sich dadurch als hilflos. Hartmann et al. vermuten, dass diese passive Aggression für eine spätere Entwicklung zu einem masochistischen Charakter prädisponiert.41 Laut Reich (1933) entstehen die Aggressionen aufgrund von Frustrationen, diese bedingen einen Sadismus, der dem Masochismus vorangeht. Da der Sadismus nicht gezeigt werden darf, wird das Leiden zu einem Ausdruck von passiver Aggression (Berliner 1947, Grossman 1991, Reich 1933, Stoller 1979). Auch Reik (1941/1977) sieht in der masochistischen Fantasie und Handlung eine ursprünglich sadistische Intention, die sich aber dann in Gestalt des Gegenteils zeigt: Aus Rebellion wird Unterwerfung, aus Starrsinn Nachgeben, aus Trotz wird Unterwürfigkeit und aus Hochmut Selbsterniedrigung.42 4.2 Masochismus aufgrund von Schuldgefühlen und Kastrationsangst Im Weiteren wird der Ödipuskomplex als bedeutsam angesehen für die Entwicklung von masochistischem Verhalten (Freud 1919a). In dieser Zeit der Theoriebildung wird davon ausgegangen, dass die masochistische Perversion nie vor der ödipalen Phase auftritt. In »Ein Kind wird geschlagen« führt Freud (ebd.) das Kriterium der Schuld ein. Laut Freud hätte das Kind den passiven Wunsch, vom Vater 41 Interessant ist hier auch der Zusammenhang mit der Genese von Depression. Denn hier spielen Hilflosigkeit und Wendung der Aggression gegen die eigene Person ebenfalls eine wichtige Rolle. 42 Vgl. hierzu das Konzept des Kontramasochismus von Wurmser (1998a). So kann in diesem Zusammenhang von Kontrasadismus gesprochen werden: Jemand traut sich nicht, sadistische Züge zu zeigen und verfällt in masochistische Verhaltensweisen. 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 78 geliebt zu werden, jedoch wird dies als inzestuös empfunden und erzeugt daher Schuldgefühle. So wird der Wunsch geliebt zu werden, umgewandelt in den Wunsch, vom Vater geschlagen zu werden.43 Der Masochist versucht also, eine Triebregung zu unterdrücken, dies gelingt nicht gänzlich und führt dann zu einer Reaktionsbildung in Form eines unbewussten Strafimpulses. Durch diese Reaktionsbildung kann nun sowohl sexuelle Lust erlebt als auch zeitgleich das dadurch entstandene unbewusste Schuldgefühl und die Kastrationsbedrohung beseitigt werden. Später inszeniert der Masochist bei einem neuen Liebesobjekt die Beziehung derart, dass das Liebesobjekt sich genau so verhält, wie der frühere bedrohlich wirkende und strafende Elternteil. Der Masochist bringt den Partner (Symbol für den strafenden, bedrohlichen Elternteil) dazu, eine Szene der Kastration, der Bedrohung oder der Strafe zu entwickeln. Wobei in der Szene selbst dann eine potenzielle Zurückweisung oder eine Kastrationsbedrohung entkräftet wird, indem die Wiederholung nur vortäuscht wird und zeitgleich an der verdeckten inzestuösen Befriedigung doch teilgenommen wird. Das masochistische Verhalten dient dazu, sich am Verbotenen zu befriedigen und gleichzeitig die Kastrationsdrohung ungeschehen zu machen. Indem der Masochist die Flucht nach vorne antritt, kann er die befürchtete Kastration vorne wegnehmen, entkräften und dadurch bewältigen (Fenichel 1928, Reich 1933). 4.3 Masochismus aufgrund patriarchaler Erziehung Eine patriarchale Erziehung kann sich negativ auswirken und mit zur Psychogenese des Masochismus beitragen (Reich 1933). Eine Reinlichkeitserziehung, die zu früh und zu hart durchgesetzt wird, fixiert das Kind auf eine anale Lust und erzeugt Angst vor Bestrafung. Die Gefahr oder die reale 43 Freud deutet den Schlagewunsch als unbewussten Wunsch, koitiert zu werden. Grunert deutet die Schlagewünsche als Atavismen ursprünglicher Kontakt- und Zärtlichkeitsbedürfnisse bis hin zu einem Verschmelzungsbedürfnis. Grunert (o.A.) sieht zusätzlich das Gesäß und in Zusammenhang das Anale als besten Ausdruck für Selbstbehauptung. Siehe weiter zu Schlagefantasien auch Mertens (1994) S. 122ff. und vgl. auch Novick und Novick (2004). 4.4 Masochismus aufgrund inadäquater Liebeszuwendung 79 Erfahrung, geschlagen zu werden, ist unlustvoll und angstbesetzt. Es wird nicht die Unlust des Geschlagenwerdens zur Lust, sondern die Angst vor dem Geschlagenwerden behindert die Entfaltung eines Lustempfindens. Demnach wird nicht eine Unlust zur Lust, sondern Lust wird gehemmt und schlägt in Unlust um. So strebt der spätere Masochist zwar nach Lust, jedoch lässt ein hemmender Mechanismus die ›gute‹ Lust scheitern (ebd.). 4.4 Masochismus aufgrund inadäquater Liebeszuwendung Der masochistische Charakter (Reich 1933) besitzt kein ausreichendes inneres Schutzschild gegen Spannungszustände, wie Frustrationen, Schmerzen und schwere Liebesenttäuschungen und nimmt daher diese intensiv wahr. Darüber hinaus weist er ein enormes Liebesbedürfnis auf, welches sowohl von schweren Liebesversagungen als auch von übersteigerter Liebeszuwendung stammen kann. Dies führt zu einer erhöhten Liebessehnsucht und dem Unvermögen, allein sein zu können und einen möglichen Beziehungsverlust zu ertragen. Um das Liebesbedürfnis zu stillen, wählt der Masochist das Leiden, durch welches er nicht nur freiwillig Zuneigung erhält, sondern er fordert diese zusätzlich durch Klagen oder Provozieren von seinem Gegenüber ein.44 Der Masochist provoziert den Anderen. Nicht um Schuldgefühle durch eine evozierte Strafe abzubauen, sondern er möchte den Anderen zu einer Reaktion herausfordern, mit der dieser dann am Masochisten Unrecht begeht, sodass der Andere schuldig wird. Diese Schuld soll den Anderen an den Masochisten binden. Die Provokation dient damit der Reinszenierung einer tiefen Liebesenttäuschung und der Bewältigung einer in frühester Kindheit leidvoll erlebten Angst, allein gelassen zu werden. Das chronische Gefühl des Leidens zeigt sich als Neigung zum Klagen, in Selbsterniedrigung, Selbstschädigung, Quälsucht (unter der auch sein 44 »Die masochistische Quälsucht, die masochistische Klage, die masochistische Provokation und das masochistische Leiden erklären sich (…) aus der phantasierten oder realen Nichterfüllung eines unerfüllbaren, quantitativ gesteigerten Liebesanspruchs« (Reich 1933, S. 261f.). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 80 Umfeld leidet) und auch in ungeschicktem zwischenmenschlichem Verhalten, das sich bei manchen Fällen bis zur Pseudodemenz (sich als dumm zu empfinden oder sich dumm machen) steigern kann (ebd.). Weitere Kernelemente des masochistischen Charakters sind eine Spannung von Ich und Ich-Ideal, Selbstverkleinerungssucht und Exhibitionshemmung (unter keinen Umständen auffallen). Denn der Masochist kann mit Lob nicht umgehen.45 Ihm fällt es schwer, sich zu exponieren und aus der Masse herauszutreten, denn dafür fehlt ihm die narzisstische Eigenschaft des genitalen Charakters (ebd.). Reich geht davon aus, dass die wenigsten (moralischen) masochistischen Charaktere auch eine (sexuelle) masochistische Perversion entwickeln. 4.5 Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen Eine wie oben genannte inadäquate Liebeszuwendung, das heißt sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig, können sich traumatisch auswirken und eine masochistische Entwicklung begünstigen. So spielen diverse Traumata in der frühen Kindheit eine bedeutende Rolle bei der Masochismusgenese (vgl. Blum 1976). Auf diese soll nun im Folgenden detaillierter eingegangen werden. »Von psychisch traumatischer Erfahrung spricht man in Fällen, in denen ein Individuum so massiver innerer oder äußerer Stimulierung ausgesetzt ist, daß es die ihm zur Verfügung stehende Abwehr nicht mehr ad- äquat einsetzen kann (…)« (Berner 1997, S. 168). Sowohl bei psychisch Traumatisierten, bei psychischen Masochisten wie auch bei Perversen existiert der Wiederholungszwang.46 Die Erfahrungen, die aufgrund fehlender 45 »Da jedes Lob eine Provokation exhibitionistischer Tendenzen darstellt, da ferner das Sichzeigen mit schwerer Angst besetzt ist, muß man zur Abwehr der Angst sich selbst erniedrigen« (Reich 1933, S. 270). 46 Traumatisierungen wirken sich auch auf die Mentalisierungsfähigkeit aus (vgl. Milch 2006). Siehe zum Trauma auch »Psychoanalyse, Neurobiologie, Trauma« von Leuzinger- Bohleber, Roth und Buchheim (2008). 4.5 Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen 81 Repräsentanzen nicht verarbeitet werden können, werden externalisiert, dem Anderen vorgelegt, im Bestreben jemanden zu finden, der das Trauma verstehen und dadurch beseitigen kann (Becker 2001). Für Novick und Novick (1991) ist Masochismus eine Anpassungsleistung an eine früh gestörte Mutter-Kind-Beziehung (allgemein Bezugsperson-Kind-Beziehung). Eine reale Erfahrung des Nicht-Geliebt-Werdens trifft auf das Bedürfnis nach Liebe, dieses schmerzhafte Erleben soll durch masochistisches Verhalten aufgelöst werden und führt zu einer pathologischen Art zu lieben (Berliner 1957/1958). Der Schmerz wird zur Zuwendung und soll die Beziehungsstörung ausgleichen. Das Kind hat verinnerlicht, dass Mutter und Schmerz zusammengehören (vgl. auch Hirsch 1989b, Paar 2002). Folglich sind für das Kind und den späteren Erwachsenen Sicherheit, Liebe und Zuneigung mit schmerzhaften Beziehungen verbunden und nicht mit liebevoll-befriedigenden Interaktionen. Mit der Objektbeziehungstheorie wird der Fokus auf die präödipale Phase gelegt mit der Betonung von Autonomie und Anerkennung und der Loslösung von der Mutter.47 Fairbairn (1943) geht davon aus, dass die libidinöse Suche nach einem Objekt, nach einem realen Anderen die seelische Entwicklung bestimmen (und nicht Triebe und deren Schicksale) (Bienik 2006). Daher sind »(o)bjektlose Zustände (…) mit einer unerträglichen Trennungsangst verbunden« (Bienik 2006, S. 197). Masochismus entsteht in diesem Sinn aufgrund unerträglich schlechter Objekte und Erinnerungen, die verdrängt werden. Zeitgleich stellt Masochismus einen Versuch des Ichs dar, diese verdrängten und abgespaltenen Objekterfahrungen zu integrieren. Es findet eine Umkehrung der ursprünglichen Situation statt, in der das Kind von schlechten Objekten umgeben ist, in eine Situation, in der seine Objekte gut sind und es selbst 47 »Die Objektbeziehungstheorie sieht den Ursprung des psychischen Apparats in der frühesten Stufe einer Sequenz der Verinnerlichung von Objektbeziehungen. Die Entwicklungsstufen verinnerlichter Objektbeziehungen – das heißt die Stufen des frühkindlichen Autismus, der Symbiose und der Objektkonstanz – spiegeln die frühesten Stufen des psychischen Apparats. Voneinander getrennte Einheiten der Selbst- und Objektrepräsentanz und eine Affektdisposition, die sie verbindet, sind die elementaren Substrukturen dieser frühen Entwicklungsstufen, und sie entwickeln sich schrittweise zu komplexeren Substrukturen (zum Beispiel die Repräsentanzen des realen und des idealen Selbst, des realen und des idealen Objekts)« (Kernberg 1988b, S. 19). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 82 schlecht ist. So versucht das Kind, durch Unterwerfung eine gute Objektbeziehung in der äußeren Realität herzustellen (Bienik 2006).48 Für Glickauf-Hughes und Wells (1995) ist Masochismus ebenfalls eine pathologische Art zu lieben.49 Die Ursache der masochistischen Persönlichkeit liegt in einer Kindheit, die geprägt war von Feindseligkeit, Deprivation und instabiler Zuwendung. In diesem schädlichen Umfeld muss trotzdem das feindliche Objekt geschützt werden. Dies führt zu einer Pathologie der Individuation, welche sich in Objektbeziehungsstörungen und Störungen der Ich- Entwicklung zeigt. Das Kind kann gewisse Entwicklungsstufen nicht adäquat bewältigen. Die Folge sind eine extreme Sehnsucht nach einem guten Objekt50 und Probleme mit der Trennung nach der Separations-Individuationsstufe,51 sodass das Kind eine ängstliche Bindung einwickelt. Damit werden schon früh Bausteine für eine gesunde Selbstachtung ungenügend entwickelt.52 Später hat dann die masochistische Persönlichkeit Probleme mit Autoritäten, sie pendelt zwischen trotziger Selbstbehauptung und Fügsamkeit. Der Masochismus resultiert also in diesem Verständnis aufgrund von Problemen zwischen den Eltern und dem Kind, die in den frühen Entwicklungsphasen stattfinden. Das Kind wird dadurch in seiner Autonomieentwicklung beeinträchtigt, seinem Selbstwertgefühl und auch in der Fähigkeit, sich zu trennen. 48 Bienik (2006) untersucht nicht den erotischen Masochismus, da er von einer ähnlichen Dynamik von erotischem und moralischem Masochismus ausgeht. Jedoch sei der sexuelle Masochismus eher eine Fähigkeit; denn hier werde eine Objektbeziehung, zwar partiell, aber doch gesucht und gelebt. So werde die Angst vor schlechten Objekten pervers gebunden, was zu langen und intensiven Beziehungen führen kann. 49 In ihrer Konzeption ordnen Glickauf-Hughes und Wells die masochistische Persönlichkeit einer Persönlichkeitsstörung zu. »Like many personality disorders, the masochistic personality …« (Glickauf-Hughes/Wells 1995, S. 61). 50 Symbolisiert in Märchen als eine Sehnsucht nach einem guten, rettenden Objekt in Form eines Märchenprinzen und Drachentöters. 51 Ursache ist das elterliche Verhalten: »With regard to the first goal (mastering separation anxiety), due to the parent’s overinvolvement and intrusiveness (when the parent is needful) and infantalization of the child, the parent has some tendency to disrupt the child’s natural urges to explore the world« (ebd. 1995, S. 73). 52 S. Glickauf-Hughes und Wells (1995, S. 4ff.) zu Entwicklungsbedingungen für eine geringe Selbstachtung. 4.5 Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen 83 Diese Beeinträchtigung hängt von dem Ausmaß ab, mit welchem sich die Eltern dem Kind gegenüber vorwurfsvoll, überkritisch, kontrollierend, unberechenbar verhalten und das Kind als narzisstisches Objekt missbrauchen. Beispielsweise wird die Selbstachtung geschwächt durch überhöhte Anforderungen der Mutter oder wenn diese überkritisch und entwertend ist (Hauser 2007). Denn dadurch erlebt das Kind kaum Erfolgserlebnisse. Zeitgleich befürchtet das Kind, durch sein von der Mutter als mangelhaft gespiegeltes Verhalten, die Liebe der Mutter zu verlieren (ebd.). Jedoch ist für die kindliche Über-Ich-Entwicklung die mütterliche Empathie und Konsistenz sehr bedeutsam. Ansonsten kann es zu einer pathologischen Über-Ich-Entwicklung kommen, mit einem grausamen, fordernden, nach Perfektion strebenden Über-Ich (Kernberg 1988a). Bach (1991) geht davon aus, dass sadomasochistische Beziehungen aus einem Versuch heraus entstehen, die nicht ausreichend abgetrauerten traumatischen Verluste auszugleichen und diese abzuwehren. Diese Verluste in der Kindheit und Adoleszenz können überall entstehen. Beispielsweise durch den Verlust der Eltern, durch den schon oben genannten Liebesverlust (hervorgerufen durch missbräuchliches oder vernachlässigendes Verhalten seitens der Eltern), den das Kind erleidet und aber zeitgleich verleugnet. Diese Verluste können ebenfalls durch Selbstverlust aufgrund von Erkrankung im Kindesalter hervorgerufen werden oder durch traumatische Desillusionierung oder übermannende Kastrationsangst (vgl. hierzu Meyers 1991). Aus dieser Perspektive ist eine sadomasochistische Beziehung »eine Art verleugneter oder pathologischer Trauer, ein sich wiederholender Versuch, den Verlust abzustreiten oder ihn in der Fantasie zu beheben« (Bach 1991, S. 75, Übersetzung C. S.). Die Realität wird verzerrt, das Objekt idealisiert, alles um eine Objektbeziehung herzustellen oder aufrechtzuerhalten. Die Realität kann und will als solche nicht wahrgenommen werden, es wird auf einer verzerrten idealisierten Objektwahrnehmung bestanden. Sonst droht die (reale oder fantasierte) Gefahr, dass das Objekt durch die aufgestaute Aggression Schaden erleidet.53 53 Insbesondere ist dies dann ein Mechanismus, der bei Perversionen auf dem Borderline-Niveau festzustellen ist (Bach 1991, Kernberg 1988a, 1998). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 84 Traumata, frühe Deprivation und damit einhergehende leidvolle Beziehungen zu Bezugspersonen sind also eine Ursache für eine spätere Entwicklung einer masochistischen Persönlichkeit (Gabriel/Beratis 1997,54 Menaker 1995).55 Die traumatischen Erlebnisse werden depressiv verarbeitet. Es entstehen Schuldgefühle, Angst, Fehler zu machen, sich schuldig zu machen und daher der Versuch, es allen recht machen zu wollen und alles Negative gegen die eigene Person zu wenden. Die vorherigen Ansätze beziehen sich primär auf die Genese der masochistischen Persönlichkeit. Aber auch bezogen auf die Perversionsgenese, also den sexuellen Masochismus, betrachtet Mentzos (2003) eine nicht glücklich gelöste Mutterbeziehung als mitursächlich (vgl. Kerz-Rühling 1991). Diese Nicht-Ablösung führe zu Vernichtungs-, Todes-, Trennungsund Verschmelzungsängsten (ebd., S. 206). Und Mentzos sieht wie Morgenthaler (1974, mehr dazu weiter unten) einen strukturellen Mangel als wesentlichen Bestandteil der Perversionsgenese. Gleichfalls sieht Khan (2002/1983) eine spezielle Mutter-Sohn- Beziehung als Ursache für eine spätere Perversion. Diese spezielle Beziehung sei zu sehr bestimmt von übergroßer Liebe, Fürsorge und Intimität, das heißt »(…), dass Kinder, die später eine perverse Sexualität ausbilden, Mütter hatten, die zu ihnen eine Art Übergangsobjektbeziehung herstellten und nicht eine wirkliche Objektbeziehung. Die Identifikation mit dieser Beziehung führte zur Ausbildung eines starken und dissoziierten Selbstanteils« (Becker 2001, S. 426). So dient nun der Masochismus der Abwehr sadistischer, introjizierter Liebesobjekte.56 54 »(…) whenever the patient was threatened by separation anxiety he resorted to erotogenic masochism so as to handle the trauma of separation and maintain his self integrity« (Gabriel/Beratis 1997, S. 231). 55 Wie zum Beispiel auch Stoller (1979), der Perversion als erotische Form des Hasses versteht. Durch die Erotisierung wird Feindseligkeit gebunden, die durch Traumata entstanden ist. 56 Nach Winnicott (1971) steht das Übergangsobjekt für die Brust oder für das Objekt der ersten Beziehung. In der Beziehung zum Übergangsobjekt gelangt das Kind von der (magischen) Kontrolle durch Allmachtsfantasien nun zu einer Kontrolle unter anderem mittels Muskelerotismus und einer Koordinationslust. Ein Übergangsobjekt kann zum Fetisch werden. Somit kann das Übergangsobjekt auch noch im Erwachsenenalter weiter vorhanden sein 4.5 Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen 85 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es mitunter um ein Kerndilemma des Menschen geht: Der Konflikt, eigenen Interessen nachzugehen, Bedürfnisse zu befriedigen und dabei den anderen nicht zu verletzen, ihn zu berücksichtigen und auf ihn bezogen zu sein.57 Dieser Konflikt lässt sich nicht gänzlich lösen. Das Durchsetzen eigener Bedürfnisse löst Schuldgefühle aus. Es gilt aber, diese Schuldgefühle zu ertragen (Menaker 1995).58 Der Mensch kann versuchen, ein Gleichgewicht zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen herzustellen. Die Fähigkeit dieses Gleichgewicht herzustellen, hängt von kindlichen Traumata ab. Bei ernsthaften emotionalen Traumata, besonders in der sehr frühen Bezugspersonen- Kind-Beziehung, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dieses Gleichgewicht und ein Merkmal des Sexuallebens des nun mehr Erwachsenen. Das Kind kann aber nur ein Übergangsobjekt benutzen, »wenn das innere Objekt lebendig, real und gut genug ist« (ebd., S. 19). Hier spielt also die von Winnicott sogenannte genügend gute Mutter eine Rolle. Auch besitzt die Mutter eine wichtige Spiegelfunktion, denn sie spiegelt dem Säugling sein eigenes Selbst zurück. Dabei muss die Mutter nicht immer 100% perfekt spiegeln, es gibt eine gute Toleranz für ein Mismatch. Jedoch kann es geschehen, dass auf Dauer die Mutter nicht ad- äquat spiegeln kann. »Viele Kinder müssen aber offenbar über lange Zeit die Erfahrung gemacht haben, nicht das Zurückzubekommen, was sie selbst geben. Sie schauen – und sehen sich selbst nicht wieder« (Winnicott 1971, S. 129). Dies zieht negative Folgen nach sich. So, dass die Kreativität verkümmert; das Kind versucht, auf andere Art von der Umwelt etwas zu erhalten und es entwickelt sich ein falsches Selbst (vgl. hierzu Fonagy/Target 2002). (Das Konzept »falsches Selbst« bei Winnicott ist nicht deckungsgleich mit dem von Fonagy und Target. Auch haben Fonagy und Target nach eigenen Angaben (2002) eine geringfügige andere Auffassung als die bisherigen Auffassungen über Spiegel-Beziehungen). 57 Zur neurotischen Konfliktbearbeitung, darin der depressive Modus, s. Mentzos (2003). Hier wird auch der Zusammenhang mit selbstverletzendem Verhalten deutlich. Siehe auch Rudolf (2000) »Der depressive Grundkonflikt und seine Verarbeitung«. Der masochistische Charakter kann zwischen dem oral-depressiven und dem anal-zwanghaften Charakter eingeordnet werden. So können der sexuelle als auch der moralische Masochismus in Depression umschlagen (Gödde 1983). »Wenn man davon ausgeht, daß der Masochismus und die Depression auf einer oralen Fixierung beruhen, so bestünde ihre Gemeinsamkeit in der Ichschwäche und Abhängigkeit. Während sich der Mensch in einer depressiven Verfassung eingeengt und unfrei fühlt, kann ihm die Paradoxie der freiwilligen Unterwerfung und des demonstrativen Leidens ein Gefühl der Ausweitung und Befreiung verschaffen. Durch die dramatische Darstellung seiner Konflikte gewinnt er Abstand von ihnen« (Gödde 1983, S. 119). 58 »When we put our own needs before those of others we experience guilt« (Menaker 1995, S. 188). Und »Thus, it is the human lot to bear a certain amount of guilt for our selfinterest and a degree of masochism for our concern for others« (Menaker 1995, S. 189). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 86 schwer herstellen zu können und somit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, eine masochistische Persönlichkeit zu entwickeln. 4.6 Masochismus aufgrund narzisstisch gestörter Eltern Aus der selbstpsychologischen Perspektive liegt die Ursache des Masochismus in narzisstisch gestörten und daher unempathischen Eltern.59 Masochismus wird in der Selbstpsychologie als eine innerseelische Regulierungsmaßnahme aufgefasst. Diese Regulierung wird notwendig, wenn das Selbst in seiner Kohärenz bedroht ist. Dies geschieht bei Störungen in selbstobjekthaften Beziehungen. Die Selbstobjekte, also die Eltern oder der Elternteil, leiden unter einer narzisstischen Störung. Daher können sie nicht die notwendige Kohärenz für das Selbst des Subjektes, also des Kindes, vermitteln. Die psychische Einheit ›Selbst-Selbstobjekt‹ droht auseinanderzufallen und damit auch das Selbst (Grunert 1975; zur Entwicklung des Selbst siehe auch Emde/Johnson/Easterbrooks 1990). Denn der Säugling besitzt zunächst ein fragmentiertes Selbst (Kohut 1975). Die Körperwahrnehmungen können nur einzeln wahrgenommen werden. Erst mit zwei Jahren bildet sich ein kohärentes Selbst heraus mittels eines empathischen Selbstobjektes. Der ›Glanz im Auge der Mutter‹ vermittelt dem Kind Stolz, Einfühlung und das Gefühl, gesehen zu werden. Hieraus entwickelt sich das Größenselbst. Diese Entwicklung steht meistens in Zusammenhang mit der Mutter. Zwischen dem 3. und dem 7. Lebensjahr, also in der ödipalen Phase, entsteht das idealisierte Elternimago. Diese Entwicklung steht meistens in Zusammenhang mit dem Vater. Das Kind ist stolz auf seinen Vater, blickt zu ihm auf, idealisiert ihn. Kann der Vater mit der Idealisierung seines Kindes umgehen, diese Idealisierung annehmen und spiegeln, so entwickelt sich das idealisierte Elternimago. 59 Grunert (1975) meint, dass sowohl die klassischen triebdynamischen Annahmen über den Masochismus zu kurz gefasst seien als auch die Theorien der Objektbeziehungspsychologie. Sie würden alle dem Phänomen nicht gerecht werden. Erst mit dem Verständnis der narzisstischen Besetzung fremder Objekte könnten spezifische Selbst-Objekt-Beziehungen besser verstanden werden und damit auch der Masochismus. 4.6 Masochismus aufgrund narzisstisch gestörter Eltern 87 Narzissmus der Selbstobjekte und unreifes Triebleben Empathiemangel der Selbstobjekte Mangelnde narzisstische Zufuhr Anerkennungsdefizit Keine freundliche Selbstbehauptung des Selbst Abgrenzung von Selbst und Selbstobjekt nicht möglich – entweder wegen vorzeitiger Trennung oder verzögerter Ablösung Bedrohliche Teile der Selbstobjekte müssen abgespalten werden, um das Selbst zu erhalten Es kann kein kohärentes Selbst entwickelt werden Gewisse Verhaltensweisen von den Eltern werden als sadistisch wahrgenommen, denn die Verhaltensweisen der Eltern führen zwangsweise zur Verletzung des Selbst Drohender/eingetretener Verlust der psychischen Einheit des Selbst Narzisstische Kränkung, die mit Schmerz, Wut und Scham einhergeht und einem Verlust des narzisstischen Gleichgewichtes Enttäuschung, Ärger, Wut auf Selbstobjekt Abwehr aggressiver Gefühle, aus Angst das Selbstobjekt zu verlieren und damit die Desintegration zu vergrößern Steigende Unlust, Spannung und Erregung Selbstdestruktive Tendenzen, in der Hoffnung auf liebevollere elterliche Zuwendung Versuch mittels Schmerz die Scham und Wut über die narzisstische Kränkung zu bewältigen 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 88 Unterwerfung und Erniedrigung, um das idealisierte und allmächtige Selbstobjekt aufrechtzuerhalten Daher darf Schmerz, Enttäuschung, Aggression nicht gespürt werden Gestaltung einer neuen Beziehung: Selbst beginnt Beziehung zum Selbstobjekt zu verändern, aufzuspalten Kindliches Selbst hat nun Aufgabe übernommen, die bedrohte und unterbrochene Beziehung zum Selbstobjekt aufrechtzuerhalten, zu verbessern und zu regulieren Es breiten sich immer mehr masochistische Elemente aus im Selbst (unabhängig von der Gesamtentwicklung, d.h. Neurose, Psychose, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung) Legierung von Schmerz und Lust: Abgewehrte negative Gefühle werden sexualisiert, damit das Subjekt sie aushalten kann Abb. 1: Genese des Masochismus aus selbstpsychologischer Perspektive (Überblick in Anlehnung an Kohut 1979 und Grunert 1981) Wobei das Kind auch erlebt und erkennt, dass die Empathie der Eltern begrenzt ist, dass sie nicht immer auf gleichem Niveau verfügbar ist. Dies führt zwar zu Frustrationen, sind diese indes nicht allzu groß und nicht ausschließlich, kann das Kind lernen, dass in den Eltern ›gute‹ (empathische) und ›böse‹ (nicht empathische) Anteile vorhanden sind. Im guten Fall kann das Kind die guten und die bösen Anteile zu einem Gesamtbild von Mutter und Vater integrieren. Wenn jedoch die Eltern als empathische Selbstobjekte versagen, kommt es zu einer Spaltung von guten und bösen Anteilen und zu einem Liebesdefizit. Dieses Liebesdefizit löst eine unzureichende Vermittlung von Selbstkohärenz durch die Selbstobjekte aus. Es droht eine Fragmentierung des Selbst oder es tritt tatsächlich ein Verlust der psychischen Einheit auf. Das Kind ist verärgert und enttäuscht über die versagenden Selbstobjekte. Diesen Ärger kann es jedoch nicht gegen die Eltern richten – aus Furcht vor noch größerer Desintegration. Was macht das Kind? Es versucht, den Verlust von Selbstobjekten aufzuhalten, indem das Kind Selbstobjekte verändert und abspaltet, denn das Kind ist abhängig von den Selbstobjekten. Die Beziehung zu dem Objekt wird nun weitergelebt – je- 4.6 Masochismus aufgrund narzisstisch gestörter Eltern 89 doch unter neuen Bedingungen, Einschränkungen und Opfern. Gemäß Kohut kommt zu diesem Prozess noch eine Sexualisierung dieser masochistisch abgewehrten aggressiven Affekte hinzu. Diese Sexualisierung hat die Funktion, Schmerz, Leid, Scham und Wut zu überwinden, welche aus den narzisstischen Kränkungen entstanden sind. Nun ist die Verbindung von Schmerz und Lust vollendet (s. Abb. 1). Masochismus stellt im Sinne der Selbstpsychologie also einen Regulierungsmechanismus dar60, einen Bewältigungsversuch, um die Gefahr des Selbstverlustes, der Desintegration zu entfliehen (Stolorow 1975). Masochismus als ein Antidot, ein Gegengift gleich eines homöopathischen Mittels, 60 Die Regulierungsmaßnahmen des Masochismus dienen nach Grunert (1975) zum Regulieren folgender Begebenheiten: 1. Verschmelzungswünsche und -ängste: Diese wurden ausgelöst durch Störung oder Trennung der psychischen Einheit Mutter-Kind. 2. Loslösungswünsche und -ängste: Diese wurden ausgelöst aufgrund der Unfähigkeit des Selbstobjektes dem Selbst entwicklungsgerechten Freiraum einzuräumen, ihm rechtzeitig Autonomie und Unabhängigkeit zu gewähren. 3. Aufrechterhaltung des Größenselbst und 4. Aufrechterhaltung der frühkindlichen Idealisierung der allmächtigen Selbstobjekte und deren graduellen Realitätsanpassung: »Erfährt das Größenselbst von Seiten des Selbstobjektes nicht genügend Spiegelung und Lob, so reagiert es mit Wut und Scham, wobei die Wut mehr auf die gestörte Omnipotenz, Scham mehr auf die bemängelte Selbstdarstellung, den verletzten Exhibitionismus bezogen sind« (Kohut 1973, S. 550 in Grunert 1975, S. 19). Grunert (1975) schreibt, dass, je mehr ein Patient vom Selbstobjekt gespiegelt wird und sich angenommen fühlt, das heißt auch in seiner Grandiosität bestärkt wird, desto mutiger wird er zur Selbstdarstellung, das heißt zur Schamlosigkeit. Zentral sind also das Gesehenwerden, das Wahrgenommenwerden und damit die Bedeutung des Anderen. (S. auch Kapitel »Masochismus aufgrund des Ringens um Anerkennung«.) 5. Bewältigung der Angst vor Vernichtung: Hier geht es einerseits um die Vorstellung von übernatürlichen Kräften, die einem das Wohlergehen nicht gönnen und einen bestrafen. Die Hybris des Menschen bestrafen, dass er auch ohne Leid leben könne, obwohl er aus dem Paradies vertrieben wurde, da er Sünde auf sich geladen hat. Das Kind nimmt zu Beginn die Eltern als allmächtig wahr, mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, welche über Wohl und Weh des Kindes entscheiden – also ist das Kind zu Beginn ein Spielball von Mächten. Andererseits geht es um archaisch-magische Unglücksbeschwörung und Unglücksherausforderung und provokative Auflehnung, mittels denen geglaubt wird, dass das eigene Verhalten keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen würde, obwohl das Verhalten objektiv dafür Anlass bietet. Dies tritt zum Beispiel bei Menschen auf, die rauchen, stark übergewichtig sind. Oder seltenere Fälle bspw. Jugendliche, die S-Bahn-Surfing betreiben, in der Annahme, dass ihnen nichts passiert, dass sie unsterblich sind oder Freeclimber, die in den Felsen gehen, wissend, dass sie tödlich abstürzen können. Bspw. Dan Osman, ein Speedclimber, der im Jahr 1998 tödlich verunglückte (Wikipedia 2011). Grunert (1975) spricht in diesem Zusammenhang von einer forcierten kontraphobischen Haltung. 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 90 in dem Gleiches mit Gleichem behandelt wird. Der Schmerz wird behandelt mit anderem Schmerz, welcher »verdünnt« wird durch die Sexualisierung. Dieser Regulierungsmechanismus wird notwendig aufgrund einer frühen Deprivation, die zu einer Traumatisierung führte. Diese Traumatisierung findet im Falle des Masochismus in der Entwicklungsperiode der Selbst-Repräsentationen statt, sodass die Entwicklung der Selbst-Repräsentationen beeinträchtigt wird. Als Folge entsteht die Angst vor Selbstfragmentierung. Daher sieht Stolorow im masochistischen Verhalten einen Versuch, genau mit dieser Angst vor Selbstauflösung umzugehen und eine Selbstfragmentierung zu verhindern. Auch dem Orgasmus wird eine Funktion für das Selbst zugesprochen. Wobei Stolorow (ebd.) den Orgasmus in Zusammenhang mit der sadomasochistischen Perversion als janusköpfig bezeichnet: Einerseits beinhaltet der Orgasmus die Gefahr der Fragmentierung und andererseits die Konsolidierung des Selbst. Möglicherweise ist eine Ritualisierung des sadomasochistischen Akts ein Mittel gegen die Bedrohung der Selbstfragmentierung. Ferner erfüllt der Masochismus die Funktion eines Liebessurrogates (Morgenthaler 1974). Dieses gibt Auftrieb, ein Gefühl von Grandiosität und verhilft dem depressiven Selbst nicht einzubrechen.61 Morgenthaler nennt diese Liebessurrogate »Pfropfe« oder »Plomben«, welche Risse im Selbst zusammenhalten und Lücken eines nicht kohärenten Selbst ausfüllen können (s. auch Goldberg 1995).62 So kann allgemein die durch Sexua- 61 Dies hat Implikationen für die Therapie. Denn etwas, das stärkt, Grandiosität vermittelt, wird ungern aufgegeben, wenn nicht ein Ersatz vorhanden ist. 62 Morgenthaler (1974) sieht im Masochismus eine Plombe für die Lücke, die zwischen verschiedenen Selbstanteilen besteht, eine Plombe für ein von Fragmentierung bedrohtem Selbst. Der Schmerz dient bei diffuser oder zerfallender Selbstrepräsentanz, sich doch real und lebendig zu fühlen. Somit ermöglicht der Schmerz, als kohärentes Selbst zu existieren. Diese Masochismusthese kann auf den Zustand von Borderline-Persönlichkeiten bezogen werden. Jedoch lässt sich die Plomben-These nicht generell auf Masochisten anwenden, sondern für Masochisten, die ein Strukturdefizit aufweisen. Wie kommt es aber zu den nicht integrierten Selbstanteilen? Wie Kohut sieht auch Morgenthaler (1974) in der mangelnden Empathie (der Mutter) eine Ursache für eine Störung in der narzisstischen Entwicklung. Durch die mangelnde Empathie erfährt das Kind keine ausreichende Selbsterfahrung seiner selbst. Und ähnlich wie Winnicott im Rahmen seines Konzepts »Übergangsobjekt« (1971, s. auch 1976) meint auch Morgenthaler, dass es eine Entwicklungsherausforderung ist, die subjektive und objektive Realität zu verbinden und anzupassen. Gelingt dies nicht, verharrt 4.6 Masochismus aufgrund narzisstisch gestörter Eltern 91 lität ausgelöste Erregung einem unter Leere leidenden Menschen (temporär) Lebendigkeit vermitteln, wie es zum Beispiel auch bei Narzissten der Fall ist. Jedoch bleibt derjenige stets angewiesen auf ein validierendes Au- ßen, jemand, der für Nachschub an Validierung sorgt. Wobei bezogen auf das Ausmaß der Lücken von einer Abstufungsreihe ausgegangen werden kann, das heißt von vorhandenen Mikroplomben bis hin zum Vorliegen einer schweren pathologischen psychischen Defektentwicklung (Beier 1994). Unabhängig vom Ausmaß der Lücke, kann eine »forcierte Sexualisierung« (Beier 1994, S. 19) eine fragile Identität stabilisieren und die damit einhergehenden Ängste abwehren. Durch diese Sexualisierung (sind) »(d)ie Konflikte (…) in der Sexualität thematisiert und dort ausreichend gebunden (…)« (Beier 1994, S. 11). Losgelöst von einer Sexualisierung kann im Allgemeinen der Masochist sich durch seinen Masochismus eine Identität verschaffen; zwar eine masochistisch-negative Identität, aber immerhin eine Identität (Sacksteder 1989). Diese ist für einen hohen Preis erkauft, aber es scheint für manche die sinnvollste Möglichkeit zu sein, ein eigenständiges Selbst aufbauen und halten zu können (ebd.).63 Wie gerade dargelegt führt eine unzureichende Spiegelung in der frühen Kindheit zu einem Mangel in Form eines nicht entwickelten empathischen inneren Objekts. So beruht die »(m)asochistische Phantasietätigkeit als Kompensation für den Ausfall des empathischen Objekts in der frühen Kindheit und das dadurch entstandene strukturelle Defizit« (Rohde- Dachser 1986, S. 44).64 Rohde-Dachser spricht daher in diesem Zusamdas Kind zu lange in seiner subjektiven Realität (vgl. hierzu auch die Entwicklungsphasen hin zur Mentalisierungsfähigkeit Fonagy et al. 2006). Früher oder später wird es aber mit der objektiven Realität konfrontiert. Das Kind hat jedoch nun nicht die Fähigkeit entwickelt, die objektive Realität zu integrieren. So existieren also unterschiedliche Selbstanteile; Selbstanteile, die in der subjektiven Realität beheimatet sind und jene, die der objektiven Realität zugeordnet sind (Morgenthaler 1974). 63 Diese Funktion des Masochismus kann im Sinne von Eriksons Konzept der negativen Identität (1956) interpretiert werden. 64 Diese Traumatisierungen können kompensiert werden durch die Größenfantasien. Wobei diese nicht nur stützen, sie können selbst das Objekt unter Druck setzen durch überhöhte Ansprüche. Und es besteht stets die Gefahr, dass die Größenfantasien in Selbstverachtung umkippen (s. Mertens 2005, S. 158). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 92 menhang von Masochismus als Ringen um Empathie. Im folgenden Kapitel geht es um Masochismus als Ringen um Anerkennung (Benjamin 1990). 4.7 Masochismus aufgrund eines mangelnden eigenen Raumes Aus einer relationalen Perspektive, verbunden mit Erkenntnissen aus der psychoanalytischen Entwicklungstheorie, entsteht Masochismus aufgrund eines mangelnden eigenen Raumes. Durch eine Fehlabstimmung zwischen der Mutter und dem Kind entsteht ein falsches Selbst (Fonagy 2006), welches einen Ausdruck findet im Masochismus und gleichzeitig bekämpft wird durch masochistisches Verhalten. Bei Untersuchungen entdeckte Bowlby (2006) die Auswirkungen von Trennungen in der Kindheit. Sowohl die physische als auch die psychische Abwesenheit der primären Bezugsperson kann traumatisch für das Kind sein.65 Das Kind kann Ängste entwickeln wie Angst vor Liebesverlust, Angst vor Objektverlust und Angst vor Überwältigung durch das Über- Ich. Ferner entsteht ein spezifisches Bindungsmuster des Kindes aus der Internalisierung von Verhaltensmustern der Bezugsperson(en)66, wie diese 65 Das zentrale Merkmal des inneren Arbeitsmodels betrifft die erwartete Verfügbarkeit der Bindungsfigur. Bowlby hält auch ein komplementäres Arbeitsmodell des Selbst für möglich. Dessen entscheidendes Merkmal ist, inwieweit sich das Kind von der Bindungsperson akzeptiert fühlt oder nicht. Ein Kind, dessen inneres Arbeitsmodell von der Bindungsfigur auf Ablehnung ausgerichtet ist, wird nach dieser Theorie auch ein entsprechendes Arbeitsmodell eines nicht liebenswerten, unwerten und fehlerhaften Selbst entwickeln« (Fonagy/Klostermann 2006, S. 19). 66 Brenk (2005) sagt, dass »(s)ehr spezifische sexuelle Verhaltensweisen, wie sexuelle Kontrolle, Dominanz, Unterwerfung (…) bisher noch nicht allzu häufig in empirischen Studien betrachtet (wurden)« (ebd., S. 108). Sie kommt bezüglich Bindung und spezifischer Sexualverhaltensweisen, hier Kontrollverhaltensweisen und anderen, zu dem Ergebnis, dass vermeidend-gebundene Personen über ein häufigeres Kontrollübernahmeverhalten beim Sex berichten als sicher gebundene Probanden. Die Sicher-Gebundenen berichten, sich häufiger ohne Hemmungen dem Partner hingeben zu können. So unterscheiden sich die Gruppen sowohl in sexueller Kontrollübernahme als auch hinsichtlich der hemmungsfreieren sexuellen Hingabeverhaltensweisen (Brenk 2005, S. 95). Zu Bindung und Sadomasochismus vgl. auch die Studie von Rathbone (2001) und als Studie mit sozialpsychologischer 4.7 Masochismus aufgrund eines mangelnden eigenen Raumes 93 mit dem Kind bei Disstress umgehen. Denn in Disstress-Situationen der Eltern laufen die Eltern Gefahr, von eigenen Affekten überflutet zu werden und, dass es ihnen nicht mehr so möglich ist, die Affekte des Kindes zu spiegeln (Fonagy 2006), wobei genau eine Affektmarkierung bedeutsam ist. Denn das Baby kann seine Affekte noch nicht regulieren, da es noch keine Affektrepräsentationen besitzt. Daher spielt die Bezugsperson bei der Affektregulierung eine tragende Rolle. Die Bezugsperson markiert die Affekte des Babys: Die Affekte werden nicht 1:1 wiedergegeben, sondern die Bezugsperson mischt in die Spiegelung etwas hinein, sodass dem Baby deutlich wird, dass dies zwar nun sein Affekt ist, aber dieser nicht mehr als vom Baby überwältigend wahrgenommen wird. Laut Fonagy und Target (2007) entsteht das fremde Selbst durch eine pathologische Affektspiegelung. Zu den pathologischen Affektspiegelungen gehören: Zum einen die 1:1-Spiegelung des Affektes des Kindes. Die Bezugsperson wird selbst von dem Affekt des Säuglings überwältigt und gibt denselben Affekt identisch dem Kind zurück, das heißt, es findet keine Affektmarkierung statt. Zum anderen die zwar markierte Affektspiegelung, die aber nicht kontingent ist, das heißt, der Säugling erhält einen anderen und nicht seinen Affekt gespiegelt. Um diese Nichtübereinstimmung zu bewältigen, wird der eigene Affekt als falsch deklariert und der von der Bezugsperson als der wirkliche. »Der Säugling, der sich selbst in der Mutter nicht finden kann, findet statt dessen die Mutter (Winnicott, 1967)« (Fonagy/Target 2007, S. 376). Der Masochist leidet unter einem »falschen Selbst«, da der Masochist noch keine Erfahrung mit dem eigenen Begehren machen konnte; dem Begehren, welches aus seinem Inneren entspringt (ebd.). »Wenn eine Mutter oder ein Vater keine Vorstellungen darüber haben, welche mentale Erfahrung das Kind macht, entziehen sie dem Kind die Grundlage für ein tragfähiges Gefühl seiner selbst« (Fonagy/Target 1995 in Fonagy/Target 2001, S. 965). Ihm fehlt es dafür in seiner Entwicklung an einem eigenen Raum. Und nach dieser Erfahrung mit dem eigenen Begehren sehnt sich nun der Masochist. Perspektive mit gegenteiligem Ergebnis, möglicherweise aufgrund der unterschiedlichen Erfassungsmethoden, siehe Witte, Poser und Strohmeier (2007). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 94 Gemäß Ghent (1990) gleicht der Masochismus dem Versuch einer Entdeckung des Selbst in einem Raum, den der Andere dem Masochisten zuweist. Der Masochist fühlt sich nicht selbstwirksam, das heißt, er erlebt seine Handlungsweisen nicht aus ihm herauskommend, sondern aufgrund eines äußeren Impulses. Denn von sich aus verfügt er über keine oder nur über eine mangelnde Selbsttätigkeit. Er ist oder fühlt sich handlungsunfähig. Indem der Masochist die Kontrolle anderen überlässt, kann er hoffen, den »sicheren« offenen Raum zu finden, wo er sein schützendes falsches Selbst aufgeben kann. Das Loslassen des falschen Selbst in einem sicheren Raum würde die Entwicklung eines noch verdeckten, aber in den Ansätzen schon existenten Selbst ermöglichen (ebd.). Somit ist der Masochismus Ausdruck für die Unfähigkeit, eigene Wünsche und Selbsttätigkeit zu leben (Benjamin 1990). Laut Benjamin (1990) ist der Wunsch nach Unterwerfung ein Wunsch nach Anerkennung. Die Anerkennung ist für das ganze Leben essenziell, nicht nur für eine bestimmte Phase. Benjamin entwirft das Bild, dass die Anerkennung im Leben wie das Sonnenlicht für die Fotosynthese sei. Oder wie es Mitchell formuliert: »Zum vollwertigen menschlichen Wesen gehört es (…), von anderen menschlichen Subjekten als Subjekt anerkannt zu werden« (Mitchell 2003, S. 108). Was bedeutet diese (gegenseitige) Anerkennung? Bei der gegenseitigen Anerkennung beziehen sich die Personen aufeinander, sie wissen über ihr gegenseitiges Angewiesensein. Gleichzeitig wissen sie, dass sie voneinander getrennt sind (Altmeyer 2004). Die Differenzierung war erfolgreich, das heißt, das Individuum hat ein Selbst entwickelt, welches sich seiner Verschiedenheit vom Anderen bewusst ist. Der Begriff der »gegenseitigen Anerkennung« wird für die Beschreibung frühester Erfahrungen immer wichtiger. Denn im Gegensatz zu Mahler (1978), die von einem anfänglichen autistischen Stadium des Säuglings ausging, widersprechen heute die Ergebnisse der Säuglingsforschung Mahlers Annahme. Vielmehr nimmt von Anfang an der Säugling an Interaktionen teil und gestaltet diese auch mit (Benjamin 1990, Dornes 2001, Stern 2007), der Säugling wird immer aktiver und selbstständiger in Beziehungen (s. bspw. Gergely 1998, Köhler 1990). 4.7 Masochismus aufgrund eines mangelnden eigenen Raumes 95 Jedoch kann im Prozess der Differenzierung die Balance der Anerkennung gestört werden.67 Daraufhin droht die Spannung von Selbstbehauptung und Anerkennung zu platzen. Beispielsweise indem Eltern dem Kind keine Grenzen setzen, ihm alles gewähren, entfällt dem Kind »der Andere« und damit die Möglichkeit, den Prozess der Differenzierung zu durchlaufen. Das Kind fühlt sich alleingelassen und flieht in Allmachtsansprüche. Dies kann das Kind unter enormen Druck bringen. Zur Entlastung entsteht dann möglicherweise ein Bedürfnis, sich in Abhängigkeit begeben zu dürfen, damit die Last des Allmachtsanspruches und des Alleinseins wenigstens temporär genommen wird. So können sich später Fantasiethemen bezüglich Dominanz und Unterwerfung einstellen, als Ausdruck des Wunsches nach Unabhängigkeit und Anerkennung. Die Idee der gegenseitigen Anerkennung verdeutlicht Hegel (2008/1807) mit seinem Herr-Knecht-Dilemma.68 »Das Verlangen nach absoluter Selbstständigkeit kollidiert nach Hegel mit dem Wunsch des Selbst nach Anerkennung. (…) Ein jedes existiert nur, indem es für das andere existiert, das heißt, 67 »Wird in der Persönlichkeitsstruktur angelegte Dominanz der Aggression durch eine angeborene Disposition zu aggressiven Reaktionen, durch ein frühkindliches Trauma, massiv pathologische frühe Objektbeziehungen, körperliche Krankheit oder durch Mißbrauchserfahrungen sexueller oder physischer Art intensiviert, dann kann sich daraus eine spezielle Aggressionspathologie entwickeln. Dazu gehört, wie wir bereits gesehen haben, die paranoide Persönlichkeit, ebenso die Hypochondrie oder der Sadomasochismus, die alle auch kennzeichnend für eine Untergruppe der narzißtischen Persönlichkeitsstörung sein können« (Kernberg 2006a, S. 36f.). Aus einer intersubjektiv-relationalen Sichtweise entsteht der pathologische Narzissmus aufgrund des bedrohlichen Gefühls verweigerter Anerkennung (Altmeyer 2004, S. 227). Die gegenseitige Abhängigkeit wird bewältigt entweder durch eine narzisstische Allmacht, in der über das Objekt verfügt wird oder es findet eine narzisstische Symbiose statt, das heißt, eine Verschmelzung mit dem Objekt. Beim gesunden Narzissmus findet eine Anerkennung statt, und das Aushalten von Gegensätzen wie das Getrenntsein-Miteinandersein, in Beziehung sein, aber auch selbstständig sein« (Mitchell 2003, S. 190). 68 Lotringer (1988) meint, der Sadomasochismus versucht die Dialektik von Herr und Knecht aufzuheben. »Der Sklave konkurriert nicht mit seinem Meister; er fordert vielmehr mit dessen Hilfe seine eigenen Grenzen heraus. Die beiden Konfigurationen überlappen sich, beide streben danach, jeder für sich die eigene Einzigartigkeit zu verwirklichen« (Lotringer 1988, S. 22, in Simon 1995, S. 115). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 96 indem es Anerkennung findet« (Benjamin 1990, S. 34). Das Selbst benötigt für die Bestätigung der eigenen Existenz ein Gegenüber, auf das es einwirken kann und so Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren kann. Ein Feld spannt sich auf zwischen der Selbstbehauptung und der Anerkennung, zwischen Selbst und dem Anderen. Wenn aber der Andere völlig kontrolliert ist, dann existiert er nicht mehr. Dies geschieht beispielsweise am Ende von Die Geschichte der O (Réage 1967/1994). O wird von Sir Stephen verlassen, denn O hat den Konflikt von Wunsch nach Autonomie und den Wunsch nach Anerkennung durch absolute Selbstverleugnung gelöst (Benjamin 1990). Dadurch besitzt O überhaupt keinen eigenen Willen mehr, sie ist zu einem Nichts geworden und kann damit auch Sir Stephen nicht mehr anerkennen (ebd.). 4.8 Masochismus aufgrund soziokultureller Bedingungen Der fehlende eigene oder nicht ausreichend ausgebildete eigene Raum sowie das Gefühl mangelnder Selbstwirksamkeit können neben den bereits genannten Gründen zusätzlich kulturell mitbedingt sein. So kann eine aufgrund von soziokulturellen Bedingungen mangelnde Unterstützung im Selbstverwirklichungsprozess masochistisches Verhalten begünstigen. Dies bezieht sich beispielsweise auf die Rolle, die jemandem in einer Gesellschaft zugewiesen wird, welche Möglichkeiten ihm gegeben werden, ein freies und selbstbestimmtes Leben führen zu können (s. auch Kap. 3). Horney (1951/2004) betont solche Umwelteinflüsse. Ihr Menschenbild sieht den Menschen als einen nach Selbstverwirklichung Strebenden. Werden diese Strebungen gefördert durch einfühlende, zugewandte Bezugspersonen, so kann sich der Mensch gesund entwickeln. Werden jedoch diese Strebungen gehemmt, führt dies zu einer Entfremdung von sich selbst. Dies stellt dann den Kern der Neurose dar (Ermann 2009). Damit argumentiert Horney (1935) zum Beispiel gegen einen der Frau (damals angenommenen) immanenten Masochismus. Vielmehr sei die sozioökonomische Inferiorität die Ursache für weibliches masochistisches Verhalten. Aufgrund der Stellung in der Gesellschaft, der finanziellen Abhängigkeit vom Mann ist es der Frau nicht möglich, ein eigenes Leben zu 4.9 Masochismus aufgrund von Grundängsten 97 entfalten, nach den eigenen Interessen und Bedürfnissen das Leben zu gestalten. Daher kann für die Frau keine Selbstverwirklichung stattfinden. Anstelle der Frau lebt der Mann stellvertretend die Selbstverwirklichung aus (vgl. hierzu Kap. 3.2.3 sowie das Konzept der Kollusion bei Willi 2008). Horneys Ansichten lassen sich heute auf beide Geschlechter verallgemeinern. Wenn ein Mensch in einem einengenden Abhängigkeitsverhältnis existieren muss – dies kann sowohl die private als auch die berufliche Welt betreffen – so kann er sich selbst nicht (so) entfalten, muss sich nach dem Anderen ausrichten, sich unterwerfen. Dies kann masochistisches Verhalten fördern. 4.9 Masochismus aufgrund von Grundängsten Aber nicht nur soziokulturelle Bedingungen behindern den Menschen, sich selbst zu entwickeln, sondern im weiteren diverse Ängste. Horney (1951) geht davon aus, dass Masochismus aufgrund von Grund- ängsten ausgelöst wird.69 Diese Grundängste werden hervorgerufen von feindseligen Interaktionen (vgl. Kapitel »Masochismus aufgrund von Traumata«). »Neurotische Entwicklungen sind demnach immer das Ergebnis feindseliger interpersoneller Prozesse, nämlich der Erfahrung von Kälte und Feindseligkeit in der frühen Entwicklung. Dadurch werden Grundängste fixiert. Die Abwehr dieser Grundängste bewirkt, dass der Mensch sich von seinen Potentialen und seiner Kreativität – ja, von sich selbst entfernt« (Ermann 2009, S. 36). Diese Ängste werden hervorgerufen durch eine nicht förderliche frühe Interaktion mit der Bezugsperson. Nun leidet der Mensch unter den Ängsten, den Gefühlen von Hilflosigkeit, die auch Irrationalität hervorrufen. Als Gegenmittel wird versucht, diesen negativen Erscheinungen Herr zu werden, mittels Rationalisierung, Leugnung, Betäubung oder eben der Vermeidung – wie zum Beispiel der Vermeidung von Erfolg. Eine innere Tendenz »sich selbst schwächer statt stärker und unglücklicher statt glücklicher zu machen« (Horney, 1951, S. 251) führt zu einem Abtreten einer selbstbe- 69 Wie Horney meint auch de Wind, dass »(f)ast alle Perversen sind ängstlich, etwas zurückgezogene Menschen, die einen Mangel an Selbstvertrauen haben und nicht wagen, den ihnen zukommenden Platz im Leben zu erobern« (de Wind 1971, S. 4). 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 98 stimmten, aktiven Lebensgestaltung. Der Mensch zieht sich ins Leiden zurück, es wird zu seiner Form der Lebensgestaltung. Anstatt, dass der Mensch sich progressiv verhält, weicht er den zu bewältigenden, ihn voranbringenden Aufgaben aus. Er sieht von konstruktiver Aktivität ab, scheut den Wettbewerb und den Erfolg (vgl. hierzu auch Greenacre 1960).70 Diese Zurückhaltung hält den Menschen davon ab, etwas zu wagen. Das Leben wird ärmer, da die Person sich von vielen Möglichkeiten selbst abschneidet. Denn, um erfolgreich zu sein, müssen Dinge gewagt werden und auch Mühen auf sich genommen werden (Horney 1951). Der Mensch ist ein Gefangener seiner Ängste und hemmt sich dadurch in seinem Fortschreiten. Diese Ängste sind die Angst vor Liebesverlust, Angst vor Erfolg, damit einhergehend die Angst vor Vergeltung und aber trotzdem auch die Angst vor Misserfolg. Die Angst vor Erfolg resultiert aus der Angst vor dem Neid anderer. Denn dieser Neid würde einen Liebesverlust nach sich ziehen (ebd.). So lautet die Lebensmaxime: Sei unauffällig und bescheiden, falle nicht auf und unterscheide dich nicht von den anderen. Der Mensch bewegt sich dann nur in dem klein abgesteckten, konventionellen Rahmen. Er vermag nicht, diesen Rahmen zu sprengen, aus ihm herauszutreten und muss demgemäß, die ihm zugedachte (traditionelle) Rolle erfüllen. In diesem Prozess der (Selbst-)Verkleinerung beginnt die Person sich selbst zu unterschätzen, sich minderwertig zu fühlen. Sie nimmt eine inferiore Rolle gegenüber anderen ein und hemmt ihren Ehrgeiz, den sie aber zur Bewältigung von Wettbewerbssituationen benötigen würde. Denn für Leistung wird Selbstvertrauen benötigt, welches jedoch durch Selbstverkleinerung herabgesetzt wird. Es entwickelt sich ein Teufelskreis, der zu einem Scheitern am Erfolg führt und ein erfolgreiches Leben verhindert.71 Dieser Ablauf wird nach dem Circulus vitiosus des neurotischen Strebens von Macht, Ansehen und Besitz nach Horney (1951/2004) mit der Abbildung »Prozess des Scheiterns« verdeutlicht (Darstellung C. S.) (s. Abb. 2). 70 Aus einer feministischen Perspektive siehe auch Lüpsen (1987) »Von den Scheiterhaufen zum heutigen Scheitern von Frauen«. 71 »Neurotic mediocrity is at issue when, for neurotic reasons, a person, though able to perform adequately, is obviously unable to function up to his or her potential« (Schafer 1988, S. 81). 4.10 Masochismus aufgrund von Sprachverwirrung und Delegation 99 Abb. 2: Prozess des Scheiterns 4.10 Masochismus aufgrund von Sprachverwirrung und Delegation Ferenczi (1933) thematisiert die Sprachverwirrung, die der Erwachsene für das Kind erzeugen kann. Die Verwirrung entsteht dadurch, dass das Kind die Sprache der Zärtlichkeit spricht, das heißt die Zärtlichkeit sucht und der Erwachsene jedoch mit der Sprache der Sexualität (möglicherweise) antwortet, was für das Kind etwas Brutales darstellt. Dieses Gewalttätige dringt in das Kind ein, bemächtigt sich des Kindes. Wie kann nun das Kind mit dieser Bemächtigung umgehen? Wie gegen etwas als so gewaltig Empfundenes sich wehren? Es unterwirft sich. So kann eine möglicherweise vorhandene Sprachverwirrung eine masochistische Entwicklung mit begünstigen. Ängste Streben nach Macht Minderwertigkeitsgefühle Tendenz, dem Wettbewerb auszuweichen und Selbstverkleinerungstendenz Mangelndes Selbstvertrauen Misserfolge und Diskrepanz zwischen Möglichkeiten und der tatsächlichen Leistung Neid auf andere Flucht in grandiose Ideen Furcht vor Neid von anderen Verstärkte Empfindlichkeit Angst und Feindseligkeit und verminderte Selbstachtung 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 100 Auch durch Delegation der Eltern kann Masochismus entstehen. Die Eltern delegieren an das Kind eigenes Unbegreifliches und Unbegriffenes. Ihre Aufgabe, das eigene Unbegriffene selbst zu interpretieren, soll das Kind lösen. Unausgesprochenes der Eltern wird tradiert (zur Auswirkung von Tradierungen vgl. auch Bude 1995) und gleicht einem gewalttätigen Eindringen. Gegen die elterliche Delegation kann sich das Kind zum Beispiel wehren durch eine Gegenidentifikation, das heißt, es wird genau das Gegenteil von dem, was die Eltern intendieren. So kann es sein, dass die Eltern ein Kind erziehen wollen, dass stark ist, da sie selbst schwach sind und das Kind nun aber in das Gegenteil verfällt, es wird selbst devot und passiv. Oder das Kind wehrt sich nicht gegen die Delegation und trägt unbewusst stellvertretend für die Eltern ihre delegierte Schuld ab und leidet für sie und straft sich, anstatt, dass die Eltern sich selbst strafen und an ihrer Schuld arbeiten. Es übernimmt die Rolle des Sündenbocks und des Gedemütigten (Richter 1963). 4.11 Masochismus aufgrund rätselhafter Botschaften der Eltern War Freuds Verführungstheorie eine spezielle Verführungstheorie und in diesem Rahmen auch Ferenczis (s. o.), so ist die von Laplanche (1988) eine allgemeine Verführungstheorie. Diese Theorie entspringt der anthropologischen Grundsituation, dem asymmetrischen Verhältnis von Erwachsenen und Kleinkind (Laplanche 2004). Diese Theorie unterscheidet sich somit zur speziellen Verführungstheorie. Denn die allgemeine Verführungstheorie bildet einen universalen Ablauf ab, der durch jede Mutter-Kind-Interaktion entsteht. Er lässt sich demzufolge nicht verhindern. Im Gegensatz dazu ließe sich die von Ferenczi oben erwähnte Sprachverwirrung verhindern. Bei Laplanche geht es um die Übersetzung der geheimnisvollen Botschaften der Eltern, den sogenannten enigmatischen Botschaften. Diese sind für das Kind rätselhaft, da sie vom Unbewussten der Eltern ausgehen. Das Unbewusste der Eltern sendet kompromisshaft gebildete Botschaften an das Kind, die dann im Kind Spannung erzeugen. Das Kind weiß jedoch nicht, woher diese Spannung herrührt. Es versucht diese Spannung zu 4.11 Masochismus aufgrund rätselhafter Botschaften der Eltern 101 übersetzen und sucht nach einer Ausdrucksform.72 Einen Teil der enigmatischen Botschaft vermag das Kind zu übersetzen, der unübersetzbare Teil bildet dann sein Unbewusstes und damit die Grundlage für das Geheimnisvolle seiner Sexualität.73 Dies kann eine Ursache für die Genese des Masochismus sein, ohne zu wissen, woher er kommt. »Ich wurde gar nie von meinen Eltern geschlagen. Ich weiß gar nicht, woher diese Fantasien kommen.« Denn aufgrund der unmentalisierten Sexualität der Eltern bleibt die Sexualität des Kindes auch unmentalisiert.74 Die Eltern kommentieren und fühlen sich nicht in die Sexualität ihrer Kinder ein, so bleibt dieser Bereich stets unmentalisiert, trieb- und rätselhaft. »Because emotion regulation arises out of the mirroring of affect by a primary caregiver and sexual feelings are unique in that they are systematically ignored and left unmirrored by caregivers, sexual feelings remain fundamentally dysregulated in all of us« (Fonagy 2008, S. 11). 72 »Dabei greift das Kind auch auf kulturelle, mytho-symbolische Codes zurück« (Laplanche 2004, S. 898). Und daraus abgeleitet, als These, könnte das Zurückgreifen auf diese kulturellen, mytho-symbolischen Codes auch ein Zurückgreifen auf einen »masochistischen« Archetypus sein. 73 »(S)exuelle Phantasien (entstehen) nicht autochthon im Kind, sondern aufgrund einer ›Urverführung‹, d.h. die Prägung eines unspezifisch gedachten körperlichen Bedürfnisses geschieht anhand der vor allem unbewussten sinnlichen und sexuellen Phantasien der Eltern über ihr Kind. Die Erwachsenen erzeugen mit ihren zum größten Teil selbst unbewusst bleibenden sexuellen Phantasien auf einer nichtdeklarativ prozeduralen Ebene rätselhafte Botschaften im Unbewusstsein des Kindes, die sich erst nach und nach als leidenschaftliche und triebhaft bestimmte Wünsche und Tagträume im Kind konkretisieren. Dies stellt eine unbewusste Übermittlung rätselhafter, weil den Eltern selbst nicht bewusster Botschaften in einer prinzipiell asymmetrischen unbewussten Kommunikations- und Interaktionsbeziehungen dar und lässt sich mit modernen, nichtlinearen systemtheoretischen Konzeptionen von Intersubjektivität in Übereinstimmung bringen (z.B. Beebe 2004)« (Mertens 2006a, S. 28). 74 Mentalisieren ist die »Fähigkeit, sich mentale Zustände im eigenen Selbst und in anderen Menschen vorzustellen« (Fonagy et al. 2006, S. 31) und so eigenes und fremdes Verhalten sich als sinnhaft zu erklären und damit verstehen zu können. Mentalisierung schützt vor überwältigenden Affekten und bildet einen Puffer zwischen Fühlen und Handeln. Die Mentalisierung hängt von den »frühen sozialen Beziehungen« (ebd.) ab und der Affektregulierung und des richtigen Spiegelns des Kindes durch die Eltern (s. hierzu auch Kap. 4.7). Dies bedeutet, dass die Mentalisierungsfähigkeit sich nicht einfach im Zuge des Heranwachsens entwickelt. Es können in dieser Entwicklung Störungen auftreten, wobei eine eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeit beispielsweise durch eine therapeutische Beziehung nachentwickelt werden kann. Ferner kann es im Leben allgemein zu einer passageren Beeinträchtigung der Mentalisierung unter gewissen Umständen kommen. 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 102 Im Modell von Fonagy et al. (2006) entwickelt sich das psychische Selbst über drei unterschiedliche Mentalisierungsmodi hinweg: psychische Äquivalenz, Als-ob-Modus und Reflexionsmodus. Im Modus der psychischen Äquivalenz herrschen subjektive Vorstellungen und Fantasien, die Wirklichkeitsstatus besitzen. Das, was im Inneren an Wahrheit existiert, ist auch im Äußeren. Die Fantasien erlebt das Kind als real. Dieser Modus ist in den ersten Lebensjahren stark ausgeprägt und kann bei der Masochismusgenese von Bedeutung sein. Zu diesem Zeitpunkt können Fantasien über Bedrohliches, über Monster große Ängste und Leid verursachen. Das Kind kann in diesem Modus weder seine Affekte noch sein Verhalten erklären, es benötigt dafür die Affektregulierung und das kontingente und kongruente Spiegeln durch die Bezugsperson. Möglicherweise findet just im Zustand großer Angst eine indirekte unbeabsichtigte Affektregulierung in der Form statt, dass gerade vorhandene Ängste durch schöne Gefühle (beim Wickeln etc.) reguliert werden. So werden diese Ängste möglicherweise dann als gut und zu sich gehörend wahrgenommen. Möglicherweise findet darüber hinaus beim Wickeln oder durch motorische Bewegungen zusätzlich eine Vorstufe zur Sexualisierung von Angst und Schmerz statt. Eine andere Variante ist, dass eine Bezugsperson direkt die Affekte des Kindes falsch spiegelt, dem Kind vermittelt, alles sei nicht schlimm und ein bisschen Gruseln doch Lust mache. Unmentalisierte Sexualität ist aber nicht per se schlecht. Bis zu einem gewissen Grad ist sie sogar notwendig. Denn unmentalisierte Sexualität erzeugt auch Aufregung, Erregung und Spannung. Denn ist die Sexualität zu vertraut, wird sie langweilig. Indem zu viel über Sexualität gesprochen wird, kann dies den Zauber der Sexualität nehmen. Daher kann ein Schweigen in diesem Bereich auch dem Schutz des Eigenen dienen, dem Schutz des Unmentalisierten vor der Mentalisierung. 4.12 Zusammenfassung Es gibt mehrere Phasen der Theoriebildung über psychischen und sexuellen Masochismus: Die Trieb- und Strukturpsychologie mit den Erklärungskonzepten von polymorph-perversen Partialtrieben, Todestrieb und Kastrationskomplex. Dann die Ichpsychologie, die den Fokus auf die Abwehrfunktionen des 4.12 Zusammenfassung 103 Masochismus legt. Standen bei der Ichpsychologie noch postödipale Aspekte im Vordergrund betonen nun die Objektbeziehungstheorien die präödipalen Entwicklungsprozesse. Heute geht man davon aus, dass eine Genese des Masochismus in allen Entwicklungsphasen entstehen kann (Blum 1991). Die Selbstpsychologie legt ihren Erklärungsschwerpunkt auf unempathische, da narzisstisch gestörte Selbstobjekte und die relationalen und intersubjektiven Ansätze versuchen das Phänomen Masochismus mit dem Ringen um Anerkennung zu erklären. Freud ging im Rahmen seiner Sexualtheorie von Trieben aus, und sah Sadismus und Masochismus als Partialtriebe an. Mit seiner Todestriebtheorie stellt er dann die Vermutung auf, dass (verkürzt gesagt), ein Ursadismus sich nicht nach außen ventilieren darf und nun sich gegen die eigene Person in Form von Masochismus richtet. Zentral ist hier als Ursache für masochistisches Verhalten die Umwandlung von Sadismus in Masochismus und somit eine Wendung von Aggression in Autoaggression und Hemmung. Es findet eine Verinnerlichung der Aggression statt, durch die das Objekt bewahrt, die Angst libidinisiert und der Schmerz erotisiert wird (Blum 1976). Danach werden in der Theoriebildung das unbewusste Schuldgefühl, das Strafbedürfnis und die Kastrationsangst in den Mittelpunkt gerückt. Auch die patriarchale Erziehung und die damit ausgelöste Angst bei dem Kind vor Schlägen, verhindert, dass sich ein Lustempfinden entwickeln kann – nur Unlust darf gespürt werden, aber keine Lust (Reich 1933) – das heißt weder sexuelle Lust noch Lebenslust. Reich legt seinen Schwerpunkt auf die Analyse des masochistischen Charakters, das heißt auf den psychischen Masochismus. Hier beschreibt er neben der Genese dieser Form auch die typischen Eigenschaften eines psychischen Masochisten wie beispielsweise selbstschädigendes Verhalten, Pseudodemenz, Divergenz von Ich und Ich-Ideal, Hang sich klein zu machen und sich nicht exponieren zu können. Ursache ist eine inadäquate Liebeszuwendung. Diese inadäquate Liebeszuwendung wurde dann im Kapitel »Masochismus aufgrund traumatischer Erfahrungen« detaillierter dargelegt. So sind Ursachen für Masochismus zu sehen in Erfahrungen von Nicht- Geliebt-Werden, von früh gestörter Bezugspersonen-Kind-Beziehung, als 4 Entwicklung von Masochismus: Erklärungsansätze 104 Übergangsobjekt betrachtet zu werden, Erfahrung einer unaufgelösten Mutter-Kind-Beziehung, einer Kindheit in einem feindlichen Umfeld oder Erfahrungen mit überhöhten Anforderungen. Aber auch nicht abgetrauerte Verluste können ihren Beitrag zu einer Masochismusgenese leisten. Hier soll aber nicht (per se) der/den frühen Bezugspersonen »die Schuld« zugesprochen werden. Denn das Kind besitzt ein Eigenleben seiner kindlichen Innenwelt, das heißt, es gibt keine 1:1-Widerspiegelung äu- ßerer Begebenheiten, sondern das Kind »arbeitet« damit und formt etwas Neues, Eigenes daraus (Klein 1973). Auch Brenner (1986) weist auf die Bedeutung der Fantasie in Zusammenhang mit Bestrafung hin. Denn die Fantasie des Kindes ist mit ausschlaggebend, was als Bestrafung angesehen wird. So glauben Kinder zum Beispiel bestraft zu werden, wenn sie krank werden oder die Eltern sich kurz von ihnen trennen. Daher spielt bei der Über-Ich-Bildung die Fantasie eine wesentliche Rolle, die tatsächlichen elterlichen Bestrafungen sind untergeordnet. Weitere Ursachen für die Masochismusgenese sind auch soziokulturelle Bedingungen, die ein ›geducktes Leben‹ fördern, sowie diverse Grundängste (Angst vor Liebesverlust, vor Misserfolg, vor Neid etc.), die einen einfach zu erringenden Erfolg im Leben verhindern. 105 5 Themen im Masochismus In diesem Kapitel geht es um zentrale Themen und Charakteristika im Masochismus, unabhängig von der Art des Masochismus oder der Konnotation (hierzu mehr in Kap. 6), das heißt, diese Themen spielen bei allen Masochismen eine Rolle, bei manchen stärker, bei manchen weniger. Zentrale Themen sind Paradoxa, Macht und Ohnmacht, Kontrolle, Kontrollverlust, Verantwortungsabgabe und Unterwerfung. Der Schmerz, das Leiden, ist ein weiteres übergreifendes Charakteristikum, aber auch die (unbewusste) Lust. Oder anstatt, um von Lust zu sprechen, eben das Gefühl von Befriedigung, welches durch das masochistische Verhalten erzielt wird.75 Alle diese Themen stehen in Zusammenhang mit einem realen oder imaginierten Anderen. Ohne einen Anderen kann es keine Unterwerfung unter irgendetwas geben – sei es eine Unterwerfung unter abstrakt gesellschaftlich vorhandene, nunmehr verinnerlichte Werte und Ansichten oder unter eine reale Person. 5.1 Der Andere Das menschliche Sosein, die Conditio humana beinhaltet eine anfängliche asymmetrische Beziehungserfahrung (Laplanche 2004), geprägt von Erfah- 75 Grunert relativiert den Aspekt der Lust und spricht von »vordergründigem Gewinn von Selbsterhöhung, Omnipotenzbefriedigung und gelegentlichem Lustgewinn« (Grunert 1975, S. 8). 5 Themen im Masochismus 106 rung von Liebe, Nähe und Geborgenheit, aber eben auch von Abhängigkeit und Anpassungsnotwendigkeit. Sowohl der Schmerz wie auch die Unterwerfung stehen nicht für sich allein, sondern sie sind in Abhängigkeit eines Gegenübers zu sehen und dem Verhältnis der Personen untereinander. Masochistische Fantasien oder Handlungen benötigen einen realen oder imaginierten Anderen. Der Andere erhält die Rolle des Richters, des Allmächtigen, des Bestimmers, des Handelnden, des Strafenden, bisweilen des Vernichters und des Wiederaufbauenden nach der Vernichtung (vgl. Benjamin 1990, Ghent 1990, Willi 2008). Der Andere kann auch ein Spiegel sein, eine Projektionsfläche, ein Container oder ein Delegationsauffangbecken. Laut Rommelspacher (1992) versucht der Masochist, Anerkennung durch den mächtigen Anderen zu erhalten, denn nur dieser ist fähig, die Anerkennung zu vermitteln. Der Masochist möchte sich von seinem Subjektsein befreien, hin zu einem Objektstatus. Jedoch ist diese Befreiung nicht gänzlich möglich, denn indem der Masochist den mächtigen Anderen dazu bringt, ihn als Objekt zu behandeln, befindet sich der Masochist zeitgleich wieder in einem Subjektverhältnis. So ist der Masochist, obwohl scheinbar passiv, ständig auch aktiv, und macht den scheinbar mächtigen Anderen zum Objekt seiner eigenen Wünsche. »Er muß ihn manipulieren, um selbst manipuliert zu werden« (Rommelspacher 1992, S. 51). Es wird Beziehung hergestellt, die durch die Interaktion des Masochisten mit dem Anderen gestaltet wird. Dabei kann eine Partnerschaft wie bei jeder anderen vertrauensvoll und stützend sein, aber eben unter Umständen auch destruktiv. Dies hängt von der masochistischen Konnotation ab. Sich zu verlieben, heißt auch, sich auf den Anderen zu beziehen. Kernberg (1994) sieht in dem Vermögen sich zu verlieben, »die Fähigkeit, Idealisierung und Erotik miteinander zu verbinden, (…) ein Potential, eine tiefe Objektbeziehung herzustellen (…,) nicht nur Erotik und Zärtlichkeit, Sexualität und Ich-Ideal unbewußt zu verknüpfen, sondern im Dienste der Liebe auch Aggression zu mobilisieren« (Kernberg 1994, S. 872f.; zu den Auswirkungen einer Überich-Pathologie auf das Paar vgl. ebd., S. 897f.). So kann Sadomasochismus ein notwendiger Bestandteil für den ganz normalen Ablauf der Sexualität und von Liebesbeziehungen sein (Kernberg 1991, S. 333). 5.2 Paradoxa 107 5.2 Paradoxa Das Leben besteht aus Gegensätzen, die sich scheinbar schwer verbinden lassen und doch lassen sie sich verbinden. Es geht um die Suche nach der aristotelischen Mitte, das Austarieren von Ruhe und Erregung, von Apollinischem und Dionysischem, die Suche nach dem richtigen Maß, in dem auch temporäre Maßlosigkeit ausgelebt werden kann. Der Masochist macht es auf seine Art. Im Sinne von Erikson kann gesagt werden, dass der Masochist »Karneval und Buße« vereint – eine Integration von Es- und Über-Ich-Impulsen. »Erikson spricht von den durch das Unbewußte gesteuerten Stimmungszyklen der menschlichen Psyche: ›Die beiden Grundhaltungen, die sich abwechseln, sind die des Karnevals und der Buße: die erstere erlaubt ein sinnenfrohen Genuß, ein Sichausleben um jeden Preis. Die andere gibt sich dem schlechten Gewissen hin, (…) (1975a, S. 80)‹« (Conzen 1996, S. 188). Der Masochismus spannt einen paradoxen Rahmen auf: Durch Last wird Lust gewonnen. Der Passive ist zeitgleich der verborgene Aktive. Im Passiven ist er aktiv, lenkend und bestimmend. Er gibt die Grenzen vor, er kontrolliert, während er die Kontrolle abgibt. Es ist ein Spiel mit umgedrehten Vorzeichen: Das scheinbar Offensichtliche ist nicht das Wirkliche. So wird zwar die Unterwerfung gesucht, aber doch dann wieder negiert. Benjamin (1990) beschreibt eine der vielen paradoxen Situationen im Masochismus. Durch freiwillige Unterwerfung unter eine (erotische) Instanz versucht der Masochist, Freiheit zu erlangen. Er wird erlöst, indem er sich unter die Kontrolle eines anderen begibt. Die Unterwerfung wird also aktiv herbeigeführt, das Herrschaftsverhältnis wird durch den Masochisten miterzeugt und gleicht nicht einem hilflos zu erleidenden Schicksal. Niemand kann sich der Abhängigkeit und dem Bedürfnis nach Anerkennung entziehen. Denn die erste Abhängigkeitsbeziehung besteht zwischen dem Kind und seinen Eltern. Hier durchlebt das Kind eine erste schmerzhafte und paradoxe Situation. Das schmerzhafte Element liegt in der Erfahrung von mangelnder magischer Kontrolle, dass die Mutter ihrem eigenen Willen und nicht dem des Kindes folgt. Das Paradoxe in dieser Si- 5 Themen im Masochismus 108 tuation ist der Wunsch nach Unabhängigkeit von einer Person, von der das Kind abhängig ist. Es strebt einerseits nach Unabhängigkeit, andererseits benötigt es zeitgleich für seine Unabhängigkeit Anerkennung und zwar genau von der Person, von der es am meisten abhängig ist (Benjamin 1990). Auch Reik (1977) thematisiert die paradoxe Natur des Masochismus. Und anstatt, dass der Masochist Unlust erträgt, was mit einer Anpassung an die Realität einhergeht, verwandelt er die Unlust in Lust, denn er ist ein Meister im Umdeuten: Aus Unlust wird Lust, aus einer Niederlage wird Sieg und Freiheit wird durch Unterwerfung erzielt. So immunisiert sich der Masochist gegen Schmerzen, Leid und Niederlagen. Denn alles wird uminterpretiert in Lust und Sieg. Diese Leistung erfüllt den Masochisten mit Stolz (ebd.). Mit dem Wertequadrat nach Helwig (1969) kann einerseits die paradoxe Natur des Masochismus greifbarer gemacht, andererseits das Positive und das Negative im Masochismus dargestellt und Ungleichgewichte verdeutlicht werden. So wird beispielsweise im Alltagsmasochismus eine positive Werte-Spannung gehalten, im pathologischen psychischen Masochismus ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Die Wertequadrate des Masochismus (s. Abb. 3) basieren auf dem Konzept des Wertequadrates nach Helwig (1969). Es ist eine dialektische Definitionsmethode. Jeder Begriff impliziert immer einen anderen, den gegenteiligen Begriff. »Die Charaktereigenschaften sind immer zugleich Charakter-Werte (bzw. Unwerte). Es gibt keine Charaktereigenschaft, die nicht einen Wert oder Unwert darstellt« (Helwig 1969, S. 65). Aufgrund der »Vieldeutigkeit« dieser Charaktereigenschaften kann es zu Missstimmungen zwischen Personen kommen, da sie in der einen Charaktereigenschaft den einen Wert sieht und den anderen Pol als Unwert empfindet. Das Wertequadrat gibt die »Quaternität von Werten« (ebd., S. 65) wieder. Darunter versteht Helwig, dass bei jedem positiven Wert ein negativer Gegenwert besteht, dieser ist im Wertequadrat in der Diagonalen abgebildet. Auf der Ebene des negativen Wertes steht dann der negative Gegenpol. »Dieser steht als Unwert zugleich in konträrem Gegensatz (diagonal) zu Nr. 2 (…) und ihr wieder steht im Gegensatz (vertikal) zu Nr. 4 (…), die ihre Entartungsform darstellt. (Von den positiven Werten aus gesehen beziehen 5.2 Paradoxa 109 also die Vertikalen die Entartungsformen, die Diagonalen die konträren Gegen-Unwerte.)« (ebd., S. 65). Dem positiven Wert wird also der konträre negative Gegenwert gegenübergestellt, wie auch seine Entartungsform. Mit dem zweiten positiven Wert wird dieses Prozedere wiederholt. Nach Helwig existieren Wertegesetze. »Jeder Wert ist nur in ausgehaltener Spannung zu seinem positiven Gegenwert ein wirklicher Wert. (…) Kein Wert ist an sich allein schon, was er sein soll – er wird es erst durch Einbeziehung des positiven Gegenwertes. Jeder Unwert muß zugleich Entartungsform des senkrecht über ihm stehenden positiven Wertes sein. – Umgekehrt erscheint auch jeder positive Wert in doppelter Bedeutung: als konträrer Wert zum Unwert (in der Diagonale) und als echter Wert gegenüber seiner Entartungsformen (in der Vertikale)« (Helwig 1969, S. 66). Abb. 3: Wertequadrate des Alltagsmasochismus 5 Themen im Masochismus 110 »Drittens aber ergibt die Horizontale eine dritte Bedeutung aller vier Begriffe: Bei den positiven Werten ist das die Funktion des notwendigen Gegendrucks gegeneinander in der Steigerung eines der positiven Werte; die negativen Werte haben zueinander die Bedeutung des »überkompensatorischen« Gegenteils. Diese dreifache Relation, denen alle vier Begriffe genügen müssen, legt ihre Bedeutung eindeutig fest« (ebd., S. 66f.). Dem einen positiven Wert bedarf es einer positiv konnotierten Gegenspannung (Verbindung von Nr. 1 zu Nr. 2), ansonsten entgleitet der positive Wert zu seiner Entartungsform. Die Verbindung Nr. 3 zu Nr. 4 ist jene, wenn es misslungen ist, die Gegenspannung aufzubauen oder zu halten. »Sie stellt gleichsam den Weg dar, den wir beschreiten, wenn wir dem einen Unwert entfliehen wollen, aber nicht die Kraft haben, uns in die geforderte Spannung der oberen Pluswerte hinaufzuarbeiten. Also wenn wir aus einem Unwert in den entgegengesetzten anderen Unwert fliehen« (ebd., S. 66). Somit ist jeder Wert nur in seiner ausgehaltenen Spannung zu seinem positiven Gegenwert ein wirklicher Wert. Bezogen auf den Masochismus könnten beispielsweise die in Abbildung 3 dargestellten zwei Wertequadrate formuliert werden. Nr. 1 und Nr. 2 bilden eine geglückte positive Spannung. Denn jeder Wert braucht seinen relativen Unwert,76 das heißt einen Gegendruck. Sich nur führen lassen, ist nicht gut, nur zu führen auch nicht – so brauchen beide Werte ihren negativen Gegenwert. Bei Nr. 1 und Nr. 2 ist eine gelungene Dialektik vorhanden. Die Person kann das Gleichgewicht von sich führen lassen und zu führen aufrechterhalten, und vermag so, flexibel auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren. Die Person rutscht nicht in einseitig, negatives Verhalten. Sie lebt ein gesundes Verhältnis unterschiedlicher Werte, wenn sie das obere positive Spannungsfeld errichten und aufrechterhalten kann. Wenn die Spannung nicht gehalten werden kann, da man vor einem Unwert fliehen 76 Es gibt keine Charaktereigenschaft, die nicht einen Wert oder einen Unwert darstellt. Für den einen kann ›sich führen lassen‹, für den anderen ›führen‹ ein Wert sein und das andere ein Unwert. 5.3 Unterwerfung und Kontrolle 111 möchte, rutscht man in den anderen Unwert und gelangt dann zu dem überkompensatorischen Gegenteil, den Entartungsformen (die mit [–] gekennzeichneten Werte). Durch die Wertequadrate kann beispielsweise bei einer Person analysiert werden, welche Werte sie lebt, welche ihr schwerfallen, und ob die Person sich in ihren übersteigerten Entartungsformen befindet oder in einem positiven Wertespannungsverhältnis. Und durch das Wertequadrat kann auch verdeutlicht werden, welche Aspekte eventuell an den Anderen delegiert werden im Rahmen einer Kollusion (s. hierzu nächstes Kapitel »Unterwerfung«). Beim Alltagsmasochismus (zum Alltagsmasochismus s. Kapitel »Panoptikum an Masochismen«) wird dieses positive Spannungsverhältnis aufrechterhalten. Dies ist aber nicht mehr der Fall, wenn die Person sich in der Entartungsform befindet. Wenn also der Masochismus in einer schädlichen, für die Lebensentfaltung stark hemmenden masochistischen Konnotation vorliegt. Es existiert in diesem Fall noch kein positives Spannungsverhältnis oder es kann nicht gehalten werden. Ziel in einer Therapie von schädlichem Masochismus wäre es daher, die betroffene Person zu unterstützen, sich von den negativen Entartungsformen hoch zum positiven Spannungsfeld zu bewegen. 5.3 Unterwerfung und Kontrolle Ein zentrales Element von Masochismus ist die Sehnsucht und der Wille nach Unterwerfung unter eine höhere Macht. Es gibt folglich zunächst den Willen des Devoten, sich zu unterwerfen und der Dominante, der (dann) unterwirft. Bei der Unterwerfung schwingen diverse Bereiche mit. Wer unterwirft sich wem? Ist der sich Unterwerfende der Abhängige, der Passive? Einerseits wird der Devote vom Dominanten kontrolliert, andererseits kann der Dominante nur Macht ausüben, solange ein Devoter sich zur Verfügung stellt (vgl. das Herr-Knecht-Dilemma). Welche Themen lassen sich noch assoziieren mit Unterwerfung? Themen wie Kontrolle und Kontroll- und Verantwortungsabgabe sowie Macht und Ohnmacht und eine aus der 5 Themen im Masochismus 112 Ohnmacht resultierende Störung der Handlungsfähigkeit (Gödde 1983).77 Mit den genannten Aspekten ist die Frage des Gewinns verwoben. Was erreicht die sich unterwerfende Person, welche Befriedigung erzielt sie durch ihr Verhalten? Sie bekommt beispielsweise Aufmerksamkeit und Zuwendung, wird versorgt und umsorgt. Das Sichunterwerfen unter eine Autorität (und das zeitgleich teilweise trotzige Wehren dagegen) ist eine menschliche Begebenheit auf dem Weg der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Das Kind lernt, sich anzupassen, um den elterlichen und damit gesellschaftlichen Wertevorstellungen zu genügen. Wobei das Kleinkind noch keine Vorstellung von moralischem Handeln hat (vgl. Kohlberg 1995). Das Kleinkind nimmt die Gebote der Eltern zunächst nicht aus Einsicht in sich auf, sondern es möchte die Sicherheit des elterlichen Geliebtwerdens nicht verlieren. So orientiert sich das Kind an den elterlichen Vorgaben, sie werden lange Zeit und auch überdauernd die Richtgröße für das kindliche und später für das erwachsene Handeln sein. Bei der Unterwerfung, egal ob sexueller Natur oder nicht, ist die Idealisierung einer Elternfigur bedeutsam und ihre positive Auswirkung auf das Größenselbst. Nach Kohut (1975) findet beim »idealisierten Elternimago« eine Verschmelzung mit einem vergrößerten, allmächtigen Objekt statt. Dieses Objekt hat eine Spiegelfunktion, indem es das eigene archaische, allmächtige, verlangende Selbst des Individuums widerspiegelt. Nun kann durch die masochistische Selbsterniedrigung das Objekt vergrößert werden und mit diesem kann der Masochist verschmelzen. Er befindet sich im Protektorat des Objekts, aber auch in dessen Schatten. Durch Masochismus wird eine imaginierte Identität erzeugt zwischen dem tatsächlichen Selbst und seinem primitiven Größenselbst. Stolorow (1975) nennt hierfür folgendes Beispiel: Durch die Identifikation mit dem sadistischen Partner kann der Masochist ein illusorisches Allmachtsgefühl für sich erzeugen, indem er stellvertretend an der offenen Machtentfaltung des 77 Wobei die Störung der Handlungsfähigkeit nicht alle Formen des Masochismus betrifft. Daher ist diese eher in Verbindung mit dem masochistischen Charakter von Reich (1933 s.o.) bzw. bei der depressiv-masochistischen Persönlichkeit anzutreffen. 5.3 Unterwerfung und Kontrolle 113 Dominanten teilnimmt. Zeitgleich fühlt er sich dadurch auch selbstwirksam. Dieser Prozess kann auch im Sinne einer sadistisch-masochistischen Kollusion begriffen werden (zur Kollusion s. Willi 2007, 2008): Den Aspekt, den sich der Masochist nicht zu leben traut, lässt er durch den Anderen ausleben. Wobei auch der Masochist etwas auslebt, wovor der Sadist sich wiederum scheut. Durch dieses Verhalten kann sowohl das eigene Leben kontrolliert werden als auch das des Anderen, da dieser abhängig ist. Ein submissiv-dominanter Interaktionszirkel kann wie in Abbildung 4 dargestellt aussehen (Willi 2007). Abb. 4: Submissiv-dominanter Interaktionszyklus (Willi 2007) »Der Sado-Masochismus als sexuelle ›Perversion‹ ist weit weniger häufig als das Quälen und Sich-Quälen-Lassen, welches alle Bereiche einer Zweierbeziehung umfasst. Regelmäßig kann man bei Sadisten den abgewehrten 5 Themen im Masochismus 114 Masochismus nachweisen, genauso beim Masochisten den verkappten Sadismus. Sadisten leiden unter starken Ohnmachtsängsten, die sie durch überkompensierendes Machtgebaren einzudämmen und zu überwinden suchen. Sie fühlen sich auch bedrängt von Verlassenheitsängsten und Abhängigkeitswünschen. Statt sich in Macht und Abhängigkeit eines Partners zu begeben, suchen sie einen Partner, der sich ihnen ganz ausliefert und sich von ihnen abhängig macht. (…) Die Masochisten andererseits lassen sich nicht einfach nur quälen. Vielmehr verstehen sie es, die Situation des Gequältwerdens so zu gestalten, daß rückwirkend der Quälende der Gequälte ist. Die Masochisten quälen den Sadisten zum Beispiel durch ihre unverpflichtete Gefügigkeit. Ein willenloses Ding, das man wie eine Puppe behandeln kann, läßt sich nicht beherrschen (…)« (Willi 2008, S. 120f.). Auch Kernberg (1995/1998) beschreibt diverse Muster unbewusster Kollusion: Wie beim russischen Roulette spielen die Partner mit dem Schicksal, bringen sich in gefährliche Situationen. Der Partner wird ständig kritisiert, niedergemacht und wird herausgefordert, ablehnend zu sein. Dies geschieht alles in der Hoffnung an eine Liebe, die dies alles überwindet und letztendlich die Oberhand behält. Ein potenzieller Partner, bei dem der Masochist auf Gegenliebe treffen würde, wird nicht wahrgenommen oder abgelehnt. Denn das Gefühl der Liebe wird durch mangelnde Gegenliebe gesteigert, daher verliebt sich der Masochist in unnahbare, idealisierte Partner und ordnet sich diesen unter. Dadurch wird aber unbewusst eine Beziehung untergraben. Ein anderes Muster ist das masochistische Abkommen, indem »(e)in Individuum oder ein Paar (…) unbewußt einen wichtigen Lebensbereich (opfert), um Erfolg und Zufriedenheit in allen anderen Bereichen zu ermöglichen« (Kernberg 1995/1998, S. 202). Oder der eine Partner lässt sich auf die Ansprüche des anderen ein, obwohl diese überzogen sind. Gegen diese Ansprüche wird sich dann auf eine selbstschädigende Art gewehrt. In der masochistischen Kollusion kann sich die gegenseitige Projektion sadistischer Über-Ich-Forderungen und Verbote verstärken. Die zunehmende Projektion wird einerseits ausgelöst durch die Identifizierung mit eigenen sadistischen Über-Ich-Introjekten, andererseits durch schlechtes Gewissen, welches im anderen durch eigenes Verhalten evoziert wird. Wobei die sado- 5.3 Unterwerfung und Kontrolle 115 masochistische Beziehung »(…) nicht nur ein pathologisches Arrangement (darstellt), sondern (…) zugleich einen Schutz vor einer noch tiefgreifenderen Ausgestaltung psychischen Leidens (…), indem sie zur Abwehr schmerzhafter und desintegrierender Affekte dient« (Gerisch 1996, S. 256). Charakteristisch für eine sadomasochistische Beziehung ist eine asymmetrische Dominanzbeziehung, die weder gleichberechtigt noch reziprok ist (Benjamin 1990). Ein wichtige Rolle spiele die Identifikation des Unterwürfigen mit der Macht des Dominanten. Dabei gewinnt sowohl der Unterwürfige als auch der Dominante an Identität. Der Dominante leugnet dies, da er sich sonst eingestehen müsste, in seiner Identitätsbestätigung, seiner Macht abhängig vom Unterwürfigen zu sein. Durch die Kollusion kann ein Allmachtsgefühl geschaffen werden und damit narzisstische Verwundbarkeit verleugnet werden. Es wird eine Illusion magischer Kontrolle und triumphierender Macht über die Objektwelt erzeugt (Kohut 1973). Daher fühlen sich beide Partner sicher und omnipotent. Diese Pseudostabilität kann aber durch Desillusionierung, Zurückweisung oder Verlassenwerden ins Wanken geraten oder zusammenfallen. Dann kann dem bisher gut kompensierten masochistischen Charakter eine Dekompensation drohen. Worauf mittels Wiederbelebung des primitiven allmächtigen Größenselbst versucht wird, die zusammenbrechenden Selbstrepräsentanzen wiederherzustellen. Dies äußert sich in narzisstischer Wut, emotionaler Erpressung, herrischen und exhibitionistischen Gesten (Stolorow 1975). Der Masochist besitzt etwas (latent oder offensichtlich) Forderndes und Kontrollierendes. Beispielsweise fordert er ein, gedemütigt oder geschlagen zu werden – aber nach seinen masochistischen Vorstellungen. Asch (1988) sieht die Kontrolle als einen wesentlichen Bestandteil des (sexuellen) Masochismus. Dies zeige sich im repetitiven Ablauf des Szenarios, Änderungen seien unerwünscht, vielmehr würde eine präzise Wiederholung von Kindheitserlebnissen und deren Verzerrungen gesucht werden. Durch das Herbeiführen von demütigenden Situationen kann der Glaube aufrechterhalten werden, das eigene Schicksal kontrollieren zu können. In dem als sicher empfundenen Szenario können Fantasien über Schläge und Erniedrigung ausgelebt werden (Noyes 1997). Der Masochist begibt sich also nicht ziellos in Gefahr. Vielmehr strebt er einen sicheren Rahmen an, 5 Themen im Masochismus 116 in dem er die Kontrolle temporär aufgeben kann und trotzdem diese behält. So ist der masochistische sexuelle Akt ein soziales Ritualspiel, bei dem sich der Masochist freiwillig auf bestimmte Regeln einlässt (Hitzler 1993). 5.4 Schmerz, Leid und Lust Wie das anfängliche Abhängigkeitsverhältnis und die damit verbundene partielle Unterwerfung gehören auch Schmerz und Leid zur Conditio humana. Denn neben schönen Erfahrungen, Liebkosungen, zärtlichen Worten, ist das menschliche Aufwachsen auch mit diversen Leidens- und Drangzuständen verbunden: Das schmerzhafte Warten des Babys, bis es sein Fläschchen bekommt oder bis die Mutter wieder zu Hause ist u. Ä. Üblicherweise wird davon ausgegangen, dass der Mensch versucht, Schmerz und Leid zu vermeiden oder zu beseitigen. Denn diese haben eine Warnfunktion und schützen, etwas Schädliches oder gar Zerstörerisches für den Körper oder den Geist zu machen. So irritiert es, wenn Menschen freiwillig Schmerz oder Leid auf sich nehmen oder aktiv herbeiführen. Definiert wird Schmerz nach der International Association for the Study of Pain als »eine unangenehme Sinnes- und Gefühlserfahrung, die verbunden ist mit einer tatsächlichen oder potenziellen Gewebsschädigung, (…)«.78 Leiden zu definieren ist schwieriger, da es subjektiver ist (Hell 2007) und »Leiden ist im Gegensatz zum Schmerz nicht lokalisierbar, sondern betrifft den ganzen Menschen« (ebd., S. 189). So ist der Schmerz respektive das Leid beim psychischen Masochismus nicht (so) greifbar wie beim physischen sexuellen Masochismus.79 78 Die International Association for the Study of Pain (IASP) definiert Schmerz als: »An unpleasant sensory and emotional experience associated with actual or potential tissue damage, or described in terms of such damage.« (http://www.iasp−pain.org/AM/Template. cfm?Section=Pain_Defi…isplay.cfm&ContentID=1728; letzter Zugriff: 23.01.2011). 79 Engel (1959 in Gendrault 2001) weist darauf hin, dass Schmerzerfahrungen immer eine psychische Erscheinung seien. So löst er den Dualismus von physischem und psychischem Schmerz. Für Baumeister/Schütz (1997) ist der sexuelle Masochismus eine Flucht aus dem alltäglichen Leben und nicht eine Weiterführung des Alltags. Hingegen ist der moralische Masochismus im Alltag verankert und hier steht dann das nicht greifbare Leiden im Vordergrund. 5.4 Schmerz, Leid und Lust 117 Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit dem Faktum menschlichen Daseins umzugehen, und damit auch mit einem Zustand von Schmerz und Leid. Er kann ausgehalten, akzeptiert, ins Alltägliche integriert, ignoriert werden, es kann versucht werden, diesen Zustand aufzulösen, er kann gedämpft und erotisiert werden. Schmerz kann unterschiedliche Funktionen beinhalten: Warnfunktion, ein Antidot, eine homöopathische Selbsttherapie, eine Möglichkeit der (Selbst-)Stimulation, um sich zu spüren oder genau gegenteilig eine Schutzfunktion, um nicht zu viel zu spüren (vgl. Hell 2007, Tanner 2007, Tiedemann 2008). Eidelberg (1934) sieht den Schmerz als Mittel, um eine andere Art von Schmerz zu vermeiden. Aber Schmerz und Entbehrung können auch als Mittel der Selbsterkenntnis dienen (Tiedemann 2008), als eine rituelle Reinigung und zum Spannungsabbau. Bei der Schmerz- und Leidenswahrnehmung stehen individuelle Empfindungen, subjektive Erfahrungen, intersubjektive, kulturelle Muster und auch die jeweilige Einstellung miteinander in Beziehung (Tanner 2007). Daher existiert nicht der eine Schmerz, sondern zahlreiche inter- und intraindividuelle Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung.80 »Die jeweilige Schmerzwahrnehmung ist dabei von individuellen Einflüssen wie der Sozialisation, der ethischen und kulturellen Herkunft sowie der aktuellen emotionalen Verfassung abhängig. So wirken sich Vertrauen und eine positive Grundhaltung positiv, Angst und Depression negativ aus« (Hoffmann 2003, S. 340). Nachdem das Schmerz- und auch das Lustempfinden individueller Anlagen unterliegt, kann im engeren Sinne nicht von einem definitiven unerotischen und einem erotischen Schmerz gesprochen werden. Jedoch empfinden die Meisten, auch sexuelle Masochisten, beispielsweise eine Zahnarztbehandlung oder eine Migräne als nicht stimulierend. Aber die Szene einer Zahnarztbehandlung kann später erotisiert werden in Form von Arzt-Patienten- 80 »Auch Menschen, deren Schmerzempfindungen in signifikanten Situationen sanft in Lust hinübergleiten kann, oder die in solchen Momenten eine seltsame Kontrolle über die Weise, wie sie etwas erfahren, ausüben können, verspüren vielleicht in anderen Situationen akuten Schmerz« (Tanner 2007, S. 53). Siehe auch die vier Komponenten des Schmerzerlebnisses (sensorisch-diskriminative, affektiv-motivationale, vegetative und kognitiv-evaluative Komponente) (Trede 2004). 5 Themen im Masochismus 118 Fantasien oder -Spielen. Es gibt also einen unlustvollen, unfreiwillig zu ertragenden Schmerz wie beispielsweise bei Kopf- oder Rückenschmerzen oder einen unbewussten, sich selbst oktroyierten Schmerz (moralischer Masochismus) und einen lustvollen, erotisierenden Schmerz (sexueller Masochismus).81 Aus Schmerz entsteht nicht per se Lust, sondern wenn der Schmerz an die Unterwerfung unter eine idealisierte Autorität gekoppelt ist, wird der Schmerz als lustvoll erlebt (vgl. hierzu Benjamin 1990). Daher wird nicht der Schmerz als solcher gesucht, sondern das Ausgeliefertsein, sich dem Willen des Anderen unterzuordnen, mit der Ungewissheit, was derjenige machen wird. Mittels Unterwerfung wird Schmerz erotisiert im Dienste der Befriedigung und dem Gefühl, gewollt zu werden – als Bestätigung des Daseins, als Daseinsberechtigung und zeitgleich als Daseinsverneinung. Der Masochist spürt durch den Schmerz sowohl den physischen als auch den ›psychischen‹ Körper, er wird in seiner Existenz bestätigt. Zeitgleich wird er aber in seiner Existenz negiert, da ihm suggeriert wird, er sei eine unwürdige, böse, unartige, bestrafungswürdige Kreatur. Und dann gleichwohl wird der Masochist in seiner Existenz bestätigt: Denn der Masochist ist doch liebenswert und würdig, wahrgenommen zu werden, denn schließlich wird er nicht (gänzlich) ignoriert, sondern erfährt Zuwendung und Aufmerksamkeit, wenn auch in Form von Demütigung und Schlägen. Über den Zusammenhang von Schmerz und Lust liegen keine wissenschaftlichen Untersuchungen in Form von Experimenten vor.82 Aus ethischen Gründen ist es schwer, dieses Phänomen derart zu untersuchen. Kasten (2006) beschreibt, dass neuere Untersuchungen herausgefunden hätten, dass bei Schmerzen auch das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert wird.83 Der Schmerz löst eine physische Stressreaktion aus und es 81 Pain as pain vs. pain as pleasure (Stoller 1991): »There are not enough words for the colors of pain« (ebd., S. 8). 82 »Leider gibt es zum Thema Schmerz und Lust direkt keine wissenschaftlichen Untersuchungen« (Flor 2004, S. 117). 83 »Hierbei scheint insbesondere der Nucleus accumbens involviert zu sein (…). Am aktivsten reagiert das »Lustzentrum« direkt, nachdem der Schmerz begonnen hat, dann wird der Nucleus accumbens aber wieder gedrosselt« (Kasten 2006, S. 329f.). 5.4 Schmerz, Leid und Lust 119 kommt zu einer neurobiologisch disponierten vermehrten Ausschüttung von Endorphin und Dopamin (Hoyer 2008, Pöppel 1995). Diese Endorphine lösen ein Glücksgefühl aus, bis hin zur Euphorie. Zusätzlich wird durch die Endorphinausschüttung der Schmerz erträglicher, da er weniger spürbar wird. Dadurch wird die Schmerzschwelle erhöht und ein Masochist kann nun Schmerzen ertragen, die er ohne den Endorphinrausch als höchst unangenehm empfinden würde. Während der Schmerzexposition schüttet die Hypophyse also körpereigene Glücksstoffe und Analgetika aus. Zusätzlich wird bei Schmerz das vegetative Nervensystem stimuliert. Es kommt zu einer schnelleren Atmung, einem erhöhten Herzschlag und Blutdruck. Diese autonomen Reaktionen können ebenfalls als sexuell stimulierend empfunden werden (Hoffmann 2003, S. 340). Kut, Schaffner, Wittwer, Candia, Brockmann, Storck und Folkers (2007) unternahmen folgenden interessanten Versuch: Bei einer Schmerzexposition konnte der Proband länger den Schmerz ertragen, wenn der Proband sich mental in eine Heldenrolle hineinversetzte. Vermutung ist, dass die imaginierte Heldenrolle Opioide aktiviert, also körpereigene Schmerzmittel. Dies lässt sich thesenhaft auf die masochistische Schmerzbewältigung auslegen: Der Masochist empfindet sich (unbewusst) als Held, da er so viel Schmerz und Unbill auf sich nimmt und kann daher den Schmerz besser ertragen als ein Nicht-Masochist. So sind also nicht nur körperliche Abläufe ausschlaggebend für ein Lustempfinden durch Schmerz, sondern im Falle des Masochisten zusätzlich die Attribuierung des Schmerzes als etwas Erstrebenswertes, was einen auszeichnet. Berner (1997) formuliert folgende interessante These: »Möglicherweise führt Schmerzerfahrung in einer Zeit vor einem klaren Bewußtsein der Grenzen zwischen Selbst und anderem, Innen und Außen, zu einer Verwirrung, die Zuwendung und Schmerz zur gleichen Erfahrung macht. Die Weiteres zur Schmerzverarbeitung: Die Verarbeitung von Schmerzreizen im Gehirn erfolgt über das aufsteigende und das absteigende Schmerzsystem. Das aufsteigende System leitet Schmerzreize aus der Körperperipherie über das Rückenmark ins Gehirn. Im Gehirn selbst findet dann die tatsächliche Schmerzwahrnehmung statt. Das absteigende System ist ein analgetisches System, welches den Schmerz und damit die Schmerzwahrnehmung hemmen kann (Kasten 2006, S. 330f.). 5 Themen im Masochismus 120 Mutter, die Schmerz nicht lindern kann, wird zur schmerzstiftenden Mutter. Schmerz wird somit zur wesentlichen Erfahrung von Sein, und Schmerzbewußtsein gehört zum Leben und zur Lebendigkeit wie beim anderen Kind die Sonne und das Licht« (Berner 1997, S. 169).84 Pöppel (1995) bildet in seinem Schema (s. Abb. 5)85 anschaulich ab, inwieweit Lust und Schmerz zusammenhängen können. Lust und Schmerz seien nicht unbedingt Gegensätze, die sich ausschließen. Vielmehr enthält jedes 84 Zusammenhang war im Rahmen einer Studien von Glenn (1984), bei der es um die Auswirkungen von ängstigenden Operationen bei Kindern zwischen zwei und acht Jahren ging. Dies ist insofern auch interessant, da im empirischen Teil ein Interviewpartner Vergleichbares erlitten hat. Wobei bei Glenn die Patienten dann später die Erlebnisse eher sadistisch verarbeiten. Ferner merkt Berner (1997) an, dass nicht alle kranken Säuglinge später eine sadomasochistische Interaktion entwickeln, das heißt, es gibt noch andere Aspekte der Mutter-Kind-Beziehung, die von Bedeutung sind. 85 Benutzung dieser Grafik mit freundlicher Genehmigung des Urhebers Herrn Prof. Ernst Pöppel. Die Abbildung ist aus dem Buch »Lust und Schmerz. Über den Ursprung der Welt im Gehirn« (1995, Abb. 1, S. 10) entnommen. Abb. 5: Zusammenhang von Lust und Schmerz 5.4 Schmerz, Leid und Lust 121 Erlebnis schmerzhafte und lustvolle Elemente. Vollkommene Gleichgültigkeit sei etwas dem Menschen Fremdes. Auf der horizontalen Achse ist der Schmerz abgebildet, auf der vertikalen die Lust. Vor dem Ende der Schmerzlinie, das heißt im oberen Intensitätsbereich, befindet sich die Qual. Vor dem Ende der Lustlinie befindet sich die Wollust. Hier findet ein qualitativer Sprung statt, ein Sprung hin zu einem Höchstmaß entweder von Lust oder von Schmerz. Im Bewusstsein des Menschen ist dann nur dieser eine Zustand vorhanden. Ferner gibt es jenen Bereich der Gleichgültigkeit. Dieser Bereich befindet sich ganz am Anfang der Achsen (schwarzer Punkt) und liegt unterhalb der Bewertungsschwelle von Lust und Schmerz, das heißt, es wird weder Schmerz noch Lust empfunden. Weiterhin gibt es diejenigen Bereiche, bei denen der Schmerz zunehmen würde, ohne dass sich Lust dazu einstellt. Das Gleiche gilt auch für die Lust; sie kann zunehmen, ohne dass sich Schmerz dazu gesellt (diese Bereiche sind schraffiert). So enthält dann ein Ereignis A mehr Lust als Schmerz, ein Ereignis B wird als ein »eher unangenehmes Erlebnis« (Pöppel 1995, S. 11) beschrieben und bei C sind dann sowohl Lust als auch Schmerz beide »relativ hoch vertreten« (ebd.). 122 6 Panoptikum an Masochismen Wie schon weiter oben dargelegt, existiert eine breite Definitionsvielfalt. Diese Definitionsvielfalt gilt es nicht zu minimieren, denn die Anzahl der Definitionen spiegelt die Vielfältigkeit des masochistischen Phänomens wider. Es gibt nicht nur den einen Masochismus, sondern diverse Masochismen.86 Aus den unterschiedlichen Konzeptionen und Definitionen bezüglich Masochismus, die in den oberen Kapiteln vorgestellt wurden, können nun unterschiedliche Arten und die darin enthaltenen masochistischen Konnotationen abgeleitet werden – sie bilden ein Spektrum an Masochismen. Die Formen sind nicht immer scharf voneinander trennbar (vgl. Wurmser 1993) und sie können auch zusammen auftreten. So kann eine sexuelle Perversion mit einer Selbstsabotage einhergehen. Die Hauptarten unterscheiden sich in sexuell und nicht-sexuell. Unter diese Hauptarten fallen dann verschiedene masochistische Konnotationen: Jene, die ein gesundes, im Leben nicht hemmendes masochistisches Verhalten widerspiegeln; jene Konnotationen, die sich wenig bis mehr oder stark hemmend auswirken und abschließend diejenige Konnotation, bei der eine Pathologie vorliegt. Teilweise befinden sich die Konnotationen auf einem Kontinuum von Ausprägungsstärken. Beispielsweise ist die masochistische Selbstsabotage eine heftigere und negativere Form als die Selbstdegradierung. 86 Siehe auch Grossman (1991): »It might be more correct to speak of ›the sadomasochisms‹ (…)« (S. 23). 6.1 Differenzierungskriterien 123 6.1 Differenzierungskriterien Die Konnotationen können nach verschiedenen Kriterien differenziert werden. Wie zum Beispiel die Unterscheidung von sexuell und nichtsexuell, dann das Kriterium der Konstruktivität oder der Destruktivität, das heißt, ob die masochistische Konnotation für das Individuum und/oder für die Gesellschaft schädlich ist oder nicht. Als weitere Kriterien können der Ausprägungsgrad des masochistischen Verhaltens genannt werden sowie der Verlauf (Wird das Verhalten zerstörerischer?), ferner der Bewusstseinsgrad87 und die Zielsetzung des masochistischen Verhaltens.88 So ist beispielsweise der Alltagsmasochismus notwendig für ein Funktionieren des Individuums in der Gesellschaft und ist somit notwendig für die Gesellschaft. Jedoch kann das Individuum ein schädliches Verhalten entwickeln, welches langfristig negativ sich für das Individuum auswirkt, infolge auch für die Gesellschaft. Beispielsweise kann zielstrebiges Arbeiten, bei dem temporär Unlust, Hunger, Übermüdung in Kauf genommen wird, dazu dienen, Projekte fertigzustellen, um sich anschließend zufrieden und selbstwirksam zu fühlen. Steigert sich jedoch ein solches Verhalten und geht die Person ständig an und über ihre Grenzen, kann dieses Verhalten beispielsweise in einem Burn-out enden. Die groben Unterscheidungsmerkmale sind also »Nicht-sexuell – Sexuell« und das Ausmaß des Schadens. Die Frage, ob eine Konnotation einen sexuellen Bezug hat oder nicht, ist leichter zu beantworten als die Frage, ab wann ein Schaden oder gar eine Pathologie vorliegt (vgl. hierzu auch Becker 2008). Bronisch (2005) schlägt vor, statt von krankhaftem und gesundem Verhalten von funktionalem und dysfunktionalem Verhalten zu sprechen. Je- 87 Grunert (1975) grenzt den normalen vom neurotisch, pathologischen Masochismus in Abhängigkeit des Bewusstseinsgrades wie folgt ab: Im Rahmen des normalen, nichtpathologischen Masochismus wird Schmerz aus bewussten und rationalen Gründen gesucht oder in Kauf genommen, um einem höheren Zweck zu dienen (bspw. der Zahnarztbesuch oder das Ablegen von Prüfungen). Der pathologische Masochismus liegt vor, wenn die Bereitschaft, Opfer auf sich zu nehmen, um Liebe und Respekt zu erringen, unbewusst, zwanghaft ist und aus ungelösten Konflikten stammt (Grunert 1975). 88 Dient es wirklich einer »förderlichen« Lust respektive einer allgemeinen Befriedigung oder ist das Verhalten in seiner Zielsetzung selbstzerstörerisch? 6 Panoptikum an Masochismen 124 doch kann aus der Perspektive des Betroffenen das eigene Verhalten, auch wenn es gestört ist, funktional für ihn sein. Lackinger (2005) schlägt vor, »die Perversionen in benigne, transgressive und maligne Formen zu unterteilen, um den außerordentlich unterschiedlichen Implikationen für die sexuelle Selbstbestimmung anderer Menschen gerecht zu werden« (Lackinger 2005, S. 1107). Benigne Formen sind Formen des sexuellen Sadomasochismus, die einvernehmlich praktiziert werden und nicht zu schweren Schädigungen führen. Zu den benignen Formen zählt auch der Fetischismus. Zur transgressiven Form wird masochistisches Verhalten, wenn dieses mit leichten Selbstverletzungen einhergeht. Beim malignen Masochismus sind zentrale Merkmale die »hochgradige Selbstgefährdung« (ebd.), Selbstverstümmelung und der eventuell mit diesen Praktiken einhergehende Tod. Vieles in der Diskussion über Gesundheit und Krankheit ist relativ, denn allein die Zustände »krank – gesund« sind fließend. Freud (1904) proklamierte ein Kontinuum von Gesundheit und Krankheit. Dabei ist für ihn jener gesund, der arbeits- und genussfähig ist.89 Und »Menschen unterscheiden sich nicht gänzlich, sondern nur graduell hinsichtlich ihrer seelischen Gesundheit« (Mertens 2006b, S. 265). Eine normale Persönlichkeit besitzt nach Kernberg (2006a) ein integriertes Selbstkonzept und ein integriertes Konzept wichtiger Bezugspersonen. Sie hat eine Ich-Identität, diese macht sich durch ein inneres Gefühl an Selbstkohärenz und Ich-Stärke bemerkbar. Die Ich-Stärke manifestiert sich wiederum an einer Verfügbarkeit an unterschiedlichen Affektdisposi- 89 »So wie Gesundheit und Krankheit nicht prinzipiell geschieden, sondern nur durch eine praktisch bestimmbare Summationsgrenze gesondert sind, so wird man sich auch nie etwas anderes zum Ziel der Behandlung setzen als die praktische Genesung des Kranken, die Herstellung seiner Leistungs- und Genußfähigkeit. Bei unvollständiger Kur oder unvollkommenem Erfolg derselben erreicht man vor allem eine bedeutende Hebung des psychischen Allgemeinzustandes, während die Symptome, aber mit geminderter Bedeutung für den Kranken, fortbestehen können, ohne ihn zu einem Kranken zu stempeln« (Freud 1904, S. 8). Auffällig ist, dass in der psychoanalytischen Literatur wenig über die Auffassung von Gesundheit zu finden ist. Zum Beispiel findet sich weder im Vokabular der Psychoanalyse (Laplanche/Pontalis 1999) noch im Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe (Waldvogel/Mertens 2002) das Stichwort ›Gesundheit‹. 6.1 Differenzierungskriterien 125 tionen und an Affekt- und Impulskontrolle.90 Als nächstes Merkmal nennt Kernberg ein ausgebildetes und integriertes Über-Ich mit einem internalisierten Wertesystem, welches sich als Gefühl der Verantwortung und der Fähigkeit für realistische Selbstkritik äußert. Einer normalen Persönlichkeit gelingt »der angemessene und befriedigende Umgang mit libidinösen und aggressiven Impulsen« (ebd., S. 23). Sie kann sublimieren, sich selbst behaupten und »die Reaktion dient allein dem Schutz, und die Aggression richtet sich nicht gegen das Selbst« (ebd., S. 23). Ein nächstes Kriterium für Gesundheit ist die Autonomie des Ichs und der Willensfreiheit, das heißt, derjenige ist fähig, Triebbedürfnisse aufzuschieben. So sieht Giese (1962) als Hauptkriterium für pathologisches Verhalten das Suchtmäßige, wenn der Betroffene unkontrolliert und zwanghaft handelt. Rein abnormes, sexuelles Verhalten sei nur deviant. Denn »(i)rgendeine abnorme oder nur ungewöhnliche sexuelle Praktik berechtigt zwar zu dem Verdacht auf eine sexuelle Perversion, aber noch nicht zu dieser Diagnose« (Giese 1962, S. 429). Wie sieht es mit anderen Kriterien für Pathologie aus: dem Leidensdruck, der Selbst- und Fremdschädigung? Wenn der Betroffene sein Verhalten, seine Sexualität als dysfunktional einstuft (Hoyer 2008)? Der Leidensdruck kann kein ausschließliches Maß für Pathologie sein. Denn das Ausmaß des Leidens ist subjektiv. Zumal es Menschen gibt, die denken, gesund zu sein, dies aber in Wirklichkeit nicht sind – beispielsweise bei ich-syntoner Verarbeitung einer psychischen Störung oder bei einem Normopathen. Dieser ist das Gegenteil von einem Hypochonder. Letzterer bildet sich ein, an einer Krankheit zu leiden, der Normopath denkt hingegen, normal und gesund zu sein, er ist sich nicht bewusst, dass er krank ist. Ein Normopath passt sich über die Maßen seiner Umgebung und den Werten der Gesellschaft an. Diese Überanpassung kann später zu Leid führen, da er 90 »Die Fähigkeit zur Sublimierung der Triebe in Arbeit und Wertvorstellungen wird in hohem Maße gespeist von der Integration des Über-Ich. Beständigkeit, Ausdauer und Kreativität sowohl beim eigenen Tun als auch in Beziehungen entstammen gleichfalls der normalen Ich-Identität, während die Fähigkeit, Vertrauen zu entwickeln und ein Gefühl für Reziprozität und Engagement auszubilden, auch sehr stark vom Über-Ich determiniert wird« (Kernberg 2006a, S. 22f.). 6 Panoptikum an Masochismen 126 sein eigenes Sosein nicht entwickelt hat (McDougall 1998), aber er verspürt darüber zunächst keinen Leidensdruck. Das Kriterium des Leidensdrucks ist also problematisch einzustufen, gerade im Zusammenhang mit Störungen, die ich-synton verarbeitet werden (s. hierzu Pfäfflin/Lamott/Ross 2006). Der Begriff des Schadens ist hier hilfreicher. Liegt eine Schädigung im allgemeinen Voranschreiten im Leben vor und/oder gibt es sexuelle Praktiken, die mit psychischen und physischen Schäden einhergehen. So könnte bei gesundem Masochismus von einem konstruktiven, hilfreichen oder benignen Masochismus gesprochen werden und als Gegenpol vom destruktiven, schädlichen, hemmenden oder malignen Masochismus. Eine weitere Frage bezüglich der Differenzierung gesund – krank ist, ob eine (Liebes-)Beziehung ein Zeichen für gesunden Masochismus ist? Dies kann nicht per se bejaht werden, aber es lässt sich vermuten, dass eine gute Beziehungsfähigkeit mit unschädlichen sexuellen SM-Praktiken und keinem stark hemmenden moralischen Masochismus in Zusammenhang steht. Kernberg (1997) vertritt die Ansicht, dass der sexuelle Masochist fähig zur (stabilen) Beziehung im Allgemeinen ist. Hingegen bei der depressiven-masochistischen Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen Zügen91 wäre diese Beziehungsfähigkeit so nicht gegeben. Als Beispiel nennt Kernberg Heinrich Manns Professor Unrat (1905). Es existieren eben Beziehungen, die nur das Deckmäntelchen von Liebesbeziehung tragen, jedoch ein pathologisches Beziehungsgefüge sind, wie etwa ein Ehe-Clinch; eindrücklich dargestellt im Theaterstück von Albee Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (2005). Dies ist ein Beziehungsgefüge in Form einer sadomasochistischen oder submissiv-dominanten Kollusion (s.o.). Kernberg (1995/1998) grenzt die narzisstische Persönlichkeit von der masochistischen Persönlichkeit wie folgt ab: Die narzisstische Persönlichkeit idealisiert den Partner, solange er unerreichbar ist, sobald dieser er- 91 Narzissmus deswegen, da sich die Person, die sich selbst aufopfert mit Stolz erfüllt wird über die Fähigkeit, so viel Erniedrigung auszuhalten. Jedoch ist dies kein pathologischer Narzissmus, sondern ein normaler, infantiler Narzissmus, da »das masochistische Überlegenheitsgefühl (»Ich bin der größte Dulder auf dieser Welt«) bleibt auf den spezifischen Bereich beschränkt, in dem der Patient leidet, und erstreckt sich nicht auf sämtliche übrige Lebensbereiche« (Kernberg 1997, S. 60). 6.1 Differenzierungskriterien 127 reichbar ist, wird er abgewertet. Die masochistische Persönlichkeit hingegen sucht nach einem stark idealisierten, potenziell unerreichbaren Partner, ist aber zu tiefgehenden Objektbeziehungen in der Lage, v. a. mit frustrierenden und sadistischen Partnern. Wobei in der klinischen Praxis primär eher Mischformen vorhanden sind (ebd.). Kernberg zusammenfassend, befindet sich auf dem neurotischen Niveau der Persönlichkeitsorganisation die depressiv-masochistische Persönlichkeitsstörung, die masochistische Verliebtheit und die masochistische Perversion; auf dem Borderline-Niveau die sadomasochistische Persönlichkeitsstörung, sexueller Masochismus mit selbstzerstörerischen und/oder anderen regressiven Zügen sowie extreme Formen der Selbstverletzung und Selbstaufopferung (Kernberg 1997, S. 65). Auch Becker (2001) weist darauf hin, dass »Perversionen (…) hoch oder niedrig strukturiert sein (können) und ihre Funktion für Stabilisierung und Anpassung gut oder schlecht erfüllen. Am besten gelungen ist die Perversionsbildung, wenn die aus der präödipalen Entwicklung stammenden unbewussten Elemente in der Perversion gebunden und gestaltet werden und die sozial handelnde Persönlichkeit davon unbeeinträchtigt bleibt. Das hat zwar eine Art Doppelleben zur Folge, aber nicht eine ständige innere Zerrissenheit mit drohender psychotischer Dekompensation« (Becker 2001, S. 431). Dadurch können folgende Kriterien für das Ausmaß einer gelungenen Perversionsbildung92 sein: 92 Kernberg (1997) fasst Masochismus als Perversion auf, wenn die sexuelle Erregung und der Orgasmus nur durch die einengende, zwanghafte Form masochistischen Verhaltens erreicht werden können (vgl. Freud 1905, Laplanche/Pontalis 1999). Die sexuelle Perversion ist verbunden mit einer starken Hemmung der sexuellen Freiheit und Flexibilität, »die einhergeht mit einer Idealisierung eines bestimmten sexuellen Szenarios, das dem jeweils vorherrschenden infantilen polymorph-perversen Partialtrieb entspringt« (Kernberg 2006b, S. 284). Für den sexuellen Masochismus kann das Kriterium der Sucht genannt werden, also ob das Verhalten suchtmäßig ist. Der Begriff der Sucht ist genauer als jener des Zwangs. Denn in der Sexualität liegt immer irgendetwas Zwanghaftes vor in der Form von gewissen Präferenzen. Reiche (2001) stellt fünf Kriterien auf, um von einer Perversion sprechen zu können, unabhängig von einem Strukturniveau. Dazugehören: 1. Kriterium des obligaten Fetischs, 2. Kriterium der perversen Szene, 3. Kriterium des Orgasmus, 4. Kriterium der süchtigen Unaufschiebbarkeit, 5. Kriterium der Perversion-in-der- Perversion (Reiche 2001, S. 442). 6 Panoptikum an Masochismen 128 ➢ Größe der zu füllenden Lücke im Selbst ➢ Ausmaß an innerer Zerrissenheit und narzisstischer Spannung ➢ Ausmaß an aggressiven und destruktiven Regungen ➢ Beschaffenheit des Ichs und Überichs (Becker 2001, S. 431). Die gerade oben ausgeführten Überlegungen für die Differenzierung der unterschiedlichen Masochismus-Konnotationen lassen sich wie folgt als Überblick zusammenfassen: Überblick: Differenzierungskriterien 1. Sexueller Bezug a) Nicht-sexuelle Arten b) Sexuelle Arten c) Mischform (Schwerpunkt sexuell, nicht-sexuell oder beides gleich stark) 2. Konstruktiv und hilfreich – hemmend – schädlich (mäßig, mittel, stark) – destruktiv a) Für das Individuum → Kriterien für die Auswirkungen des masochistischen Verhaltens auf das Leben ➢ Arbeits- und Genussfähigkeit ➢ Ich-Identität ➢ Fähigkeit zur Affekt- und Impulskontrolle ➢ Adäquater Umgang mit Aggression ➢ Fähigkeit zur realistischen Selbstkritik ➢ Sucht und Zwang vs. Autonomie des Ichs und Willensfreiheit, ➢ Fähigkeit, Triebbedürfnisse aufzuschieben ➢ Beziehungsgestaltung ➢ Strukturniveau ➢ Rigorosität des Über-Ichs, Ausmaß (der Überhöhung) des Ich-Ideals, Ausmaß des Strebens nach Perfektionismus (ist es einer, der das Gefühl hinterlässt, nie genügen zu können oder der positiv handlungsleitend ist) ➢ Dauer des Leidens ➢ Ausmaß der Hemmung im Leben 6.1 Differenzierungskriterien 129 b) Für die Gesellschaft 4. Beginn und Verlauf a) Zerstörerisch werdend b) Gleichbleibend93 5. Absolutheitsgrad a) Masochismus als Muss, Lebensinhalt b) Masochismus als Kann 6. Ausprägungsgrad a) Stark b) Mittel c) Wenig 7. Bewusstseinsgrad Unterscheidung von bewusst und dem unbewusst in Kauf genommenen Leiden a) Bewusst b) Vorbewusst c) Unbewusst 8. Zielsetzung Wofür wird das masochistische Verhalten benutzt? Für eine dienliche Zielsetzung? Nachdem nun oben mögliche Differenzierungskriterien diskutiert worden sind, geht es im Folgenden um die zwei Hauptarten und die darunter zu subsumierenden masochistischen Konnotationen. 1. Nicht-sexuell: Masochismus als Archetyp; Masochismus, der unsere Kultur durchzieht; Alltagsmasochismus; Selbstdegradierung; moralischer Masochismus und als Spezialfall der Kontramasochismus.94 2. Sexuell: Sexueller Masochismus als 93 Wenn eine Form zum Beispiel sexueller Masochismus entfällt, benötigt derjenige eine andere Form, verfällt derjenige in moralisch masochistisches Verhalten? 94 Gödde (1983) beschreibt unterschiedliche Erscheinungsformen des Masochismus. Er subsumiert viele Verhaltensweisen unter die Erscheinungsform Masochismus: den sexuellen Masochismus, die Lust am Ehe-Clinch, weibliche Unterordnungsbereitschaft, die ›vollkommene Freude‹ des Asketen, Sehnsucht nach körperlichen Leiden, religiöses Märtyrertum, Kriegsbegeisterung. Wurmser (1993) stellt vier Formen der masochistischen Pathologie auf. 6 Panoptikum an Masochismen 130 Liebeskunst; konsensueller (Sado-)Masochismus, Algolagnie, sexuelle masochistische Perversion. 6.2 Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 6.2.1 Masochismus als Archetyp »Der Begriff des Archetypus, der ein unumgängliches Korrelat zur Idee des kollektiven Unbewußten bildet, deutet das Vorhandensein bestimmter Formen in der Psyche an, die allgegenwärtig oder überall verbreitet sind« (Jung 2000, S. 114). Die Inhalte des kollektiven Unbewussten sind die Archetypen. Jung definiert das kollektive Unbewusste wie folgt: »(E)in Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewußten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewußte wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewußt waren, aus dem Bewußtsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewußten nie im Bewußtsein und wurden somit nie individuell erworben, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich der Vererbung« (Jung 2000, S. 114). Den äußerlichen Masochismus, den innerlichen oder moralischen Masochismus, den sexuellen Masochismus, also die masochistische Perversion und den Kontramasochismus. Was versteht Wurmser unter diesen Formen? Der äußerliche Masochismus ist, dass »die hauptsächlichen mitmenschlichen Beziehungen (…) eine starke Färbung des Opfertums und der Erniedrigung (zeigen); sie sind Ausdruck eines unbewußten Suchens nach quälenden Partnern« (Wurmser 1993, S. 41). Beim innerlichen oder moralischen Masochismus ist »die Quälerei (…) v. a. gegen das Selbst gerichtet, und zwar ausgeübt durch das Gewissen; Schmerzsucht und Gewissenszwang überdecken sich« (ebd.). Beim sexuellen Masochismus ist »die sexuelle Befriedigung (…) manifest an symbolische oder wirkliche Qual und Erniedrigung gebunden« (ebd.). Kontramasochismus ist, »was als gegen außen gerichtete Grausamkeit und Selbstsucht erscheint, verbirgt das Ausagieren einer masochistischen Kernphantasie« (ebd.). Die vier Formen sind nicht trennscharf unterscheidbar, vielmehr bestehen sie laut Wurmser fast immer nebeneinander, wenngleich in unterschiedlicher Stärke und »(…) ihre Pathologie liegt erst in ihrer Zwanghaftigkeit« (Wurmser 1993, S. 41; vgl. auch Tuch 2010). 6.2 Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 131 Unter Archetyp wird also eine angeborene Struktur verstanden. Das menschliche Erleben und Verhalten basiert auf dieser allgemeinen menschlichen Grundlage, die sich in jedem Individuum wiederfindet. Der Archetyp ist ein genetisch verankertes, evolutionär erworbenes, universales Bereitschafts- und Reaktionssystem, er stellt eine Disposition dar für eine mögliche Erlebens- und Verhaltensform. Diese Disposition ist dem Wesen des Menschen und seiner Mitwelt inhärent (Müller/Müller 2003). Masochismus als Archetyp ist damit eine Anlage in allen Menschen, sich einer stärkeren Macht zu unterwerfen, ein Hinaufsehen zu anderen, um die eigene Existenz zu bestätigen. »Über das ganze Leben sehnen wir uns nach Personen, zu denen wir ›aufschauen‹ können, die uns in unserer Existenz bestätigen« (Conzen 1996, S. 125). Gödde (1983) spricht von einem individuellen und kollektiven Verlangen nach Selbstaufgabe. Dieses steht auch in Zusammenhang mit der Sehnsucht nach einer Führerfigur, die Sehnsucht nach einer starken Schulter und einer führenden Hand. Es handelt sich hierbei um eine zutiefst menschliche Neigung, bei der es um Macht in einem sozialen Gefüge geht: Also das Beherrschen, Beherrscht-Werden, sich einfügen in eine Gemeinschaft und aber zeitgleich aus dieser, wenn auch nicht gänzlich, so doch ein wenig ausbrechen zu wollen. Es ist eine zweifache Lust: Die Lust an eigener Autorität und die Lust auf eine andere Autorität; einerseits das Kontrollieren, andererseits das Sich-Hingeben an eine (höhere) Macht. Hinzukommt, dass allgemein Aspekte von Dunklem, Archaischem zusätzlich ihren Reiz ausüben. Diese Konnotation bildet die Basis aus einem Pool einer allgemeinen menschlichen Grundlage. Der nun folgende Protomasochismus hingegen ist individuell bedingt. 6.2.2 Protomasochismus Loewenstein (1957) sieht im Protomasochismus den Vorläufer für Masochismus. Dieser entwickelt sich aufgrund von sadistischen Erlebnissen, durch immer wiederkehrende schmerzliche Erfahrung oder durch ein besonders hartnäckiges und angriffslustiges Necken seitens der Mutter respektive der Bezugspersonen (s. hierzu Brenman 1952). Dieser Protomasochismus bildet die Grundlage für eine spätere Genese des sexuellen 6 Panoptikum an Masochismen 132 Masochismus (vgl. Galenson 1988). Solange noch keine Genitalität beteiligt ist, spricht Loewenstein (1957) von Protomasochismus. Eine besondere Rolle für die Entwicklung eines Protomasochismus spielen Neckerei-Erschrecken-Spiele zwischen Kind und Erwachsener, das Austesten von Grenzen seitens des Kindes und sein Verführen des Aggressors. Trotz Verbot macht das Kind etwas und schaut dann, wie die Eltern reagieren: Lacht der Erwachsene oder wird er wirklich böse. So gehen Neckerei und Gefahr Hand in Hand. Bei allen Kindern kann dieses Austesten festgestellt werden und die damit einhergehenden Reaktionen. Bei manchen Kindern kann eine Prädisposition vorliegen, auf die Neckerei- Spiele mit einer großen Bereitschaft zu reagieren. Je größer die Bereitschaft, desto höher ist die Veranlagung für eine zukünftige Masochismus- Entwicklung. Aber auch durch die Eltern kann dies gefördert werden, indem die Eltern es mit diesen Neckerei-Spielen übertreiben. Das Verführen des Aggressors wiederum stellt eine Anpassungsleistung des Kindes dar. Durch dieses Verhalten versucht es aggressive Attacken von außen zu überstehen, indem es zu erneuten aggressiven Attacken verleitet. Dabei geht es nicht um die Lust am Schmerz, sondern darum, dass der Schmerz und die Bedrohung, verlassen zu werden durch eine liebende erneute Begegnung mit den Eltern aufgehoben wird. So verhilft dieses Verhalten dem Kind, seine Trennungsängste sowie Aggressionen der Eltern abzuwehren und so das Verhalten des Gegenübers zu ändern (Loewenstein 1957). Das Verführen des Aggressors muss nicht per se zu einem masochistischen Verhalten führen, aber es stellt einen Prototypen dar für einen eventuell sich später entwickelnden (sexuellen) Masochismus. 6.2.3 Masochismus, der unsere Kultur durchzieht Unter die Form Masochismus, der unsere Kultur durchzieht lassen sich die folgenden Konnotationen subsumieren: Alltagsmasochismus, Selbstdegradierung, Selbstsabotage und kulturell determinierter Masochismus. Unsere Kultur ist auch von unserer Religion geprägt. Somit wirkt sich zum Beispiel die protestantische, calvinistische Leistungsethik immer noch aus, wenngleich dies zu früher nicht mehr so dominant erscheint. 6.2 Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 133 Die Erziehung und damit die Rolle des Vaters, der Mutter, der Lehrer und anderer wichtiger Bezugspersonen, die gesellschaftliche Werte vermitteln, führen mit zum Alltagsmasochismus, der auch von der Gesellschaft gefordert wird. Unsere Kultur basiert auf Herrschafts-Unterwerfungs-Verhältnissen, sodass auch Sadomasochismus in unserer Kultur verankert ist (Gebhard 1969, S. 77 in Bullough 1983, S. 10). In der Bezugsperson-Kind-Unterwerfung lernt das Kind sich einer Autorität zu unterwerfen, nicht zu widersprechen, denn bei Widerspruch und Selbstständigkeit droht Strafe. Warum sehnt sich der Mensch teilweise nach einer Autorität? Freud vertrat die Ansicht, eine unterwürfige Identifizierung mit der Elternautorität entstamme dem Bedürfnis nach Beistand gegen angsterregende Impulse und depressive Affekte (Freud 1933 in Brenner 1986, S. 152). Im Gegenzug für seinen Gehorsam erhält der Mensch Schutz und Versorgung. Das eigene Ich wird dabei (teilweise) aufgegeben, nur um dem anderen zu gefallen, Liebe zu erhalten aber auch aus Angst vor Strafe. Die Identifizierung mit der Elternautorität beeinflusst auch die Art des Über-Ichs. Die Über-Ich-Bildung wird mitgeprägt durch die Macht der Vaterfigur, wobei die Über-Ich-Entwicklung bereits vor der ödipalen Auseinandersetzung mit dem Vater einsetzt. Diese ist im impliziten Gedächtnis verankert und deshalb nur schwer zu ändern. Ein kulturell tradiertes, unerbittliches Über-Ich kann später zu selbstzerstörerischen Handlungsweisen führen, beispielsweise indem das eigene Wohlergehen weniger zählt als das Bewahren einer Ideologie. Unter die masochistische Konnotation Masochismus, der unsere Kultur durchzieht können demnach ebenso Formen subsumiert werden, die Gödde (1983) als kollektives Verlangen nach Selbstaufgabe tituliert, wie zum Beispiel Kriegsdienst als kollektiver Sadomasochismus, sadomasochistische Tendenzen im Nationalsozialismus und Bolschewismus. Der Masochismus als Archetyp ist im Vergleich zum kulturell determinierten Masochismus basaler. Wobei der kulturell determinierte Masochismus auch seine Wurzeln im kollektiven Unbewussten hat. 6 Panoptikum an Masochismen 134 6.2.3.1 Alltagsmasochismus Beim Alltagsmasochismus geht es um das in Kaufnehmen von Leiden, um ein höheres Ziel zu erreichen, eine masochistische Hingabe an die Pflicht. Dies geht einher mit einem hohen Ausmaß an sekundärprozesshaftem Handeln, an Selbstkontrolle und Selbstdisziplin. Alltäglich unterwirft sich der Mensch Bedingungen, die ihm einerseits Leid zufügen und andererseits eine Befriedigung verschaffen. Ein Marathonlauf kann nur gemeistert werden, wenn der Läufer temporär Unlust zum Beispiel beim Training in Kauf nimmt. Zeitgleich erlebt er aber Lust, indem er eigene Grenzen erweitert, sich verbessert und dann befriedigt sein Ziel erreicht. Beim Alltagsmasochismus ist die Zielsetzung für das Individuum langfristig nicht schädlich, hemmend, sondern sie wirkt sich positiv auf die Entwicklung aus. Wie sieht es zum Beispiel mit einem jungen aufstrebenden Rechtsanwalt aus? Dieser arbeitet in einer großen Kanzlei, in der ein hoher Einsatz gefordert wird. Für ein Projekt arbeitet er vier Monate ohne ein freies Wochenende. Sein Blackberry bleibt immer an, er ist stets zu erreichen. Nach Abschluss des Projektes schaltet er, um zu schlafen, Freitag nachts sein Blackberry aus, was am Samstagmorgen von der Kanzlei negativ kommentiert. Nun wird der Rechtsanwalt zwar unter diesen Arbeitsbedingungen leiden, aber nicht nur. Es ist auch ein Lustgewinn dabei. Die Lust, sich stark zu fühlen. »Ich kann das alles leisten!« So raunen sich Arbeitnehmer zu, die sehr früh zu einem Kunden fliegen müssen: »Na, auch einen Red- Eye-Flight gehabt?« Damit wird gemeint, dass man so früh aufstehen musste und so wenig Schlaf hat, dass die Augen noch ganz rot sind. Dabei schwingt die Lust mit, das Gefühl, gebraucht zu werden, stark zu sein und scheinbar unersetzlich. Die äußere Unterdrückung wird durch die innere Unterdrückung unterstützt, also durch eine Selbstunterdrückung (Marcuse 1957, S. 24). Dieses Verhalten kann im Rahmen des Alltagsmasochismus auftreten. Werden jedoch die eigenen Grenzen immer mehr übertreten, wird immer mehr Leid auf sich genommen, bei paralleler unbewusster Lustbefriedigung und verschlechtert sich die Arbeitsleistung zunehmend, kann von einem suchtmä- 6.2 Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 135 ßigen und selbstschädigenden Arbeitsverhalten (Workaholic) gesprochen werden. Und dieses Verhalten kann dann zu psychisch masochistischem Verhalten gerechnet werden. 6.2.3.2 Selbstdegradierung Die Selbstdegradierung ist eine Neigung, sich klein zu machen. Aber sie ist noch nicht so hemmend für das Leben wie der weiter unten aufgeführte psychische Masochismus. Wenn das Über-Ich rigoros ist, das Ich-Ideal überhöht, entsteht die Neigung, sich selbst zu entwerten und sich zu beschimpfen. Die Selbstbeschimpfung ist eine verbale Flagellation und dient der Selbstbestrafung, aber auch, um sich im alltäglichen Wettbewerb anzuspornen. Denn der innere Richter ist streng, er fördert einen Perfektionismus, der ein Gefühl erzeugt, nicht genügen zu können, schwach und unfähig zu sein. Daher muss man sich immer mehr zu besseren Leistungen anfeuern. Wenn jemand viele überhöhte Idealvorstellungen besitzt, diese mit den kulturellen Vorgaben zusammenkommen, wie man sein sollte (Selbstverwirklichung, Karriere, Kinder, Haus, Auto …) kann dies zu Überforderung führen. Latent ist das Schuldgefühl vorhanden, die Leistungsansprüche nicht zu erfüllen. Die Person sieht: So bin ich – und fühlt: So sollte ich aber nicht sein, ich sollte anders, besser sein. Sie nimmt sich als Mangelwesen war, genügt nicht, kann nie genügen und empfindet darüber Schuld und Scham (s. hierzu auch Schüttauf/Specht/Wachenhausen 2003). Denn, wenn die Person sich mehr bemühen würde, würde sie doch den Idealen genügen können und folgert irrtümlicherweise, dass sie Schuld an ihrem Ungenügendsein hat. Das vermeintlich anzustrebende Klassenziel wird nicht erreicht und schamvoll zieht sich die Person zurück. Dadurch kann sie sich nicht mit alternativen Werten auseinandersetzen, denn abgewandt von Anderem, drehen sich die Gedanken solipsistisch um das eigene Ungenügen. Die Person degradiert die Person in sich selbst, auch als Sühne für das »Vergehen« an den eigenen und den gesellschaftlichen Werten. Die Selbstbeschimpfung nimmt dann die erwartete Strafe vorweg. Die Person gibt zu erkennen, dass sie bemerkt hat, dass ein »Verstoß« begangen wor- 6 Panoptikum an Masochismen 136 den ist und klagt sich selbst an, aus Angst aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden und in der Hoffnung auf ein gnädiges Urteil. 6.2.3.3 Masochistische Selbstsabotage Falls die Selbstdegradierung zunimmt, kann dies zu selbstsabotierenden Verhalten führen: Der innere Richter wird erbarmungsloser, die Person boykottiert sich zunehmend selbst und erzeugt für sich ungünstige Situationen. Wenn eigentlich mit einem erfolgreichen Ende, mit einem guten Ergebnis zu rechnen ist, inszeniert die Person unbewusst etwas Nachteiliges, sodass sie keinen Erfolg für sich verbuchen kann. Die Selbstsabotage gleicht einer Intrige, die die Person für sich selbst entworfen hat. Die Verhandlung einer Gehaltserhöhung, die so gut wie sicher war, scheitert. Die Zusage für ein wichtiges Projekt bekommt man doch nicht, da man kurz vorher noch einen groben Fehler verursacht oder sich im ausschlaggebenden Moment plötzlich nicht mehr so gut präsentieren kann. Diese Form ist nicht so ausgeprägt wie der psychische Masochismus, da die Selbstsabotage nicht alle Lebensbereiche erfasst, sondern nur in bestimmten Situationen auftritt. Aber von den Grundzügen und Mechanismen ist diese ähnlich oder deckungsgleich. Erfolgt hier keine Besserung, kann sich dieses Verhalten ausweiten und auf Dauer in psychischen Masochismus münden. 6.2.3.4 Sozialer Masochismus Der soziale Masochist nach Reik (1977) möchte eigentlich gar nicht leiden, ganz im Gegenteil, er versucht das eigene Leiden möglichst gering zu halten. Er begibt sich in eine demutsvolle, abhängige Haltung, lebt seine Passivität lustvoll aus und befriedigt darin seine infantilen Abhängigkeitswünsche sowie die alltäglichen passiven Sexualwünsche (Le Soldat 1990). Durch sein Verhalten trägt er dazu bei, eine herrschaftliche, hierarchische soziale Beziehung zu schaffen, da ihm aufgrund der Erziehung zu Gehorsam und Unterordnung und des sozialen Umfeldes nichts anderes möglich erscheint (Reik 1977). 6.2 Nicht-sexuelle Masochismus-Konnotationen 137 Ähnliches ist auch beim »autoritären Charakter« (Fromm 2008, 1957) der Fall. Diesen kennzeichnet eine masochistische Hingabe an die Pflicht mit zeitgleichem Kampf um Anerkennung (Ermann 2009), er neigt dazu, in der Machtausübung nach unten zu treten und ansonsten nach oben zu buckeln, das heißt er unterwirft sich einem Stärkeren oder Ranghöheren. Nach außen lassen sich zwei Varianten des autoritären Charakters unterscheiden, eine passiv-masochistische und eine sadistisch-autoritäre. Innerlich sind sie ähnlich, es liegen sowohl dem Führer und als auch dem Geführtem gleiche Züge zugrunde, unter anderem die Unfähigkeit, unabhängig zu sein (Fromm 2008, 1957). Beide sind voneinander abhängig und damit nicht frei, beide erleben im Inneren Gefühle der Ohnmacht, Minderwertigkeit, Verlassenheit, Unsicherheit – nur wird es nach außen hin anders verarbeitet. In der passiven Verarbeitung dieser Gefühle macht sich der Passive klein, um im Großen aufgehen zu können. Er nimmt das Andere, sei es einen Führer, eine Partei, einen Staat als mächtig wahr und möchte ein Teil des Großen sein. Im Gegensatz dazu wirkt bei der sadistischen Verarbeitung derjenige nach außen hin selbstsicher und mächtig, aber bei Machtverlust bricht er in sich zusammen (Fromm 1957 in Funk 2004). 6.2.4 Psychischer Masochismus Beim psychischen Masochismus handelt es sich um eine Leidenssucht, bei der das Leiden als Lebensberechtigung dient. Das Individuum fühlt sich unbefugt, etwas Gutes zu haben, da es glaubt, Schuld auf sich geladen zu haben, die es zu sühnen gilt. Ein bewährtes Mittel zu Sühne ist die Strafe, auch die Selbstbestrafung. »Innerlicher, d. h. moralischer Masochismus ist eine unerbittliche Gewalt eines grausamen Gewissens, fast unheilbar anmutende Form der Selbstverurteilung (im Sinne von Schuld und Scham). Diese Form ist verbunden mit einer Schicksalswiederholung. Hervorgerufen durch dissoziative Zustände. Erinnerungen, die nicht durch Fantasie modifiziert werden können, müssen aufgrund traumatischer Erlebnisse abgespalten werden und in Wiederholungen reinszeniert werden« (Wurmser 1998a, S. 24). Hierzu zählt die depressiv-masochistische Persönlichkeit. Zu erkennen sind einerseits als Hauptcharaktereigenschaften Züge, die ein unnachgiebi- 6 Panoptikum an Masochismen 138 ges Über-Ich widerspiegeln; Züge, die eine übergroße Abhängigkeit von der Unterstützung, Liebe und Wertschätzung anderer verraten und Züge, die auf Schwierigkeiten beim Äußern von Aggressionen hinweisen (Kernberg 1980, 1997). Andererseits besitzt die depressiv-masochistische Persönlichkeit laut Kernberg (1988a, 2006a) auch folgende Kennzeichen: ➢ Normale Ich-Identität ➢ Fähigkeit zur Ausbildung von tiefer gehenden Objektbeziehungen ➢ Ich-Stärke (Toleranz gegenüber Angst, Impulskontrolle, Sublimierungsfähigkeit, Effizienz und Kreativität im Bereich der Arbeit) ➢ Fähigkeit zu sexueller Liebe und emotionaler Intimität (diese wird aber gestört von unbewussten Schuldgefühlen) Diese Persönlichkeit, wie auch einige der »vermeidenden« Persönlichkeitsstörungen (phobische Charaktere) befindet sich laut Kernberg (ebd.) auf einem neurotischen Persönlichkeitsorganisationsniveau. Dies ändert sich bei der sadomasochistischen Persönlichkeitsstörung. 6.2.5 Sadomasochistische Persönlichkeitsstörung Kernberg (1997) charakterisiert die sadomasochistische Persönlichkeitsstörung wie folgt: »Die Patienten (…) legen gegenüber den Objekten, auf die sie sich angewiesen fühlen und zu denen sie in enger Beziehung stehen, zum einen selbst-entwertende, selbst-entwürdigende und selbst-erniedrigende Verhaltensweisen an den Tag, zum anderen richten sie sadistische Angriffe gegen dieselben Objekte. Sadomasochistische Persönlichkeiten weisen gewöhnlich eine Borderline-Persönlichkeitsorganisation auf, die sich in Identitätsdiffusion, unspezifischen Zeichen von Ich-Schwäche (fehlende Angsttoleranz, mangelnde Impulskontrolle und unzureichende Verarbeitungsmöglichkeiten durch Sublimierung) und einem Überwiegen von Teilobjektbeziehungen und von primitiven Abwehrmechanismen (Spaltung, projektive Identifizierung, Verleugnung, primitive Idealisierung, omnipotente Kontrolle und Entwertung) bemerkbar macht. Ihre Objektbeziehungen wirken durchweg chaotisch, wobei die Intensivierung chaotischer Interaktionen mit den Menschen, die 6.3 Desexualisierte Masochismus-Konnotationen 139 ihnen am nächsten stehen, besonders auffällig ist. Diese Patienten erleben sich gewöhnlich als Opfer der Aggression von anderen und führen bittere Klagen, man würde sie schlecht behandeln, während sie zugleich darauf beharren, daß ihre eigenen Aggressionen gegen Menschen, von denen sie abhängig sind, legitim seien« (Kernberg 1997, S. 55f.). 6.2.6 Kontramasochismus Kontramasochismus ist, »was als gegen außen gerichtete Grausamkeit und Selbstsucht erscheint, verbirgt das Ausagieren einer masochistischen Kernphantasie« (Wurmser 1993, S. 41). Der Kontramasochismus besteht aus einem sadistischen-narzisstischen Deckmantel, unter dem der Masochismus verborgen liegt. 6.3 Desexualisierte Masochismus-Konnotationen 6.3.1 Die versteckte sexuelle masochistische Lust Unter desexualisierten Konnotationen können masochistische Konnotationen verstanden werden, bei denen das Sexuelle verborgen mitschwingt. Dabei wird das Sexuelle scheinbar verdrängt und durch die masochistische Handlung perfekt befriedigt. Für Reik (1977) wird beim desexualisierten Masochismus weniger auf individuelle Einzelfantasien zurückgegriffen, sondern vielmehr auf die in Tradition und Religion verankerten Kollektivfantasien oder Lebensformen. Hier besteht eine Verbindung zum Masochismus als Archetyp. Foucault (2005) versteht unter Desexualisierung, dass die körperliche Lust nicht unbedingt durch die sexuelle Lust erzeugt wird. Dies bedeutet, die Lust wird nicht nur durch die Sexualität, sondern durch andere Praktiken geschaffen, wie beispielsweise mittels diverser SM-Praktiken, die aber nicht direkt mit Sex in Verbindung stehen. 6 Panoptikum an Masochismen 140 6.3.2 Religiöser Masochismus Eine Form des desexualisierten Masochismus ist der religiöse Masochismus, er bezieht sich auf die christliche Religion.95 Die christliche Erbsünden-Theologie entwirft den Menschen als stets Schuldigen, der Sühne leisten muss. Generell ist es in dieser Konzeption besser, ein Opfer denn ein Täter zu sein, denn das Leiden stellt ein Merkmal dar, dass man auserwählt wurde und bevorzugt wird. Laut Brenner sei dies deutlich in der römisch-katholischen Kirche und ihren Glaubensinhalten bezüglich der Kommunion enthalten. Die Person unterwirft sich unter Gottes Gebot. »Wie Jesus zu sein bedeutet, so rein und moralisch zu sein wie er und künftig allen Versuchungen der Sünde zu widerstehen, der man in der Vergangenheit verfallen war« (Brenner 1986, S. 150). Anderenfalls droht die Strafe Gottes. Der religiöse Masochismus ist auch in Zusammenhang mit dem kulturbedingten Masochismus zu sehen, dies lässt sich eben nicht gänzlich trennen. »Wir können nicht leugnen, daß die Identifikation mit dem gekreuzigten, den Tod erleidenden Christus eine kulturelle Sublimierung tiefer masochistischer Regungen darstellt« (ebd.). 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen Die vorangegangenen Kapiteln beschäftigten sich mit nicht-sexuellen und desexualisierten masochistischen Konnotationen, jetzt geht es um sexuelle masochistische Konnotationen, mit einem Schwerpunkt auf der Darstellung des BDSM. Wie auch beim moralischen Masochismus kann der sexuelle Masochismus in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten: Von der sexuell-masochistischen Spielerei, die das Liebesleben bereichert, dann sexueller Masochismus als die Sexualität bis hin zur malignen masochistischen Perversion. 95 Es wäre auch von Interesse, inwiefern andere Religionen wie Buddhismus, Shintoismus etc. sich auf die Gewissensbildung auswirken und eventuell auf eine Ausbildung einer masochistischen Denk- und Verhaltensstruktur. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 141 6.4.1 Sexueller Masochismus als Liebes- und Lebenskunst Sexueller Masochismus kann eine Liebes- und Lebenskunst sein. In dieser masochistischen Konnotation sind dann sexueller Masochismus und sexuell-masochistische Spielereien eine Stimulanz für das Liebesleben und das Leben im Allgemeinen. Mit McDougall (1989) kann ein Plädoyer für eine »Perversität« gehalten werden. Es geht hier um das sogenannte Abgründige, Dunkle, Archaische im Rahmen einer lebendigen, nicht schädigenden Sexualität. Befürwortet werden soll dezidiert keine Perversität, bei denen Dritte oder die Person selbst zu Schaden kommt. Sigusch meint: »Die Lust, die aus einer perversen Handlung gezogen werden kann, gehört zu den intensivsten, die ein Mensch erleben kann. (…) Und schließlich ist das Geheimnis sexuell lustvoller Dauerbeziehungen ein Hauch von Perversion. (…) Doch die »kleine Perversion« sollte ein Geheimnis bleiben. Fangen die Partner an, es zu zerdenken und zu zerreden, könnte das Geheimnis seine unbewusste Sexualisierungskraft verlieren. Und das wäre doch zu schade« (Sigusch 2010, o. S.). So vertritt Kernberg (1995) die Meinung, dass eine gewisse normale polymorph-perverse Sexualität dazu beiträgt, die Intensität leidenschaftlicher Liebesbeziehungen aufrechtzuerhalten. Und diese Sexualität auch als Sammelbecken dient, als Zufluchtsort für unbewusste Fantasien, sodass die im Laufe von Beziehung entstehenden Konflikte und Bedeutungen hierin teilweise gebunden sind. Darüber hinaus bildet, unabhängig von einer normalen polymorph-perversen Sexualität, allgemein die Ekstase ein Gegengewicht zum alltäglichen Leben (vgl. hierzu Stein 2008). Bei der jetzigen Konnotation besitzt der sexuelle Masochist ein gutes Ausmaß an Fantasie (vgl. Reik 1977), er ist keineswegs zwanghaft festgelegt, einen bestimmten Ablauf zu repetieren. Er verwendet Zeit bei der Gestaltung seiner Fantasie und deren Ausleben und zeigt hier Engagement und Kreativität. Durch Vorlustakte wird eine Spannungs- und Erregungssteigerung erzielt, da auch Vorfreude libidinös besetzt ist. Je mehr solche Spiele beherrscht werden, desto grö- ßer ist die Liebeskunst (Balint 1947/1988). Die Fähigkeit, Spannung zu ertragen, trifft auf die Fähigkeit der Hingabe – alles im Dienste des Genusses. 6 Panoptikum an Masochismen 142 Sexueller Masochismus bietet auch die Möglichkeit zur Transzendenz. Ähnlich wie das Fasten von Mönchen, können Schmerz und die Erfahrung der Entbehrung ein Mittel zur Selbsterkenntnis sein. Die Person erlebt ihre Grenzen, die Möglichkeit gewisse Grenzen zu überwinden und zu erweitern. So kann sie ein inneres Potenzial ihres Selbst erwecken. »Sadomaso-Szenarien bieten den Rahmen, bestimmte Verhaltensweisen auszuprobieren und dabei in einer kontrollierbaren Situation Grenzerfahrungen zu machen« (Kasten 2006, S. 249). Es können Erfahrungen gemacht werden, die über die bisherigen hinausgehen. Auch besteht die Möglichkeit, zu unbewussten Elementen Zugang zu bekommen und so diese ins Bewusstsein zu holen. Dieser Aspekt betrifft dann auch die nächste Konnotation – »Sexueller Masochismus als Selbsttherapie«. 6.4.2 Sexueller Masochismus als Selbsttherapie Der Sexuelle Masochismus als Selbsttherapie ist ein Mittel, um alte Wunden (möglicherweise) abheilen zu lassen. Denn im sicheren Rahmen des Rollenspiels, des Als-ob-Modus, kann Vergangenes bewältigt werden, indem es reinszeniert und abgearbeitet wird. »Frühe traumatische Erfahrungen können nicht bewusst werden. Denn sie geschehen zu einem Zeitpunkt der kindlichen Entwicklung, als es noch keine deklarative autobiografische Repräsentationsfähigkeit besaß« (Mertens 2005, S. 102). Mit dem sexuellen Masochismus können möglicherweise traumatische Erfahrungen wieder hervorgeholt werden, aber nicht in einem retraumatisierenden 1:1-Modus. Sondern SM wird dann eine Art Rêverie im Sinne von Bion (1962) und übernimmt stellvertretend die Mutterfunktion. SM ist dann eine Möglichkeit des Containments, der Affektspiegelung und -markierung, um so die Symbolisierungsfähigkeit nachzuentwickeln. Liegt diese Konnotation bei einer Person vor, ist demnach Unbearbeitetes vorhanden. Es muss aber kein Ausdruck einer tief greifenden Störung sein, sondern es können Konflikte sein, unbewältigt Vergangenes bis hin zu traumatischen Erfahrungen, die in jedem von uns stecken. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 143 6.4.3 BDSM Im jetzigen Kapitel soll vertieft auf den konsensuellen sexuellen Masochismus, den BDSM, eingegangen werden. Dies soll als zusätzliches Hintergrundswissen für den empirischen Teil der Arbeit dienen.96 Das Akronym BDSM steht für Bondage Dominance Sadomasochism und spiegelt die Vielfältigkeit dieser sexuellen Welt wider (im Folgenden wird synonym von BDSM = SM gesprochen). Die SM-Welt ist eine Subkultur mit »speziellen Wissensbeständen« und »›exotischen‹ Requisiten und Kostümierungen« (Hitzler 1993). Es geht in dieser Welt um Fesseln, um Erziehungsspiele, um (›reine‹) Machtspiele und um den sogenannten Sadomasochismus, dieser beinhaltet schmerzerotische Praktiken (Hoffmann 2003). Es existiert eine große Bandbreite an Präferenzen, die abhängen von der jeweiligen psychischen und physischen Schmerz- und Ekelgrenze (Wetzstein/Steinmetz/Reis/Eckert 1993). Dabei ist der Sadomasochismus strikt zu trennen von einer Gewalttätigkeit zur Durchsetzung zwischenmenschlicher Herrschaftsansprüche (Hitzler 1993). Dies zeigt sich auch in der SM-Wertetrias, wie SM praktiziert werden sollte: Sicher, mit gesundem Menschenverstand und mit gegenseitigem Einvernehmen (safe, sane and consensuell). Diese Trias – safe, sane, consensuell – weist damit darauf hin, dass SM nichts mit sexueller Gewalttätigkeit zu tun hat. So ist die Gegenseitigkeit (consensuell) bedeutsam, da sie ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber sexueller Gewalttätigkeit ist. Der Aspekt der Gegenseitigkeit ist in dem Aspekt von »sane« im Grunde genommen enthalten. Wobei »consensuell« für sich noch kein Kennwert für »sane« und »safe« ist (s. Kannibalenfall vom Jahr 2002, Spiegel Online 2002). Hingegen ist »safe« in »sane« enthalten: Wenn »safe« gespielt wird, wird auch immer »sane« gespielt. Denn, wenn »safe« gespielt wird, so ist dies sowohl »sane« als auch »consensuell«, da die Akteure weder gegen ihren Willen noch mit ihrem Willen geschädigt werden. Im Endeffekt geht es darum, verantwortungsvoll mit dem Anderen als auch mit sich selbst umzugehen.97 96 Fiedler (2004) spricht von inklinierendem sexuellen Masochismus: Eine sexuelle Abweichung, bei der keine Pathologie vorliegt. 97 Es kann passieren, dass dies nicht immer gegeben ist und Akteure sich verantwortungslos verhalten, eben nicht safe, sane und consensuell. 6 Panoptikum an Masochismen 144 6.4.3.1 SM-Identität Wie jede Zugehörigkeit zu einer Gruppe identitätsstiftend sein kann, so kann dies auch für einen Masochisten sein. Die Person definiert sich in ihren verschiedenen Rollen, die sie im Leben einnimmt. Und im sexuellen Bereich definiert sie sich eben als (Sado-)Masochist (SMer). Zwar ist nicht jeder SMer an der SM-Szene interessiert und will sich in dieser bewegen, doch bildet die Szene im Abstrakten eine Projektionsfläche und ermöglicht das Gefühl, nicht allein zu sein, da andere diese besondere Leidenschaft ebenfalls mögen. Früher war die SM-Szene verschlossener gegenüber Nichtdazugehörigen. Dies diente dem eigenen Schutz, da SM stigmatisiert wurde und SMer um negative gesellschaftliche Konsequenzen fürchten mussten, ähnlich wie es früher bei Homosexualität der Fall war. Das Abschotten der Szene führt dazu, dass diese als elitärer Kreis wahrgenommen wird, über den dann spekuliert wird.98 Jedoch kann dies wiederum der eigenen Identität dienen und dem eigenen Selbstwert: Etwas Besonderes zu leben, zu dem der Durchschnitt keinen Zugang hat. Eine (sexuelle) Identität wird teilweise über die eigene Zuschreibung »Ich bin ein sexueller Masochist« erreicht. Aber auch innerhalb des Sadomasochismus kann die Person SM-Identität(en) annehmen. Der SMer kann in unterschiedliche Rollen schlüpfen, die er je nach seinem Rollenverständnis gestaltet. Daher unterwirft sich auch nicht jeder Masochist auf dieselbe Art und Weise. Grimme (2002) unterscheidet, Bezug nehmend auf Vera (1992) und Califia (1992), verschiedene Formen der Unterwerfung.99 Diese Abstufungen geben die unterschiedlichen Grade masochistischer 98 Böllinger (2005) ist der Ansicht, genauer zu untersuchen sei »die Rolle der sadomasochistischen Subkultur mit ihrem sektiererischen, kultischen, rivalisierenden und dadurch vorübergehend Sicherheit und psychische Stabilisierung gewährenden Charakter. Die ›S/M- Szene‹ transportiert im Wege wechselseitiger und zirkulärer projektiver Identifizierung der Einzelmitglieder eine gruppendynamisch verselbständigte Grandiosität und Machthierarchie sowie zugleich narzisstische Zufuhr« (Böllinger 2005, S. 48). 99 Eindeutig nicht devote Masochisten, scheinunterwürfige Masochisten, scheinunterwürfiger Sklave, echt devoter Nichtsklave, echt devoter Sklave im Spiel, Halbsklavin auf Zeit, echter Sklave nach Vereinbarung, Ganzzeit-Sklave nach Vereinbarung, totaler Sklave ohne Einschränkung, nach Vereinbarung. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 145 Selbstaufgabe wieder (vgl. Grimme 1996, S. 172). Stoller (1991) spricht von »pushy bottom«, »killer bottom« und »bottomless bottom« (ebd., S. 19). Der »bottomless bottom« kann nicht zufriedengestellt werden, er saugt den Top aus und hinterlässt ihn nach dem Spiel ausgelaugt. Es ist also ein Bottom, der im Grunde genommen die Fäden in der Hand hält, der die Inszenierung kontrolliert. Das Fazit für Stoller ist daher »(…) one cannot judge power relationships simply on the basis of ›top-bottom‹ or ›sadistmasochist‹« (Stoller 1991, S. 15). 6.4.3.2 Inszenierung eines Spiels Im Kern geht es bei der SM-Sexualität um die Inszenierung eines Rollenspiels, um gewisse Themen in Zusammenhang mit Dominanz und Submission abzuhandeln. Dies erfolgt unter speziellen Bedingungen, das heißt unter Beachtung der zugrunde liegenden SM-Wertetrias und der Trennung von Realität und Spiel. In einem geschützten Als-ob-Raum wird ein Spiel im Alsob-Modus inszeniert. In dem sadomasochistischen Rollenspiel werden »hierarchisierte Beziehungen« hergestellt (Wetzstein et al. 1993), in denen spielerisch Themen wie Kontrolle, Macht, Verantwortung und auch Angst inszeniert werden. Die Akteure nehmen getrennte Rollen ein: Der Aktive übt Dominanz aus und der Passive unterwirft sich.100 Für die Spielrollen gibt es verschiedene Namen: Dom (Dominante/-r) – Sub (Submissive/-r), Herr/-in – Sklave/Sklavin101, Aktiv – Passiv, Top (oben) – Bottom (unten). Das Machtgefälle ist zeitlich begrenzt und an das Rollenspiel gebunden.102 100 Wobei diese klare Trennung teilweise nicht so gegeben ist, s. die Typologie an SM- Formen, so gibt es zum Beispiel Submissive, die aktiv sind, indem sie fordern. 101 Der Sklave unterwirft sich einer anderen oder mehreren Personen. Er erklärt sich damit einverstanden, dass zum Beispiel die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, er beaufsichtigt wird oder isoliert wird, oder dass er vorgeführt wird und somit den Anspruch auf Privatsphäre abtritt. Er wird im Unklaren über sein weiteres Geschehen gehalten, welche Art von »Zuwendung« er bekommen wird, welche und wie starke Schmerzen er erdulden muss, welche demütigenden Handlungen er ausüben soll (Hitzler 1993, Hoffmann 2003). 102 Wobei mir mündlich von einigen Personen berichtet wurde, dass gewisse Aspekte aus dem Rollenspiel manchmal in den Alltag gelangen. Dies kann einerseits die Initiation für ein Spiel sein, andererseits kann es auch bei den Beteiligten Ärger erzeugen. 6 Panoptikum an Masochismen 146 In diesem geschützten Als-ob-Raum gibt es die Möglichkeit, Fantasien (teilweise) auszuleben. Bestimmte Kleidung, Habitus der Beteiligten, das Ambiente unterstützen die Umsetzung dieser Fantasien und der Als-ob- Modus ermöglicht, dass das Spiel als real empfunden wird, sodass auch der Reiz der Gefahr sich entwickeln kann (vgl. Grimme 2002, Tiedemann 2008). In diesem hergestellten Interaktionsrahmen können sich nun Macht- und Ohnmachtverhältnisse entwickeln, Dominanz und Unterwerfung, das Zufügen und Ertragen von Unlustvollem, das Betteln, das Provozieren, das Strafen und Bestraftwerden, das Erlösen und Genießen. Das Spiel bietet die Möglichkeit, in ganz neue Rollen zu schlüpfen oder bekannte Situationen zu reinszenieren, wie zum Beispiel von einem Elternteil oder von einer Lehrerin bestraft zu werden. 6.4.3.3 Wirkung und Reiz von SM Sowohl der Körper als auch die Psyche werden gefordert, sodass gewisse (Körper-)Sensationen erlebt werden. Diese spielen eine wesentliche Rolle im SM-Sex, möglicherweise eine größere als im herkömmlichen Sex.103 Nicht nur werden Körpererfahrungen gemacht, sondern die Psyche kann in dem geschützten Raum mit neuen Erfahrungen konfrontiert werden. Somit ist dieses Spiel ein Spiel mit Grenzen. Falls die Grenzen zu sehr überschritten werden, der Als-ob-Modus nicht gehalten werden kann, da »die Behandlung« zu stark einwirkt oder etwas auslöst, kann ein Codewort wie zum Beispiel »Mayday« das Spiel unterbrechen. Im Sinne eines sicheren Spielens wird daher zu einem Codewort geraten (Grimme 2002). Denn ein SM-Spiel zu unterbrechen, stellt sich komplizierter dar, als einen sogenannten normalen sexuellen Verkehr zu unterbrechen. Denn flehendes Bitten, aufzuhören, und dass dieses dann ignoriert wird, kann im SM-Spiel von den Protagonisten gewollt sein. 103 Wobei die Rolle des Koitus und des Orgasmus wiederum teilweise einen anderen Stellenwert haben. Die SM-Sexualität ist eine Form der Sexualität, nur ist sie weniger genital und orgasmusorientiert (vgl. Tiedemann 2008). Der »normale« Sex ist nach Elb (2006, 2008) gekennzeichnet durch einen parallelen, synchronen und egalitären Lustgewinn, beim SM- Sex verläuft dieser Lustgewinn hingegen asynchron. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 147 Unterschieden werden kann im Groben zwischen soften SM-Praktiken (z. B. Bondage) und harten SM-Praktiken (Schmerzpraktiken) (s. auch Elb 2006, 2008). Es gibt also Praktiken, die schmerzfrei sind, und andere, bei denen die Schmerzzufügung im Vordergrund steht. Die Präferenzen für gewisse Praktiken sind sehr unterschiedlich und können auch intraindividuell je nach Tagesverfassung verschieden sein. So kann eine Praktik für die Person an dem einen Tag stimulierend sein und am anderen Tag nur schmerzvoll ohne Lust. Die Praktiken können sowohl der Demütigung dienen oder um Gehorsam zu erzwingen, als auch nur um bestimmte Körpersensationen oder Schmerz hervorzurufen (vgl. Grimme 2002/1996).104 Demütigung und Gehorsam können erzeugt werden durch Befehle, durch Folterspiele, durch Flagellation oder indem der Submissive durch Fesseln bewegungslos gemacht wird etc. Durch Entwürdigung, Verletzung des Schamgefühls und Verdinglichung des Devoten wird psychischer Schmerz hervorgerufen (Wetzstein et al. 1993; vgl. hierzu auch den Roman Die Geschichte der O von Pauline Réage 1994/1967). Zwei zentrale Praktiken sollen näher erwähnt werden, die Flagellation (Ausgepeitschtwerden) und das Bondage (Fesseln). Schon Freud (1919a) sagt, dass beim sexuellen Masochismus Schlagefantasien zentral sind. Er geht davon aus, dass der Wunsch geschlagen zu werden einen unbewussten Wunsch symbolisiert, koitiert zu werden. Auch Grunert (1975) sieht in dem Schlagewunsch ein ursprüngliches Kontakt-, Zärtlichkeits- und Verschmelzungsbedürfnis. Hinzukommt, dass die Gesäß- und Analregion stärkster Ausdruck für Selbstbehauptung sei (Grunert o. A.). So wird das Geschlagenwerden sowohl zu einem Symbol für Zuwendung als auch für Selbstbehauptung. Was löst nun Flagellation im Körper aus, physiologisch gesehen? Es kommt aufgrund einer physischen Stressreaktion zu einer Stimulation. Diese Stressreaktion führt zur Ausschüttung von Lust steigernden körpereigenen Botenstoffen, wie beispielsweise Endorphinen (s. Kap. 5.4). Zusätzlich 104 Siehe hierzu Das SM-Handbuch von Matthias Grimme (1996). Hierin sind folgende Techniken und Spielarten genannt, wie schlagen, klammern, fesseln, Rollenspiel, Dehnungsspiele, Bloodsports, Strom, Atem- und Würgespiele etc. (S. 172–186). Zu weiteren Spielarten s. auch Wetzstein et al. (1993). 6 Panoptikum an Masochismen 148 wird der Körper durch die Hiebe warm, er wird durchblutet, ist spürbarer und fühlt sich daher auch lebendiger an. Beim Bondage wird mit diversen Fesseln aus unterschiedlichen Materialien105 die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Es geht es um Vertrauen, Ohnmacht, Bewegungslosigkeit, Gehaltenwerden, Umsorgtwerden (vgl. Hoffmann 2003), aber auch um Verwöhntwerden, wie ein Baby, ohne etwas dafür geben zu müssen. Eine SM-Session kann unterschiedliche Wirkungen hervorrufen. Die durch das Fesseln im Gehirn vermehrt erzeugten Alpha-Wellen wirken beruhigend und entspannend (Hoffmann 2003). Fesselung wird als ein Gefühl der Hingabe beschrieben, als ein sich Auflösen in einen Urzustand, wie ein Embryo im Uterus zu sein (Scott 1997). Indem innere und äußere Grenzen überwunden werden, kann Stolz auf die eigene Leistung empfunden werden. So kann es sein, dass der Masochist nach einer Session gestärkt hervorgeht, gleich dem Phönix aus der Asche. Eine SM-Session scheint wie eine Kneippsche Anwendung, die der Stärkung und dem Wohlbefinden dient. Es wird beschrieben, dass derjenige sich danach wie neugeboren fühlt (Hoffmann 2003, Scott 1997). In dem Akt des (freiwilligen) Gefesseltseins liegt damit eine reinigende Kraft. Fesseln gleicht einer Umarmung, spendet Energie durch das Gehaltenwerden und besitzt etwas Tröstliches und sich selbst Vergewisserndes. Das temporäre Abwerfen von müssen und sollen, zum dürfen ist reizvoll, denn es ist mitunter ein menschliches Streben, Verantwortung vorübergehend abzugeben, sich seiner Pflichten zu entledigen, sich treiben zu lassen, aber zeitgleich gehalten zu werden. Um aus dem menschlichen zivilisierten Eingeengtsein zu entfliehen und Ekstase, Lust und Freude zu verspüren, können verschiedene Mittel, wie diverse Substanzen, Musik, Düfte und Ri- 105 Unterschiedliche Materialien rufen unterschiedliche Körpersensationen hervor: Das Kühle von einer Metallkette, die sich langsam erwärmt, das Gehaltenwerden von gepolsterten Handschellen etc. Auch bei der Flagellation werden unterschiedliche Schlaginstrumente verwendet und interindividuell bevorzugt. So kann ein Schlag mit einer Gerte als unlustvoll empfunden werden, jedoch mit einer Peitsche als stimulierend. Auch können Körpersensationen durch verschiedene Materialien hervorgerufen werden, wie Latex, Leder. Es spielt sowohl die Haptik als auch das Olfaktorische eine Rolle. Der eine schätzt den Geruch von Gummi, der andere den von Leder. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 149 ten verwendet werden. Es kann eine Erleichterung durch Regression herbeigeführt werden, nicht nur mit Ratio denken, sondern Emotion sein und momentan vergessen, was war, was ist und was sein wird. Hinzukommt, dass für manche SMer allein die Vorstellung etwas zu machen, was als pervers angesehen wird, reizvoll ist: Eine Auflehnung gegen das Gesetz, gegen die Normalität und vielleicht auch gegen die menschliche Durchschnittlichkeit. Daneben ist die zugewendete Aufmerksamkeit reizvoll. Es besteht eine vertrauensvolle Verbindung zum Anderen, die mit dem Gefühl einhergeht, nicht allein zu sein: Jemand setzt sich mit mir auseinander. Die Welt ist mir nicht egal, ich bin der Welt nicht egal. Die Welt hinterlässt Spuren auf mir, ich hinterlasse Spuren. Ich spüre diese Spuren, ich spüre das Leben. Ich bin das Leben – in all seinen Facetten: Sowohl das Schöne, Leichte als auch das Schwere, Schmerzhafte vereine ich. 6.4.3.4 SM-Fähigkeiten Um an SM-Sex Gefallen zu finden, wird dies oftmals mit einer pathologischen Persönlichkeitsstruktur begründet, es kann aber argumentiert werden, dass überhaupt gewisse Fähigkeiten mitgebracht werden müssen, um SM-Sex ausleben und genießen zu können. Diese Fähigkeiten, die für das Ausleben der SM-Sexualität vorhanden sind, müssen jedoch nicht unbedingt dann im Alltag vorkommen und sie liegen nicht bei jedem sexuellen Masochisten in gleichem Ausmaß vor. Im Folgenden werden thesenhaft folgende Fähigkeiten vermutet. Zunächst wird (Ur-)Vertrauen benötigt, damit dieses Spiel überhaupt möglich ist, dass man sich auf den anderen verlassen kann (Erikson [1981b] beschrieb das Urvertrauen als ein Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens). Bezogen auf SM ein Vertrauen, dass Grenzen gewahrt werden, angemessene Grenzüberschreitungen im eigenen Interesse geschehen und zu einer Erweiterung der Persönlichkeit führen können. Ferner gelingt es dem SMer, sich zwischen einer realen und einer fantasierten Welt zu bewegen und diese voneinander zu trennen. Diese Fähigkeit unterscheidet den SMer eben von den bei Bach (1991) beschriebenen 6 Panoptikum an Masochismen 150 Patienten mit sexuellem Masochismus, die mit der Trennung von Realität und Fiktion Probleme haben.106 Reik (1977) geht davon aus, dass nur ein Mensch mit Fantasie überhaupt zum Masochismus fähig sei und Menschen mit geringer Fantasie nicht zum Masochismus neigen würden. Somit scheint die Fantasiefähigkeit ein weiterer wichtiger Faktor zu sein.107 Ob die masochistische Fantasie per se eine Neuinszenierung einer narzisstischen Kränkung gleicht, wie Reik meint, kann sicherlich nicht auf alle SMer bezogen werden. Eine andere Fähigkeit ist das Ertragen von Spannungszuständen. Wie schon Reik (ebd.) bemerkte, erfüllt der Suspensemoment eine wichtige Rolle. Es handelt sich um einen Zustand, der einhergeht mit einer hinauszögernden, ungewissen Spannung im Dienst der Verlängerung der Vorlust.108 Und diese Spannungstoleranz resultiert auf dem impliziten Wissen, dass je größer die Anspannung war desto schöner die Entspannung sein wird. In Zusammenhang mit Spannungstoleranz stellen sich individuell zu beantwortende Fragen: Ist die Spannungstoleranz Bedingung oder Auswirkung von Masochismus? Besitzt der Masochist eine so hohe Spannungstoleranz, dass ihm nur eine Sexualität mit viel Spannung Genuss verspricht? Hat derjenige Spannungserlebnisse sexualisiert, zum Beispiel langes ängstliches Warten auf die Mutter? Im Zusammenhang der Spannungstoleranz stehen auch die Sublimierungsfähigkeit und die Fähigkeit, Primärprozesse zu unterdrücken. Mögli- 106 »(…) begin the fear the loss of boundaries and becomes anxious and guilty about his omnipotent sexual and destructive fantasies« (Bach 1991, S. 88). 107 Eine Eigenschaft von einer Fantasie ist, dass sie eben eine Fantasie ist und nicht Realität. Denn vieles was in der Fantasie reizvoll und lustvoll erscheint, wäre in der Realität eine gefährliche, tödliche Erfahrung. In der Fantasie, egal ob »Normaler Sex« oder »BDSM-Sex«, kann viel imaginiert werden. BDSMer können sich die »schönsten« Folter- und Bestrafungsmethoden vorstellen. Wird versucht, diese umzusetzen, kann bemerkt werden, dass in Realität dies keine lustvollen Qualen auslöst, sondern nur Unwohlsein und Unlust. Denn die Umsetzung masochistischer Fantasien wird oft auch durch die menschliche Anatomie eingeschränkt. Gewisse Fesselungsstellungen lassen sich nicht im realen Spiel realisieren, sondern nur in der Fantasie oder in speziellen Comics (vgl. Grimme 2002, Hoffmann 2003). 108 Siehe auch Balint (1988). Das Konzept »Thrill«. Das Grundelement der Angstlust sei die »Mischung aus Furcht, Wonne und zuversichtlicher Hoffnung angesichts einer äußeren Gefahr« (ebd., S. 20f.). Es geht um ein freiwilliges Sich-Aussetzen einer Gefahr in der Hoffnung auf ein gutes Ende. Siehe auch Greenson (1955): Vorlust – Ihre Verwendung zu Abwehrzwecken. 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 151 cherweise hat ein Masochist gelernt, die Primärvorgänge zu unterdrücken und den Umweg über die Unlust zu nehmen, damit er das Primärprozesshafte leben darf. Der Masochist imponiert als ein Meister des Sekundärprozesshaften: Er erträgt Spannung bis zur Schmerzgrenze, verharrt im Schmerz, in der Unlust, polt diesen ursprünglich unlusthaft erlebten Prozess in etwas Lustvolles um und kann nun das Sekundärhafte genießen. Dem SMer gelingt es, Paradoxa zu verbinden und Dualität zu überwinden: Die SM-Sexualität wird gelebt in scheinbaren Kategorien von aktiv und passiv, von dominant und devot. Jedoch ist der passive Part allein durch das Bestimmen der Spielgrenzen auch aktiv und dominant. Unvereinbar erscheinende Begriffe werden miteinander verbunden. So wird eine Dualität an Begrifflichkeit und Empfindungen aufgehoben, zeitgleich aber ein großer Spannungsrahmen gezogen, in der die Sexualität genussvoll gelebt werden kann. Einerseits werden im SM-Spiel gewisse alltägliche hierarchische Formen reinszeniert und damit auch anerkannt, andererseits werden sie wiederum überwunden durch die Überzogenheit der hierarchischen Darstellung, durch eine Karikatur der Hierarchie. Gesellschaftliche Konventionen werden im Spiel integriert, das teilweise Unlustvolle wird in etwas Lustvolles umgewandelt. Hierdurch entzieht sich im Endeffekt das Individuum dem Diktum gesellschaftlicher Konventionen. Denn durch die lustvolle Besetzung erhält die Konvention einen anderen Charakter: weg von der Reglementierung, weg von der mitschwingenden Funktion der Bestrafung hin zur Befreiung und Autonomie. 6.4.3.5 Häufigkeit Ca. 1,5 Millionen Deutsche zeigen Interesse für SM (Passig 2007). Bezogen auf die Verteilung von Sadisten und Masochisten existiert in der Szene ein Überangebot an Masochisten und ein Unterangebot an Sadisten (Elb 2006, 2008). Menschen verstehen unter SM-Sexualität teilweise Unterschiedliches. So kann es bei einer Umfrage sein, dass jemand sich als SM-affin schon einstufen würde, ein anderer mit den gleichen Fantasien oder Sexualpraktiken noch nicht. Dies gilt es bei der Datenauslegung zu berücksichtigen. Trotz 6 Panoptikum an Masochismen 152 dieser Erfassungsproblematik lässt sich ein höherer Anteil an Männern beim sexuellen Masochismus feststellen (Davison/Neale 2002). Moser und Levitt (1987) fanden bei ihrer Studie eine Quote von 70% Männern und 20–30% Frauen, bezogen auf sadomasochistische Clubs. Auch Spengler (1979) geht davon aus, dass bei SM-Interessenten eher der Männeranteil höher ist. Doch auch Frauen haben sexuell masochistische Fantasien (Friday 1981, 1993, 1994). Die Frauenbeteiligung liegt bei 30%, bezogen auf die SM-Subkultur (Kathrin Passig, unveröffentlicht, Vortrag am 12.5.2007 der 22. Wissenschaftlichen Tagung der DGfS in Regensburg). Wetzstein et al. (1993) befragten in ihrer Studie 143 Sadomasochisten (89 Männer und 54 Frauen). Auch hier liegt ein geringerer Frauenanteil vor, ähnlich wie bei anderen Studien. Der Altersbereich in der Studie von Wetzstein et al. lag von 18 bis 78 Jahren. Untersucht wurde auch die SM-Zugehörigkeit in Abhängigkeit des Bildungsabschlusses. Ergebnis war, dass 63,1% einen hohen Bildungsabschluss besitzen, 26,9% einen mittleren und 10,0% einen niedrigen. Bei der Geschlechtsgehörigkeit und SM-Präferenzen zeigten fast doppelt so viele Männer, dass sie die passive Rolle bevorzugen. Und Frauen eher zum Switchen bereit sind (s. Tab. 1). Geschlecht SM-Präferenz Männlich Weiblich Passiv 54,0 % 27,8 % Wechseln/Switchen 17,3 % 35,2 % Aktiv 28,7 % 37,0 % Tab. 1: Geschlecht und SM-Präferenz109 109 Nach Ergebnissen von Wetzstein et al. (1993). Für weitere Ergebnisse von Studien siehe Datenschlag (2010): http://www.datenschlag.org/umfrage/dpb1_ergebnisse.html (letzter Zugriff am 10.11.2010) und »Sadomasochismus in Zahlen: Ein Überblick über die empirische Forschungslage« von Kathrin Passig (2008). 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 153 Nachdem nun vertieft auf den BDSM eingegangen wurde, um auch eine theoretische Basis für den empirischen Teil dieser Arbeit zu vermitteln, sollen nun die letzten sexuellen masochistischen Konnotationen genannt werden, wie die Algolagnie, der paraphile Masochismus, die Hörigkeit und abschließend die (maligne) sexuelle masochistische Perversion. 6.4.4 Algolagnie – Die Lust am Schmerz Um eher differenzieren zu können zwischen unterwerfungsliebenden und schmerzliebenden sexuellen Masochisten kann auf den Begriff der Algolagnie zurückgegriffen werden. Denn ein Masochist muss nicht per se Schmerz lieben. So gibt es viele sexuelle Masochisten, die stimuliert werden von Fesseln, Demütigungen, aber nicht von Schmerz und dann gibt jene, für die der Schmerz von zentraler Bedeutung ist. Schrenck-Notzing (1892) hat dafür den Begriff der Algolagnie geprägt: Die Schmerzlust, die Schmerzliebe. 6.4.5 Paraphiler Masochismus Eine nächste sexuelle masochistische Konnotation ist der paraphile Masochismus. Bei dieser Konnotation liegt per Definition nach DSM-IV-TR eine Störung vor. Sexueller Masochismus ist also dann eine Störung, wenn die folgenden diagnostischen Kriterien laut DSM-IV-TR (2003) erfüllt sind:110 A. Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende intensive sexuell erregende Fantasien, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen, welche einen realen, nicht simulierten Akt der Demütigung, des Geschlagen- bzw. Gefesseltwerdens oder sonstigen Leidens beinhaltet. B. Die Fantasie, sexuell dranghafte Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. 110 Der Diagnoseschlüssel für DSM-IV-TR ist 302.83 respektive F.65.5 für ICD. 6 Panoptikum an Masochismen 154 Zu den masochistischen Handlungen gehören: 1. Unterwerfung, das heißt die physische und/oder psychische Knechtschaft 2. Sensorische Knechtschaft 3. Gedemütigtwerden 4. Infantilismus 5. Hypoxyphilie, das heißt die sexuelle Erregung durch verminderte Sauerstoffaufnahme Das DSM-IV-TR beschreibt, dass einige Männer auch Fetischismus, transvestitischen Fetischismus oder sexuellen Sadismus aufweisen. Bei Frauen ist dies anscheinend nicht der Fall. Zur Differentialdiagnose muss die Paraphilie unterschieden werden vom nicht pathologischen Einsatz sexueller Fantasien, Verhaltensweisen oder Objekten zur Stimulierung der sexuellen Erregung bei Personen ohne Paraphilie. So gelten Fantasien, Verhaltensweisen oder Objekte nur dann als paraphil, wenn sie in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigung führen (z. B. wenn sie unverzichtbar sind, zu einer sexuellen Funktionsstörung führen, die Einbeziehung einer nicht einwilligenden oder nicht einwilligungsfähigen Person erfordern, zu juristischen Schwierigkeiten führen, soziale Beziehungen gefährden) (DSM-IV-TR, S. 628). 6.4.6 Hörigkeit – 24/7-SM-Beziehung Die nächste Konnotation ist die masochistische Hörigkeit. Die Hörigkeit zählt Adler (1994) zu der masochistischen Perversion. Wobei Hörigkeit ebenfalls ein Symptom einer dependenten Persönlichkeit sein kann. Hörigkeit kann aber auch allein vorliegen, ohne Leidensdruck und im Rahmen einer bestimmten Partnerschaftsgestaltung – der 24/7-SM-Beziehung. Laut Adler (1994) ist Hörigkeit verbunden mit starker Wahrnehmungseinengung, Sinn- und Symbolisierungsarmut und Konkretismus. Kennzeichnend ist, dass das hörige Subjekt sich dem Willen des Objekts gänzlich unterordnet und sich in seinem ganzen Leben von den Gesetzen des Objekts bestimmen lässt. Der hörige Mensch lässt sich also sowohl in sei- 6.4 Sexuelle Masochismus-Konnotationen 155 ner Sexualität als auch im alltäglichen Leben von dem Willen des anderen dominieren. Dies steht im Gegensatz zum psychischen Masochisten, der potenziell in der Sexualität selbstbestimmt ist. Funktion der Hörigkeit ist die Abwehr gegen Trennungsängste und gegen die menschliche Abhängigkeit von anderen. »Hörig nenne ich einen Menschen, der, den eigenen Willen und die eigene Würde mißachtend, sich masochistisch, freud- und klaglos dem Willen des anderen unterwirft« (Adler 1994, S. 886). Als Beispiel nennt Adler Professor Unrat, der aufgrund seiner Hörigkeit in der Verfilmung Der blaue Engel vernichtet wird. Dennoch gibt es auch Formen der Hörigkeit, bei der das Subjekt nicht per se Schaden erleidet und keine Vernichtung droht. In einer sexuellen 24/7-SM-Beziehung kann die Hörigkeit auf einem freiwillig eingegangenen Vertrag bestehen, der auch wieder aufgelöst werden kann und diese Beziehung muss nicht unbedingt freudlos sein oder mit Schaden einhergehen. So könnte die Hörigkeit à la Professor Unrat der malignen sexuellen masochistischen Perversion zugeordnet werden und die 24/7-Stunden-SM- Beziehung je nach Ausprägung dem sexuellen Masochismus, dem paraphilen Masochismus oder eben der malignen sexuellen masochistischen Perversion. 6.4.7 (Maligne) Sexuelle masochistische Perversion Bei der malignen Form des sexuellen Masochismus findet eine maligne Fixierung statt und ein Eintreten starker körperlicher und/oder seelischer Selbstschädigung. Die sexuelle masochistische Perversion geht mit einer Ausprägung an Selbstschädigung einher, bei der auch massive Gefahr der unwillkürlichen oder gar willkürlichen (Selbst-)Tötung besteht. Wie schon oben bei den nicht-sexuellen Konnotationen beschrieben, unterscheidet Kernberg (1997, 2006b) auch die Äußerungsformen der masochistischen Perversion anhand des Strukturniveaus. So ist laut Kernberg bei der masochistischen Perversion auf Borderline-Niveau im Gegensatz zu jener auf neurotischem Niveau eine schwere Pathologie der Objektbeziehungen festzustellen, ferner werden der Als-ob-Rahmen und das Spiele- 6 Panoptikum an Masochismen 156 rische verlassen oder können gar nicht erst erreicht werden. Zu den Merkmalen des sexuellen Masochismus mit selbstzerstörerischen Zügen gehören starke, primitive aggressive Impulse mit einer schweren Pathologie der Objektbeziehungen, ein Übergewicht präödipaler Konflikte und eine mangelnde Integration der Über-Ich-Funktionen sowie Unklarheit über die sexuelle Identität (Kernberg 1997). Dies hat zur Folge, dass so etwas wie ein sicherer Rahmen nicht existiert und somit eine immense Selbstgefährdung der Betroffenen entsteht. Allgemeine Verletzungen, Selbstverletzungen und versehentliche Todesfälle können aus dem Mangel eines sicheren Rahmens resultieren. Wobei Todesfälle nicht per se auf ein Borderline-Niveau schließen lassen. Unfälle mit Todesfolge können dadurch bedingt sein, dass die Akteure über die Gefährlichkeit diverser Praktiken nicht Bescheid wissen, zum Beispiel von der Gefahr, die von der Stimulierung des Sinus-Carotis-Reflexes ausgeht. Es gibt also Unfälle, die wegen Unkenntnis der menschlichen Anatomie verursacht werden und jene, die aufgrund des absichtlich in Kauf genommenen Risikos entstehen, um einen noch größeren sexuellen Kick zu erzielen.111 Wobei es sein kann, dass sehr wohl die Person absichtlich mit dem Tod spielt. Hier liegt dann doch eine unbewusste Todessehnsucht vor oder ein unbewusstes (Selbst-)Bestrafungs- oder Vernichtungsbedürfnis. 6.5 Schlussfolgerung Nachdem die Arten und Konnotationen teilweise je nach Individuum zeitgleich auftreten können oder sich alternieren können, kann sich hinter einem sexuellen Masochismus zusätzlich ein moralischer Masochismus verbergen. Aber dies muss nicht der Fall sein, denn ein sexueller Masochismus kann ganz allein für sich existieren, getrennt vom moralischen Masochismus (vice versa). 111 Autoerotische Unfälle im Allgemeinen und auch im SM-Bereich sind nicht unbekannt. So wird beispielsweise vermutet, dass der Sänger Michael Hutchence (Spiegel Online 1999) sowie der Schauspieler David Carridine (Fokus 2009) durch das Spiel mit Luftabschnürung sich ungewollt töteten. 6.5 Schlussfolgerung 157 Es existiert auch das Phänomen temporärer masochistischer Episoden. So können gewisse Masochismus-Konnotationen im Leben eines Menschen plötzlich auftauchen und dann wieder abebben oder ganz verschwinden. Hier stellt sich die Frage, was genau in der Lebenssituation geschehen ist, dass eine gewisse Masochismus-Konnotation auftaucht. Mündlich wurde mir von diversen Personen mitgeteilt, dass sie früher kein Interesse an SM hatten und nun seit geraumer Zeit dieses vorhanden ist. Die einen reagieren verunsichert darauf, die anderen leben ihr neues Interesse aus. Bei manchen wird es ihre neue Form der Sexualität, bei anderen ist es nur eine Phase. Eine Person berichtete, dass für sie SM früher wichtiger war, nachdem aber einiges sich bei ihr im Leben positiv ereignet hätte, bräuchte sie SM nicht mehr. Zwei andere Personen verspürten nach einer Trennung von einem langjährigen Partner plötzlich Interesse an SM. Wobei die eine sich für den sadistischen Teil, die andere für den masochistischen Teil interessierte. Auch kann es sein, wenn der sexuelle Masochismus nicht befriedigt wird, der sexuelle Masochist in ein moralisch masochistisches Verhalten verfällt oder dieses offensichtlicher wird. Im Kapitel »Panoptikum an Masochismen« wurden diverse masochistische Phänomene durch unterschiedliche masochistische Konnotationen erfasst und versucht, einen Anreiz zu schaffen, weiter die verschiedenen Masochismen zu präzisieren. Zum anderen dient das Panoptikum der Orientierung, um festzustellen, welche masochistischen Konnotationen bei einer Person vorliegen. Um die masochistische Ausprägung und ihre Auswirkung auf das Leben zu bestimmen, kann das Verhalten sich und anderen gegenüber angeschaut werden, das heißt, wie wird Beziehung gestaltet, wie wird Sexualität gelebt etc. Dann kann eruiert werden, wie die Wirkung des masochistischen Verhaltens sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft ist. Ist die Wirkung konstruktiv, destruktiv oder neutral einzustufen? Ist das Verhalten, sei es sexuell und/oder moralisch masochistisch schwach, mittel, stark oder extrem hemmend und gar gefährdend? Liegen in vielen Lebensbereichen starke Hemmungen vor? Wie ist die Gesamtwirkung auf das Leben? 6 Panoptikum an Masochismen 158 So kann geklärt werden, ob eine schwache, eine mittlere oder eine starke masochistische Persönlichkeitsakzentuierung vorliegt oder gar eine umfassende (nicht-sexuelle und/oder sexuelle) masochistische Persönlichkeitsstörung. Damit kann im Endeffekt herausgefunden werden, ob eine therapiebedürftige Form gegeben ist, wenn ja, welche Form(en), um dann dementsprechende therapeutische Interventionen einleiten zu können. 159 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens Wenn hier von Therapie des Masochismus gesprochen wird, geht es um Therapie jener Ausprägungen, die die Lebensentfaltung (stark) hemmen oder gar lahmlegen, oder der Betroffene einen Leidensdruck verspürt, oder das masochistische Verhalten starke Selbstschädigung zur Folge hat. Nochmals zu betonen ist, dass die masochistische Pathologie und ihr Schweregrad in Abhängigkeit des Strukturniveaus differenziert werden kann (s. Kernberg 1997).112 Formen der masochistischen Charakterpathologie, also des nicht-sexuellen Masochismus, sind zum einen die depressiv-masochistische Persönlichkeitsstörung und zum anderen die sadomasochistische Persönlichkeitsstörung, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation einhergeht (vgl. auch Cooper 1988, Sadomasochismus als Untergruppe der narzisstischen Persönlichkeitsstörung). Die sexuelle Perversion beschreibt Kernberg (1997) u.a. auf neurotischem und auf dem Borderline-Niveau. Da bei einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation mit selbstverletzendem Verhalten gerechnet werden muss und dieses sowohl bei der nicht-sexuellen masochistischen als auch bei der sexuellen masochistischen Pathologie eine Rolle spielt, beschäftigt sich dieses Kapitel zunächst mit Ursachen und Funktionen von Selbstschädigung und Selbstverletzung. Im 112 Kernberg (1997, 2006b) vertritt also die Auffassung, dass eine perverse Symptombildung auf verschiedenen Strukturniveaus sich ausbilden kann, also auf dem neurotischen, auf dem Borderline- und auf dem psychotischen Niveau. Damit geht er nicht konform mit Theoretikern, die von einer einzigen perversen Persönlichkeitsstruktur ausgehen (bspw. Khan 2002). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 160 Anschluss daran geht das Kapitel auf die Herausforderungen in der Therapie von schädlichem masochistischem Verhalten ein sowie auf Therapieziele und deren Umsetzung. 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung Masochistische Verhaltensweisen zeigen sich in Selbstbestrafung, in Selbstsabotage und aber auch durch manifeste selbstzerstörerische Verhaltensweisen. Teilweise wird Masochismus mit Selbstschädigung und Selbstzerstörung gleichgesetzt (Baumeister/Schütz 1997). Der Masochist kann sich sowohl psychisch selbst verletzen als auch physisch. Psychisch kann er sich durch negative, entwertende innere Dialoge herabsetzen und physisch kann er sich aus dem ganzen Spektrum autoaggressiven Verhaltens selbst quälen. Unter selbstschädigendem Verhalten kann alles subsumiert werden, was dem Körper und/oder der Psyche im Endeffekt abträglich ist.113 Hierzu zählt das Konsumieren von stofflich gebundenen potenziellen Suchtmachern, wie beispielsweise toxische Stoffe (Zigaretten, Alkohol- und Medikamentenabusus, Drogen), aber auch nicht-stofflich gebundene Verhaltensweisen können schädigend für das Individuum sein. Menschen, die zu viel arbeiten, die zu schnell Autofahren, die sich ausbeuten lassen, sich selbst ausbeuten, bis sie dann irgendwann erschöpft sind (vgl. Burn-out- Syndrom). Auch bei solch einem Verhalten lässt sich eine unbewusste oder bewusste Lust feststellen; der Lust an der Selbstquälerei bis hin zur eigenen Zerstörung. Eine Lust, die auch durch die Bewunderung der anderen entsteht aufgrund des Vermögens des Masochisten, wie viel er sich abringen kann, und dass er so viel Schmerz zu ertragen vermag. Darüber hinaus eine Lust an der Hilf- und Ratlosigkeit anderer, da sie gegen das selbstquäleri- 113 »Selbstschädigendes Verhalten ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und tritt in verschiedenen kulturellen und religiösen Situationen auf« (Paar 2002, S. 53). Paar nennt die Selbstbeschädigungen nach Menninger (1974/1938); diese sind 1. Selbstschädigung in alltäglichen Situationen, 2. Initiationsriten, 3. religiöse Selbstbeschädigung, 4. neurotische Selbstbeschädigung, 5. Selbstverstümmelung bei psychotischen Patienten, 6. Selbstbeschädigung bei organischen Erkrankungen (ebd.). (Vgl. hierzu auch Kasten 2006). 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung 161 sche Verhalten nichts ausrichten können. Und die unbewusste Lust, in dem eigenen masochistischen Teufelskreis gehalten zu werden durch ein Gegenüber, welches dazu gebracht wird, sich teilweise anerkennend, das heißt Liebe spendend, aber wiederum auch strafend, lieblos und aggressiv zu verhalten. Denn masochistisches Verhalten in Form von selbstverletzendem Verhalten, ähnlich wie Suizid, schockiert und verstört. Das Gegenüber versucht mit dem verstörenden Verhalten umzugehen, kann dieses aber nicht aushalten und wehrt dieses unter Umständen eben durch aggressives Verhalten gegenüber dem Patienten ab.114 »Charakteristisch für viele Beziehungen von Menschen, die (…) an (…) Selbstbeschädigungen leiden, ist ein zwischenmenschlicher Umgang, der von sadomasochistischen Strukturen geprägt ist« (Eckhardt 1994, S. 81). So berichtet Eckhardt (1994) von einem Arzt, der eine sich selbstverletzende Patientin115 ohne Lokalanästhesie nähte, mit der Begründung, sie habe sich selbst wehgetan, dann wird es sie nicht schmerzen, ohne Narkose die Wunde vernäht zu bekommen. Mittels projektiver Identifizierung wird der Arzt zum Sadisten und übt nun das Verhalten aus, welches sich vorher der Patient zumutete. Wobei der Arzt selbst in eine masochistische Rolle hineinversetzt wird, er wird gequält, indem er sich wider seines Berufsethos verhält. Dies löst dann Schuldgefühle aus, unter denen er dann selbst leidet. Diese Schuldgefühle und den damit einhergehenden Schmerz kann der Arzt dann wieder seinerseits bewältigen, indem er diese Gefühle externalisiert, das heißt, indem er der sich selbstverletzenden, selbstschädigenden Person nun wieder Schmerzen zufügt. Und somit schließt sich ein 114 »Autoaggressivität, selbstverletzendes Verhalten aber auch Suizid sind Tatbestände, die Eltern, Pädagogen, Psychologen, Ärzte, Freunde, Nachbarn mit Zuständen eigener extremer Hilflosigkeit konfrontieren. Sie lösen Angst aus und zwingen zu ihrer Überwindung. Da in den seltensten Fällen diese Formen des Verhaltens als legitime Ausdrucksformen in der Geschichte von Menschen begriffen werden, sie zudem als gesellschaftliche Störpotentiale, die die Normalität bedrohen, gesehen werden, stehen in der gesamten Geschichte des Umgangs mit diesen Fragen immer wieder aggressive Lösungen im Vordergrund« (Jantzen/von Salzen 1986, S. 1). 115 Die Betroffenen sind meistens weiblich (83% der Fälle), sind zwischen 20 und 30 Jahre alt; wobei die erste Selbstverletzung oftmals mit der Pubertät beginnt (Eckhardt 1994; vgl. hierzu auch Borkenhagen 2000). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 162 gegenseitiger sadomasochistischer Zirkel. Professionellen Helfer kann es also passieren, mit sich selbstverletzenden Patienten unprofessionell umzugehen (Brohus/Unckel 2005). Nun zu der Frage, was Selbstverletzung überhaupt ist? Selbstverletzung ist ein autoaggressives Verhalten, welches primär gegen die eigene Person gerichtet ist. Autoaggressives Verhalten lässt sich hinsichtlich des Schweregrades unterscheiden in leichte, mittlere und schwere Ausprägungsformen. Zu der leichten Form gehört beispielsweise das Schlagen mit der flachen Hand, zu der mittleren zählt das Beißen, Kratzen, Kneifen, welches nachher mit sichtbaren Spuren oder Verletzungen einhergeht. Schwere Selbstverletzung geht mit lebensbedrohlichen Verstümmelungen einher (Schmeißer 2000). Die Selbstverletzung erfolgt häufig impulshaft. Für die Betroffenen ist es äußerst schwer bis unmöglich, dem Impuls, sich selbst zu verletzen, nicht nachzugeben. Betroffene beschreiben, dass sie sich währenddessen wie in Trance oder in einem rauschähnlichen Zustand befinden. So spüren sie während des Aktes der Selbstverletzung nicht den starken Schmerz, den normalerweise eine solche Verletzung auslösen würde. Trotz aller Impulshaftigkeit behalten die Betroffenen in diesem Zustand meistens soweit die Kontrolle, das heißt, die Ich-Funktionen funktionieren noch so gut, dass die Verletzungen meistens nicht lebensbedrohliche Ausmaße annehmen (Eckhardt 1994). In den meisten Fällen steckt hinter der Selbstverletzung keine (bewusste) suizidale Absicht. Jedoch kann Selbstverletzung sich zu einem suchtartigen Verhalten entwickeln und die Verletzung des Körpers als ein Konfliktlösungsverhalten kann unbewusste parasuizidale Züge annehmen bis hin zu konkreten suizidalen Handlungen. Beim parasuizidalen Verhalten fügt sich die betroffene Person Verletzungen zu, beispielsweise durch Schneiden, Brennen der Haut, Ausreißen der Haare oder Nägel, wobei keine Blutgefäße beschädigt werden (Kernberg 2006a, vgl. auch Sachsse 2000).116 Suizidales Verhalten hingegen geht mit gravierenden Verletzun- 116 Kernberg geht davon aus, dass »(c)hronisch parasuizidales Verhalten ohne akute Suizidphantasien oder -absichten und ohne suizidales Verhalten (…) typisch für eine schwere Persönlichkeitsstörung (ist), die eine therapeutische Langzeitintervention erfordert« (Kernberg 2006a, S. 240). 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung 163 gen einher, die zu arterieller Blutung führen können oder zu Beschädigung großer Venen (Kernberg 2006a). Beispielsweise kann im Rahmen von einem malignen sexuellen Masochismus der Betroffene sich selbst so sehr verletzen, dass Lebensgefahr besteht oder er verführt den Sadisten dazu, heftige Verletzungen auszuüben. Auch beim nicht-sexuellen malignen psychischen Masochismus kann es zu heftigen Selbstverletzungen kommen aufgrund von Selbsthass und Verzweiflung über das eigene Scheitern. 7.1.1 Ursachen von Selbstverletzung Mitursächlich für selbstverletzendes Verhalten sind unbewusste Selbstbestrafungsimpulse. Die Aggression wird meist passiv gegen den anderen und aktiv gegen sich selbst gelenkt. Einerseits soll der Andere vor Aggression verschont bleiben und andererseits werden, wenn das selbstverletzende Verhalten bekannt wird, im Gegenüber unterschiedliche Emotionen und Reaktionen ausgelöst, wie Angst, Schuldgefühle, Hilflosigkeit.117 Diese negativen Emotionen können dann wieder von sich selbst hin zu der selbstverletzenden Person projiziert werden. Auch kann eine Sündenbockrolle zu selbstverletzendem Verhalten führen. Konflikte und Emotionen werden stellvertretend für eine ganze Familie in der sich selbstverletzenden Person gebunden, sie fungiert als Symptomträger (s. hierzu Eckhardt 1994).118 Sachsse (2000) stimmt mit Plassmann (1987, in Sachsse 2000, S. 100) überein und interpretiert die Selbstschädigung als Neuinszenierung einer Kindesmisshandlung. Weitere Ursachen für selbstschädigendes Verhalten seien die narzisstische Selbstregulation der Eltern über das Kind, die sym- 117 »Selbstschädigendes Verhalten löst bei den Angehörigen, Freunden und Partnern der Betroffenen vielfältige Reaktionen und Gefühle aus – insbesondere Gefühle von Angst, Schuld, Hilflosigkeit, Wut und manchmal auch Ekel. Damit verbundene Bestrafungs- und Ausstoßungsbestrebungen kommen unbewußten Selbstbestrafungstendenzen, die ein wichtiges unbewußtes Motiv der Selbstbeschädigung darstellen entgegen« (Eckhardt 1994, S. 96) (vgl. hierzu »Neurobiologie der Selbstverletzung« in Kasten 2006, ab S. 315ff.). 118 »Bei der heimlichen Selbstbeschädigung trägt die Umgebung die Verleugnung durch ›Nicht-Merken‹ der Selbstbeschädigung oft lange Zeit mit. In manchen Fällen können selbstschädigende Menschen Symptomträger einer Erkrankung sein, die eigentlich die gesamte Familie betrifft« (Eckhardt 1994, S. 96). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 164 biotische Störung und die Übermittlung eines depressiven Lebensgefühls der Mutter auf die Tochter über den Weg der Affektansteckung (ebd.). »Durch die Flucht aus der Symbiose in die Autarkie, die Parentifizierung, die Übertragung früher Verantwortlichkeiten in der Familie und die nicht selten gute Intelligenz der Kinder entwickelt sich parallel ein narzißtisch besetzter Selbstanteil, der Leistung, Perfektion, Selbstbeherrschung und Funktionsfähigkeit als Inhalte hat. (…) Dies führt dazu, dass Patientinnen aus inneren und äußeren Bedingtheiten ein Perfektion forderndes Ich-Ideal entwickeln. Fehler, Halbheiten, Unzulänglichkeiten, kurz: jede kleinere Insuffizienz führt zu einer massiven inneren Selbstabwertung« (Sachsse 2000, S. 101). So besteht die Persönlichkeit selbstverletzender Menschen (unter anderem) auf der einen Seite aus einem archaischen Über-Ich, welches depressives und altruistisches Verhalten auslöst, und auf der anderen Seite aus einem unnachgiebigen, perfektionistischen Ich-Ideal, welches Autarkie einfordert (Sachsse 1996, S. 44). Wobei ein Gefühl vorherrscht: Das Gefühl, etwas falsch gemacht und Schuld auf sich genommen zu haben. Ein weiterer Auslöser für Selbstverletzung kann sein, wenn die Person Entscheidungen treffen soll, zum Beispiel sich für eine Person zu entscheiden und damit gegen eine andere. Aber auch Themen wie selbstständiges Handeln und Eigenständigkeit können selbstverletzendes Verhalten bedingen (Sachsse 2000). Selbstverletzung ist häufig zu beobachten im Rahmen einer posttraumatischen Borderline-Störung oder als ein Symptom im Zuge eines Borderline- Syndroms (Ermann 2004). Die Ich-Stärke ist nicht so stabil ausgebildet. Dem Betroffenen fällt es daher schwer, mit Kränkungs-, Trennungssituationen oder Situationen, die heftige Emotionen auslösen, umzugehen, sodass eine starke innere Anspannung Selbstverletzung auslösen kann.119 Wie bei der Annahme von Reich (1933) über Masochismus wird bei sich 119 »But patients will also mutilate themselves following moments of being deeply moved or touched (Ghent 1990). This occurs when experiences of being moved or touched are deeply conflicted and fraught with the associated danger of retraumatization« (Doctors 1999, S. 736). 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung 165 selbstverletzenden Personen davon ausgegangen, dass Spannungszustände für diese Patienten unerträglich sind (Sachsse 2000).120 Auch Deprivation, sowie sexueller und körperlicher Missbrauch in der Kindheit sind Gründe für selbstverletzendes Verhalten.121 Weitere Ursachen können Verluste sein, Enttäuschungen oder Zurückweisungen (Doctors 1999). Levenkron (2006) sieht mitursächlich für selbstverletzendes Verhalten fehlgeschlagene Beziehungen, die Unfähigkeit, emotionalen Schmerz in Worte auszudrücken sowie eine geringe Selbstachtung. Eine geringe Selbstachtung wirkt sich auch auf das Bindungsverhalten aus. Er beschreibt folgenden interessanten Zusammenhang: »(…) Menschen, die sich selbst verletzen, (sind) in ihrer Bindungsfähigkeit stark beeinträchtigt, paradoxerweise aber ein großes Talent haben, andere zu einer Bindung zu ihnen zu motivieren. Sie können wunderbar zuhören und sich anderen liebevoll zuwenden« (ebd., S. 108). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass selbstverletzendes Verhalten mit (kumulativen) Traumata in Zusammenhang steht (Khan 1974 in 120 »Spannungszustände werden betäubt durch oral-süchtiges Verhalten (…). Der eigene Körper ist vom Selbst abgespalten und wird als fremdes, bedrohliches, verhaßtes Objekt schlecht bemuttert. Er wird nicht liebevoll-zärtlich gestillt und umsorgt, sondern rabiat zum Schweigen gebracht« (Sachsse 2000, S. 100). 121 »Aus tierexperimentellen Untersuchungen ist bekannt, daß Tiere, wenn sie in einem Klima der Deprivation aufgezogen werden, selbstverletzendes Verhalten entwickeln. Es dient der Spannungslinderung und der Aggressionsabfuhr. Weil Menschen, die sich selbst verletzen, immer wieder über Störungen des Schmerzempfindens klagen, nimmt man an, daß es in Verbindung mit der Selbstverletzung zu einer erhöhten Ausschüttung körpereigener Endorphine (opiatartiger Stoffe) kommt. Der erhöhte Endorphinspiegel im Blut könnte den rauschartigen, entspannten, teilweise euphorischen Zustand, den viele Menschen im Zusammenhang mit der Selbstverletzung beschreiben, erklären. Dann wäre auch verständlich, warum die Selbstverletzung einen suchtartigen Charakter bekommt. Menschen, die an offenen oder heimlichen Selbstbeschädigungen leiden, waren in ihrer Kindheit häufig Situationen von emotionaler Vernachlässigung (Deprivation) sowie körperlichen und sexuellen Misshandlungen ausgesetzt. Dies führte zu schweren Störungen der seelischen Entwicklung, die sich u. a. in einem verminderten Selbstwertgefühl, in einer Aggressionshemmung und der Wendung der Aggression gegen das eigene Selbst, in innerseelischen Zuständen von Fragmentierung, Chaos, Leere und Depression sowie extremer Spannung ausdrücken. Schuld- und Schamgefühle mit massiven Selbstbestrafungstendenzen spielen eine weitere wichtige Rolle« (Eckhardt 1994, S. 135f.). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 166 Paar 2002). Diese Traumata können sein: Prä- und perinatale Komplikationen, schwer gestörte Säuglings- und Kleinkindphase mit einer psychisch kranken Mutter respektive Bezugsperson, von der Deprivation und Misshandlung ausgehen, kindliche Konfrontation mit Krankheit und Verlust, frühe Parentifizierung und pathologischer Kommunikationsstil in der Ursprungsfamilie sowie aggressive Misshandlung und/oder Inzest, Vergewaltigung in Latenz und Adoleszenz (Paar 1987, Plassmann 1994, Sachsse 1994 in Paar 2002, S. 57). 7.1.2 Funktionen von Selbstverletzung Menschliches Verhalten besitzt immer eine – wenn auch teilweise verborgene – Funktion. Dies trifft ebenfalls auf sich selbstverletzendes Verhalten zu. Was drückt sich in der Selbstverletzung nun aus? Welche Funktionen hat dieses Verhalten? Laut Eckhardt (1994) ist die Selbstverletzung ein Versuch der Ablösung von den Eltern, insbesondere von der Mutter. Mittels physischen Schmerzes soll der psychische Schmerz überwunden werden. Der Körper wird ein Symbol für Macht, Kontrolle und Kampf um Autonomie. Hirsch (2000) sieht in der Selbstverletzung eine Möglichkeit, eine Körpergrenze zu schaffen, um eine zu schwache Ich-Grenze auszugleichen. Durch eine Störung in der frühen Mutter-Kind-Dyade, sei es aufgrund eines Mangels oder einer Überaktivität an mütterlicher/väterlicher Fürsorge, kann das Körperselbst nicht integriert werden. »Die resultierende Körper-Selbst-Dissoziation dient dann der Abwehr und Kompensation einer Desintegration des Gesamtselbst; ein Teil – eben die Körperrepräsentanz – wird geopfert, um das Ganze zu retten …« (Hirsch 2000, VIII). Sachsse (1987) meint, dass das selbstverletzende Verhalten »(…) als Tranquilizer, Analgetikum, Antidepressivum, Suizidprophylaxe, Antipsychotikum wie als narzisstische Reparation (wirkt)« (Sachsse 1987, S. 51). Denn wird der Körper verletzt, setzt er Endorphine frei; diese Hormone helfen Angst, Erregung und Depression zu bewältigen (Levenkron 2006). Selbstverletzung ist ein Mittel gegen Depersonalisation und Derealisation und dient der narzisstischen Selbstwertregulierung, ähnlich der Morgenthaler’schen 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung 167 Annahme des Masochismus als Plombe zum Schutze des Selbst (vgl. auch Fowler/Hilsenroth 1999, Wöller 2006). Auch Doctors (1999) sieht in der Selbstverletzung eine Möglichkeit, der Gefahr eines Selbstverlustes zu begegnen, verursacht durch eine unzureichende oder entwertende Umwelt.122 Selbstverletzung stellt einen Versuch dar, die narzisstisch-depressive Leere zu vertreiben. Durch den Schmerz des Schneidens wird die Leere mit Schmerz gefüllt. Letztendlich bietet der Schmerz Sicherheit: Der Schmerz vermittelt das Gefühl zu existieren, zu leben und nicht nur eine gefühllose Hülle zu sein. So sichert die Selbstverletzung den Erhalt des Selbst. Laut Paar (2002) können durch Selbstverletzung Scham- und Schuldaffekte abgewehrt werden. Diese drängenden und unerträglichen Zustände von Scham und Schuld werden hervorgerufen durch eine narzisstische Disharmonie, die wiederum aufgrund des Drucks der Realität entsteht – wie zum Beispiel die Diskrepanz von dem, wie derjenige sein sollte oder sein will und wie er tatsächlich ist. So kann gemäß Baumeister und Schütz (1997) durch Selbstschädigung123 ein positives Selbstgefühl erzeugt werden. Zwar wird durch das selbstschädigende Verhalten die eigene Leistungsfähigkeit herabgesetzt, Erfolg unwahrscheinlicher und der Misserfolg wahrscheinlicher gemacht, aber dies dient im Endeffekt dem Selbstgefühl: Ein Versagen kann extern attribuiert werden und muss nicht auf eigene Mängel und Unfähigkeiten zugeschrieben werden. Piers (1999) beschreibt wie durch Selbstverletzung mit masochistischen Gegebenheiten umgegangen werden kann. Diese vier Gegebenheiten sind: 1. Mangelnde Selbstakzeptanz: In Zusammenhang mit starker und andauernder Selbstverachtung dient die Selbstverletzung als Schamabwehr. 2. Idealisierung des Gegenübers bzw. übertriebene Achtung vor dem Gegenüber: Die Idealisierung ermöglicht zwar, mit Wut und Ressentiment über die 122 »Cutting is often a concretized portrayal of and an attempt to counteract an actual or impending experience of self loss (Doctors 1979, 1981) and the concomitant threat or personal annihilation (Orange, Atwood & Stolorow, 1997) suffered when the milieu is experienced as insufficiently affirming or when the milieu is experienced as assaulting« (Doctors 1999, S. 734). 123 Zu selbstschädigendem Verhalten zählen sie Selbstbehinderung, Kompromisse sowie ungünstige Tauschgeschäfte. »Bei solch einem Tauschgeschäft wählt eine Person selbstschädigendes Verhalten wegen seiner angenehmen Begleiterscheinungen« (ebd., S. 72). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 168 Begrenztheit des Analytikers (Gegenübers) umgehen zu können, jedoch fühlt sich der Betroffene nicht berechtigt, Gefühle wie Wut und Ressentiment zu empfinden, und nun ist Selbstverletzung eine Möglichkeit, diese Gefühle nonverbal auszudrücken. 3. Wunsch nach Unverletzbarkeit: Hier dient die Selbstverletzung als Weg, ich-dystone Affektzustände zu beseitigen, und so das Gefühl für Unverletzlichkeit, Selbstdisziplin und Kontrolle zu schaffen. Denn sich selbstverletzende Patienten, die von etwas emotional ergriffen werden (insbesondere von Sehnsüchten und Wünschen), erleben dies als einen Selbstverlust. 4. Die aufrechterhaltene und sich selbst erhaltende Klage: Hier dient die Selbstverletzung als Ausdruck einer allgemeinen Veranlagung (Piers 1999). »Ich postuliere, dass einer der Gründe, warum Masochisten an dieser Ausdrucksform der Klage festhalten, die Angst ist, ihre ›Stimme‹ einzubüßen, wenn sie diese ablegen würden« (Piers 1999, S. 698) (Übersetzung C. S.). Piers (1999) sieht in der Selbstverletzung bei masochistischen Fällen eine Möglichkeit, um mit unerträglichen Gefühlen der eigenen Verletzbarkeit, mit Scham und Erniedrigung umzugehen. Somit erfüllt die Selbstverletzung den Zweck, sich selbst zu stabilisieren und sich in einen zwar unbefriedigenden aber sicheren, da bekannten Zustand zu bringen. Neben der Möglichkeit durch Selbstverletzung sich »heimisch« zu fühlen, da ein bekannter Zustand erzeugt wird, dient andererseits die Selbstverletzung auch als Ausdruck für nicht verbalisierbare Traumatisierungen. »In der Selbstverletzung (wird) die Dynamik der Traumatisierung durch ein schädigendes Objekt reinszeniert und als Drama am eigenen Körper dargestellt« (Paar 2002, S. 61). Die Selbstverletzung dient als präverbaler Hilfsappell (Sachsse 1987), als eine wortlose Sprache – ein »perverse substitute for words« (Doctors 1999, S. 736). Wenn derjenige sprachlos ist, sprachlos gemacht wurde, benutzt er die Selbstverletzung als seine Sprache. Bei der Selbstverletzung wird somit nicht nur eine Selbstschädigung herbeigeführt, sondern sie stellt einen Versuch dar, mit einer Situation umzugehen. Damit ist die Selbstverletzung nicht nur ein Fluchtmechanismus, 7.1 Selbstschädigung und Selbstverletzung 169 sondern auch ein Bewältigungsmechanismus – ein Versuch, mit Anforderungen zurechtzukommen.124 So kann die Selbstverletzung auch eine Ordnungsfunktion übernehmen. Man setzt einen Schnitt – dies tatsächlich in einer sehr plastischen Ausdrucksform – man zieht äußere und innere Grenzen, um der seelischen Unordnung Herr zu werden (Eckhart 1994, S. 30 zit. in Schmeißer 2000, S. 17). Dies trifft nicht nur auf die Bewältigung eines inneren Chaos zu, sondern auch auf das Chaos, hervorgerufen durch unstrukturierte, überfordernde externe Bedingungen. Die selbstverletzende Person gewinnt Halt, indem sie sich auf den eigenen Körper zurück bezieht, sich auf sich bezieht, um nicht verschluckt zu werden, von chaotischen, destruktiven äußeren Begebenheiten. Für Jantzen und von Salzen (1986) sind Aggressionen und Autoaggressionen »entwicklungspsychologische Antwortreaktionen auf eine für ein Individuum inadäquate, nämlich es isolierende Lebensrealität, die allgemein als Ausgleich für soziale Interaktions- und Kommunikationsdefizite fungieren und neuropsychologisch als Tätigkeiten, die das zentral nervöse Erregungsniveau in den für die Verarbeitungskapazitäten des Gehirns notwendige Grenzen halten, d. h. das Gehirn auch unter extrem belastenden Bedingungen arbeitsfähig zu erhalten versuchen« (Jantzen/von Salzen 1986, S. 48). Daher ist das Ziel der Selbstverletzung in den meisten Fällen nicht die Selbstdestruktion. Jedoch darf trotz alledem nicht vergessen werden, dass Autoaggressionen zu einem tödlichen Ausgang führen können. Aufgrund der verminderten Schmerzwahrnehmung und des meist tranceähnlichen Zustandes kann der Betroffene nicht immer einschätzen, wie schwer seine Verletzungen tatsächlich sind. Oder die Stimmung kippt aufgrund unterschiedlicher Umstände um, sodass aus der Selbstverletzung suizidales Verhalten wird. Diese unterschiedlichen Umstände können unter anderem sein: Die beruhigende Wirkung der Selbstverletzung setzt nicht (mehr) ein, der Betroffene »wacht« aus seinem rauschähnlichen Zustand auf, Scham 124 So sieht zum Beispiel Hirsch bei Selbstverletzungen einerseits den »Körper als Objekt des destruktiven Agierens« (Hirsch 2000/1989, Vorwort, S. VII), aber nicht nur der Destruktion, sondern andererseits die Selbstverletzung auch als Kompensation mit »Bewältigungscharakter« (ebd., S. VIII; vgl. auch Hirsch 1989a). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 170 über seine Handlung übermannt ihn, Verachtung entsteht und daraufhin ventiliert sich der (Selbst-)Hass gegen die eigene Person (Eckhardt 1994, Levenkron 2006, Paar 1996, vgl. auch Sachsse 1987, Schmeißer 2000). Suizid wird dennoch eher als Komplikation und nicht als genuines Ziel von autoaggressivem Verhalten aufgefasst. Aber es wird darauf hingewiesen, dass auf eine dahinter liegende Suizidalität geachtet und ein Vorliegen überprüft werden muss (vgl. Paar 1996, Sachsse 1996). Eine latente Suizidalität ist nicht auszuschließen – auch wenn der Betroffene sich nur temporär mittels Selbstverletzung sedieren wollte (zum Suizid vgl. bspw. Haltenhof 1999, Henseler 1990). Bei einem Verhalten wie Selbstverletzung und extremer Selbstschädigung wird Therapie notwendig sein. Daher wird im Folgenden zunächst auf Hindernisse eingegangen, mit denen in einer Therapie bei masochistischselbstdestruktiven Verhaltensweisen gerechnet werden muss und mit welcher therapeutischen Haltung versucht werden kann, diesen Herausforderungen zu begegnen. 7.2 Herausforderungen und Haltung in der Therapie Die Heilung von pathologischem Masochismus stellt eine der schwersten Aufgaben dar (Reich 1933, Meyers 1988), insbesondere, wenn das masochistische Verhalten in der frühesten, präverbalen Lebensphase begründet ist (Gedo 1988). Novick und Novick (2004) sind gar der Auffassung, dass sich die masochistischen Impulse, welche in Fantasien organisiert seien, resistent seien gegenüber Veränderung durch neue Erfahrungen und Therapie. Es benötigt Zeit, bis das unbewusste Leidens- und Strafbedürfnis genügend bearbeitet wird, dieses dem Patienten nicht mehr im Weg steht und er sich eine Verbesserung seiner Symptomatik erlauben darf. Bis diese jedoch erreicht wird, gilt es einige Hindernisse zu bewältigen und gewisse Herausforderungen zu meistern. Die Hindernisse in der Therapie sind im Speziellen beim Masochismus die negative therapeutische Reaktion und der Wiederholungszwang. Die 7.2 Herausforderungen und Haltung in der Therapie 171 Therapie bedarf viel Zeit und seitens des Analytikers eine hohe Frustrationstoleranz. Denn die negative therapeutische Reaktion zeichnet sich dadurch aus, dass zu einem Zeitpunkt während der Analyse, bei dem nun eine Besserung zu erwarten wäre, der Patient genau gegenteilig reagiert – seine Symptome verschlimmern sich. Eine negative therapeutische Reaktion kann aufgrund einer Über-Ich- Problematik bestehen, die es verhindert, den Körper und allgemein das Leben zu genießen, aber auch durch Befürchtungen, dass man allein gelassen wird, sobald man sich auf dem Weg der Genesung befindet und allein sein wird, wenn man wieder gesund ist. Daneben kann eine Angst vor dem Verlust der Strukturidentität vorliegen (Sachsse 2000). Es müssen aber nicht unbedingt defizitäre Ich-Funktionen gegeben sein, sondern eventuell archaischdestruktive Impulse, Fantasien und Affekte, aufgeladen in der symbiotischen Phase (Krystal 1978 in Sachsse 2000, S. 110). Diese untergraben die Entwicklung eines positiven Gefühls sich gegenüber und seiner Umwelt. Wenn es in der Therapie zu einem hartnäckigen Wiederholungszwang kommt, und dies geschieht in der Therapie des pathologischen Masochismus zwangsläufig, hilft es, wenn sich der Analytiker die Funktion des Wiederholungszwangs vergegenwärtigt: Frühere Ereignisse werden mittels des Wiederholungszwangs reinszeniert und zeigen sich in der Übertragung.125 Damit hilft der Wiederholungszwang mit schmerzhaften und traumatisierenden Ereignissen umzugehen und sie zu bewältigen (Freud 1920). Daher gilt es gegebenenfalls das Geschlecht des Analytikers zu berücksichtigen, da dieses unter gewissen Umständen das Übertragungsgeschehen beeinflussen kann (Meyers 1988). Zu bedenken gibt Lebe (1997), dass es nicht so leicht ist, mit Übertragung und Gegenübertragung zu arbeiten, da Patienten sich gegen eine sich entwickelnde Bindung wehren. Sie versuchen, Bindung nicht zu zeigen, unter anderem aufgrund von Schamgefühlen. Daher ist es wichtig zu beachten, dass reine verbale Interpretationen in der Therapie ungenügend sind, da Bindung auch präverbale Wurzeln hat (ebd.). 125 Eine negative therapeutische Reaktion kann im Analytiker Gefühle von Hilflosigkeit oder Aggression evozieren, die möglicherweise der Masochist selbst in seiner Kindheit gespürt hat. 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 172 Um den Wiederholungszwang aufzulösen, sollte der Patient gestärkt werden, Verluste zu ertragen, um dadurch Neues gewinnen zu können. Da »(…) in unserer realen psychischen Ökonomie, wenn nichts jemals dauerhaft verloren geht, auch nichts jemals wirklich gewonnen werden kann« (Bach 1991, S. 87, Übersetzung C. S.). So ist das Ertragen von Verlust wichtig, um Platz zu schaffen, und um aus einem Wiederholungszwang herauszukommen. Denn werden Verlust, Kastration und Tod nicht mehr verleugnet, kann sich die Person aus Stereotypien befreien und muss diese nicht ständig wiederholen (Bach 1991). Für diesen Prozess ist der therapeutische Rahmen wichtig. »Einen Rahmen finden, das heißt auch: einen symbolischen Raum schaffen, in dem die Traumen und Erstarrungen, die Konflikte und die Leere noch einmal zur Darstellung kommen und in dem dann andere, weniger kranke Lösungen gefunden werden können« (Reiche 2001, S. 463). Dulz (2009) betont in der Therapie die wichtige »haltende Funktion« nach Winnicott (1974) (vgl. hierzu Montgomery 1989). Dies bedeutet, den Patienten anzunehmen und für ausreichende Angst- und Beziehungssicherheit zu sorgen. So kann der Patient neue Beziehungserfahrungen machen und eine reifere Beziehungsfähigkeit kann entstehen.126 Der Therapeut seinerseits muss darauf achten, auf problematisches Beziehungsverhalten seines Patienten adäquat zu reagieren (vgl. Berner 1991).127 So sind auch gerade die therapeutische Beziehung und Haltung bedeutsam (allgemein zur therapeutischen Haltung in der Psychoanalyse siehe bspw. von Geiso 2006, Finke 2003). Mit der Beziehung zum Analytiker und seiner therapeutischen Haltung wird beispielsweise dem Patienten ermöglicht, seine Schuldgefühle zu kontrollieren und abzubauen, damit diese nicht wieder in ein Strafbedürfnis münden. Die Beziehung stärkt derart, dass der Patient selbstständige und neue Schritte nun gehen kann, ohne zu befürchten, die Anerken- 126 Diese Beziehungserfahrungen sind auch in neuronalen Netzwerken gespeichert (vgl. Hüther 2011). 127 Berner stellt in seinem Artikel »Sadomasochismus bei einer Frau« die Probleme dar, die bei der Therapie einer ausgeprägten strukturellen Störung mit einer sadomasochistischen Symptomatik auftreten können und in diesem Rahmen, nicht als Therapeut mitzuagieren. 7.2 Herausforderungen und Haltung in der Therapie 173 nung des Analytikers zu verlieren. Der Masochist erlebt, dass Anerkennung und die Entfaltung des eigenen Lebens nicht an masochistisches Verhalten geknüpft sind und er daher dieses aufgeben kann. Dadurch kann der Patient gestärkt werden, im alten sozialen Umfeld neues, nicht masochistisches Verhalten auszuüben und dem Druck standzuhalten, der eventuell von den Anderen kommt. Denn das Umfeld war früher gewohnt, dass der Masochist Demütigungen erduldete.128 Daher ist ein weiteres Hemmnis neben der negativen therapeutischen Reaktion und des Wiederholungszwangs auch die soziale Umwelt zu sehen, die den Patienten potenziell in die gebahnte masochistische Reaktion zurückwirft (s. Reich 1933). Bezogen auf die Therapie des malignen sexuellen Masochismus muss der Psychoanalytiker auch seinen Umgang mit Perversionen reflektieren. Denn die Gefahr besteht, dass er die sogenannte normale Sexualität verteidigt und das andere abwertet. Deswegen betont Kernberg (2006a) die Bedeutung der Neutralität im Speziellen bei sexuellen Perversionen. »Die Technik der Neutralität bei der analytischen Arbeit mit Patienten mit sexuellen Perversionen ist ein wichtiges Thema, weil das trotzige Beharren des Patienten auf der Überlegenheit der Perversion gegenüber dem normalen Geschlechtsverkehr in der Gegenübertragung beim Analytiker eine Verteidigung der ›normalen‹ Sexualität auslösen kann. Das Wertesystem des Analytikers, seine Einstellung gegenüber dem Schutz des Lebens, die Ablehnung von Destruktivität und Selbstdestruktivität und der Glaube an den geteilten lustvollen Genuß einer sexuellen Erfahrung können (…) der Neutralität seiner Technik Grenzen setzen« (Kernberg 2006a, S. 122). Zwar bezieht sich Kernberg hier auf die sexuelle Perversion, doch lässt sich diese vorgeschlagene Haltung auf die Behandlung des psychischen Masochismus genauso übertragen. Denn das lebensboykottierende, teilweise lebensverneinende Verhalten, gepaart mit dem Stolz, so viel Leid zu ertragen, kann ebenfalls aggressive Impulse beim Analytiker auslösen. Dadurch kann der 128 Zum Ablauf und diverser Hürden bei der Therapie von Perversion im Allgemeinen s. auch Reiche (2001) und auch Probleme, die in Zusammenhang stehen mit dem Durchbrechen der Abwehr gegen die Erinnerung an schmerzhafte Affekte s. bspw. auch Blos (1991). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 174 Analytiker der Versuchung erliegen, eine schnelle Verbesserung herbeizusehnen, eine Abwehr aufzubauen, ohne dem Patienten und sich die Zeit zu geben, die Ursachen und Funktionen des masochistischen Verhaltens zu ergründen. Wenn nun Herausforderungen bei der Therapie masochistisch-destruktiven Verhaltens bekannt sind, welche Therapieziele können überhaupt anvisiert und erreicht werden? 7.3 Therapie von masochistisch-destruktivem Verhalten Vor dem Hintergrund der oben genannten theoretischen Überlegungen zur Psychogenese und den Funktionen des Masochismus werden nun Ziele und Vorschläge für die Therapie bei schädlichem Masochismus vorgetragen. Wurmser (1998a) formuliert als ein Ziel der Therapie, dass der innere Richter kein Henker mehr ist, sondern zum Brückenbauer und Versöhner wird (Wurmser 1998a, S. 27). Das rigorose, vernichtende Über-Ich soll also transformiert werden in eine das Leben leitende Instanz.129 Weitere Ziele können sein, eine symptomatische Besserung in Sexualkontakten, in den Sozialkontakten, in der Karriere sowie im Umgang mit Geld (Brenner 1959). Das Selbstwertgefühl sollte aufgebaut werden und die Fähigkeit, das eigene Leben zu genießen (vgl. Brenner 1959, S. 88 oder deutsch in Grunert 1981). Laut Reich (1933) müssen die masochistischen Charakterzüge gründlich durchgearbeitet werden. Die sadistische Natur, das Leidenwollen als verkappte Aggression müsse verdeutlicht werden, sowie die Kastrationsangst. 129 »Das optimale Ergebnis ist eine Internalisierung von Idealzielen, die geschätzt werden und die noch innerhalb der realistischen Möglichkeit des Individuums liegen. Als Teil dieses Ergebnisses enthält das Über-Ich realistischere Ideale und Moralvorstellungen und es funktioniert mitfühlender in seinen lenkenden, beurteilenden, kritisierenden und bestrafenden Dimensionen. In gewisser Hinsicht ist das ein Idealbild, denn das Über-Ich behält immer die Fähigkeit, frühe primitive Introjekte, moralische Vorgaben und Ideale zusammen mit barschen Vorwürfen und Vergeltungsurteilen wieder zu beleben. In dem Maße, wie dieser primitive Kern bleibt, bleibt auch die Möglichkeit für feindliche Selbstbeschuldigung und Bestrafung« (Hauser 2007, S. 53). 7.3 Therapie von masochistisch-destruktivem Verhalten 175 Jedoch besteht hier die Gefahr, dies in einer strafenden, vorwurfsvollen Art zu formulieren; dies ist zu vermeiden. Menaker (1995) sieht ein Ziel in der Therapie, unabhängiger, selbstbestimmter und selbstbewusster zu werden. Die Mutter müsse realistischer wahrgenommen werden, damit der Patient sich in einem besseren Licht wahrnehmen kann. Es geht um eine Entidealisierung der Eltern, insbesondere der Mutter. Laut Klöß-Rotman (2002) besteht die reife und nicht masochistische Lösung »sich dem offenen Wetteifern mit der Mutter zu stellen« (ebd., S. 127). Hier geht es um das Zulassen von Aggression, um den Wunsch nach Macht, nach Wettkampf, nach Siegen wollen, den anderen hinter sich lassen wollen, sich loslösen und voran kommen wollen. Auch Becker (2001) betont das Nachholen von Separation und »ödipaler Entwicklung mit gekonnter aggressiver Entwicklung und den Affekten Schuld, Scham und Trauer« (Becker 2001, S. 435).130 Wenn davon ausgegangen wird, dass das Selbst und die Mutter nicht voneinander getrennt sind, so wird klar, dass dem Patienten nicht ohne Weiteres das Mutterintrojekt entrissen werden kann. Denn somit würde man dem Patienten sein Selbst nehmen. Wenn dieser Fall vorliegt, schlägt Lebe (1997) vor, die masochistische Mutter-Übertragung zu bearbeiten. Auch sei die Analyse von Träumen wichtig, denn Masochisten träumen von Tod oder Zerstörung. Ein Fortschritt in der Therapie kann festgestellt werden, wenn diese destruktiven Trauminhalte, die in Zusammenhang mit Angst vor Bindung stehen, abebben (ebd.). Als weitere Ziele sind zu nennen, der Umgang mit Über-Ich-Ängsten, das Aushalten von narzisstischer Spannung sowie Spannungen in der Interaktion mit anderen. Ferner geht es um die Stärkung des Selbstvertrauens. Dies kann erreicht werden, indem der Masochist sich wieder handlungsfähig im konstruktiven Sinne macht. Im destruktiven Sinne handelt er schon, aber er betreibt Selbstsabotage, boykottiert sein eigenes Leben. Nun 130 So sei »Morgenthaler (…) die Einsicht zu verdanken, dass die Deutung des (…) Inhalts der Plombe, nicht weiterführt, dass der therapeutische Weg über die Entidealisierung der Eltern, besonders der Mutter führt, über das Nachholen von Separation und ödipaler Entwicklung mit gekonnter aggressiver Auseinandersetzung und den Affekten Schuld, Scham und Trauer« (Becker 2001, S. 435). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 176 geht es darum, den Teufelskreis zu unterbrechen, indem der Betroffene sich positiv selbstwirksam verhält und sein Gefühl der Selbstwirksamkeit anders erzeugt als über das masochistische Provozieren von Strafe. Denn der masochistische Weg, den anderen zu erreichen und mit Gefühlen von Hilflosigkeit umzugehen, geht ursprünglich über das Provozieren von Strafe. In der Therapie ist der Analytiker nun ein Interaktionspartner, bei dem der Patient erfährt, dass er den Analytiker auch ohne Provokationen und ohne Unterwerfungen erreicht. Ein weiteres Ziel kann sein, dass der Patient lernt, gewisse Gesetze des Lebens zu akzeptieren, so zum Beispiel, dass der Wunsch nach Liebe auch mit Versagung und Trennung einhergeht (Grunert 1975) und dass der Andere nicht immer erreicht werden kann. Eidelberg (in Brenner 1959) findet die Eliminierung kindlicher Allmachtsfantasien wichtig,131 sowie die Demonstration, dass der Masochist sein Leiden selbst evoziert. Daher geht es in der Therapie um die Bearbeitung der Opferhaltung. Ziel ist, dass der Patient für sich bemerkt und verinnerlicht, dass er Wahlmöglichkeiten hat und nicht (nur) ein Opfer ist, welches hilflos überirdischen Kräften ausgesetzt ist. Wobei diese Demonstration wieder ein kritischer Moment in der Therapie ist. Daher muss hier behutsam vorgegangen werden, damit nicht der Masochist unbewusst wieder das erzielt, was er normalerweise erzielt: Maßregelung, Strafe und das Gefühl (dem Liebesobjekt) nicht zu genügen. Denn dies könnte wiederum ein masochistisch-sadistisches Verhältnis zwischen Analytiker und Analysand entstehen lassen. Daher postuliert Berliner (1958 in Brenner 1959), dem Analysanden gegenüber freundlich zu sein, um eben nicht eine Wiederbelebung alter Beziehungsmuster herbeizuführen, sondern neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Und in dieser neuen Beziehung kann der Patient erleben, dass er Frustration, Ärger äußern kann, ohne den Analytiker zu verlieren. Dies fordert dem Analytiker einiges ab. Denn er muss unterscheiden, ob 131 Vgl. hierzu Novick und Novick (2004), die Schlagefantasien als Kern des Sadomasochismus ansehen. Und der Kern der sadomasochistischen Fantasie sei der Omnipotenzwahn. Die Externalisierung sei der Hauptmechanismus bei der Entwicklung und des Funktionierens dieser Fantasien. 7.3 Therapie von masochistisch-destruktivem Verhalten 177 der Patient gerade sich in einem masochistischen Klagen befindet, oder der Patient gerade lernt, Aggressionen adäquat zu äußern. Ferner sollte, auch wenn ein moralischer Masochismus zentral erscheint, die Abfrage der Sexualität nicht vernachlässigt werden. Selbst wenn aktiv keine sadomasochistische Sexualität praktiziert wird, können doch masochistische sexuelle Fantasien vorliegen. Diese können aber zunächst noch abgewehrt und aufgrund von Scham nicht mitgeteilt werden. Wenn sexuelle masochistische Inhalte zusätzlich vorliegen, gilt es zu erörtern, ob beim Analysanden eine masochistische Sexualstörung vorliegt mit selbstschädigenden und selbstgefährdenden Praktiken oder, ob der sexuelle Masochismus nur ein spielerisches Beiwerk ist oder einfach eine (neue) nicht schädigende masochistische Sexualität. Auch während der Therapie des moralischen Masochismus ist zu überprüfen, ob doch eine Phase des sexuellen Masochismus sich dazugesellt. Falls ja, stellen sich erneut die Fragen, ob es sich um einen nicht schädigenden sexuellen Masochismus handelt, ob der sexuelle Masochismus einen Eskapismus darstellt oder, ob der sexuelle Masochismus etwas stärker symbolisiert, im Körperlichen also etwas bearbeitet wird, was im moralischen Masochismus so nicht möglich erscheint und somit die Symbolisierungsfähigkeit über die Sexualität eher einen Weg der Heilung aufzeigt als eine Verschlechterung. Berner (1991) weist darauf hin, »den Abwehrcharakter des sexualisierten Übertragungsangebots zu erkennen und behutsam zu deuten« (Berner 1991, S. 45).132 Liegt eine masochistische Perversion auf Borderline-Niveau vor, ist es von Bedeutung, die Angst als zentralen Affekt bei dieser Art von Störung mit zu berücksichtigen. Dulz (2009) sieht speziell »zwischen der Angst vor dem Alleinsein/Verlassenwerden, aber auch der Angst vor Nähe, und sadomasochistischen Praktiken (…)« einen Zusammenhang (ebd., S. 262). Als Therapieziel wird daher eine Reduktion der Angst anvisiert. Hierfür bedarf es wiederum des sicheren therapeutischen Rahmens, in dem der Pa- 132 Zur Therapie bei Persönlichkeitsstörungen, Suizidalität, Selbstschädigung s. auch »Krisenintervention bei Persönlichkeitsstörungen« von Bronisch, Bohus, Dose, Reddemann und Unckel (2005) sowie Lachmann (2004). Zur Therapie schwerer Persönlichkeitsstörungen s. auch Kernberg (2006a). Zur Therapie von sexuellen Störungen siehe u. a. Sigusch (2001) und vgl. Stein (2006). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 178 tient über Sexualität und anderes berichten kann, ohne Gefahr zu laufen, verurteilt zu werden oder den Therapeuten zu ängstigen, ihn zu überfordern, ihn aufgrund der Thematik zu beschämen. Zeitgleich »(…) muss der Therapeut seine Gefühle daraufhin prüfen, ob sie aus ihm selbst heraus entstanden sind oder ihm per projektiver Identifizierung vom Patienten ›untergeschoben‹ wurden« (Dulz 2009, S. 267). Im Therapieprozess geht es darüber hinaus um das Herausarbeiten der individuellen Funktionen des masochistischen Verhaltens. Liegt eine sexuelle Konnotation vor, gilt es die Praktiken zu thematisieren. Zum einen als Hinweis, inwieweit der Betroffene sich selbst gefährdet, zum anderen, um die bevorzugten Praktiken kennenzulernen, um herausfinden zu können, was diese möglicherweise implizit ausdrücken. Denn in einem gewissen Maße ist sexueller Masochismus eine Ausdrucksform für Nicht-Verbalisiertes, was ins Körperliche übersetzt wird. Beim psychischen Masochismus geht es um die Analyse der Situationen, in denen der Masochist sich unterwirft oder versucht, durch trotziges Verhalten sich selbst zu behaupten und sich jedoch dadurch wieder selbst schädigt. So schlägt Schafer (1988) zur Analyse des Scheiterns am Erfolg vor, mit dem Analysanden zu klären, wie, wann und warum der Betroffene es darauf anlegt zu scheitern oder gar gescheitert ist. Der Kern der Arbeit liegt also im Erarbeiten der unbewussten oder der psychischen Realität entsprechenden Gründe, warum der Betroffene Probleme mit Erfolg hat, und was der Vorteil des Scheiterns ist (Schafer 1988, S. 89f.). In diesem Rahmen gilt es zusätzlich negative Glaubenssätze aufzudecken, wie beispielsweise die Unglücksbeschwörung »Wenn es mir gut geht, passiert was Schlimmes« (s. Grunert 1975). Es scheint zusätzlich hilfreich zu sein, den Masochisten darauf hinzuweisen, wenn dieser schöne Gefühle und Ereignisse negiert oder schmälert (Schafer 1988). Um die Funktionen des masochistischen Verhaltens herauszuarbeiten, stellt Meyers (1988) verschiedene technische Schwerpunkte in der Therapie des Masochismus vor.133 Wenn es sich um den ödipalen Konflikt handelt, empfiehlt 133 »In treatment, one or another of these functions may take center stage, be dominant at any given point in the transference; but sooner or later the other functions will have to be 7.4 Schlussfolgerung 179 Meyers die dementsprechende klassische Herangehensweise. Bezogen auf den Masochismus wäre das 1. die Konfrontation der unbewussten Suche nach Unlust, 2. Klärung, dass dieses schädliche Verhalten nach außen projiziert wird und 3. die Interpretation der Bedeutung der unbewussten Schuldgefühle. Geht es eher um präödipale Themen wie Hilflosigkeit, Aggression und Aufrechterhaltung der Objektbeziehung, dann liegt der Schwerpunkt in der Therapie auf dem Herausarbeiten und der Interpretation des »woher«, woher also diese Themen stammen. Geht es um die Funktion des Masochismus im Rahmen von Separation und Individuation erfordert dies eine Interpretation der Übertragung und eine genetische Rekonstruktion, wobei es problematisch ist, diese frühe Phase rekonstruieren zu können (ebd., S. 184). Bei der narzisstischen Funktion des Masochismus, wäre der oben genannte 1. Schritt wichtig, das heißt die Konfrontation des Patienten mit seiner ihm unbewussten, aber aktiv herbeigeführten Suche nach Unlust. Diese Konfrontation muss, wie schon erwähnt, aber einfühlsam durchgeführt werden. Denn anderenfalls führt es zu einer Aufrechterhaltung einer sadistisch-masochistischen Interaktion. Wenn diese Konfrontation aber glückt, besteht nun für den Patienten die Möglichkeit, sich als selbstwirksam zu erleben und eben nicht mehr hilflos. 7.4 Schlussfolgerung Die Therapie von masochistischem Verhalten ist möglich. Es gilt, Geduld zu haben: Sowohl für den Analytiker als auch für den Analysanden. Der Patient benötigt bei der Therapie des pathologischen Masochismus für Vielfältiges Zeit: Um neue Beziehungserfahrungen zu machen, Eigenverantwortung über sein Handeln, über sein Denken, über sein Leben zu übernehmen, sich Alternativen zum Leiden zu erarbeiten, den Selbstwert zu stabilisieren sowie sich den Ängsten zu stellen – und ins aktive konstruktive Handeln zu kommen. Ähnlich der Borderline-Therapie von Linehan (1996) wäre auch ein ergänzender multifaktorieller Ansatz für die Therapie masochistisch-schäddealt with as well and sometimes this will determine our interpretations and other interventions, their timing and content« (Meyers 1988, S. 178). 7 Therapie schädlichen masochistischen Verhaltens 180 lichen Verhaltens vorstellbar. Der Patient erhält beispielsweise zusätzlich Übungen, die aus dem KVT-Bereich stammen, sodass er dann einen selbstdegradierenden Dialog durch einen Gedanken-Stopp abbrechen kann. In der heutigen Psychoanalyse geht es um die Bewusstmachung verdrängter psychodynamischer Inhalte und um eine Verbindung zur primären Lebensorganisation (Holderegger 2002), zur subsymbolischen Welt der frühen emotionalen Kommunikation herzustellen (Mertens 2006a). »Wo das Ich seine Verbindung zu den primären Affekten und Motivationen verloren hat, soll diese Verbindung wiederhergestellt werden« (ebd., S. 35). Der Patient lernt, wieder eigene Wünsche zu erkennen, danach zu leben und die eigene Selbsttätigkeit zu erfahren. Dafür muss aber der Patient sein wahres Selbst erkennen und dies erfährt er in der Analyse über eine neue Beziehungsgestaltung mit dem Analytiker. So gelingt es mit der Zeit, einen masochistischen Lebensstil aufzulösen. Auch indem die Person lernt, sich anzunehmen und für sich auf eine liebevolle Art zu sorgen: Die eigene Leistung anzuerkennen, den negativen Perfektionismus aufzugeben und Fehler, die man begeht und begangen hat, sich zu verzeihen. Wobei das Verzeihen sich nicht nur auf ein paar begangene Fehler bezieht, sondern globaler zu verstehen ist: Ein Sich-Vergeben, für den, der man war.134 Und dann anzustreben, dem Anderen zu verzeihen, der ungewollt verletzt hat. Das Schwierigste und nicht immer das, was sinnvoll zu realisieren ist, ist demjenigen zu verzeihen, der absichtlich verletzt hat. Nachdem während der Arbeit an dieser Dissertation sich mir Menschen anvertrauten und äußerten, dass sie befürchten, nicht normal zu sein, da sie sexuelle masochistische Seiten in sich spüren oder gerade entdecken würden, halte ich folgende Passage von Fiedler (2004, S. 264f.) für essenziell: 134 »Menschen, die sich als Kinder an unerträgliche Gefühle und gestörte Aspekte ihrer Familie ›anpassten‹, indem sie Zuflucht suchten bei dem, was später als psychisch gestörtes Verhalten bezeichnet wird, kann es sehr schwer fallen, sich zu verzeihen. Für die Helferinnen und Helfer wird es zur wichtigsten Aufgabe, einen solchen Menschen davon zu überzeugen, dass er einfach das Beste tat, was ihm zu der Zeit und unter diesen schwierigen Umständen ohne vertrauenswürdige Unterstützung möglich war« (Levenkron 2006, S. 278). 7.4 Schlussfolgerung 181 »Besteht bei den Betreffenden jedoch lediglich eine innere Unsicherheit hinsichtlich der Angemessenheit der eigenen sexuellen Vorlieben und Neigungen, dann gebietet es die gleiche Redlichkeit, die Patienten darüber aufzuklären, dass nach gegenwärtigem Wissen davon ausgegangen werden kann, dass sexueller Masochismus keine psychische Störung darstellt, und weiter, dass diese sexuelle Präferenz deshalb gut vereinbar ist mit Ansprüchen, die sich heute mit Vorstellungen über Gesundheit und über ein sozial gut angepasstes Leben verbinden. Weitergehende psychotherapeutische Angebote sind dann vielleicht nur mehr in jenen Fällen angezeigt, wo es angesichts möglicher Schwierigkeiten der Betreffenden im persönlichen Umgang mit Vorurteilen und erlebter Ausgrenzung bereits zu psychischen Folgestörungen gekommen ist (…)« (Fiedler 2004, S. 264f.). Für diese Fälle rät Fiedler Psychotherapeuten, Aspekte aus der affirmativen Psychotherapie zu berücksichtigen. Fiedler (2004) gemäß, bedarf der sexuelle Masochismus keiner Therapie. Diese gewisse Vorliebe einer speziellen Sexualität gilt es als Therapeut zu akzeptieren und nicht doch denjenigen von seiner sexuellen Präferenz befreien zu wollen (ebd., S. 263). 182 8 Resümee und Überleitung Im ersten Teil dieser Arbeit wurden verschiedene masochistische Konnotationen betrachtet – von den psychischen bis zu den sexuellen. Dabei wurden sowohl konstruktive, für das Individuum hilfreiche masochistische Verhaltensweisen erörtert, als auch ihre schädlichen oder gar zerstörerischen Formen. Im Zusammenhang von destruktiven masochistischen Formen wurde auf selbstschädigendes, selbstverletzendes Verhalten eingegangen, seine Ursachen und Funktionen sowie dann auf die Therapie von schädlichem masochistischem Verhalten. Zusätzlich wurde der sexuelle Masochismus in seiner nicht schädlichen Ausprägung beleuchtet. Dies schien bedeutsam zu sein, da psychoanalytische Theorien sich wesentlich mit klinischen Fällen auseinandersetzen und daher eher klinisch auffällige sexuelle Masochisten untersuchen, die dann möglicherweise eher schädliche oder gar zerstörerische Formen des sexuellen Masochismus praktizieren. Dabei wird aber die Untersuchung des »normalen« sexuellen Masochismus vernachlässigt. Wurden im ersten Teil psychische und sexuelle masochistische Verhaltensweisen ergründet, liegt nun im zweiten Teil dieser Arbeit der Fokus auf dem sexuellen Masochismus. Die Untersuchung erfolgt in einem nichtklinischen Setting. Ziel der folgenden Studie ist es, weitere Erkenntnisse über den sexuellen Masochismus zu gewinnen und bestehende theoretische Thesen aus 8 Resümee und Überleitung 183 Teil I zu überprüfen. Wie zum Beispiel die Frage, ob bestimmte Konflikte bei sexuellen Masochisten vorliegen. Wobei für das Verständnis wichtig ist, dass Konflikte bei allen Menschen auftreten, das heißt, dass ein Konflikt an sich noch kein Indiz für eine Störung ist. Da aber die Psychoanalyse genuin eine Konfliktpsychologie ist, scheint es von Interesse, ob bei sexuellen Masochisten bestimmte Konflikte vorliegen. Und zentral in der Studie ist es der Frage nachzugehen, ob es einen Zusammenhang von SM- Sexualität und Lebensgeschichte gibt und wie dieser aussehen könnte. Teil II 187 9 Eine OPD-unterstützte Untersuchung sexueller Masochisten in einem nicht-klinischen Kontext Diese Untersuchung ist eine Vorstudie, mit dem Ziel mehr über die Psychogenese des sexuellen Masochismus (im Folgenden wird von SM bzw. von BDSM gesprochen) zu erfahren. Da die bisherigen Theorien über Masochismus größtenteils auf klinischen Fällen basieren, ist es eine notwendige Ergänzung, Erkenntnisse über die Psychogenese aus einer nicht genuin klinischen Stichprobe zu gewinnen. Mittels der Auswertung sollen beispielsweise Aussagen über das Erleben und Befinden der Sexualität getroffen werden, wann zum ersten Mal die Neigung festgestellt, welche Praktiken bevorzugt werden. Ferner soll überprüft werden, ob zentrale bestehende psychogenetische Annahmen von Teil I auf sexuelle Masochisten in einem nicht-klinischen Setting zutreffen. 9.1 Erkenntniszugang Neben dem ausführlichen Literaturstudium psychoanalytischer Literatur über Masochismus und den damit einhergehenden Themen wurden zusätzlich Erkenntnisse über SM mittels einschlägiger, nicht psychoanalytischer Literatur gewonnen. Hierzu zählen SM-Literatur, Berichte über SM in Fernsehen und Zeitungen. Ferner wurden Erkenntnisse mittels beobachtender Feldforschung gewonnen, dies in Form von Besuchen von SM- Veranstaltungen. 9 Eine OPD-unterstützte Untersuchung sexueller Masochisten in einem nicht-klinischen Kontext 188 9.2 Stichprobe 9.2.1 Stichprobenumfang Der Stichprobenumfang beträgt: N = 7. Die ursprüngliche Anzahl an Interviewinteressenten war höher. Jedoch nahmen manche aufgrund von diversen Befürchtungen von ihrem Interviewvorhaben wieder Abstand. Die Interviewpartner wurden mittels Mundpropaganda und teilweise durch das Aufsuchen von SM-Veranstaltungen rekrutiert. Mundpropaganda heißt, dass ich bei diversen Veranstaltungen (wie Festen unterschiedlicher Art, Schulungen etc.), bei denen man Menschen trifft, sich mit ihnen über die berufliche Tätigkeit unterhält, ich über mein Thema der Dissertation berichtete und erwähnte, dass ich für den empirischen Teil der Arbeit Interviewpartner suche. Dies wurde dann weitergegeben und dadurch habe ich über Mundpropaganda Leute kennengelernt, die SM mögen und dar- über meine Interviewpartner gewonnen. Die Interviewpartner erhielten für die Teilnahme keine Aufwandsentschädigung. Der Anreiz bei der Studie teilzunehmen, bestand für manche darin, selbst Erkenntnisse über ihre Sexualität zu gewinnen. Für einen Interviewpartner war zusätzlich die Interviewsituation als solche die Realisierung seiner erotischen Fantasie (was sich erst während des Interviews herausstellte). 9.2.2 Auswahlkriterien In die Stichprobe wurden nicht nur szenenahe SMer aufgenommen, sondern es war ein Anliegen, sozusagen »Lieschen Müller von der Straße« befragen zu können. Vermutlich besitzt für jemanden, der sich in der SM-Szene aufhält, SM einen ausgeprägteren Stellenwert. Dies lässt sich mit jemandem vergleichen, der einfach gerne Golf spielt und häufig auf dem Platz ist, mit jemandem, der gerne Golf spielt, ein Großteil seiner Freizeit um Golf zentriert ist und darüber hinaus sich noch im Klub aktiv engagiert. In die Stichprobe wurden sowohl Frauen als auch Männer aufgenommen. Die Sexualitätsausrichtung sollte heterosexuell sein, bisexuell war 9.2 Stichprobe 189 ebenso möglich. Jedoch homosexuelle und lesbische Personen wurden nicht in die Stichprobe aufgenommen, da in diesen Szenen SM allein für sich wieder einen anderen Stellenwert besitzt (s. Teil I). Als Kriterium der Aufnahme wären sowohl SM-Praktizierende als auch jene mit nur SM-Fantasien infrage gekommen. Im Endeffekt verfügen in der Stichprobe alle Interviewteilnehmer in irgendeiner Weise praktische Erfahrungen mit SM. Aufgenommen wurden ebenso sexuelle Masochisten, die switchen, aber deren Fokus auf dem Masochistischen und nicht auf dem Sadistischen liegt. Kein Kriterium war es, ob der Interviewpartner sich in einer Partnerschaft befindet oder Single ist. 9.2.3 SM-Szene-Nähe Die Verteilung der Stichprobe hinsichtlich der SM-Szene-Nähe sieht wie folgt aus: Von den 7 Personen gehen 4 weder in die SM-Szene, noch besuchen sie SM-Partys (wobei 2 von den 4 schon einmal auf einer SM-Party waren, 2 noch nie). Bei den anderen 3 von 7 sind 2 szenenäher, das heißt, die beiden besuchen ab und zu Partys und die dritte Person ist in der Szene, das heißt, sie besucht diverse Veranstaltungen, die in der SM-Szene angeboten werden. In der Stichprobe gibt es keinen Trend, ob eher Frauen oder Männer SM-Veranstaltungen aufsuchen.135 9.2.4 Geschlecht, Alter und sozialer Hintergrund Hinsichtlich Geschlecht, Alter und sozialem Hintergrund sieht die Stichprobe wie folgt aus: 3 Frauen und 4 Männer, von Anfang 20 bis Ende 40, aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit unterschiedlichen Ausbildungsniveaus und Arbeitssituationen (von selbstständig bis angestellt, Akademiker und Arbeiter). Zwar ist der Stichprobenumfang klein, er bildet trotzdem die Heterogenität der SMer ab. 135 Bei SM-Partys erhalten Frauen besondere günstige Einlassbedingungen (günstigere Karten oder wenn ein Partner mitkommt, dass die Frau keinen Eintritt bezahlen muss etc.), sodass ein Männerüberschuss vermieden wird. Dies legt nahe, dass tendenziell mehr Männer SM-Partys aufsuchen und für Frauen ein Anreiz geschaffen werden muss. 190 10 Fragestellungen Fragestellung 1: Wie sieht die SM-Sexualität aus? Welche Praktiken werden geschätzt, welche ausgeschlossen? Warum wird SM bevorzugt? Wird er überhaupt bevorzugt? Fragestellung 2: Einfluss von Bezugspersonen auf die Masochismusgenese? Gibt es Kindheitserlebnisse, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der sexuellen Neigung stehen? Inwieweit spielt die elterliche Erziehung, das elterliche Verhalten eine Rolle? Fragestellung 3: Gibt es bestimmte Konflikte? Gibt es einen bestimmten Konflikt? Geht es um Kontrolle, geht es um Abhängigkeit, was sind die speziellen Themen? Wie ist das Strukturniveau beschaffen? Liegt eine Pathologie vor? Wenn ja, ist diese struktureller Natur und steht die Pathologie in Zusammenhang mit der Sexualität? Fragestellung 4: Gibt es eine Selbstwertproblematik? Gibt es Probleme mit dem Selbstwert, sodass der Masochismus im Dienst der Selbstkohärenz steht? Fragestellung 5: Effekte von Lebensereignissen auf die Sexualität? Die Beantwortung der Fragen 1–4 dient zusätzlich dem Versuch, herauszufinden, welche Lebensereignisse sich auf die Sexualität niedergeschlagen 10 Fragestellungen 191 haben.136 Wie sieht also der Zusammenhang zwischen der sexuellen SM- Präferenz und Aspekten der Lebensgeschichte mit ihrer individuellen psychodynamischen Verarbeitung aus? Was führte zu der masochistischen Sexualpräferenz? 136 Lebensereignisse werden hier weit gefasst, das heißt, darunter fallen Interaktionen mit den Eltern, individuelle körperliche oder entwicklungsbedingte Besonderheiten u.Ä. 192 11 Methoden Im Folgenden werden die Methoden begründet und skizziert, zentrale Methode ist dabei die OPD-2 (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik). Eine ausführlichere Darstellung der OPD und anderer methodischer Aspekte befinden sich im Anhang. 11.1 Datenerhebung Die OPD-2 stellt in vielerlei Hinsicht eine geeignete Methode für diese Studie dar, da mit ihr unterschiedliche Aspekte erfasst und ausgewertet werden können: Über das Krankheitserleben kann erfahren werden, ob die eigene Sexualität als etwas Krankhaftes empfunden wird; über die Abfrage von physischen und psychischen Störungen, ob eine Störung vorliegt oder vorlag, das heißt, ob es möglicherweise um einen Fall mit einem klinischen Hintergrund handelt. Ferner können Fragen untersucht werden, die Bezug zur Theorie (Teil I dieser Arbeit) nehmen.137 Zwar ist der Konflikt in der OPD definiert als dysfunktional und repetitiv, aber jeder Mensch besitzt Konflikte. Diese müssen nicht klinisch auffällig sein und werden in der OPD-Terminologie als subklinische Konfliktspannungen bezeichnet – wobei im Folgenden vornehmlich von Konflikt gesprochen wird. Neben dem 137 Bspw. die Frage, ob ein Autonomiekonflikt vorliegt. Hintergrund ist die Annahme, dass unter anderem bei der Genese des Masochismus eine Nähe-Loslösungsproblematik in der Kindheit bestand (vgl. Grunert 1975). 11.1 Datenerhebung 193 Konflikt kann in der OPD-2 die Struktur bestimmt werden, wie diese beschaffen ist und ob möglicherweise ein generelles Strukturproblem vorliegt (und somit gar kein Konflikt). Denn beispielsweise kann ein Identitätskonflikt nur vorliegen, wenn eine stabile Regulation der Identität möglich ist. Wenn der Betreffende überhaupt keine Vorstellung über seine Rolle hat, wenn er grundsätzlich fragt »Wer bin ich überhaupt?« liegt eine strukturelle Störung vor. Damit können indirekt Hinweise erhalten werden, ob ein Masochismus als Plombe vorhanden ist, ob ein von Fragmentierung bedrohtes Selbst vorliegt (vgl. Morgenthaler 1974). Ferner kann durch die OPD-2 die interpersonelle Situation diagnostiziert werden. Durch die Deutung der Übertragung und Gegenübertragung kann ein bestimmtes Beziehungsmuster herausgefunden werden, und ob möglicherweise ein maladaptives, beispielsweise masochistisches Beziehungsmuster vorliegt. 11.1.1 Das OPD-unterstützte Interview Für das Interview wurde im Vorhinein ein Interviewleitfaden zusammengestellt (s. Anhang). Ausgeführt wurden OPD-unterstützte Interviews, das heißt, es waren keine reinen OPD-Interviews, da Fragen, speziell die SM- Sexualität betreffend, hinzukamen. Durch den Interviewleitfaden lagen Formulierungen vor, diese wurden aber in der Reihenfolge variiert und die Interviewpartner konnten frei auf Fragen antworten und Eigenes einbringen. Die Gespräche erfolgten also mittels eines halbstrukturierten Interviews und offenen Fragen. Ferner wurde sich auf die Ansprache mit »Du« geeinigt. Den Interviewpartnern wurden die Interviewthemen skizziert, wie Familie, Freunde, Partnerschaft und SM. Die Methode, das heißt, die OPD wurde nicht erwähnt. Der Interviewanfang war bewusst strukturierter: Zuerst Informationen zum Ablauf des Interviews, dann Eckdaten zu meiner Person und dann wurden die biografischen Daten des Interviewpartners erfasst. Dieser Interviewanfang diente primär zum Aufwärmen. Die Interviews wurden ausschließlich von mir durchgeführt und später ausgewertet. Berücksichtigt wurde die rechtliche Seite, die die Veröffentlichung der 11 Methoden 194 anonymisierten Daten betrifft. Beim ersten Interview wurde dem Interviewpartner noch eine schriftliche Einwilligungserklärung vorgelegt, indem er sich bereit erklärt, dass die anonymisierten Ausschnitte des Interviews veröffentlicht werden dürfen. Dies erzeugte jedoch eine misstrauische Stimmung: Denn schließlich war der Interviewpartner bereit, Intimes zu erzählen, und die meinerseits vorgelegte schriftliche Einwilligungserklärung bezüglich der Veröffentlichung der anonymisierten Daten Misstrauen ausdrückte. Daher wurde dieses Prozedere eingestellt. Bei den restlichen Interviews wurden die Interviewpartner (bei laufendem Aufnahmegerät) mündlich aufgeklärt, dass Auszüge der Interviews in anonymisierter Weise benützt werden, diese anonymisierten Auszüge dann in schriftlicher Form in der Dissertation zu lesen sind und die Dissertation veröffentlicht wird. Und, dass mein Doktorvater Prof. Wolfgang Mertens die Transkripte erhält, die aber nicht vollständig anonymisiert sind, aber als Leistungsnachweis dienen und als Möglichkeit, die Ergebnisse zu überprüfen. Die Interviewpartner stimmten diesem Vorgehen mündlich zu, was auf der Aufnahme zu hören ist. Ein allgemeines Einverständnis zur digitalen Aufnahme der mündlichen Einwilligungserklärung wurde im Vorfeld eingeholt. So wurde schon zu dem Zeitpunkt, als der Interviewpartner sein Interesse an einem Interview äußerte, dieser aufgeklärt, dass das Gespräch aufgezeichnet, transkribiert und ausgewertet wird und dann anonymisierte Auszüge der Interviews im Rahmen der Dissertation veröffentlicht werden. Daraufhin wurde der potenzielle Interviewpartner gefragt, ob er mit diesem Prozedere einverstanden sei. 11.1.2 Generierung des Interviewleitfadens Der Interviewleitfaden wurde primär anhand der OPD geschaffen. In der OPD befinden sich zahlreiche Formulierungsbeispiele, wie gewisse Parameter der OPD erfragt werden können. Zusätzlich enthält der Interviewleitfaden Fragen, die speziell Aspekte der SM-Sexualität berücksichtigen. 11.1.3 Orte des Interviews Die Interviews wurden in unterschiedlichen Städten und in unterschiedlicher Umgebung durchgeführt (Wohnung eines Freundes des jeweiligen In- 11.2 Zum Datenmaterial 195 terviewpartners, bei den Interviewpartnern zu Hause oder im Büro von Prof. Wolfgang Mertens). Die Interviewpartner hatten die Wahlfreiheit, wo das Interview stattfinden soll. Hintergrund der Wahlfreiheit war, eine möglichst gute Interviewatmosphäre zu schaffen, in der sich die Interviewpartner wohlfühlen. Denn für Viele ist es nicht einfach, über Privates zu sprechen, wie zum Beispiel über die Beziehung zu den Eltern oder Sexualität. Im privaten Bereich fühlen sich die Menschen sicherer. Öffentliche Räume, wie Restaurants oder Cafés sind für solche Interviews keine geeigneten Orte. Denn sie wahren nicht die Intimsphäre, sie bieten nicht die Möglichkeit, dass die Person aus vollem Herzen sprechen kann, da in einem öffentlichen Raum der Mensch eher versucht, einen guten Eindruck zu hinterlassen und Ausdruck von Emotionen wie zum Beispiel Weinen (noch mehr) unterdrückt als in einem geschützten Raum. 11.2 Zum Datenmaterial 11.2.1 Art des Datenmaterials Das Material enthält Aussagen von 3 Frauen und 4 Männern über ihre Wahrnehmung der eigenen masochistischen Sexualität, dem Verhältnis zu Eltern, soweit vorhanden zu Geschwistern und zu anderen Menschen. Das Datenmaterial besteht aus: ➢ Gesprächsnotizen während des Interviews ➢ Transkripten der Interviews von den 7 OPD-2-unterstützen Interviews ➢ Notizen während des Transkribierens 11.2.2 Umfang des Datenmaterials Die Interviews dauerten zwischen 1 Stunde 45 Minuten und 2 Stunden 50 Minuten. Das erste Interview wurde mit einem herkömmlichen Kassettenrekorder aufgezeichnet. Nachdem die Tonqualität unzufriedenstellend war, wurden die restlichen 6 Interviews mit einem digitalen Aufnahmegerät aufgenommen. Den Interviewpartnern war daran gelegen, ihre Anonymität zu wahren, eine Videoaufzeichnung musste daher ausgeschlossen werden. 11 Methoden 196 Nach dem Interview wurde das jeweilige Interview in Anlehnung an die Ulmer Transkriptionsregeln (Mergenthaler 1992) transkribiert. Die Transkripte umfassen 23 bis 60 Seiten, der gesamte Umfang beträgt 303 Seiten (s. Tabelle 2). Die vollständigen Transkripte liegen aus Gründen der Wahrung der Anonymität nur Prof. Wolfgang Mertens vor. Wobei bei den Transkripten eine Voranonymisierung auf Bitten der Interviewteilnehmer stattfand, das heißt in den Transkripten wurden Namen von Personen und Orten gestrichen. Die Interviews wurden im Zeitraum von Dezember 2008 bis November 2009 erhoben. Fälle/Datum des Interviews Geschlecht138 Dauer des Interviews Umfang Transkript139 Weiblich Männlich Fall 1 17.12.2008 X 1 Std. 45 min. 23 Seiten Fall 2 09.02.2009 X 2 Std. 07 min. 42 Seiten Fall 3 16.02.2009 X 2 Std. 50 min. 60 Seiten Fall 4 26.02.2009 X 1 Std. 49 min. 38 Seiten Fall 5 02.03.2009 X 1 Std. 45 min. 35 Seiten Fall 6 06.03.2009 X 1 Std. 57 min. 50 Seiten Fall 7 22.11.2009 X 1 Std. 59 min. 47 Seiten Tab. 2: Darstellung der Interviewerhebung 138 Das Alter wird aus Gründen der Wahrung der Anonymität nicht angezeigt. Altersspielraum war von Anfang 20 bis Ende 40. Zumal ich nicht den Eindruck hatte, dass das Alter eine relevante Aussagekraft besitzt. Vielleicht hätte es eine Rolle gespielt, wenn Interviewpartner mit einem Alter über 60 Jahren in der Stichprobe dabei gewesen wären. Um z.B. zu untersuchen, ob ein generationsspezifischer Erziehungsstil vorliegt und dieser Einfluss hat auf die SM-Genese. 139 Linksbündig, 1,5-zeilig. 11.3 Datenauswertung: Mehrstufiger Ablauf der Auswertung 197 11.3 Datenauswertung: Mehrstufiger Ablauf der Auswertung Das Interview wird ausgewertet, nach 1. Szenischem Verstehen, der Gegenübertragung und Besonderheiten 2. Interviewfragen bezüglich der SM-Sexualität 3. Fragen im Rahmen der OPD. Zuerst findet die Auswertung pro Person statt mittels: ➢ Notizen während des Interviews (diese gehen in die Analyse des szenischen Verstehens ein) ➢ Transkript mit Notizen ➢ OPD-Rating anhand des OPD-Erhebungsbogen. Diese Daten werden allgemein und individuell dargestellt: Zuerst wird jeder Aspekt für alle 7 Interviewpartner dargestellt, dann werden diese für die Person betreffend zusammengefasst. So wird in Anlehnung an die beziehungsdynamische Formulierung der OPD jeweils eine Psychodynamik formuliert, um den Zusammenhang hinsichtlich der Ursprungsfamilie, besonderen Ereignissen und der Sexualpräferenz herauszuarbeiten. Abschließend wird eine allgemeine, übergeordnete Psychodynamik abgeleitet aus den vorher formulierten, individuellen psychodynamischen Annahmen und der Überprüfung, ob sie Gemeinsamkeiten enthalten. Die Thesen werden, basierend auf dem Buch von Rudolf (2000) »Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik« abgeleitet, sowie von theoretischem Wissen aus Teil I der Arbeit und allgemeinen Kenntnissen über psychodynamische Vorgänge. 11.3.1 1. Stufe: Szenisches Verstehen und Gegenübertragung Für die Stufe 1 werden die während des Interviews und während der Transkription festgehaltenen Ideen beschrieben und ausgewertet. 11 Methoden 198 Sowohl beim Interview selbst als auch beim Transkribieren der Interviews wurden Besonderheiten, Auffälligkeiten, Ideen oder Ähnliches vermerkt, wie zum Beispiel Gegenübertragung. Bei der Transkription wurde wieder auf die Gegenübertragung geachtet. Und Assoziationen mit dem Text wurden in Form von Kommentaren festgehalten. Das szenische Verstehen und die Gegenübertragung geben Hinweise auf relevante Themen des Interviewpartners, auf Rolleninszenierungen, die auch ihren Niederschlag in der SM-Sexualität finden. 11.3.2 2. Stufe: Auswertung nach der OPD Für die Stufe 2 wird das Interview mithilfe des speziellen OPD-Erhebungsbogen ausgewertet (s. OPD-2 2006, S. 468–478, ohne S. 475f.: OPD-2 Erhebungsbogen Forensik). Ausgewertet wird nach der Reihenfolge des Erzählten. Für die Konflikte werden Belege gegeben: Für den Hauptkonflikt 5 Textbelege, für den zweitwichtigsten Konflikt 3–4 Textbelege, selbst wenn noch mehr Textbelege zur Verfügung stehen. Die Textbelege erfolgen durch eine thematische, inhaltliche Wiedergabe des Gesagten und nicht über Zitate. Prof. Wolfgang Mertens liegen die vollständigen, aber voranonymisierten Transkripte in zwei Versionen vor: Die eine Version als reiner Text; die andere Version enthält zusätzlich den Ausdruck mit Kommentaren, das heißt, hier werden die Gedankengänge und weitere Belege für das Rating deutlich. Damit die Interviews valide durchgeführt werden konnten, wurden im Vorfeld drei OPD-Kurse absolviert (in Bad Saulgau bei Prof. Reiner W. Dahlbender, in Heidelberg bei Prof. Manfred Cierpka und an der LMU München bei Frau Dr. Susanne Hörz). Bei der Auswertung waren außerdem die Kenntnisse aus dem viersemestrigen psychoanalytischen Projektseminar bei Prof. Wolfgang Mertens dienlich. Diese Kenntnisse halfen der Analyse des szenischen Verstehens, der Übertragung/Gegenübertragung, des Enactments und der möglicherweise vorliegenden Störungsbildern. Interrater – Intra-Rating Es gibt kein Interrating. Der Grund liegt in der Wahrung der von den Teilnehmern erbetenen Anonymität. Eine Möglichkeit wäre es gewesen, 11.3 Datenauswertung: Mehrstufiger Ablauf der Auswertung 199 mittels Vorlage von anonymisierten Textpassagen einen zertifizierten OPD-Rater ein Co-Rating durchführen zu lassen, jedoch hätte die Auswahl der getroffenen Textpassagen zu einer Verfälschung führen können. Denn der Co-Rater bekommt durch Auszüge der Interviews einerseits kein vollständiges Bild von der Person und andererseits können unbewusst gewisse Auszüge der Transkripte gewählt werden, die eine Tendenz erzeugen, die nicht vorhanden war. Daher besteht die Überprüfung der Ratings anhand der Einschätzung von Prof. Wolfgang Mertens, dem die ganzen Transkripte vorliegen. Als zusätzliche Lösung wurde ein Intra-Rating vorgenommen. Das bedeutet, dass zu einem Zeitpunkt X die Interviews geratet wurden und ca. 10 Wochen später (Zeitpunkt Y) wurde jedes Transkript erneut gelesen und ein neues Rating vorgenommen. Dann wurde das Rating von Zeitpunkt X (1. Rating) mit dem Zeitpunkt Y (2. Rating) verglichen. Die eventuell vorhandenen Unterschiede vom 1. zum 2. Rating werden im Kapitel »Anmerkungen zu Konflikten und Struktur« berücksichtigt. 11.3.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität In der 3. Stufe werden die nicht OPD-bezogenen Fragen und Äußerungen ausgewertet, wie Fragen zur SM-Sexualität und Anmerkungen am Ende des Interviews. 200 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen Die Ergebnisse werden nun je nach Thema und Fragestellung vorgestellt und thesenhaft gedeutet. Die Darstellung erfolgt aufgrund der Übersichtlichkeit jeweils in tabellarischer Form. In diesem Kapitel werden die individuellen Themen vorgestellt, interpretiert und teilweise in Bezug zueinander gesetzt. 12.1 1. Stufe: Auswertung szenischer Eindrücke 12.1.1 Szenische Eindrücke und Gegenübertragung Hier werden unterschiedliche szenische Eindrücke, Gegenübertragung und die mögliche Auswirkung meines Geschlechts auf das Interview festgehalten. Es muss bedacht werden, von welchem Gegenüber überhaupt die Unterwerfung oder der Schmerz gesucht wird. Wird die Unterwerfung von einer männlichen oder weiblichen Figur gesucht? Mein Geschlecht kann genauso auf weibliche Interviewpartner einen Effekt haben, wenn zum Beispiel unbewusst die Unterwerfung unter die frühe Mutter gesucht wird. Die Bedeutung des Geschlechts wird nicht gleich am Anfang des Interviews deutlich, sondern erst in Zusammenhang der erzählten Lebensereignisse und Interaktionen mit den Eltern. Trotzdem wird die Bedeutung des Geschlechts hier schon – falls relevant – gedeutet. Damit greifen die Deutungen hier teilweise auf Wissen zurück, welches erst im Laufe des Interviews gewonnen wurde. 12.1 1. Stufe: Auswertung szenischer Eindrücke 201 Fall Eindruck und Gegenübertragung Fall 1 17.12. Anspannung von beiden Seiten (es ist mein erstes Interview), teilweise fühle ich mich hilflos, von ihm ausgeschlossen, abgeblockt, IP (Interviewpartner) lässt mich manchmal Begriffe erklären, um dann zu sagen, dass er da ein anderes Verständnis hat (bspw. kränken). Als ich das Thema SM anspreche, möchte IP eine Pause machen, um auf die Toilette zu gehen. Ich habe das Gefühl, IP blockt ab und lässt andere Gefühle als Ärger nicht zu. IP dominiert auf subtile Art, setzt sich durch, lässt mich zappeln. These: IP möchte mich nicht an sich heranlassen. Was aufgrund seiner Familiengeschichte später nachvollziehbar wird. Er versucht, nicht in etwas hineingezogen zu werden, sondern möchte sich außen vor lassen. Mein Geschlecht erinnert ihn an die Interaktion mit der Mutter und dem Vater. Fall 2 9.2. Kämpft im Interview häufiger mit den Tränen, IP mag nicht weinen, sie weiß nicht, warum sie weint und es ärgert sie, dass sie weinen muss. These: Die Tränen machen sie hilflos, sie fühlt sich dadurch schwach. Diese Gefühle stehen im Widerspruch zu ihrem Selbstbild und dem Bild, welches andere laut ihrer Schilderung von ihr haben. Die Tränen können jedoch nicht unterdrückt werden, sie zwängen sich ihr auf, ähnlich wie gewisse Ereignisse in ihrem Leben ihr aufgezwungen wurden, gegen- über die sie sich teilweise wütend gewehrt hat und im Endeffekt aber ohnmächtig über sich ergehen lassen musste. Inwieweit mein Geschlecht auf das Interview sich ausgewirkt hat, kann nicht beurteilt werden, da nichts derlei spürbar war. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 202 Fall 3 16.2. Redet gerne, sagt, dass es ihr gut tut, darüber zu sprechen, ich gebe ihr viel Raum, bremse nicht zu sehr, das heißt, es ist das längste Interview von allen (Bedürftigkeit nach Zuwendung, Raum für das Innere, für die Gefühle). Sie sagt, dass sie das Interview sehr gerne mache und gespannt ist auf die Ergebnisse, da sie sich von diesen Lösungen/Erklärungen erhofft. Ich fühle mich dadurch einerseits ein wenig unter Druck gesetzt und andererseits idealisiert als die Frau Doktor, die dann die Erklärungen hat. Im Interview erkläre ich dann tatsächlich manchmal Zusammenhänge, unternehme Interventionen ähnliche Formulierungen und versuche, sie aufzubauen. Ich spüre von ihrer Seite eine Opferrolle sowie etwas Herzliches und Verletzliches. Ich pendle zwischen supportiv, neutral, erklärend, und Unglaube sowie Unverständnis. Ich habe das Gefühl, dass sie Vieles macht, um anderen zu gefallen. Sie ist neugierig und offen. Aber teilweise zu offen für das Andere, sodass sie zu wenig für ihre eigenen Belange eintreten kann, für ihre Bedürfnisse. Was andere vorgeben, scheint der Maßstab zu sein. These: Sie möchte gut sein. Sie möchte es mir recht machen. Insofern kann mein Geschlecht eine Rolle gespielt haben: Einer Mutterfigur, einem als Autorität empfundenem Objekt es recht machen. Fall 4 26.2. Es geht im Interview um Kontrolle, ich fühle mich teilweise genötigt, mich gegen Manipulation zu wehren, denn IP versucht einen Teil der SM-Fantasien zu inszenieren. Ich muss darauf achten, dass ich nicht streng werde und somit dem Rollenwunsch des IP entspreche. In diesem Interview ist es eher mühsam, etwas über Eltern und andere Bezugspersonen zu erfahren, denn IP hat einen starken Impetus, über Sexualität zu sprechen und thematisiert von sich aus sehr schnell seine Sexualität. Teilweise löst seine direkte und offene Art bei mir Schamgefühle aus. 12.1 1. Stufe: Auswertung szenischer Eindrücke 203 These: IP externalisiert Schamgefühle und möchte selbst beschämen, das heißt durch sein »aggressives«, sadistisches Verhalten den anderen ebenfalls beschämen wollen, um so eine strafende Reaktion im anderen auszulösen, das heißt, dass der andere sich dann seinerseits wehrt und sich sadistisch verhält. Dadurch erhält IP Kontrolle über das Beschämtwerden. Es geschieht nicht einfach mit ihm, sondern er evoziert es und wird dadurch nicht überwältigt. Mein Geschlecht hat sich auf die Interviewsituation ausgewirkt, da allein die Interviewszene eine Realisierung seiner SM-Fantasien darstellte. Fall 5 2.3. Ist ruhig, offen; fühle, dass ich vorsichtig sein möchte, die Grenzen zu wahren, dass ich ja nicht etwas Besseres bin, bloß weil ich Akademikerin bin. Mein Geschlecht hat sich nicht erkennbar ausgewirkt. Fall 6 6.3. IP ist ruhig, offen. Ein paar Mal wirkt er belehrend. Ich spüre die Bedeutung, den starken Wunsch, verstanden zu werden und den Ärger, der ausgelöst wird, wenn er nicht verstanden wird. Leichten Anflug von Ärger seinerseits bekomme ich selbst zu spüren als ich bei einer Sache nachfrage, die mir noch nicht klar war. Mein Geschlecht hat sich nicht erkennbar ausgewirkt. Fall 7 22.11. IP ist ein wenig ängstlich, da es Themen in ihrem Leben gibt, die sie als belastend empfindet – äußert dies gleich zu Beginn des Interviews. Obwohl ich sozusagen gewarnt bin, fühle ich mich ein wenig hilflos als es zu ihren traurigen Lebensthemen kommt. Mein Geschlecht hat sich insofern ausgewirkt, dass IP eingangs gleich erwähnt, dass sie ein wenig Angst vor dem Interview habe, der einen impliziten Wunsch ausdrückt, dass ich vorsichtig mit ihr umgehen soll. These: IP befürchtet Strafe durch ein weibliches Objekt. Daher die indirekte Bitte, mich einfühlsam zu verhalten. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 204 12.1.2 Besonderheiten Fallen Besonderheiten im Interview auf, von der Art des Sprechens, typische Formulierungen oder andere Ereignisse? (Kursiv Geschriebenes stellt thesenhafte Interpretationen dar.) Fall Auffällige Formulierungen/Besonderheiten Fall 1 17.12. »Muss ich gestehen« Wahrheitspflicht; Internalisierung von strengen Werten. Latente Scham über eine Diskrepanz, wie etwas sein sollte und wie es tatsächlich ist. Fall 2 9.2. Weinen, das sie ärgert. Ausdruck von Hilflosigkeit. Fall 3 16.2. Erzählt viel über die Familie. Unklare Zeitbezeichnungen, das heißt, es ist bisweilen unklar, wann was stattgefunden hat. Wirkt gefangen, besonders in der Interaktion mit der Mutter, als würde sie sich in dieser und in anderen Interaktionen verlieren. Daher die Unklarheit, wann sich was bei ihr im Leben ereignet hat. Vielleicht empfindet sie, dass nicht sie das Ereignis hervorgerufen und mitgestaltet hat, dass das nicht ihr Leben ist, sondern dass andere über den Ablauf ihres Lebens bestimmen und dies daher eine Distanz zur eigenen Vita erzeugt. Fall 4 26.2. Schamlust, sein selbstquälerischer Lust-Zyklus: Mitteilungsdrang, Scham wegen des Mitteilungsdrangs, Scham über eigene sexuelle Fantasien. Begriffe wie spannend und provozierend tauchen häufig auf. Er erzählt gleich von seiner SM-Sexualität, komme kaum dazu, mit ihm über seine Eltern und andere Bezugspersonen zu sprechen. Die Familie und anderes spielt im Moment, das heißt im Interview nur nachgeordnet für IP eine Rolle. Er möchte seinen Schamzyklus aufbauen, das heißt, er möchte den Rahmen der Interviewsituation sprengen. Der Impuls kann nicht ausreichend kontrolliert werden. Er sucht den 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 205 Nervenkitzel und das Besondere. Zeitgleich möchte er kontrollieren, Kontrolle ist ein Thema. So formuliert er beispielsweise: »Gerne eine Frau hätte, die meine Domina wär.« Nicht: Ich wäre gerne ein Sklave einer Domina. Hier stellt sich die Frage, wer wen besitzt und dominiert? Fall 5 2.3. Wendepunkt im Leben: seelischer, mentaler Wandel. Vorher empfindet er sich als »arbeitsgeil«, unzufrieden, gierig, selbstsüchtig, vergleicht sich ständig mit anderen. Nach dem Wendepunkt empfindet er sich ausgeglichen, zufriedener, verspürt mehr Freude und Liebe, kann mehr loslassen und seelische Mauern abbauen. Er wirkt im Gespräch mit sich soweit im Reinen. Fall 6 6.3. Betonung, der Affektkontrolle und dass es ihn verletzt, nicht verstanden zu werden. Zusätzlich das Unabhängigkeitsstreben, sich nicht ganz einlassen auf das Geschehen, wenn dann nur gewollt und kontrolliert. Beim Thema Verstandenwerden wird er spürbar emotionaler. Fall 7 22.11. IP hat ein typisches Lachen, es hat etwas Beschwichtigendes und Resignatives. »Tu mir nicht weh, ich bin harmlos, ich tu dir auch nicht weh.« Und: »Es ist so wie es ist, ich kann es nicht ändern, ich muss es akzeptieren.« 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 12.2.1 Achse I: Krankheitserleben Liegt bei den Interviewpartnern irgendeine Erkrankung, physisch oder psychisch vor? Und besteht ein Leidensdruck aufgrund der SM-Sexualität? 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 206 12.2.1.1 Leidensdruck wegen SM-Sexualität Fall Leidensdruck wegen SM-Sexualität Fall 1 17.12. Nein, nicht wegen SM-Sexualität, aber wegen Partnersuche, er findet keinen geeigneten Partner. Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. Nein Fall 4 26.2. Nein Fall 5 2.3. Nein Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Nein 12.2.1.2 Körperliche Beschwerden Einer neigte in mental traurigen Zeiten zu Unfällen. Eine Person hat eine angeborene Erkrankung. Die restlichen 5 nennen keine körperlichen Beschwerden. Fall Körperliche Beschwerden Fall 1 17.12. Temporäre Unfallneigung, in einer Zeit, als es IP nicht gut geht; er steigert sich manchmal in Krankheiten hinein. Thema Hypochondrie und Thema unbewusste Selbstbestrafung Fall 2 9.2. Angeborene organische Erkrankung. 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 207 Fall 3 16.2. Nein Fall 4 26.2. Nein Fall 5 2.3. Nein Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Nein 12.2.1.3 Psychische Beschwerden Ein IP hat seit 5 Jahren manchmal depressive Verstimmungen, die er früher von sich nicht kannte. Die Partnersuche empfindet er als zermürbend. Zwei IPs haben Therapieerfahrungen. Ein IP wollte eine Therapie aufgrund von depressiven Verstimmungen beginnen, da er von Überarbeitung erschöpft war; jedoch empfand er die probatorische Stunde nicht hilfreich. Er fand für sich durch Auslandsreisen eine andere Lösung, durch diese verschwand sukzessive die depressive Symptomatik und Unzufriedenheit. Drei nennen, dass sie keine psychischen Probleme haben. Fall Psychische Beschwerden Fall 1 17.12. Phasen temporärer depressiver Verstimmungen, diese treten aber erst seit fünf Jahren auf, vorher fühlte er sich immer stark. Diese depressiven Verstimmungen können hervorgerufen worden sein, durch die von ihm berichtete Dauerbelastung. Diese wird hervorgerufen durch die Schwierigkeit, einen passenden Partner zu finden. Jedoch kann es sein, dass er aufgrund seines Versuchs, sich nicht zu sehr involvieren zu lassen, mögliche Partner erst gar nicht wahrnimmt oder fernhält. Die depressive Verstimmung als Folge, dass die schizoide Verarbeitung des depressiven Grundkonflikts (Rudolf 2000), (vgl. sei- 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 208 ne Hypochondrie) teilweise zusammengebrochen ist. Und die depressive Verstimmung trat möglicherweise in einer Phase auf, in der IP keine (sexuelle) Partnerin hatte. Dies entspricht der Annahme von Gödde (1983), dass der sexuelle Masochist zu Depression wechselt, wenn sexueller Masochismus nicht möglich ist. Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. Unterzog sich eine Zeit lang einer Psychotherapie. Anlass war Liebeskummer, ein nicht Loskommen von einer ihr nicht gut bekommenden Beziehung und Todesangst. In der Therapie wurde dann der Liebeskummer besprochen, die Todesangst blieb unthematisiert, sodass IP immer noch unter der Todesangst leidet. Die Todesangst als Hinweis auf einen Grundkonflikt der Autonomie. Fall 4 26.2. Nein Fall 5 2.3. Früher Übergewicht, da Essen Ersatz für Liebe war und vor Wendepunkt im Leben depressive Verstimmungen. Oral-regressive Verarbeitung des depressiven Grundkonflikts Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Heute nicht mehr. Früher ja, war daher in Psychotherapie. Altruistische und oral-regressive Verarbeitung des depressiven Grundkonflikts 12.2.2 Achse II: Beziehung 12.2.2.1 Familie Fall Familie Fall 1 17.12. Keine enge Bindung zu den Eltern. Bündnisse zwischen Vater und Tochter, und aus der Perspektive der Mutter zwi- 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 209 schen Mutter und Sohn. Relativ viel Streit vor allem zwischen Mutter und Schwester. Vater aus beruflichen Gründen selten anwesend, konservativ, auf Gesellschaft und ihre Regeln achtend, wie beispielsweise im Beruf und im Leben möglichst weit zu kommen. Vater möchte nicht durch berufliche Tätigkeit der Mutter gestört werden. Sparen ist ein Thema für den Vater, dennoch durfte Mutter nicht arbeiten. Die Familie ist dem Vater sehr wichtig. Schwester: Schwieriger Mensch, reagiert sehr sensibel auf Sachen, die sie stören. Mutter: »sie ist natürlich auch jemand, der sehr aufbrausend ist« (wie Schwester), erzählt viel, viel von Krankheiten, emanzipierte Frau, hat unter dem Patriarchat des Vaters gelitten, »horrorhafte Kindheit« der Mutter. Es gibt einen Deal: Mutter sagt nicht so viel Negatives zu ihm im Vergleich zum Vater, dafür muss er aber das Bündnis zu ihr halten. Fall 2 9.2. Enge Bindung zu Eltern, sehr gutes Verhältnis zu ihnen. Vater häufig nicht anwesend. Mutter zu Hause, perfektionistisch, pünktlich. IP kann aber auf die Frage nach einer typischen Interaktion mit Mutter zunächst keine Angaben machen. IP begründet dies, dass sie nicht grübelt. Das Grübeln, das Nachdenken kann Angst auslösen. Dies führt wiederum zu einem Gefühl von Schwäche, welches IP vermeiden möchte. Daher die Betonung des Handelnden, des Aktiven und Gestaltenden. Fall 3 16.2. Wichtigster Bezugspunkt ist Oma. Schwieriges, ambivalentes Verhältnis zu Eltern: IP sucht Liebe und Anerkennung von Mutter, diese kann nicht loben, das kränkt. Der Vater wird aufgrund von Firmeninsolvenz frühverrentet, danach hat er eine Zeit lang Alkoholprobleme. IP sieht in der Jugend den Vater als den Bösen. Als sie älter wird, relativiert sie ihre Sicht, sieht, dass der Vater es ebenfalls nicht einfach mit der Mutter hatte. Heute wäre der Vater ohne die Mutter hilflos. Vater ist der Ruhige, Eigenbrötler, lebt in Vergangenheit. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 210 Mutter ist für »Kultur zuständig«, das heißt für Manieren, sie ist sehr ordentlich und konservativ. Fall 4 26.2. Beide Elternteile sind supportiv, IP hat ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen. Vater, der die Sicherheit gibt, rational ist, ausgleichend, verständnisvoll. Mutter emotional, aufbrausend. Beide mussten aus der Heimat fliehen. Die Beschreibung der Eltern ist positiv, aber eher oberflächlich. Dies erklärt sich wahrscheinlich daraus, dass IP für sich zum Wesentlichen des Interviews kommen wollte – seine Schamlust erzeugen. Fall 5 2.3. Scheidungskind. Rapider sozialer Einbruch. Stressige familiäre Bedingungen: Enge, kontrolliert werden. Die Mutter hat eine »zermürbende Erwartungshaltung«, an ihn, drangsaliert ihn mit vielen Maßregelungen. Er fühlt sich durch das mütterliche Verhalten wie an Ketten gelegt, »verbal, psychisch gefesselt«. Genauso nörgelt der Vater (vor Scheidung der Eltern) an IP ständig herum. Nach der Scheidung hat IP keinen Kontakt mehr zum Vater. IP litt unter dem Druck der Eltern, denn er konnte ihre Wünsche und Anforderungen nicht erfüllen. Fall 6 6.3. Vater emotional nicht verfügbar, konservativ. Die Mutter ist überfürsorglich. Obwohl dies IP stört, bleibt er trotzdem lange zu Hause wohnen. IP hat einen guten Kontakt zu den Eltern. Fall 7 22.11. Vater stirbt als IP noch ein Kind ist. Die Mutter fühlt sich überfordert. Mutter, Großmutter und Schwester werden als relevante Bezugspersonen genannt. Jedoch ist das Verhältnis zur Mutter nicht einfach. Die Mutter schlägt und beschimpft IP. Sprachlosigkeit, negative Emotionen werden durch Schläge ausgedrückt. Schutz durch die Schwester erhält IP nicht, da diese sich um sich und ihre Liebschaften kümmert und früh auszieht. Der Vater wird als Kind als der Gute empfunden. Als er stirbt, ist dies eine große Belastung. In der Trauer bleiben die 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 211 Familienmitglieder für sich allein. Später kippt die ausschließlich positive Sichtweise auf den Vater ins Negative aufgrund von Erkenntnissen der IP. Heute sieht sie den Vater sowohl mit negativen als auch positiven Eigenschaften ausgestattet. 12.2.2.2 Beziehungen zu anderen Fall Beziehung zu anderen Fall 1 17.12. Hat gute Freunde. Ärgert sich, wenn er angelogen wird. Fall 2 9.2. Freundschaften scheinen eher nicht sehr tief zu gehen. Thema Autonomie Fall 3 16.2. Nicht thematisiert, außer Liebespartner und andere sexuelle Partner. Sobald sie Nähe und Liebe sucht, wird IP vom Gegenüber zurückgestoßen: Thema Nähe und Verbindlichkeit, masochistische Beziehung. Fall 4 26.2. Versucht zum Zeitpunkt der Interviews gerade herauszuarbeiten, wer relevant aus den unterschiedlichen Lebensetappen ist. Thema Identität Fall 5 2.3. Früher nie einen guten Freund gehabt, bei dem er sich aufgehoben gefühlt hätte. Jetzt hat er einen Mann kennengelernt, bei dem er die offenen Gespräche sehr schätzt. Thema Isolation, damalige schizoide Verarbeitung eines depressiven Grundkonfliktes Fall 6 6.3. Hat ein paar gute, sehr unterschiedliche Freunde. Fall 7 22.11. Ist eher introvertiert, lässt anderen den Vortritt. IP möchte zwar ihre Wünsche leben, weiß aber manchmal nicht genau, was sie will, und lässt sich daher von anderen mitziehen. Ödipales Thema 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 212 12.2.2.3 Partnerschaft Fall Partnerschaft Fall 1 17.12. Hatte langjährige Partnerschaften, jetzt gerade keine. Die Suche nach einem geeigneten Partner löst depressive Verstimmungen aus: Die Verzweiflung, nicht das gute und versorgende Objekt zu finden. Fall 2 9.2. Hatte Partnerschaften. Fall 3 16.2. Wiederholt sexuelles Verhältnis mit Personen, die sich nicht in sie verlieben, die keine Beziehung mit ihr haben möchten. Wiederholte masochistische Kollusion, gefangen in der Interaktion, wie sie gefangen ist in der sadistisch-masochistisch geprägten Interaktion mit der Mutter. Fall 4 26.2. Ist liiert mit einer starken fordernden Frau; fordernd auf eine humorvolle, sympathische Art. Fall 5 2.3. Vor ein paar Jahren eine Beziehung gehabt. Anfänglich sehr glücklich und zufrieden. Freundin hat sich an SM herangetastet. Sie gesteht aber nach einem gewissen Zeitraum, dass sie SM doch eklig findet, es sei nicht ihres. Ihr zuliebe geht er zum Sexualtherapeuten, fühlt sich von diesem bestätigt, dass er ok ist, nicht krank. Fall 6 6.3. Hatte Partnerschaften, im Moment keine. Fall 7 22.11. Kann Partnerschaften eingehen, auch über längere Zeit. In der Summe aus den Eindrücken von den familiären Verhältnissen, Berichten über Beziehungen im Allgemeinen und Partnerschaft im Besonderen lässt sich eine Beziehungsdynamik formulieren (in Anlehnung an das Schema der Beziehungsdiagnostik der OPD). 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 213 12.2.2.4 Beziehungsdynamik IP 1 versucht, sich aus (familiären) Bindungen herauszuhalten, er wird jedoch immer wieder gegen seinen Willen in familiäre Bündnisse hereingezogen. IP 1 versucht, die anderen auf Distanz zu halten und autonom zu bleiben. Dies führt dazu, dass potenzielle Partner (Partnersuche stellt ein Problem dar), unabhängig einer Passung im sexuellen Bereich, von IP 1 auf Abstand gehalten werden. Dadurch bleibt ihm eine ersehnte Partnerschaft, ein liebendes Objekt versagt. Er wartet (unglücklich) ab, bis mögliche Partner auf ihn zukommen. Dies entspringt einer unbewussten masochistischen Selbstbestrafung: »Wenn ich mich dem Bündnis mit meiner Mutter verweigere, habe ich kein Anrecht, frei ein Bündnis mit einer anderen Frau einzugehen.« Hinzukommt, dass er durch den Versuch nicht involviert zu werden, auf das Gegenüber arrogant wirkt, welches sich dadurch provoziert fühlt und ihn beschimpft und dadurch in Streitereien verwickelt. IP 2 versucht Freiheit und Selbstständigkeit zu wahren. Dieses Verhalten lässt IP 2 sich stark fühlen, die Anderen fühlen diese Stärke aufgrund der ausgeprägten Autonomiebestrebung. Potenzielle Partner werden auf Distanz gehalten (vgl. IP 1). So vermeidet IP 2 unbewusst eine allzu enge emotionale Beziehung, die mit Abhängigkeitsgefühlen einhergehen. IP 3 versucht immer wieder, die Liebe von dem vermeintlich guten Objekt zu erhalten. Sie kann sich nicht abgrenzen, wird ein Spielball der Emotionen und Wünsche der Anderen. Hierdurch kann sie nicht als eigenständige Person wahrgenommen werden und wird daher nicht richtig gesehen und nicht geschätzt. Je mehr sie aber versucht, die Liebe zu ergattern, desto mehr entfernt sich der Andere, da er ihre Abhängigkeit und Bedürftigkeit spürt und beschämt und enttäuscht sie dadurch. Sie reagiert darauf einerseits mit dem Versuch, es noch besser zu machen und andererseits mit Aggressionen oder schlechter Stimmung. Worauf der Andere sich noch weiter von ihr entfernt. IP 4 versucht den Anderen zu erreichen, indem er möglichst Intimes von sich preis gibt, in der Hoffnung dadurch gesehen und in einem Teil seiner Identität bestätigt zu werden. Dabei hat er für sich zwei Fluchtmechanismen zurechtgelegt, sodass die Reaktionen des Anderen, egal, wie sie ausfallen, ihn nicht verletzen werden. Denn reagiert der Andere auf ihn, 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 214 indem er sein Spiel mitspielt, erhält er (erotische) Befriedigung und Zuwendung. Und wenn der Andere negativ auf ihn reagiert, dann fühlt er trotzdem Befriedigung. Der Andere hingegen spürt eine Beliebigkeit und Austauschbarkeit, das heißt, er merkt, dass er nicht wirklich auf IP 4 einwirken kann und lässt sich daher nicht auf ihn, auf sein Spiel ein. Dadurch wird IP 4 wiederum beschämt, dies hält dann seinen Schamzyklus aufrecht. IP 5 versucht gesehen zu werden, möchte sich aber nicht zeigen. Denn er hat erfahren, wenn er sich zeigt, genügt er nicht; er ist nicht gut, so wie er ist. Zeigt er sich, gibt es Dinge, die dann der Andere sogar eklig empfindet. Zwar versteht er dies, aber unbewusst verletzt ihn dies. Seine Lösung ist, sich zu verstecken und sich zurückzuziehen. Die Anderen denken darauf hin, dass er an der Außenwelt nicht interessiert ist, denn sie suchen zwar Kontakt, aber stoßen doch auf eine Mauer. Daher fragen sie nicht weiter nach. Daraufhin ist IP 5 frustriert, dass die Anderen ihn nicht wahrnehmen, wie er ist und nicht bemerken, wie es ihm innerlich geht. IP 6 versucht alles unter Kontrolle zu haben, seine Gefühle und Reaktionen. Er arbeitet mit Gesetzesmäßigkeiten, wie der Andere reagieren wird oder reagieren soll. Der Andere fühlt sich dadurch eingeengt und bestimmt und versucht seinerseits zu bestimmen. Was wiederum IP 6 dazu veranlasst, entweder dagegen zu halten, oder sich zurückzuziehen, sich autonom zu machen, damit er dem lästigen Bestimmtwerden entfliehen kann. Die (unbewussten) Annahmen, wie der Andere reagieren und wie dieser IP wahrnehmen soll, kollidiert mit der realen Erfahrung, dass der Andere nicht kontrollierbar in seinen Reaktionen ist. Dies führt zu Enttäuschung und Ärger seitens IP 6. IP 7 versucht lieb zu sein und es anderen recht zu machen. Andere erleben sie als formbar und willenlos. Daher fühlen sie sich nicht verpflichtet, auf die Gefühle, Ideen, Wünsche von IP 7 zu achten und auf diese einzugehen. Sondern die Anderen machen das, worauf sie Lust haben. Daraufhin fühlt sich IP 7 verletzt; sie spricht sich aber das Recht ab verletzt zu sein, und gibt dem Anderen das Gefühl, dass sie sein Handeln versteht. Worauf der Andere dann sein (verletzendes) Verhalten fortführt. 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 215 12.2.3 Achse III: Konflikte »Konflikt als repetitives Muster beschreibt inhaltliche psychodynamische Aspekte des Geschehens und damit auch Bedingungen der Symptomauslösung« (OPD 2006, S. 255). Und es gilt: »Jeder Mensch ist eingebunden in die grundsätzlichen motivationalen bewussten und unbewussten Auseinandersetzungen, die sein Leben mit sich bringt. Aufgrund der persönlichen Vorgeschichte besitzen diese Konfliktspannungen ihre eigene individuelle Prägung, die sich in den persönlichen Erlebens- und Verhaltensmustern widerspiegelt, ohne dass es zu klinischen Auffälligkeiten bzw. einer Behandlungsbedürftigkeit kommt« (OPD 2006, S. 206). Ferner ist anzumerken, dass ein Konflikt einen anderen abwehren kann. Beispielsweise kann der Versorgung/Autarkie-Konflikt einen Selbstwert-Konflikt abwehren: »Solange ich versorgen kann, spüre ich den Selbstwertmangel nicht.« Daher können hinter dem Hauptkonflikt andere Konflikttönungen mitschwingen, ohne jedoch, dass von einem Konfliktmuster oder gar von Konfliktschemata gesprochen werden muss. Geratet wurden, wie oben beschrieben, sowohl die Konflikte als auch die Struktur zu zwei verschiedenen Zeitpunkten (X und Y). Wobei für die endgültigen Ergebnisse das 2. Rating herangezogen wurde, da dann ein noch fundierteres Bild des IPs sich erarbeitet wurde. Aber Erkenntnisse aus dem 1. Rating wurden als Hinweise für zusätzlich vorhandene Konflikttönungen berücksichtigt. 12.2.3.1 Hauptkonflikt und zweitwichtigster Konflikt: 1. Rating Fall Konflikte 1. Rating Fall 1 17.12. K1 vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K4 vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Fall 2 9.2. K1 vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 gemischt (Unterwerfung vs. Kontrolle) 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 216 Fall 3 16.2. K4 vorwiegend passiv (Selbstwertkonflikt), K2 vorwiegend passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Fall 4 26.2. K2 gemischt, aber vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) K4 vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Fall 5 2.3. K3 vorwiegend aktiv (Versorgung vs. Autarkie) K5 vorwiegend aktiv (Schuldkonflikt) Fall 6 6.3. K2 gemischt (Unterwerfung vs. Kontrolle) K3 aktiver Modus (Versorgung vs. Autarkie) Fall 7 22.11. K1 vorwiegend passiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 vorwiegend passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) 12.2.3.2 Hauptkonflikt und zweitwichtigster Konflikt: 2. Rating Fall Konflikte 2. Rating Fall 1 17.12. K1 vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Fall 2 9.2. K1 gemischt, vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 gemischt, eher passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Fall 3 16.2. K4 vorwiegend passiv (Selbstwertkonflikt) K2 vorwiegend passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Fall 4 26.2. K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) K4 vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Fall 5 2.3. K6 vorwiegend aktiv (Ödipaler Konflikt) K4 gemischt, vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Fall 6 6.3. K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) K1 gemischt, vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Fall 7 22.11. K6 vorwiegend passiv (Ödipaler Konflikt) K1 vorwiegend passiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Das kursiv Gestellte bei der Darstellung des 2. Ratings hebt hervor, falls eine Änderung zwischen 1. und 2. Rating festzustellen war. 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 217 12.2.3.3 Belege für die Konflikte des 2. Ratings 5 Belege für den Hauptkonflikt, 3–4 Belege für den zweitwichtigsten Konflikt – es werden teilweise mehr Belege gegeben. Dies bedeutet aber nicht, dass bei den anderen nur 5 Belege respektive 3–4 zu finden waren. (Z steht für die Zeilenangabe im Transkript.) Fall Belege für Konflikte Fall 1 17.12. Leitaffekt: Existenzielle Angst vor Nähe, Vereinnahmung sowie Unterwerfungslust als auch Machtlust Interaktionsangebot: Abstand halten Themen im Interview: Etwas oktroyiert zu bekommen, versuchen, sich aus familiären Verhältnissen herauszuhalten K1 vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Z 172: Involviert worden in familiäre Streitereien durch die anderen, er wollte sich heraushalten Z 247: Weihnachten bedeutet für ihn, ein paar Tage eingepfercht zu sein Z 262: Sein Stellenwert in der Familie: Er sieht sich selbst ganz außerhalb, ist kein Familienmensch und wird leider in Streitereien von der Schwester hineingezogen Z 270: Wiederholung, dass er mit niemandem (in der Familie) ganz eng ist Z 283: Empfindet einfach keine so große Nähe K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Z 41: Es geht um eine, von ihm thematisierte Kränkungssituation. Als ich nachfrage, lässt er mich das Wort kränken definieren, um dann zu sagen, dass er es anders definieren würde, zumal ihn sowieso nichts kränken würde Z 273: Fügt sich in eine familiäre Konstellation, empfindet diese jedoch nicht so. Es geht um Bündnisse zwischen den Eltern und den Kindern 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 218 Z 329: Hört sich gewisse Dinge trotzdem immer wieder an, obwohl diese ihm nicht gut tun und der Elternteil dies sehr wohl weiß Z 378: Vater, der versucht, über ihn zu bestimmen Fall 2 9.2. Leitaffekt: Traurigkeit, Ärger und Scham darüber Interaktionsangebot: Sei ein empathischer Arzt, ich bin eine hilfreiche Interviewpartnerin Themen im Interview: Unabhängig und stark sein, keine Schwächen haben und zeigen K1 gemischt, vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Z 190: Sich vor nichts fürchten Z 242: Möglichst schnell nach der Schule wegziehen Z 247: Frei sein, machen was man will und wann man es will Z 275: Eher wenige nicht so enge Kontakte Z 506: Immer schon sehr selbstständig K2 gemischt, eher passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Z 333: Stark sein Z 243: Wieder zur Familie zurückkehren Z 415: Ihr Weinen ärgert und beschämt sie, keine Kontrolle, blockt dann schlagartig ab (sich nicht unterkriegen lassen) Fall 3 16.2. Leitaffekt: Kleinheitsgefühle, Unterwerfungslust Interaktionsangebot: Bestätige mich, höre mich an Themen im Interview: Die großen Anderen, das Nicht-Geliebt- Werden K4 vorwiegend passiv (Selbstwertkonflikt) Z 70: Lässt sich von anderen beeindrucken, idealisiert Z 136: Idealisierung der eigenen Biografie: Vorzeigefamilie Z 257: Sehr eifersüchtig Z 368: Markenprodukte wichtig Z 449: Nachhilfe für Schulunterricht durch Professoren Z 470: Jetzt Klassenbeste; berichtet, dass von Lehrern auf sie verwiesen wird, wenn Schüler Fragen haben K2 vorwiegend passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 219 Z 645: Hofft immer noch auf Liebe von Mutter, wird aber regelmäßig frustriert, begibt sich in Situationen, in denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, von der Mutter wieder frustriert zu werden Z 1170: Sich immer wieder unter eine unglückliche Beziehung begeben (Unterwerfungslust) Z 1370: Von sich aus fragt sie nicht nach einer Pause für einen Gang zu der Toilette, obwohl sie dringend muss Z 1454: Unterwirft sich den Ansichten anderer, auch bezüglich ihrer eigenen Sexualität Fall 4 26.2. Leitaffekt: Machtlust, Machtkampf mit Angst, bestimmt zu werden, aber genauso Unterwerfungslust und Scham Interaktionsangebot: Sei eine beschämende Domina, die ich aber kontrollieren mag Themen im Interview: Scham und Lust K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Z 29: Dreht gleich zu Beginn des Interviews die Rollen um, indem er mir eine Frage stellt (die nicht den Interviewablauf betrifft) Z 233: Kämpfe darum, im Interview, wenn ich Fragen stelle, nicht unterbrochen zu werden Z 270: Ignoriere seine Angebote, die sich auf meine Person beziehen, fühle mich manipuliert und versuche dem entgegenzuwirken Z 418: Vertraut mir, aber gibt mir auch Anweisung, dass ich alles richtig mache (hier bezüglich der Wahrung der Anonymität) Z 790: Eine Domina haben, nicht Sklave einer Domina sein; die Macht der Domina wird infrage gestellt K 4 vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Z 172: Perverse Fantasien, die einen außergewöhnlich machen Z 313: Früher Hahn-im-Korb, Sonderstellung Z 371: Sich empor gearbeitet zu haben Z 393: James-Dean-Mythos als Fantasie: jung und heftig leben, früh sterben und dann der König sein 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 220 Fall 5 2.3. Leitaffekt: Geklärt, gelöst, mit sich im Reinen, aber auch Ärger und Scham über nicht gesehen werden, sich abgelehnt fühlen Interaktionsangebot: Sei keine schnöselige Psychologin und ich öffne mich Themen im Interview: Nicht geliebt werden, sich nicht lieben, Konkurrenz, Wendepunkt im Leben K6 vorwiegend aktiv (Ödipaler Konflikt) Z 221, 586: Geschwisterrivalität, Konkurrenzkampf Z 415, 443: Moral untergraben ist erregend, Angst und Respekt vor dem Verbotenen Z 516: Früher nicht getraut, Aggressionen »zurückzugeben« Z 752: In damaliger Beziehung gab es fast keinen Streit, harmonisiert Z 959: Positive Gleichgültigkeit: Keine hohen Ziele stecken, sondern im Hier und Jetzt leben Z 1124: Mithalten wollen Z 1129: Eifersüchtig auf Eltern: Sie dürfen bspw. noch fernsehen, er ist ausgeschlossen und nicht gleichberechtigt K 4 gemischt, vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Z 227: Fühlt sich von Eltern benachteiligt Z 234: Wenig Liebe erfahren Z 241: Narzisstischer Rückzug Z 366: Erwartungen anderer zu erfüllen ist/war wichtig, genügt aber nie den Erwartungen seiner Eltern Z 979, 1152: Bewundert werden, anerkannt und gesehen werden Fall 6 6.3. Leitaffekt: Trotzige Aggressivität, Ärger und anspruchslose, zufriedene Haltung Interaktionsangebot: Bei mir ist alles ok, keine Probleme, nur wenn du mich nicht verstehen magst, werde ich ärgerlich Themen im Interview: Verstanden werden, sich fremden Regeln entziehen und eigene Regeln aufstellen, genügsam sein K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 221 Z 83: Versuch des Vaters IP zu erziehen, aber IP entzieht sich den Ratschlägen. Der Vater hat keinen Einfluss Z 127: Beendet Gespräche, wenn er diese als nicht weiterführend erachtet Z 171: Thema Recht haben ist zentral Z 371, 382: Sich schwer auf den Weg, die Gangart eines anderen einlassen können. Man muss dann dagegenhalten Z 683: Ist in seinen Job gedrückt worden, keine Initiative K1 gemischt, vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Z 210: Mit wenig Besitz sehr gut auskommen, braucht nichts oder nicht viel Z 752: Bleibt lange bei den Eltern wohnen Z 787: Andere kümmern sich um seine Belange Z 1086, 1096: Frei sein, nach keinen Konventionen mehr leben müssen Fall 7 22.11. Leitaffekt: Angst, Zurückhaltung, Schüchternheit Interaktionsangebot: Wir wollen lieb miteinander sein Themen im Interview: Verletzt werden, sich nicht wehren können gegenüber der Mutter, Freund, in der Arbeit, nicht rivalisieren K6 passiv (Ödipaler Konflikt) Z 117: Kompromissbereit Z151: Konfliktscheu Z 134: Selten ärgerlich Z 1040: Probleme mit schreienden Autoritäten, das heißt mit Autoritäten, die sich wie ihre Mutter verhalten Z 1413: Hat Vorstellungen, was dem anderen Geschlecht gefällt und versucht sich dementsprechend zu verhalten K1 vorwiegend passiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Z 85: Interessen werden in der Partnerschaft wenig durchgesetzt Z 577: Einsamkeitsgefühle Z 763: Probleme mit Alleinsein Z 872: Bestrebt zu harmonisieren und eigene negative Gefühle zu unterdrücken, um damit anderen nicht zu schaden 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 222 12.2.4 Achse IV: Struktur Struktur: Haupt- und Unterdimensionen In Klammer ist das Rating vom Zeitpunkt X, wenn es eine Abweichung gab. Struktur: Haupt- und Unterdimensionen Fall 1 17.12. Fall 2 9.2. Fall 3 16.2. Fall 4 26.2. Fall 5 2.3. Fall 6 6.3. Fall 7 22.11. 1. Kognitive Fähigkeit: Selbstwahrnehmung 1.1 Selbstreflexion 1 2 1,5 (1) 1 1,5 (1) 1 1 1.2. Affektdifferenzierung 1,5 (1) 1,5 1 1 1,5 1,5 (1) 1 1.3. Identität 1 1 2 (1,5) 2 (1,5) 1,5 1 1 (1,5) 1. Kognitive Fähigkeit: Objektwahrnehmung 1.4. S-O-Differenzierung 1 1 1,5 (2) 1 (1,5) 1,5 1 1 1.5. Ganzheitliche Objektwahrnehmung 1 (1,5?) 1 2 (1,5) 2 (2/1,5?) 2 (1,5) 1 1 (1-) 1.6. Realistische Objektwahrnehmung 1 1 2 (1) 2 (1,5) 2 1 1 Kognitive Fähigkeiten: Selbst- und Objektwahrnehmung 1- 1,5 2+ 1,5 2 1- 1 2. Steuerungsfähigkeit: Selbstregulierung 2.1. Impulssteuerung 1 1 1,5 (1) 2 2 (1,5) 2 (1,5) 2 (1,5–2) 2.2. Affekttoleranz 2 (1.5) 2 1- (2) 1 1,5 2 (1,5) 2 (1,5–2) 2.3. Selbstwertregulierung 1 (1,5/1) 1,5 (1) 2 2 (?) 2 (1,5) 2 (2/1,5) 2 (1,5) 2. Steuerungsfähigkeit: Regulierung des Objektbezugs 2.4. Beziehung schützen 1 1 2 2 (1,5/2) 1,5 1 1 2.5. Interessenausgleich 1,5 1- (1,5) 2 (1,5) 1,5 (1) 2 (1,5) 1 (1,5) 2 (1,5) 2.6. Antizipation 1 (1,5) 1 (1,5) 1,5 1 (1,5) 1,5 (?) 1 1,5 (1) 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 223 Struktur: Haupt- und Unterdimensionen Fall 1 17.12. Fall 2 9.2. Fall 3 16.2. Fall 4 26.2. Fall 5 2.3. Fall 6 6.3. Fall 7 22.11. Steuerungsfähigkeit: Selbstregulierung und Regulierung des Objektbezugs 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 1,5 3. Emotionale Fähigkeit: Kommunikation nach innen 3.1. Affekte erleben 2 (1,5/1) 2 (1) 1 1 1,5 2 2 (1,5) 3.2. Fantasien nutzen 1,5(1) 1,5 (1) 1,5 1 1,5 1 1,5 (1) 3.3. Körperselbst 1 1 1 1 1 (?) 1 1,5 (1-) 3. Emotionale Fähigkeit: Kommunikation nach außen 3.4. Kontaktaufnahme 1 1 1 1 2 (1,5) 1 2 (1,5?) 3.5. Affektmitteilung 1,5 (1) 1 1 1 2 (1,5) 1,5 1,5 (1) 3.6. Empathie 1 (1,5/1) 1 1,5 2 (1,5) 2 1 (1,5) 1 Emotionale Fähigkeit: Kommunikation nach innen und nach außen 1,5 1 2 1 2 1 1 4. Fähigkeit zur Bindung: Innere Objekte 4.1. Internalisierung 1 1,5 (1) 2 (?) 1 2 1 (?) 2 (?) 4.2. Introjekte nutzen 1 (?) 1,5 (?) 2 (?) 1 2 (1,5) 1 1,5 (?) 4.3. Variable Bindungen 1 (1,5?) 1 1 (?) 1,5 (1) 2 (?) 1 (?) 1,5 4. Fähigkeit zur Bindung: Äußere Objekte 4.4. Bindungsfähigkeit 2 (1) 2 (1) 2 (1,5/2?) 2 2 1 (?) 2 (1) 4.5. Hilfe annehmen 1,5 (2) 1,5 1 1 2 (1,5) 1 (2) 1 (1,5) 4.6. Bindung lösen 1 (1,5?) 1 2 (1) 2 (1) 1 1,5 2 (1,5) Fähigkeit zur Bindung: Innere und äußere Objekte 1,5 1,5 1,5 1,5 2 1,5 2 Gesamtstruktur 1 1,5 (1/1,5) 2 (1,5) 1,5 2 (1,5) 1 1,5 (1-) 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 224 12.2.5 Anmerkungen zu Konflikten und Struktur Fall Anmerkungen zu Konflikten und Struktur Fall 1 17.12. K1 vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Strukturniveau: 1 Bei diesem Interviewpartner ist die Vermeidung von Abhängigkeit zentral, der Versuch, sich herauszuhalten. Wobei K4 mitschwingt: ➢ Betonung der Leistungsfähigkeit (ein internalisierter väterlicher Wert) ➢ Als er sich nicht mehr so stark fühlt im Vergleich zu früher, traurig ist, was er von früher nicht kannte, irritiert ihn das stark ➢ Narzisstische Kränkung, wenn jemand nicht die Wahrheit spricht ➢ Und Begebenheiten in der Interviewinteraktion, die K4 nahelegen Negative Affekte werden eher als Wut wahrgenommen (narzisstische Wut) als in ihrer Vielfalt wie Traurigkeit, Scham etc. Dies hat Auswirkungen, wie Affekte erlebt und mitgeteilt werden. Die Bindungsfähigkeit ist insofern eingeschränkt, da die Wahrung der Autonomie sehr bedeutsam ist. Dies wäre dann im OPD-Rating eine 4, wobei von Desintegration bei diesem Interviewpartner trotzdem nicht gesprochen werden kann, da die Bindungsfähigkeit hier Ausdruck des Konfliktes ist und nicht der Struktur. Der OPD- Satz lässt sich in die Richtung umformulieren: »Andere haben emotionale Bedeutung, es besteht aber der starke Wunsch nach Autonomie« (vgl. OPD 2006, S. 440). 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 225 Fall 2 9.2. K1 gemischt, vorwiegend aktiv (Individuation vs. Abhängigkeit) K2 gemischt, eher passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Strukturniveau: 1,5 Bei diesem Interviewpartner spielt die Selbstständigkeit eine wichtige Rolle und zeitgleich das Eingebettet sein in einen familiären Kontext. K2 ist weniger bedeutsam. Selbstreflexion wird eher vermieden. Nicht grübeln, sondern handeln lautet die Maxime. Dadurch werden der Zugang zu den eigenen Affekten und die Erklärung ihres Ursprunges eingeschränkt. Beziehungen werden geschützt, wobei dies auch ein Resultat von Konfliktvermeidung ist. Wie im ersten Fall ist die Bindungsfähigkeit konfliktbedingt verringert, da Autonomie zentral ist. Eine generelle Bindungsfähigkeit ist sehr wohl vorhanden. Positive Introjekte können aber nur begrenzt benutzt werden. Fall 3 16.2. K4 vorwiegend passiv (Selbstwertkonflikt) K2 vorwiegend passiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) Strukturniveau: 2,5 Bei diesem Interviewpartner steht der Selbstwertkonflikt im Vordergrund. Die Unterwerfungslust im K2 ist eher in Zusammenhang mit dem Selbstwertkonflikt zu sehen. Fall 4 26.2. K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) K4 vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Strukturniveau: 1,5 Bei diesem Interviewpartner liegt zusätzlich latent ein Identitätskonflikt vor. Teilweise schreibt er sich diesen selbst zu, um damit seinen Selbstwert zu erhöhen. Das selbstwert- und identitätskonflikthafte Verhalten ist miteinander verwoben. Die Beziehung kann geschützt werden, es hängt jedoch davon ab, ob temporär etwas Sexuelles mitschwingt. Denn unter dem Druck von bestimmten sexuellen Bedürfnissen finden verbale Äußerungen statt, die der Beziehung abträglich sind (Impulsdurchbruch). Hier siegt die Lust über den 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 226 Schutz der Beziehung. Währenddessen und im Nachhinein entsteht Scham dadurch, dass er forsch seine sexuellen Fantasien offenlegt und den Anderen damit irritiert. Reaktionen können zwar antizipiert werden; die Antizipation wirkt sich aber im sexuellen Bereich nicht unbedingt handlungssteuernd aus. Fall 5 2.3. K6 vorwiegend aktiv (Ödipaler Konflikt) K4 gemischt, vorwiegend aktiv (Selbstwertkonflikt) Strukturniveau: 2 Das Rating war schwer. Denn zentral ist hier ein Vorher – Nachher, das heißt beim Interviewpartner gab es einen positiven Wendepunkt in seinem Leben. Die Konflikte K6 und K4 sind heute relevanter, als die im ersten Rating genannten Konflikte K3 und K5. Die (frühere) Überreflektiertheit, sowie seine Annahme und noch heutige unbewusste Sehnsucht wortlos verstanden zu werden, legt eine damalige narzisstische Störung nahe, die heute zwar nicht mehr, aber doch noch als Konflikt vorhanden ist. Dieser Ärger und die Enttäuschung nicht verstanden zu werden, zeigt ferner, dass es nicht leicht für ihn ist, sich in den Anderen hineinzuversetzen, dass dieser gewisse Dinge über ihn nicht wissen kann, wenn IP darüber schweigt (vgl. Mentalisierungsfähigkeit Kap. 4.11). Der Rückzug als Kind in seine Fantasiewelt war ein Ausdruck seiner damals empfundenen kindlichen Hilflosigkeit. Fall 6 6.3. K2 gemischt, vorwiegend aktiv (Unterwerfung vs. Kontrolle) K1 gemischt (Individuation vs. Abhängigkeit) Strukturniveau: 1 K2 und K1 sind bei Interviewpartner 6 relevant. Wobei die frühere Rechthaberei für eine narzisstische Komponente spricht. Die schizoide Bewältigung (betonte Selbstgenügsamkeit und eine starke Affektkontrolle) ist bei ihm bedeutsam. Allgemein wird für ihn eine Übersteuerung von Affekten 12.2. 2. Stufe: Auswertung nach der OPD 227 und Selbstwertregulierung notwendig, wenn er nicht verstanden wird. K3 (Versorgung vs. Autarkie) wurde im ersten Rating als zweitwichtigster Konflikt genannt. Jedoch ist die Selbstständigkeit in Beziehungen bedeutsamer (K1), das heißt Un-/Abhängigkeit von Beziehungen als Un-/Abhängigkeit in Beziehungen. Ein ödipaler Konflikt ist latent vorhanden ist. Denn IP bleibt unter seinen Möglichkeiten, er scheut den Wettbewerb. Begründet wird dies mit einer hedonistischen Lebensausrichtung, gegen die auch nichts spricht. Trotz alledem steckt vermutlich in diesem Zusammenhang hinter dieser Lebensausrichtung auch ein Vermeiden von Konkurrenz. Fall 7 22.11. K6 passiv (Ödipaler Konflikt) K1 vorwiegend passiv (Individuation vs. Abhängigkeit) Strukturniveau: 1,5 Vermutlich hat sich vor dem Hintergrund eines ödipalen Konfliktes der K1 entwickelt und Tendenzen für K2. K1 hat beim 2. Rating den Platz vom Hauptkonflikt hin zum zweitwichtigsten Konflikt gewechselt und K6 zum Hauptkonflikt. Denn die Unfähigkeit, Nein zu sagen oder eigene Ansichten, Wünsche nicht zu vertreten, entspringen einem gehemmten Rivalisierungsvermögen und im Zuge dessen eine Unterordnungsbereitschaft. Das in der OPD beschriebene reduzierte Strukturniveau beim Selbstwertkonflikt lässt sich bei IP 3 (Selbstwertkonflikt als Hauptkonflikt) wiederfinden. Jedoch IP 1 und IP 2 mit dem Hauptkonflikt Individuation und Abhängigkeit haben kein reduziertes Strukturniveau. Beim ödipalen Konflikt wird tendenziell von einem besseren Strukturniveau ausgegangen, dies lässt sich bei IP 7 bestätigen. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 228 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 12.3.1 Im Alltag ebenfalls masochistisch 5 beschreiben sich im Alltag als nicht masochistisch-devot, sondern eher dominant; wissend, was man will. Einer von den 5 war aber früher ehrfürchtig gegenüber Autoritäten. Zwei bezeichnen sich zwar nicht als masochistisch-devot, jedoch sind sie eher passiv, das heißt, sie mögen es, wenn man ihnen Anweisungen gibt. Diese eher passiven IPs hatten alle eine nicht liebevolle, dafür dominante, schimpfende und schlagende Mutter. Diese übermächtige Mutter, von der das Kind jeweils abhängig war, verhindert eine selbstständige Auseinandersetzung mit der Umwelt, so wurde die Exploration eingeschränkt. Fall Im Alltag ebenfalls devot, masochistisch? Fall 1 17.12. Nein, eher dominant, präzisiert sich: Eher doch ausgewogen zwischen eigenen Interessen und Interessen anderer Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. Nicht dominant, kommt eher damit zurecht, wenn ihr gesagt wird, wie sie was machen soll Fall 4 26.2. Nein, eher dominant, animiert andere, überzeugt andere, Rudelführer Fall 5 2.3. Nein (er war aber früher ehrfürchtig gegenüber Autoritäten) Fall 6 6.3. Nein, eher sehr freiheitsliebend, eigenen Kopf haben, Eigenes machen. Fall 7 22.11. Nicht masochistisch, nicht wirklich devot. Empfindet sich aber als eher introvertiert 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 229 12.3.2 Selbstverletzung Keine der IPs verletzt sich im engeren Sinne gegenwärtig selbst. Wobei IP 4 gerne an und über seine Grenzen geht, auch IP 5 ging eine Zeit lang über seine Grenzen bis hin zu einem beginnenden Burn-out. IP 7 hat sich früher selbst geohrfeigt. Bei IP 4 kann seine wahrgenommene Selbstzerstörung einer selbstwerterhöhenden Eigenpathologisierung dienen (»Hab schon Tendenzen von Selbstzerstörung, halt moderat.«). Wobei das Verhalten (»Ich bin fertig, und mach dann trotzdem weiter.«) teilweise in sexuell konnotierten Situationen anzutreffen ist und selbstschädigende Züge aufweist. Er weiß beispielsweise, dass er gewisse Dinge anderen nicht sagen sollte, trotzdem macht er weiter. Dies kann als Versuch interpretiert werden, gegebene Grenzen, Einschränkungen als für sich nicht gültig zu markieren. Denn fremde und selbst gesetzte Regeln unterläuft er, beispielsweise einer Domina ganz zu gehorchen; ähnlich wie IP 6, der die Gebote der Eltern früher immer ignoriert hat. Möglicherweise ist dies ein Auflehnen gegen das Gesetz des Lebens, ein unbewusster Aufschrei: Ich bin nicht sterblich. Fall Selbstverletzung Fall 1 17.12. Nein Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. Nein Fall 4 26.2. Neigt aus Nervosität, Unruhe und viel Energie, sich am Kopf solange zu kratzen, bis die Kopfhaut ein wenig blutet. Wobei seine Schamlust als ein sich selbstschädigendes Verhalten interpretiert werden kann, als einen Sadismus gegen sich selbst. Denn die Mitteilungslust, die dann die Scham hervorruft, verhindert oder erschwert teilweise einen Beziehungsaufbau und Beziehungen aber für ihn wichtig sind 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 230 Fall 5 2.3. Als Kind Nägel kauen. Ansonsten keine Selbstverletzung, nur im erotische Kontext. Früher hat er bis zur Erschöpfung gearbeitet, war ein Workaholic Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Früher ja, in Form von sich selbst Ohrfeigen; heute nicht mehr 12.3.3 Strafe von Eltern Fall Strafe von Eltern Fall 1 17.12. Keine Gewalttätigkeiten Fall 2 9.2. »Auf jeden Fall nicht gehauen, nicht körperlich gezüchtigt, vielleicht mal eine Ohrfeige …« Fall 3 16.2. Nie geschlagen Fall 4 26.2. Nie geschlagen Fall 5 2.3. Fernsehverbot, war schlimm, fühlte sich nicht gleichberechtigt, ausgeschlossen von den Eltern und bezüglich der Schulkameraden, da man über die Sendungen in den Pausen sprach. Fast gar nicht geschlagen, ab und zu von der Mutter eine Ohrfeige Fall 6 6.3. Hausarrest, konnte aber über den Balkon hinaus. (»Meine eigene Welt gemacht, Verbote zu Hause haben mich nicht wirklich interessiert.«). Keine Erinnerungen an ernsthafte Bestrafungen, haben nicht gefruchtet. Mal vom Vater gehauen, war ja früher normal, auf Arm oder Po, nicht häufig, nicht viel Fall 7 22.11. Mutter ist mit Erziehung überfordert. Bei Streit argumentiert die Mutter nicht fair, sondern beleidigt, entwertet und schlägt 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 231 Die Strafe der Eltern fällt unterschiedlich aus und das Empfinden darüber. Die Meisten dachten bei der Frage nach Strafe durch die Eltern an körperliche Züchtigung. Bei IP 3 existiert eine Diskrepanz zwischen Inhalten des Interviews an anderer Stelle, in denen deutlich wird, dass die Mutter sehr wohl schlägt und der Beantwortung der konkreten Frage nach Bestrafung durch die Eltern. Dies kann daran liegen, dass das Schlagen nicht mehr als Strafe wahrgenommen wurde, sondern als zwar schmerzlicher doch normaler Umgang der Mutter mit IP. Ferner ist die Relativierung der Ohrfeige interessant. Die (teilweise erfolgte) Ohrfeige wird nicht als »wirkliches« Schlagen interpretiert, sondern als damals übliche Erziehungsmaßnahme. So werden die Eltern entschuldigt. Zwei interpretierten die Frage nach Strafe nicht nur körperlich, sondern berichten von Hausarrest oder Fernsehverbot. Der Umgang mit der Strafe spiegelt sich wider im OPD-Konflikt. Der eine, der den Hausarrest ignoriert (IP 6 hat K2, K1) und der Andere, der sich dem Fernsehverbot fügt, sich aber ausgeschlossen von den Eltern fühlt und von der Klasse (IP 5 K6, K4). 12.3.4 Beginn des Interesses an SM Fall Beginn des Interesses an SM Fall 1 17.12. Selbstfesselungen ab der Frühpubertät. Vorher hat er sich schon bei Kinderspielen gerne fangen und fesseln lassen. Er will zwar im Spiel gefangen und gefesselt werden, geschieht dies, ist ihm dies aber peinlich These: Daraufhin dann der Anlass, sich selbst zu fesseln Fall 2 9.2. Von Fantasien her schon im Teenageralter, aber ganz diffus, erste Erfahrungen in Adoleszenz, mit jemandem, der SM- Erfahrungen hatte Fall 3 16.2. Mit Anfang 18, schon vorher aber wilderer Sex. In Pubertät Vergewaltigungsfantasien 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 232 Fall 4 26.2. IP ist sich nicht sicher, wann Interesse genau begann. Spiel von Macht und Unterwerfung seien etwas Alltägliches. Aber in 2. Klasse fand er fordernde Mädchen schon attraktiv und spannend. Mit 19 Jahren wird er von einer befreundeten Frau gebissen und findet dies sehr reizvoll. Er führt für den Beginn auch seinen sozialen Hintergrund an: Frühere Clique, Leute aus guten, alteingesessenen Familien, die wissen, wohin sie gehören, was sie machen; antörnend, wenn Frau luxuriöse Merkmale an sich trägt (vgl. Venus im Pelz) Fall 5 2.3. Indianer-Cowboy-Spiele: Immer derjenige, der gefesselt war. Plastiknetze über Kopf, sehr spannend, wo eine andere Gewalt an Kopf und Gesicht einen berührt. Analspielereien (empfindet Analsex zu SM gehörig) Fall 6 6.3. Mit 4, 5, 6 schon reizvolle Vorstellung von Frauenfüßen und Untenliegen Fall 7 22.11. Erst durch einen späteren Freund Interesse an SM aktiviert. Jedoch in Form von Vergewaltigungsfantasien schon vorher existent und kein Interesse an Kuschelsex Der Beginn des (erinnerten) Interesses an SM ist unterschiedlich. Für drei war es einfach schon immer da, bei Indianer-Cowboy-Spielen wurde die Rolle des Gefangenen bevorzugt oder das Untenliegen und Füße waren schon in jüngsten Jahren mit positiven Gefühlen besetzt. Einer hat zwar keine direkten Erinnerungen an Kinderspiele, jedoch fand er das Genecktwerden von Mädchen in der Grundschule schon reizvoll. Vergewaltigungsfantasien spielen bei dreien eine Rolle (nicht nur bei Frauen). Dies legt nahe, dass sowohl Mädchen als auch Jungen Erlebnisse des Überwältigtwerdens erotisierend verarbeiten und sich dadurch bei allen diffuse SM-konnotierte Fantasien entwickeln. Im Kindesalter deutet sich die spätere Vorliebe für gewisse SM- Praktiken an. Die Praktiken können sich dann im späteren Leben verändern und erweitern. Wobei keine allgemeingültige Aussage getroffen werden kann, warum der eine nun das Fesseln und der Andere die Schmerzen oder Unterwerfung mag, da die individuelle Verarbeitung von Ereignissen die Wahl der bevorzugten Praktiken bedingt. 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 233 12.3.5 Persönliche Einstellung gegenüber eigener Sexualität Befindet derjenige sich im Reinen mit seiner Sexualität oder existiert ein Leidensdruck? Fall Persönliche Einstellung gegenüber der eigenen Sexualität Fall 1 17.12. Fühlt sich nicht krank wegen seiner SM-Sexualität Fall 2 9.2. ? (Nicht abgefragt) Fall 3 16.2. Schämt sich nicht deswegen, findet es teilweise vielleicht krank, würde in Öffentlichkeit nicht sagen, dass sie auf SM steht, sondern auf härteren Sex Fall 4 26.2. Ambivalent gegenüber eigener Sexualität. Sich fragen, ob man krank sei und die Befriedigung an den Fantasien. Antörnend ist, sich zu schämen und Sachen, die krass, pervers, abstoßend sind. SM ist Rückzugsmöglichkeit, seine eigene Welt Fall 5 2.3. Kein Leidensdruck, im Gegenteil, es ist der Kick. »SM ist nicht gesund, (…) also körperlich gesund ist es nicht.« Fall 6 6.3. Keine Scham darüber, kein Leidensdruck Fall 7 22.11. Empfindet SM schon irgendwie als krank, ist da mit sich nicht ganz im Reinen Bei keinen Personen ist ein direkter Leidensdruck aufgrund ihrer sexuellen Präferenz vorhanden. Wobei der eine unter einer erschwerten Partnersuche leidet, aber er keine Probleme mit seiner SM-Präferenz hat. Andere empfinden SM als nicht ganz normal. Zwei haben daher ambivalente Empfindung gegenüber ihrer Sexualität. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 234 12.3.6 Stellenwert von SM Es geht um die Wertigkeit von SM und ob dieser ausschließlich praktiziert wird. Fall Stellenwert von SM Fall 1 17.12. SM-Sex ist sein Sex. Normale Penetration muss gar nicht sein Fall 2 9.2. Ein Bestandteil, aber nicht ausschließlich Fall 3 16.2. SM ist kein Kriterium für eine Beziehung, das heißt, wenn der Partner nicht darauf steht, sei dies kein Problem Fall 4 26.2. Praktiziert wird eher nur der normale Sex. Beim normalen Sex Kopfkino mit SM-Fantasien. Fühlt sich deswegen ein wenig schlecht Fall 5 2.3. Ist der Kick, möchte Verschiedenes ausleben, insbesondere jetzt vermehrt SM. Traurig darüber, dass wegen SM-Neigung Beziehung in die Brüche ging Fall 6 6.3. Sex ist nicht so bedeutsam, SM geht auch allein, wäre schön, eine Partnerin zu haben, SM ist kein Kriterium, Beziehung zu beenden Fall 7 22.11. SM als ein Bestandteil. Wobei mittlerweile SM-Spiele in der Partnerschaft abgenommen haben, da SM und Partnerschaft schlecht für IP zu vereinbaren sind Für IP 1 ist SM seine einzige praktizierte Sexualität, Penetration strebt er gar nicht an. Er vermutet, dass dies ein Ergebnis mütterlicher Ermahnungen ist, ja keine Frau zu schwängern. Thesen: Der Mann, der unbewusst als Unglücksbringer gilt (ein Mädchen, das ungewollt schwanger wird und dadurch ihr und das von IP 1 Leben ruiniert wird). Eventuell fühlte sich die Mutter durch die eigene Schwangerschaft bedroht. Der Junge, der nicht potent sein darf, sich nicht von der Mutter entfernen darf. Er darf nicht das Bündnis mit der Mutter beenden und ein neues Bündnis schaffen zum Beispiel, indem er eine eigene Familie gründet. 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 235 IP 3 hätte gerne auch »normalen« Sex, nicht nur SM-Sex. Sie lässt sich aber durch ihren Spielpartner beeinflussen, sodass sie auf den »normalen« Sex verzichtet. Sie mag es im Alltag, wenn ihr gesagt wird, was zu tun ist. In der Sexualität steigert sich die Beeinflussbarkeit, sodass sie aufhört, das zu leben, was sie leben mag. IP 2 und IP 4 praktizieren primär keinen SM-Sex. IP 4 integriert aber seinen SM-Sex in die »normale« Sexualität mittels Kopfkino. Er holt sich das, was er benötigt und sorgt so für sich selbst. These: In der Kindheit hat IP 4 zu wenig von dem bekommen, was er benötigte und muss daher immer schauen, auch wenn es schmerzlich oder beschämend ist, das zu erhalten, was er zum Leben braucht. Eine Schamquelle ist, nicht das bekommen zu haben, was er braucht und dass er dafür »betteln« musste (unbewusst, nicht real in der Interaktion). Zwar nennt IP 5 SM nur als das Sahnehäubchen, aber im Moment hat er ein großes Verlangen, ein Nachholbedürfnis. Hier schwingt seine orale Thematik mit. IP 6 Anliegen sind Gemütlichkeit und Autarkie, er vermeidet es, von der eigenen Sexualität abhängig zu werden. Er leidet nicht darunter, wenn er keinen SM-Sex bekommt und es ist für ihn, im Gegensatz zu IP 1, unproblematisch, keinen Partner zu haben. Wobei er sich über einen Partner freuen würde. Für ihn ist zwar SM irgendwie seine Sexualität, er kann aber die »normale« Sexualität ohne Weiteres und mit Genuss praktizieren. IP 5 und IP 6 ähneln sich insofern, dass sie es als sehr angenehm empfinden, mit sich selbst zu spielen. Für IP 7 nimmt der Stellenwert von SM immer mehr ab. Einerseits, da eine Partnerschaft und SM, wie allgemein Sexualität für IP 7 schwer zu verbinden sind. IP 7 fällt der Wechsel vom Als-ob-Modus der Sexualität zum Alltag schwer. These: In der Kindheit waren die Bedrohungen zu real, sodass für sie Liebe und der Als-ob-Modus des SM ganz auseinanderzuhalten sind und sie diese nicht mehr in einer Person ertragen will.140 Andererseits schätzt IP sich zunehmend und verzichtet immer mehr, eigene aus ihr stammenden Strafimpulse an ein dominantes Objekt zu delegieren, welches sie dann quält. 140 Hier besteht für IP 7 die Gefahr in den Äquivalenzmodus zurückzufallen, im SM-Sex käme es dann zu einer Retraumatisierung: Von einem geliebten Objekt, welchem man ausgeliefert ist, geschlagen und bedroht zu werden. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 236 12.3.7 Persönlicher Mythos über Masochismus-Genese Fall Persönlicher Mythos über Masochismus-Genese Fall 1 17.12. »Bei mir war es schon immer da.« Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. »Ne, deswegen bin ich hier. Ich weiß es einfach nicht.« Fall 4 26.2. Nicht sicher, alltägliches Spiel von Macht und Unterwerfung kennt jeder. 2. Klasse fordernde Mädchen sind reizvoll. Dann mit 19 beißt ihn eine Frau in den Oberarm und findet dies ganz spannend. Fragt sich, ob das die Auslöser waren Fall 5 2.3. Nein, vielleicht Angst davor es zu hinterfragen, dann entdecke IP warum, und dass es dann keinen Spaß mehr macht Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Hat sich Gedanken darüber gemacht. Die häusliche Situation, das heißt die schlagende, unterwerfende Mutter und Verlusterlebnisse, traumatische Erfahrungen werden als Erklärung herangezogen. Erste Kontakte mit Männern sind negativ geprägt IP 1, IP 2, IP 3, IP 4 und IP 6 haben sich noch keine Gedanken darüber gemacht, woher die sexuelle Präferenz stammt. IP 5 will keine Erklärung suchen, da das Wissen darüber die Lust am SM stören könnte. Im Sinne von Fonagy (2008) ist ein zu viel an Mentalisierung der sexuellen Lust abträglich. Interessant ist dabei aber, dass IP 5 trotzdem bei dem Interview mitmacht. IP 3 erhofft sich durch das Interview Erkenntnisse zu erhalten, genauer gesagt, erhofft sie sich, dass ich die Erkenntnisse für sie gewinne. Hier wird wieder die Selbstwertthematik deutlich; sich nicht zutrauen, herauszufinden, was in einem Selbst vorgeht, sondern dies an andere zu dele- 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 237 gieren, die einem sagen »was Sache ist«. IP 7 hat über Psychogenesefaktoren nachgedacht. Die meisten haben keine direkte Begründung, aber indirekt geben die IPs im Interview Thesen über die Psychogenese (s. bspw. IP 1, Anmerkungen am Ende des Interviews: Hier erwähnt IP die emotionale Kälte in der Familie). 12.3.8 Praktiken und zentrale SM-Wünsche Hier geht es um Praktiken, Bedeutung von Schmerz und Unterwerfung. Fall Praktiken und zentrale SM-Wünsche Fall 1 17.12. Fesseln und Kombination Fesseln und Schmerzen. Schmerzen und eine lange Session führen zu einem Rauschzustand. Neu hinzugekommen: Unterwerfung Fall 2 9.2. Eher verbal in Zusammenhang mit Unterwerfung Fall 3 16.2. Alles außer dirty und mit Narben. Angeschrien werden und geohrfeigt werden Fall 4 26.2. Beschämt, dominiert, aber auch gefesselt zu werden und andere Spiele Fall 5 2.3. Eher Schmerzerotik, hat jetzt das Unterwerfen kennengelernt und findet dies manchmal unter gewissen Umständen anregend. Anales Ausgefülltsein ist substanziell Fall 6 6.3. Untenliegen, Füße, Klammern, Flagellation, aber Schmerz muss nicht unbedingt sein (Vorstellung schön, in der Wirklichkeit dann unterschiedlich) Fall 7 22.11. Unterwerfung, beschimpft werden, ins Gesicht geschlagen werden, aber ansonsten keinen Schmerz 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 238 12.3.9 Der Reiz an SM Hier geht es darum zu erfahren, was an SM reizvoll ist, welche Gefühle damit einhergehen. Fall Der Reiz am SM Fall 1 17.12. Fesseln: einfach schönes Gefühl, in Zusammenhang mit Schmerz tolle Endorphinausschüttung. Glücksgefühle, positive Angstgefühle (vgl. Balints »Thrill« und Reiks »Suspense«), loslassen, entspannen, gehalten werden Fall 2 9.2. Unterwerfung, eher keine Schmerzen, eher nur in Fantasie, an die Grenzen gehen, ausgeliefert sein, abwarten, was passiert, wie weit geht die Person und wie weit lasse ich die Person gehen. Gefühl eines sehr starken Vertrauens. Im Leben alles soweit im Griff. Im Spiel mit der Unterwerfung etwas machen, was man sonst nicht macht. Sich Schmetterlinge im Bauch zu holen, ohne Sex zu haben, bis an Grenzen gehen, ein Abenteuer zu erleben Fall 3 16.2. Angst haben: »Angst vor Gegenüber, obwohl man weiß, dass ja nichts passiert.« Fall 4 26.2. Eigene Welt, Rückzugsmöglichkeit, Spannung, etwas Außergewöhnliches erleben Fall 5 2.3. Anales Ausgefülltsein, fest fixiert, in Bewegung eingeschränkt, Verantwortung abgeben, keine Kontrolle, Handlungsunfähigkeit Fall 6 6.3. Das Unbewegliche, das Festgebundene, sich nicht wehren können Fall 7 22.11. ? (Nicht abgefragt) 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 239 12.3.10 Reiz, da SM als eine Perversion gilt Fall Reiz, da SM als eine Perversion gilt Fall 1 17.12. Nein Fall 2 9.2. Nein Fall 3 16.2. Nein Fall 4 26.2. Antörnend ist, sich zu schämen und Sachen, die pervers sind Fall 5 2.3. »Das Bizarre, abartig, pervers, allein die Perversion ist erregend. Nicht mal die Handlung als solche, sondern das Fremde, das Unnormale, was nie sein durfte. Moral untergraben, das ist was Böses und allein das ist erregend.« Fall 6 6.3. ? (Nicht abgefragt) Fall 7 22.11. Nein Nur zwei Interviewpartner (IP 4 und IP 5) empfinden SM zusätzlich reizvoll, da es als Perversion eingestuft wird. Für IP 4 und IP 5 hat es aber unterschiedliche Funktionen: Für IP 4 dient es der Selbstwerterhöhung und seiner Schamlust, für IP 5 dem Untergraben von Autoritäten. Bei IP 6 wurde es zwar nicht abgefragt, aber aus seinen Äußerungen kann geschlossen werden, dass für ihn dies nicht von Belang ist. 12.3.11 Switchen Hier geht es darum, ob zwischen dominanter und submissiver Position gewechselt wird. Ergebnis ist, dass eher aus der Not geswitcht wird. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 240 Fall Switchen Fall 1 17.12. »Eigentlich nicht«, »Zeit lang gemacht für eine Person, weil sie das wollte.« Fall 2 9.2. Aus Neugier, aus Not Fall 3 16.2. Ja, aber eher notgedrungen Fall 4 26.2. Ja, aber eher notgedrungen Fall 5 2.3. Ja, submissiv 80%, 20% dominant Fall 6 6.3. Nein Fall 7 22.11. Nicht abgefragt 12.3.12 Ende des Interviews mit Option für Anmerkungen Am Ende des Interviews bestand die Möglichkeit, etwas noch zu ergänzen, anzumerken, auf Themen zurückzukommen oder noch nicht Thematisiertes anzusprechen. Der Bindestrich in manchen Feldern bedeutet, dass der Interviewpartner keine Anmerkungen mehr zum Interview hatte. Fall Ende des Interviews Fall 1 17.12. Familie: »insgesamt nicht so die gefühlswarmen Menschen«. Frage, ob er einen Zusammenhang zu SM sieht. »Weiß nicht, ob ich da einen Zusammenhang sehen sollte. Sehe schon einen, wie der genau aussieht, kann ich nicht sagen. (…) Vielleicht durch die Gefühlskälte, na Kälte ist vielleicht das falsche Wort, da vielleicht den Körper mehr spüren (…)«. 12.3 3. Stufe: Auswertung anhand der Fragen über die SM-Sexualität 241 »Auch wenn’s viel Streit gab, das ist komisch, ich hab im Kopf irgendwie kein negatives Bild.« Fall 2 9.2. - Fall 3 16.2. Berichtet von einem Familiengeheimnis und kommt noch mal auf die allgemeine Familiengeschichte zu sprechen. Fall 4 26.2. - Fall 5 2.3. - Fall 6 6.3. Für ihn sei das Wichtigste das Trennen von Gefühlen, der nüchterne Analytiker zu sein. Spiel von Macht und Unterwerfung, »ich kann mich darauf einlassen, aber jederzeit auch wieder hinausziehen«. »Kein Riesenbestandteil meines Charakters oder meiner Lebensweise, nur ein kleiner Teil.« Fall 7 22.11. Ergänzungen zum persönlichen Entstehungsmythos Durch die Anmerkungen zeigt sich, was dem Interviewpartner bedeutsam ist. Interessant ist, dass als die Frage im Interview über psychogenetische Vermutungen konkret gestellt wurde, dieser Aspekt nicht so zugänglich war. Dies zeigt, dass auf direkte Fragen nicht immer die tatsächlichen Antworten erhalten werden, sondern oft erst, wenn einem IP der Raum gegeben wird, im Allgemeinen von sich zu berichten. 12.3.13 Ängste Ängste wurden im Interview nicht explizit erfragt. Aber teilweise wurden sie direkt verbalisiert (bspw. Todesangst, Angst vor Alleinsein) oder lassen sich erschließen. Die Ängste können Hinweise über die Psychodynamik der Person geben, um so mögliche Erkenntnisse für den Zusammenhang von Lebensgeschichte und SM-Präferenz zu gewinnen. Wobei nur der Fall 3 eine symptomwertige Angst ausgebildet hat. Fall 1 hat laut eigener Beschreibung einen Hang zur Hypochondrie. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 242 Fall Ängste Fall 1 17.12 Hypochondrische Befürchtungen Verschiebung der Angst: Somatoforme Störung/Beschwerden, die Angst wird nicht psychisch sondern physisch erlebt. Verdrängung der Emotionen, wie ja auch die Familie eher gefühlskalt empfunden wird. Und so wird die Angst als ein scheinbar mit der Angst nicht in Zusammenhang stehendes körperliches Phänomen wahrgenommen. Hier kann im Sinne von Rudolf (2000) ein Grundkonflikt der Autonomie angenommen werden Fall 2 9.2. Keine Angst haben, vor Nichts, immer stark sein Angst vor Schwäche Verleugnung der Angst, gänzliche Abwehr von Angst: Wenn man schwach ist, prallen die spitzen Bemerkungen von anderen nicht mehr ab. Wenn man schwach ist, ist man abhängig von helfenden anderen, sodass man seine Autonomie verliert. Wenn man schwach ist, kann man sich nicht gegen die Krankheit wehren und dies hätte eine Todesbedrohung zu Folge. Daher muss man aus vielen Gründen stets stark sein Fall 3 16.2. Todesangst Todesangst aufgrund von ungelebter Autonomie »Im Grundkonflikt der Autonomie wurde der Kampf um die Selbständigkeit beschrieben, verbunden mit der Angst, an diesem Verselbständigungsschritt zugrunde zu gehen oder das bisher Sicherheit gebende Objekt durch die eigene Abwendung und Verselbständigung zugrunde zu richten und zu vernichten. Es geht somit in der unbewußten Auseinandersetzung um Tod und Leben bezogen auf die eigene Person oder um liebevolles Erhalten versus mörderisches Zugrundrichten des wichtigen Objekts« (Rudolf 2000, S. 290). Fall 4 26.2. Zukunftsangst? Die Eltern haben sich alles neu nach der Flucht aufgebaut und auch IP ist sehr schaffenskräftig. Die Leistungsorientierung kann Angst kompensieren. Ferner freuten sich die Eltern zwar auf ihr Baby und versorgten dieses liebevoll. Doch zusätzlich kam die Angst, wie alles in 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 243 dem neuen Land zu bewerkstelligen ist. Dies kann sich im Baby niedergeschlagen haben, zum Beispiel als Zukunftsangst. Und die Zukunft symbolisiert ein Objekt, welches ambivalent besetzt ist: Man möchte sich zwar annähern, aber dann doch wieder nicht Fall 5 2.3. Ärger, nicht gesehen und nicht verstanden zu werden. Sehnsucht, wortlos verstanden zu werden. Ärger und Affektkontrolle als Abwehr einer Angst vor einer potenziellen Verletzung, wenn man sich zeigt, sich öffnet, sich exponiert (vgl. ödipale Thematik bei IP). Und der Wunsch, nach dem wortlosen Verstandenwerden ist der (primärnarzisstische) Wunsch des Babys von der Mutter (bedingungslos) geliebt und verstanden zu werden (vgl. hierzu auch die schizoide Position nach Melanie Klein) Fall 6 6.3. Nicht verstanden werden, abhängig sein Narzisstische Thematik Fall 7 22.11. Verlustängste, Allein zu sein Depressive Thematik 12.4 Beantwortung der Fragestellungen Hier werden die oben dargestellten Ergebnisse zusammengefasst hinsichtlich der Beantwortung der Fragestellungen 1–5. 12.4.1 Zur Fragestellung 1: Wie sieht die SM-Sexualität aus? Im Alltag ebenfalls masochistisch? 6/7 sind nicht im Alltag masochistisch, ein IP benötigt Direktiven. Besteht ein Leidensdruck aufgrund der Sexualität? Zwei fühlen sich wegen ihrer Sexualität nicht krank. Zwei schämen sich nicht, finden sich selbst nicht als wirklich krank, aber empfinden SM-Sex schon irgendwie krank. Einer fragt sich, ob seine sexuelle Neigung krank ist und bekommt zeitgleich dadurch einen erotisierenden Kick; ein anderer 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 244 erhält den Kick, weil für ihn SM als Perversion gilt. Bei dem Ersten geht es eher um den Kick durch das Außergewöhnliche, beim anderen um den Kick, sich wider der Moral zu verhalten. Einer sagt, dass er manchmal traurig ist, nicht aufgrund seiner sexuellen Präferenz, sondern der erschwerten Partnersuche wegen. Alle verspüren insgesamt keinen Leidensdruck bezüglich ihrer Sexualität. Stellenwert des SM? Für einen ist es ausschließlich seine Form der Sexualität. Einer bezeichnet es als Extra, das heißt, er muss es nicht haben, aber im Moment will er es leben. Zwei haben primär normalen Sex und parallel läuft ein SM- Kopfkino bei ihnen häufig ab. Eine ist verunsichert, hätte gerne ebenso Vanillasex, aber sie praktiziert primär SM-Sex, und dann nicht einmal ihre Präferenz (devot), sondern ihrem Spielpartner zuliebe ist sie dominant. Zwei sehen es nur als einen Bestandteil an. Bei einer kann es nicht in der Beziehung gelebt werden, da der Partner nichts mit SM anfangen kann. Bei der anderen wird SM kaum noch gelebt, da sie es nicht mit Partnerschaft und Liebe verbinden kann und selbstbewusster geworden ist, das heißt, gewisse Dinge mag sie nicht mehr, außerdem ihr Partner einen SM-Sex bevorzugt, den sie nicht mag. Persönlicher Mythos über die Entstehungszusammenhänge der SM-Sexualität? 4 haben sich keine Gedanken darüber gemacht. Einer davon will sich keine Gedanken darüber machen, aus Angst, wenn er Erklärungen findet, er die Lust am SM verlieren könnte. 3 haben sich Gedanken gemacht, wodurch ihre Sexualpräferenz möglicherweise begründet ist. Eine von den 3 weiß aber nicht, woher es kommt; daher ihr Anreiz, bei dem Interview mitzumachen. Der eine sieht im alltäglichen Spiel von Macht und Unterwerfung die Mitursache. Hinzu kommt eine Begegnung mit einer Frau, als er schon älter ist, welche ihn beißt und er dies als stimulierend empfindet. Dies ist der Auslöser für ein vorher latentes Interesse an SM, bzw. ihm wird sein Interesse an SM dadurch bewusst. Die Andere sieht in der häuslichen Situation (schlagende Mutter, negative Erfahrungen mit Männern) eine Ursache. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 245 Praktiken? Schmerzerotik: Bei einem ist das Fesseln verbunden mit Schmerzen zentral. Zuerst war das Bedürfnis nach Fesseln da, dann kamen die Schmerzen hinzu; mittlerweile manchmal Unterwerfung. Bei einem anderen ist das anale Ausgefülltsein wesentlich, Analspielereien zählt er zu SM-Praktiken und er mag Schmerzerotik. Eine sagt, sie möge alles außer »dirty«, das heißt keine Spiele mit Exkrementen und nichts, was Narben erzeugt. Wobei im Rahmen des Interviews der Wunsch nach Unterwerfung bedeutsam ist, und dass sie von jemandem angeschrien und geohrfeigt wird. Unterwerfung: Eine sagt, dass sie klar die Unterwerfung möchte, sie hat Schmerzpraktiken ausprobiert, aber dies ist nichts für sie. Auch bei ihr geht es um angeschrien und geohrfeigt zu werden. Bei einem anderen ist das Kernthema unten zu liegen, Füße spielen für ihn eine wesentliche Rolle, Schmerz eher in der Vorstellung, weniger in der Realität. Switchen? Geswitcht wird eher aus der Not, das heißt, zwei Submissiv-masochistische wechseln sich ab. Einer switcht gar nicht. Bei einem IP wurde dies nicht abgefragt. Jedoch lassen die Schilderungen über ihren (dominanten) Partner vermuten, dass, wenn überhaupt, nicht allzu viel geswitcht wird. Reiz an SM? Einfach schönes Gefühl, tolle Endorphinausschüttung bei Schmerzpraktiken, sich fallen lassen, spielerische Angst (das heißt man hat Angst und weiß aber, dass nichts wirklich Schlimmes passieren wird), Handlungsunfähigkeit, unbeweglich sein, fixiert sein, in Bewegung eingeschränkt, Verantwortung abgeben. Fazit bezüglich der allgemeinen Auswertung hinsichtlich SM-Sexualität: 1. Unterschiedliche Auffassungen über Masochismus, Schmerzerotik und Unterwerfung. Wobei sich alle als sexuelle Masochisten begreifen und im Alltag nicht masochistisch oder devot sind. 2. Das Stigma der Perversion kann ein wesentlicher Beitrag zur sexuellen Erregung sein. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 246 3. Es gibt unterschiedliche SM-Charaktere. 4. Unterschiedliche Auffassungen, wann SM beginnt. 5. Schamlust 6. Unterschiedlicher Stellenwert des SM-Sex: Für den einen ausschließlich und ein Muss es real zu praktizieren; der Andere auch ausschließlich von der Neigung her, aber er behilft sich mit Kopfkino, er muss SM nicht praktizieren mit einem anderen. 7. Es gibt einen Fetischisten in der Stichprobe.141 12.4.2 Zur Fragestellung 2: Einfluss von Bezugspersonen auf die Masochismusgenese? Gibt es Kindheitserlebnisse, die in Zusammenhang mit der Entwicklung von der sexuellen Neigung stehen? Inwieweit spielt die elterliche Erziehung eine Rolle? Bei allen können Kindheitserlebnisse festgestellt werden, die zu einer Masochismusgenese beigetragen haben. Sei es das hilflose Ausgesetztwerden von einem oktroyierten Bündnis, einer angeborenen schweren organischen Erkrankung, einer überfürsorglichen Mutter und einem strengen Vater, Eltern mit zu hohen Ansprüchen und zu vielen Verhaltensaufforderungen, einer überforderten Mutter, die schlägt und die nicht vorhandenen Väter (sei es aufgrund einer Scheidung, Tod des Vaters oder da dieser sehr viel arbeitet oder sich aus dem Familienleben zurückzieht). So können die Anforderungen der Mutter nicht durch einen ausgleichenden Vater besänftigt werden. 12.4.3 Zur Fragestellung 3: Gibt es bestimmte Konflikte? Gibt es einen bestimmten Konflikt? Geht es um Kontrolle, geht es um Abhängigkeit, was sind die speziellen Themen? Die Ergebnisse beziehen sich auf das 2. Rating. Folgende Konflikte wurden wie folgt in ihrer Häufigkeit geratet: 141 De Wind (1971) spricht dem Fetisch eine beruhigende und ermutigende Bedeutung zu. Wenn etwas fehlt, soll der Fetisch oder das andere Objekt dies ausgleichen. Bspw. die hochhackigen Schuhe, die Energie und Entschlossenheit symbolisieren. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 247 Konflikt Häufigkeit K1 Individuation vs. Abhängigkeit 4 K2 Unterwerfung vs. Kontrolle 5 K3 Versorgung vs. Autarkie - K4 Selbstwertkonflikt 3 K5 Schuldkonflikt - K6 Ödipaler Konflikt 2 K7 Identitäts-(Selbst-)Konflikte - Tab. 3: Häufigkeiten der Konflikte Der K2 (Unterwerfung vs. Kontrolle) scheint eine Rolle zu spielen, gefolgt vom K1 (Individuation vs. Abhängigkeit, dann der K4 (Selbstwertkonflikt) und als Abschluss der K6 (Ödipaler Konflikt). Wobei außerdem K5 (Schuldkonflikt) bei einer Person früher vorhanden war, und der K7 (Identitätskonflikt) bei einer anderen Person mitschwingt. K5 und K7 sind aber eben nicht in dem Ausmaß vorhanden, um sie als Hauptkonflikt oder zweitwichtigsten Konflikt zu raten. Das Konfliktranking sieht folgendermaßen aus: 1. K2 – Unterwerfung vs. Kontrolle 2. K1 – Individuation vs. Abhängigkeit 3. K4 – Selbstwertkonflikt 4. K6 – Ödipaler Konflikt Wie sehen nun die Verarbeitungsmodi der jeweiligen Konflikte aus? Wie wird der Hauptkonflikt verarbeitet und wie wird der zweitwichtigste Konflikt verarbeitet? Die Hauptkonflikte werden sowohl aktiv, passiv als auch gemischt verarbeitet. Der zweitwichtigste Konflikt wird tendenziell gemischt verarbei- 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 248 tet. K2 wird nicht rein aktiv verarbeitet, sondern passiv oder gemischt aktiv. K1 wird einmal aktiv verarbeitet, ansonsten gemischt. K4 wird sowohl aktiv, passiv als auch gemischt verarbeitet. Und K6 sowohl aktiv als auch passiv. Ein bestimmter Verarbeitungsmodus kann daher nicht extrahiert werden. Bei den Interviewpartnern handelt es sich nicht um Konflikte, sondern um Konfliktspannungen, das heißt, die Konflikte haben kein pathologisches Ausmaß. Die Konfliktspannungen prägen einen Teil der jeweiligen Persönlichkeit, beispielsweise möglichst unabhängig von anderen zu sein und dementsprechend das eigene Leben zu gestalten. Wobei bei einer Person scheint der Selbstwertkonflikt ein höheres Ausmaß angenommen zu haben, was zu Beeinträchtigungen im Leben führt. Unabhängig von der OPD scheinen allgemein Ablösungskonflikte von Relevanz zu sein und die Verarbeitung des depressiven Grundkonflikts (vgl. hierzu Rudolf 2000). Verarbeitungsmodus Konflikt Aktiv Passiv Gemischt K1 Individuation vs. Abhängigkeit 1 1 eher aktiv 2 eher passiv K2 Unterwerfung vs. Kontrolle 1 3 eher aktiv 1 eher passiv K3 Versorgung vs. Autarkie K4 Selbstwertkonflikt 1 1 1 eher aktiv K5 Schuldkonflikt K6 Ödipaler Konflikt 1 1 K7 Identitäts-(Selbst-)Konflikte Tab. 4: Vorhandene Konfliktspannungen und ihre Verarbeitungsmodi 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 249 Verarbeitungsmodus Konflikt Aktiv Passiv Gemischt K1 Individuation vs. Abhängigkeit 1 1 eher aktiv K2 Unterwerfung vs. Kontrolle 2 eher aktiv K3 Versorgung vs. Autarkie K4 Selbstwertkonflikt 1 K5 Schuldkonflikt K6 Ödipaler Konflikt 1 1 K7 Identitäts-(Selbst-)Konflikte Tab. 5: Verteilung Hauptkonflikte und ihre Verarbeitungsmodi Verarbeitungsmodus Konflikt Aktiv Passiv Gemischt K1 Individuation vs. Abhängigkeit 1 eher aktiv 1 eher passiv K2 Unterwerfung vs. Kontrolle 1 1 eher aktiv 1 eher passiv K3 Versorgung vs. Autarkie K4 Selbstwertkonflikt 1 1 eher aktiv K5 Schuldkonflikt K6 Ödipaler Konflikt K7 Identitäts-(Selbst-)Konflikte Tab. 6: Verteilung zweitwichtigste Konflikte und ihre Verarbeitungsmodi 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 250 12.4.4 Zur Fragestellung 4: Gibt es eine Selbstwertproblematik? Gibt es Probleme mit dem Selbstwert, sodass der Masochismus im Dienste der Aufrechterhaltung der Selbstkohärenz (s. Kohut 1975, Morgenthaler 1974) steht? Wie sieht das Strukturniveau aus? Liegt eine Pathologie vor? Wenn ja, steht die Pathologie in Zusammenhang mit der Sexualität? Der Aspekt Selbstwert besitzt Relevanz. Er tritt als Konflikt dreimal auf. Die Interviewpartner befinden sich auf einem Strukturniveau von 1–2. Individuelle Besonderheiten gibt es bei bestimmten Unterdimensionen. Jedoch kann nicht von einem geringen oder gar desintegrierten Strukturniveau ausgegangen werden, in dem Sinne, dass der Masochismus bei den Interviewpartnern die Funktion des Erhalts der Selbstkohärenz aufweisen würde. Wobei bei 2 von 7 Interviewpartnern der SM einen sehr hohen Stellenwert hat, sodass auf den SM nicht verzichtet werden mag. Dies kann weniger im Sinne »Masochismus als Pfropf« interpretiert werden, sondern dass für diese 2 eben die Sexualität einen wichtigen Stellenwert einnimmt, wie dies bei anderen Menschen ohne SM Hintergrund ebenso der Fall sein kann. Bei keinem ist eine Pathologie des SM-Verhaltens anzunehmen, in dem Sinn, dass die Praktiken selbstzerstörerisch sind. Außerhalb des SM- Verhaltens scheint jedoch ein IP von der Persönlichkeit her äußerst formbar und beeindruckbar zu sein, die gelebte SM-Sexualität ist nicht kongruent mit ihren Wünschen und die Beziehungsgestaltung zu Männern spricht für ein masochistisches Bindungsverhalten. Auch weitere Hinweise sprechen dafür, dass hier eine ausgeprägte Selbstwertproblematik vorliegt. Bei einer anderen Person wurde die SM-Neigung weniger, in dem Maße, wie ihr Selbstwert zunahm, dies im Speziellen durch den Beruf. 12.4.5 Zur Fragestellung 5: Effekte von Lebensereignissen auf die Sexualität? Nun werden die Ergebnisse pro Interviewpartner zusammengeführt und thesenhaft interpretiert. Es geht hierbei darum, ein psychodynamisches 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 251 Verständnis herauszuarbeiten, wie gewisse Lebensereignisse, mögliche Verarbeitungen dieser und individuelle Anlagen in Zusammenhang mit der Sexualpräferenz stehen können. Es geht um den Zusammenhang von Lebensgeschichte, Psychodynamik und SM-Vorliebe. 12.4.5.1 Interviewpartner 1 IP hat keine enge Bindung zu den Eltern. In der Familie gibt es Bündnisse zwischen Vater-Tochter und Mutter-Sohn. Wobei IP dies als ihm aufgezwungen empfindet. Am Liebsten würde er sich dem entziehen, wird aber immer wieder gegen seinen Willen hineingezogen. Vom Vater fühlt sich IP fremdbestimmt. Der Vater fordert ihn auf, Dinge zu machen, die IP nicht möchte. Der Vater musste als Kind im Krieg fliehen, hat dadurch Verlusterlebnisse erlitten. Er vertritt daher Werte wie einerseits das Sparen und andererseits die Bedeutsamkeit eines beruflichen und damit gesellschaftlichen Aufstiegs. Der Vater wird als Patriarch empfunden, worunter die eher emanzipierte Mutter anfangs der Ehe litt. Die Schwester wird als schwieriger Mensch empfunden, die sich viel mit der Mutter streitet. Diese Streitereien, in die IP als Bündnispartner der Mutter hineingezogen wird, sind anstrengend und lösen emotionalen Stress aus. Er versucht sich aus den Streitereien zwischen den Beiden herauszuhalten, wird aber von Beiden hineingezogen. Im szenischen Eindruck verdeutlicht sich der Versuch, sich nicht ganz einlassen zu wollen, das Gegenüber auf Abstand zu halten, sozusagen kein Bündnis mit der »Mutter« einzugehen. Zentral in der Genese seiner SM-Sexualität ist das als oktroyiert empfundene Bündnis Vater- Schwester und Mutter-Sohn und, dass er sich nicht den Streitereien entziehen kann. Ihm wird Nähe aufgezwungen, unwillig fügt er sich dem oktroyierten Bündnis, denn es schützt letztendlich vor der väterlichen Strafe. IP fügt sich in eine Konstellation, aber er empfindet kein wirkliches Bündnis; dies gleicht einer Form, sich selbst zu malträtieren und malträtiert zu werden. Die Mutter redet viel über ihre diversen Krankheiten oder Krankheiten anderer und er hört dabei zu. Die Mutter weiß, dass es ihn stresst, da er 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 252 sich dann – besonders in jüngeren Jahren – vorstellt, diese Krankheiten selbst zu bekommen, dadurch bedroht ihn indirekt die Mutter in seiner gesunden Existenz. Die Mutter erzählt trotzdem von den Krankheiten, was einem unbewussten sadistischen Verhalten gleicht. Er bezeichnet sowohl sich als auch die Mutter und den Vater als Hypochonder. Wobei seine Hypochondrie mittlerweile abgenommen hätte. Sind Krankheiten in der Familie eine Möglichkeit, Zuwendung zu erhalten, dienen sie der Identitätsstiftung, dem Halt und aber der Möglichkeit, Aggressionen äußern zu können; also Emotionen in einem ansonsten emotionsarmen Raum auszudrücken? Die Mutter ist assoziiert mit dem Thema Leiden, da sie mit diversen realen oder imaginierten Krankheiten zu kämpfen hat. IP kann sich dem Bündnis der Mutter nicht entziehen, selbst wenn er es versucht. Denn das Bündnis holt ihn immer wieder durch die unbewusste Identifizierung mit ihren diversen mütterlichen Leiden ein, indem er sich selbst die Krankheiten einbildet. Er hört sich gegen seinen Willen die Krankengeschichten an, wehrt sich nicht, traut sich nicht, Grenzen zu setzen, hat Angst, die Mutter zu verletzen. Lieber schadet er sich. Die Mutter hatte eine »horrorhafte« Kindheit. Jedoch wurde ihm nur erzählt, dass die Kindheit von der Mutter »horrorhaft« war, es wurde aber nicht darüber gesprochen, was genau passierte. Womöglich gibt die Mutter dadurch zu viel Raum für Fantasien und bietet keinen Schutz vor entstandenen Fantasien mit aggressiver und destruktiver Konnotation. Er ist ein Spätentwickler und lange der Kleinste in der Klasse. Er beginnt, anzugeben und wird dadurch in einer Klasse unbeliebt. Ein Lehrer führt die Angeberei auf ein Selbstwertproblem aufgrund der Spätentwicklung zurück. Der Interviewpartner erzählt, dass sein Vater ihn animierte, gewisse Dinge zu erzählen, zum Beispiel über die beruflichen Erfolge des Vaters. Der Vater instrumentalisierte dadurch den Sohn: Der Sohn »veröffentlicht« die vom Vater gesetzte Regel, im Leben möglichst weit zu kommen und der Sohn bestätigt dadurch den Vater, dass er (der Vater) sein Ziel erreicht hat. Der Sohn kann zeitgleich am Glanz des Vaters teilhaben. Sein angeberisches Verhalten ist somit Ausdruck der internalisierten väterlichen Ideale und der Stärkung des Selbstwertes. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 253 Ferner kritisiert er das Lügen in der Gesellschaft. IP besitzt ein ausgeprägtes Über-Ich, welches die patriarchalen Werte beinhaltet und mit einer Wahrheitspflicht einhergeht. IP muss sehr häufig in der Kindheit und Jugend aufgrund der beruflichen Veränderungen des Vaters umziehen. Dies führt zu einer Entwurzelung oder dass sich nie Wurzeln entwickeln konnten. Und später werden die Fesseln ein Symbol von Halt und Heimat. Interessant ist weiter im Zusammenhang mit der Entwurzelung und der ständigen Ortswechsel, dass kein enges Verhältnis der beschriebenen Familie zur nächsten Verwandtschaft besteht oder teilweise temporär abgebrochen wird. Wobei dem Vater Familie sehr am Herzen liegt und er daher versucht, wenigstens die Kernfamilie zusammenzuhalten. Für IP bedeutet dies »eingepfercht« zu sein, besonders zu Weihnachten. Für den Vater ist Weihnachten ein wichtiges Fest, nicht für IP, der dann dem Vater zuliebe mitfeiert. Wobei es an Weihnachten Streit gibt. Dies führt zu Stress und Anspannung. Und ein Mechanismus der Spannungsreduktion war früher möglicherweise sich in die Geborgenheit des Gefesseltseins zu begeben. Gefühle des Gekränktseins kennt er nicht, wehrt diese mit Wut ab. Dies dient dem narzisstischen Selbstschutz. So ist Ärger eine Abwehr gegen Gefühle des Verletztwerdens, welche mit Ohnmachtsgefühlen einhergehen. Als der von ihm genannte Reiz des Gehaltenwerdens im SM nochmals thematisiert wird, widerspricht er daraufhin: »Nö, ich brauch nicht gehalten zu werden.« 12.4.5.2 Interviewpartner 2 Vom Typ her ist IP kein Grübler, sie denkt nicht vertieft über Ereignisse nach; eine (gesunde) Abwehr, indem sie einen nicht veränderbaren Zustand akzeptiert: »Entweder ich kann es ändern oder ich akzeptiere es beziehungsweise ändere meine Einstellung dazu.« Es existiert eine gute Bindung zu den Eltern, IP unternimmt viel mit den Eltern. Wobei der Vater aus beruflichen Gründen viel unterwegs ist. Die Mutter hingegen ist da. IP fühlt sich, so wie sie ist, von der Mutter akzeptiert, diese äu- ßert Positives, lobt, macht Komplimente. Der Vater neigt zu frotzelnden Be- 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 254 merkungen, die verletzen können, obwohl er es nicht so meint. Die Kommentare beinhalten etwas latent Aggressives, Unempathisches, Von-sich-Stoßendes und Erniedrigendes und können ein Baustein in der SM-Psychogenese sein. Wobei der Vater nicht absichtlich abwertet, wahrscheinlich ist es eher seine Art, mit positiven Gefühlen seiner Tochter gegenüber umzugehen. Um diese Art der Kommentare zu verkraften, damit sie den Selbstwert nicht verletzen, darf man diese Kommentare nicht ernst nehmen. IP weiß, wie der Vater IP eigentlich sieht, nämlich positiv. Dies ist ähnlich des SM-Spiels, man weiß, dass es nicht wirklich übel gegen die eigene Person gemeint ist. Die im Interview beschriebenen Auswirkungen der angeborenen Erkrankung lassen vermuten, dass IP schon in sehr frühen Jahren Gefühle der Hilflosigkeit erlebt hat – man kann sich nicht gegen die Krankheit wehren, man muss sich ihr unterwerfen, sich ihrem Diktat ergeben. Es werden Themen virulent, wie Kontrolle/Kontrollverlust, abhängig sein von beispielsweise Medikamenten, Untersuchungen, Geräten. Durch die mit der Krankheit erzwungenen Schonhaltung und Aufregendes nicht machen zu dürfen, bietet nun die SM-Sexualität einen sicheren Rahmen, Abenteuer zu erleben, »bis an die Grenzen zu gehen«. Und sich eine Auszeit nehmen zu können vom Alltag, dem Leben, wo man soweit alles im Griff hat und nun beim SM etwas macht, was man sonst nicht macht. SM als Ausdruck von frühkindlichen Erfahrungen, die in Zusammenhang mit der Erkrankung stehen: Das Kind, das den ärztlichen Untersuchungen ausgesetzt ist, die machen können, was sie für richtig halten (»Ich mache jetzt mit der, was ich will.«). Ihr Ärger über ihr Weinen kann dahin gedeutet werden, dass sie immer stark sein möchte, nicht schwach und angreifbar. Nun prallt das Weinen auf ihre Werte von stark und autonom sein. Das Weinen kann sie nicht kontrollieren, was sie wieder in eine hilflose Situation versetzt – so hilflos, wie sie sich als kleines Kind bei den ärztlichen Untersuchungen gefühlt hat. 12.4.5.3 Interviewpartner 3 Zu den Eltern hat IP ein schwieriges, ambivalentes Verhältnis. Sie sehnt sich nach Liebe und Anerkennung der Mutter, jedoch kann die Mutter 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 255 nicht loben, sondern sie kränkt eher. Liebe, Anerkennung, Fürsorge und Halt erhält IP von der Oma. Wobei die Oma ihrer eigenen Tochter, das heißt der Mutter von IP, keine Liebe und Lob geben konnte. Damit begründet die Mutter ihre Unfähigkeit zu loben, sie sei schließlich selbst nicht gelobt worden. Das Verhältnis zur Mutter ist geprägt von Misstrauen sowie einem Wechselbad zwischen Vorwürfen und Sehnsucht nach Liebeszuwendung. Das Thema Mutter nimmt im Interview viel Zeit in Anspruch. Die Mutter ist sehr ordentlich, konservativ und legt Wert auf Manieren. Die Komplimente der Mutter sind an etwas Negatives gekoppelt, mütterliche Liebe ist an Leistung gebunden, wobei IP der Mutter nicht genügen kann. Daher bemüht sich IP als Erwachsene eine gute Domina zu sein, um die Liebe des Spielpartners zu erlangen. Vor lauter Sehnsucht nach Liebe, Zuneigung und Bestätigung eignet sich IP teilweise Dinge an, die nicht ihr Eigenes sind. Ihre Todesangst und ihr Liebeskummer symbolisieren das Unvermögen, sich von dem idealisierten »Spielgefährten« zu trennen. IP steht zwar finanziell auf eigenen Beinen, was sie mit Stolz konstatiert, aber die emotionale und mentale Ablösung von der Mutter hat noch nicht in dem Umfang stattgefunden. Sie sehnt sich immer noch nach einem anderen Verhalten der Mutter, mit dem Wissen, dass die Mutter sich nicht mehr ändern wird. Auch dahin gehend lässt sich der szenische Eindruck deuten: IP braucht die Zuwendung, Bestätigung, den Raum, den sie bei ihrer Mutter nicht bekommen hat. Die Familienverhältnisse werden trotz der Frustrationen idealisiert. Sie waren zusammen eine Vorzeigefamilie. Bis zu dem Wendepunkt, als der Vater arbeitslos wird. Daraufhin entwickelt sich eine Familiendynamik, die geprägt ist von Vorwürfen seitens der Mutter sowohl an den Vater als auch an IP. Die Eltern streiten viel und der Vater gilt als Sündenbock. Eine Zeit lang empfindet IP den Vater auch als böse. Später relativiert sie ihre Sicht, sieht, dass der Vater es selbst nicht einfach mit der Mutter hatte (»steht unter ihrem Pantoffel«). Der Vater war temporär ein Alkoholiker und wird im Suff ausfällig, was eine aggressive, gewalttätige Stimmung zu Hause hervorruft. Der Vater schafft es, seine Alkoholkrankheit zu besiegen. Heute ist er abhängig von der Mutter, sowohl finanziell als auch im Bestreiten alltäglicher Aufgaben. Auch nachdem der Vater die Alkoholkrankheit besiegt hat, 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 256 ist der Vater abwesend, da er sich zurückzieht. Er geht in sein Zimmer und hält sich dort auf und beschäftigt sich eher mit der Vergangenheit, in der für ihn alles besser war. Die Eltern können untereinander keine Zärtlichkeit austauschen. Wie später die Männer, in die sich IP verliebt, ihr ebenso keine Zärtlichkeit und Liebe entgegenbringen können. IP ist aufgrund einer Selbstwertproblematik beeindruckbar und beeinflussbar. SM ermöglicht IP, mit Gefühlen der Kleinheit umgehen zu können. Daher übt sie die dominante Seite aus, selbst wenn ihr dies nicht so große Lustgefühle bereitet. Aber wenigstens kann sie sich dann in der Situation groß fühlen gegenüber jemandem, den sie im Alltag als besser und stärker empfindet. Auf diese Weise wird die erlebte Situation mit der Mutter, die damals in IPs Kindheit als besser, stärker und größer empfunden wird, reinszeniert und bewältigt. Zeitgleich quält sie sich aber, da sie sich nicht die Sexualität gönnt, die sie sich wünscht. Durch das Verhalten von IP wird eine masochistische Beziehungsgestaltung am Leben gehalten: Sie verdreht sich, um die Liebe des Anderen zu erlangen, macht etwas, was nicht ihres ist und wird wieder unbewusst bestätigt, dass ihr das nicht zusteht, was sie gerne hätte, wie zum Beispiel die Liebe und Anerkennung der Mutter. Ihre psychodynamische Beziehungsgestaltung (nach der OPD-2) lässt sich daher wie folgt formulieren: Sie verliebt sich in Partner, die ihr Liebesangebot zurückweisen und hält trotzdem an der Person fest (elterliches Kollusionsmuster). Sie gibt den anderen dadurch zu verstehen: du kannst mit mir machen, was du willst, ich werde dich immer und trotzdem lieben. Dadurch fühlen sich die anderen nicht genötigt, ihr Verhalten zu ändern, sondern legen ihr nahe, du genügst mir aber noch nicht, du musst dich mehr bemühen. Sie erlebt das so, dass sie nicht geliebt wird, obwohl sie nicht weiß warum, sie fühlt sich unbewusst verlassen und gedemütigt. 12.4.5.4 Interviewpartner 4 Der Vater gibt Sicherheit, ist rational, verständnisvoll und ausgleichend, denn die Mutter ist emotional und temperamentvoll. Beide unterstützen IP, es besteht ein sehr gutes Verhältnis zu den Eltern. Ein Thema ist, wie im Interview 1, das der Flucht: Vater und Mutter müssen unter lebensbe- 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 257 drohlichen Umständen fliehen. Die indirekt erfahrene Flucht, damit einhergehende Gefühle von Aufregung, schlägt sich möglicherweise nieder, dass IP gerne Dinge erlebt, die spannend sind; er wird gerne überrascht und ist erfüllt von Erlebnishunger. Die Mutter neigt durch ihr Temperament bisweilen zu Äußerungen (als er ein Kind war), wie, dass sie von allem jetzt genug hat. Die Äußerungen der Mutter waren eventuell für IP als kleines Kind unbewusst sehr bedrohlich, da sie den Verlust der Mutter beinhalteten. Er tröstete sich selbst, indem er sich sagte, dass ja alles nicht ernst gemeint ist – wie beim SM alles ebenfalls nur ein Spiel ist. Über die Eltern berichtet IP nicht viel. Er möchte sich am liebsten über seine sexuellen Fantasien und SM unterhalten, um einen Teil seiner erotischen Fantasien zu realisieren. Bezogen auf das Thema Sexualität hat er einen Mitteilungsdrang. Dieser Impulsdurchbruch stellt unter anderem die Möglichkeit dar, sich von der vorhandenen Leistungsorientierung temporär zu entlasten. Diese Leistungsorientierung ist mit unter bedingt durch das Gefühl, sich etwas selbst aufbauen zu müssen, seine eigene Heimat zu errichten und den anderen damit zu beweisen, dass er etwas leisten kann und damit wertvoll ist. Er schreibt sich selbst einen Komplex zu, entstanden aus dem Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Die partielle Selbstpathologisierung gibt ihm ein Gefühl des Außergewöhnlichen und zusätzlich ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Zugehörigkeit zu den »Perversen«. Seine frühere Clique kam aus alteingesessenen Familien, die wissen, wohin sie gehören, was sie machen und er eben nicht. Er findet es antörnend, wenn eine Frau luxuriöse Merkmale an sich trägt (vgl. Venus im Pelz): Die Insignien der Macht, die er erotisiert, die ihm Lust und Selbstwertzufuhr geben, aber ihn zeitgleich latent beschämen. Dieser Komplex hemmt im Endeffekt nicht, sondern gibt ihm Energie. Energie, um sich zu beweisen, dass er im Leben erfolgreich ist, dass er aus seinen sozialen Verhältnissen aufsteigt. Er überlegt sich, ob eine Frau ihn wirklich unterwerfen kann und kommt zu dem Ergebnis, dass dies nur temporär zu seinen Bedingungen geschehen kann. Daher formuliert er auch, dass er »gerne eine Frau hätte, die meine Domina wär«. Nicht: Er möchte gerne ein Sklave einer Domina sein. Wer besitzt wen, wer dominiert wen? Die Stellung der Domina wird hinterfragt: Stellt er 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 258 sich damit indirekt infrage, indem nichts gültig ist, nichts sicher ist, nichts definitiv identitätsstiftend? Er beschreibt SM als seine eigene Welt, ein Refugium; SM gibt ihm die Möglichkeit, Spannung und etwas Außergewöhnliches zu erleben. Er errichtet sich dadurch sein Reich, sein zu Hause und weiß in diesem Bereich, wohin er gehört. Er empfindet SM schon als ein wenig krank, das stört ihn jedoch nicht. Ambivalent steht er seiner Sehnsucht gegenüber, sich mitteilen zu wollen, dass er dominiert werden möchte. Er kann dies kaum unterdrücken und torpediert dadurch bisweilen die Möglichkeit, andere Frauen kennenzulernen. Der Andere nimmt es ihm nicht wirklich übel, aber er zeigt kein Interesse an ihm. Sein sich beschämendes und teilweise indiskretes Verhalten, sein »lustvoller Geständniszwang« stellt einen Versuch dar, Kontakt herzustellen und den anderen aber zeitgleich wieder auf Distanz zu halten durch sein distanzloses Verhalten: Eine Möglichkeit, Nähe zu regulieren. Zentral für ihn ist die Schamlust: Lust, Sachen zu mögen, die andere pervers finden und er wird erregt, wenn jemand weiß, was ihn erregt und dar- über zu sprechen, was ihn erregt. Er sucht im Anderen ein Objekt, der seine übersprudelnden Gefühle aufnehmen, verarbeiten kann, um ihm dann zu sagen, was er fühlt. Dadurch fühlt er sich gespiegelt, gesehen und verstanden. Sein Schamzyklus dient weiteren Zwecken, wie, sich durch die entstandene Erregung lebendig zu fühlen. Und durch seinen Zyklus kann er dem Alltag entkommen, dem normalen, durchschnittlichen Dasein, eine Flucht, hin zu einer Bestätigung, etwas Außergewöhnliches zu haben und zu sein. Ferner kann die Schamlust zusätzlich durch die Lebensereignisse der Eltern stammen. Diese mussten fliehen und sich in der neuen Heimat alles erneut aufbauen. Dies kann für die Eltern sehr beschämend gewesen sein. Da aber die Eltern aufgrund der Umstände tendenziell sich nicht mit der Verarbeitung ihrer eigenen Angst, Scham und der daraus resultierenden Wut auseinandersetzen konnten, kann es sein, dass sie diese auf ihr Kind, den IP unbewusst tradiert haben. Demzufolge wird die elterliche Scham erst in der nächsten Generation spürbar. IPs Schamlust stellt einen Versuch dar, dieser unbegreiflichen Scham etwas Positives abzuringen und zugleich eine dahinterliegende zweifach begründete Wut zu verdecken: Einerseits die (tradierte) Wut 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 259 der Eltern, beschämt worden zu sein, andererseits seine Wut mit Gefühlen »belästigt« worden zu sein, die nicht zu ihm gehören, mit denen er nichts anzufangen weiß (vgl. Laplanche 2004). Die Scham ist eine Folge des Gefühls der Entwurzelung, der genuinen Identität beraubt worden zu sein. Der Mitteilungsdruck besitzt einerseits die Funktion, dass das Gegenüber IP wahrnehmen soll, ihn sehen, ihn in seiner Existenz bestätigen soll (vgl. die Anerkennungsthematik bei Benjamin), und andererseits ist der Mitteilungsdruck eine unbewusste Reinszenierung und Externalisierung des eigenen Beschämtseins. So kann er aus seinem Schamzyklus nicht fliehen. 12.4.5.5 Interviewpartner 5 Als IP noch ein Kind ist, lassen die Eltern sich scheiden, was mit einem rapiden sozioökonomischen Abstieg einhergeht. Als Kind ist er übergewichtig, er bezeichnet Essen als seinen Liebesersatz. Sowohl die schulische als auch die häusliche Situation ist belastend; er hat das Gefühl, nirgends Hilfe, Halt und Trost zu bekommen. Im Gegenteil, die Mutter klammert sich an ihn. Dieses nicht Loslassen seitens der Mutter erlebt er als eine seelische Belastung: Ihre Maßregelungen, ihre Bemutterung erlebt er wie Ketten, ihre Erwartungshaltung zermürben ihn und die mütterlichen Stimmungsschwankungen sind Psychoterror. Er zieht nach eigener Bezeichnung früh von zu Hause aus. Zu der Schwester besteht eine Geschwisterrivalität. Sie empfindet sich als etwas Besseres, da sie studiert hat und er »nur« ein Arbeiter ist. Er fühlt sich benachteiligt, weil die Schwester (vor der Scheidung) von den Eltern bevorzugt wird. Er bekommt wenig Lob, wenig Liebe. Er entwickelt depressive Verstimmungen und eine erhöhte negative Selbstaufmerksamkeit. Diese starke Selbstreflexion entwickelt sich aufgrund der mütterlichen Ermahnungen, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, und sich mit anderen zu vergleichen, wie zum Beispiel deren Habitus ist. Und schon vor der Scheidung war auch der Vater keine Unterstützung für ihn, denn dieser nörgelte ebenfalls ständig. IP konnte den überhöhten Ansprüchen und den vielen Regeln der Eltern nie genügen. Er zieht sich in 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 260 seine Fantasiewelt zurück, die ihm das gibt, was die Realität nicht bietet: Geborgenheit. Temporär entwickelt er zwanghafte Züge, beispielsweise achtet er beim Gehen nicht auf bestimmte Stellen zu treten oder mit dem richtigen Bein aufzustehen, damit es kein schlechter Tag wird; zu diesem Zeitpunkt ängstigt er sich vor übersinnlichen Dingen (vgl. negative Glaubenssätze s. Teil I). Als Erwachsener arbeitet er zu viel, er kasteit sich, gönnt sich und anderen nichts. Ihm wird aufgrund eines Burn-outs von seinem Hausarzt eine Psychotherapie empfohlen. Jedoch ist er von dem Psychotherapeuten enttäuscht, er empfindet ihn als unnahbar und schnöselig. Möglicherweise projizierte IP seine eigene Unnahbarkeit, sein Schutzmechanismus gegen Frustration. Früher ging er davon aus, dass die anderen doch sehen müssten, wie es bei ihm im Inneren aussieht, er möchte wortlos verstanden werden. Damals war er dann enttäuscht, dass Andere nicht merken, wie es ihm geht und ihn nicht ansprechen. Daher baute er einen Schutzmechanismus auf. Aber durch diesen Schutzmechanismus erschwert IP den Zugang zu seiner Person, sodass IP von dem Psychotherapeuten nicht in seinem Problem erkannt wird. IP reinszeniert den kindlichen Wunsch, wortlos verstanden zu werden. Dieser Wunsch bleibt unerfüllbar, was dann mit Verärgerung, Enttäuschung und Rückzug einhergeht. Und das als schnöselig Empfundene erinnert ihn an seine Schwester, daran, dass sie etwas Besseres ist. Ferner mag er überzeugt sein, dass von einem Mann (Psychotherapeut = Vater) keine gute Empfehlung und Hilfe kommen kann. Wobei diese These insofern nicht ganz zutreffend ist, da er später einen für ihn relevanten Lebensratgeber liest, der von einem männlichen Autor verfasst ist. Es gibt einen Wendepunkt in seinem Leben: Ab diesem Zeitpunkt legt er die für ihn einschränkenden Verhaltens- und Denkweisen größtenteils ab und kann nun ein ausgeglichenes Leben führen. Seine Fantasiewelt ist mit zunehmendem Alter verschwunden, außer im erotischen Bereich, was er teilweise bedauert, da diese Fantasiewelt Geborgenheit vermittelte. Er hat aber für sich erkannt, dass die Fantasiewelt eine Flucht und ein Rückzug war und nun öffnet er sich immer mehr. Dies äu- ßert sich auch darin, dass er an diesem Interview mitmacht. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 261 Am SM-Sex findet er Analspielereien toll, sich dadurch ausgefüllt zu fühlen, sowie fest fixiert zu sein. Möglicherweise dient die SM-Sexualität als unbewusste Reinszenierung des damaligen Ausgeliefertseins von den Stimmungsschwankungen und den Anklagen der Mutter. Bei diesen gab es keine Fluchtmöglichkeiten, außer seiner damaligen Fantasiewelt. Und das anale Ausgefülltsein füllt eine damalige Leere, er verleibt etwas in sich ein und tut sich etwas Gutes. So spiegelt das Anale auch seine orale Thematik wider. Die Bedürftigkeit nach Zuwendung verdeutlicht sich in seiner damaligen Partnerschaft. Diese erfüllt ihn, auch sexuell, jedoch zerbricht die Beziehung. Sein Hunger nach SM, seine hohen Anforderungen an die Partnerin haben mit zu dem Scheitern der Beziehung beigetragen. Er reinszenierte einerseits seinen kindlichen Wunsch, das zu bekommen, was er benötigt, dass er verwöhnt wird. Andererseits reinszeniert er die als sadistisch empfundene Haltung der Eltern: Diese haben seine Bedürfnisse nicht wahrgenommen und nun verengt sich selbst sein Blickwinkel, der Partner kann nicht mehr mit eigenen Wünschen wahrgenommen werden. Durch dieses Verhalten kann er das Trauma bewältigen, indem er sich identifiziert mit dem Aktiven (Identifikation mit dem Aggressor), nun »quält« er und zeitgleich wird sein Verlangen befriedigt. Insofern liegt ein masochistisches Verhalten zugrunde, denn er schadet sich selbst, da die ihm wichtige Beziehung in die Brüche geht. Im Weiteren drückt das Anale seinen Trotz aus: Er findet SM allein deswegen reizvoll, da es als pervers angesehen wird (vgl. Interview 4). »Moral untergraben, das ist was Böses und allein das ist erregend.« Hier wird sich gegen die Werte einer Autorität (Mutter- und Vaterfigur) gewehrt. Die Mutter stammt aus einer Kleinstadt mit einem strengen, religiösen Hintergrund. Die Verarbeitung christlicher Dogmen findet sich daher in IPs SM-Sexualität wieder. Der Pfarrer in der Gemeinde predigte früher, dass durch Masturbation der Lebenssaft verloren geht. IP wehrt sich gegen dieses Dogma, der Trotz und das Unterlaufen kirchlicher Normen drücken seinen Überlebenswillen aus. Er beweist sich, dass man nicht stirbt, wenn man genussvoll lebt. Damit kann eine Todesangst überwunden werden. SM beinhaltet hier ein Sichunterwerfen unter die kirchlichen Dogmen, voller Angst sein, aber zeitgleich ein Befreien von diesen Regeln, eine Selbstbehauptung. Aber letztendlich ist es nur eine scheinbare Befreiung 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 262 von den Werten, denn die sexuelle Lust wird eben mitbedingt durch die Vorstellung, etwas Verbotenes zu machen. 12.4.5.6 Interviewpartner 6 Das Verhältnis zur Familie ist gut. IP beschreibt den Vater als emotional nicht verfügbar und konservativ, die Mutter als überfürsorglich. Obwohl dies IP stört, bleibt dieser trotzdem lange zu Hause wohnen. Er bezeichnet sich selbst als früher rechthaberisch. Die Rechthaberei kann bedingt sein, dass der Vater belehrend und die Mutter als überfürsorglich erlebt werden und IP sich dagegen wehren will, indem er dagegenhält. Die Eltern versuchen mittels Erziehungsmethoden, dem Kind Herr zu werden, IP entzieht sich aber den Erziehungsbemühungen. Er bezeichnet sich als ein unerträgliches Kind. Vielleicht war sein Verhalten ein Ruf: Bitte beweist mir, dass ich trotzdem erträglich bin, obwohl ich unerträglich bin – dass ich, so wie ich bin, liebenswert bin. Zeitgleich beinhaltet das renitente Verhalten sadistische Elemente: Ich finde eure Erziehung unerträglich, daher werde ich selbst unerträglich, um euch genauso zu quälen, wie ihr mich. Wie der Vater affektarm ist, Affekte als fremd und bedrohlich gelten, so werden für IP Gefühle zu etwas, was kontrolliert werden muss. Daher wird die Ratio betont, das Nachdenken und Analysieren. So sind IPs Emotionen überdacht (»überdacht« möglicherweise zusätzlich im unbewussten Sinne von »geschützt«), er wird von Gefühlen nicht übermannt. IP stellt sich selbst Regeln auf und besitzt ein Verhaltensrepertoire, wie er sich bei welcher Situation verhalten möchte. Die elterlichen Regeln finden hier indirekt ihren Niederschlag, sodass er immer noch festgebunden ist an das Elternhaus. In Interaktionen zu Anderen reinszeniert IP das Verhältnis zu seinem Vater; nur dass IP nun die mächtige, da Recht habende, dominante Rolle des Vaters einnimmt und der Andere dazu gebracht wird, zu trotzen und sich zu behaupten. In der Schule war er der Kleinste und am jüngsten Aussehende. Daher möchte er sich hervorheben, damit er nicht untergeht, sondern gesehen wird, auch wenn er der Kleinste ist. Durch das Vielreden brachte er sich in den Vordergrund. Früher war er ein Rechthaber, heute fühlt er sich souve- 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 263 räner und muss sich nicht mehr so erklären, er kann Sachen stehen lassen. Wenn er aber nicht verstanden wird, schmerzt ihn das heute noch sehr. Womöglich wurde er als Kind nicht ausreichend gespiegelt und in seinem Selbst ungenügend bestätigt. Denn die mütterliche Überfürsorge (Overprotection) hat die kindlichen Grenzen, Wünsche und Wahrnehmungen übergangen und damit aberkannt. Dies führt zu der verstärkten Sehnsucht, gesehen, geliebt und verstanden zu werden, wie man ist (vgl. Interview 5). Bezogen auf die Sexualität, weiß er schon seit frühester Kindheit, dass er gerne unten liegt. Unten liegen kann auch im übertragenen Sinne verstanden werden: Man unterliegt in einer Auseinandersetzung jemandem, zum Beispiel mit den Eltern, man ist der Kleinste und unterliegt dem Größeren. Schon zu Kindergartentagen streitet er sich am liebsten mit Mädchen. Wie IP 4 mag er das Freche und Fordernde: Die Streitlust und Rechthaberei erwirken, dass er gemaßregelt wird und nachher unten liegt. SM-Wünsche sind Festgebunden sein, regungslos, jemand sitzt auf ihm, er bekommt keine Luft, Klammern, Strom. Eine Mutter, die zu sehr auf ihrem Sohn sitzt, ihn zu sehr bemuttert, sodass er keine Luft bekommt? Der Strom, die Klammern, der Schmerz, der ihn trotzdem lebendig hält? Wie im Leben, so mag er es auch in der Sexualität, im SM gemütlich. Und mit einer Grundgemütlichkeit lassen sich Schmerzen dann gut ertragen. Wobei er weniger die tatsächlichen Schmerzen sucht, wenn dann eher in der Fantasie. Zusätzlich beinhaltet sein SM einen Fetisch; der Fetisch als Vermittler zu einer Bezugsperson, um nicht direkt involviert zu sein. Er mag und kann nicht in den spielerischen SM-Als-ob-Modus gänzlich wechseln, sich wirklich einlassen (vgl. Interview 4), wie er sich ja auch den Strafen der Eltern entzogen hat. 12.4.5.7 Interviewpartner 7 Als wichtige Bezugspersonen werden die Mutter, Großeltern und Geschwister genannt. Der Vater stirbt, als IP noch ein Kind ist. In der Trauer bleibt jedes der Familienmitglieder für sich, es herrscht Sprachlosigkeit. Das Verhältnis zu Mutter ist nach dem Tod des Vaters gespannt. Denn nach dem Tod des Vaters ist die Mutter mit der Erziehung ihrer Kinder 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 264 überfordert. Die Mutter argumentiert nicht, sondern sie schlägt und beschimpft. Negative Emotionen werden durch Schläge ventiliert. Schon vor dem Tod des Vaters lässt die Mutter ihre Verärgerungen, die der Vater hervorruft, an IP aus. Das Verhaltensmuster, schlagen statt zu reden, übernimmt IP eine Zeit lang, bis Schulkameraden Unmut darüber äußern. Dadurch merkt IP, dass es nicht üblich ist, bei Verärgerung zu schlagen. Die ältere Schwester bietet keinen Schutz gegenüber der Mutter, sie zieht aus. Daher ist IP auf sich allein gestellt und ist dem Verhalten der Mutter zunächst hilflos ausgesetzt. Nach dem Tod des Vaters wird dieser zunächst als der Gute wahrgenommen und die Mutter als die Böse. Jedoch stellt sich im Zuge einer Psychotherapie heraus, dass dies nicht so war. IP muss einerseits diese neuen Erkenntnisse verarbeiten, die Wut darüber, Zeit verloren zu haben, während sie um den Vater getrauert hat, obwohl er ja ihr auch Böses angetan hat. Heute sieht sie ihren Vater mit den guten und den schlechten Anteilen. Allgemein geht sie seit der Psychotherapie liebevoller mit sich um, ist selbstbewusster geworden. Als Baustein der SM-Entwicklung war Folgendes ausschlaggebend: IP ist den Beschimpfungen und Schlägen der Mutter ausgesetzt. Der Vater ist nicht da, er war der Gute, dann entdeckt IP, dass er sich nicht positiv wie angenommen verhalten hat. Der vormals idealisierte Vater wird der Böse, ein Weltbild bricht zusammen. Die Liebeszuwendung kommt nun von der Mutter, das heißt Schläge und Beschimpfungen sind die Art der Zuwendung. Diverse Traumata, wie der frühe Tod des Vaters, die aggressive Mutter, dann ein Weltbild, welches sich dreht, führen zu massiven Ohnmachtsgefühlen. Sie ist verloren, einsam und befürchtet aber, wenn sie sich wehrt, sich noch verlassener zu fühlen. So fügt sie sich den gegebenen leidvollen Bedingungen. Sie traut sich nicht, eigene Interessen wahrzunehmen, herauszufinden, was sie selbst möchte. Dies zeigt sich in der Interaktion mit Anderen, hier orientiert sie sich zu sehr an deren Wünschen. Es fällt ihr noch schwer, aus sich heraus das Leben selbst zu gestalten und nicht passiv durch andere. SM stand temporär im Dienste eines Übergangs im Genesungsprozess. Ihre und die in der Familie vorhandene Sprachlosigkeit über leidvolle Er- 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 265 fahrungen wurden im SM symbolisiert; das vormals vorhandene moralisch masochistische Verhalten wurde in greif- und sichtbares sexuelles Verhalten übersetzt. Die Eindrücke werden im SM nochmals reinszeniert, um in diesem Fall sukzessive auf autoaggressives Verhalten, sich selbst demütigendes Verhalten und Gedemütigtwerden zu verzichten. Heute spielt SM bei ihr immer weniger eine Rolle. 12.4.6 Zusammenfassung: SM-Sexualität und Lebensgeschichte Hier werden die Einzelergebnisse bezüglich eines potenziellen Zusammenhangs zwischen SM-Sexualität, Konflikt und Lebensgeschichte komprimiert wiedergegeben. Daher können nicht alle Aspekte aufgefasst werden, dafür dienen die oberen Einzelauswertungen. 12.4.6.1 IP 1: Das oktroyierte Bündnis fesselt Sexualität: Fesseln. Erst später kommen Schmerzen und nochmals später verbale Erniedrigung. Ich fühle mich so eingeschränkt in meiner Autonomie, da ich gegen meinen Willen in familiäre Streitigkeiten gezogen werden, die mich nicht betreffen, aber ich muss anwesend bleiben, ich darf nicht wegrennen. Daher initial das Fesseln der Beine. Lebensgeschichte: Umzüge, Spätentwickler, oktroyiertes Bündnis, Fremdbestimmung, Vater vertritt patriarchale Werte, Mutter modern, muss sich aber den Werten des Vaters unterwerfen. Schwester kein einfacher Mensch, lässt ihn nicht in Ruhe. Die Fesseln drücken sein Ausgeliefertsein gegenüber den Streitereien innerhalb der Familie aus, und das von der Mutter oktroyierte Bündnis. Das sich Wehren gegen die Fremdbestimmung zeigt sich im Konflikt, das heißt in der Vermeidung von Abhängigkeit. Wobei er sich dem Diktat der patriarchalen Werte unterwirft. Fesseln und in Folie gewickelt sein bieten Halt, Sicherheit und gleichen einer tröstenden Umarmung (vgl. IP 5). Der Halt fehlt durch Entwurzelung 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 266 aufgrund häufiger Umzüge. Fesseln vermitteln in einer als kalt empfundenen Umgebung Wärme, sie geben die Möglichkeit, seinen Körper zu spüren. 12.4.6.2 IP 2: Dem Schicksal muss man sich unterwerfen Sexualität: Unterwerfung unter eine dominante Person, die sagt, ich mache mit dir, was ich will. Als Kind war ich den Ärzten ausgeliefert, sie begutachteten mich. Die sexuelle Unterwerfungslust als Ausdruck dieser kindlichen Erfahrung, das heißt jemand, der mit ihr macht, was er will. Lebensgeschichte: Krankheit, Vater einerseits liebevoll andererseits durch Sprüche verletzend, klein machend. Mutter hohe Ideale, liebevoll und unterstützend. Eine Krankheit, die häufige Untersuchungen nach sich zog. Ärzte als Autorität, die insbesondere in der Empfindung als Kind, mit einem machen können, was sie wollen; zumal es überlebensnotwendig ist. IP 2 muss sich notgedrungen sowohl ihrer Erkrankung als auch den Ärzten unterwerfen. Der Vater kann durch seine Art bisweilen verletzen. Damit die Art IP nicht verletzt, wird diese Seite des Vaters nicht ernst genommen. Die andere Seite des Vaters ist, dass er sich um IP kümmert, für IP da ist. Sie kann sich auf beide Eltern verlassen. Dieses einerseits Versorgtsein, andererseits wieder enttäuscht zu werden, führt dazu, dass das Verletzende mit dem Versorgenden verbunden wird. So wird nun das Versorgende unbewusst misstrauisch angenommen, da darin stets etwas Verletzendes enthalten sein kann. Hieraus resultiert dann das Individuationsstreben, welches teilweise mit einem schlechten Gewissen einhergeht, da den Eltern Unrecht getan wird, da sie sich doch im Grunde genommen fürsorglich verhalten, und es daher keine Veranlassung gibt, sich zu individuieren. 12.4.6.3 IP 3: Ich genüge nicht – das quält Sexualität: Vergewaltigungsfantasien, große Bandbreite von SM, aber am Liebsten geohrfeigt und beschimpft werden. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 267 Ich brauche wilderen Sex, ich muss beißen und kratzen, dies ist eine Möglichkeit, mit meiner Aggression auf das geliebte und doch gehasste Objekt umzugehen. Und nun habe ich den Kampf aufgegeben, resigniert stelle ich fest, dass ich nie dem ersehnten Objekt genügen werde, ich nun mich dieser (mütterlichen) Macht ergebe. Die realen Erfahrungen mit der Mutter werden in der Sexualität reinszeniert. Die Fantasie von mehreren Männern vergewaltigt zu werden, ist ein Symbol, von etwas Mächtigem überwältigt zu werden. Lebensgeschichte: Mutter vorwurfsvoll, sowohl gegenüber dem Vater als auch IP. IP und Mutter verbünden sich gegen den »bösen« Vater, der an der familiären Misere die Schuld zugewiesen bekommt, er wird der Sündenbock. Wobei das Verhältnis IP zur Mutter nicht von liebevoller Zuwendung geprägt ist, sondern von Beschimpfung und Schlägen. IP sehnt sich nach der Anerkennung der Mutter, die diese IP verwehrt, auch aufgrund von Neid, da die Mutter von ihrer Mutter selbst keine Liebe erfahren hat und nun aber IP die Liebe erhält (ödipales Thema). Und durch das Nie-genügen-Können kann kein stabiles Selbstwertgefühl aufgebaut werden. Dies begünstigt, dass IP sich auch außerhalb der Sexualität anderen unterwirft. 12.4.6.4 IP 4: Wehre dich nicht Sexualität: Einer Frau hilflos ausgeliefert sein, sich nicht wehren können. Gereizt, geneckt, beschämt und dominiert werden, sowie gefesselt zu werden oder andere SM-Praktiken. Ich darf mich nicht gegen aufsässige Mädchen wehren, denn meine Mutter hat gesagt, dass man Frauen nicht schlagen darf. Zudem habe ich Vorteile davon (Spannung spüren, mich spüren, Grenzen spüren). Und außerdem kann ich immer noch die Macht der Frauen untergraben, indem ich dann doch den Spieß umdrehe und mir hole, was ich brauche. Er unterwirft sich Frauen, er darf sich nicht wehren, was ihn unbewusst ärgert. Er wehrt sich, indem er sie mit seinem Mitteilungsdrang attackiert. Dies beschämt ihn dann, da er unbewusst spürt, dass er dadurch die Frau im übertragenen Sinn schlägt. Lebensgeschichte: Eltern müssen fliehen, bauen sich in Deutschland eine neue Existenz auf. Vielleicht hat die Mutter in ihrem Ursprungsland selbst 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 268 Gewalt durch ein Regime erfahren oder es wurde ihr Gewalt angedroht. Diese Bedrohung von Gewalt wird unter anderem derart verarbeitet, dass IP später angehalten wird, unter keinen Umständen Frauen zu schlagen. Die Anweisung der Mutter führt dazu, dass er eine Aggressionshemmung gegenüber Frauen entwickelt und diese sich zeigt, indem er von Frauen geneckt werden will – eine Wandlung vom Aktiven ins Passive, verbunden mit einer instabilen Unterwerfung, da sie in Dominanz kippen kann. IP ist integriert in eine Clique; diese wird so empfunden, dass deren Mitglieder alteingesessen und aus wohlsituierten Häusern kommen, und im Gegensatz zu ihm Wurzeln haben und genau wissen, wer sie sind und wohin sie wollen. Dadurch empfindet er sich diesen unterlegen. Das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören, nicht genau zu wissen, wohin man hin möchte, ist beschämend. Um das Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Scham erträglicher zu machen, wird es instrumentalisiert. Nun ist das Gefühl Quelle für Kreativität, für erotische Abenteuer sowie für Selbstwerterhöhung und Identitätspointierung. 12.4.6.5 IP 5: Ich fühle mich nicht gesehen und muss mir Gutes zuführen Sexualität: Kinderspiele: Er ließ sich immer fangen. Früher schon reizvoll, eine Gewalt, wie irgendwelche Netze, die einen an Kopf und im Gesicht berühren. Anales Ausgefülltsein, Schmerzerotik. Viel später zusätzlich unterworfen zu werden, dies ist aber nur bedingt von Interesse. Die Situation ist ausweglos, familiär und in der Schule. Nie kann ich den Ansprüchen genügen, sei es intellektuell oder körperlich. Ich bin ratlos. Niemand versteht mich und sieht mich. Ich fühle mich gefesselt in dieser Situation und allein gelassen. Daher benötige ich Halt (Fesseln) und etwas, was mich ausfüllt (Analspielereien). Lebensgeschichte: Scheidung der Eltern, kein Kontakt mehr zum Vater. Schon vorher: Eltern haben Ansprüche, denen er nicht genügen kann. Später gibt Mutter Ratschläge, Maßregelungen, die seine Freiheit einschränken. Er fühlt sich weder von den Eltern noch von den Lehrern oder Schulkameraden gesehen. Er zieht sich in eine Fantasiewelt zurück, die auch eine erotische Fantasiewelt beinhaltet. 12.4 Beantwortung der Fragestellungen 269 Das Nicht-Gesehen-Werden (Nicht-Gespiegelt-Werden) hinterlässt ein Gefühl des Alleinseins, des Auf-Sich-Zurück-Geworfen-Seins. Um dies auszuhalten, errichtet er sich seine autonome Fantasiewelt, die ihm Wärme und Geborgenheit vermittelt. Das anale Ausgefülltsein steht ebenfalls in diesem Zusammenhang, wobei es zeitgleich Trotz gegen elterliche Werte ausdrückt, einen Versuch der Selbstbehauptung. Die Gewalt, die an Kopf und Gesicht berührt, ist ein Symbol für die Maßregelungen der Eltern. Bei IP 1 sind es anfänglich die Beine gewesen und hier bei IP 5 sind es anfänglich der Kopf und das Gesicht. IP 1, der nicht mehr weglaufen kann und IP 5, der in einem Netz von nicht erfüllbaren Anforderungen, in einem (mentalen) Schraubstock gefangen ist. 12.4.6.6 IP 6: Ich mache es mir in der Unterwerfung gemütlich Sexualität: Untenliegen und Füße. Keine verbale Unterwerfung und bezüglich Schmerzen eher moderat, dass es angenehm und gemütlich ist. Meine Mutter meint es ja nur gut mit mir, mit ihren Ratschlägen, ihrer Fürsorge, auch wenn es mich nervt, gibt dies mir doch Sicherheit und bildet einen gemütlichen Raum. Lebensgeschichte: Spätentwickler. Vater zwar für die Familie sorgend, aber emotional nicht vorhanden. Mutter überfürsorglich. Die elterlichen Werte lösen Renitenz aus, IP versucht, sich diesen zu entziehen. Merkt aber, dass dies nicht ohne Weiteres möglich ist, da diese Werte beispielsweise in der Schule wieder auftauchen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich den Werten zu unterwerfen und wenn er dies macht, dann soll es wenigstens gemütlich sein. Dieses Sich-Gemütlich-Machen ist eine Form der Renitenz, des Unterwanderns von einer intendierten Strafe. Er tritt die Werte mit Füßen und zeitgleich »betet« er sie an (sowohl die Füße als auch die Werte). Die Füße symbolisieren Bodenständigkeit, etwas was mit der Ratio verbunden ist und nicht mit »flatterhaften« Emotionen. 12.4.6.7 IP 7: Der Gewalt sich unterwerfen und ausharren müssen Sexualität: Unterwerfung, beschimpft und geohrfeigt werden. Ansonsten keine Schmerzen. 12 Ergebnisse der Interviews mit Deutungen 270 Es gibt einige Situationen, die so verwirrend und überwältigend waren und die Art, wie meine Mutter mich behandelt, zeigt mir, dass ich es nicht wert bin, dass mit mir liebevoll umgegangen wird. Außerdem darf ich nicht zu viel Nähe und Liebe im intimen Bereich zeigen, da ich dann zu verletzlich bin. Ich ertrage die Art meiner Mutter, indem ich mich in mich selbst zurückgezogen habe (introvertierte Art). Lebensgeschichte: Früher Tod des Vaters. Mutter ist überfordert mit der Erziehung, schimpft und schlägt. IP 7 wagt sich nicht gegen ihre Mutter zu wehren, aus Angst, dass es noch schlimmer wird (vgl. ödipaler Konflikt). 271 13 Allgemeine Ableitungen aus den Ergebnissen Im diesem Kapitel werden aus den Individualergebnissen allgemeine Psychogenesemöglichkeiten verdichtet und eine Typologie an Masochisten abgeleitet. Extrahieren lassen sich zwei Arten von Familienklima. Familienklima 1: An sich ist das Familienklima gut, die Eltern kümmern sich um die Erziehung der Kinder, sind auf ihre Art und Weise liebevoll. Ein Elternteil ist aber emotional nicht so verfügbar. Familienklima 2: Die Familie ist belastet durch massive Stressoren, wie Arbeitslosigkeit, Scheidung, Erkrankung oder Tod. Dies führt zu (teilweise massiven) sozioökonomischen Verschlechterungen. Entweder ist die Mutter real auf sich gestellt oder »psychisch« allein, da der Mann sich zurückzieht. Die Mutter ist überfordert, kann nicht oder nur eingeschränkt liebevoll mit dem Kind umgehen. Das Klima ist geprägt von Vorwürfen, Maßregelungen, Streit, Kampf und Verletzungen (physischen und psychischen). Die Interviewpartner (= IP) lassen sich dementsprechend zuordnen, dass IP 1, IP 2, IP 4 und IP 6 im Familienklima 1 aufgewachsen sind und IP 3, IP 5 und IP 7 im Familienklima 2. IP 1 und IP 6 waren Spätentwickler, beide hatten ihre Art, dies zu kompensieren. Bei Beiden war die Mutter eher intrusiv, es wurden die Grenzen des Kindes nicht gewahrt, wie das Kind es damals benötigt hätte. Bei Beiden waren die Väter aufgrund der beruflichen Tätigkeit oft physisch abwesend, jedoch »psychisch« anwesend durch die strengen, väterlichen Gebote, die internalisiert wurden. Bei Beiden wird ein eher kühleres Fami- 13 Allgemeine Ableitungen aus den Ergebnissen 272 lienklima beschrieben. Zwar gibt es Emotionen, die sich zum Beispiel bei Streitereien ventilieren; dies stresst aber. Es mangelt nicht an Versorgung, Pflege oder Zuneigung, aber ein Elternteil wird als weniger emotional zugänglich beschrieben. Als Besonderheiten ist bei IP 1 zu nennen, dass die Mutter ihn warnt, ja nicht ein Mädchen zu schwängern. Dieser betonte Schutz des Weiblichen findet sich auch bei IP 4; hier ermahnt die Mutter das Kind, dass man Mädchen und Frauen nie schlagen darf. Bei IP 2 und IP 5 fallen körperliche Besonderheiten auf, sei es durch eine lebensbedrohende Erkrankung oder starkes Übergewicht. Bei IP 3, IP 5 und IP 7 werden die Mütter als lieblos und strafend erlebt. Das Kind kann nie den Erwartungen gerecht werden, es genügt nie. Die ständigen Beschimpfungen beeinträchtigen das Selbstwertgefühl. 13.1 Bedingungen für eine Ausbildung einer SM- Sexualpräferenz Psychogenetische Bedingungen für eine Ausbildung einer sadomasochistischen Sexualpräferenz können sein: ➢ Ein nicht vorhandener Vater (sei es aus beruflichen Gründen, aufgrund eines Rückzugs, einer emotionalen Nichtverfügbarkeit, Scheidung oder Tod) oder ein unbewusst ambivalent erlebter Vater oder ein als schwach erlebter Vater ➢ Eine überfürsorgliche, die Grenzen des Kindes missachtende oder strafende oder strenge oder ambivalent erlebte Mutter (Wobei sowohl der Vater als auch die Mutter sich in ihren Augen als liebevoll verhaltend erleben können und das Kind dies auch so bewusst wahrnimmt. Nur unbewusst kann es mit den individuellen Begebenheiten und einer spezifischen kindlichen Psychodynamik zu einer anderen, unbewussten Wahrnehmung führen.) Hinzu kommen dann spezifische individuelle Begebenheiten wie: ➢ Spätentwickler ➢ Erkrankungen, die Krankenhausaufenthalte in jungen Jahren beinhalten ➢ Andere körperliche Besonderheiten, wie zum Beispiel Übergewicht 13.1 Bedingungen für eine Ausbildung einer SM-Sexualpräferenz 273 ➢ Physische Entwurzelungen: Häufige Umzüge, Flucht (unbewusstes Gefühl der Entwurzelung kann transgenerational vererbbar sein von den Eltern) ➢ Psychische Entwurzelung: Durch Umzüge, durch Scheidung der Eltern und einem möglicherweise damit einhergehenden sozioökonomischen Abstieg ➢ Über- oder Unteremotionalität der Eltern/des Elternteils ➢ Ermahnung an den Jungen, das Weibliche zu schützen, nicht zu verletzen ➢ Direkte Gewalterfahrungen durch das elterliche Verhalten ➢ Indirekte Gewalterfahrungen, da mit den Eltern früher etwas geschehen ist, was in ihrer Vergangenheit liegt und was sie unbewusst als »Gewaltschwingungen« mit sich herumtragen Diese Erfahrungen lösen Gefühle aus, wie: ➢ Überforderung ➢ Ohnmachtsgefühle ➢ Erdrücktwerden ➢ Eingeengtsein ➢ Hilflosigkeit ➢ Haltlosigkeit ➢ Fremdbestimmt werden ➢ Nie-Genügen-Können ➢ Unerfülltes Nähe- und Liebesbedürfnis Diese Erlebnisse finden ihren Niederschlag in der Sexualität und SM ist dann: ➢ Rebellion ➢ Ausdruck der Unterwerfung ➢ Ausdruck der Befreiung von Regeln ➢ Verarbeitung von Erlebnissen So sind also diverse traumatische Ereignisse (Flucht, Umzüge, Krankheit, Tod eines Elternteils) sowie Entwicklungstraumatisierungen (innerfamiliäre Konflikte, Alkoholismus, Missachten von situations- und entwicklungsspe- 13 Allgemeine Ableitungen aus den Ergebnissen 274 zifischen Bedürfnissen, überfordernde narzisstische Delegation, das heißt mangelnde Empathie) (s. Mertens 2005, S. 122ff.) an der Psychogenese des Masochismus beteiligt. Wobei nicht definitiv gesagt werden kann, welches Ereignis sich nun überhaupt traumatisierend auswirken wird. Denn einerseits müssen als traumatisch geltende Ereignisse nicht per se zu einer Traumatisierung führen und andererseits können als harmlos eingestufte Ereignisse für ein Kind traumatisierend sein (s. Mertens 2005). 13.2 Typologie an sexuellen Masochisten Aus dem Vorgestellten kann eine skizzenhafte Typologie an Masochisten abgeleitet werden: Typ 1: Der bedingungslose, fordernde Masochist Bei Typ 1 ist SM die einzige oder primär ausgeübte Sexualität. SM besitzt eine große Relevanz. In einer Partnerschaft wird viel Sexualität erwünscht. Da der Masochist sehr nach seiner Sexualität und der Befriedigung seiner Bedürfnisse dürstet, kann es passieren, dass der Partner mit seinen sexuellen Wünschen nicht mehr (ausreichend) gesehen wird. Typ 2: Der dominante Masochist Typ 2 fordert seine Sexualität ein. Der Typ 1 verfällt nicht einfach in die dominante Rolle, um seine Sexualität zu erzwingen, dies ist hingegen bei Typ 2 der Fall. Um seine Bedürfnisse zu befriedigen, manipuliert er zunächst submissiv, dies kann aber in dominantes Verhalten umkippen. Typ 3: Der moralisch-sexuell masochistische Devote Typ 3 stellt eine Verbindung von sexuellem und moralisch masochistischem Verhalten dar. Er verzichtet auf seine sexuell-masochistische Lustbefriedigung und erlangt dabei eine psychisch-masochistische Befriedigung. Typ 3 möchte gefallen. Und indem er durch sein Switchen einem anderen einen Dienst erweist, erhält er narzisstische Zufuhr: Einerseits, den als Größer erlebten Anderen zu erniedrigen und andererseits, indem er durch die »Dienstleistung«, durch sein Liebsein dem großen Anderen gefällt. 13.2 Typologie an sexuellen Masochisten 275 Typ 4: Der Kann-aber-muss-nicht-Devote Dieser Typ legt eher den Schwerpunkt auf Unterwerfung. Wenn er diese Form der Sexualität nicht bekommt, ist es ihm auch recht. Oder er schafft es, durch gewisse kleine Interaktionen, Befriedigung zu erhalten. Typ 5: Der autonome Masochist Der Unterschied zu Typ 4 ist, dass Typ 5 sich nur bis zu einem gewissen Grad auf den Als-ob-Modus einlässt. Denn im Endeffekt nimmt er doch das ganze Spiel nicht ernst. Wie bei Typ 4 leidet er nicht darunter, wenn er diese Form der Sexualität nicht bekommt. 276 14 Diskussion In dieser Studie wurden Personen mit der masochistischen Sexualpräferenz »BDSM« untersucht, eine masochistische Ausprägung, die unter Masochismus als Allosexualität subsumiert werden kann, das heißt eine Sexualitätsform ohne Krankheitswert. Das Anliegen des zweiten Teils dieser Arbeit war, ob sich in der Vita Ereignisse finden lassen, die zu der Sexualitätsspezifikation geführt haben, und ob gewisse Konflikte vorliegen. In diesem Kapitel werden die Ergebnisse des zweiten Teils mit den Erkenntnissen des ersten Teils in Verbindung gesetzt und besprochen. Im ersten Teil ging es um die Auswirkungen von Normen, diese zeigen sich auch im empirischen Teil. Ein sexueller Masochist kann sich als nicht ganz normal, krank empfinden und findet aber durch dieses Selbstlabeling einen sexuellen Reiz. Jedoch spielt dieser Aspekt nicht für alle eine Rolle. Manche finden SM gar nicht krank. Oder sie finden es zwar nicht ganz normal, aber haben damit kein Problem und ziehen keine besondere sexuelle Lust aus dem Nicht-normal-Sein. Dies legt nahe, dass bei anderen gesellschaftlich vorhandenen Normen, die Person sich dann nicht mehr als »nicht ganz normal« ansehen würde, sondern eben als Person mit irgendeiner Sexualpräferenz. Interessant ist, dass im Zusammenhang von SM das Wort »spielen« benutzt wird. Beim sogenannten normalen Sex wird nicht von spielen gesprochen, sondern von Synonymen, wie vögeln. Vielleicht dient die Deklaration Spiel, um bewusst oder unbewusst zu kennzeichnen, dass man nicht 14 Diskussion 277 krank ist, dass man die Realität von der sexuellen Leidenschaft trennen kann, und dass man sich einfach im Dienste der sexuellen Lust temporär in einen Als-ob-Modus befinden kann. Es wurde ferner deutlich, dass die Personen teilweise ein unterschiedliches Verständnis von SM haben. So ist für den einen Analsex dem SM- Bereich zuzuordnen und für andere nicht. Die Themen der SM-Inszenierung sprechen für eine Sehnsucht gesehen, gehalten und erfüllt zu werden. Das Gegenüber ist essenziell. Bei manchen Masochisten wird das Objekt mit subjekthaften Rechten gesehen, das heißt, es wird als eigenständiges Subjekt gesehen. Bei manchen Masochisten scheint es hingegen, dass das Subjekt zum Objekt gemacht wird. Hier wird das Subjekt zum Objekt instrumentalisiert, um die eigenen Bedürfnisse irgendwie zu befriedigen. Vielleicht haben diese Personen in der Kindheit erfahren müssen, dass sie sich selbst um ihr Wohlergehen kümmern mussten, dass zwar ein Bitten und Drängen Erfolg haben kann, aber nicht muss. Und daher über die Grenzen des Anderen gehend versucht wird, eigene Bedürfnisse zu befriedigen, in der Befürchtung, sonst auf Dauer frustriert zu werden und zu wenig zu bekommen. Dies untermauert die These der Auswirkung von inadäquater Liebeszuwendung (vgl. Loewenstein 1957, Reich 1933, Winnicott 1971). Inwieweit die Sprachverwirrung im Sinne von Ferenczi (1933) eine Rolle spielt, kann hier nicht beurteilt werden. Aber rätselhafte elterliche Botschaften wirken sich aus (Laplanche 1988, 2004) sowie unbewusste Delegation. Aber auch Internalisierung kann von Bedeutung sein für die Masochismusgenese. Beispielsweise ein vormals guter Vater, der entidealisiert wurde und in der Wahrnehmung ins Böse kippt und nun dieses Böse internalisiert wird. Der internalisierte böse Vater steht jetzt im Widerspruch zum vormals internalisierten guten Vater und wird nun sowohl im Realen als auch im Inneren der Person bekämpft (vgl. hierzu Blum 1976). Auch die von Reich (1933) erwähnte patriarchale Erziehung wirkt sich auf die Sexualpräferenz aus. Die patriarchale Erziehung, die gleichermaßen eine Mutter vollziehen kann: keine Liebe, kein Lob, zu hohe Anforderung 14 Diskussion 278 an das heranwachsende Kind, zu streng. Und in diesem Rahmen christliche Dogmen, die dem Heranwachsenden weniger Stütze sind als vielmehr be- ängstigende Inhalte darstellen. Inhalte, dass man schlecht ist, dass man bei gewissen sexuellen Handlungen seinen »Lebenssaft verliert«. Dies sind Vernichtungs- und Todesdrohungen; eine Aufforderung, sich anderen Werten zu unterwerfen und vom eigenen, selbstständigen Handeln Abstand zu nehmen. Diese Erfahrungen drücken auf den Selbstwert. In diesem Zusammenhang wäre dann die Theorie der Kastrationsangst zu sehen und der Beitrag dieser Angst zur Psychogenese des Masochismus. Aspekte aus dem desexualisierten Masochismus spielten bei einer Person insofern eine Rolle, als dass diese Person die strenge christliche Erziehung in ihrer Sexualpräferenz verarbeitet. Einen Selbstwertkonflikt in dem Ausmaß der Morgenthaler’schen These (1974) spielte bei diesen Interviewpartnern keine Rolle, insofern, dass der Masochismus nicht als Pfropf zum Schutz vor Fragmentierung dient, dafür spricht auch das gute bis maximal mäßige Strukturniveau der Interviewteilnehmer. Und anhand der Schilderungen kann nicht per se von einer narzisstischen Störung der Eltern ausgegangen werden. Trotzdem sind Themen wie Gesehenwerden, Verstandenwerden, empathisch auf einen Eingegangenwerden und damit das Berücksichtigen von Grenzen von Bedeutung. Bei einer Person kann eine Selbstwertproblematik vermutet werden. Bei ihr ist eine masochistische Sexualpräferenz und ein masochistischer Bindungsstil vorhanden. Daher wird ein psychischer Masochismus, der in einer eher dependenten Persönlichkeit eingebettet ist, zusätzlich hier eine Rolle spielen. Bei den anderen Personen kann keine stärkere, nicht-sexuell masochistische Konnotation im Sinne eines psychischen Masochismus oder gar einer sadomasochistischen Persönlichkeitsstörung festgestellt werden. Der sexuelle Masochismus kann, wie oben beschrieben, eben nur als Sexualpräferenz auftreten – ohne psychischen Masochismus oder dass er innerhalb einer Störung eingebettet ist. Selbstverletzung in Form von Ritzen oder Ähnlichem trat bei keinem auf. Und allgemein selbstschädigendes Verhalten ist nicht stark vertreten: Einer hat früher zu viel gearbeitet, eine andere hat sich früher selbst ge- 14 Diskussion 279 schlagen. Jedoch ist dieses Verhalten verschwunden, da es eher in Zusammenhang mit einer anderen Störung stand. Und bei dieser Person kann vermutet werden, wenn die Liebe zu sich weiter zunimmt, sie sich das Recht nimmt, eigene Wünsche zu spüren und zu leben, in diesem Fall das Interesse an SM weiter abnehmen wird (vgl. Horney 2004/1951, Menaker 1995). Diese Vermutung geht dahin, dass, wie im ersten Teil der Arbeit beschrieben, psychisch masochistisches Verhalten seinen Niederschlag in sexuell masochistischem Verhalten finden kann. Und wenn dieser Fall vorhanden ist, dann eine Auflösung einer »Grundstörung« zu einer Auflösung des allgemeinen psychischen und sexuell masochistischem Verhalten führen kann. Bezüglich der im Theorieteil beschriebenen sozialen Schüchternheit oder anderer moralischer masochistischer Charaktereigenschaften (bspw. Reich 1933) lassen sich diese bei den Interviewpartnern mit der Sexualpräferenz Masochismus in diesem Ausmaß nicht feststellen. Als Thesen bezüglich von Konflikten und SM kann aufgestellt werden, dass der Masochismus-Typ 1 (der bedingungslose-fordernde Masochist) mit einem Versorgungs-Autarkie-Konflikt zusammenhängt. Dieses Bekommen-Wollen, den SM-Sex dringend bekommen wollen, die Wünsche des Partners dabei wenig zu beachten, kann in Zusammenhang stehen mit der klammernden, ausbeutenden Art der Mutter, die dann in der Sexualität ausgedrückt wird. Der Masochismus-Typ 2 (der dominante Masochist), wie Masochismus-Typ 6 (der autonome Masochist) steht eher möglicherweise in Zusammenhang mit einem Unterwerfungs-Kontrollkonflikt. Wobei der dominante Typ im Unterschied zum autonomen Typ eher sich im narzisstischen Sinne behaupten muss. Und der autonome Masochist keine Selbstwertbestätigung für seine Mächtigkeit benötigt, sondern eine Unabhängigkeit von einem versorgenden Objekt. Beim Masochismus-Typ 3 (der moralisch-sexuell masochistische Devote) ist eher der Selbstwertkonflikt dominant, erzeugt durch eine strenge, nicht liebende Bezugsperson. Beim Masochismus-Typ 4 (der kann-aber-muss-nicht-Devote) ist möglicherweise eher der Individuations-Abhängigkeitskonflikt relevant. Die Konflikte respektive die Konfliktspannung werden vorwiegend aktiv verarbeitet. Es gibt eine Tendenz für den Unterwerfungskonflikt. Die 14 Diskussion 280 ödipale Thematik ist von Bedeutung, selbst wenn sie weniger offensichtlich in Erscheinung tritt. Bei einem Interviewpartner bestand eine Schamlust. Schuldthemen spielen nicht die Rolle, wie sie in den frühen Masochismustheorien vertreten wurden, hingegen die von Berliner (1958) thematisierte pathologische Art zu lieben respektive die von Novick und Novick (1991) angeführte pathologische Eltern-Kind-Beziehung. Hier sollen jedoch nicht erneut alle Theorien wiedergegeben werden. Deutlich wird aber, dass die unterschiedlichen Theorien oder die unterschiedlichen Schwerpunkte von Bedeutung sind, um das vielfältige Erscheinungsbild des Masochismus zu erklären, welches durch diverse potenzielle psychogenetische Faktoren determiniert wird. Diese Studie war eine Pilotstudie, daher der kleine Stichprobenumfang. Eine fundierte Typologie lässt sich anhand der kleinen Stichprobe nicht herausarbeiten, aber es zeichnen sich unterschiedliche Typen von Masochisten ab. Ferner werden die unterschiedlichen sexuell-masochistischen Vorlieben deutlich. Diese Vorlieben schließen teilweise andere SM-Praktiken aus, sodass beispielsweise ein Sadist und ein devoter Masochist nicht unbedingt als sexuelles Paar passen müssen, da die Präferenzen divergieren. Inwiefern Vorlieben und ein bestimmter masochistischer Typ Rückschlüsse erlauben auf eine spezielle Eltern-Kind-Situation oder Auswirkung anderer Ereignisse, kann hier nur als Möglichkeiten angedeutet werden. Viele Kinder haben nicht immer vollständig emotional verfügbare Eltern und können auch ein Mismatch ertragen (vgl. Stern 2007). Jedoch können zu dem Mismatch Erlebnisse hinzukommen, die das Kind als erdrückend empfindet. Entweder lösen die Eltern diese Erlebnisse aus oder sie schaffen es nicht, das Kind vor diesen Erlebnissen zu schützen. Oder selbst mit adäquater Hilfe der Eltern sind die Erlebnisse zu belastend, sodass sie das Kind traumatisieren. Daher kann nicht eine Hauptursache herausgefunden werden, warum jemand diese Sexualpräferenz herausbildet. Wobei selbst nach langen Analysen nicht erklärt werden kann, warum ausgerechnet dieses eine psychische Phänomen entwickelt wurde oder eine bestimmte sexuelle Vorliebe und nicht eine andere. Deshalb kann nicht erklärt werden, warum nun ausgerechnet Masochismus entwickelt wurde und nicht zum Beispiel Sadismus. 14 Diskussion 281 Doch es kann konstatiert werden, dass ein abwesender Vater, in welcher Form auch immer und eine über- oder unterversorgende Mutter sowie allgemeine Ohnmachtserfahrungen eine Rolle in der Masochismusgenese spielen. Weitere Bausteine im Rahmen der Entwicklung für eine masochistische Sexualpräferenz sind mangelnde Spiegelung, mangelnde Anerkennung und das Nicht-Wahren der Grenzen des Kindes. Folglich sucht der Masochist nicht das Leid und den Schmerz, sondern das Gesehenwerden und das Gehaltenwerden, ohne davon bedrängt zu werden. 282 15 Desiderata Aufgrund der Bedingungen des menschlichen Heranwachsens befinden sich in uns allen bis zu einem gewissen Grad masochistische (psychische und sexuelle) Anlagen und Ausprägungen. Zu diesen Grundbedingungen gehört, dass der Säugling eine physische und psychische Frühgeburt ist, dass er somit zunächst völlig angewiesen ist auf einen Anderen; einen Anderen, der weiter in seiner Entwicklung ist, der daher stärker und größer ist. Ferner bedingt das menschliche Heranwachsen zahlreiche schmerzhafte Erfahrungen. Und diese schmerzhaften Erfahrungen sind teilweise eingebettet in einen sozialen Kontext, der an sich schön und liebevoll ist. Damit treffen zwei Antipoden zusammen: Der Schmerz und das Schöne. Um die Spannung dieser Gegensätze abzumildern, werden sie teilweise verbunden. Was eine Leistung der Reife darstellt: Insofern, dass der Mensch lernt, dass in dem einen das andere enthalten sein kann, dass es zwar Schwarz und Weiß gibt, aber eben zusätzlich viele Grauabstufungen und diese Grauabstufungen eher der Realität entsprechen. Bezogen auf den sexuellen Masochismus wird weitere Forschung notwendig sein, um den sexuellen Masochismus näher bei nicht-klinischen Personen zu untersuchen. Mit größeren Stichproben können dann SMer mit Nicht-SMern (beide aus einem nicht-klinischen Setting) bezüglich ihrer Konflikte, ihrer Strukturniveaus und ihres Lebenslaufs, ihren sexuellen Fantasien und Bedürfnissen untersucht und verglichen werden. Bei zukünftigen Forschungen mit einer größeren Stichprobe ist es dann möglich, Typologien zu verfeinern, und die mögliche Psychogenese in Zusammen- 15 Desiderata 283 hang mit der Bezugsperson-Kind-Beziehung und bestimmten Lebensereignissen zu differenzieren. Und es ist von Interesse, Masochismus in Abhängigkeit des Geschlechts zu untersuchen. Ferner wäre es für nächste Studien interessant, weitere Lebensläufe zu analysieren, wie Lebensereignisse sich auf die Sexualität ausgewirkt haben – dies unabhängig von einer sadomasochistischen Neigung, sondern ganz allgemein. Aber nicht nur bezogen auf den sexuellen Masochismus ergeben sich weitere Forschungsmöglichkeiten, sondern auch bezogen auf den Masochismus in seiner ganzen Fülle. Beispielsweise die weitere Ausdifferenzierung der diversen psychischen und sexuellen masochistischen Konnotationen und für die schädlichen Konnotationen weitere Ausarbeitung therapeutischer Ansätze. Darüber hinaus ist die Untersuchung des Zusammenspiels von psychischem und sexuellem Masochismus von Interesse: Unter welchen Bedingungen tritt er gemeinsam auf? Sowie die Untersuchung der separaten Phänomene: psychischer vs. sexueller Masochismus. Warum entwickelt einer vermehrt psychische masochistische Strukturen, der andere vermehrt sexuell masochistische Strukturen? Zusätzlich ist es erstrebenswert, aus dem Wissen über die Psychogenese Präventionsmaßnahmen abzuleiten, damit klinische Ausprägungen des Masochismus vermieden werden können. Denn ein ausgeprägter schädigender psychischer Masochismus wirkt sich verheerend auf die Lebensgestaltung des Betroffenen aus. Ähnlich wie eine Burn-out-Prävention ist daher eine Prävention eines lebenseinschränkenden Masochismus erstrebenswert. Dafür muss an verschiedenen Punkten angesetzt werden: beim Individuum, den unterschiedlichen Kräften, die auf das Individuum einwirken (Familie etc.) und am Kontext, indem alles eingebettet ist, also der Gesellschaft. Gewisse gesellschaftliche Bedingungen können nicht direkt geändert werden, jedoch ist dies über das individuelle Verhalten auf längere Sicht sehr wohl möglich. So gilt es, das Individuum zu stärken, damit es sich selbst schätzen und lieben kann und es vermag, mit anderen liebe- und respektvoll umzugehen. 285 Anhang Die OPD – Operationalisierte psychodynamische Diagnostik Die OPD (Operationalisierte psychodynamische Diagnostik) ist ein operationalisiertes multiaxiales Instrument zur psychodynamischen Diagnostik.142 Die OPD besteht aus fünf Achsen, die ersten vier davon sind psychodynamischen Hintergrunds: Achse I Behandlungsvoraussetzungen und Krankheitsverarbeitung Achse II Beziehung Achse III Konflikt Achse IV Struktur Achse V Psychische und psychosomatische Störungen nach ICD-10 Anlass für die Entwicklung der OPD war die Unzufriedenheit mit der klassifikatorischen Diagnostik des DSM und des ICD, da diese Instrumente nur begrenzt handlungsleitend sind. Auch gab es Probleme mit den abstrakten Konstrukten der psychoanalytischen Begriffsbildung. Die OPD wollte ein multiaxiales, psychodynamisches Diagnostikum entwickeln, mit 142 Die folgenden Beschreibungen der OPD, das heißt die Achsen, Phasen des Interviews, Fragen bezüglich des Interviews etc. sind sinngemäß oder wörtlich aus dem Buch OPD-2 (Arbeitskreis OPD 2006) entnommen. Zur besseren Lesbarkeit ist der Text aber nicht jeweils als Zitat oder als Paraphrase extra gekennzeichnet. Anhang 286 dem Hintergrund psychoanalytischer Klassifikation psychischer Phänomene und die Erfassung psychischer Funktionen und ihrer jeweiligen Störungen. Die OPD ist konzipiert als Schulen übergreifendes Diagnostikum, das heißt, es wurde bei der Entwicklung der OPD möglichst auf eine schulenspezifische Terminologie verzichtet und Wert auf eine einheitliche und präzise Sprache gelegt. Die Einsatzfelder der OPD sind vielfältig. Zielsetzungen sind die Generierung von klinisch-diagnostischen Leitlinien, sie sollen der Kommunikationsverbesserung dienen. Ferner dient die OPD als Forschungsinstrument und ist dabei auch für nicht-klinische Stichproben geeignet (mündliche Mitteilung von Prof. Manfred Cierpka am 11.07.2008). Wobei sie primär ihren Einsatz als Forschungsinstrument zur Bestimmung von Krankheitsverläufen findet, sowie um Therapieindikationen zu stellen, Therapieplanung zu unterstützen und um den Therapieerfolg zu erfassen. Die verschiedenen Achsen der OPD Achse I – Behandlungsvoraussetzungen und Krankheitsverarbeitung Bei der Achse I geht es um die Bestimmung der Behandlungsvoraussetzungen und um die Krankheitsverarbeitung. Ziele sind, Aussage treffen zu können, über die Fähigkeit und Bereitschaft des Patienten sich auf die psychotherapeutisch-psychosomatische Therapie einzulassen; und eine konkrete differenzielle Indikationsstellung und psychotherapeutischer Maßnahmen vornehmen zu können. Hier findet eine objektivierende Bewertung der Erkrankung statt, das heißt die Schwere und Dauer der Störung. Dann wird das Krankheitserleben festgestellt, das heißt, wie sieht es mit dem Leidensdruck aus, welche gewünschte Behandlungsform äußert der Patient. Ferner werden sogenannte Veränderungsressourcen oder Veränderungshemmnisse festgehalten, darunter werden subsumiert: Persönliche und psychosoziale Ressourcen, Offenheit des Patienten, äußere und innere Veränderungshemmnisse und ob ein sekundärer Krankheitsgewinn vorliegt. Die OPD – Operationalisierte psychodynamische Diagnostik 287 Achse II – Beziehung Bei der Achse II geht es um Beziehung, das heißt um das Beziehungsverhalten, um das sogenannte habituelle Beziehungsverhalten, um das Beziehungsmuster und um das dysfunktionale Beziehungsmuster. Ziel ist die Identifizierung des habituellen (dysfunktionalen) Beziehungsmusters und die beziehungsdynamische Formulierung mit der Verknüpfung der vier interpersonellen Positionen: I Wie der Patient sich selbst erlebt, II Wie andere den Patienten erleben, III Wie andere sich gegenüber dem Patienten immer wieder erleben und IV Wie der Patient andere erlebt. Perspektive A: Das Erleben des Patienten I. Wie der Patient sich selbst erlebt (Defensiv erlebte Reaktion) IV. Wie der Patient andere erlebt (Erlebter Agriff/Enttäuschung) Perspektive B: Das Erleben der anderen II. Wie andere den Patienten immer wieder erleben (Schwieriges Beziehungsangebot) III. Wie andere sich gegenüber dem Patienten immer wieder erleben (Unbewusst nahegelegte Antwort) Abb. 6: Schema der Beziehungsdiagnostik: Die vier interpersonellen Positionen Im Beziehungsverhalten wird die Dynamik der (un)bewussten Beziehungswünsche und -ängste, sowie die Befürchtungen bezüglich der Reaktion anderer abgebildet. Das habituelle Beziehungsmuster ist die dominante und durchgängige interpersonelle Einstellung (Beispiel: »Alle sind so kontrollierend!«). Und das Beziehungsmuster ist dann die Summe der strukturellen Möglichkeiten und Einschränkungen einer Person oder eines Patienten in sich wiederholendem interpersonellen Verhalten. Dabei können die dysfunktionalen Beziehungsmuster herausgearbeitet werden, das heißt, die spezifische Konstellation von sich wiederholenden, interpersonellen Verhaltensweisen. Anhang 288 Achse III – Konflikt Bei dieser Achse geht es um die Konfliktdiagnostik. Dabei stellt ein Konflikt ein unbewusstes maladaptives kognitiv-emotionales Schema dar. Bei der OPD ist ein dimensionales Konfliktmodell vorhanden, das heißt je nach Strukturniveau findet sich entweder eine Konfliktspannung (bei gut integrierter Struktur), ein Konfliktmuster (bei mäßig integrierter Struktur) oder Konfliktschemata (bei gering integrierter Struktur). Bei der Konfliktspannung (bei gut integrierter Struktur) liegt kein neurotisches Konfliktmuster vor. Es handelt sich hierbei um einen Motivationswiderspruch, um eine konflikthafte Belastung (Aktualkonflikt). Das heißt, eine gut integrierte Struktur erlaubt einen neurotischen Konflikt, ohne dass durch den Konflikt die Struktur in die Brüche geht. Das Konfliktmuster (bei mäßig integrierter Struktur) ist ein interpersonelles und intrapsychisches Muster, es ist neurotisch-dysfunktional und repetitiv. In Auslösesituationen entstehen Symptome. Festgestellt wird ein Konfliktmuster bei konflikthaften Persönlichkeiten bis hin zu Persönlichkeitsstörungen. Bei Konfliktschemata (bei gering integrierter Struktur) lassen sich keine speziellen Konflikte feststellen, das heißt eine spezifische stabile Ausprägung eines Hauptkonfliktes fehlt. Vielmehr imponiert dieses Muster durch ein Vorliegen fast aller Konflikten, jedoch ohne dass man genau einen Konflikt als dominant bestimmen kann. Achse IV – Struktur Bei der Achse IV wird die Struktur erfasst. Die Struktur bildet wie oben schon beschrieben die Grundlage für Konflikte (Konfliktspannung, Konfliktmuster und Konfliktschemata). Die Struktur ist nicht direkt beobachtbar und nur durch Rückschlüsse zu erfassen. Die Struktur ist ein ganzheitliches Gefüge von psychischen Dispositionen. Sie ist dynamisch, das heißt, sie unterliegt eines lebenslangen Entwicklungsprozesses und sie ist veränderlich, dabei finden aber nur sehr langsame Veränderungen statt. Bei der Struktur geht es nicht um Eigenschaften (Ich bin so und so), sondern um Fähigkeiten (Ich kann dies und das, Ich bin fähig …). Es geht um das Ich, wie es sich beobachtet, wenn es sich mit anderen reguliert. Die OPD – Operationalisierte psychodynamische Diagnostik 289 Strukturierungsgrade 1. Gut strukturiert Strukturierter psychischer Binnenraum: Intrapsychische Spannungszustände regulieren, das heißt diese aushalten. Ausreichend gute Objekte: Verinnerlichte Erfahrungen mit anderen, die intrapsychisch repräsentiert sind. Zentrale Angst: Liebe verlieren. 2. Mäßig strukturiert Negative Affektlage überwiegt, Übersteuerung (auf Bremse treten). Zentrale Angst: Steuerndes Objekt verlieren, weil man auf Objekt angewiesen ist, da man selbst die Fähigkeit nicht besitzt. 3. Gering strukturiert Interpersonale Austragung von Spannungszuständen. Zur Bestimmung der Struktur sind die letzten 1–2 Jahre relevant. Im Gegensatz zu der Konfliktdiagnostik, diese basiert auf der gesamten Lebensspanne, wobei zur Bestimmung des Modus (aktiv-passiv) die letzten 2 Monate herangezogen werden. Zur Erfassung der Struktur werden zunächst die verschiedenen strukturellen Aspekte eingeschätzt. Unter strukturellen Aspekten wird Folgendes verstanden: Selbst- und Objektwahrnehmung, Selbstregulierung und Regulierung des Objektbezugs, Kommunikation nach innen – nach außen, Bindung an innere – an äußere Objekte. All die genannten strukturellen Aspekte bilden die Struktur (diese wird auf einer 5stufigen Skala mit Zwischenstufen geratet). Achse V – Psychische und psychosomatische Störungen (ICD-10) (wird hier nicht weiter beschrieben – s. hierzu Arbeitskreis OPD 2006) Anhang 290 OPD-Konfliktdiagnostik Es werden in der OPD-Konfliktdiagnostik sieben Konflikte unterschieden. Die sieben Konflikte der OPD: 1. Individuation vs. Abhängigkeit 2. Unterwerfung vs. Kontrolle 3. Versorgung vs. Autarkie 4. Selbstwertkonflikt 5. Schuldkonflikt 6. Ödipaler Konflikt 7. Identitätskonflikt Beim Rating geht man jeden Konflikt durch und bestimmt auf einer 5stufigen Skala, ob der Konflikt nicht vorhanden – wenig bedeutsam – bedeutsam – sehr bedeutsam – nicht beurteilbar ist. Im Anschluss daran werden der Hauptkonflikt sowie der zweitwichtigste Konflikt festgestellt. Und eine weitere Bestimmungsdeterminante bei der OPD-Konfliktdiagnostik ist der sogenannte Verarbeitungsmodus des Hauptkonfliktes. Unter dem Verarbeitungsmodus versteht man, ob der Konflikt aktiv oder passiv ist (auch hier wieder die fünfstufige Skala vorwiegend aktiv – gemischt eher aktiv – gemischt eher passiv – vorwiegend passiv – nicht beurteilbar). Das OPD-Interview Um die verschiedenen Achsen der OPD zu bestimmen, wird ein OPD- Interview durchgeführt. Zunächst werden die Behandlungsvoraussetzungen und die Krankheitsverarbeitung geklärt. Ein wichtiger Schwerpunkt des OPD-Interviews ist die Erfassung des Beziehungsmusters. Ist dieses erfasst, lassen sich Konflikte und die Struktur bestimmen. Es werden verschiedene Lebensbereiche abgefragt, wie die Herkunftsfamilie, Partnerschaft/Familie, Beruf, soziales Umfeld, Besitz, Körper/Sexualität und Erkrankungen. Zu beachten ist, dass der Interviewstil sich auf das Strukturniveau auswirkt. Der Interviewpartner kann je nach Fragestil auf ein höheres Struk- Die OPD – Operationalisierte psychodynamische Diagnostik 291 turniveau gehoben werden oder er kann auch »runter gefragt werden« (»Sind Sie sich sicher?« »Ist das wirklich so?«). Die fünf Phasen des OPD-Interviews Das Interview lässt sich in fünf Phasen gliedern: 1. Eröffnungsphase 2. Phase der Ermittlung von Beziehungsepisoden 3. Ermittlung des Selbsterlebens und der faktischen Lebensbereiche 4. Ermittlung des Objekterlebens 5. Therapiemotivation, Behandlungsvoraussetzung, Einsichtsfähigkeit Detaillierter stellen sich die Phasen wie folgt dar: 1. Eröffnungsphase a. Ziel des Gesprächs b. Zeitrahmen c. Erfassung von eventuell vorliegenden Beschwerden d. Erfassung der aktuellen Lebenssituation (Partnerbeziehung, Arbeitsfähigkeit – sind hier schon lebensbestimmende Konflikte in mehreren Lebensbereichen feststellbar?) e. Szenische Darstellung 2. Phase der Ermittlung von Beziehungsepisoden, hierfür a. Analyse des aktuellen Übertragungs-/Gegenübertragungsgeschehens b. Analyse der aktuellen oder biografischen Beziehungserfahrungen ➢ Erzählung von Episoden in der Beziehung zu signifikanten Anderen ➢ Insbesondere von Interesse: dysfunktionale, überdauernde beziehungsweise sich wiederholende (habituelle) Beziehungsmuster, neurotische Wiederholung, Übergeneralisierung, Brüche und Widersprüche in der Beziehung, Differenziertheit der Objekte ➢ Narrative von konkreten Beziehungsinteraktionen erfragen, die für Patienten in irgendeiner Weise schwierig, konflikthaft oder belastend gewesen sind ➢ Mindestens 2–3 Beziehungsepisoden abfragen Anhang 292 c. Für genaueres Herausarbeiten der motivierenden Beziehungsdynamik: ➢ Frage nach Erwartungen, Wünschen, Befürchtungen (bezogen auf sich und andere) ➢ Äußerliche sichtbare Verhaltensreaktionen ➢ Inneres Erleben ➢ Emotionale oder kognitive Reaktionen auf das Beziehungsgeschehen 3. Ermittlung des Selbsterlebens und der faktischen Lebensbereiche »Wie ist das so als Chef?« 4. Ermittlung des Objekterlebens »Beschreiben Sie mir doch einmal eine Ihnen wichtige Person.« 5. Therapiemotivation, Behandlungsvoraussetzung, Einsichtsfähigkeit. »Was glauben Sie, was könnte Ihnen helfen?« Basis des Interviewleitfadens und Zuordnungsgrundlage für die Auswertung Der folgende Text besteht aus Fragen, die unterschiedliche Aspekte im Rahmen der OPD erfassen. Diese Auswahl wurde aus der OPD zusammengeschrieben als Basis für den Interviewleitfaden. Dieser Text dient im Rahmen der Datenauswertung als Zuordnungsgrundlage, warum eine Aussage zum Beispiel den Schuldkonflikt betrifft etc. Achse II: Beziehungsepisoden Schilderungen von relevanten Interaktionen mit bedeutsamen anderen Menschen. ➢ Wer sind die wichtigsten Menschen in deinem Leben? Wer steht dir besonders nahe? ➢ Ich kann mir die Beziehung zu X noch nicht so richtig vorstellen. Magst du mir sie an einer konkreten Situation mit X deutlich machen? ➢ Wie ist es dir in diesem Moment gegangen, was hast du gefühlt und/ oder gedacht? ➢ Hast du den Eindruck, dass andere immer wieder ähnlich auf dich reagieren? Basis des Interviewleitfadens und Zuordnungsgrundlage für die Auswertung 293 Achse III: Konflikte K1: Individuation vs. Abhängigkeit ➔ existenzielle Bedeutung von Bindung und Beziehung ➢ Bist du jemand, der eher enge und nahe Beziehungen sucht, oder brauchst du eher Abstand und Unabhängigkeit? ➢ Kannst du gut allein sein? ➢ Oder fühlst du dich am wohlsten, wenn du immer mit anderen zusammen bist? ➢ Wie waren für dich die Veränderungen, die so der Lauf des Lebens mit sich bringt? (Auszug aus Elternhaus, Wohnortwechsel, Trennung vom Partner …) ➢ Kommt bei dir leicht ein Gefühl von Einsamkeit auf, wenn du allein bist? ➢ Aus deinen Schilderungen habe ich den Eindruck gewonnen, dass du jemand bist, dem es ganz wichtig ist, … (eng/nicht so eng) mit anderen zu sein. Ist das richtig so? K2: Unterwerfung und Kontrolle ➔ Dominanz-Unterordnung, Macht-Ohnmacht, Rigidität, Tradition, Regeln, Hierarchie, passiver Widerstand, Retentivität, Rechthaberei, Widerspruch, Trotz, Unterwürfigkeit, Nachgiebigkeit ➢ Wie wichtig sind dir Regeln und Ordnung im Leben? ➢ Gibst du im Kontakt, im Gespräch gern/ungern den Ton an? ➢ Wie gehst du mit Vorschriften und Anweisungen um? ➢ Hattest du im Leben schon öfters Probleme mit Autoritäten? ➢ Erlebst du immer wieder Meinungsverschiedenheiten mit anderen? ➢ Möchtest du Recht behalten bei Meinungsdivergenzen? ➢ Sagen dir andere, dass du nachgiebig bist oder unnachgiebig? K3: Versorgung vs. Autarkie ➔ Geborgenheit vs. Autarkie, übermäßiges Streben nach Versorgung, abgewehrte Versorgungswünsche und Enttäuschung ➢ Hast du oft das Gefühl, dass andere sich nicht ausreichend um dich kümmern? ➢ Kannst du um Hilfe bitten? Anhang 294 ➢ Wie geht es dir, wenn du anderen etwas abschlägst (Wunsch, Bitte)? ➢ Wünschst du dir mehr Unterstützung und Geborgenheit? ➢ Fällt es dir schwer, Menschen loszulassen? ➢ Bist du jemand, der vor allem viel für andere tut, für sich selbst aber nichts beansprucht? ➢ Wie gehst du damit um, wenn jemand etwas für dich tun will, beispielsweise für dich sorgen, dich bekochen …? K4: Selbstwert ➢ Fühlst du dich anderen Menschen gegenüber oft minderwertig und unterlegen? ➢ Gibt es oft Situationen/Gedanken/Gefühle, für die du dich schämst? ➢ Erlebst du häufig, dass andere Menschen dir besondere Bewunderung entgegenbringen? ➢ Wie fühlst du dich, wenn du im Mittelpunkt stehst? ➢ Gibt es etwas, was dich sehr verletzt und kränkt? K5: Schuldkonflikt ➢ Wenn jemand anderes dich beschuldigt, etwas falsch gemacht zu haben, wie geht es dir damit? ➢ Quälen dich oft Gedanken, dass du dich anderen gegenüber falsch verhalten hast oder dass andere dir gegenüber etwas falsch gemacht haben? K6: Ödipaler Konflikt ➢ Schildere mit bitte an Beispielen deine Beziehung zu Eltern, Geschwistern, Partner(in), Kollegen, Menschen um dich herum ➢ Wie stehst du zu deinem Körper, zu deiner Sexualität? ➢ Kommst du damit zurecht, kannst du sie genießen? K7: Identität – (Selbst-)Konflikte ➢ Kennst du das Gefühl, widersprüchliche Vorstellungen davon zu haben, welche Berufs- bzw. welche Lebensform zu dir passt? ➢ Erlebst du dich zwischen deiner Rolle als … und deiner Rolle als … förmlich zerrissen? Basis des Interviewleitfadens und Zuordnungsgrundlage für die Auswertung 295 1. Abgewehrte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung ➢ Hat dir jemand schon mal gesagt, du seist zu vernünftig und/ oder du würdest zu wenig Gefühl zeigen? ➢ Wunderst du dich manchmal, wie unvernünftig, heftig und emotional andere reagieren? ➢ Übernimmst du in vertrauten Beziehungen eher die vernünftige Seite und überlässt den anderen die emotionale Seite? 2. Aktualkonflikt ➢ Derzeit eine schwere Lebensbelastung? Achse IV: Struktur 1.1 Kognitive Fähigkeit: Selbstwahrnehmung ➢ Du hast schon einiges über dich erzählt, magst du dich noch einmal selbst beschreiben, was für ein Mensch du bist? 1.2 Kognitive Fähigkeit: Objektwahrnehmung ➢ Beschreibe mir Person X. Ich kann mir die eine Seite von X noch nicht so gut vorstellen. 2.1 Selbststeuerungsfähigkeit: Selbstregulierung ➢ Wie gehst du damit um, wenn du innerlich unter Druck gerätst? ➢ Kennst du das, dass deine Stimmung sich plötzlich ändert? ➢ Kannst du mir eine Situation beschreiben, in der du mit heftigen Gefühlen zu kämpfen hattest? Welche Gefühle waren das, und wie bist du damit umgegangen? ➢ Wie gehst du damit um, wenn dich jemand kränkt? 2.2 Selbststeuerungsfähigkeit: Regulierung des Objektbezugs ➢ Wie verhältst du dich bei einem Interessenkonflikt? ➢ Wie reagierst du, wenn du dich über jemanden sehr geärgert hast? ➢ Fällt es dir schwer, Kompromisse zu finden? 3.1 Emotionale Fähigkeit: Kommunikation nach innen ➢ Kannst du dich an deine Träume erinnern? ➢ Wie gut glaubst du, deine Bedürfnisse zu kennen? ➢ Fällt es dir leicht, herauszufinden, was in dir vorgeht? ➢ Dein Körper und dein Körperempfinden – spielt das für dich eine Rolle? Anhang 296 3.2 Emotionale Fähigkeit: Kommunikation nach außen ➢ Fällt es dir leicht, deine Gefühle zum Ausdruck zu bringen? ➢ Fällt es dir leicht, mit anderen in Kontakt zu kommen? ➢ Kannst du dir vorstellen, was ein anderer Mensch gerade fühlt? 4.1 Fähigkeit zur Bindung: Innere Objekte ➢ Wie gehst du mit einer für dich belastenden Situation um? ➢ Wenn du Probleme hast, was machst du da? Kannst du dir dann vergegenwärtigen, was an Trost eine nahestehende Person dir sagen würde? ➢ Hast du schon einmal festgestellt, dass in deinen Freundschaften immer wieder die gleichen Probleme auftreten? 4.2 Fähigkeit zur Bindung: Äußere Objekte ➢ Bist du jemand, der sich leicht binden kann? ➢ Wie erlebst du Trennungssituationen? ➢ Konntest du dich schon einmal nicht aus einer Beziehung lösen? ➢ Kannst du nahe Bindungen eingehen oder misslingt dir das immer wieder? ➢ Kannst du dich in schwierigen Situationen Hilfe suchend an andere wenden? ➢ Macht es dir Probleme, Unterstützung von anderen anzunehmen? Regieanweisung zur Interviewdurchführung (Hermanns 2008, S. 367f.) 1. Briefing a. Um was geht es? Worüber geht es im Interview, für welchen Zweck, was geschieht mit den Informationen, wer steht hinter der Sache. b. Wie geht es? Wer führt das Interview durch, wer ist beim Interview anwesend, wo findet es statt und wie lange dauert das Interview? 2. Gutes Klima a. Entspannt sein oder wenigstens so wirken, insbesondere bei Rekorderstart. Interviewleitfaden 297 b. Versuchen »Botschaft« des Gegenübers zu verstehen, er kommuniziert mehr als die »reine« Information. 3. Raum für das Gegenüber schaffen a. Nicht die eigene Position darstellen, auch nicht meine Übereinstimmung! Unabhängiges Interesse haben, egal, was geäußert wird. b. Nicht den anderen und sich schonen vor etwas, das peinlich sein könnte: Durch Haltung zeigen, dass Wahrheit ausgehalten wird. 4. Möglichkeiten zur Entwicklung geben a. Kurze leicht verständliche Fragen, die das Gegenüber zur weiteren Detailschilderung animieren. b. Forschungsfragen sind keine Interviewfragen! Nicht nach theoretischen Kategorien fragen. c. Meine Sprache sprechen, keine Milieusprache imitieren. Aber vom Gegenüber eingeführte konkrete Namen und Begriffe benutzen. 5. Lebenswelt meines Gesprächspartners entdecken Nicht im Interview theoretische Begriffe entdecken wollen, sondern die Lebenswelt des Gesprächspartners. a. Was ist SM? b. Was meinst du mit Beziehungsproblemen? → Begriffe, Vorgänge, Situationen erklären lassen Interviewleitfaden Bedanken für Teilnahme Bitte Handy aus: Problem von Störungen des Aufnahmegerätes. Daten werden anonymisiert, Interviews werden von mir ausgewertet. Auswertungen bzw. Auszüge der Interviews fließen dann in meine Doktorarbeit ein. Laut Prüfungsordnung muss die Arbeit veröffentlicht werden, das heißt auch die anonymisierten Daten dieses Interviews. Bist du damit einverstanden? Hintergrundsinformation: Studie über sexuellen Masochismus, die ich im Rahmen meiner Doktorarbeit durchführe an der Ludwig-Maximilians- Universität München, Schwerpunkt Tiefenpsychologie, Doktorvater Prof. Wolfgang Mertens. Anhang 298 Dauer des Interviews ca. 1½ bis 2 Stunden In diesem Interview allgemeine Fragen zur Person, zu Eltern, eventuellen Geschwistern, Partnerschaft, allgemein Beziehung zu anderen und zu SM Kurz zu meiner Person Zur Person ➢ Alter ➢ Familienstand ➢ Geschwister ➢ Beruf ➢ Partner ➢ Kinder ➢ Eltern ➢ Wer sind die wichtigsten Menschen in deinem Leben? Wer steht dir besonders nahe? ➢ Wem vertraust du? Auf wen kannst du dich verlassen? Bei wem kannst du dich ausweinen? Zur Familie ➢ Magst du mir bitte von deiner Familie erzählen? ➢ Verhältnis zu Eltern? ➢ Kannst du mir Ereignisse mit deinem Vater, deiner Mutter erzählen, sodass ich ein Bild von eurer Beziehung mir machen kann. ➢ Und wie ist es mit deinen Geschwistern? Wie sind sie? Wie verhaltet ihr euch so untereinander? Bezüglich Beziehungen ➢ Kommt bei dir leicht ein Gefühl von Einsamkeit auf, wenn du allein bist? ➢ Kontakt herstellen – fällt es dir leicht oder schwer, mit anderen in Kontakt zu kommen? ➢ Gefühle zu zeigen? – leicht oder schwer? ➢ Vorstellung Gefühle anderer – kannst du dir vorstellen, was ein anderer fühlt? Interviewleitfaden 299 ➢ Eher eng oder eher Abstand und Unabhängigkeit? ➢ Hast du den Eindruck, dass andere immer wieder ähnlich auf dich reagieren? ➢ Gesprächsführung – gibst du eher gern oder eher ungern den Ton an? ➢ Im Mittelpunkt stehen – wie fühlst du dich da? ➢ Meinungsverschiedenheiten – Umgang damit? ➢ Erlebst du immer wieder Meinungsverschiedenheiten mit anderen? ➢ Oft Gefühl von Minderwertigkeit und Unterlegenheit gegenüber anderen? ➢ Scham – gibt es oft Situationen/Gedanken/Gefühle, für die du dich schämst? ➢ Umgang mit Beschuldigungen einen Fehler gemacht zu haben? (Oft Gedanken, dass du dich falsch verhältst oder andere sich dir gegen- über falsch verhalten?) ➢ Bewunderung – erlebst du häufig, dass andere Menschen dir besondere Bewunderung entgegenbringen? ➢ Bei Interessenkonflikten – wie verhältst du dich da? ➢ Fällt es dir leicht oder eher schwer Kompromisse zu finden? ➢ Noch mal tiefer zu deiner Person: Bezüglich deiner Bedürfnisse – wie gut glaubst du, diese zu kennen? ➢ Fällt es dir leicht, herauszufinden, was in dir vorgeht? ➢ Bist du jemand, der vor allem viel für andere tut, für sich selbst aber nichts beansprucht? ➢ Wünscht du dir mehr Unterstützung und Geborgenheit? ➢ Wenn dich jemand versorgt, bekocht o. Ä. – wie geht es dir dabei? ➢ Wunsch oder Bitte jemand anderen abschlagen – wie geht es dir dabei? ➢ Regeln und Ordnungen, Vorschriften und Anweisungen – wie wichtig sind dir diese in deinem Leben und Umgang mit diesen? ➢ Wurdest du von deinen Eltern bestraft? Von beiden? Wie, wofür, wie ging es dir dabei? ➢ Probleme mit Autoritäten – häufiger schon im Leben? ➢ Hast du schlimme Erfahrungen erleben müssen? (Verluste, häufige Umzüge, Mobbing o. Ä.) – Wie gingst du mit diesen Situationen um? ➢ Wie waren für dich die Veränderungen, die so der Lauf des Lebens mit sich bringt? (Auszug aus Elternhaus, Wohnortwechsel, Trennung vom Partner …) ➢ Trennungssituationen – wie erlebst du diese? Anhang 300 ➢ Kannst du dir tröstende Worte von anderen vergegenwärtigen? Kannst du um Hilfe bitten? ➢ Zwischen Rollen zerrissen? Gefühl, widersprüchliche Vorstellungen davon zu haben, welche Berufs- bzw. welche Lebensform zu dir passt? ➢ Hast du oft das Gefühl, dass andere sich nicht ausreichend um dich kümmern? ➢ Gibt es etwas, was dich sehr verletzt und kränkt? ➢ Bei Kränkungen – Umgang damit? ➢ Stimmungsänderung – Kennst du das, dass sich deine Stimmung plötzlich ändert? ➢ Emotionen und Vernunft – sagen andere eher du bist zu vernünftig und würdest zu wenig Gefühl zeigen? ➢ Derzeit irgendwelche schweren belastenden Situationen? ➢ Irgendwelche psychischen oder physischen Beschwerden oder Erkrankungen? In Vergangenheit und/oder Gegenwart? (Sucht, Essstörungen …) ➢ Würdest du von dir sagen, dass du dich irgendwie selbst nicht so gut behandelst. Dass du dich selbst verletzt? (Nägelkauen, Schneiden, zu viel arbeiten …) ➢ Körper und Sexualität? – Wie stehst du zu deinem Körper? ➢ Dein Körper und dein Körperempfinden – ist das wichtig für dich? ➢ Kommst du damit zurecht, kannst du das genießen? Im Speziellen nun Sexualität ➢ Einstellung der Eltern über Sexualität – weißt du da was? ➢ Wie empfindest du deine eigene Sexualität? ➢ Wie bist du auf SM gekommen? ➢ Hast du eine persönliche Erklärung, dass du SM magst? ➢ Gibt es Kindheitserinnerungen? Gab es spezielle Spiele, die du mochtest? ➢ Wird nur SM praktiziert? ➢ Spielt Analsex eine Rolle? ➢ Was bedeutet SM für dich? ➢ Was bereitet dir genau Lust? ➢ Ist da auch ein Gefühl von Unlust? Interviewleitfaden 301 ➢ Noch andere Vorlieben? ➢ Welche Praktiken? Welche nicht? No Go? ➢ Gab es trotzdem schon Grenzüberschreitungen? Wenn ja, wie wurden diese erlebt? ➢ Kannst du mir die Gefühle beschreiben, warum gewisse Praktiken für dich so reizvoll sind? ➢ Welche Gefühle kann eine SM-Session bei dir auslösen? Magst du mir das einfach so mal beschreiben? ➢ Gab/gibt es Veränderungen bezüglich der Praktiken? Eine Reizschwellenerhöhung? ➢ Welchen Stellenwert hat Schmerz für dich bei SM? Ist Schmerz für dich Lust, was bedeutet Schmerz für Dich? ➢ Welchen Stellenwert hat Unterwerfung für dich bei SM? ➢ Ist das Erreichen eines Orgasmus an eine spezielle Sache geknüpft – bspw. Schmerz? ➢ Fantasien – Welche Fantasien beim Sex? (Mensch, kann ich gut leiden, ich muss es dem Dom recht machen, seht ihr, wie ich leide, Euch zeige ich es …?) ➢ Außerhalb der Sexualität: Würdest du dich als Mensch beschreiben, der sich auch im Alltag unterwirft und/oder Schmerzen aushält? Wie würdest du dich da beschreiben? ➢ Gerade in Beziehung? ➢ Was suchst du in einer Beziehung? Auch gefunden? ➢ Wie geht der Partner mit SM um? Weiß er es, mag er SM auch, oder wird nur Vanillasex praktiziert oder mal so und so? ➢ Wird SM überhaupt gelebt? ➢ Bist du zufrieden mit deiner Sexualität, so wie du lebst und liebst? Schluss Irgendetwas vergessen, was dir wichtig wäre, ist noch etwas offen, willst du noch etwas anmerken? Merci beaucoup! 302 Glossar BDSM Bondage Dominance Sadomasochism Dom Dominanter IP Interviewpartner Moralischer Masochismus Nicht-sexueller Masochismus/Psychischer Masochismus SM Sadomasochismus SMer/en Sadomasochist/en Sub Submissiver Vanillasex Sexualität ohne sadomasochistische oder fetischistische Praktiken/Blümchensex 303 Literatur Adler, H. (1994). Hörigkeit – eine neurotische Perversion. Psyche, 48 (9/10), 869–903. Albee, E. (2005). Wer hat Angst vor Virginia Woolf …? Ein Stück in drei Akten. (36. Aufl.). Frankfurt/Main: Fischer. Altmeyer, M. (2004). Narzißmus und Objekt. Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit. (2. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Rupprecht. Arbeitskreis OPD (2006). Operationalisierte psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung. Bern: Huber. Asch, S. (1988). The analytic concepts of masochism: a reevaluation. R. Glick & D. Meyers (Eds.). Masochism: current psychoanalytic perspectives. (S. 93–115). 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Ausgehend von Freuds Drei Abhandlungen stellt Quindeau die Grundlagen der psychoanalytischen Sexualtheorie dar und diskutiert folgende Fragen: Wie kommt die Lust in den Körper und was versteht man heute unter männlicher und weiblicher Sexualität? Ist die Unterscheidung von Hetero- und Homosexualität überhaupt sinnvoll? Wie kann in Therapien über Sexualität gesprochen werden und wie kann man sexuelle Störungen verstehen und behandeln? Das Buch vermittelt Grundlagenwissen und lädt dazu ein, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und sie in Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Theoriebestand zu konturieren. 2014 · ca. 140 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2155-7 Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Renate-Berenike Schmidt, Michael Schetsche (Hg.) Körperkontakt Interdisziplinäre Erkundungen – Berührungen zwischen den Körpern hingegen sind weder empirisch noch theoretisch von Interesse. Doch ohne die Berücksichtigung dieser grundlegenden Beziehungsform kann die soziale Entwicklung des Menschen nicht hinreichend verstanden werden. Daher ist eine Neuorientierung erforderlich, die Einsichten in geteilte Körperwirklichkeiten im interdisziplinären Diskurs verankert. Der vorliegende Band schließt eine Forschungslücke, indem er einen breiten, interdisziplinären Überblick zu einem bisher vernachlässigten Thema bietet. Dabei schließt er an Alltagssituationen an und zeigt verschiedenste, teilweise tabuisierte ethische Problemlagen bei Körperkontakten auf – etwa in pädagogischen oder medizinischen Situationen. Mit Beiträgen von Traute Becker, Ulrike Böhnke, Martin Grunwald, Sabine Huschka, Gudrun Lemke-Werner, Elke Mahnke, Tilmann Moser, Annette Probst, Matthias Riedel, Uwe Sielert, Gerd Stecklina, Christa Wanzeck- Sielert, Jeffrey Wimmer, Rainer Wollny 2012 · 335 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2119-9 Ist die menschliche Beziehung auf Basis von Berühren und Berührtwerden ein Auslaufmodell? Die aktuelle sozialwissenschaftliche Diskussion zum Thema »Körper« beschränkt sich häufig auf individuelle Ausdrucksformen und Befindlichkeiten Walltorstr. 10 · 35390 Gießen · Tel. 0641-969978-18 · Fax 0641-969978-19 bestellung@psychosozial-verlag.de · www.psychosozial-verlag.de Psychosozial-Verlag Wolfgang Berner Perversion Das Studium der Perversionen er- öffnete Freud tiefe Einsichten in die Funktionsweise von Sexualität und Erotik, die für seine Theoriebildung über die menschliche Psyche von entscheidender Bedeutung waren. Viele dieser Einsichten haben bis heute ihre Gültigkeit, viele wurden inzwischen ergänzt und differenziert. Heute wird der Begriff der Perversion im Kontext der Psychiatrie kaum mehr verwendet, sondern zunehmend durch die Bezeichnungen »Paraphilie« oder »Störung der Sexualpräferenz« ersetzt. Dennoch bezeichnen diese Termini keine identischen Phänomene, wie der Autor in der Auseinandersetzung mit den Gründen der Neudefinition anschaulich darlegt. Ein zentrales Anliegen des Bandes ist es, zu zeigen, dass und wie die klassische Psychoanalyse – etwa bei Fetischismus, Exhibitionismus oder Sadismus – hilfreich sein kann. Dabei werden die für eine Perversionstherapie notwendigen Parameter betrachtet und auch weitere mögliche Therapieformen vorgestellt. 2011 · 139 Seiten · Broschur ISBN 978-3-8379-2067-3 Cora C. Steinbach, Dr. phil., Dipl.-Psych., studierte BWL in Bamberg sowie Psychologie in Magdeburg und München. Sie arbeitet als Beraterin für Unternehmensführung und Marketing sowie als Business- und Personalcoach. Ihr Interesse gilt den grundlegenden Voraussetzungen eines gelingenden Lebens sowie der Analyse von Hindernissen, die dem im Wege stehen, und deren Auflösung. ,!7ID8D7-jchfgg! Steinbach: Masochismus – Die Lust an der www.psychosozial-verlag.de ISBN 978-3-8379-2756-6 M a s o c h is m u s – D ie L u s t a n d e r L a s t ? Masochismus – Die Lust an der Last? Über Alltagsmasochismus, Selbstsabotage und SM Um ein erfolgreiches Leben zu führen, gilt es, einen liebevollen Umgang mit sich selbst zu pflegen, befriedigende Beziehungen gestalten zu können und seine Fähigkeiten in förderliche Taten umzusetzen. Doch statt selbst-(wert-) dienlichem Denken und Handeln dominiert häufig ein negativer innerer Dialog, der nicht selten in selbstsabotierende Handlungen mündet – sei es im Hinblick auf die Gesundheit, die Partnerwahl oder den Beruf. Dies ist aber nur eine Ausprägung des von der Autorin analysierten facettenreichen Phänomens: Masochismus umfasst sowohl nicht-sexuelle als auch sexuelle Formen, die sich je unterschiedlich auf das Leben auswirken. Die vorliegende qualitative Studie nähert sich der Vielfalt an Masochismen mit folgenden Fragestellungen an: Woher kommt masochistisches Denken und Verhalten? Welche Lebensereignisse können zu einer sexuellen masochistischen Neigung beitragen? Wann wird Masochismus pathologisch? Mit welchen Hindernissen ist dann bei einer Therapie zu rechnen? »Diesem Buch ist ein großer Leserkreis zu wünschen, denn es bietet sowohl für Fachleute als auch für Laien sehr aufschlussreiche und zum Weiterdenken anregende Inhalte.« Prof. Dr. Wolfgang Mertens

Zusammenfassung

Um ein erfolgreiches Leben zu führen, gilt es, einen liebevollen Umgang mit sich selbst zu pflegen, befriedigende Beziehungen gestalten zu können und seine Fähigkeiten in förderliche Taten umzusetzen. Doch statt selbst-(wert-)dienlichem Denken und Handeln dominiert häufig ein negativer innerer Dialog, der nicht selten in selbstsabotierenden Handlungen mündet – sei es im Hinblick auf die Gesundheit, die Partnerwahl oder den Beruf. Dies ist aber nur eine Ausprägung des von der Autorin analysierten facettenreichen Phänomens: Masochismus umfasst sowohl sexuelle als auch nicht-sexuelle Formen, die sich je unterschiedlich auf das Leben auswirken.

Die vorliegende qualitative Studie nähert sich der Vielfalt an Masochismen mit folgenden Fragestellungen an: Woher kommt masochistisches Denken und Verhalten? Welche Lebensereignisse können zu einer sexuellen masochistischen Neigung beitragen? Wann wird Masochismus pathologisch? Mit welchen Hindernissen ist dann bei einer Therapie zu rechnen?

»Diesem Buch ist ein großer Leserkreis zu wünschen, denn es bietet sowohl für Fachleute als auch für Laien sehr aufschlussreiche und zum Weiterdenken anregende Inhalte.«

Prof. Dr. Wolfgang Mertens

References

Zusammenfassung

Um ein erfolgreiches Leben zu führen, gilt es, einen liebevollen Umgang mit sich selbst zu pflegen, befriedigende Beziehungen gestalten zu können und seine Fähigkeiten in förderliche Taten umzusetzen. Doch statt selbst-(wert-)dienlichem Denken und Handeln dominiert häufig ein negativer innerer Dialog, der nicht selten in selbstsabotierenden Handlungen mündet – sei es im Hinblick auf die Gesundheit, die Partnerwahl oder den Beruf. Dies ist aber nur eine Ausprägung des von der Autorin analysierten facettenreichen Phänomens: Masochismus umfasst sowohl sexuelle als auch nicht-sexuelle Formen, die sich je unterschiedlich auf das Leben auswirken.

Die vorliegende qualitative Studie nähert sich der Vielfalt an Masochismen mit folgenden Fragestellungen an: Woher kommt masochistisches Denken und Verhalten? Welche Lebensereignisse können zu einer sexuellen masochistischen Neigung beitragen? Wann wird Masochismus pathologisch? Mit welchen Hindernissen ist dann bei einer Therapie zu rechnen?

»Diesem Buch ist ein großer Leserkreis zu wünschen, denn es bietet sowohl für Fachleute als auch für Laien sehr aufschlussreiche und zum Weiterdenken anregende Inhalte.«

Prof. Dr. Wolfgang Mertens