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Bibliographic Information

Natali Helberger: Tim Torsten Schwithal (2012): Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk in Deutschland und in den Niederlanden. Edewecht: OlWIR, in: 
Medien & Kommunikationswissenschaft  (M&K)
JahrgangVolume 61 (2013), HeftIssue 4, S. P. 615--617
ISSN printISSN 1615-634x
ISSN onlineISSN online: 1615-634x
DOIDOI10.5771/1615-634x-2013-4-615
Nomos, Baden-Baden

Inhalt
Content

de – wann und warum partizipieren welche User wo? Bzw. viel eher: Unter welchen Bedingungen, bei welchen Themen und Ereignissen partizipieren sie? Und unter welchen Bedingungen auch nicht? – erfährt man leider wenig. Für wen ist das Buch also geeignet? Und für wen eher weniger? „Alten Hasen“ auf dem Gebiet der politischen Onlinekommunikation wird das Werk vermutlich nicht sehr viel Neues bieten, sondern dürfte eher aufgrund der gebündelten Darstellung unterschiedlicher Themen interessant sein. Einsteiger in die Materie finden im Sammelband hingegen eine thematisch breit aufgestellte Einführung in viele der relevanten Forschungsfelder zur Netzwelt. Christina Schumann Tim Torsten Schwithal Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk in Deutschland und in den Niederlanden Edewecht: OlWIR, 2012. – 554 S. (Schriften zum öffentlichen Recht; 3) ISBN 978-3-939704-72-0 (Zugl. Hochschulschrift: Oldenburg, Univ., Diss., 2012) Im Zeitalter digitaler Vielfalt ist das Interesse am Thema Vielfaltssicherung sicherlich nicht geringer geworden. Der heftig umstrittene Bericht der Hochrangigen Gruppe zur Freiheit und Vielfalt der Medien unter Vize-Präsidentin Neelie Kroes1 und die anschließenden Anhörungen zu diesem Bericht, aber auch zur Unabhängigkeit der für audiovisuelle Mediendienste zuständigen Regulierungsstellen2 sind nur zwei prominente Beispiele dafür, dass die Diskussion über Medienfreiheit und Medienvielfalt immer noch in vollem Gang ist und die Gemüter erhitzt. Auch die Ergebnisse des ebenfalls europäischen Forschungsprojekts zu Indikatoren für Medienpluralismus demonstrieren die Wichtigkeit eines nachhaltigen institutionellen Rahmens für Vielfaltssicherung.3 Ist dieses Interesse an Vielfalt in der (digitalen) Vielfalt paradox? In der Tat steht uns mit dem Internet, der Mobilkommunikation und App-Plattformen, aber auch dank der aktiven Einbindung von neuen Produzenten und Distributoren von Medieninhalten eine unüberschaubare neue Angebotsvielfalt zur Verfügung. Gerade unter diesen Umständen aber ist der Bedarf nach verlässlichen, nachhaltigen Institutionen, die uns auf unserer Suche nach qualitativen und relevanten Inhalten zur Seite stehen, umso größer. Dem öffentlichen Rundfunk kommt hier zweifellos eine zentrale Rolle zu. Insoweit erscheint Tim Schwithals Studie zur Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk im richtigen Moment. Das Buch will eine „Bestandsaufnahme der bestehenden Regelungsmechanismen, welche die Aufgabe und Verpflichtung des öffentlichen Rundfunks zur Sicherung der Meinungsvielfalt bestimmen“ bieten, und zwar im Rechtsvergleich mit den Niederlanden (s. 4-5). Der Autor begründet überzeugend, dass die Niederlande sich als Vergleichsland besonders gut eignen, weil beide Systeme auf ähnlichen Grundannahmen über die Rolle des öffentlichen Rundfunks in einer demokratischen Gesellschaft beruhen, und doch einige interessante Unterschiede aufweisen. Zu diesem Zweck beschreibt und vergleicht der Autor nicht nur die bestehenden mediengesetzlichen Regelungen, sondern auch den historischen, politischen und verfassungsrechtlichen Kontext, angefangen bei der Gründung des Rundfunks in beiden Ländern. Die Bestandsaufnahme ist ausgezeichnet gelungen. Das Buch beeindruckt durch eine sehr gründliche und gut recherchierte Beschreibung und den kritischen Vergleich beider Systeme. Die jeweilige Spiegelung der nationalen Situation an den europäischen Vorgaben ist ausgesprochen nützlich und verleiht der Betrachtung ein zusätzliches Element von Geschlossenheit. Ein- 1 Prof. Vaira V??e-Freiberga, Prof. Herta Däubler-Gmelin, Ben Hammersley, Prof. Luís Miguel Poiares Pessoa Maduro, Freie und pluralistische Medien als Rückhalt der europäischen Demokratie. Bericht der Hochrangigen Gruppe zur Freiheit und Vielfalt der Medien, Januar 2013, https://ec.europa.eu/digital-agenda/sites/digital-agenda/files/HLG%20report_de.pdf [28.08.2013]. 2 https://ec.europa.eu/digital-agenda/node/54482 [28.08.2013] und https://ec.europa.eu/digitalagenda/node/54484 [28.08.2013]. 3 ICRI, KU Leuven; Jönköping International Business School – MMTC; Central European University – CMCS; Ernst & Young Consultancy Belgium, Independent Study on Indicators for Media Pluralism in the Member States – Towards a Risk-Based Approach, July 2009, https:// ec.europa.eu/digital-agenda/sites/digital-agenda/files/final_report_09.pdf [28.08.2013]. Literatur · Besprechungen 615 drucksvoll ist auch die Literaturliste mit ihren 78 Seiten, die davon zeugt, dass die maßgeblichen Autoren in beiden Ländern ausgiebig studiert wurden. Ein Niederländer würde die Studie wegen ihrer Gründlichkeit und Ausführlichkeit wahrscheinlich und durchaus anerkennend als „sehr deutsch“ bezeichnen. Die Studie endet mit einigen abschließenden Betrachtungen und konkreten Vorschlägen für die zukünftige Diskussion zur Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk in Deutschland. Doch nicht nur die deutsche Diskussion kann von dem Buch profitieren, auch in den Niederlanden könnten die Ergebnisse – etwa die nicht unberechtigte Kritik an der eher mäßigen Staatsferne des niederländischen öffentlichen Rundfunksystems – für Anregungen sorgen. Aber das Buch will mehr: „Es soll [...] ermittelt werden, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Verpflichtung gerecht wird, die in der Gesellschaft bestehende Vielfalt zum Ausdruck zu bringen. Fraglich ist dabei, welche Maßnahmen gegebenenfalls ergriffen werden müssen, damit er dies auch unter veränderten Bedingungen gewährleisten kann“ (S. 4). Und damit wird sowohl auf die technischen und gesellschaftlichen wie auch auf die europäischen Veränderungen Bezug genommen. Der Autor zieht hierfür seine Erkenntnisse aus dem Vergleich beider Systeme heran, um so „die gefundenen Ergebnisse im Vergleich zu überprüfen und Strukturen zu hinterfragen“ und „unter Berücksichtigung kultureller Besonderheiten [...] Kritik zu fördern, Lösungsmöglichkeiten zu entdecken und das Recht fortzuentwickeln“ (S. 5). In der Tat steht der öffentliche Rundfunk gegenwärtig (wann nicht?) wieder einmal von allen Seiten unter dem Druck, sich und seine (zum Teil) öffentliche Finanzierung zu legitimieren. Die geänderten Mediennutzungsmuster (Stichworte: Suchmaschinen, Personalisierung, Apps, mobil, sozial, interaktiv, smart, Second Screen), neue Finanzierungsmechanismen (Stichworte: Targeted Advertising, Pay-per-View, Product Placement), neue Anbieter (YouTube, Soziale Medien, Suchmaschinen, Aggregatoren, Anbieter von Kommunikationsdiensten) und neue Reichweiten (die Welt?) werfen in der Tat die Frage auf, wie der öffentliche Rundfunk „die in der Gesellschaft bestehende Vielfalt zum Ausdruck“ bringen muss. Nur: Hilft uns ein Vergleich mit den Niederlanden, diese Frage zu beantworten? Spätestens an diesem Punkt beschleicht den besserinformierten Niederländer ein wehmütiges Gefühl: Die kürzlich beschlossenen Kürzungen im Budget der niederländischen Öffentlich-Rechtlichen von rund 128 Mio. Euro im Jahr 2015, die eingreifenden Maßnahmen zur Umstrukturierung4 aber vor allem der schockierende Mangel an Vision bieten wenig Grund zu Optimismus. Was im Rahmen dieser Buchbesprechung aber sicherlich noch stärker an dem gewählten Ansatz zweifeln lässt, ist, dass es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, die Herausforderungen des öffentlichen Rundfunks und ihre Folgen für das bestehende und zukünftige Recht zu analysieren, ohne diese angesprochenen Veränderungen im Verhältnis zum Rundfunk zu untersuchen. Schon der Begriff „Rundfunk“ wirkt eher einschränkend in diesem Zusammenhang. Welche Maßnahmen zu ergreifen sind, kann sich nicht aus einer eher abstrakten Untersuchung des bestehenden Rechtsrahmens ergeben. Sicherlich sind vereinzelt Verbesserungspunkte zu entdecken, und der Autor macht ein paar überzeugende Vorschläge, wie zum Beispiel die Einbindung von Experten in die Rundfunkaufsicht oder die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Fonds für Werbegelder sowie natürlich der allgegenwärtige Ruf nach mehr Transparenz. Aber im Lichte der derzeitigen Debatten über Pluralismus im Zeitalter des digitalen Mikropluralismus sowie die zukünftigen Möglichkeiten der öffentlich-rechtlichen Medien, verantwortungsbewußte und vielfältige Mediennutzung zu stimulieren, scheinen diese Vorschläge merkwürdig abstrakt, und vielleicht auch ein kleines bisschen weltfremd. Vielleicht ist diese Kritik aber auch Ausdruck von unterschiedlichen Auffassungen darüber, was Rechtswissenschaft heutzutage leisten kann und sollte, und inwieweit man dem klassischen, analytischen rechtstheoretischen Ansatz den Vorzug gibt oder eher eine empirische, multidisziplinäre Betrachtungsweise bevorzugt, die auch und vor allem nach Hinweisen auf die Folgen von Recht in der Praxis sucht. Zusammenfassend ist festzustellen, dass das Buch „Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk in Deutschland und in den Niederlanden“ einen ausgezeichneten Vergleich der rechtlichen und politischen Lage in Deutschland und den Niederlanden bietet und ein Standardwerk sein sollte für jeden, der sich in eines 4 Für eine Übersicht (auf Niederländisch) siehe die Website der Regierung zu dem Thema http:// www.rijksoverheid.nl/onderwerpen/media-en-publieke-omroep/hervorming-publieke-omroep [28.08.2013]. M&K 61. Jahrgang 4/2013 616 der beiden Systeme vertiefen möchte, rechtsvergleichend arbeiten will oder nach Anregungen für unterschiedliche Lösungsansätze sucht. Das Buch wird dem Leser kaum eine Antwort auf die Frage bieten, wie das bestehende System der Vielfaltssicherung an die geänderten digitalen Herausforderungen anzupassen ist. Aber dafür gibt es, und wird es, andere Bücher geben. Natali Helberger Birgit Stark / Melanie Magin / Olaf Jandura / Marcus Maurer (Hrsg.) Methodische Herausforderungen komparativer Forschungsansätze Köln: Halem, 2012. - 346 S. (Methoden und Forschungslogik der Kommunikationswissenschaft; 8) ISBN 978-3-86962-048-0 Alle empirische Forschung vergleicht. Gute Forschung macht ihre Vergleichskriterien explizit und reflektiert die Auswahl der Vergleichsobjekte und deren Äquivalenz. Komparative Forschung stellt diese Fragen in den Vordergrund. Sie zeichnet sich darüber hinaus durch eine spezifische Forschungslogik aus, die Frank Esser im Einführungsaufsatz zum Band „Methodische Herausforderungen komparativer Forschungsansätze“ wie folgt abgrenzt: Vergleichende Forschung ist eine Strategie zum Erkenntnisgewinn, die sich um eine grenzüberschreitende Reichweite ihrer Schlussfolgerungen bemüht und Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Vergleichsobjekte mit den Bedingungen der sich umgebenden Kontexte erklärt (20). Selbst wenn also nicht jede Forschung, die irgendwie vergleicht, in diesem Sinne komparative Forschung ist, so ist die Bandbreite der methodischen Fragen, die sich mit dem Vergleich verbinden, dennoch enorm groß. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch die Beiträge in dem hier zu rezensierenden Sammelband der Fachgruppe Methoden der DG- PuK sehr vielfältig sind. Die Herausgeber Birgit Stark, Melanie Magin, Olaf Jandura und Marcus Maurer konstatieren in ihrer Einführung, dass dem Forschungsfeld eine Systematisierung fehle und Definition und Gegenstand vergleichender Forschung nicht eindeutig geklärt seien. Der Band selbst beansprucht für sich aber nicht, dies zu ändern. Stattdessen wollen die Herausgeber zur Intensivierung der Debatte über Methodenfragen komparativer Forschung anregen (10). Zu diesem Ziel trägt der Band mit einer Reihe exzellenter Kapitel ohne Zweifel bei, die im Folgenden nur selektiv vorgestellt werden können. Insgesamt sind die Beiträge aber zu divers, um die methodischen Fragen komparativer Forschung wirklich systematisch aufzuarbeiten. Im einführenden Beitrag gelingt es Frank Esser in vorbildlich klarer Sprache, die Grundzüge komparativer Forschung darzustellen. Darauf folgt eine Meta-Analyse führender Fachzeitschriften, die den Status Quo des Forschungsfelds rekonstruiert. Birgit Stark und Melanie Magin zeichnen darin ein Bild vergleichender Forschung, die typischerweise aus dem Bereich Journalismus und politische Kommunikation kommt und in quantitativen Inhaltsanalysen, häufig zum Thema Framing, eine überschaubare Anzahl an westlichen Ländern (Median: 3) vergleicht. Die Texte von Jürgen Wilke / Christine Heimprecht und Ingrid-Paus-Hasebrink / Uwe Hasebrink bieten dann einen spannenden Blick hinter die Kulissen vergleichender Forschungsprojekte („Foreign News“; „EU-Kids online“), die nicht zentral von einem Ort aus, sondern kollaborativ an verschiedenen Standorten durchgeführt werden. Die Notwendigkeit intensiver, grenzüberschreitender Zusammenarbeit erweist sich als Fluch und Segen solcher Projekte. Pragmatische Überlegungen bestimmen die Länderauswahl in der Praxis manchmal stärker als theoretische Überlegungen zur Fallauswahl. Von einer erfolgreichen Kooperation hängt es ab, ob die Forschungsergebnisse aus verschiedenen Ländern am Ende vergleichbar sind und zum Beispiel ein grenzüberschreitender Reliabilitätstest bei einer Inhaltsanalyse zustande kommt. Während solche Defizite in Zeitschriftenaufsätzen gut versteckt werden, so ist es erfrischend, wenn sie einmal offen thematisiert werden. Das Kapitel von Martin Wettstein stellt die „Smallest Space Analysis“ vor. Dieses Instrument kann große vergleichende Inhaltsanalysen vorbereiten, da es in der Lage ist, aus extrem großen Textkorpora in beliebigen Sprachen Schlüsselbegriffe zu einem Themenfeld zu ermitteln und Cluster von Begriffen zu visualisieren. Interpretativ kann man aus diesen Begriffen auch schon auf Unterschiede der Debatten in verschiedenen Ländern schließen. Armin Scholls Text zur empirischen Befragung freier Journalisten ist nicht nur aus methodischer Perspektive interessant, sondern auch für die Debatte über eine notwendige Neudefinition von Journalismus: Scholl beschäftigt sich mit dem Problem, dass es beim zeitlichen Vergleich dazu kommen kann, dass sich der Gegenstand in einer Weise entwickelt, Literatur · Besprechungen 617