de – wann und warum partizipieren welche
User wo? Bzw. viel eher: Unter welchen Bedingungen, bei welchen Themen und Ereignissen partizipieren sie? Und unter welchen Bedingungen auch nicht? – erfährt man leider wenig.
Für wen ist das Buch also geeignet? Und für
wen eher weniger? „Alten Hasen“ auf dem Gebiet der politischen Onlinekommunikation
wird das Werk vermutlich nicht sehr viel Neues
bieten, sondern dürfte eher aufgrund der gebündelten Darstellung unterschiedlicher Themen interessant sein. Einsteiger in die Materie
finden im Sammelband hingegen eine thematisch breit aufgestellte Einführung in viele der
relevanten Forschungsfelder zur Netzwelt.
Christina Schumann
Tim Torsten Schwithal
Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk
in Deutschland und in den Niederlanden
Edewecht: OlWIR, 2012. – 554 S.
(Schriften zum öffentlichen Recht; 3)
ISBN 978-3-939704-72-0
(Zugl. Hochschulschrift: Oldenburg, Univ.,
Diss., 2012)
Im Zeitalter digitaler Vielfalt ist das Interesse
am Thema Vielfaltssicherung sicherlich nicht
geringer geworden. Der heftig umstrittene Bericht der Hochrangigen Gruppe zur Freiheit
und Vielfalt der Medien unter Vize-Präsidentin
Neelie Kroes1 und die anschließenden Anhörungen zu diesem Bericht, aber auch zur Unabhängigkeit der für audiovisuelle Mediendienste zuständigen Regulierungsstellen2 sind
nur zwei prominente Beispiele dafür, dass die
Diskussion über Medienfreiheit und Medienvielfalt immer noch in vollem Gang ist und die
Gemüter erhitzt. Auch die Ergebnisse des ebenfalls europäischen Forschungsprojekts zu Indikatoren für Medienpluralismus demonstrieren
die Wichtigkeit eines nachhaltigen institutionellen Rahmens für Vielfaltssicherung.3 Ist dieses Interesse an Vielfalt in der (digitalen) Vielfalt
paradox?
In der Tat steht uns mit dem Internet, der
Mobilkommunikation und App-Plattformen,
aber auch dank der aktiven Einbindung von
neuen Produzenten und Distributoren von Medieninhalten eine unüberschaubare neue Angebotsvielfalt zur Verfügung. Gerade unter diesen
Umständen aber ist der Bedarf nach verlässlichen, nachhaltigen Institutionen, die uns auf
unserer Suche nach qualitativen und relevanten
Inhalten zur Seite stehen, umso größer. Dem
öffentlichen Rundfunk kommt hier zweifellos
eine zentrale Rolle zu. Insoweit erscheint Tim
Schwithals Studie zur Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk im richtigen Moment.
Das Buch will eine „Bestandsaufnahme der
bestehenden Regelungsmechanismen, welche
die Aufgabe und Verpflichtung des öffentlichen
Rundfunks zur Sicherung der Meinungsvielfalt
bestimmen“ bieten, und zwar im Rechtsvergleich mit den Niederlanden (s. 4-5). Der Autor
begründet überzeugend, dass die Niederlande
sich als Vergleichsland besonders gut eignen,
weil beide Systeme auf ähnlichen Grundannahmen über die Rolle des öffentlichen Rundfunks
in einer demokratischen Gesellschaft beruhen,
und doch einige interessante Unterschiede aufweisen. Zu diesem Zweck beschreibt und vergleicht der Autor nicht nur die bestehenden
mediengesetzlichen Regelungen, sondern auch
den historischen, politischen und verfassungsrechtlichen Kontext, angefangen bei der Gründung des Rundfunks in beiden Ländern. Die
Bestandsaufnahme ist ausgezeichnet gelungen.
Das Buch beeindruckt durch eine sehr gründliche und gut recherchierte Beschreibung und
den kritischen Vergleich beider Systeme. Die
jeweilige Spiegelung der nationalen Situation an
den europäischen Vorgaben ist ausgesprochen
nützlich und verleiht der Betrachtung ein zusätzliches Element von Geschlossenheit. Ein-
1 Prof. Vaira V??e-Freiberga, Prof. Herta Däubler-Gmelin, Ben Hammersley, Prof. Luís Miguel
Poiares Pessoa Maduro, Freie und pluralistische Medien als Rückhalt der europäischen Demokratie. Bericht der Hochrangigen Gruppe zur Freiheit und Vielfalt der Medien, Januar 2013,
https://ec.europa.eu/digital-agenda/sites/digital-agenda/files/HLG%20report_de.pdf
[28.08.2013].
2 https://ec.europa.eu/digital-agenda/node/54482 [28.08.2013] und https://ec.europa.eu/digitalagenda/node/54484 [28.08.2013].
3 ICRI, KU Leuven; Jönköping International Business School – MMTC; Central European University – CMCS; Ernst & Young Consultancy Belgium, Independent Study on Indicators for
Media Pluralism in the Member States – Towards a Risk-Based Approach, July 2009, https://
ec.europa.eu/digital-agenda/sites/digital-agenda/files/final_report_09.pdf [28.08.2013].
Literatur · Besprechungen
615
drucksvoll ist auch die Literaturliste mit ihren
78 Seiten, die davon zeugt, dass die maßgeblichen Autoren in beiden Ländern ausgiebig studiert wurden. Ein Niederländer würde die Studie wegen ihrer Gründlichkeit und Ausführlichkeit wahrscheinlich und durchaus anerkennend als „sehr deutsch“ bezeichnen.
Die Studie endet mit einigen abschließenden
Betrachtungen und konkreten Vorschlägen für
die zukünftige Diskussion zur Vielfaltssicherung im öffentlichen Rundfunk in Deutschland.
Doch nicht nur die deutsche Diskussion kann
von dem Buch profitieren, auch in den Niederlanden könnten die Ergebnisse – etwa die nicht
unberechtigte Kritik an der eher mäßigen
Staatsferne des niederländischen öffentlichen
Rundfunksystems – für Anregungen sorgen.
Aber das Buch will mehr: „Es soll [...] ermittelt werden, wie der öffentlich-rechtliche
Rundfunk seiner Verpflichtung gerecht wird,
die in der Gesellschaft bestehende Vielfalt zum
Ausdruck zu bringen. Fraglich ist dabei, welche
Maßnahmen gegebenenfalls ergriffen werden
müssen, damit er dies auch unter veränderten
Bedingungen gewährleisten kann“ (S. 4). Und
damit wird sowohl auf die technischen und gesellschaftlichen wie auch auf die europäischen
Veränderungen Bezug genommen. Der Autor
zieht hierfür seine Erkenntnisse aus dem Vergleich beider Systeme heran, um so „die gefundenen Ergebnisse im Vergleich zu überprüfen
und Strukturen zu hinterfragen“ und „unter
Berücksichtigung kultureller Besonderheiten
[...] Kritik zu fördern, Lösungsmöglichkeiten
zu entdecken und das Recht fortzuentwickeln“ (S. 5). In der Tat steht der öffentliche
Rundfunk gegenwärtig (wann nicht?) wieder
einmal von allen Seiten unter dem Druck, sich
und seine (zum Teil) öffentliche Finanzierung
zu legitimieren. Die geänderten Mediennutzungsmuster (Stichworte: Suchmaschinen, Personalisierung, Apps, mobil, sozial, interaktiv,
smart, Second Screen), neue Finanzierungsmechanismen (Stichworte: Targeted Advertising,
Pay-per-View, Product Placement), neue Anbieter (YouTube, Soziale Medien, Suchmaschinen, Aggregatoren, Anbieter von Kommunikationsdiensten) und neue Reichweiten (die
Welt?) werfen in der Tat die Frage auf, wie der
öffentliche Rundfunk „die in der Gesellschaft
bestehende Vielfalt zum Ausdruck“ bringen
muss. Nur: Hilft uns ein Vergleich mit den Niederlanden, diese Frage zu beantworten?
Spätestens an diesem Punkt beschleicht den
besserinformierten Niederländer ein wehmütiges Gefühl: Die kürzlich beschlossenen Kürzungen im Budget der niederländischen Öffentlich-Rechtlichen von rund 128 Mio. Euro
im Jahr 2015, die eingreifenden Maßnahmen
zur Umstrukturierung4 aber vor allem der
schockierende Mangel an Vision bieten wenig
Grund zu Optimismus. Was im Rahmen dieser
Buchbesprechung aber sicherlich noch stärker
an dem gewählten Ansatz zweifeln lässt, ist,
dass es sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich ist, die Herausforderungen des öffentlichen Rundfunks und ihre Folgen für das bestehende und zukünftige Recht zu analysieren,
ohne diese angesprochenen Veränderungen im
Verhältnis zum Rundfunk zu untersuchen.
Schon der Begriff „Rundfunk“ wirkt eher einschränkend in diesem Zusammenhang. Welche
Maßnahmen zu ergreifen sind, kann sich nicht
aus einer eher abstrakten Untersuchung des bestehenden Rechtsrahmens ergeben. Sicherlich
sind vereinzelt Verbesserungspunkte zu entdecken, und der Autor macht ein paar überzeugende Vorschläge, wie zum Beispiel die Einbindung von Experten in die Rundfunkaufsicht
oder die Einrichtung eines öffentlich-rechtlichen Fonds für Werbegelder sowie natürlich
der allgegenwärtige Ruf nach mehr Transparenz. Aber im Lichte der derzeitigen Debatten
über Pluralismus im Zeitalter des digitalen Mikropluralismus sowie die zukünftigen Möglichkeiten der öffentlich-rechtlichen Medien,
verantwortungsbewußte und vielfältige Mediennutzung zu stimulieren, scheinen diese Vorschläge merkwürdig abstrakt, und vielleicht
auch ein kleines bisschen weltfremd. Vielleicht
ist diese Kritik aber auch Ausdruck von unterschiedlichen Auffassungen darüber, was
Rechtswissenschaft heutzutage leisten kann
und sollte, und inwieweit man dem klassischen,
analytischen rechtstheoretischen Ansatz den
Vorzug gibt oder eher eine empirische, multidisziplinäre Betrachtungsweise bevorzugt, die
auch und vor allem nach Hinweisen auf die Folgen von Recht in der Praxis sucht.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass das
Buch „Vielfaltssicherung im öffentlichen
Rundfunk in Deutschland und in den Niederlanden“ einen ausgezeichneten Vergleich der
rechtlichen und politischen Lage in Deutschland und den Niederlanden bietet und ein Standardwerk sein sollte für jeden, der sich in eines
4 Für eine Übersicht (auf Niederländisch) siehe die Website der Regierung zu dem Thema http://
www.rijksoverheid.nl/onderwerpen/media-en-publieke-omroep/hervorming-publieke-omroep [28.08.2013].
M&K 61. Jahrgang 4/2013
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der beiden Systeme vertiefen möchte, rechtsvergleichend arbeiten will oder nach Anregungen für unterschiedliche Lösungsansätze sucht.
Das Buch wird dem Leser kaum eine Antwort
auf die Frage bieten, wie das bestehende System
der Vielfaltssicherung an die geänderten digitalen Herausforderungen anzupassen ist. Aber
dafür gibt es, und wird es, andere Bücher geben.
Natali Helberger
Birgit Stark / Melanie Magin / Olaf Jandura /
Marcus Maurer (Hrsg.)
Methodische Herausforderungen
komparativer Forschungsansätze
Köln: Halem, 2012. - 346 S.
(Methoden und Forschungslogik der
Kommunikationswissenschaft; 8)
ISBN 978-3-86962-048-0
Alle empirische Forschung vergleicht. Gute
Forschung macht ihre Vergleichskriterien explizit und reflektiert die Auswahl der Vergleichsobjekte und deren Äquivalenz. Komparative Forschung stellt diese Fragen in den Vordergrund. Sie zeichnet sich darüber hinaus
durch eine spezifische Forschungslogik aus, die
Frank Esser im Einführungsaufsatz zum Band
„Methodische Herausforderungen komparativer Forschungsansätze“ wie folgt abgrenzt:
Vergleichende Forschung ist eine Strategie zum
Erkenntnisgewinn, die sich um eine grenzüberschreitende Reichweite ihrer Schlussfolgerungen bemüht und Unterschiede und Gemeinsamkeiten ihrer Vergleichsobjekte mit den Bedingungen der sich umgebenden Kontexte erklärt (20).
Selbst wenn also nicht jede Forschung, die
irgendwie vergleicht, in diesem Sinne komparative Forschung ist, so ist die Bandbreite der
methodischen Fragen, die sich mit dem Vergleich verbinden, dennoch enorm groß. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch die
Beiträge in dem hier zu rezensierenden Sammelband der Fachgruppe Methoden der DG-
PuK sehr vielfältig sind. Die Herausgeber Birgit
Stark, Melanie Magin, Olaf Jandura und Marcus
Maurer konstatieren in ihrer Einführung, dass
dem Forschungsfeld eine Systematisierung fehle und Definition und Gegenstand vergleichender Forschung nicht eindeutig geklärt seien.
Der Band selbst beansprucht für sich aber nicht,
dies zu ändern. Stattdessen wollen die Herausgeber zur Intensivierung der Debatte über Methodenfragen komparativer Forschung anregen
(10). Zu diesem Ziel trägt der Band mit einer
Reihe exzellenter Kapitel ohne Zweifel bei, die
im Folgenden nur selektiv vorgestellt werden
können. Insgesamt sind die Beiträge aber zu divers, um die methodischen Fragen komparativer Forschung wirklich systematisch aufzuarbeiten.
Im einführenden Beitrag gelingt es Frank Esser in vorbildlich klarer Sprache, die Grundzüge komparativer Forschung darzustellen. Darauf folgt eine Meta-Analyse führender Fachzeitschriften, die den Status Quo des Forschungsfelds rekonstruiert. Birgit Stark und
Melanie Magin zeichnen darin ein Bild vergleichender Forschung, die typischerweise aus dem
Bereich Journalismus und politische Kommunikation kommt und in quantitativen Inhaltsanalysen, häufig zum Thema Framing, eine
überschaubare Anzahl an westlichen Ländern
(Median: 3) vergleicht.
Die Texte von Jürgen Wilke / Christine
Heimprecht und Ingrid-Paus-Hasebrink / Uwe
Hasebrink bieten dann einen spannenden Blick
hinter die Kulissen vergleichender Forschungsprojekte („Foreign News“; „EU-Kids online“),
die nicht zentral von einem Ort aus, sondern
kollaborativ an verschiedenen Standorten
durchgeführt werden. Die Notwendigkeit intensiver, grenzüberschreitender Zusammenarbeit erweist sich als Fluch und Segen solcher
Projekte. Pragmatische Überlegungen bestimmen die Länderauswahl in der Praxis manchmal
stärker als theoretische Überlegungen zur Fallauswahl. Von einer erfolgreichen Kooperation
hängt es ab, ob die Forschungsergebnisse aus
verschiedenen Ländern am Ende vergleichbar
sind und zum Beispiel ein grenzüberschreitender Reliabilitätstest bei einer Inhaltsanalyse zustande kommt. Während solche Defizite in
Zeitschriftenaufsätzen gut versteckt werden, so
ist es erfrischend, wenn sie einmal offen thematisiert werden.
Das Kapitel von Martin Wettstein stellt die
„Smallest Space Analysis“ vor. Dieses Instrument kann große vergleichende Inhaltsanalysen
vorbereiten, da es in der Lage ist, aus extrem
großen Textkorpora in beliebigen Sprachen
Schlüsselbegriffe zu einem Themenfeld zu ermitteln und Cluster von Begriffen zu visualisieren. Interpretativ kann man aus diesen Begriffen auch schon auf Unterschiede der Debatten in verschiedenen Ländern schließen.
Armin Scholls Text zur empirischen Befragung freier Journalisten ist nicht nur aus methodischer Perspektive interessant, sondern
auch für die Debatte über eine notwendige
Neudefinition von Journalismus: Scholl beschäftigt sich mit dem Problem, dass es beim
zeitlichen Vergleich dazu kommen kann, dass
sich der Gegenstand in einer Weise entwickelt,
Literatur · Besprechungen
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